PODCAST · education
historycast - Was war, was wird?
by Dr. Almut Finck und Dr. Heiner Wember
Was war, was wird? Der historycast des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e. V.In diesem Podcast werden Diskussionen der Geschichtswissenschaft spannend und anspruchsvoll aufbereitet. Die beiden radioerfahrenen Autor*innen des WDR-Geschichtsformats ZeitZeichen, Dr. Almut Finck und Dr. Heiner Wember, interviewen bekannte Wissenschaftler*innen, die ein Buch zu einem historischen Thema geschrieben haben, das aktuell diskutiert wird. Die Themen bilden zudem die Schulcurricula ab und berühren die großen Fragen unserer Zeit, um dem omnipräsenten Mediengewusel und Fakenews eine seriöse Perspektive gegenüberzustellen. Zu allen Podcasts wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt. Diese stehen Ihnen hier kostenfrei zu Verfügung: www.historycast.deDas Projekt wird durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (1. und 2. Staffel), das Ministerium des Inneren (3. Staffel) und die Stiftung Orte der Demokratiegeschichte (4. Staffel) gefördert.
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Im Revier. Von Ruhrpolen, Gastarbeitern und Kriegsflüchtlingen
Migration gehört im Ruhrgebiet seit 150 Jahren zum Alltag. In der neuen Folge des historycast spricht Almut Finck mit dem Historiker Christoph Nonn darüber, wie Nahwanderer, Ruhrpolen, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge und sogenannte Gastarbeiter das Revier geprägt haben – und warum der Mythos vom harmonischen Schmelztiegel viele Konflikte, Brüche und Aushandlungsprozesse eher überdeckt als erklärt. Das Gespräch beleuchtet, wie aus Dörfern mit Kühen auf der Weide eine der größten Industrieregionen Europas wurde, wie Zwangsarbeit und Vertreibung das Gesicht der Region veränderten und weshalb sich seit den 1950er Jahren mit italienischen, spanischen, jugoslawischen und vor allem türkischen Arbeitskräften neue Formen von Gemeinschaft, aber auch Parallelwelten herausbildeten. Christoph Nonn beschreibt das Ruhrgebiet als Labor der modernen Migrationsgesellschaft, in dem sich aktuelle Debatten über Integration, Identität, Strukturwandel und rechtspopulistische Deutungen vor einem langen historischen Horizont lesen lassen.
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Wer darf rein? Asyl und Grundgesetz
Ein Asylrecht entstand in Westdeutschland bereits vor dem Grundgesetz. Es war in der amerikanischen und britischen Zone geschaffen worden, um den massenhaft Zustrom von Flüchtlingen aus Ostdeutschland zu begenzen. Mit solchen Erkenntnissen überrascht der Historiker Michael Mayer im historycast. Er hat sich für seine Habilitationsschrift zehn Jahre lang mit dem Thema Asyl und Grundgesetz beschäftigt. Und betont, dass mit dem Asylrecht der Staat Rechtsmittel in die Hand bekommt: "Mit der Formulierung `Politisch Verfolgte genießen Asylrecht´ habe ich ein Mittel, um zu entscheiden: Wer darf bleiben und wer darf nicht bleiben". Mayer relativiert die Bedeutung des Asylrechts für die Migration nach Deutschland, da ein Großteil der Migranten in Deutschland nur geduldet seien und damit jederzeit abgeschoben werden könnten oder rechtlich unter die Genfer Flüchtlingskonvention fielen. Mayer sieht nationale Alleingänge in der Asylpolitik kritisch und betont, dass es nur europäische Lösungen geben könne. Die EU habe ihre Außengrenzen bereits massiv verschärft, und mit dem europäischen Asylsystem würden Schnellverfahren für Menschen aus sogenannten sicheren Drittstaaten eingeführt. "Die EU ist auf dem richtigen Weg und hat die richtigen Lösungen."
