Morgenstunden-Podcast

PODCAST · education

Morgenstunden-Podcast

Die Morgenstunden sind mein Beitrag für die Welt. Sie werden zukünftig mehrmals in der Woche in Form von Lesungen aus Originaltexten sowie mit Übersetzungen und eigenen Texten erscheinen, um den Sinn zu schärfen für die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf das Göttliche in uns — und damit a priori auf Gott. morgenstunden.substack.com

  1. 22

    Wie sich das Universum entwickelt, wie es soll

    Lieber Miko,wie du weisst, bewegt mich das Nachdenken über die Glückseligkeit als höheres Prinzip (im Unterschied zum Wohlergehen, das man Glück nennt).Heute habe ich dir einen Text eingesprochen, der “Das Erstrebenswerte” zum Gegenstand, und der mit dem Rat endet, nach Glückseligkeit zu streben.DesiderataGeh gelassen inmitten des Lärms und der Hektik, und denk daran, welchen Frieden die Stille dir schenken kann * Sei, soweit möglich, ohne dich selbst zu verleugnen, mit allen Menschen im Reinen * Sprich deine Wahrheit leise und klar; und höre den anderen zu, selbst den Einfältigen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte * Meide laute und aggressive Menschen; denn sie zehren an deiner Seele * Wenn du dich mit anderen vergleichst, könnte das zu Eitelkeit oder Verbitterung führen, denn es wird immer Menschen geben, die bedeutender oder unbedeutender sind als du * Freue dich über deine Leistungen genauso wie über deine Vorhaben * Behalte das Interesse an deinem beruflichen Werdegang, wie bescheiden er auch sein mag; er ist ein wahrer Besitz in den wechselnden Geschicken der Zeit * Sei vorsichtig in deinen geschäftlichen Angelegenheiten, denn die Welt ist voller Täuschungen * Doch lass dich davon nicht blind machen für das, was an Vortrefflichem vorhanden ist * viele Menschen streben nach hohen Idealen, und überall ist das Leben voller Heldentum * Sei du selbst * Vor allem täusche keine Zuneigung vor * Sei auch nicht zynisch in Bezug auf die Liebe, denn trotz aller Kargheit und Enttäuschung ist sie so unvergänglich wie das Gras * Nimm den Rat der Jahre freundlich an und gib die Dinge der Jugend mit Anmut auf * Pflege die Stärke des Geistes, damit er dich vor plötzlichem Unglück schützt * Aber quäle dich nicht mit dunklen Vorstellungen * Viele Ängste entspringen der Ermüdung und Einsamkeit * Sei, jenseits einer gesunden Disziplin, sanft zu dir selbst * Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein * Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll * Sei daher im Frieden mit Gott, wie auch immer du ihn dir vorstellst * Und was auch immer deine Mühen und Bestrebungen sein mögen, bewahre in der lärmenden Ungewissheit des Lebens den Frieden in deiner Seele * Mit all ihrem Schein, ihrer Mühsal und ihren zerplatzten Träumen ist es immer noch eine schöne Welt * Sei fröhlich * Strebe danach, glückselig zu sein *Das Besondere an diesem Text ist seine oft falsch verstandene Entstehungsgeschichte. Die Desiderata, so lautet die lateinische Überschrift, die im Deutschen mit “Erstrebenswertes” oder “Das Erstrebenswerte” übersetzt wird, sind mir erstmals bewusst begegnet, als mir ein lieber Freund einen großformatigen Kunstdruck mit dem Text als Erinnerung an unsere Freundschaft schenkte.Die Entstehungsgeschichte dieses Textes wird nun regelmäßig mit der Old St. Paul’s Church in Boston und mit dem Jahr 1692 in Verbindung gebracht. Dies liegt daran, dass gewöhnlich der Text ohne Urheber verbreitet wird, so dass die Angabe unter dem Text “Aus der Alten St. Pauls Kirche Baltimore, 1692” als Hinweis auf die Entstehung des Textes gewertet wird. Ich habe diese auch noch Jahre nach dem Erhalt des Drucks gedacht, der, wie du weisst, lieber Miko, in unserem Esszimmer in einem schönen Bilderrahmen einen Ehrenplatz erhalten hat. Doch tatsächlich ist der Text deutlich jüngeren Datums, wenn auch doch schon fast 100 Jahre alt: Er wurde im Jahr 1927 von dem deutschstämmigen Amerikaner Max Ehrmann verfasst, wie aus der englischen Fassung auch hervorgeht. Ist also die Deutsche Fassung eine plumpe Fälschung, um den Text “auf alt zu trimmen”? Nein, das ist so auch nicht richtig, denn auch in Englischer Sprache wurde der Text viele Jahre und oft mit der selben Angabe versehen verbreitet: “Aus der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore, 1692”. Allerdings gibt es die Hinweise auf die St. Paul’s Kirche in Baltimore erst seit dem Jahr 1956. Und da lichtet sich das Rätsel. Denn im Jahr 1956 hat in der Kirche in Baltimore ein neuer Pastor seinen Dienst angetreten, der Reverend Frederick W. Kates. Und Reverend Kates hatte die Angewohnheit, seiner Gemeinde in der Fastenzeit besondere Texte und Zitate zur Andacht in die Kirchenbänke zu legen. So kam die “Desiderata” aus dem Jahr 1927 auch nach Baltimore, wo sie dann von Reverend Kates ohne einen Hinweis auf den Urheber (Max Ehrmann) oder das Entstehungsjahr des Textes (1927) auf einen offiziellen Bogen der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore gedruckt wurde. Dieses offizielle Papier der Pfarrei “Old St. Paul’s” enthielt den Hinweis auf das Jahr der Gründung dieser Kirche in Baltimore, nämlich: 1692. Daher stet zu vermuten, dass ein Gemeindemitglied die Desiderata Mitte der 1950er Jahre aus der Kirche mit nach Hause brachte. Und seither werden die Desiderata mit dem Gründungsjahr der Kirche, 1692, in Verbindung gebracht, weil auf dem Briefpapier die Angabe “Old St. Paul’s Church Baltimore, 1692” stand.Bei genauerem Hinsehen hätte man allerdings auch darauf kommen können, dass die Desiderata nicht aus dem Jahr 1692 stammen können, denn die Formulierung “wie immer du ihn [Gott] dir vorstellst”, wäre wohl 1692 nicht in einem Text der Zeit erschienen. Ich habe einige kleinere Anpassungen in der Übersetzung ins Deutsche vorgenommen — und eine größere: die Glückseligkeit. Im Englischen hat Ehrmann das Streben (strive) nach Glückseligkeit in der adverbialen Version (to be happy) gesetzt. Doch bin ich überzeugt, dass dies dem Umstand geschuldet war, dass er mit dem Streben nach Glückseligkeit, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als Pursuit of Happiness formuliert war, nur deswegen nicht enden konnte, da der Text durchgehend appellativ formuliert ist, also als Aufforderung und Ermunterung (strive to be happy), nicht als Sammlung von Ansprüchen oder unveräußerlichen Grundrechten (inalienable Rights … the Pursuit of Happiness).In jedem Fall erschien es mir sehr viel wertvoller, den Appell von Ehrmann im Deutschen ausdrücklich als das Streben nach Glückseligkeit zu formulieren, und nicht der Tendenz zu folgen, das Glück zu individualisieren. Denn, und das ist der Punkt, an dem ich mit der Desiderata nicht ganz glücklich bin: Das Streben nach Glückseligkeit ist nach meinem Verständnis eine wichtige Freiheit, die uns Menschen gegeben ist. Nutzen wir sie, indem wir tatsächlich nach Glückseligkeit streben, bedeutet das, dass wir dem Beispiel Jesu nachzufolgen aktiv anstreben. Dies bedeutet, den Vorteil des Nächsten zu suchen mehr als unseren eigenen Vorteil. Leibniz hat dies auch so gesehen und er hat es als Notwendigkeit bezeichnet. Die Ordnung der Welt, der Kosmos ist nach Leibniz so geschaffen, wie es der größtmöglichen Vollkommenheit entspricht. Zwar ist der Mensch in seinem irdischen Leben unvollkommen, aber er ist in der Lage, diese Unvollkommenheit aktiv zu verringern. Sich selbst charakterlich und seelisch der Vollkommenheit anzunähern. Tun wir dies mit aufrichtiger Absicht, so hat dies eine Wirkung auf die Weise, wie sich die Welt entwickelt. Es wäre dann also genau nicht so, wie es Max Ehrmann 1927 in die Desiderata hineingeschrieben hat: “Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll.”Das Universum entfaltet sich für Ehrmann also nach einem bestimmten Plan, ‘wie es sein soll’. Zweifellos, für ihn. Ich bezweifle das! Denn es würde bedeuten, dass es Gott egal wäre, was wir tun, und dass er einen bestimmten Ablaufplan für den Kosmos unbeirrt “wie es sein soll” durchsetzt. Das würde Gott zum Urheber von allerhand Leid machen, weil “es sein soll”. Und das würde sich für mich nur schwer mit der Liebe Gottes vereinbaren lassen. Wenn es jedoch so sein sollte, wie Leibniz vermutet, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat, die jedoch aus unzähligen freien Seelen besteht, die Leibniz “Monaden” nannte, dann kann sich Liebe nur darin ausdrücken, diesen Seelen die Freiheit der Entscheidung zu überlassen. Wie ein liebender Vater oder eine liebende Mutter dem Kind die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden.In diesem Kontext, wäre es nicht egal, ob wir nun nach Glückseligkeit streben, oder nach etwas anderem. Je mehr Seelen diesen Aspekt verstehen, desto vollkommener würde diese Welt sich entwickeln. Die Desiderata sollte eigentlich daher so lauten: “Je besser du und alle anderen verstehen, wie sich das Universum entfaltet, desto eher wird es so, wie es sein soll. Das wäre Gottes Glückseligkeit. Daher: Strebe nach Glückseligkeit!” Ich bin sicher, du weisst, wie ich das meine!Bis zum nächsten Mal,Dein Opa!Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank! This is a public episode. 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  2. 21

    Wie kann man verstehen, was in der Welt geschieht, wenn Gott das Wesen der Liebe ist?

    Lieber Miko,nun war es aus verschiedenen Gründen eine Weile still auf diesen Seiten, aber heute möchte ich dir diese Zeilen schreiben, weil ich am vergangenen Samstag einen Freund mit einer Trauerrede verabschiedet habe. In diesem Nachruf durfte ich auf das Leben von Günter Ortland zurückblicken und mit einigen Gedanken seinen Angehörigen und allen Trauernden helfen, sich ein ehrendes Andenken an Güni zu bewahren. Ich hoffe, dass mir dies gelungen ist.In dieser Ansprache ging es auch darum etwas zu erläutern, was viele Menschen auf die eine oder andere Weise bewegt: Der Austritt aus einer Kirche, wie er gegenüber dem Standesamt erklärt wird, bedeutet nicht, dass der betreffende Mensch den Glauben an Gott verloren hat. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall, nämlich dann, wenn die Verbindung zwischen dem gläubigen Menschen und Gott nicht durch allerlei fragwürdiges einer Körperschaft des öffentlichen Rechts gestört oder belastet werden soll. Dies können politische Entscheidungen einer Kirchenleitung sein, oder die Steuern, die vom Einkommen zwangsweise abgezogen werden, oder noch ganz andere persönliche Gründe. Vielleicht sind es auch Mißstände in der Organisation, die jemand nicht mehr mittragen möchte.Günter, der ein Radio-Kollege war, hatte seine eigenen Gründe, weshalb er der Körperschaft “Kirche” nicht angehören wollte. Aber er glaubte an Gott. Es war nun seiner Familie ein Bedürfnis, dass in der Ansprache dieses Spannungsfeld insoweit aufgelöst wird, damit Günters sterbliche Überreste ohne Irritationen mit einem Gebet zur letzten Ruhe gebettet werden konnten.Da es in unseren Morgenstunden, wie bei denen von Moses Mendelssohn, auf die sich ja unser Titel bezieht, auch um das Dasein Gottes geht, welches wir ganz eindeutig voraussetzen, was unserem Leben Sinn und unserer Seele (wie auch Günters) Ewiges Leben verheisst, möchte ich dir daher nun also mit der freundlichen Genehmigung von Günters Angehörigen meine Trauerrede für ihn hier dokumentieren: This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  3. 20

    Die Hauptsache ist das Kind

    Von Ralf SchauerhammerIn einer heiteren Geschichte wird berichtet, was die Tiere für das Wichtigste an Weihnachten halten. Das Reh meint: “Der Tannenbaum”, der Fuchs: “Die Gans” und der Dachs: “Pennen, pennen, pennen”. Der dumme Esel fragt dann: “Und das Kind?” Allen wird plötzlich klar: “Das Kind, das war doch die Hauptsache.”Nun möchte ich alter Esel fragen: “Aber warum ist es gerade das Kind?” This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  4. 19

    Das noch grundlegendere Prinzip der Harmonien

    Nikolaus von Kues bewegte die ErdeVon Bruce DirectorAus solchen Überlegungen [warum es so ist und nicht anders], heraus gelang Kepler die Entdeckung, dass die Bewegungen der Planeten nicht nur ungleichförmig erscheinen, sondern tatsächlich ungleichförmig sind. Dies führte ihn schließlich zu der Entdeckung, dass das Prinzip dieser ungleichförmigen Bewegung sich in der Regel »gleiche Flächen, gleiche Zeit« ausdrückt und die Planetenumlaufbahnen in erster Annäherung elliptisch sind. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  5. 18

    "Warum ist es so und nicht anders?"

