EPISODE · Dec 15, 2019 · 2 MIN
Die toten Jungen unserer Heimatstadt
from Zettel und Zeilen · host Kerim Mallée
Die Schatten an den Wänden unserer Heimatstadt schweigen für immer. Manchmal gibt es Menschen, die einen solchen Eindruck hinterlassen, wenn sie den Raum betreten, dass man im Kopf ganze Gespräche mit ihnen führt und Korrespondenzen, nachdem sie den Ort, an dem man ist bereits verlassen haben, oder man selbst den Ort verließ, an dem sie waren. Ohne, dass man auch nur einen Namen kennt. Man begegnet ihnen in Bibliotheken, in Kinos und an Autobahn-Raststätten. Sie tragen ungewöhnliche Kleidung oder welche die so nichtssagend ist, dass es einen umso mehr überrascht. Einige strahlen das volle Leben aus, andere eine ungewöhnliche Leere. Es ist eine Differenz zwischen ihrer Haut und ihrem Inneren, das sich entweder weit hinter diese zurückgezogen hat, oder viel mehr Raum einnimmt und außerhalb des Körpers im Zimmer alles verändert, wie ein Loch, aus dem es von der Decke tropft. Sie schweigen, sie beobachten und sind im Aufbruch begriffen. Die toten Jungen unserer Heimatstadt, die an anderen Orten unter anderen Namen leben, können nicht mehr sprechen und sagen doch so viel, da sie uns mit ihrem Verschwinden kalt erwischt haben. Man ist sich nicht sicher, ob das Vakuum, das sie hinterlassen, größer oder kleiner ist, als man es erwartet hätte. Manche Dinge kann man sich nicht vorstellen, kann man nicht beschreiben, bis man sie erlebt hat. Und am Ende ist man sich überhaupt nicht sicher, was man denn erwartet hat. Wie viel Wärme im unbeachteten Baum am Wegrand steckt, kann einen erst die Asche lehren. Bei manchen Menschen ist es so ähnlich, obwohl sie, anders als die Bäume, Stimmen haben, Ohren jedoch, sind seit jeher Mangelware in der Welt. Kerim Mallée
Embed this episode
NOW PLAYING
Die toten Jungen unserer Heimatstadt
No transcript for this episode yet
Similar Episodes
No similar episodes found.
Similar Podcasts
No similar podcasts found.