EPISODE · Nov 17, 2018 · 28 MIN
Vision Weiße Ware (bub2018)
from Chaos Computer Club - archive feed · host Holger Kienle
Das Thema Nachhaltigkeit wird bei elektrischen/elektronischen Produkten auf verschiedenste Weise umgesetzt, vom Smartphone (Fairphone) zur LED Lampe (relumity). Beim Haushaltsgeräten, auch weiße Ware genannt, fehlt noch ein Initiative, die diese Geräteklasse von Grund auf nachhaltig denkt. Dieser Vortrag soll mit einer konkreten Vision einen Denkanstoß bzw. Reibungspunkt geben, wie ein Ökosystem um weiße Ware entstehen könnte, mit den Hauptmerkmalen Transparenz und Reparierbarkeit. Unter Transparenz versteht sich zum Beispiel, dass alle Entwicklungschritte einsehbar sind, die weiße Ware ist nicht länger eine Black-Box, wird zur White-Box. Unter Reparierbarkeit versteht sich zum Beispiel, dass Produkte modular aufgebaut und umfassend dokumentiert sind. Aufbauend auf diesen Prinzipien kann eine offene Plattform entstehen, an die sich verschieden Stakeholder andocken können, wie Reparaturdienstleister und Ersatzteilehersteller. Der Anspruch ist dabei deń DIY-affinen Endkunde zu erreichen, ebenso aber auch den technikfernen aber nachhaltigkeitsorientierten Endkunden. * Weiße Ware Haushaltsgeräte, vom Nasenrasierer bis zur Gefriertruhe, -- im Einzelhandel auch weiße Ware genannt -- werden in riesigen Stückzahlen sowohl von Billiganbietern als auch Markenherstellern produziert. Dieser Beitrag hat weiße Ware zum Thema, wobei darin vieles auch allgemeingültiger sein mag. Die besonderen Charakteristika von weißer Ware rechtfertigen es aber sich damit gezielt auseinander zu setzen. Nach dem Wissen des Autors gibt es erstaunlich wenige (Denk-)Ansätze wie den im folgenden Beitrag beschriebenen. Relativ nahe kommt das Global Village Construction Set (GVCS), wobei dort der Schwertpunkt deutlich auf dem DIY-Gedanken, also einer Bastel-affine Community, und schweren Gerätschaften zu liegen scheint. Weiße Ware ist stark mechatronisch geprägt (im Gegensatz zu Elektronikprodukten), das heißt ein Gerät besteht typischerweise aus: - mechanischen Komponenten. - elektronischen Komponenten, die die mechanischen Komponenten steuern (Aktor), wobei auch Sensoren Feedback zur Steuerung geben können. - Software, die sich auf einem Mikrochip bzw. System on a Chip (SoC) befindet (Firmware). Dazu kann im Zeitalter des "Internet der Dinge" noch Software (auf einem Smartphone) kommen, die mit dem mechatronischen Gerät interagiert. Obwohl weiße Ware ein Massenprodukt ist, sollte die Komplexität der Entwicklung nicht unterschätzt werden. Ein einfacher Toaster hat Elektrik mit Wechselstrom, Elektronik zur Umwandlung in Gleichstrom und proprietäre Mikrochips. Der kanadische Künstler Todd McLellan zerlegt und photographiert technische Objekte. Sein "1970's Sunbeam Toaster" besteht aus 151 Teilen. Ein anders gelagertes (Kunst-)Projekt von Thomas Thwaites hat sich bemüht einen Toaster von Null auf zu erschaffen, beginnend mit der Rohstoffbeschaffung. Thwaites kaufte sich den billigsten Toaster den er finden konnte um den Aufbau zu verstehen. In seinem TED-Talk berichtet er, dass dieser Toaster aus über 400 verschiedenen Teilen besteht -- und diese Teile haben über 100 Materialien [[http://www.thomasthwaites.com/the-toaster-project/][(Thwaites]]). * Probleme mit der Weißen Ware Große kommerzielle Hersteller gleichen sich in ihren Produktions- bzw. Markstrategien. Ein Primärziel ist immer möglichst billig zu produzieren -- und dabei Sekundärziele gerade noch zu erreichen ("satisficing" Strategie). Da dieser (Markt-)Optimierung alles andere unterworfen ist ergeben sich -- mehr oder weniger gewollt bzw. ungewollt -- als Folge: - Geringe Reparierbarkeit: Ein Entwurf der sich auf billige Herstellung