#15 Herzog Wilhelm in Jülich episode artwork

EPISODE · Jul 7, 2021 · 8 MIN

#15 Herzog Wilhelm in Jülich

from Der Wandel entlang des RurUfer-Radwegs · host RurUfer-Radweg

Nach gut 400 Jahren kann ich mich in meiner Residenzstadt Jülich immer noch zu Hause fühlen. "Ich darf mich kurz vorstellen: Wilhelm V., Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Graf von der Mark und Ravensberg und Herr von Ravenstein – um nur einige meiner wichtigsten Titel zu nennen. Nach meinem Tod 1592 nannte man mich übrigens auch „der Reiche“. Bereits im Jahr 1538 wollte ich die strategisch bedeutende, an dem Fluss Rur liegende Stadt Jülich, zu einer starken Festung ausbauen. Denn die mittelalterliche Stadtmauer, von der noch der Hexenturm am westlichen Ende der Innenstadt kündet, war spätestens seit dem frühen 16. Jahrhundert nicht mehr zur Verteidigung gegen die nun schwere Artillerie mit ihren großen Geschützen geeignet. Ich hatte gerade mit dem in den Niederlanden tätigen Architekten Alessandro Pasqualini aus Bologna Kontakt aufnehmen lassen, als die Stadt Jülich Pfingsten 1547 zu einem großen Teil ein Raub der Flammen wurde. Für den tüchtige Pasqualini aber tatsächlich eine glückliche Fügung, denn so konnte er durch diese Zerstörung Jülich nun völlig neugestalten. Er entwarf neben der Zitadelle mit dem Residenzschloss auch gleich eine fünfeckige Stadtbefestigung und eine innerstädtische Bebauung auf einem weitgehend neuen Grundriss. Im Zentrum der neuen Stadt plante er einen großen Platz – den heutigen Marktplatz -, der den Soldaten der Festung zugleich als Aufmarschplatz dienen sollte. Von hier aus konnte man auch in allen Himmelsrichtungen auf die Festungswälle blicken, welche die Stadt vollständig umgab. Die Straßen legte der findige Architekt so breit an, dass Truppen schnell und einfach von einem Ende der Festung zum anderen gelangen konnten. Die zweigeschossigen Häuser mussten weitgehend aus Stein errichtet werde, damit es nicht noch einmal zu so einem verheerenden Brand kommen konnte. Zudem sollten die Dachtraufen parallel zur Straße und die Häuser keinerlei Vor- und Rücksprünge aufzeigen. Denn niemand sollte in den Straßen Deckung finden können. Und von der neuen Zitadelle aus, konnte schließlich die gesamte Stadt überwacht werden. Nicht, dass ich meinen Untertanen nicht traute, aber die Sicherheit ging vor. Zudem unterstrich die mächtige Zitadelle mit ihren Wällen und Bastionen meine herausgehobene Stellung im Staat. Nachdem mein Sohn, Herzog Johann Wilhelm I., aber im Jahr 1609 gestorben war, ohne einen Nachkommen gezeugt zu haben, brach ein heftiger Streit um die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg aus. Zwei Mal wurde die Festung Jülich belagert und eingenommen. So kam es, dass sämtlicher höfischer Glanz aus Jülich verschwand und hier von nun an für mehr als drei Jahrhunderte das Militär das Sagen hatte. Die Festung wurde immer weiter ausgebaut, um eine Antwort auf die sich stetig verbessernde Waffentechnik zu finden. Zahlreiche Vorwerke entstanden und um 1800 bauten die Franzosen auf der linken Rurseite sogar ein völlig neues Festungswerk, den Brückenkopf, zur Sicherung des Rurübergangs. Nach 1815 steckten die Preußen dann noch einmal viel Geld in die Festung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Festung Jülich jedoch die besten Zeiten hinter sich. Deshalb beschloss man 1859, den Festungsstatus von Jülich aufzuheben. Die Stadtbefestigung wurde weitgehend geschleift. Zitadelle und Brückenkopf blieben aber bestehen, da man sie als Übungsgelände für eine Unteroffizierschule nutzte. Die innerstädtische Bebauung aber behielt die Grundstruktur des 16. Jahrhunderts. In den 1930er Jahren wurde dann eine umfassende Sanierung der Innenstadt geplant. Der Aachener Professor für Städtebau, René von Schöfer, hatte erkannt, was meinem Architekten Pasqualini mit der idealen Stadtanlage des 16. Jahrhunderts für ein herausragender Entwurf gelungen war. [...] Infos und Tipps für Deine individuelle Tour auf dem RurUfer-Radweg findest Du auf www.rurufer-radweg.de