    Nikolaus von Kues bewegte die ErdeVon Bruce DirectorKeplers Transformation der AstrophysikCusas Revolution erzwang einen Rückzug der in der Astronomie tonangebenden Aristoteliker. Angesichts der Abweichung der tatsächlichen Planetenbewegungen von den Bewegungen, die nach dem geozentrischen Weltbild des Claudius Ptolemäus zu erwarten waren, führte Nikolaus Kopernikus das heliozentrische Sonnensystem des Aristarch von Samos wieder ein.Aber das aristotelische Gift war auch im kopernikanischen System immer noch enthalten: Kopernikus kopierte zwar der Form nach Cusas Schlussfolgerungen, indem er die Erde in eine Bewegung um die Sonne setzte, verwendete aber nicht Cusas Methode der belehrten Unwissenheit. Im kopenikanischen System bewegen sich die Planeten in Kreisen um die Sonne, d.h. die ungleichförmige Bewegung der Planeten wurde letztendlich mathematisch in eine gleichförmige Kreisbewegung umgedeutet, obwohl Cusa bereits gezeigt hatte, dass eine solche vollkommene Bewegung in der geschaffenen Welt unmöglich ist. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  6. 17

    “Es wird einer umso gelehrter sein, je mehr er um sein Nichtwissen weiß”

    Fortsetzung von Teil 1Von Bruce DirectorDie belehrte UnwissenheitDie belehrte Unwissenheit des Nikolaus von Kues ist ein einheitlich durchkomponiertes Konzept von Gott, Mensch und Natur. Und es wird gezeigt, wie der menschliche Geist sich durch die Methode der belehrten Unwissenheit über seine Sinne erheben und dieses Konzept kennenlernen kann. Es wäre unmöglich, und Cusa gegenüber ungerecht, seinen Dialog in verkürzter Form darzustellen und dabei behaupten zu wollen, seine Ideen akkurat wiederzugeben. Wir wollen aber versuchen, bestimmte Aspekte dieses Konzepts zusammenzufassen, damit wir ihrem Einfluss auf Keplers Astrophysik nachspüren können. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  7. 16

    Über die Wahrheit und unser Verhältnis zu ihr

    Lieber Miko,heute möchte ich dir und allen Freunden der ‘Morgenstunden’ eine weitere Audioproduktion anbieten. Ich habe nämlich nicht nur große Freude am Vorlesen und Einsprechen von Texten, sondern bekomme auch immer wieder sehr positives Feedback für die Produktionen, die ich bereits gemacht habe. Dazu zählen, wie du weisst, unter anderem auch die Serie über Helen Keller, sowie die Vorstellung des Astronomen Johannes Kepler. Und fast jedesmal schliesst sich die Frage an: “Was kommt als nächstes?”An Kepler möchte ich nun anknüpfen und dies mit einem Text tun, den ich für sehr gelungen halte, weil er in ganz grundsätzlicher Weise die Frage behandelt, was das Menschsein ausmacht, und wie wir zu der Wahrheit stehen.Dieser Text stammt aus einer über zwanzig Jahre alten Zeitschrift und wurde aus dem Amerikanischen übersetzt. Der Titel der deutschsprachigen Version lautete “Nikolaus von Kues bewegte die Welt” und der Verfasser ist Bruce Director.Viel Freude damit!Dein OpaJede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  8. 15

    Genius

    »Glaub ich«, sprichst du, »dem Wort, das der Weisheit Meister mich lehren,Das der Lehrlinge Schar sicher und fertig beschwört?Kann die Wissenschaft nur zum wahren Frieden mich führen,Nur des Systemes Gebälk stützen das Glück und das Recht?Muß ich dem Trieb mißtraun, der leise mich warnt, dem Gesetze,Das du selber, Natur, mir in den Busen geprägt,Bis auf die ewige Schrift die Schul ihr Siegel gedrücketUnd der Formel Gefäß bindet den flüchtigen Geist?Sage du mirs, du bist in diese Tiefen gestiegen,Aus dem modrigten Grab kamst du erhalten zurück,Dir ist bekannt, was die Gruft der dunklen Wörter bewahret,Ob der Lebenden Trost dort bei den Mumien wohnt.Muß ich ihn wandeln, den nächtlichen Weg? Mir graut, ich bekenn es!Wandeln will ich ihn doch, führt er zu Wahrheit und Recht.«Freund, du kennst doch die Goldene Zeit, es haben die DichterManche Sage von ihr rührend und kindlich erzählt,Jene Zeit, da das Heilige noch im Leben gewandelt,Da jungfräulich und keusch noch das Gefühl sich bewahrt,Da noch das große Gesetz, das oben im Sonnenlauf waltetUnd verborgen im Ei reget den hüpfenden Punkt,Noch der Notwendigkeit stilles Gesetz, das stetige, gleiche,Auch der menschlichen Brust freiere Wellen bewegt,Da nicht irrend der Sinn und treu, wie der Zeiger am Uhrwerk,Auf das Wahrhaftige nur, nur auf das Ewige wies?Da war kein Profaner, kein Eingeweihter zu sehen,Was man lebendig empfand, ward nicht bei Toten gesucht,Gleich verständlich für jegliches Herz war die ewige Regel,Gleich verborgen der Quell, dem sie belebend entfloß.Aber die glückliche Zeit ist dahin! Vermessene WillkürHat der getreuen Natur göttlichen Frieden gestört.Das entweihte Gefühl ist nicht mehr Stimme der Götter,Und das Orakel verstummt in der entadelten Brust.Nur in dem stilleren Selbst vernimmt es der horchende Geist noch,Und den heiligen Sinn hütet das mystische Wort.Hier beschwört es der Forscher, der reines Herzens hinabsteigt,Und die verlorne Natur gibt ihm die Weisheit zurück.Hast du, Glücklicher, nie den schützenden Engel verloren,Nie des frommen Instinkts liebende Warnung verwirkt,Malt in dem keuschen Auge noch treu und rein sich die Wahrheit,Tönt ihr Rufen dir noch hell in der kindlichen Brust,Schweigt noch in dem zufriednen Gemüt des Zweifels Empörung,Wird sie, weißt dus gewiß, schweigen auf ewig wie heut,Wird der Empfindungen Streit nie eines Richters bedürfen,Nie den hellen Verstand trüben das tückische Herz –O dann gehe du hin in deiner köstlichen Unschuld,Dich kann die Wissenschaft nichts lehren. Sie lerne von dir!Jenes Gesetz, das mit ehrnem Stab den Sträubenden lenket,Dir nicht gilts. Was du tust, was dir gefällt, ist Gesetz,Und an alle Geschlechter ergeht ein göttliches Machtwort,Was du mit heiliger Hand bildest, mit heiligem MundRedest, wird den erstaunten Sinn allmächtig bewegen,Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut,Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget,Einfach gehst du und still durch die eroberte Welt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  9. 14

    Klassik ist keine kulturgeschichtliche Epoche, sondern das, was zeitlos gültig ist

