EPISODE · May 19, 2026 · 19 MIN
Episode 17 | Der Mythos des Multitasking
from Die Wissensarchitekten: Weisheit gestalten im Informationszeitalter · host ElysFlow
Episoden-ZusammenfassungGenau jetzt, während du das hier liest, machst du wahrscheinlich nicht nur eine Sache. Ein Dokument ist offen. In einem anderen Tab pulsiert ein Chat-Fenster. Eine E-Mail-Vorschau schiebt sich am Bildschirmrand vorbei. Eine Kalender-Erinnerung wartet zehn Minuten weiter. Es fühlt sich an, als liefen mehrere Aufgaben gleichzeitig. Die Wissenschaft zeigt ein schärferes Bild: Der Bildschirm macht Multitasking, deine Aufmerksamkeit wechselt. Und jeder Wechsel hat einen Preis.In dieser Episode untersuchen wir die Kosten, den Aufgabenzustand zu wechseln. Gestützt auf Harold Pashlers Forschung zum zentralen Engpass, Stephen Monsells Arbeit zu Wechselkosten, Gloria Marks zwei Jahrzehnten Arbeitsplatzbeobachtung und Sophie Leroys Entdeckung des "Attention Residue" zeigen wir, warum "schnelle Blicke" selten schnell sind, warum die berühmte "23 Minuten"-Erholungszahl eine genauere Erzählung verdient und warum Benachrichtigungen sich weniger wie Information verhalten und mehr wie Aufgabeneinladungen. Es geht nicht darum, dass Menschen kein Multitasking könnten. Es geht darum, dass anspruchsvolle geistige Aufgaben in der Regel um dieselbe Maschinerie konkurrieren, und die Kosten des Wechselns nicht nur verlorene Zeit bedeuten. Es ist verlorener Aufgabenzustand.Behandelte KernthemenDrei Verhaltensweisen unter einem Wort: echte Parallelausführung, schnelles Aufgabenwechseln und Hintergrund-AufgabensteuerungPashlers "psychological refractory period": der zentrale Engpass bei der AntwortauswahlWickens' Multiple-Resource-Theorie: warum manche Aufgabenpaare stärker stören als andereDer "problem state bottleneck" (Borst, Taatgen, van Rijn): Wechseln stört die lebendige "Wo bin ich gerade"-RepräsentationWechselkosten im Detail: switch cost, preparation effect, residual cost, mixing cost (Monsell, 2003)Zielwechsel und Regelaktivierung als trennbare exekutive Operationen (Rubinstein, Meyer, Evans)Memory for Goals (Altmann, Trafton): pausierte Ziele zerfallen, Hinweisreize aus der Umgebung helfen bei der ReaktivierungAttention Residue (Leroy): Gedanken an Aufgabe A drängen sich in Aufgabe BDie korrigierte "23 Minuten"-Aussage: die publizierte Zahl ist 25 Minuten 26 Sekunden, mit 2,26 dazwischenliegenden ArbeitssphärenSelbstunterbrechung ist strukturell, nicht nur Willenskraft: 18 Prozent aller Wechsel, 64 Prozent Anstieg in GroßraumbürosDie gemischte Forschungslage zum Medien-Multitasking: von Ophir, Nass, Wagner bis zu jüngeren Meta-AnalysenBenachrichtigungen verhalten sich wie Aufgabeneinladungen, selbst wenn sie ignoriert werdenAusnahmen: Automatizität, konfliktarme Aufgabenpaare und die seltenen 2,5 Prozent "Supertasker"Praktische Quintessenz: schütze den Aufgabenzustand, nicht nur die ZeitErwähnte Forscherinnen und ForscherHarold Pashler (UC San Diego) : Dual-Task-Interferenz und der zentrale Engpass bei der AntwortauswahlChristopher Wickens (Colorado State University) : Multiple-Resource-Theorie der Aufmerksamkeit und kognitiven BelastungStephen Monsell (University of Exeter) : Grundlegende Forschung zum Aufgabenwechsel und die vier zentralen PhänomeneDavid E. Meyer (University of Michigan) : Exekutive Kontrolle beim Aufgabenwechsel, die Schätzung "bis zu 40 