Nach gut 400 Jahren kann ich mich in meiner Residenzstadt Jülich immer noch zu Hause fühlen. "Ich darf mich kurz vorstellen: Wilhelm V., Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Graf von der Mark und Ravensberg und Herr von Ravenstein – um nur einige meiner wichtigsten Titel zu nennen. Nach meinem Tod 1592 nannte man mich übrigens auch „der Reiche“. Bereits im Jahr 1538 wollte ich die strategisch bedeutende, an dem Fluss Rur liegende Stadt Jülich, zu einer starken Festung ausbauen. Denn die mittelalterliche Stadtmauer, von der noch der Hexenturm am westlichen Ende der Innenstadt kündet, war spätestens seit dem frühen 16. Jahrhundert nicht mehr zur Verteidigung gegen die nun schwere Artillerie mit ihren großen Geschützen geeignet. Ich hatte gerade mit dem in den Niederlanden tätigen Architekten Alessandro Pasqualini aus Bologna Kontakt aufnehmen lassen, als die Stadt Jülich Pfingsten 1547 zu einem großen Teil ein Raub der Flammen wurde. Für den tüchtige Pasqualini aber tatsächlich eine glückliche Fügung, denn so konnte er durch diese Zerstörung Jülich nun völlig neugestalten. Er entwarf neben der Zitadelle mit dem Residenzschloss auch gleich eine fünfeckige Stadtbefestigung und eine innerstädtische Bebauung auf einem weitgehend neuen Grundriss. Im Zentrum der neuen Stadt plante er einen großen Platz – den heutigen Marktplatz -, der den Soldaten der Festung zugleich als Aufmarschplatz dienen sollte. Von hier aus konnte man auch in allen Himmelsrichtungen auf die Festungswälle blicken, welche die Stadt vollständig umgab. Die Straßen legte der findige Architekt so breit an, dass Truppen schnell und einfach von einem Ende der Festung zum anderen gelangen konnten. Die zweigeschossigen Häuser mussten weitgehend aus Stein errichtet werde, damit es nicht noch einmal zu so einem verheerenden Brand kommen konnte. Zudem sollten die Dachtraufen parallel zur Straße und die Häuser keinerlei Vor- und Rücksprünge aufzeigen. Denn niemand sollte in den Straßen Deckung finden können. Und von der neuen Zitadelle aus, konnte schließlich die gesamte Stadt überwacht werden. Nicht, dass ich meinen Untertanen nicht traute, aber die Sicherheit ging vor. Zudem unterstrich die mächtige Zitadelle mit ihren Wällen und Bastionen meine herausgehobene Stellung im Staat. Nachdem mein Sohn, Herzog Johann Wilhelm I., aber im Jahr 1609 gestorben war, ohne einen Nachkommen gezeugt zu haben, brach ein heftiger Streit um die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg aus. Zwei Mal wurde die Festung Jülich belagert und eingenommen. So kam es, dass sämtlicher höfischer Glanz aus Jülich verschwand und hier von nun an für mehr als drei Jahrhunderte das Militär das Sagen hatte. Die Festung wurde immer weiter ausgebaut, um eine Antwort auf die sich stetig verbessernde Waffentechnik zu finden. Zahlreiche Vorwerke entstanden und um 1800 bauten die Franzosen auf der linken Rurseite sogar ein völlig neues Festungswerk, den Brückenkopf, zur Sicherung des Rurübergangs. Nach 1815 steckten die Preußen dann noch einmal viel Geld in die Festung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Festung Jülich jedoch die besten Zeiten hinter sich. Deshalb beschloss man 1859, den Festungsstatus von Jülich aufzuheben. Die Stadtbefestigung wurde weitgehend geschleift. Zitadelle und Brückenkopf blieben aber bestehen, da man sie als Übungsgelände für eine Unteroffizierschule nutzte. Die innerstädtische Bebauung aber behielt die Grundstruktur des 16. Jahrhunderts. In den 1930er Jahren wurde dann eine umfassende Sanierung der Innenstadt geplant. Der Aachener Professor für Städtebau, René von Schöfer, hatte erkannt, was meinem Architekten Pasqualini mit der idealen Stadtanlage des 16. Jahrhunderts für ein herausragender Entwurf gelungen war. [...] Infos und Tipps für Deine individuelle Tour auf dem RurUfer-Radweg findest Du auf www.rurufer-radweg.de

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This episode was published on July 7, 2021.

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