konzentriert, ist zwangsläufig schlechter reparierbar. Manche Produkte sind durch unlösbare Verbindungen so entworfen und gebaut, dass sie nicht mehr zerstörungsfrei auseinandergenommen werden können (z.B. durch Verschweißen oder Verklemmen). Andere Produkte setzen (proprietäre) Spezialteile ein (die billiger sind durch große Stückzahlen) anstatt etablierte Standardbauteile (die relativ leicht von verschiedenen Herstellern durch den Endkunden bezogen werden können). Produktzyklen sind darauf ausgerichtet "Innovationen" schneller als andere auf den Markt und somit zum Endkunden zu bringen. Lange Reparierbarkeit bedeutet für den Hersteller unerwünschte Zusatzkosten da eine lange Historie von Produkten abgedeckt werden muss. So ist es selbst bei sehr langlebigen Produkten wie Aufzügen nach wenigen Jahren problematisch Ersatzteile wie Steuerungsplatinen zu bekommen. - Intransparent: Um einen (gefühlten) "Wettbewerbsvorteil" zu erlangen agieren Hersteller intransparent indem sie dem Kunden und anderen Externen auf der einen Seite keine oder wenig Informationen zur Verfügung stellen ("trade secret" Strategie) und auf der anderen Seite Informationen vor der Verwertung andere durch Patente und Urheberrecht schützen. Als Resultat ist die Weiße Ware eine Black-Box (oder Grey-Box), aber keine White-Box. Kurzum, Zeichen von Transparenz sind Schlagworte wie "closed source" (versus Open Source), NDA, IP, usw. Durch Intransparenz wird die oben beschriebene geringe Reparierbarkeit weiter beeinträchtigt, da zum Beispiel die Diagnose durch fehlende Stromlaufpläne erschwert wird, und proprietäre Ersatzteile nicht verfügbar sind. Ein Gegenentwurf zur weißen Ware wie wir sie heute kennen muss also mindestens darin bestehen Produkte auf den Markt zu bringen die sowohl mit dem Primärziel Reparierbarkeit als auch Transparenz ausgestattet sind. Ein Hersteller von Haushaltsgeräten möchte sein Produkt am liebsten in die Hände des Kunden bekommen und danach möglichst wenig weiter damit zu tun haben. Diese Sichtweise ist insofern verständlich, als viele Kunden beim Gerätekauf auch nicht weiter als der Hersteller denken. Im Weiterdenken dieser Sichtweise hin zu einer erweiterten Kundenbeziehung würde sich eine riesige Chance für den Hersteller bieten. (Im weiteren wird ein Ansatz beschrieben der neben Hersteller und Kunde weitere Stakeholder mit einbezieht.) Ein charakteristisches Beispiel für die fehlende Nachhaltigkeit von Haushaltsgeräten ist die Sonicare Elektrozahnbürste von Philips. Trotz einer großen Produktauswahl innerhalb der Sonicare Familie gehen diese Zahnbürsten typischerweise an 3 (Sollbruch-)Stellen kaputt: (1) der Akku ist verlötet und für den normalen Verbraucher nicht ersetzbar, (2) ein mechanischer Defekt lässt die Bürste zu stark vibrieren und (3) eine dünne Gummidichtung wird porös, wodurch dann Wasser eindringt und die Elektronik zerstört. Diese Probleme sind im Internet durch Benutzer und Reparaturanleitung gut dokumentiert. Philips ergreift dagegen keine Maßnahmen. Die Reparierbarkeit wir dadurch weiter eingeschränkt, dass es vom Hersteller nicht gewollte ist, dass die Zahnbürste zerstörungsfrei geöffnet werden kann. Andererseits, gibt es sicher auch Herstellerbestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit. Tefal hat ein (Werbe-)Programm gestartet, das Produkte kennzeichnet die "bis zu 10 Jahre lang" repariert werden können [[https://www.tefal.de/reparierbarkeit][(Tefal)]]. Laut dem Hersteller werden "Produkte [...] dafür konzipiert leichter repariert, zerlegt und wieder zusammengebaut" werden zu können. In der Kategorie "Toaster" sind immerhin 3 von 6 Produkten entsprechend als reparierbar gekennzeichnet. Tefal arbeitet mit einem großen Ersatzteillager und 3D-Druck, wobei