Prozent"Joshua Rubinstein und Jeffrey Evans (zusammen mit Meyer) : Zielwechsel und Regelaktivierung in der exekutiven KontrolleNiels Taatgen, Jelmer Borst, Hedderik van Rijn : Der "problem state bottleneck" beim MultitaskingErik Altmann (Michigan State) und J. Gregory Trafton (US Naval Research Lab) : Memory for Goals und Wiederaufnahme nach UnterbrechungenBrian P. Bailey und Shamsi Iqbal : Unterbrechungs-Timing, Aufgabengrenzen und aufmerksamkeitssensitive SystemeSophie Leroy (University of Washington) : Attention Residue und der "ready to resume"-PlanGloria Mark (UC Irvine) : Arbeitsplatzfragmentierung, Arbeitssphären und digitale AufmerksamkeitVictor M. Gonzalez (zusammen mit Mark) : Arbeitssphären in der WissensarbeitLaura Dabbish (Carnegie Mellon) : Selbstunterbrechung in beobachteter WissensarbeitEyal Ophir, Clifford Nass, Anthony Wagner (Stanford) : Die Originalstudie "cognitive control in media multitaskers"Wisnu Wiradhany und Mark Nieuwenstein : Replikation und Meta-Analyse als Mahnung zur Vorsicht beim Medien-MultitaskingMelina Uncapher (UCSF) : Kognitive und neuronale Profile von Medien-MultitaskingJason Watson und David Strayer (University of Utah) : Forschung zu Ablenkung beim Fahren und Entdeckung der "Supertasker"Walter Schneider und Richard Shiffrin : Kontrollierte versus automatische VerarbeitungDario Salvucci und Niels Taatgen : Threaded Cognition und das Multitasking-KontinuumWichtige Studien und QuellenPashler, H. (1994). "Dual task interference in simple tasks: Data and theory." Psychological Bulletin, 116(2), 220 bis 244.Rogers, R.D. und Monsell, S. (1995). "Costs of a predictable switch between simple cognitive tasks." Journal of Experimental Psychology: General, 124(2), 207 bis 231.Monsell, S. (2003). "Task switching." Trends in Cognitive Sciences, 7(3), 134 bis 140.Rubinstein, J.S., Meyer, D.E., und Evans, J.E. (2001). "Executive control of cognitive processes in task switching." Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 27(4), 763 bis 797.Altmann, E.M. und Trafton, J.G. (2002). "Memory for goals: An activation based model." Cognitive Science, 26(1), 39 bis 83.Altmann, E.M., Trafton, J.G., und Hambrick, D.Z. (2014). "Momentary interruptions can derail the train of thought." Journal of Experimental Psychology: General, 143(1), 215 bis 226.Leroy, S. (2009). "Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks." Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168 bis 181.Mark, G., Gonzalez, V.M., und Harris, J. (2005). "No task left behind? Examining the nature of fragmented work." Proceedings of CHI 2005, 321 bis 330.Mark, G., Gudith, D., und Klocke, U. (2008). "The cost of interrupted work: More speed and stress." Proceedings of CHI 2008.Dabbish, L., Mark, G., und Gonzalez, V.M. (2011). "Why do I keep interrupting myself? Environment, habit and self interruption." Proceedings of CHI 2011, 3127 bis 3130.Mark, G. (2023). Attention Span: A Groundbreaking Way to Restore Balance, Happiness and Productivity. Hanover Square Press.Ophir, E., Nass, C., und Wagner, A.D. (2009). "Cognitive control in media multitaskers." PNAS, 106(37), 15583 bis 15587.Watson, J.M. und Strayer, D.L. (2010). "Supertaskers: Profiles in extraordinary multitasking ability." Psychonomic Bulletin and Review, 17(4), 479 bis 485.Wichtige Zahlen zum Merken47 Sekunden : durchschnittliche Bildschirmfokus-Dauer in Marks späteren Scr...