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Wurzeln schlagen? Jüdisches Leben in Deutschland von 1945 bis heute
Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 – wer blieb nach der Shoah im Land der Täter, wer kehrte aus dem Exil zurück, und wie gelang der Aufbau neuer Gemeinden? In der neuen Folge des historycast spricht Almut Finck mit der Soziologin Karen Körber vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Das Gespräch beleuchtet, welche Überlebensstrategien jüdische Familien nach 1945 fanden, wie sie Isolation und Antisemitismus erfuhren und überwanden und was sie überhaupt zum Dableiben oder Rückkehren bewegte. Karen Körber schildert, wie jüdisches Leben in den Nachkriegsjahren zwischen provisorischer Gemeinschaft und Emigrationsdruck nach Israel aussah und wie Migrationen aus Osteuropa und sogar dem Iran seit den 1950er Jahren das Gemeindeleben prägten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zuwanderung sogenannter Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion in den 1990er Jahren, die das jüdische Leben in Deutschland grundlegend veränderte. Schließlich geht es um die heutige Vielgestaltigkeit jüdischer Identität und um aktuelle Erfahrungen neuer Migration – etwa junger Israelis seit den 2010er Jahren – im Spannungsfeld von Chancen, Selbstbehauptung und aktuellen Bedrohungen.
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Saison-, Fremd- und Gastarbeiter. Arbeitsmigration nach Deutschland
Der Begriff "Gastarbeiter" entstand bereits in der NS-Zeit, berichtet der Historiker Ulrich Herbert im historycast. Allein im Zweiten Weltkrieg seien bis zu 13,5 Millionen Menschen als sogenannte "Zwangsarbeiter" nach Deutschland verschleppt worden. In den 1950er Jahren sorgten Vertriebene und Flüchtlinge für ausreichend Arbeitskräfte in der Bundesrepublik. Anwerbeabkommen seinen erst nach dem Mauerbau 1961 relevant geworden, als keine geflohenen Fachkräfte aus der DDR mehr zur Verfügung standen. Herbert bezweifelt allerdings, dass die sogenannten Gastarbeiter für den Wohlstand der Bundesrepublik unerlässlich waren. Sehr lange habe die Politik, vor allem die Union, nicht akzeptieren wollen, dass Deutschland zum Einwanderungsland geworden sei. Rechtsradikale hätten in ganz Europa das Thema Migration für sich entdeckt und politisiert. Die Situation für Migranten, so Ulrich Herbert im Gespräch mit Heiner Wember, sehe in Deutschland besser aus als in den meisten anderen europäischen Ländern "nach den Maßstäben Heiratsverhalten, Aufstieg, sozialer Aufstieg, Kinder." Herbert kommt zu dem Ergebnis: "Insgesamt ist die Migrationsgeschichte der letzten 40, 50 Jahre in Deutschland eine Erfolgsgeschichte."
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Guckst du Duden! Migration und Sprachwandel
Wie verändert Migration die deutsche Sprache – und wie viel Vielfalt steckt eigentlich im heutigen „Kiezdeutsch“? Im neuen historycast spricht Almut Finck mit dem Soziolinguisten Ibrahim Cindark über die sprachlichen Spuren von Einwanderung und Integration. Cindark erläutert, wie Gastarbeiterdeutsch, Kanak Sprak und Jugendsprache entstehen, warum Begriffe wie „Lan“ und „Yallah“ ihren festen Platz im deutschen Alltag gefunden haben und weshalb die Aufnahme von fremden Wörtern ein Zeichen für die Lebendigkeit einer Sprache, nicht ihren Niedergang ist. Der Podcast beleuchtet, wie Migration schon immer zum Wandel von Sprache beigetragen hat – von französischen Lehnwörtern zur Zeit der Einwanderung der Hugenotten bis zur Gegenwart. Es wird diskutiert, wie Code-Switching sowie neue urbane Sprechstile unser Verständnis vom Deutschen und auch das, was im Duden steht, nachhaltig verändert haben.