    Lieber Miko,heute habe ich dir einen kleinen Vorgeschmack auf ein Radio-Programm mitgebracht, welches morgen, am 16. September um 18.03 Uhr auf osradio.de ausgestrahlt wird. Ich beantworte meinem Kollegen Siggi Ober-Grefenkämper die Frage nach dem Wert der Klassik. Dabei geht es um die Wirkung von Schönheit auf unser Denken und unser Gemüt. Ich beschreibe auch, dass Klassik keine kulturgeschichtliche Epoche ist, sondern Prinzipien und Gesetze beschreibt, die zeitlos gültig sind. Zeitlosigkeit, das ist das, was man neudeutsch Flow nennt, wenn die Zeit still steht. Dann, wenn man frei von Gefühlen des Zorns, der Gier, der Angst und der Unaufmerksamkeit ist (so definiert nämlich die fernöstliche Philosophie die Zeitlosigkeit, also die Klassik).Im Beitrag gehe ich dann auch auf die Besonderheit des Erhabenen ein und das möchte ich heute noch etwas weiter ausführen. Doch zunächst dazu das passende Gedicht von Friedrich Schiller. Er hat es 1795 veröffentlicht und es trug zunächst den Titel “Schön und Erhaben”, später dann “Die Führer des Lebens”:Die Führer des LebensZweierlei Genien sinds, die dich durchs Leben geleiten,Wohl dir, wenn sie vereint helfend zur Seite dir stehn!Mit erheiterndem Spiel verkürzt dir der eine die Reise,Leichter an seinem Arm werden dir Schicksal und Pflicht.Unter Scherz und Gespräch begleitet er bis an die Kluft dich,Wo an der Ewigkeit Meer schaudernd der Sterbliche steht.Hier empfängt dich entschlossen und ernst und schweigend der andre,Trägt mit gigantischem Arm über die Tiefe dich hin.Nimmer widme dich einem allein. Vertraue dem ersternDeine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück.Dazu schreibt Schiller in seiner Ausführung “Über das Erhabene” fast wortgleich, aber etwas ausführlicher: Zwei Genien sind es, die uns die Natur zu Begleitern durchs Leben gab. Der eine, gesellig und hold, verkürzt uns durch sein munteres Spiel die mühvolle Reise, macht uns die Fesseln der Nothwendigkeit leicht und führt uns unter Freude und Scherz bis an die gefährlichen Stellen, wo wir als reine Geister handeln und alles Körperliche ablegen müssen, bis zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Ausübung der Pflicht. Hier verläßt er uns, denn nur die Sinnenwelt ist sein Gebiet; über diese hinaus kann ihn sein irdischer Flügel nicht tragen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernst und schweigend, und mit starkem Arm trägt er uns über die schwindlichte Tiefe.In dem ersten dieser Genien erkennt man das Gefühl des Schönen, in dem zweiten das Gefühl des Erhabenen. Zwar ist schon das Schöne ein Ausdruck der Freiheit, aber nicht derjenigen, welche uns über die Macht der Natur erhebt und von allem körperlichen Einfluß entbindet, sondern derjenigen, welche wir innerhalb der Natur als Menschen genießen. Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem Gesetz der Vernunft harmonieren; wir fühlen uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen andere als seinen eigenen Gesetzen stünde.”Diese Zeilen sind sicher nicht sehr gewöhnlich und vielleicht auch nicht sofort zu verstehen. Immerhin liegen 230 Jahre zwischen dem Zeitpunkt ihres Entstehens und unser heutigen Zeit. Doch ich glaube, es lohnt sich, diesem Aspekt des Erhabenen, den Schiller uns nahebringen will, etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn, so lernen wir aus dem Gedicht, das Erhabene trägt uns dann, wenn wir mit den “gefährlichen Stellen” konfrontiert werden, an denen wir als “reine Geister” handeln müssen. Also wenn wir gewaltigen Kräften gegenüberstehen, denen wir körperlich-physisch nicht (oder noch nicht) gewachsen sind. Wo es um Leben und Tod geht. Dabei wird das Erhabene von Schiller noch näher beschrieben:Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von seinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird. Diese Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist unsere moralische Selbständigkeit auf eine unwiderlegliche Weise. Denn da es absolut unmöglich ist, daß der nämliche Gegenstand in zwei entgegengesetzten Verhältnissen zu uns stehe, so folgt daraus, daß wir selbst in zwei verschiedenen Verhältnissen zu dem Gegenstand stehen, daß folglich zwei entgegengesetzte Naturen in uns vereiniget sein müssen, welche bei Vorstellung desselben auf ganz entgegengesetzte Art interessiert sind. Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, daß sich der Zustand unsers Geistes nicht nothwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, daß die Gesetze der Natur nicht nothwendig auch die unsrigen sind, und daß wir ein selbständiges Principium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist.Für mich ist das sehr nachvollziehbar und vernünftig: Als Menschen, die daran glauben, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind, gesegnet mit einer unsterblichen Seele, wissen wir, dass der Glaube das Erhabene in uns ausdrückt. Denn das Wissen darum, dass wir Kinder Gottes sind und sich Gott in uns offenbart, macht uns froh auf eine Art, die von allen Seelen jeder Lust vorgezogen wird, wie es Schiller ausdrückt. Natürlich ist da auch ein Wehsein, also ein Schmerz über das Unausweichliche (zum Beispiel den Übergang von dieser Welt, wo wir das Materielle zurücklassen müssen, durch den Tod in das Ewige Leben). Doch dieses Wehsein äußert sich im Glauben im höchsten Grad als Schauer, hat also auch etwas Ästhetisches. Mir gefällt sehr, wie Schiller es dann auf den Punkt bringt: Die Gegensätzlichkeit der zwei Empfindungen, die das Erhabene ausmachen, beweist unsere moralische Selbständigkeit auf unwiderlegliche Weise! Was auch immer es sei, das das erhabene Gefühl in uns auslöst, es kann nur in einem Verhältnis zu uns stehen. Daher müssen, so Schiller, die zwei gegensätzlichen Gefühle ein Ausdruck (und damit der Beweis) der Vereinigung von Sinnlichkeit und Verstand im Menschlichen Wesen sein. Das Sinnliche in uns wird vom Gegenstand des Erhabenen ins Schaudern versetzt, der Verstand hingegen empfindet Lust auf die bevorstehende Transformation in die transzendente Welt des Ewigen Lebens. Hier, lieber Miko, liegt eine ganz wesentliche Bedeutung in der Kunst, die sich — neben der theoretischen Schrift — für uns durch Schiller in seinem Gedicht “Die Führer des Lebens” anspricht: Sie macht kunstvoll klar, dass die Aufgabe des Mensch Seins darin besteht, die Glückseligkeit auf Erden zu finden. Also einen Beitrag zu Gottes Schöpfung zu leisten. Daher ist auch der eigentliche Führer durch das Leben die Schönheit und nicht das Erhabene. Es ist die Schönheit, der wir unser Glück (unsere Suche nach Glückseligkeit) anvertrauen sollen, nicht dem Erhabenen! Denn das Erhabene begleitet uns ernst und entschlossen und schweigend (also voller Würde, und damit als ein gutes Vorbild), bevor es uns, dann, wenn es soweit ist, mit gigantischem Arm durch den Tod hinweg (über die Kluft des Meeres der Ewigkeit) ins Jenseits des Ewigen Lebens trägt. Das Erhabene ist also Garant unserer Würde als Kinder Gottes. Zum alleinigen Begleiter auf der Suche nach Glückseligkeit taugt das Erhabene nicht. Dazu braucht es das Paar “Schön und Erhaben”.Übrigens hat Schiller auch in diesem Text “Über das Erhabene” einen weiteren Hinweis an den Jüngling aus dem Bild zu Sais versteckt: Die Erkenntnis der Wahrheit, das Schauen der Wahrheit, erfolgt tatsächlich erst dann, wenn wir als reine Geister handeln müssen. Also am Ende der Reise durch das Weltliche, an der Schwelle zum Meer der Ewigkeit. Daher war die Statue im Gedicht verschleiert! Die Erkenntnis der reinen, vollen Wahrheit ist uns als Menschen nicht vergönnt. Wenn wir als reine Geistwesen mit Gott wieder vereinigt werden, dann können wir die Wahrheit auch erkennen. Vorher können wir sie nach bestem Wissen und Gewissen suchen. Nicht besitzen! Daher war der Jüngling im Gedicht auch eben kein Held oder Genius. Er war noch auf der Reise zur Entwicklung seines Charakters. Die Ungeduld und Gier nach Besitz der Wahrheit hat ihm dann die Würde genommen. Und die Lebensfreude. Er hat das Erhabene bemüht, als er die Schönheit (den Schleier der Wahrheit) fallen ließ. Ach hätte er doch “Die Führer des Lebens” gelesen! Nimmer widme dich einem allein. Vertraue dem ersternDeine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück.In dem oben eingebetteten Audio-Beitrag für die Sendung Querbeet (sie wird am 16. September um 18.03 Uhr auf osradio.de ausgestrahlt) beantworte ich meinem Kollegen Siggi Ober-Grefenkämper die Frage nach dem Wert der Klassik zwar mit eigenen Worten, aber im Kern genau inhaltsgleich: Die Klassik ist das, was schön und erhaben ist. Es ist klassisch, also zeitlos gültig. Frei von Gefühlen des Zorns, der Gier, der Angst und der Unaufmerksamkeit (so definiert die fernöstliche Philosophie die Zeitlosigkeit, also die Klassik).Bis zum nächsten Mal!Dein OpaJede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  10. 13

    Kepler und die Harmonie der Welt

    Der Astronom Johannes KeplerDie WeltharmonikVon Rosemarie und Ralf SchauerhammerFast genau zu dem Zeitpunkt, an dem in Deutschland ein Krieg ausbricht, der ganz Europa erfasst und später der “Dreißigjährige Krieg” genannt werden wird, vollendet Johannes Kepler die Weltharmonik. In den fünf Büchern dieses Werkes erfasst und formt Kepler alle Bereiche der Wissenschaft mit seiner neoplatonischen Methode. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  11. 12

    Kepler als Politiker

    Der Astronom Johannes KeplerKepler als PolitikerVon Rosemarie und Ralf SchauerhammerObwohl bereits aus der eingänglich zitierten Selbstcharakterisierung hervorgeht, dass es Keplers Persönlichkeit ganz widersprochen hätte, nicht auch in die turbulenten politischen Ereignisse seiner Zeit einzugreifen, so ist doch zu diesem Thema bei allen Biografen wenig zu erfahren. Hier tut sich noch ein weites Forschungsfeld auf. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  12. 11

    Kepler im Sturm der Religionskämpfe

    Der Astronom Johannes Kepler Kepler im Sturm der ReligionskämpfeVon Rosemarie und Ralf Schauerhammer Kepler musste sich natürlich den blutigen Auseinandersetzungen, die in ganz Europa im Namen der Religion geführt wurden, stellen. Dreimal wurde er aus religiösen Gründen vertrieben. Selbst diese ständige Lebensgefahr konnte Kepler niemals dazu bewegen, auch nur ein Jota von seiner Überzeugung abzurücken. Es ist offensichtlich, dass Wissenschaftler, die sich eifrig mit der Erforschung ihrer Karriere beschäftigen, unermüdlich und arbeitsam vor der inquisitorischen Lehrmeinung buckeln, bis die erwünschten Finanzmittel in ihr Institut fließen und sich sogar an den wissenschafts- und technikfeindlichen Zeitgeist-Anbietern auch heute noch einen Mann wie Kepler hassen müssen. Tübingen, wo Kepler von 1589 bis 1594 Theologie studierte, war ein Zentrum der religiösen Auseinandersetzung geworden. Die orthodoxen Lutheraner hatten sich hier eine geistige Hochburg aufgebaut. 1576 war unter Führung des Tübinger Theologen Jakob Andreä hier die berüchtigte Konkordienformel abgefaßt worden, das Glaubensbekenntnis der orthodoxen Lutheraner, die sich hiermit nicht nur gegen die Papisten sondern auch gegen die Calvinisten scharf abgrenzten. Diese Konkordienformel sollte Kepler noch viele Male zu schaffen machen. Die Lutheraner wollten ihn dazu bringen, sie zu unterschreiben und damit die anderen Religionen ohne Vorbehalte zu verdammen. Wer es wagte, seine Seele nicht der lutherischen Dogmatik zu verschreiben, der konnte damals unmöglich Theologe werden, was Kepler eigentlich wollte. Er musste am Ende seines Studiums deshalb als Lehrer für Mathematik und Moral nach Graz in die Steiermark. Später wurden von Tübingen aus immer wieder hinterhältige Kampagnen gegen ihn lanciert, die sich mit den jesuitischen Operationen der Gegenreformation ergänzten. Typisch ist schon, dass Kepler vom protestantischen Tübingen, als er 1598 mit seinen Religionsgenossen vor der Gegenreformation, die von der Steiermark ihren blutigen Einzug nach Deutschland hielt, unter Androhung der Todesstrafe mit Weib und Kind aus dem Lande gejagt wurde, abgewiesen wurde und in Prag Zuflucht suchen musste. Wer vermutet, Kepler reagiere mit Hass und Verbitterung, irrt. Er schreibt in dieser Situation: “Aber ich hätte nicht geglaubt, dass es in Gemeinschaft mit den Brüdern so süß ist, unseres Glaubens wegen und um Christi Ehre willen, Schimpf und Schande zu erleiden, Haus, Äcker, Freunde und Heimat aufzugeben. Wenn es beim echten Märtyrertum und bei der Hingabe des Lebens ebenso ist, und wenn die Freude mit der Größe des Verlustes wächst, dann muss es leicht fallen, für den Glauben auch zu sterben.” Trotz dieser unsicheren persönlichen Lage, die noch von einer äußerst schlechten gesundheitlichen Konstitution verstärkt wurde, gab er seine wissenschaftliche Arbeit niemals auf. “In der Schöpfung greife ich Gott gleichsam mit Händen. Wenn es etwas gibt, was den Menschen in diesem niederbeugenden Exil aufrichten kann, so ist es die Sternenkunde, weil sie die Verherrlichung des weisesten Schöpfers zum Gegenstand hat.” Kepler wurde nun zwar bald kaiserlicher Mathematiker in Prag am Hof Rudolfs II., doch seine persönlichen Schwierigkeiten waren damit in keinster Weise ausgeräumt. Im Gegenteil, die kaiserlichen Taschen waren immer leer und Kepler musste täglich um seinen Lebensunterhalt kämpfen. “Ich stehe ganze Tage in der Hofkammer und bin für Studien nichts. Ich stärke mich jedoch mit dem Gedanken, dass ich nicht dem Kaiser allein, sondern dem ganzen menschlichen Geschlechte diene, dass ich nicht bloß für die gegenwärtige Generation, sondern auch für die Nachwelt arbeite. Wenn Gott mir beisteht und wegen der Kosten Vorsehung tut, so hoffe ich, etwas zu leisten.” Bald darauf wurde Kaiser Rudolf II. auch noch von seinem Bruder Matthias mit Unterstützung der böhmischen Stände gestürzt. Und dann sterben kurz hintereinander Keplers jüngster Sohn und seine Gattin. Er schreibt: “Betäubt durch die Schreckenstaten der Soldaten und den Anblick des blutigen Kampfes in der Stadt, verzehrt von der Verzweiflung an einer besseren Zukunft und von der unauslöschlichen Sehnsucht nach dem verlorenen Liebling, wurde sie zum Anlass ihrer Leiden von dem ungarischen Fleckfieber angesteckt… Wozu erzähle ich das? Nun, ihr sollt aus meiner Rede meine geistige Verfassung kennenlernen, von der sich manche noch wundern, dass sie jene Spannkraft vermissen lässt, die astronomische Spekulationen erfordern.” Kepler schreibt, dass er trotzdem die Studien nicht aufgegeben hätte, sondern eine Chronologie angelegt habe, denn das Sammeln, Ordnen und Sichten “erfordere ja nicht mehr Arbeit, als die Kräfte eines niedergebeugten Mannes zu leisten vermochten.” Kepler war deshalb 1612 gezwungen, die Stelle eines Landschaftsmathematikers in Linz an der Donau anzunehmen. Hier konnte er zwar 14 Jahre lang leben und sein Lebenswerk, die Weltharmonik, herausbringen. Unterdessen wurden jedoch die Operationen gegen ihn immer härter. Gleich in den ersten Tagen seiner Ankunft versetzten ihm die Lutheraner von Württemberg einen Schlag, der das Signal gab zu all den Schikanen und Verfolgungen der späteren Jahre. Mit Unterstützung der Tübinger Lutheraner wurde Kepler in Linz von Pastor Daniel Hitzler vom Abendmahl ausgeschlossen — das entsprach einer gesellschaftlichen Verbannung. Das Tübinger Konsistorium der Geistlichen Räte beschreibt ihn als »verschlagenen Calvinisten« und in offiziellen Dokumenten als »Schwindelhirnlein« und »Letztköpflin«. Es empfiehlt ihm: “Trauet eurem guten Ingenio nicht zu viel und seht zu, dass euer Glaub nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft bestehe.” Dieser Glaube Keplers an die menschliche Vernunft und nicht die in den Vordergrund geschobene Frage der Konkordien-Formel war der wirkliche Grund für die Verfolgung Keplers durch Jesuiten und Lutheraner.In diesem Zusammenhang soll ein weiteres Beispiel für Keplers moralische Integrität nicht verschwiegen werden. Als 1621 nach dem Zusammenbruch der böhmischen Aufstände unter dem Winterkönig bei der Belagerung von Linz durch Maximilian derselbe Pastor Hitzler, der Kepler so übel mitgespielt hatte, verhaftet wurde, trat Kepler für ihn ein und nahm ihn persönlich gegenüber den Katholiken in Schutz.Den Dank bekam Kepler in einer weiteren Intrige zu spüren, deren Fäden wieder in Tübingen zusammenliefen. Seine Mutter wurde als Hexe angeklagt. Normalerweise hätte damals ein Brief des kaiserlichen Mathematikers, welcher Kepler ja immer noch formell war, ausgereicht, diesen Irrtum zu bereinigen. Doch die Antwort auf Keplers erstes Schreiben bewies ihm, dass es hier wohl um mehr ging, als um eine für die damalige Zeit typische Verdächtigung. Sechs Jahre lang mußte Kepler immer wieder seine Arbeiten verlassen und in den demütigenden Prozeß eingreifen, bis 1621 das Urteil verkündet wurde, daß seine Mutter nicht hingerichtet werden, sondern nur mit dem Anblick der Folterwerkzeuge konfrontiert werden sollte. Ein halbes jahr später starb sie durch den Prozeß an Leib und Seele zugrunde gerichtet Kepler schreibt über die unrühmliche Rolle Tübingens, »Meine Heimat schindet mich.«Infolge des Dreißigjährigen Krieges wurde die Lage in allen Ländern immer verwirrter. Um das vom Kaiser bewilligte Geld einzutreiben, musste sich Kepler ständig auf Reisen begeben. 1619 starb Kaiser Matthias, sein Nachfolger war Ferdinand II., der schon als Erzherzog in der Steiermark die Gegenreformation aufgebaut und alle Protestanten des Landes verwiesen hatte. Die Gegenreformation hatte jetzt auch Linz ergriffen und auch hier wurden alle Protestanten ausgewiesen. Als kaiserlicher Mathematiker wurde zwar bei Kepler eine Ausnahme gemacht, aber, wie sein Freund Schickhardt schreibt, “ist es schon ein großer Trost, dass wir nicht verbrannt werden, sondern dass man uns erlaubt, weiterzuleben, sofern die Erlaubnis überhaupt für diejenigen von Bedeutung ist, dem man alles zum Leben Notwendige genommen hat.” Die Lage in Oberösterreich wurde immer schlimmer. Als Reaktion auf das Durchgreifen in der Gegenreformation unter Führung der Jesuiten erhoben sich jetzt die protestantischen Bauern. Sie zogen brennend und plündernd durch die Länder und belagerten Linz für zwei Monate. Dabei ging auch die Druckerei in Flammen auf, wo Kepler die Rudolphinischen Tafeln drucken ließ. Ende 1626 verlässt Kepler mit seiner Familie den Hexenkessel Linz. Wieder weiß er nicht, wohin. Sein Weg führt über Ulm, wo er die Rudolphinischen Tafeln noch einmal drucken lässt und der Ulmer Stadt bei Gelegenheit noch zu einer Vereinheitlichung ihrer Maße und Gewichte verhilft, zurück nach Prag, jetzt eine Hochburg der Jesuiten. Kepler entschließt sich einen Ruf an den Sitz eines der damals mächtigsten Männer Deutschlands, wenn nicht gar Europas anzunehmen, dem astrologiegläubigen Feldherrn von Wallenstein.Wird fortgesetzt.Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank!Bisherige Folgen: [Folge 1][Folge 2][Folge 3][Folge 4] This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  13. 10