letzteres in einem noch eher frühen Stadium zu sein scheint. Die Rating-Agentur Oekom hat für 2017 eine Branchen-Bewertung veröffentlicht bei denen die durchschnittliche Bewertung für "Electric Devices & Appliances" bei 32,6 von 100 möglichen Punkten lag. (Zum Vergleich, "Metals & Mining" hat 29,7 Punkte und die beste Bewertung mit 46,5 "Automobile".) Die besten Unternehmen der Elektro-Branche sind Ericsson (B-), Philips (C+) und Toshiba (C+). Es gibt hier also sicher noch Luft nach oben (wie in allen anderen Branchen allerdings auch). * Die Welt nicht von hinten aufzäumen Die Repair-Bewegung (mit Repair-Cafes und Online-Angeboten wie Ifixit, kaputt.de und Restarters Wiki) setzt dort an, wo das "falsche" Produkt den Endkunden schon erreicht hat. Dann kommt ein Reparierversuch durch reverse engineering bzw. de-blackboxing, der leider oft dem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Der Zusammenschluss Runder Tisch Reparatur möchte die "Windmühlen" reparierbarer machen. Initiativen wie die Repair-Bewegung und Runder Tisch Reparatur (Recht auf Reparatur) versuchen also die existierenden Strukturen zu hacken bzw. zu verändern. Dieser Beitag konzentriert sich hingegen darauf, wie eine alternative Struktur geschaffen werden könnte. Auf strukturelle und (ordnungs-)politische Faktoren wird im folgenden nicht näher eingegangen. Die Grundannahme dieses Beitrags ist, dass sich in diesen Bereichen absehbar keine nennenswerten Verbesserungen ergeben werden und dass daher ein Lösungsansatz gefunden werden muss, der im aktuellen Umfeld bestehen kann. Beispiele wünschenswerter Faktoren mit denen dieser Beitrag nicht rechnet wären - Steuern: Keine/geringere Lohnsteuer und Umsatzsteuer auf Reparaturen um diese zu intensivieren und incentivieren. - Transparenz: Pflicht zur Veröffentlichung von Daten durch die Hersteller über Schäden und Reparaturen von Geräten während und nach der Garantiezeit. - Regulatorik: Verpflichtung der Hersteller auf Ersatzteillieferung für eine gewisse Bereithaltungsdauer. (Und warum sollte die zu erwartende Lebensdauer einer elektrischen Zahlbürste nicht auf 30 Jahre angesetzt werden!?) Eine weitere Verpflichtung wäre es, dass der Preis für ein Ersatzteil die Kosten der laufenden Produktion (ohne Lagerhaltung, etc.) widerspiegeln muss. - Internalisierung externer Kosten: Die wahren Kosten eines umfassenden Rohstoffrecyclings müssen vom Herstellung und/oder Kunden getragen werden. Die Verantwortung zu nachhaltigem Handeln liegt aktuell primär in den Händen der (schon reichlich überforderten) Verbraucher. * König Kunde: Kaiser ohne Kleider? Ob ein nachhaltiger Ansatz gelingen kann entscheidet sich an Fragen wie dieser: Was verschafft mehr Befriedigung, sein altes Gerät zur Reparatur zu bringen oder sich ein neues auszusuchen? Vom Mainstream her gedacht natürlich letzteres. Wer sein Gerät reparieren will rechnet schon mit hohen Kosten für Ersatzteile und Arbeitsleistung -- und ist auch nicht überrascht zu hören dass es nicht reparierbar ist. Die Suche nach einem (seriösen) Reparaturbetrieb raubt Zeit und Nerven und die endgültigen Kosten stehen erst nach der Reparatur fest. Reparieren hat also einen potentiell recht hohen Frustrationsfaktor in der heutigen Welt. Dagegen ist der Kauf von etwas neuem, schönerem und besserem schon inhärent befriedigend -- kaufen macht gute Laune! Aber in der Kapitalismus-Idylle des Mainstream zeigen sich Risse. Die immer schnelleren Produktzyklen (in allen Bereichen, von der Primark-Wegwerfmode bis zu IKEA-Möbeln) überfordern manchen Konsumenten, da laufend Zeit und Energie in Kaufentscheidungen gesteckt werden muss -- und am Schluss das nagende Gefühl bleibt doch die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Von