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Flucht und Vertreibung 1945
Flucht und Vertreibung 1945 – Deutsche Nachkriegsgesellschaft im Wandel Die zehnte Folge des Historycasts widmet sich den Themen „Flucht und Vertreibung 1945“, ihren Ursachen sowie den gesellschaftlichen Folgen in Deutschland. Historiker Philipp Ther, ein international renommierter Experte für Migrationsgeschichte, erläutert im Gespräch mit Almut Finck die Komplexität der Zwangsmigrationen nach Kriegsende und ihre tiefgreifenden Effekte auf die deutsche Gesellschaft. Die Folge spiegelt wider, wie Flucht und Vertreibung nicht nur die Nachkriegsgesellschaft geprägt haben, sondern auch aktuelle Debatten über Migration, Integration und kollektive Erinnerung beeinflussen. Hintergrund: Zwangsmigration nach 1945 Bis zu 14 Millionen Menschen – Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Volksdeutsche Minderheiten und andere Opfer gezielter ethnischer Vertreibung – suchten nach 1945 eine neue Existenz in den zerstörten Regionen West- und Mitteldeutschlands. Der Podcast beleuchtet die historischen Wurzeln dieser Vorgänge, von radikalen nationalistischen Ideen im 19. Jahrhundert, über den sog. Generalplan Ost im Rahmen der völkisch-nationalen NS-Ideologie oder das Münchner Abkommen (1938) bis zum Potsdamer Abkommen. Außerdem kommt der globale Kontext von Zwangsmigration und Bevölkerungsaustausch (Stichwort z.B.: Lausanne 1923, griechisch-türkischer Bevölkerungsaustausch) zur Sprache. Willkommenskultur vs. Ressentiments Die Aufnahmebedingungen 1945 unterschieden sich fundamental von heutigen Fluchtbewegungen wie 2015. In den Nachkriegsjahren herrschten Not, Ressourcenknappheit und Misstrauen gegenüber Ankömmlingen. Nationalsozialistische Denkmuster und Vorurteile (etwa gegen „Polacken“ oder Volksdeutsche mit Akzent) prägten die gesellschaftliche Aufnahme und führten oft zu sozialer Ausgrenzung. Dennoch gab es auch spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität in einigen lokalen Gemeinschaften – ein ambivalentes Bild zwischen Integrationserfolg und dauerhaften Ressentiments. Integration: Erfolg und Schattenseiten Obwohl die Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik oft als Erfolgsgeschichte bezeichnet wird – etwa als Beitrag zum Wirtschaftswunder und zur demokratischen Entwicklung – wird sie von Historikern wie Philipp Ther auch kritisch hinterfragt. Statistische Daten und persönliche Erfahrungsberichte illustrieren, dass viele Geflüchtete auch Jahrzehnte später in prekären Verhältnissen lebten und negative Auswirkungen auf nachfolgende Generationen spürbar waren. Integrationsmaßnahmen wie Lastenausgleich und Bodenreform werden genannt, ebenso wie die Binnenmigration ins Ruhrgebiet und die Rolle städtischer und ländlicher Lebensräume. Gesellschaftliche Debatten und Erinnerungskultur Der Podcast diskutiert die Erzählmuster über Flucht, die oft das eigene Leid betonen und eine differenzierte Betrachtung der Vorgeschichte ausblenden. Die Rolle der Vertriebenenverbände, die Kontroversen um das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung und Versöhnung sowie die emotionalen und politischen Folgen für Betroffene und Aufnahmegesellschaft werden ausführlich dargestellt. Persönliche Erinnerungen und wissenschaftliche Erkenntnisse (z.B. von Petra Reski, Harald Jähner) bieten einen vielschichtigen Einblick in die kollektive Verarbeitung von Verlust und Wandel.
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Auswandern. Raus aus Deutschland
"Auswandern war eine Befreiung und auch eine Abstimmung mit den Füßen". Sagt die Historikerin und Migrationsforscherin Simone Blaschka im historycast. Etwa sechs Millionen Deutsche schifften sich bis zum Ersten Weltkrieg, meist in Bremerhaven und Hamburg, ein und suchten ihr Glück in Übersee, vor allem in den USA. Zuvor war etwa eine dreiviertel Million Deutsche über die trockene Grenze ausgewandert - Richtung Osten, vor allem nach Russland. Sie alle hofften auf ein besseres Leben, aber auch mehr Freiheit. Die wirtschaftliche Not in Deutschland und Überbevölkerung waren die Hauptursachen der deutschen Migration. Die Auswanderer sorgten in ihrer neuen Heimat für Aufschwung und Wohlstand. Und etwa 20 Prozent kamen zurück. "Sie haben im Deutschen Kaiserreich viel angestoßen, was ohne sie gar nicht passiert wäre", so Historikerin Blaschka.
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Die Mainzer Republik – Deutschlands erster Demokratieversuch
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – nicht nur Menschen, auch Ideen können wandern, über Grenzen sogar. 1792/93 infizierte der Französische Freiheitsbazillus Revolutionsbegeisterte in Mainz, auf der anderen Seite des Rheins. Sie wagten hier das Abenteuer Demokratie – lange bevor im restlichen Deutschland daran zu denken war. Plötzlich wurde der „Freiheitsbaum“ gepflanzt, der Gerichtsstein, Symbol des Feudalismus, zerstört, Männer trugen rote Jakobinermützen, und auch im Alltag war die neue Zeit spürbar. Doch kann ein junges, umkämpftes Freistaats-Projekt inmitten von Krieg und Besatzung wirklich gelingen? Und warum wurde der erste demokratische Nationalkonvent von vielen boykottiert? Fragen, die Almut Finck und der Historiker Kai-Michael Sprenger in der historycast-Folge beleuchten, die von Symbolen, Debatten und dem langen Weg zur deutschen Demokratie erzählt. Der Mainzer Republik gelang der Sprung von der Idee zur Realität nur kurz. Was davon bleibt, sind beeindruckende demokratische Impulse, das Vermächtnis mutiger Persönlichkeiten wie Georg Forster oder Friedrich Lehne – und noch immer offene spannende Fragen: Wie viel Freiheit wollten die Menschen wirklich? Kann man Menschen zu ihrem (demokratischen) Glück zwingen? Und was lernen wir heute aus diesem gescheiterten Experiment?