    Kepler, Galileo und die Unmoral der empirischen Methode

    Der Astronom Johannes Kepler Galileo und die Unmoral der empirischen MethodeVon Rosemarie und Ralf SchauerhammerDie sogenannte empirische Methode, der die moderne Naturwissenschaft angeblich so viel, ja nach Meinung vieler sogar ihre Existenz verdankt, ist nicht nur inkompetent, sie ist auch Ausdruck einer unmoralischen Geisteshaltung. Wer Keplers Aussagen zum sechseckigen Schnee verstanden hat, der muss sich zum Beispiel über die dummdreiste Art wundern, mit der Isaac Newton behaupten konnte, “Hypothesis non fingo”. Der Grund ist ganz einfach. In Newtons Werken sind 80% aller Hypothesen von Relevanz von Kepler geklaut und der Rest ist von Leibniz abgekupfert. Empirismus ist nur ein anderes Wort für Plagiat.Ähnlich wie bei Newton liegt der Fall bei einem anderen bekannten Helden der empirischen Wissenschaften, Keplers Zeitgenossen Galileo Galilei. Gerade im Vergleich und in seinem Verhalten zu Kepler wird deutlich, welch mieser Kleingeist Galileo in Wirklichkeit war. Wie der dänische Mathematiker und Astronom Tycho Brahe, dessen Beobachtung erst in Keplers Händen wirkliche Bedeutung gewannen, ist Galileo Empiriker.Galileo ist deshalb nicht in der Lage, dem Aristotelismus als Methode der Wissenschafts- und Geisteskontrolle einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Seine im Verhältnis zu seinen wissenschaftlichen Leistungen überproportionale Popularität konnte den Jesuiten deshalb nur lieb sein. Kepler versucht in seinem Briefwechsel mit Galileo immer wieder, diesen zu erziehen und ihn auf entscheidende Fehler seiner Denkweisen hinzuweisen.Jedenfalls soweit das möglich war, ohne den gegen alles neue wutschnaubenden Aristotelikern in die Hände zu spielen. Immer wieder kommt Kepler auf die Frage des Empirismus zurück und versucht Galileo auf die Ebene neoplatonischer Vernunft zu erheben. Denn, so sagt Kepler es, es stehen die Denker, die die Ursachen der Dinge im Geiste empfangen, noch ehe sie sinnfällig werden,jenem ersten Baukünstler näher als die anderen, die über die Dinge erst nachzudenken beginnen, wenn sie sie mit den Augen geschaut haben. Gleichzeitig, so Kepler, dürfen diese Spekulationen a priori nicht gegen die offenkundige Erfahrung verstoßen. Sie müssen vielmehr mit ihr in Übereinstimmung gebracht werden. Kepler verschickte seine Schriften an alle Wissenschaftler, damit andere mithelfen, an dem Buch der Natur weiterzuschreiben. Auch Galileo schickte er das Mysterium Cosmographicum. Doch Galileos Antwort war enttäuschend. Er hat die Schrift möglicherweise nie gelesen, verstanden hat er sie gewiß nicht. Und schon in diesem ersten Brief Galileis an Kepler kommt ein Wesenzug zum Tragen, der Kepler trotz aller Verfolgung völlig fremd war. Galileo schreibt 1597, er habe viele Ursachen von Naturvorgängen erforscht und gefunden, sei aber durch das Schicksal von Kopernikus abgeschreckt, sie zu veröffentlichen. “Er hat sich bei einigen wenigen unsterblichen Ruhm erworben, von unendlich vielen aber wird er verlacht und ausgepfiffen”. Kepler ruft ihm in dem Antwortbrief zu, “Seid guten Mutes, Galileo, und tretet hervor! Beim großen Haufe Einbuße zu leiden, ist eine kleine Einbuße, zumal für den, der sich die Wahrheit und die Ehre Gottes des Schöpfers als Ziel gesetzt hat und nicht den eigenen Ruhm. Denn groß ist die Macht der Wahrheit. Wenn Italien Euch zur Veröffentlichung weniger geeignet erscheint und Ihr dort Hindernisse zu erwarten habt, so wird uns vielleicht Deutschland diese Freiheit gewähren.” Die Idee, für die Verbreitung der Wahrheit wohlmöglich seiner Heimat aufzugeben, kam dem großen Helden der Wissenschaft Galileo nicht in den Sinn. Galilei hüllte sich gegenüber Kepler 13 Jahre ins Schweigen. 1610 veröffentlicht Galilei den Sidereus Nuntius, den Sternenboten, in dem er über seine Himmelsbeobachtung mit dem Fernrohr berichtet. In dieser Schrift wagt Galilei zum ersten Male offen, das kopernikanische Weltsystem zu befürworten, Obwohl bekannt war, dass das Fernrohr zu dieser Zeit in Holland schon gebaut wurde und einige Exemplare davon auch schon nach Italien gelangt waren, gibt Galilei hier vor, das Fernrohr selbst erfunden zu haben. Kepler ist über das Fernrohr hoch erfreut, denn alle seine a priori Hypothesen werden damit bestätigt.In der im gleichen Jahr erscheinenden Dioptrice, in der er die Natur des Lichtes und der Linsensysteme erforscht, begrüßt Kepler das Fernrohr. “O du vielwissendes Rohr, kostbarer als jegliches Zepter, wer dich in seiner Rechten hält, ist der nicht zum König, nicht zum Herrn über die Werke Gottes gesetzt? Von dir gilt das Wort, du unterwirfst dem menschlichen Geist die Grenzen dort oben, alle Bahnen samt ihrem Lauf.” Durch die Vermittlung des toskanischen Gesandten, nicht durch Galilei, erhält Kepler ein Exemplar des Sidereus. Innerhalb von elf Tagen verfasst Kepler die Schrift »Auseinandersetzung mit dem Sternenherold«, die als Paradebeispiel dienen kann, wie Kepler Galilei erziehen wollte. Am Anfang schildert er humorvoll, wie er seit der Veröffentlichung der Astronomia Nova vor sechs Jahren auf ein Urteil Galileos gewartet hatte. Dieser hatte sich nie geäußert. Bis sein Freund Wacker ihm Nachricht über die Neuschrift überbracht hätte. Er will Galileos Entdeckungen “gegen die grießgrämigen Rückschrittler, die alles Unbekannte als unglaubwürdiges Zeug ausgeben”, schützen.Doch gleichzeitig weist er Galileo zurück, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Kepler lobt zum Beispiel einen Leersatz Galileos mit den Worten, “Seine, [also Keplos-Lehrer Maestlins] Worte sind den Deinen, O Galileo, so ähnlich, dass man glauben könne, sie seien Deinem Schriftchen entnommen.” Galileo konnte nicht missverstehen, was hier gemeint war, denn das betreffende Werk Maestlins war 1606, das heißt fünf Jahre vor Galileos Schrift erschienen. Es ist sicher nicht zufällig, dass Kepler anschließend eine peinlich genaue Schilderung der wirklichen Entdeckungsgeschichte des Fernrohrs vornimmt, schmälert Galileos eigentliche Entdeckung jedoch an keiner stelle: “Nicht der Nachbau eines schon bekannten Werkzeuges ist rühmenswert, sondern jetzt muß eine Erklärung für die Wirkungsursache des Fernrohrs gefunden werden.”Diese liefert Kepler übrigens selbst in der Dioptrice, mit der er zum Begründer der modernen Optik geworden ist und entwirft aufgrund seiner theoretischen Überlegung das sogenannte Kepler'sche Fernrohr, das bedeutend besser ist. Die Unzulänglichkeit empirischer Methoden greift Kepler in dieser Antwortschrift an Galileo wiederholt auf. Kepler fragt: “Soll man den Geist mehr bewundern, der einen neuen Erdteil aus der Richtung der Luftströmungen erschließt, oder den Mut eines Mannes, der unbekannte Gewässer versuchen geht und das unermessliche Weltmeer oder schließlich das Glück des Helden, der erreicht hat, was er ersehnte?” Seine Antwort fällt ganz eindeutig zugunsten der schöpferisch Denkenden, der alten Wissenschaftler aus:“Weit ab von den älteren Forschern mag Kepler stehen, der sich das Weltbild des Kopernikus in seinem vollen sinnlichen Augenschein zu eigen gemacht hat und nun von den Erkenntnisgründen aufsteigt zu den natürlichen Ursachen und von ihnen zu den Zweckgedanken der Schöpfung, so wie Plato vor so vielen Jahrhunderten aus Begriffen, die der Erfahrung vorhergehen, verkündet hat. Später zeigt Kepler, dass das Verhältnis der fünf platonischen Grundgebilde im Weltengefüge des Kopernikus zum Ausdruck kommt. Es liegt nichts Widersinniges und nichts Feindseliges darin, dass man die alten Denker höher stellt als die neueren, denn größerer Ruhm gebührt dem Baumeister dieser Welt als noch jedem so geistreichen Weltbeobachter. Darum stehen die Denker, die die Ursachen der Dinge im Geiste empfangen, noch ehe sie sinnfällig werden, jenem ersten Baukünstler näher als die anderen, die über die Dinge erst nachzudenken beginnen, wenn sie diese mit Augen geschaut haben. So wirst du also, Galilei, unseren Vorgängern ihren Ruhm nicht neiden.” Im Gegensatz zum Wissenschaftler, wie ihn Kepler sieht, kann der Empiriker bloß Arbeitsgesetze des Universums erkennen.Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. 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  14. 9

