EPISODE · May 14, 2022 · 11 MIN
Georg Lukács ‘gratuliert’ Arthur Schnitzler zum Geburtstag
from Auf den Tag genau · host Jan Fusek, Fabian Goppelsröder und Robert Sollich
György oder Georg, Luukatsch oder Lukaaaasch? Einigkeit über die Aussprache des aus Ungarn stammenden gleichnamigen Philosophen und Literaturwissenschaftlers konnte im akademischen Diskurs nie so recht hergestellt werden. Inhaltlich ist die Sache sehr viel klarer: Der Namensträger gilt als einer der wichtigsten und vor allem wirkmächtigsten marxistischen Denker des 20. Jahrhunderts, der die ästhetischen Aufbrüche der literarischen Avantgarden mit ihren formalen Experimenten vehement bekämpfte und seine marxistische Theorie des Realismus – Ironie der Geschichte! – ausgerechnet am Ideal des bürgerlichen Romans entwickelte. Für den feinsinnigen Psychologismus eines Arthur Schnitzler hatte die von ihm geprägte (in der sowjetischen Hemisphäre dereinst außerordentlich einflussreiche) Denkschule, wie für die gesamte Literatur des Fin de siècle, naturgemäß wenig übrig und lehnte dessen Werk mit der großen Geste ideologischer Selbstgewissheit als dekadent ab. Der Gruß, den Luukatsch – oder Lukaaaasch – dem international gefeierten Jubilar Schnitzler zum sechzigsten Geburtstag in der Roten Fahne vom 14. Mai 1922 nach Wien sandte, fällt denn auch wenig freundlich aus. Frank Riede liest ihn uns trotzdem vor.
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György oder Georg, Luukatsch oder Lukaaaasch? Einigkeit über die Aussprache des aus Ungarn stammenden gleichnamigen Philosophen und Literaturwissenschaftlers konnte im akademischen Diskurs nie so recht hergestellt werden. Inhaltlich ist die Sache sehr viel klarer: Der Namensträger gilt als einer der wichtigsten und vor allem wirkmächtigsten marxistischen Denker des 20. Jahrhunderts, der die ästhetischen Aufbrüche der literarischen Avantgarden mit ihren formalen Experimenten vehement bekämpfte und seine marxistische Theorie des Realismus – Ironie der Geschichte! – ausgerechnet am Ideal des bürgerlichen Romans entwickelte. Für den feinsinnigen Psychologismus eines Arthur Schnitzler hatte die von ihm geprägte (in der sowjetischen Hemisphäre dereinst außerordentlich einflussreiche) Denkschule, wie für die gesamte Literatur des Fin de siècle, naturgemäß wenig übrig und lehnte dessen Werk mit der großen Geste ideologischer Selbstgewissheit als dekadent ab. Der Gruß, den Luukatsch – oder Lukaaaasch – dem international gefeierten Jubilar Schnitzler zum sechzigsten Geburtstag in der Roten Fahne vom 14. Mai 1922 nach Wien sandte, fällt denn auch wenig freundlich aus. Frank Riede liest ihn uns trotzdem vor.
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