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Heimat Europa. Das Ringen um Freizügigkeit in der EU
"Die europäische Integration ist eine historische Leistung, die wirklich sehr ungewöhnlich ist, weil sie so eine starke friedensschaffende Leistung vor allem darstellt.“, sagt die Historikerin Angelas Siebold im historycast. Sie hat die Geschichte des Schengen-Abkommens erforscht und kommt zu dem Ergebnis, dass nach langen und mühsamen Phasen der Annäherung und Grenzöffnung nun in Krisenzeiten wieder alte Sicherheits- und Schutzbedürfnisse der einzelnen europäischen Staaten dazu führen, sich neu abzuschotten. Dass die 29 Länder des Schengen-Raums die Freizügigkeit innerhalb Europas wieder einschränken. „Die europäische Integration ist nicht von Bestand, wenn man sich dafür nicht einsetzt.“ Grenzen, so Siebold, seien in der Geschichte nie statisch gewesen und müssten immer wieder neu ausgehandelt werden. Und die EU müsse dabei auch die Interessen der außereuropäischen Länder berücksichtigen. „Ich denke, dass eine Kooperationsnotwendigkeit besteht auch mit den Staaten, Gesellschaften, Gruppen, Akteuren, die hinter dieser Außengrenze existieren.“
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Der Kopftuchstreit
"Frauen mit Kopftuch haben sich ihre Position in der Gesellschaft erkämpft", sagt Yasemin Karakaşoğlu. Sie war im Jahr 2003 die erste und einzige Gutachterin vor dem Bundesverfassungsgericht, die empirisch zu den Gründen für das Kopftuchtragen geforscht hatte. Solange Frauen in wenig qualifizierten Positionen arbeiteten, störte sich kaum jemand an ihren Kopftüchern. Doch Lehrerinnen mit Kopftuch? Das wurde in den 1990erJahren zum Politikum. Entsprechende Verbots-Gesetze der Länder wurden am Ende von Gerichten weitgehend aufgehoben. Karakaşoğlus Forschungserkenntnis: "Die Kopftuchträgerinnen verstehen sich als ein Teil der Vielfalt in Deutschland. Und so wie die Kinder vielfältig sind, sollten Lehrerinnen auch vielfältig sein. Und bieten damit einen Einblick, was alles möglich ist in der Verschiedenheit und in der Vielheit von Orientierungen und Vorstellungen." Einen ausgeprägten Missionsgedanken konnte Karakaşoğlu bei ihren Untersuchungen nicht feststellen. Erst dann könnte ein Verbot wegen "Störung des Schulfriedens" erlassen werden. Wenn religiöse Symbole verboten werden, dann muss es heute allerdings für alle gelten. Auch für Kreuze und die Kippa. Arbeitgeber müssen nachweisen, dass Kopftuchtragen im Einzelfall zu wirtschaftlichen Einbußen führt. "Heute können Frauen mit Kopftuch selbstbewusst in Positionen hineingehen." Allerdings beschreibt Karakaşoğlu auch die heftigen Auseinandersetzungen in der feministischen Szene um die Kopftuchfrage und spricht über die Argumente von Befürwortern eines Kopftuchverbotes.