diesen Phänomenen scheinen vor allem "Maximizer-", weniger "Satisficer"-Typen, betroffen zu sein ([[https://en.wikipedia.org/wiki/The_Paradox_of_Choice][Barry Swartz]]). Abseits vom Mainstream gibt es aber auch ein (vielleicht nicht so kleines!?) Segment von Kunden, die es für ihren persönlichen Lebensentwurf als stimmiger empfinden ein Produkt möglichst lange zu benutzen und dann auch reparieren zu lassen. Dieses Segment gilt es für den neuen Ansatz zu gewinnen. Hoffnung dass dies gelingen könnte sind bereits (erfolgreich?) operierende Unternehmen, die sich auf ein bestimmtes Nischenthema fokussieren wie Fairphone (Nachhaltigkeit) und Purism (Offenheit und Privatsphäre). * Blaupause: white4good Wie könnte nun ein neu gedachtes "Ökosystem" um Haushaltsgeräte aussehen? Im folgenden sollen hierzu einige hoffentlich prägnante Ansätze skizziert werden, nennen wir dieses Ökosystem bzw. diese Blaupause "white4good". Um die folgenden Überlegen etwas greifbarer auszugestalten, wird im folgenden von einem konkreten Produkt ausgegangen: ein Staubsauger. Auch wenn dieses Produkt nicht sonderlich "sexy" ist werden davon in Deutschland jährlich mehr als 6 Millionen Stück verkauft. Wenn man sich nur das Endprodukt anschaut -- den Herstellungsprozess außen vor gelassen -- dann sollte ein white4good Staubsauger idealerweise mindestens diese Eigenschaften haben: - Langlebigkeit: Bauteile sollten lange halten und das Produkt selbst keine funktionelle/psychische Obsoleszenz aufweisen. - Ressourcenschonend: Bauteile mit möglichst wenig Material, wenig oder keine Verbrauchtsteile (Staubbeutel, Filter), stromsparend im Betrieb. - Modular: Das Gerät besteht aus Bauteilgruppen die leicht austauschbar und erweiterbar (upgradable) sind (z.B. effizientere Motorsteuerung oder leistungsfähigerer Motor, Aufrüstung auf Internet der Dinge). Im besten Fall sind Bauteile und Module auch zwischen verschiedenen Staubsaugervarianten austauschbar (vgl. Software-Produktlinie). - Reparierbar: Leicht zerlegbar in seine Bauteile, einfache und kostengünstige Beschaffung von Ersatzteilen, leichte Funktionsprüfung von Bauteilen (insbesondere Elektronik). Desweiteren können Schaltungen mit klar gekennzeichneten Messpunkten ausgestatten sein und eine USB-Schnittstelle mit Diagnose-Software besitzen um die Fehlersuche zu erleichtern. Allerdings, nur in (isolierten) Produkten bzw. Produkteigenschaften zu denken, reicht nicht aus! Sich white4good als traditionellen Hersteller zu denken ist nicht besonders zielführend, schon deshalb da gewaltige Investitionskosten für die Entwicklung und Herstellung beschafft werden müssten -- mit entsprechenden Erwartungen der Investoren. Die traditionelle Sichtweise führt zu einem "Top-Down"-Ansatz bei dem es als "Stakeholder" nur den (entmündigten) Endkunden gibt. Die Open-Source Bewegung hat gezeigt, dass es möglich ist die Potentiale der Crowd zu nutzen. Wo es bei proprietärer Software nur den Endkunden gibt, sind bei Open-Source Projekten Designer, Programmierer, Grafiker, Autoren, Übersetzer, Bug-Fixer, Acessibility-Experten, usw. zu finden -- kurz gesagt, "everyone contributes" ([[https://ben.balter.com/2013/08/11/everyone-contributes/][Balter]]). (Wobei dies bei vielen Open-Source Projekten ein stark idealisiertes Bild darstellt.) Wie schon Eingangs erwähnt, ist maximale Transparenz und Offenheit (Open*) ein Leitmotiv, das sich auf alle Bereiche erstreckt: Open Source von Entwicklungswerkzeugen, Firmware, CAD-Modellen, Schaltplänen, Gebrauchanleitungen, (Video-)Reparaturanleitungen, usw. Dabei soll nicht das Rad neu erfunden werden sondern existierende offene Ressourcen bei Software und Hardware genutzt werden. Für Hardware-Prototyping bietet beispielsweise Arduino in sich schon ein