EPISODE · Jul 1, 2026 · 51 MIN
Mutterschutz in der Niederlassung - ein Systemproblem | Nadja Jesswein
from LandMEDchen
Wie ist das eigentlich, wenn man als selbstständige Hausärztin schwanger wird? Genau dieser Frage widmen sich Dr. Andrea Morawe und Nadja Jesswein in der neuen Folge von „LandMEDchen“. Nadja ist niedergelassene Hausärztin, Co-Sprecherin des Bundesforums Hausärztinnen im Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie in der Ärztekammer Niedersachsen engagiert.Heute sind rund zwei Drittel der Absolvent:innen des Medizinstudiums weiblich. Gleichzeitig gibt es für niedergelassene Ärztinnen während einer Schwangerschaft kaum soziale Absicherung. Während angestellte Ärztinnen sechs Wochen vor der Geburt freiwilligen Mutterschutz und anschließend acht Wochen verpflichtenden Mutterschutz mit finanzieller Absicherung durch den Mutterschutzlohn erhalten, existiert eine vergleichbare Regelung für Selbstständige nicht.Ein zentrales Problem sehen Andrea und Nadja darin, dass Schwangerschaft im Sozialrecht häufig ähnlich behandelt wird wie eine Erkrankung – obwohl sie keine Krankheit ist.Hinzu kommt der sogenannte Sicherstellungsauftrag. Mit der Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung verpflichten sich niedergelassene Ärzt:innen dazu, die Versorgung ihrer Patient:innen sicherzustellen. Deshalb kann eine Praxis auch während Urlaub oder Schwangerschaft nicht einfach geschlossen werden. Stattdessen muss eine geeignete Vertretung organisiert werden.Genau hier entstehen weitere Schwierigkeiten. Vertretungsbörsen oder entsprechende Netzwerke sind vielerorts kaum vorhanden. Zusätzlich unterscheiden sich die Regelungen je nach Bundesland. In Niedersachsen ist es beispielsweise nicht möglich, am selben Tag gemeinsam mit einer Vertretung in der Praxis tätig zu sein. Der Vertreter arbeitet dann auf eigene Rechnung.Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte Entlastungsassistenz. Dabei wird eine Ärztin oder ein Arzt befristet angestellt, um die Praxis zu unterstützen. Allerdings entstehen dadurch Sozialabgaben, gleichzeitig besteht unter bestimmten Voraussetzungen das Risiko einer Scheinselbstständigkeit. Hinzu kommt, dass die Praxisinhaberin weiterhin für mögliche Regresse haftet.Wie hoch die finanzielle Belastung werden kann, zeigt Nadja anhand ihrer eigenen Erfahrung: Die Vertretung während ihres Mutterschutzes kostete rund 750 Euro pro Tag.Neben diesen Kosten laufen auch sämtliche weiteren Praxisausgaben unverändert weiter. Gehälter für Mitarbeitende, Miete und laufende Betriebskosten lassen sich während einer Schwangerschaft schließlich nicht einfach aussetzen.Andrea begegnet in diesem Zusammenhang immer wieder Kommentaren wie „Das wusste man doch vorher“ oder „Eine Schwangerschaft muss man eben planen“. Für sie greift diese Sichtweise deutlich zu kurz. Auch Ärztinnen führen ein ganz normales Leben – und nicht jede Lebensentscheidung lässt sich bis ins Detail planen.Auch Nadja betont, dass eine Schwangerschaft aus ihrer Sicht nicht zu den üblichen unternehmerischen Risiken einer Selbstständigkeit gehört. Gleichzeitig geht es ihr nicht ausschließlich um Frauen. Vereinbarkeit betrifft ebenso Männer, die Väter werden und Familie und Beruf miteinander vereinbaren möchten.Dabei existiert bereits eine EU-Richtlinie, die eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit für Selbstständige ermöglichen soll. Deutschland hat diese Vorgaben bislang jedoch nur unzureichend umgesetzt – obwohl entsprechende Ziele sogar im Koalitionsvertrag festgehalten wurden.Auch innerhalb der Ärzteschaft wächst der Wunsch nach Veränderungen. Ein gemeinsamer Antrag von Andrea und Nadja wurde bereits von der Bundesdelegiertenversammlung beschlossen und wird nun durch den Vorstand des Deutschen Ärztetags beraten.Für beide endet die Diskussion jedoch nicht beim Mutterschutz. Sie wünschen sich insgesamt flexiblere Regelungen im KV-Recht, beispielsweise mehr Möglichkeiten für Teilzeitmodelle und bessere Rahmenbedingungen, um Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können.Abschließend sprechen Andrea und Nadja auch über politische Vorstellungen traditioneller Familienbilder. Dabei diskutieren sie unter anderem die Positionen der AfD und wie viel Entscheidungsfreiheit diese Frauen bei der Gestaltung ihres eigenen Lebens und Berufswegs geben wollen.Folg Andrea auf Instagram: https://www.instagram.com/andrea.morawe/ZumPodcast auf YouTube: https://www.youtube.com/@landmedchenZumPodcast auf Spotify: https://open.spotify.com/show/6fSmt4EgJeAPGGR1Il4BDuZumPodcast bei Apple Podcast: https://podcasts.apple.com/de/podcast/landmedchen/id1835667319s
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