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Doppelt fremd: Russlanddeutsche. Kolonisten, Deportierte, Spätaussiedler
eigenes Land, wertvolle Privilegien. Kein Militärdienst, keine Steuern, Religionsfreiheit. Mit solch attraktiven Versprechen lockte Zarin Katharina II. im 18. Jahrhundert arme Bauern aus den deutschen Ländern in das expandierende Russische Reich. Die deutschen Kolonisten siedelten vor allem an der Wolga und im Schwarzmeergebiet, in der heutigen Ukraine. Lange Zeit genossen die so genannten Russlanddeutschen autonome Rechte, erklärt im Podcast der Historiker Jannis Panagiotidis. Später aber wurden sie verfolgt und litten in besonderem Maße unter den Gewaltsystemen des 20. Jahrhunderts. Viele von ihnen wurden gleich zweifach umgesiedelt und deportiert, erst durch Hitler, dann durch Stalin, der sie nach Sibirien verbannte. Im Zuge von Glasnost und Perestroika und verstärkt nach dem Zerfall der Sowjetunion wanderten ab 1991 zweieinhalb Millionen Russlanddeutsche aus. In der ihnen fremden Heimat ihrer Vorfahren erhielten sie als so genannte Volksdeutsche mehr oder minder automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Das sorgte und sorgt unter anderen MigrantInnen für Unmut. Die Spätaussiedler blieben in der Bundesrepublik lange Zeit unter sich und weitgehend unsichtbar, obwohl sie die größte MigrantInnengruppe seit der Wiedervereinigung sind. Heute aber, so Panagiotidis, beginnen junge, bereits in Deutschland geborene Russlanddeutsche, sich auch öffentlich mit ihrer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen.
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Wir gehen nach drüben. DDR-Flüchtlinge in der Bundesrepublik
"Rüber machen" von Ost- nach Westdeutschland, das war ein Massenphänomen. Bis zu vier Millionen Menschen machten sich auf den Weg, die meisten vor dem Mauerbau 1961. Zunächst bekam ein großer Teil von ihnen keine Anerkennung als politisch Verfolgte und musste sich in der Bundesrepublik ohne Unterstützung durchschlagen. Sie galten als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Als im wirtschaftlichen Aufschwung Arbeitskräftemangel einsetzte, wurden DDR-Flüchtlinge dann allerdings zu begehrten Fachkräften. Schließlich wurden politische Häftlinge von der Bundesrepublik gegen hohe Devisenzahlungen sogar freigekauft. Der Historiker Helge Heidemeyer benennt im historycast drei Gründe für Fluchtbewegungen nach Deutschland, die bis heute wichtig seien: "Dass seit nunmehr 75 Jahren die Menschen in die Bundesrepublik oder jetzt ins vereinte Deutschland streben, ist doch ein wunderbares Zeichen, dass man hier sicher, dass man hier freiheitlich und dass man hier auch wirtschaftlich gut leben kann." Allerdings beschreibt Heidemeyer auch, dass viele DDR-Geflüchtete in der Bundesrepublik auf wenig Anerkennung stießen und lange brauchten, um sich im Westen heimisch zu fühlen. Vor allem in den 70er und 80er Jahren, als wieder eine hohe Arbeitslosigkeit die Integration erschwerte.
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Wer muss raus, wer darf rein? Geschichte der deutschen Staatsbürgerschaft
1912 reiste der Schriftsteller Stefan Zweig in die USA und erinnerte sich später: "Niemand fragte mich nach meiner Nationalität, meiner Religion, meiner Herkunft. Und ich war ja, fantastisch für unsere heutige Welt der Fingerabdrücke, Visen und Polizeinachweise, ohne Pass gereist." Tatsächlich ist der Pass eine junge Erfindung. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Passwesen international standardisiert. Das heißt nicht, dass vorher nach Deutschland einreisen durfte, wer wollte – und bleiben schon gar nicht. Vor allem Polen und Juden waren in den vielen kleinen deutschen Staaten wenig gelitten, sagt Dieter Gosewinkel. Ein einheitliches Reichs- und Staatsangehörigkeitsrecht für alle Deutschen wurde 1913 verabschiedet. Es galt im Grundsatz bis zum Jahr 2000. In dieser Folge wird erklärt, was der Unterschied zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit ist, welche Rolle das „Blut“ dabei spielt und wie absurd, aber leider wirkmächtig, die rassistische Vorstellung ist, das Blut des einen Volkes könne durch Vermischung mit dem Blut von Angehörigen eines anderen „verschmutzt“ werden.