    Keplers Lehrstück der Hypothesenbildung: Vom sechseckigen Schnee

    Lieber Miko,liebe Freunde der Morgenstunden,heute setzen wir die Lesung des Textes “Der Astronom Johannes Kepler” von Rosemarie und Ralf Schauerhammer fort.Lehrstück der Hypothesenbildung: Vom sechseckigen SchneeKepler beherrschte die schöpferische Methode der Hypothesenbildung der Neuplatoniker meisterhaft Als ihn sein Lehrer Michael Maestlin davor warnen will, vom sicheren Pfad aristotelischer Logik abzugehen und mathematische Hypothesen niemals mit physikalischen Hypothesen zu vermischen, gibt ihm Kepler 1597 schmunzelnd zur Antwort, dass ihm eine Professur in Paris angeboten worden sei. Allerdings stamme der Angebotsbrief schon aus dem Jahr 1569, also zwei Jahre vor seiner Geburt. (...) This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  15. 8

    Keplers Weltgeheimnis

    Was wir Kepler heute verdanken und worauf wir uns wieder besinnen müssen, sind nicht die nach ihm benannten Keplerschen Gesetze der Planetenbahnen. Sie sind nur die notwendigen Folgerungen aus einem gesetzmäßigen Hypothesenprozess. 1596 tritt Kepler mit seinem wissenschaftlichen Erstlingswerk Prodomus Dissertationum Cosmographicarum continens Mysterium Cosmographicum zum ersten Mal in das wissenschaftliche Rampenlicht. Schon der Titel, der übersetzt lautet »Vorbote einer allgemeinen Weltbeschreibung, das Weltgeheimnis enthaltend« verrät, dass Kepler hiermit erst den Anfang seiner weiteren Arbeiten setzen sollte. Kepler ist zutiefst davon überzeugt, dass nichts in der Welt von Gott planlos geschaffen ist. Die Welt ist eine “aufs Beste geordnete Schöpfung”. “Niemals bleibt in der Natur etwas müßig oder überflüssig.” Die Aufgabe des Menschen liegt darin, den Schöpfungsplan, den Gott seiner Schöpfung zugrunde legte, nachzuspüren. Und dies ist ihm möglich, da die Welt kein chaotischer Zufall ist, sondern Gesetzmäßigkeiten gehorcht, den gleichen Gesetzmäßigkeiten, denen der menschliche Geist folgt. Kepler beschreibt dies später in Astronomia Nova folgendermaßen: “Die göttliche Stimme, die die Menschen zur astronomischen Forschung auffordert, ist in Wahrheit in der Welt selbst zu vernehmen, nicht mit Worten und Silben, sondern durch die Tatsachen selbst und die Verwandtschaft des menschlichen Verstandes und der Sinne mit der Gliederung der Himmelskörper und ihrer Zustände.”Die Frage nach dem Warum von Zahl, Größe und Bewegung der Bahnen der Wandelsterne ist für Kepler die Frage danach, wie Gott die Welt geschaffen hat. Das heißt, nach dem Entwicklungsprinzip des Universums, das wir mit Hilfe der harmonischen Verhältnisse der Erscheinungen der Dinge erkennen können. Weil diese Dinge ja aus diesem Erzeugungsprozess hervorgegangen sind. Kepler fragt: “Was ist die Welt, aus welchem Grund, nach welchem Plan ist sie von Gott erschaffen? Woher nahm er die Zahlen? Woher die Norm für seine gewaltige Schöpfung? Woher die Sechszahl der Planeten? Woher die Intervalle zwischen ihren Bahnen? Warum ist der Sprung zwischen Jupiter und Mars, die doch nicht die Äußersten sind, so groß?” In Mysterium Cosmographicum schildert er, welche Wege er beschritt, um hier die Gesetzmäßigkeit herauszufinden. So setzte er zwischen Jupiter und Mars einen neuen Planeten, den man nur seiner Kleinheit wegen nicht sähe. Heute wissen wir, dass tatsächlich dort, wo Kepler einen neuen Planeten vermutete, Asteroiden, also Planetenstückchen, sich befinden. Zuerst versuchte Kepler, direkt zwischen den Bahnabständen der Planeten harmonische Verhältnisse zu entdecken, dann zwischen den Umlaufzeiten. Schließlich versuchte er, regelmäßige Flächen in die verschiedenen Bahnradien einzufügen. Kepler verwirft all diese Wege wieder. Doch schließlich findet er die gesuchte Harmonie in einer vollkommeneren Weise, als er ursprünglich vermutet hatte. Er beschreibt, wie ihm am 19. Juli 1595, also mit 23 Jahren, nach langem vergeblichen Bemühen der folgende Gedanke aufblitzte:“Die Erde ist das Maß für alle anderen Bahnen. Ihr umschreibe ein Dodekaeder. Die dieses umspannende Sphäre ist der Mars. Der Marsbahn umschreibe ein Tetraeder. Die dieses umspannende Sphäre ist der Jupiter. Der Jupiterbahn umschreibe einen Würfel. Die diesen umspannende Sphäre ist der Saturn. Nun lege in die Erdbahn einen Ikosaeder. Die diesem unbeschriebene Sphäre ist die Venus. In die Venus lege ein Oktaeder. Die diesem einbeschriebene Sphäre ist der Merkur.” Dieses Modell ist von ergreifender Schönheit, nicht weil es aus schönen symmetrischen Figuren besteht, sondern weil es dem Betrachter wie in geometrischer Kristallform das wesentliche Charakteristikum des Entwicklungsprozesses des Universums vor Augen führt. Kepler wusste, dass alle platonischen Körper eng mit dem Verhältnis des goldenen Schnitts in Beziehung stehen.Dieses Verhältnis ist sowohl in der Kunst als auch in der organischen Natur von augenfälliger Bedeutung. Kepler wusste sehr wohl, warum das der Fall ist. Er hat es an verschiedenen Stellen beschrieben. Einer der lustigsten ist wohl in einem Brief an Tankius enthalten. Hier leitet er die Bedeutung dieses Verhältnisses daraus ab, dass es beliebig genau mit der Fibonacci-Folge angenähert werden kann. Die Fibonacci-Folge besteht aus den Zahlen 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. Und sie liefert die Verhältnisse 1:2, 2:3, 3:5, 5:8, 8:13, 13:21 usw. Kepler sagt: “Unter den stetigen Proportionen existiert eine einzige ausgezeichnete Art, der Goldene Schnitt… Ich glaube nun, dass diese Proportionen als Idee gedient hat, als Er die Erzeugung von Ähnlichem aus Ähnlichem, die ja auch immer fort weiter geht, eingeführt hat. Ich sehe ja, dass die Fünfzahl fast bei allen Blüten der Frucht, das heißt der Erzeugung, vorausgeht, … Nun seht zu, wie aus dem Goldenen Schnitt das Abbild von Mann und Frau entsteht. … Der goldene Schnitt kann durch Zahlen nicht vollkommen ausgedrückt werden, er kann jedoch in einer Weise ausgedrückt werden, dass wir durch einen unendlichen Prozess ihr immer näher kommen. Wobei wir der Zeichnung eines Quadrates immer nur einen Fehlbetrag von einer Einheit haben.Fangen wir mit der kleinsten Zahl an. Die kleinste zerlegbare Zahl ist 2, sie teilt sich in 1 und 1. Von diesen bildet der eine den kleineren, der andere den größeren Teil in der Proportion, sodass man die Glieder 1, 1, 2 erhält. Wäre dadurch die göttliche Proportion vollkommen ausgedrückt, so müsste das Rechteck aus den äußeren Gliedern gleich dem Quadrat des mittleren Gliedes sein. Es ist jedoch um 1 zu groß. Ich fahre nun fort, indem ich den größeren Teil 1 zu dem ganzen 2 addiere. Ich erhalte 3, sodass nun die Glieder 1, 2, 3 sind. Hier ist das Rechteck aus den äußeren Gliedern 3. Das Quadrat des mittleren Gliedes 4. Ich fahre wiederum fort und addiere den größeren Teil 2 zum ganzen 3, sodass das neue Ganze 5 ist. Die Glieder sind nun 2, 3, 5. Das Rechteck aus den äußeren Gliedern 2, 5 ist 10. Das Quadrat des mittleren 9. So ist immer der Fehlbetrag bei dem einen gleich dem Überschuss beim anderen. Ich glaube, ich kann die Sache nicht klarer und handgreiflicher ausdrücken, als wenn ich sage, ihr seht dort das Bild des männlichen, hier des weiblichen Gliedes.” Diesen scherzhaften Bemerkungen, welche Kepler gleich darauf als Spielerei bezeichnet, liegt das Verständnis zugrunde, dass das unübersehbare Auftreten des goldenen Schnitts in der belebten Natur damit zusammenhängt, dass die organischen Wesen Produkte des ihrer Existenz zugrunde liegenden Zeugungsprozesses sind. Keplers Modell im Mysterium Cosmographicum zeigt somit, dass der Schöpfungsprozess des Universums mit dem Zeugungsprozess organischen Lebens kohärent ist. Genau wie ein Baum seine Sprossen in Abständen treibt, deren Verhältnis im goldenen Schnitt steht, so muss das Universum offensichtlich in einem Prozess entstehen, der die Planetenbahnen entsprechend dieses Verhältnisses entstehen ließ. Doch mehr noch, auch der schöpferische Denkprozess des Menschen muss mit diesem lebendigen Prinzip kohärent sein. Wenn er etwas zur Naturerkenntnis beitragen will, so darf er sich deshalb nicht in statistischen Syllogismen und Axiomensystemen erschöpfen!Fortsetzung folgt.Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank![Folge 1] This is a public episode. 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  16. 7

