Verlorene Zeit in den Julischen Alpen – Urbex in Slowenien episode artwork

EPISODE · May 1, 2025 · 6 MIN

Verlorene Zeit in den Julischen Alpen – Urbex in Slowenien

from Markus Flicker Fotograf Videograf Content Creator Autor · host Markus Flicker Fotograf Videograf Content Creator Autor

Du stehst am Rand eines alten Industriekomplexes. Zwischen dichten Nebelschwaden und schroffen Bergflanken breitet sich das Gelände vor dir aus, als wäre es gerade einem alten Filmstreifen entstiegen. Die Julischen Alpen im Hintergrund wirken still und unberührt, während dir der verfallene Bau zu deinen Füßen Geschichten aus längst vergangenen Jahrzehnten zuflüstert. Willkommen in Slowenien – einem der am meisten unterschätzten Paradiese für Urban Exploration in Europa.Slowenien ist ein Land, das auf kleinem Raum eine ungeheure Vielfalt bietet – von verlassenen Sanatorien in alpinen Höhen bis zu vergessenen Hotels aus der Tito-Ära an der Adriaküste. Diese Lost Places erzählen dir nicht nur von der wechselvollen Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens, sondern auch vom Wandel einer Gesellschaft, die zwischen sozialistischem Erbe und kapitalistischer Moderne oszilliert.Einer der faszinierendsten Orte ist das verlassene Sanatorium in Bled – versteckt im Wald, schwer zugänglich, aber ein absolutes Juwel für Fotografie. Die Räume sind noch ausgestattet mit Betten, medizinischen Geräten und Wandmalereien, die an einen anderen Umgang mit Krankheit und Heilung erinnern. Durch die zerbrochenen Fenster fällt das Licht in schrägen Linien, Staub tanzt in der Luft – ein idealer Ort, um mit natürlichem Licht und langen Belichtungszeiten zu arbeiten.Ein anderes Beispiel ist das ehemalige jugoslawische Militärgelände in der Nähe von Kočevje. Tiefe Bunker, verlassene Übungshallen und verrostete Wachtürme eröffnen dir eine düstere, fast postapokalyptische Atmosphäre. Die Isolation und das Echo deiner Schritte zwischen den nackten Betonwänden lassen dich förmlich in die Geschichte eintauchen. Hier kannst du filmisch besonders mit Sounddesign experimentieren – Windgeräusche, Tropfen, das Quietschen alter Metalltüren – alles lässt sich direkt vor Ort einfangen.In einer Zeit, in der Städte immer stärker durchgentrifiziert und überreguliert sind, wird Urbex zu einem Akt des Widerstands – ein Versuch, Räume zu betreten, die sich dem Zugriff des Alltags entziehen. Gerade in Slowenien, wo der Tourismus boomt, aber viele ländliche Regionen unter Entvölkerung leiden, findest du Orte, an denen sich der gesellschaftliche Wandel beinahe körperlich spüren lässt. Urbex-Fotografie wird hier zur Dokumentation eines Zwischenraums – nicht nur des Verfalls, sondern auch der Transformation.Interessant ist auch die Verbindung zur Nachhaltigkeit. Viele dieser verlassenen Orte erzählen Geschichten über gescheiterte Industrien, über die Umweltsünden vergangener Zeiten, aber auch über neue Chancen. Einige urbane Ruinen, etwa alte Fabrikhallen in Maribor, werden heute von Künstler:innen wiederbelebt. Als Fotograf:in oder Filmemacher:in kannst du diese Prozesse sichtbar machen, etwa in Form von Zeitrafferprojekten oder kurzen Dokus über sogenannte „Creative Reuse“-Projekte.Wenn du filmisch oder fotografisch arbeitest, liegt die Magie nicht nur im Ort selbst, sondern auch in der Art, wie du ihn inszenierst. Nutze Drohnenflüge, um die Dimensionen der Anlagen zu erfassen, arbeite mit Kontrasten – etwa zwischen Natur und Technik, zwischen Licht und Schatten, zwischen altem Mauerwerk und moderner Ausrüstung. Verwende verlassene Orte als Kulisse für fiktionale Kurzfilme, Musikvideos oder auch künstlerische Performances.In Slowenien lohnt es sich auch, thematisch zu arbeiten. Ein Beispiel: Die Spuren des Kalten Krieges. In vielen Bunkern und unterirdischen Anlagen kannst du gezielt Szenen nachstellen, dokumentarisch arbeiten oder künstlerisch mit dem Thema Angst, Kontrolle und Isolation umgehen – Themen, die auch heute wieder aktueller erscheinen, als man glauben mag. In einer Welt nach Corona, in der sich Isolation und Rückzug in neuer Weise in unser kollektives Bewusstsein eingebrannt haben, werden diese Orte zur Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste und Sehnsüchte.

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