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Fußball mit Vielfalt. Migration im Sport
Entscheidend ist auf´m Platz. Beim Fußball entscheidet Können - und nicht Herkunft. Die besten Talente werden zu Superstars, egal welche Hautfarbe oder welchen Pass sie haben. Der Fußball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling berichtet im historycast allerdings auch, dass es in Deutschland lange anders war. Selbst Franz Beckenbauer durfte an einer Weltmeisterschaft nicht teilnehmen, weil er für einen US-amerikanischen Verein spielte. Günter Netzer ging zu Real Madrid. Solche "Vaterlandsverräter" wurden als Legionäre beschimpft, die sich für Geld verkaufen. Und wer anders war, hatte es in der Bundesrepublik schwer. Erwin Kostedde von Borussia Dortmund hatte einen deutschen Pass, aber eine dunkle Haut. Er musste sich von Kommentatoren als "schwarzer Bomber" titulieren lassen. Deutschtürken wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan in der Nationalelf, das war nur gut, wenn es gut lief. Heute ist der Fußball international wie kein anderer Sport. Zwar nehmen Rassismus und Nationalismus dort auch wieder zu, doch Schulze-Marmeling sieht vor allem die verbindende Seite des Fußballs: "Manchmal denke ich, dass der Fußball weiter ist als unsere Gesellschaft. Ich habe Leute mit unterschiedlichem ethnischen, sozialen, religiösen Background drin, ich habe Dummies und Schlauis drin, und die sind alle auch noch Rivalen, die rivalisieren auch noch um ihren Platz auf dem Feld, und trotzdem funktioniert das alles irgendwie miteinander."
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Willkommen in Weimar? Migration in der ersten deutschen Demokratie
Die „Völkerwanderung“ nach Ende des Ersten Weltkriegs – Waren die Menschen willkommen in der ersten deutschen Demokratie? Heimkehrende Soldaten und Umsiedler*innen aus den abgetretenen Reichsgebieten – notgedrungen, sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer. Weil sie Deutsche oder so genannte „Deutschstämmige“ waren. Russische Revolutions- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Juden aus Osteuropa – eher nicht. Saisonale Arbeitsmigrant*innen wurden geduldet, eine Chance auf den deutschen Pass hatten sie nicht. Almut Finck spricht mit Jochen Oltmer über Migration in der jungen Weimarer Republik, über Lager, die sich gar nicht so sehr von denen für Geflüchtete heute unterschieden, über ausländerfeindliche Denkmuster, die im gesellschaftlichen Alltag und in der Politik noch immer, oder wieder, zirkulieren.
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Schtetl-Welten. Alltag, Pogrome, Vertreibung
75 Prozent aller Juden weltweit - rund 8 Millionen - lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa. Nicht alle, aber sehr viele in einem der zahllosen kleinen Städtchen – einem Schtetl – in Gebieten des heutigen Polen, der Ukraine und Belarus', auch im Zarenreich und in Galizien. Schtetl, sagt die Historikerin Monica Rüthers, waren aber nie rein jüdische, sondern multikulturelle Orte des Neben- und manchmal Miteinanders von Juden und Christen, manchmal auch des Gegeneinanders – bis hin zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung. Im historycast erzählt Monica Rüthers von der religiösen und sprachlichen Vielfalt und vom Alltag jüdischen Lebens in den Schtetln Ostmitteleuropas, einer jahrhundertealten Kultur, die durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wurde. Sie beschreibt, welche Spuren es noch gibt, und berichtet von den schwierigen Bemühungen, jüdisches Leben, etwa in Polen, neu zu begründen.
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Linker Antisemitismus
Gibt es linken Antisemitismus? Ja, sagt Klaus Holz. Weder bei Marx und Lenin, nie bei den deutschen Sozialdemokraten. Aber bei Stalin und im sogenannten real existierenden Sozialismus. Bei linken Splittergruppen der 68er Bewegung und heute, so Holz, bei Unterstützern von Terrororganisationen wie der Hamas in der aktuellen Gewalt-Eskalation im Nahen Osten. "Mit einfachen Schemata von Gut und Böse wird man diesem Konflikt nicht gerecht. In dem Fall ist die israelische Regierungspolitik wirklich kritik- und verurteilenswert. Aber das ist kein Argument, sich in irgendeiner Weise mit Organisationen wie der Hamas zu solidarisieren".