    Der Astronom Johannes Kepler

    Lieber Miko,liebe Freunde der Morgenstunden,über Johannes Kepler habe ich auf diesen Seiten bereits des öfteren berichtet, so zum Beispiel hier. In der vorherigen Morgenstunde hat dann Ralf Schauerhammer in seinem Beitrag über den Zusammenhang von Glauben, Demut und Wissenschaft Kepler besonders herausgehoben. Dies hat mich daran erinnert, dass ich bei meinen Recherchen einen früheren Text von Ralf Schauerhammer und seiner leider zu früh verstorbenen ersten Ehefrau Rosemarie “Romie” Schauerhammer entdeckt und viel von ihm profitiert habe, was mein eigenes Grundverständnis angeht. Daher habe ich mir gedacht, es würde dich, Miko, und alle Leserinnen und Leser freuen, auch einmal etwas über Kepler hören zu können. Kurz: Ich habe den Text “Der Astronom Johannes Kepler”, der vor über vierzig Jahren [Ibykus, Nr. 8, 1984] erstmals erschien, vertont. Ralf Schauerhammer hat sich darüber auch sehr gefreut.Der Astronom Johannes Kepler Von Rosemarie und Ralf Schauerhammer “Dieser Mensch hat ganz und gar eine Hundenatur. Er ist ganz wie ein verwöhntes Hündchen. Erstens, der Körper ist beweglich, dürr, wohlproportioniert. Die Nahrung ist beiden die gleiche. Es macht ihm Spaß, Knochen abzunagen und harte Brotkrusten zu kauen. Er ist gefräßig, ohne Ordnung. Sobald ihm etwas unter die Augen kommt, reißt er es an sich. Er trinkt wenig. Er ist selbst mit dem Geringsten zufrieden. Zweitens. Sein Charakter ist ganz ähnlich. Zuerst macht er sich, wie der Hund bei den Hausgenossen, beständig bei den Vorgesetzten beliebt. In allem ist er von anderen abhängig, ist ihnen zu Diensten, wird gegen sie nicht wütend, wenn er getadelt wird. Auf jede Art sucht er sich wieder auszusöhnen. Er forscht alles aus in Wissenschaft, Politik, im Hauswesen, selbst in den einfachsten Tätigkeiten. Er befindet sich in fortwährender Bewegung und irgendwelche Leute, die das und jenes treiben, verfolgt er, indem er dasselbe treibt und dasselbe ausdenkt.Er ist hartnäckig, eifert gegen jeden, der sich schlecht aufhört, er bellt nämlich. Er ist auch bissig, scharfer Spott liegt ihm auf der Zunge. So ist er meist verhasst. Vor Baden, Untertauchen, Waschen schaudert es ihn wie einen Hund.” Diese Worte stammen aus der Selbstcharakteristik, mit der sich der 30-jährige Johannes Kepler humorvoll und mit der für ihn typischen Selbstironie beschreibt. Kepler hat für die Wissenschaft Unermessliches geleistet, denn er wurde von Liebe zum geistigen Schaffen und zum Geschaffenen bewegt. Sein freier Geist wagte es, die jahrhundertealten Fesseln, in denen das Universum in starren Kristallsphären verfangen war, mutig zu zersprengen und die harmonische Ordnung der Planetenbahnen unermüdlich zu erforschen, bis er die Entwicklung des gesamten Universums aus einem einheitlichen Prinzip erklären konnte. Wie die Erde durch die Sonnenstrahlen erwärmt und belebt wird, so erblühten auf allen Gebieten, die von Keplers schöpferischem Geist erfasst wurden, wichtige und neue Ideen. Kepler, und nicht etwa Newton oder Galileo, ist der Begründer der modernen Naturwissenschaften.Keplers Leistung beschränkt sich nicht auf die oft zitierte Entdeckung der drei Planetengesetze. Kepler schuf die Naturwissenschaft als Wissenschaft. Kepler ist der Begründer der modernen Optik, welche er entwickelte, um die Funktionsweise des Fernrohrs und die Gültigkeit der damit gelieferten astronomischen Messdaten zu erklären. Kepler begründete “als sorglicher Familienvater, der für sein Haus einen Trunk zu besorgen hat”, am Beispiel der Berechnung von Weinfässern verschiedener Formen die Stereometrie. Kepler entwickelte Rechenmethoden, welche bereits im Keim die Grundidee der Leibnizschen Infinitissimalrechnung anklingen lassen, und forderte die Mathematiker dazu auf, eine solche Rechenmethode zu entwickeln. Kepler lieferte sofort, nachdem ihm die Logarithmentafeln von Lord Neber bekannt wurden, eine theoretische Erklärung dieses Rechenverfahrens und benutzte es zum Entwurf der ersten funktionsfähigen mechanischen Rechenmaschine, die er leider niemals benutzen konnte, weil sie in den Wirren der damaligen Zeit mit dem Hause seines Konstrukteurs und Freundes Wilhelm Schickart verbrannte. Kepler starb nach einem schweren, aber glücklichen und erfüllten Leben 1630 in Regensburg, von seinen Feinden durch die deutschen Lande gehetzt und völlig verarmt.Seine Grabstätte ist unbekannt und sein Nachlass wurde in alle Winde zerstreut. Auch nach seinem Tode trifft die ironische Selbstcharakterisierung auf Kepler zu: Man behandelte ihn wie einen toten Hund. Die Welt zu Keplers Zeit: Fanatismus, Inquisition und Krieg Johannes Kepler lebte in einer Zeit, in der es schien, als gäbe es für die Menschheit keine Hoffnung mehr. Alles verdichtete sich zu einem schrecklichen Krieg, der 30 Jahre lang in Europa wütete und die Hälfte der Bevölkerung direkt oder indirekt hinwegraffte. Die Religionskriege hatten den Glauben an einen rationalen Gott begraben. Irrationalität und Unmoral, wie sie in den Dramen von Gryphius und der Beschreibung des Simplicissimus von Grimmelshausen so scharf dargestellt wurden, feierten ihren Triumph.Magie, Hexenkulte und Rosenkreuzertum ersetzten rationales Denken und Wissenschaft. In dieser hoffnungslosen Zeit erstrahlt Johannes Kepler wie ein Stern am Horizont und legt die Grundlagen, auf denen aufbauend Leibniz nach dem verheerenden Kriege innerhalb kurzer Zeit neue wirtschaftliche Fortschritte einleiten konnte. Niemals, auch in den schlimmsten Zeiten nicht, verliert Kepler den Glauben daran, dass der Mensch Ziel der Welt und jeglicher Schöpfung ist. “Den Genuss, den ich aus meiner Entdeckung geschöpft habe, mit Worten zu beschreiben, wird mir nie möglich sein,” sagte er. Mit den aus Reformation und Gegenreformation entstehenden Religionskriegen hatte die blühende deutsche Renaissance noch zu Lebzeiten Martin Luthers ein jähes Ende gefunden.Die junge, sich entwickelnde Industriekultur wurde im Keime erstickt. Unter Gegenreformation und protestantischer Orthodoxie hatte wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt keinen Platz mehr. In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts wüteten die Bauernkriege. Luther selbst stellte sich auf die Seite der Oligarchen, denen er empfahl, mit Feuer und Schwert gegen die Bauern vorzugehen. In seiner Schrift »Über die Unfreiheit des Willens« hatte Luther gegen den Humanismus von Erasmus von Rotterdam den Menschen als von Grund auf Böse dargestellt, der Gottes Willkür völlig passiv ausgeliefert sei. 1532 machte Johannes Calvin in Genf seine inhumane Prädestinationslehre bekannt, wonach bereits vorbestimmt ist, ob der Mensch die Glückseligkeit erlangen kann. Eine moralische und schöpferische Verantwortung des Menschen für die Verbesserung der Welt gab es deshalb für die Calvinisten nicht. Zwei Jahre später gründete Ignatius von Loyola die ‘Societas Jesu’. Die Truppe der Gegenreformation kämpfte für die gleiche tierische Weltanschauung wie Calvin. Verneint die kalvinistische Prädestinationslehre von vornherein jegliche Verantwortung des Menschen, so kultivierte Loyola dasselbe degradierte Menschenbild durch genau die entgegengesetzte Herangehensweise. Auf der Grundlage von Aristoteles' Nikomachischer Ethik verfeinerte der Orden die berüchtigte Doktrin “der Zweck heiligt die Mittel”. Zur gleichen Zeit setzt Papst Paul III. das berüchtigte heilige Offizium der Inquisition ein. Dieses wird in den nächsten 100 Jahren seine unheilvollen Aktivitäten ausüben. In Frankreich, England, Holland und allen deutschen Ländern entflammten die Religionskriege.Wie Schiller in »Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« beschreibt, wurde die Gelegenheit, die sich den Protestanten zur Herstellung von Einheit und Freiheit in Deutschland geboten hätte, nicht genutzt. Lutheranismus, Calvinismus und Jesuitentum lieferten das moralische Deckmäntelchen, Andersgläubige blutig auszurotten, wenn es in die politischen Karten passte. Kepler war Zeit seines Lebens religiösen Verfolgung ausgesetzt. Dreimal wurde er sogar unter Lebensgefahr aus der Heimat ausgewiesen. Genau wie auf religiösem, so wütete auch auf erkenntnistheoretischem Gebiet der Kampf. Die Renaissance auch in Deutschland hatte den scholastischen Aristotelismus in seinen Grundfesten erschüttert. Mit ihrem blutigen Ende zog auch der Scholasmus wieder in die Wissenschaften ein. Die Neuplatoniker wie Proklos und vor allem Nikolaus von Kues waren, wenn nicht vergessen, so doch nicht mehr einflussreich. Thomas Campanella und Giordano Bruno saßen in den Kerkern Roms. Die grausame Verbrennung Brunos auf dem Scheiterhaufen der Inquisitionen erlebte Kepler mit 29 Jahren. In der Astronomie, der Kepler den Großteil seiner Lebensarbeit widmete, wird die Rigidität des Aristotelismus besonders deutlich. Im Jahr 150 n. Chr. hatte Ptolemäus das aristotelische Weltbild in seinem Almagest festgeschmiedet. Himmel und Erde waren strikt getrennte Bereiche. Die Himmelskörper unterlagen einem anderen Naturgesetz als die Erde. Im Himmel gab es keine Entwicklung, sondern ewig und unveränderlich umkreisen die Planeten die ruhige Erde in einer gleichförmigen ewigen Kreisbewegung. Um dieses Konstrukt eines an ehernen Gesetzen festgeschmiedeten Universums wenigstens annähernd mit der Realität in Einklang zu bringen, mussten zur Erklärung der Bewegung der Planeten eine Unmenge an Ausnahmefällen wie Epizykel und Exzenter herangezogen werden. Das ganze System wurde bald fast genauso aberwitzig und verzwickt wie die heutige Teilchenphysik. Dennoch gerieten die Kalender immer mehr in peinliche Unordnung. Kopernicus beschreibt die Situation der damaligen Wissenschaftler folgendermaßen: “Es geht Ihnen... [gemeint sind die Mathematiker] wie jemandem, der Hände, Füße, Kopf und andere Glieder, die für sich wohl gut gemalt sind, aber nicht ein und demselben Leib entnommen, die also untereinander nicht übereinstimmen, zu einem Ganzen zusammensetzen wollte. Nicht ein Mensch, sondern ein Monstrum käme zum Vorschein.” Die Argumente des Ptolemäus zur Rechtfertigung seines “Nullwachstums-Weltbildes” deckten sich mit denen der heutigen technologiefeindlichen Bewegung. Er sagt: “Es wird sich wohl niemand im Hinblick auf die Dürftigkeit menschlicher Machwerke der Technik Gedanken machen, dass die hier vorgetragenen Hypothesen zu künstlich seien. Darf man doch Menschliches nicht mit Göttlichem vergleichen und ebenso wenig die Beweisgründe für so gewaltige Vorgänge den ungleichartigsten Beispielen entnehmen.”Gegen dieses ptolemäische System hatte Nikolaus von Kues schon 1440 in seinen Schriften die Ähnlichkeit der Himmelskörper mit der Erde erörtert und die Erdrotation vermutet. Im Jahre 1543 widmete der Frauenburger Domherr Nikolaus Kopernikus seine Schrift »De Revolutionibus Orbium Coelestium«, (“Von den Umdrehungen der Himmelssphären”), Papst Paul III. Darin wurde die Sonne wieder, wie schon von dem Griechen Aristarchus, ins Zentrum der Welt gerückt. Obwohl die koperikanische Lehre weiterhin an einer strikten Trennung zwischen Astronomie, Himmelsphysik und irdischer Physik festhielt, war sie ein wichtiger Ausgangspunkt für Keplers Revolution der Wissenschaften. Dies war die geistige und politische Situation als Johannes Kepler am 27. Dezember 1571 in der schwäbischen Stadt Weil der Stadt geboren wurde.Das schwächliche Siebenmonatskind sollte keine schöne Jugend erleben. Sein Vater, den Kepler als “einen lasterhaften, schroffen und händelsüchtigen Menschen” schildert, war ein Abenteurer, dem nichts an Frau und Kindern lag. Er zog in die Niederlande, um auf Seiten Herzog Albas den Aufruhr niederzuschlagen, den die spanische Schreckensherrschaft dort ausgelöst hatte. Die Mutter, “streitsüchtig und von unguter Art”, wie Kepler sagte, kümmerte sich auch nicht um die Kinder. Dank eines für damalige Verhältnisse guten Erziehungssystems in Württemberg konnte Kepler jedoch auf Staatskosten die Schule und die Universität Tübingen besuchen, wo er Theologie studierte. Dort wurde er von seinem Lehrer Michael Maestlin mit Philosophie und Astronomie vertraut gemacht. Vor allem die Philosophie war es, die er als Ganzes mit ungeheurer Begierde erfasste.Hier las er den göttlichen Cusanus, den Neuplatoniker Proklus, Platon, aber auch Aristoteles, Pythagoras und den italienischen Mystiker Julius Scaliger. Maestlin brachte ihm auch die Lehre Kopernikus’ nahe. Und hier schon stellen sich für Kepler die Fragen, denen er sein ganzes Leben lang nachspürt. “Drei Dinge waren es vor allem,” so sagte Kepler im Vorwort seines Jugendwerkes Mysterium Cosmographicum, “deren Ursachen, warum sie so und nicht anders sind, ich unablässig erforschte, nämlich die Zahl, Größe und Bewegung der Bahnen der Wandelsterne.” Und schon in seiner Jugend empfand er, dass die aristotelische Erklärung der Welt nicht der Wahrheit entsprechen könne. Zitat »Schon zu der Zeit, als ich mich in Tübingen eifrig dem Verkehr mit dem hochberühmten Magister Michael Maestlin widmete, empfand ich, wie ungeschickt in vieler Hinsicht die bisher übliche Ansicht über den Bau der Welt ist. Ich ging schon daran, der Erde aus physikalischen oder, wenn es Dir besser gefällt, aus metaphysischen Gründen auch die Bewegung der Sonne zuzuschreiben, wie es Kopernikus aus mathematischen Gründen tut.« Fortsetzung folgt, lieber Miko!Bis dahin,Dein Opa!Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  17. 6