offenes Ökosystem. Manche Startups folgen dem Ansatz (teil-)offene Ökosystem zu schaffen bzw. zu ermöglichen. Der Elektroautohersteller Sono Motors (mit aktuell fast 7000 Vorbestellungen seines Sion-Modells) hat ein Reparatur-Konzept, das kostengünstige und eigene Reparaturen durch ein offengelegtes Werkstatthandbuch und keine Werkstattlizenzen ermöglichen soll. Ersatzteile können vom Endverbraucher direkt beim Hersteller bezogen werden und der Käufer wird darauf hingewiesen falls es sich um einen Standardartikel handelt, der auch im Bau/Fachmarkt gekauft werden kann. Der Hersteller bietet auch "alle CAD Daten online kostenfrei an, sodass du sie dir selbst mit einem 3D Drucker drucken kannst oder aber in einem Shop mit CNC Milling" ([[https://sonomotors.com/de/frequently-asked-questions.html/][Sono Motors]]). Auch bei white4good sind CAD-Modelle offen. Bei kleineren Plastikteilen ist damit heute denkbar, dass der Endkunde (1) sich das Teil mit dem eigenen 3D-Drucker herstellt, (2) zu einem 3D-Druckshop in seiner Umgebung geht, oder (3) sich das Teil auf der white4good-Verkaufsplattform bestellt. Letztere Option geht in Richtung Plattformökonomie -- die genossenschaftlich gestaltet werden könnte ([[https://www.postwachstum.de/genossenschaften-erobert-die-plattformoekonomie-20171102][Blog Postwachstum]]). Auf der Plattform lassen sich nicht nur die "Original" white4good-Teile finden, sondern auch konkurrierende Angebote von anderen Herstellern. Falls ein Markt dafür einstehen sollte, ist es denkbar, dass ein professioneller Drittanbieter Teile mit hoher Stückzahl durch Skaleneffekte sehr kostengünstig anbietet (z.B. durch Wechsel der Technologie von 3D-Druck auf Spritzguss). Damit würde ein offener Markt entstehen mit durch Marktkräften "richtig" bepreisten Ersatzteilen. Für Reparaturen ist denkbar, dass die white4good-Plattform Angebote verschiedener Reparaturdienstleistungen enthält, von privaten bis professionellen, von lokalen bis überregionalen Angeboten. Auch kostenlose Angebote von Repair-Cafes lassen sich dort finden. Somit hätte der Endkunde ein breites Spektrum von Reparaturangeboten, angefangen bei eigenen Diagnose- und Reparaturversuchen. Das white4good Ökosystem würde also aus verschiedenen Stakeholder bestehen. Neben dem Endkunden/Benutzer sind Dienstleister in den Bereichen Verkauf, Reparatur und Recycling, Teileproduzenten verschiedener Skalierung und Angebote zur Personalisierung und Spezialisierung erwünscht -- wobei diese Stakeholder nicht a priori definiert sind, sondern sich dynamisch herausbilden. Die Stakeholder nutzen die white4good Plattform (zur Kollaboration und als Marktplatz), wobei sich innovative Ansätze (mit eigenem Geschäftsmodell) an die Plattform andocken können. Die Plattform und white4good würden konsequenterweise weitestgehen als "open business" ([[https://en.wikipedia.org/wiki/Open_business][Wikipedia]]) realisiert. Die Kernentwicklung der Haushaltsgeräte würde dem Ansatz von Open Source Hardware/Software folgen. Dadurch ist Innovation innerhalb von white4good gewährleistet, wobei diese durch maximale Transparenz von white4good auch außerhalb stattfinden kann. Dieser letzte Aspekt bedeutet, dass sich white4good bei den Stakeholder fortlaufend bewähren muss, sonst wird sich durch "forking" eine white4good-Weiterentwicklung herausbilden. Ein Beispiel wie sich Markt, Innovation und Ökosystem bei Open Hardware realisieren können ist Arduino und SparkFun Elektronics. SparkFun dockt sich an das Arduino Ökosystem an und bietet Eigenentwicklungen von Arduino-kompatible Produkten mit speziellen Merkmalen an. In TED-Talks beschreibt der Gründer von SparkFun, Nathan Seidle, wie verschiedene Anbieter gegenseitig Innovationen nützen um das Ökosystem