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Antijudaismus im Christentum
Der moderne Antisemitismus ist undenkbar ohne die 2000jährige Geschichte christlicher Judenfeindschaft. Allerdings, so Hubert Wolf, gab es Hass und Hetze gegen Juden schon lange, bevor es das Christentum gab, schon bei den Ägyptern, den Persern und Griechen. Ein spezifisch christlicher Antijudaismus entstand aus den frühen, noch innerjüdischen Auseinandersetzungen um die neue Lehre des Juden Jesus von Nazareth. Damals kamen bis heute bekannte Topoi und Stereotype auf, allen voran der Vorwurf des Gottesmordes. Wolf beleuchtet Ursprünge und skizziert Motive des Antijudaismus von den Kirchenvätern bis ins 20. Jahrhundert, in theologischen Diskussionen und in der Volksfrömmigkeit. Der katholische Theologe und Kenner der Vatikanischen Archive stellt im Podcast außerdem sein großes Projekt an der Universität Münster vor: #askingthepopeforhelp. Wolf und sein MitarbeiterInnen-Team haben in Rom rund 10.000 bislang unbekannte Bittschriften jüdischer Verfolgter an Pius XII., den Papst in der Zeit der Schoah, entdeckt. Diese Briefe, oftmals das letzte Lebenszeichen von Holocaustopfern, werden nun transkribiert und im Internet zugänglich gemacht. Außerdem soll versucht werden, Schicksal und Lebensgeschichte jedes und jeder einzelnen Verfolgten und/oder Ermordeten aufzuklären.
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Juden im Deutschen Kaiserreich
War das 19. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter für Juden in Deutschland? Das kommt auf die Perspektive an. Gemessen an den Pogromen in Osteuropa, dem Judenhass in Österreich und Frankreich: Ja. Allerdings, so Till van Rahden, gab es die ersten antisemitischen Hetzer und Gruppen im Kaiserreich - und eine unsichtbare Mauer: "Die Gründung des Kaiserreichs bündelt im Grunde genommen die letzten rechtlichen Schritte hin zur rechtlichen Gleichstellung. Das Problem ist aber, dass auf dem Papier die Gleichberechtigung vollendet war, und gleichzeitig aber in der Lebensrealität vieler deutscher Juden die Erfahrung war, dass sie doch nur so etwas waren wie Staatsbürger zweiter Klasse. Das ist ein Motiv, was sich durch das ganze Kaiserreich hindurchzieht."
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Holocaust - Alles erforscht?
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten galt: Der Holocaust mit 6,5 Millionen ermordeten Juden war das Werk Hitlers und einer kleinen Gruppe von NS-Verbrechern. Die Mehrheit der Deutschen wähnte sich unschuldig, oft gar selbst als Opfer. Diese Vorstellung hat sich grundlegend gewandelt. Frank Bajohr skizziert den Weg von der Vergessens- und Verdrängungspolitik der frühen Bundesrepublik hin zu einer differenzierten Aufarbeitung der Vergangenheit seit etwa den 1990er Jahren. Geschichtswissenschaft und Erinnerungspolitik, so Bajohr, operieren heute mit einem erweiterten Täterbegriff und betrachten die Grenzen zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern als fließend. Zu neuen Erkenntnissen gelangten Historiker*innen in den letzten Jahren zudem durch die Öffnung der Archive in Osteuropa, sowie durch eine stärkere Konzentration auf die Opfer und ihre (autobiographischen) Zeugnisse – anstelle auf Täter*innen und ihre möglichen Motive.
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Juden, Armenier, Tutsi. War der Holocaust singulär?
War der Holocaust einmalig oder kann man ihn mit den Genoziden an Armeniern oder den Tutsi in Ruanda vergleichen? Kristin Platt vertritt dazu diese These: "Eigentlich ist immer verglichen worden in der Holocaust-Forschung. Sonst könnten wir die Besonderheit eines Ereignisses gar nicht klären, wenn es nicht vergleichende Argumentation gibt. Aber Vergleichen macht eben nicht vergleichbar." In dem Gespräch diskutieren Kristin Platt und Heiner Wember den aktuellen Forschungsstand und die Kontroversen um eine Vergleichbarkeit der drei Völkermorde.
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Braune Hetze auf arabisch. NS-Radiopropaganda im Nahen Osten
Zwischen 1939 und 1945 sendeten die Nazis über ihren Kurzwellensender judenfeindliche Hasspropaganda in muslimisch geprägte Länder, vor allem im Nahen Osten. So wurde eine antisemitische Ideologie in Regionen exportiert, die es zuvor in dieser Radikalität dort nicht gab. Matthias Küntzel argumentiert, dass durch die sechs Jahre lange und tägliche Bombardierung mit brauner Hetze ein bis heute virulenter Judenhass entstand, wie er sich zuletzt in den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 entlud.
