Folge 4: ARMY (1944)
from Kinoshita Hosted by Micha und Thomas
Zurecht ist ARMY (Rikugun) für sein großartiges, aufwühlendes Finale bekannt, aber worum geht es eigentlich in Keisuke Kinoshitas Kriegsfilm aus dem Jahr 1944? Der Film erzählt eine Dreigenerationengeschichte – von 1866 in der Meji-Ära bis zur damaligen Gegenwart 1944. Zu Beginn wird der Familie ein Prachtband der „Geschichte des Großen Japan“ von einem Soldaten geschenkt – dieses Buch steht natürlich für die große Nation und wird über die Generationen in höchsten Ehren gehalten. Schließlich stehen Tomohiko und seine Frau Waka im Mittelpunkt – und ihr Sohn Shintaro. Groß ist die Angst, dass der schwächliche, aber kluge und hilfsbereite Sohn nicht das Zeug zum richtigen Soldaten hat. Tomohiko selbst war in seiner Jugend als Soldat nie an der Front, sondern immer mit Fieber im Lazarett. Am Ende ist aber aus Tomohikos Sohn Shintaro ein ganzer Mann geworden und er zieht als Teil der Rikugun (Armee) in den Krieg. Michael und Thomas staunen über die Bedeutung des gottgleichen Kaisers und beobachten, dass Kinoshita mitten im Krieg in seinem Film einen Diskurs beschreibt, was echter Patriotismus sei und was geschehen wäre, wenn Japan das Kriegsglück verlassen hätte – zum Beispiel im Kampf gegen die Mongolen. Protagonisten dieses Streits sind ein Unternehmer, der eine patriotische Schule gründet und finanziert und Tomohiko, der dort als Lehrer angestellt ist. Aber Tomohiko ist niemand patriotisch genug, auch nicht der eigene Sohn, dem es nicht gelingt, direkt nach der Ausbildung sofort an die Front versetzt zu werden. Besonders beeindruckt sind Michael und Thomas vom Finale, in dem sich die Mutter Waka doch noch in letzter Minute aufmacht, um sich von Sohn Shintaro zu verabschieden. Was eine kleine harmlose Szene hätte sein können, wird durch Kinoshitas Regie und Taketomis beeindruckende nahe und bewegliche Kamera zu einem mitreißenden Drama, das ohne Worte, die Liebe der Mutter und die verzweifelte Angst, das eigene Kind auf dem Schlachtfeld zu verlieren, zeigt. Ganz großes Kino und ein oft übersehenes Stück Filmgeschichte. Die staatliche Filmaufsicht reagierte erbost. Oberflächlich erfüllt der Film zwar die Vorgaben der Behörde, aber am Ende wird offensichtlich, dass er die Liebe über den Krieg stellt. Kinoshita durfte vor der Kapitulation Japans keine Filme mehr drehen. Ergänzung Unser Hörer Christoph hat uns auf ein wichtiges Detail aufmerksam gemacht: "Ungefähr in der Hälfte des Podcasts geht es um den jungen Tomohiko, der aus dem Zugfenster schaut. Angeblich lässt uns Kinoshita absichtlich im Unklaren, was genau er vom Zug aus betrachtet. Aber kurz bevor er das Fenster öffnet, erkannt man - zwar nur schemenhaft, aber doch eindeutig - den schneebedeckten Gipfel des Fuji als Spiegelung in der Scheibe. Somit erklärt sich auch der erst überraschte, dann freudige und schließlich ehrfürchtige Blick des Jungen, der dieses heilige Symbol der Japaner gerade zum ersten Mal aus der Nähe erblickt. Folglich könnte man mutmaßen, dass ihm dieser Moment weitaus wichtiger erscheint, als den Kaiserpalast in Tokyo zu besuchen." Vielen Dank für diesen Hinweis - das erklärt den Blick und das Handeln Tomohikos! Dieser Film ist erhältlich als Teil der Box „Kinoshita and World War II“, Eclipse Series 41 from the Criterion Collection Michaels sehr empfehlenswerten Blog Schneeland findet Ihr hier. Den Filmpodcast SchönerDenken findet Ihr hier. Filmkritik von Hayley Scanlon für Windows on Worlds Filmkritik von Nathan Marone für Fully Reconditioned Vielen Dank an Sandra für das wunderbare Episodenbild! Und danke an Michael Meier von Kompendium des Unbehagens für die Unterstützung beim Jingle. Grüße nach Osaka!
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Chapters
- 0:00 Begrüßung und Einleitung
- 1:16 Der Krieg selbst ist nicht zu sehen - ein historischer Bogen von 1866 bis 1944
- 4:55 Der rote Faden: Das Buch "History of Great Japan""
- 7:37 Söhne werden in soldatischem Geist erzogen, nichts ist wichtiger als die Verehrung des gottgleichen Kaisers
- 10:03 Propaganda? Kinoshita thematisiert, dass es eine Grenze des Nationalstolzes gibt
- 12:30 Neben Propagandasätzen ein Finale, das durch Verzicht auf Dialog durch die Zensur des Drehbuchs kam
- 15:17 Wer ist am patriotischsten? Der Vater kann den Opfertod seines Sohns an der Front kaum erwarten
- 20:19 Der Hut-Slapstick: Humor stellt den Pathos und den Fanatismus bloß
- 23:09 Kinoshita entwickelt sich gerade bei den Parade-Szenen weiter und nutzt die großen Räume
- 27:57 Das kränkliche Kind als Projektionsfläche für die grenzenlose Kriegsbegeisterung des Vaters - Mutterglück, dem Kaiser ein Kind für die Front geben zu können
- 34:27 Familiäre Nähe: Das Massieren der Eltern als Zeichen von Respekt und Liebe
- 37:18 Das Finale beginnt und die Kamera macht aus uns Beobachter, Zeugen
- 40:59 Kinoshitas immersive Schulterkamera bleibt nah bei der Mutter und lässt uns mitleiden
- 47:02 Opening Picture und Closing Picture sind marschierende Soldaten - und ganz em Ende die betende Mutter: Liebe wichtiger als Krieg, Nation und Kaiser
- 49:02 Fazit: frühes Meisterwerk - Kinoshita überwindet als "Kameramann unter den Regisseuren" die Propaganda
- 50:25 Vorschau auf den nächsten Film: Die Osone-Familie
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