voranzubringen. (Ein SparkFun-Produkt wird nach 3 Monaten kopiert, daher ist fortlaufendes Innovieren nötig.) Gegenseite Innovation wird durch Copyleft-Lizenzen (Creative Commons Share-Alike, GPL) sichergestellt, die verlangen, dass Weiterentwicklungen wieder unter Copyleft-Lizenz gestellt werden müssen. Entsprechend würde white4good mit Copyleft-Lizenz arbeiten damit Innovationen nicht "privatisiert" werden können. Zusammenfassend, statt eines proprietären Ansätzen hat white4good Open*, Ökosystem und Plattformökonomie als Merkmale. Der Anspruch von white4good ist deń DIY-affine Endkunde zu erreichen, ebenso aber auch Endkunden ohne technisches Interesse, die aber an den Nachhaltigkeitsaspekten interessiert sind. * Makellos weiß? Bei white4good ist sicher noch nicht alles bis zum Ende durchdacht und nicht alle Themen beleuchtet. Auch white4good ist Trade-offs unterworfen die zu einem suboptimalem nachhaltigen Produkt führen. In wie weit diese Trade-offs dazu führen können Keile zwischen Stakeholder zu treiben ist schwer voraus zu sagen. Im folgenden einige Aspekte: - Refuse: Das nachhaltiges Haushaltsgeräte ist eines, das erst gar nicht produziert werden muss. (Bea Johnsons "5R" möchten in dieser Reihenfolge angewandt werden: Refuse-Reduce-Reuse-Recycle-Rot.) Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es bei white4good eine Elektrozahnbürste geben sollte wo doch eine kompostierbare Zahnbürsten aus Bambus als die bessere Alternative erscheint. - Refurbishing, Recycling, Crade-to-Cradle: Wie für jedes nachhaltige Produkt müssen für diese Themen Strategien entwickelt werden. Insbesondere beim Refurbishing bieten sich Chancen, denn bereits produzierte Teile/Produkte die direkt oder nach Reparatur wiederverwendbar sind versprechen eine gute Umweltbilanz. Auch können Altgeräte zurückgekauft werden. - Trade-offs bei Produktmerkmalen: Ein Produkt nachhaltiger zu gestalten kann dazu führen, dass es andere Qualitäten einbüßt, die manchen Endkunden wichtig sind. Ein modular aufgebauter Staubsauger ist eher schwerer und klobiger als ein "normaler" Staubsauger. Dieser Effekt zeigt sich um Beispiel auch beim Fairphone, das nicht so schön flach ist und etwas klobig wirkt. Ein Staubsauger, der mit geringen Mittel von Null auf neu entwickelt wird, kann es schwer haben die Effizient eines Markenherstellers zu erreichen. Somit kann es durchaus sein, dass die (angedachte) Umweltbilanz des Staubsaugers überzeugt, er aber nur eine eher schlechte Energieeffizienzklasse hat. - Rechtliche Erfordernisse: Es ist nicht klar in wie weit rechtliche Erfordernisse den white4good Ansatz erschweren. Der Anbieter relumity realisiert eine modulare, reparierbare LED Lampe. Im Startnext-Blog wird eine Projektverzögerung damit begründet, dass im Gesetz über das Inverkehrbringen von Elektroprodukten "nicht vorgesehen und uns erst seit ein paar Wochen bewusst, ist das Reparieren und Weiterverwenden der Produkte oder Teile... Unser Produkt ist bisher 'nicht vorgesehen'" ([[https://www.startnext.com/relumityled/blog/beitrag/die-letzten-huerden-p73571.html#pnav][Startnext]]). - Geschäftsmodell: Der white4good Ansatz ist nicht gewinnorientiert, schließt aber Gewinne nicht aus. Gewinne sind auch in soweit nötig und erwünscht um white4good am Leben zu erhalten. Ob white4good lebensfähig ist kann nur eine praktische Umsetzung zeigen, die sich dann auch intensive mit dem "Geschäftsmodell" auseinandersetzen muss. Zum Geschäftsmodell können Leasing-Modelle gehören um Produkte im white4good-Verwertungskreislauf zu halten (anstatt den Kreislauf als Elektroschrott oder gar Restmüll zu verlassen). about this event: https://fahrplan.bits-und-baeume.org/events/174.html
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