    Praktischer Optimismus

    Optimismus, ein GlaubensbekenntnisVon Helen KellerAutorisiert. Deutsch von Dr. Rudolf LautenbachMeiner Lehrerin Anne Mansfield Sullivan zugeeignet3. Praktischer OptimismusDer Prüfstein einer jeden Weltanschauung ist ihre praktische Wirkung im Leben. Wenn es wahr ist, dass der Optimismus die Welt vorwärts bringt und der Pessimismus sie aufhält, dann ist es gefährlich, eine pessimistische Philosophie zu verbreiten. Jemand, der glaubt, dass in der Welt der Schmerz die Freude überwiegt und dieser unglücklichen Überzeugung Ausdruck verleiht, vermehrt nur den Schmerz. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  18. 5

    Äußerer Optimismus

    Optimismus, ein GlaubensbekenntnisVon Helen Keller[Hier klicken für Teil 1, Innerer Optimismus]2. Äußerer OptimismusDer Optimismus ist also meine fest innere Überzeugung. Aber auch wenn ich hinausblicke ins Leben, stoße ich damit nicht auf Widersprüche. Die Außenwelt rechtfertigt meine optimistische Auffassung. Während der ganzen Zeit, die ich auf der Hochschule zugebracht habe, ist mein Studium eine fortwährende Entdeckung des Guten gewesen. In der Literatur, der Philosophie, der Religion und der Geschichte finde ich die starken Zeugen meines Glaubens. Die Philosophie ist die in großen Lettern geschriebene Geschichte einer tauben und blinden Person. Von Sokrates über Plato und Berkeley bis auf Kant bezeichnet die Philosophie die Anstrengungen des menschlichen Geistes, sich von der Last der materiellen Welt freizumachen und hinwegzufliegen in ein All der reinen Idee. Für einen taubblinden Menschen sollte die ideale Welt Platos eine besondere Bedeutung und Anziehungskraft haben.Die Dinge, die ihr seht, hört und fühlt, sind nicht die Wirklichkeit der Wirklichkeiten, sondern unvollkommene Manifestationen der Idee des Prinzips des Geistes. Die Idee ist die Wahrheit, das Übrige ist Täuschung. Wenn dem so ist, so kennen meine Mitmenschen, die im Vollbesitz ihrer Sinne sind, keine Wirklichkeit, die nicht ebenso gut im Bereich meiner Erkenntnis liegt. Die Philosophie gibt dem Geiste das Vorrecht, die Wahrheit zu sehen und trägt uns in Regionen, wo ich, die ich blind bin, nicht verschieden bin von euch, die ihr seht.... This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  19. 4