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Episoden-ZusammenfassungGenau jetzt, während du das hier liest, machst du wahrscheinlich nicht nur eine Sache. Ein Dokument ist offen. In einem anderen Tab pulsiert ein Chat-Fenster. Eine E-Mail-Vorschau schiebt sich am Bildschirmrand vorbei. Eine Kalender-Erinnerung wartet zehn Minuten weiter. Es fühlt sich an, als liefen mehrere Aufgaben gleichzeitig. Die Wissenschaft zeigt ein schärferes Bild: Der Bildschirm macht Multitasking, deine Aufmerksamkeit wechselt. Und jeder Wechsel hat einen Preis.In dieser Episode untersuchen wir die Kosten, den Aufgabenzustand zu wechseln. Gestützt auf Harold Pashlers Forschung zum zentralen Engpass, Stephen Monsells Arbeit zu Wechselkosten, Gloria Marks zwei Jahrzehnten Arbeitsplatzbeobachtung und Sophie Leroys Entdeckung des "Attention Residue" zeigen wir, warum "schnelle Blicke" selten schnell sind, warum die berühmte "23 Minuten"-Erholungszahl eine genauere Erzählung verdient und warum Benachrichtigungen sich weniger wie Information verhalten und mehr wie Aufgabeneinladungen. Es geht nicht darum, dass Menschen kein Multitasking könnten. Es geht darum, dass anspruchsvolle geistige Aufgaben in der Regel um dieselbe Maschinerie konkurrieren, und die Kosten des Wechselns nicht nur verlorene Zeit bedeuten. Es ist verlorener Aufgabenzustand.Behandelte KernthemenDrei Verhaltensweisen unter einem Wort: echte Parallelausführung, schnelles Aufgabenwechseln und Hintergrund-AufgabensteuerungPashlers "psychological refractory period": der zentrale Engpass bei der AntwortauswahlWickens' Multiple-Resource-Theorie: warum manche Aufgabenpaare stärker stören als andereDer "problem state bottleneck" (Borst, Taatgen, van Rijn): Wechseln stört die lebendige "Wo bin ich gerade"-RepräsentationWechselkosten im Detail: switch cost, preparation effect, residual cost, mixing cost (Monsell, 2003)Zielwechsel und Regelaktivierung als trennbare exekutive Operationen (Rubinstein, Meyer, Evans)Memory for Goals (Altmann, Trafton): pausierte Ziele zerfallen, Hinweisreize aus der Umgebung helfen bei der ReaktivierungAttention Residue (Leroy): Gedanken an Aufgabe A drängen sich in Aufgabe BDie korrigierte "23 Minuten"-Aussage: die publizierte Zahl ist 25 Minuten 26 Sekunden, mit 2,26 dazwischenliegenden ArbeitssphärenSelbstunterbrechung ist strukturell, nicht nur Willenskraft: 18 Prozent aller Wechsel, 64 Prozent Anstieg in GroßraumbürosDie gemischte Forschungslage zum Medien-Multitasking: von Ophir, Nass, Wagner bis zu jüngeren Meta-AnalysenBenachrichtigungen verhalten sich wie Aufgabeneinladungen, selbst wenn sie ignoriert werdenAusnahmen: Automatizität, konfliktarme Aufgabenpaare und die seltenen 2,5 Prozent "Supertasker"Praktische Quintessenz: schütze den Aufgabenzustand, nicht nur die ZeitErwähnte Forscherinnen und ForscherHarold Pashler (UC San Diego) : Dual-Task-Interferenz und der zentrale Engpass bei der AntwortauswahlChristopher Wickens (Colorado State University) : Multiple-Resource-Theorie der Aufmerksamkeit und kognitiven BelastungStephen Monsell (University of Exeter) : Grundlegende Forschung zum Aufgabenwechsel und die vier zentralen PhänomeneDavid E. Meyer (University of Michigan) : Exekutive Kontrolle beim Aufgabenwechsel, die Schätzung "bis zu 40 Prozent"Joshua Rubinstein und Jeffrey Evans (zusammen mit Meyer) : Zielwechsel und