EPISODE · Apr 26, 2026 · 1H 22M
#10 – Gestrandete Gegenwarten – Vom Wal im Livestream zur nebeligen Zeitreise in einem Antiquariat
from Über dem Nebelmeer
Die zehnte Episode des Nebelmeers ist eine runde Zahl, und Nico hatte nie damit gerechnet, dass Sebastian und er bis hierher durchhalten würden. Den Auftakt macht, wie üblich, das Stochern im Nahbereich: Sebastians Sonnenbrand aus dem Sauerland (Riesenrad, unterschätzte Höhe), Proteinshakes in unterschiedlichen Geschmackssorten und ein Blick auf den sinkenden deutschen Bierkonsum (wobei beide Hosts als lebenslanger Abstinenzler die Statistik nach eigener Auskunft nicht verzerren).Das erste große Thema: Timmy (oder Hope), ein gestrandeter Buckelwal auf der Insel Poel in der Ostsee, der zum ZDF-Dauerlivestreaminhalt wurde. Nico liest aus einem NZZ-Artikel von Eric Matt vor, der nicht nur den Wal, sondern vornehmlich dessen Publikum unter die Lupe nimmt: Aktivistinnen, die wochenlang im Auto schlafen, um »Zeitzeuginnen einer barbarischen Sache« zu sein; Anwohner, deren Dörfer vollgeparkt und von pissenden Aktivisten heimgesucht werden; und Minister Till Backhaus aus Mecklenburg-Vorpommern, der sich vorstellt, wie es wäre, wenn die Evolution umgekehrt verlaufen wäre und der Wal jetzt Sebastians Lebenserhaltungssysteme abschalten würde. Die Verbindung zur Pleonexie aus Episode 9 liegt nahe: 83 Millionen Walexperten, alle mit einer Meinung, keiner mit einem Meeresbiologiestudium. Warum gibt es eigentlich keinen ZDF-Livestream vom griechischen Erdbeerfeld? Und was wäre aus Timmy geworden, hätte er die Straße von Hormuz blockiert?Kurzes Intermezzo: »As Ever«, die Lifestyle-Marke von Meghan Markle, meldet sich mit einer Muttertagskollektion zurück. Die berühmte Marmelade (oder »Mumelade« aus Anlass des bevorstehenden Muttertags?) ist tatsächlich bestellbar: 15 Dollar, Schmuckverpackung, 8 Gramm Zucker pro 18-Gramm-Portion, leider nur innerhalb der USA.Der zweite große Block beginnt mit einem Ausflug nach Everswinkel, wo Nico in einem Laden namens »POGO Retroquitäten« auf 350 Quadratmetern Haushaltsauflösungen aus verschiedenen Jahrzehnten stöbert: Orgeln, Fleischwölfe, VHS-Kassetten, CD-Player. Fünf Bücher – mutmaßlich aus dem Nachlass eines Münsteraner Germanistikprofessors (»jedes dritte Buch ein Goethe-Titel«) – gehen für zehn Euro über den Ladentisch. Auf dem Heimweg trifft Nico die Frage wie ein Schlag: Was ist eigentlich Gegenwart?Von dort entfaltet sich das eigentliche Herzstück der Episode: ein philosophisches Gespräch über Zeitschichten, das nirgends aufhört, aber überall beginnt. Reinhart Koselleck und das Sedimentmodell der Zeit; der Kölner Dom als in sieben Jahrhunderten aufgeschichtete Gegenwart; François Hartog und die Gegenwart als Einschnürung zwischen zwei Unmöglichkeiten; Paul Valéry mit 17 Jahren, der 1888 notiert, dass der Baum für seinen Sarg bereits irgendwo wächst; Goethe bei der Kanonade von Valmy (»Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus«); Marcel Proust und die Madeleine (bei Nico ist es die Gülle, die Kindheitserinnerungen auslöst); die Frage, was es bedeutet, den 11. September »erlebt« zu haben, wenn man nur am Fernseher saß; und schließlich die letzte Frage: Kann man eigentlich altern, wenn man permanent von Vergangenem und Zukünftigem durchdrungen ist? Nico sagt: nein. Die gesamte Longevity-Industrie kann demnach ad acta gelegt werden.⸻Aufnahmedatum: 24. April 2026Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/
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#10 – Gestrandete Gegenwarten – Vom Wal im Livestream zur nebeligen Zeitreise in einem Antiquariat
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