    Innerer Optimismus

    [Der folgende Text stammt aus einem 1906 veröffentlichen kleinen Buch von Helen Keller. Nachdem ich kurz vor Weihnachten durch den Beitrag von Cynthia Chung auf Helen Keller aufmerksam wurde, habe ich mich näher mit Helen Keller beschäftigt. Im Antiquariat erwarb ich ihre vor mehr als einhundert Jahren veröffentlichte Schrift über den Optimismus, die Helen Keller als “Glaubensbekenntnis” veröffentlicht hat. Ich habe diese Schrift gelesen und bin davon sehr beeindruckt. Keller begründet darin in drei Kapiteln ihr Bekenntnis zum Optimismus. Dabei finde ich vor allem ihren gedanklichen Aufbau und die grundsätzliche Herleitung einzigartig und zeitlos aktuell. Die von Keller gelieferten Belege sind aus der damaligen Zeit zu verstehen. Hervorhebungen im Text in Fett von mir.]Optimismus. Ein Glaubensbekenntnis Von Helen Keller Autorisiert. Deutsch von Dr. Rudolf LautenbachMeiner Lehrerin Anne Mansfield Sullivan zugeeignet 1. Innerer Optimismus Wenn wir die Verhältnisse, in denen wir leben möchten, nach freiem Ermessen auswählen könnten, und wenn der Wunsch bei menschlichen Unternehmungen zugleich seine Erfüllung einschlösse, so würden, glaube ich, alle Menschen Optimisten sein.Sicherlich betrachten die meisten von uns die Glückseligkeit als das eigentliche Ziel allen irdischen Tuns. Der Wunsch, glücklich zu sein, erfüllt und belebt in gleicher Weise den Philosophen, den König und den Bettler. Ob jemand geistig stumpf, mittelmäßig oder hochbegabt ist, er fühlt, dass der Anspruch auf Glückseligkeit sein unbestreitbares Recht ist. Es ist merkwürdig zu beobachten, wie verschieden die Vorstellungen sind, welche die Menschen vom Glück haben und an welch merkwürdigen Orten sie diesen Jungbrunnen ihres Lebens suchen. Viele sehen es in der Anhäufung von Reichtümern, manche in dem stolzen Gefühl der Macht und andere in Leistungen auf dem Gebiete der Kunst und der Literatur. Einige wenige erblicken es in der Erforschung ihrer eigenen Psyche oder in dem Streben nach Kenntnissen und Erkenntnis. Die meisten Menschen bemessen ihr Glück nach physischem Wohlbehagen und materiellem Besitz. Wenn sie irgendein sichtbares Ziel, das sie sich gesteckt haben, erreichten, wie glücklich würden sie sein! Verfehlen sie jedoch dieses Ziel oder diesen zustand so pflegen sie unglücklich zu sein.Wäre das Glück so zu bemessen, dann hätte ich, die weder sehen noch hören kann, allen Grund, händeringend abseits zu sitzen und zu weinen. Wenn ich nun trotz meiner Gebrechen glücklich bin, wenn trotzdem mein Glücksgefühl so tief verwurzelt und stark ist, dass es ein wahres Glaubensbekenntnis ist, so fest begründet, dass es zu einer Lebensphilosophie wird, — kurz, wenn ich eine Optimistin bin, so ist mein Zeugnis für den Glauben an den Optimismus wohl wert, gehört zu werden. Als ob Sünder in einer Versammlung aufstehen und die Güte Gottes rühmen, so mag eine, die als stiefmütterlich ausgestattet gilt, sich in froher Überzeugung erheben und die Schönheit und Güte des Daseins bezeugen. Einst kannte ich den Abgrund, in dem es keine Hoffnung gab und in dem alles mit Finsternis umhüllt war. Dann kam die Liebe und machte meine Seele frei. Einst kannte ich nur Nacht und Todesstille. Jetzt kenne ich Hoffnung und Freude. Einst verzehrte ich mich, indem ich gegen die Mauern tobte, die mich einschlossen. Jetzt freue ich mich in dem Bewusstsein, dass ich denken, handeln und den Himmel gewinnen kann. Mein Leben war ohne Vergangenheit und Zukunft, ein Tod, “eine sehnlichst zu wünschende Auflösung”, wie es der Pessimist bezeichnen würde. Aber ein Wörtchen von den Fingern einer anderen traf auf meine Hand, füllte die seitherige Leere aus und mein Herz schlug höher vor Lust zu leben. Die Nacht floh vor dem Tag, und Liebe und Freude und Hoffnung kamen zum Ausdruck in Gestalt eines heftigen Verlangens nach Kenntnissen. Kann jemand, der einer solchen Gefangenschaft entronnen ist, den das Wonnegefühl der Freiheit durchschauert hat, ein Pessimist sein?Meine erste Erfahrung war also ein Sprung vom Bösen zum Guten. Und selbst wenn ich mir noch so große Mühe gäbe, würde ich diesen Sprung aus der Finsternis nicht näher erklären können. Das Vorwärtsdrängen ist eine Bewegung, die ganz plötzlich ansetzt, in jenem ersten Augenblick der Befreiung und des Sprunges ins Licht.Mit dem ersten Wort, das ich mit Verständnis anwendete, lernte ich leben, denken, hoffen. Die Dunkelheit kann mich nicht wiederumfangen. Ich habe die Küste erblickt und kann nun in der Hoffnung leben, das Land zu erreichen. Daher ist mein Optimismus keine sentimentale und unbegründete Zufriedenheit. Ein Dichter sagte einst, »Ich müsste glücklich sein, weil ich die nackte, kalte Wirklichkeit nicht sähe, sondern in einem schönen Traum lebte.« Ich lebe allerdings in einem schönen Traume! Aber dieser Traum ist eben die Wirklichkeit, die Gegenwart. Doch nicht kalt, sondern warm. Nicht nackt, sondern mit tausend Segen ausgestattet. Gerade das Böse, von dem der Poet meinte, dass es eine grausame Täuschung sein würde, ist notwendig zum vollsten Verständnis der Freude.Nur durch die Berührung mit dem Übel konnte ich durch den Gegensatz die Herrlichkeit der Wahrheit und Liebe und Güte empfangen lernen. Es ist ein Fehler, stets das Gute zu betrachten und das Böse zu ignorieren, weil man durch diese Vernachlässigung die Menschen ins Verderben führt. Es gibt einen gefährlichen Optimismus der Ignorierung und der Indifferenz. Es genügt nicht zu erklären, “das 20. Jahrhundert ist das beste Zeitalter in der Geschichte der Menschheit”, und sich vom irdischen Bösen in himmlische Träumereien vom Guten zu flüchten. Wie viele gute erfolgreiche und zufriedene Menschen haben Umschau gehalten und nichts gesehen als Gutes, während Millionen ihrer Mitmenschen verschachert und verkauft wurden wie Vieh! Zweifelsohne gab es viele Optimisten, die sich's wohl ergehen ließen und Wilberforce für einen unbequemen Nörgler hielten, als er sich mit aller Macht und Energie für die Befreiung der Sklaven ins Zeug legte. Solange es noch Ungerechtigkeiten gibt, die Laut nach Abhilfe schreien, hege ich Mißtrauen gegen den voreiligen Optimismus in diesem Lande (in Amerika), welcher ruft: “Hurra! Bei uns ist alles in schönster Ordnung! Wir sind die erste Nation der Welt!” Das ist ein verkehrter Optimismus. Ein Optimismus, der die Schattenseiten nicht berücksichtigt, ist wie ein Haus auf Sand gebaut. Ein Mensch muss das Übel verstehen und die Traurigkeit kennen, ehe er sich als Optimisten bezeichnen und erwarten darf, dass andere diese seine innere Überzeugung als begründet anerkennen. Ich weiß was Übel ist. Ein oder zwei Mal habe ich mit ihm gekämpft und eine zeitlang seine erstarrende Wirkung auf mein Leben verspürt. Daher spreche ich aus Erfahrung, wenn ich behaupte, daß das Übel keine schlimmen Folgen hat, sondern nur eine art geistiger Gymnastik ist. Gerade darum, weil ich damit in Berührung gekommen bin, bin ich eine umso wahrhaftigere und überzeugtere Optimistin. Ich kann aus voller Überzeugung sagen, dass der Kampf, den das Böse notwendig macht, ein wunderbarer Segen ist! Er macht uns zu starken, geduldigen und hilfreichen Charakteren. Er führt uns in das innerste Wesen der Dinge und lehrt uns, dass, wiewohl die Welt voller Leid ist, sie auch voll ist von Mitteln, es zu überwinden! Mein Optimismus beruht also nicht auf der Negation des Bösen, sondern auf einem frohen Glauben, dass das Gute überwiegt, und auf dem mächtigen Willen, immer mit dem Guten Hand in Hand zu arbeiten, damit es mehr und mehr vorherrschen möge.Ich suche die Kräfte zu stärken, die mir Gott verliehen hat, in allem und jedem das Beste zu sehen und dieses Beste zu einem Teil meines Lebens zu machen. Die Welt ist mit dem Guten besät, aber wenn ich meine heiteren Anschauungen nicht in das praktische Leben übertrage und meinen eigenen Acker damit bestelle, kann ich kein Körnchen vom Guten ernten. Auf diese Weise ist mein Optimismus auf zwei Welten gegründet, auf meine eigene und auf die, welche mich umgibt. Ich fordere von der Welt, dass sie gut sein möge und siehe da, sie gehorcht und ist es. Ich erkläre die Welt für gut und die Tatsachen ordnen sich so ein, dass sie meine Behauptung als überwältigend wahr erweisen. Dem Guten öffne ich die Pforten meines Herzens und wachsam verschließe ich sie dem Schlechten! Darauf beruht die Kraft dieser meiner schönen und grundsätzlichen Überzeugung. Sie bildet selbst einen Schutzwall gegen widerstrebende Einflüsse. Ich werde nie entmutigt durch die Abwesenheit des Guten. Ich kann durch keinerlei gegenteilige Ansichten von meiner Überzeugung abgebracht und hoffnungslos gemacht werden. Zweifel und Misstrauen sind nur der Schrecken einer furchtsamen Einbildungskraft, die ein standhaftes Herz besiegen und über die ein großer Geist hinwegschreiten wird. Am Ende meiner Studienzeit schaue ich vorwärts, die Brust mit stolzen Hoffnungen geschwellt, was für eine Tätigkeit die Zukunft mir vorbehalten haben mag. Mein Anteil am Getriebe der Welt mag beschränkt sein, aber die Tatsache, dass es Arbeit ist, macht ihn kostbar. Ja, der Wunsch und der Wille zu arbeiten ist an sich schon Optimismus. Vor zwei Generationen schleuderte Carlyle sein Evangelium der Arbeit in die Welt, den Träumern von der Revolution, die Luftschlösser von einer Glückseligkeit bauten und, wenn dieselben von dem unvermeidlichen Stürmen hinweggeweht wurden, Pessimisten wurden, jenen unfruchtbaren Gestalten eines Endymion, Alastor, Werther rief dieser schottische Bauer, auch ein Mann der Träume, aber in der harten praktischen Welt, laut seinen Glauben an die Arbeit zu. “Seid nicht länger ein Chaos, sondern eine Welt. Schaffet. Schaffet! Und es wäre auch nur das kümmerlichste, kleinste Bruchteilchen eines Produktes. Schafft es, in Gottes Namen! Es ist das Äußerste, was du in dir hast. Also raus damit. Auf, auf. Was du auch tust, tu es mit all deiner Kraft. Wirke, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann.” Man hat von verschiedenen Seiten behauptet, Carlyle hätte die Menschen von der rauen Wirklichkeit ablenken und sie durch schwere Arbeit und Anstrengung den Blick zur Erde gesenkt ihr Elend vergessen machen wollen. Das ist Carlyles Absicht nicht. »Tor!«, ruft er, »das Ideal liegt in dir selbst. Das Hindernis liegt gleichfalls in dir selbst. Schaffe das Ideal heraus in die armselige, erbärmliche Wirklichkeit! Lebe, denke, glaube und sei frei!« Es ist klar, was er meint, dass arbeiten, produzieren das Leben aus dem Chaos herausbringt, das Individuum zu einer Welt, einer Ordnung macht. Und Ordnung ist Optimismus. Auch ich kann wirken, und weil ich gerne mit Kopf und Hand arbeite, bin ich Optimistin. Ich glaubte immer, ich würde behindert werden in dem Wunsche, etwas Nützliches zu leisten. Aber ich habe gefunden, dass obgleich der Wege, in denen ich mich nützlich machen kann, nur wenige sind, doch die Arbeit, die sich mir eröffnet, endlos ist. Der freudigste Arbeiter im Weinberge mag ein Krüppel sein. Wenn ihn auch die anderen übertreffen, so reifen, doch auch alljährlich in der Sonne für ihn volle Trauben. Darwin konnte auf einmal nur eine halbe Stunde arbeiten; und doch hat er in vielen fleißigen halben Stunden den Grund zu einer neuen Philosophie gelegt. Ich möchte gerne eine große und edle Aufgabe erfüllen, aber meine vornehmste Pflicht und Freude ist es, auch niedrige Aufgaben so zu behandeln, als ob sie groß und edel wären. Ich pflege stets zu bedenken, wie ich den Anforderungen, die jeder Tag an mich stellt, am besten gerecht werden kann und ich freue mich darüber, dass andere das leisten können, was mir versagt ist. Der Historiker Green sagt, dass die Welt vorwärtsgebracht wird, nicht allein durch die gewaltigen Taten ihrer Helden, sondern ebenso durch die vereinten geringen Antriebe jedes ehrlichen Arbeiters; und dieser Gedanke allein genügt mir, um mich in dieser dunklen Welt und Weite zu leiten. Ich freue mich über das Gute, das andere tun. Denn ihre Tätigkeit gibt mir die Gewähr, dass mit oder ohne mein Mitwirken, das Wahre und das Gute gesichert stehen. Ich habe Vertrauen und nichts, was auch immer eintreten mag, stört mein Vertrauen. Ich erkenne die Güte der Macht, die wir alle als die Höchste verehren, — Ordnung, Schicksal, Weltgeist, Natur, Gott. Ich erkenne diese Macht in der Sonne, die alles wachsen lässt und das Leben erhält. Ich befreunde mich mit dieser unerklärlichen Kraft und bin vollkommen bereit, froh und tapfer, jedes Los zu ertragen, das mir der Himmel auferlegen mag.Das ist meine Anschauung vom Optimismus.Fortsetzung folgt: 2. Äußerer OptimismusMorgenstunden ist eine von Lesern unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  20. 3

    "Hast du Angst vor dem Tod?"

    Lieber Miko,gestern Abend war ich eingeladen zur Sendung ‘Querbeet’ auf OS-Radio 104,8. Siggi Ober-Grefenkämper hatte mich eingeladen zum Interview, um über meine Arbeit mit John Strelecky und den Big Five for Life zu sprechen. Und über die Morgenstunden!Viel Freude beim Hören!02:20 Inhaltsangabe ‘Das Cafe am Rande der Welt’04:00 Was habe ich mit dem Cafe am Rande der Welt zu tun? Mein Projekt im Jahr 2010: John Strelecky nach Deutschland zu holen.07:20 28.200 Tage kostbarer Lebenszeit (statistisches Mittel).08:40 Die Afrikanischen Big Five (Büffel, Elefant, Leopard, Löwe, Nashorn) als Motiv für die Big Five for Life (Was wirklich zählt im Leben)11:05 Warum es Menschen manchmal schwerfällt, einen Zweck der Existenz zu erkennen16:05 “Nach mir die Sintflut”? Wie ein gelingendes Leben aussieht18:00 Wie kam es zum Hörbuch Safari des Lebens? Und worum geht es?22:35 Auszug aus dem Hörbuch “Safari des Lebens” (2011, vergriffen)28:02 Interpretation der Aussage aus dem Kapitel 3329:40 Nichts geschieht ohne Grund? Über dem Umgang mit Herausforderungen und Schmerz31:40 Wanderer zwischen den Welten? 32:55 Die Morgenstunden von Moses Mendelssohn. Warum ist es vernünftig, an Gott zu glauben?35:40 Hast du Angst vor dem Tod?37:50 Agape. Warum ist die Ausrichtung auf Liebe so entscheidend?39:15 Was möchtest du hinterlassen? Und was ist deine Bestimmung? This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  21. 2

    Zu Gast beim "Sonntagsgespräch"

    Inhalt:03:00 Big Five for Life und Zweck der Existenz 06:00 Wie schafft man es, seine Big Five zu entdecken? 09:00 Ganz Mensch sein: Entdeckung als Prinzip der Bildung 11:30 Wenn Kinder die Träume der Eltern nachholen sollen: Die Erwartung als Problem 14:00 Die Furcht vor dem Scheitern durch Selbst-Sicherheit überwinden 16:30 Spiel als Bedingung des Menschlichen 19:00 Friedrich Schiller: Die Schönheit als Spiel, Spiel als Schönheit 22:00 Die Aktualität Schillers: Warum ist er banalisiert und an den Rand gedrängt worden 26:00 Kreative Vernunft, Seele, Big Five for Life und der Fortschritt Diese Morgenstunde teilenMehr zu Iris Zimmer: https://was-dich.naehrt.de Um dauerhaft einen vollen Zugriff auf alle Morgenstunden zu erhalten und um die Arbeit inkl. aufwändiger Recherchen zu unterstützen, können Sie mir mit einem Abo helfen. Vielen Dank! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

  22. 1

    Die Atlantis-Sage in Platons 'Timaios'

    Im Beitrag zur Bedeutung der Renaissance für die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Europas und der westlichen Welt von David Gosselin wurde auf das klassische Fundament verwiesen. Neben dem Prometheus-Mythos spielt insbesondere der Philosoph Platon eine zentrale Rolle, der mit den Dialogen des Sokrates wichtige Grundlagen dokumentierte. Im Timaios-Dialog, der im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand, wird diesbezüglich als wichtiges Werk betrachtet. Darin wird eine antike Schöpfungsgeschichte vorgestellt, deren Bedeutung vor allem im philosophisch-strukturellem Kontext der Vernunft liegt, welche große Wirkung auf die Universalgeschichte der Menschheit entfaltete.Vorab soll hier jedoch ein Auszug aus dem archaischen Atlantis-Mythos dokumentiert werden, der sich ebenfalls eingangs im Timaios-Dialog findet. Kritias, ein Dichter und Staatsmann aus Athen, erzählt dem Sokrates die Sage, wie sie ihm von seinem gleichnamigen Großvater erzählt worden war, dessen Vater ein Verwandter und Zeitgenosse des weisen Athener Gesetzgebers Solon war. Um dauerhaft einen vollen Zugriff auf alle Morgenstunden zu behalten und um die Arbeit inkl. aufwändiger Recherchen zu unterstützen, können Sie mir mit einem Abo helfen. Vielen Dank! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

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Die Morgenstunden sind mein Beitrag für die Welt. Sie werden zukünftig mehrmals in der Woche in Form von Lesungen aus Originaltexten sowie mit Übersetzungen und eigenen Texten erscheinen, um den Sinn zu schärfen für die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf das Göttliche in uns — und damit a priori auf Gott. morgenstunden.substack.com

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Uwe Alschner

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