Regelaktivierung in der exekutiven KontrolleNiels Taatgen, Jelmer Borst, Hedderik van Rijn : Der "problem state bottleneck" beim MultitaskingErik Altmann (Michigan State) und J. Gregory Trafton (US Naval Research Lab) : Memory for Goals und Wiederaufnahme nach UnterbrechungenBrian P. Bailey und Shamsi Iqbal : Unterbrechungs-Timing, Aufgabengrenzen und aufmerksamkeitssensitive SystemeSophie Leroy (University of Washington) : Attention Residue und der "ready to resume"-PlanGloria Mark (UC Irvine) : Arbeitsplatzfragmentierung, Arbeitssphären und digitale AufmerksamkeitVictor M. Gonzalez (zusammen mit Mark) : Arbeitssphären in der WissensarbeitLaura Dabbish (Carnegie Mellon) : Selbstunterbrechung in beobachteter WissensarbeitEyal Ophir, Clifford Nass, Anthony Wagner (Stanford) : Die Originalstudie "cognitive control in media multitaskers"Wisnu Wiradhany und Mark Nieuwenstein : Replikation und Meta-Analyse als Mahnung zur Vorsicht beim Medien-MultitaskingMelina Uncapher (UCSF) : Kognitive und neuronale Profile von Medien-MultitaskingJason Watson und David Strayer (University of Utah) : Forschung zu Ablenkung beim Fahren und Entdeckung der "Supertasker"Walter Schneider und Richard Shiffrin : Kontrollierte versus automatische VerarbeitungDario Salvucci und Niels Taatgen : Threaded Cognition und das Multitasking-KontinuumWichtige Studien und QuellenPashler, H. (1994). "Dual task interference in simple tasks: Data and theory." Psychological Bulletin, 116(2), 220 bis 244.Rogers, R.D. und Monsell, S. (1995). "Costs of a predictable switch between simple cognitive tasks." Journal of Experimental Psychology: General, 124(2), 207 bis 231.Monsell, S. (2003). "Task switching." Trends in Cognitive Sciences, 7(3), 134 bis 140.Rubinstein, J.S., Meyer, D.E., und Evans, J.E. (2001). "Executive control of cognitive processes in task switching." Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 27(4), 763 bis 797.Altmann, E.M. und Trafton, J.G. (2002). "Memory for goals: An activation based model." Cognitive Science, 26(1), 39 bis 83.Altmann, E.M., Trafton, J.G., und Hambrick, D.Z. (2014). "Momentary interruptions can derail the train of thought." Journal of Experimental Psychology: General, 143(1), 215 bis 226.Leroy, S. (2009). "Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks." Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168 bis 181.Mark, G., Gonzalez, V.M., und Harris, J. (2005). "No task left behind? Examining the nature of fragmented work." Proceedings of CHI 2005, 321 bis 330.Mark, G., Gudith, D., und Klocke, U. (2008). "The cost of interrupted work: More speed and stress." Proceedings of CHI 2008.Dabbish, L., Mark, G., und Gonzalez, V.M. (2011). "Why do I keep interrupting myself? Environment, habit and self interruption." Proceedings of CHI 2011, 3127 bis 3130.Mark, G. (2023). Attention Span: A Groundbreaking Way to Restore Balance, Happiness and Productivity. Hanover Square Press.Ophir, E., Nass, C., und Wagner, A.D. (2009). "Cognitive control in media multitaskers." PNAS, 106(37), 15583 bis 15587.Watson, J.M. und Strayer, D.L. (2010). "Supertaskers: Profiles in extraordinary multitasking ability." Psychonomic Bulletin and Review, 17(4), 479 bis 485.Wichtige Zahlen zum Merken47 Sekunden : durchschnittliche Bildschirmfokus-Dauer in Marks späteren Scr...
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