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Jüdisches Leben im Mittelalter
Antijudaismus gab es im Mittelalter auch in Gegenden ohne Juden. Diese These vertritt die Historikerin Cordelia Heß in der neuen Ausgabe des historycast zu Jüdischem Leben im Mittelalter. Zwar gab es auch friedliche und fruchtbare Zeiten für Juden im mittelalterlichen Europa. Aber tiefsitzende Klischees von Juden als „Christusmörder“ führten dazu, dass sie in Krisensituationen extrem verfolgt wurden, zum Beispiel während der Kreuzzüge oder der großen Pestwelle von 1347.
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Israel. Zionistischer Traum, politische Realität
Michael Brenner schildert die Entstehung des Zionismus im 19. Jahrhundert als Reaktion auf osteuropäische Pogrome und einen wachsenden rassisch begründeten Antisemitismus in West-Europa. Er beschreibt, wie unter Theodor Herzls Führung die Vision eines sicheren jüdischen Zufluchtsorts entstand, die 1948 mit der Gründung Israels Realität wurde. Brenner beleuchtet die Vorgeschichte und den Verlauf des Nahostkonflikts. Er plädiert für eine Zwei-Staaten-Lösung und betont, wie wichtig es für einen dauerhaften Frieden sei, auch die je unterschiedlichen historischen Narrative von Israelis und Palästinensern anzuerkennen.
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Fortschrittsgeschichten. Judentum in der Zeit der Aufklärung
Barbara Stollberg-Rilinger betont, dass Aufklärung in der Frühen Neuzeit noch lange nicht hieß, dass man Juden als gleichwertig in ihrer Kultur und in ihrer Sprache betrachtet habe. „Die Aufklärer waren ja eine Elite aus Adel und Bürgertum, und die Vorstellung war, dass man die Menschen erziehen müsse, wie man Kinder erziehen muss, und so muss man eben auch die Juden erziehen.“ Stollberg-Rilinger beschreibt außerdem den extremen katholischen Antijudaismus von Kaiserin Maria-Theresia, die aus religiösen Gründen die böhmischen Juden vertreiben ließ, was zu unermesslichem Leid der Betroffenen, aber auch zu einer wirtschaftlichen Katastrophe für die jeweiligen Gebiete führte.
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Rechtsruck der Mitte. Wogegen die Demokratie sich verteidigen muss
Die größte Gefahr für unsere Demokratie, sagt Wolfgang Kraushaar, geht heute nicht mehr von der Rändern aus, sondern von Angehörigen der bürgerlichen Mitte, die sich zunehmend rechtspopulistisch bis rechtsradikal verorten. Im Podcast zeigt Kraushaar neonazistische Kontinuitätslinien auf, von den frühen 1950er Jahren über die fremdenfeindlichen Angriffe und Morde der 90er bis hin zu Pegida, den Reichsbürgern oder der AFD heute. Kraushaar fordert „keine falsche Toleranz“ gegenüber den Feinden von Grundgesetz, Parlamentarismus und liberaler Demokratie.
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Islam und Phobie
Prof. Farid Hafez spricht in dieser Folge u. a. über die sog. Obama-Verschwörung, in der Barack Obama vor allem von rechtsorientierten Massenmedien unterstellt wird, er sei Muslim und habe als Präsident eine Art islamischer Machtübernahme in den USA zum Ziel gehabt. Hafez sieht einen engen Zusammenhang zwischen Islamophobie und Rassismus, lehnt den Begriff „Islamkritik“ jedoch ab und spricht stattdessen von Religionskritik.
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Halbe Wahrheit, ganze Lüge. Wie Verschwörungstheorien Fakten verdrehen
Halbwahrheiten sind Falschaussagen, die eine Brücke schlagen vom Raum der Tatsachen zu einem Raum der Spekulation und Fiktion, sagt Nicola Gess. Und argumentiert: Sie sind besonders perfide, weil sie sich nicht einmal mehr negativ an der Wahrheit orientieren, sondern die Unterscheidung zwischen wahr und falsch aufweichen und untergraben. Halbwahrheiten gab es schon in der Geschichte, sie sind aber in den politischen Diskursen des so genannten postfaktischen Zeitalters besonders präsent. Die Literaturwissenschaftlerin Gess schlägt einen Fiktionscheck vor, um die gefährliche Scheinevidenz von Halbwahrheiten aufzudecken.
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Irrsinn in Rom
Verschwörungsdenken durchzog zwar sowohl die römische Republik als auch das Kaiserreich. Es gab aber zum Ende der Republik und bis zum dritten Jahrhundert, dem Krisenjahrhundert, eine Art „Aufklärungszeit“, in der alte Verschwörungsvorstellungen an Bedeutung verloren. Im dritten Jahrhundert dann kam es angesichts der zunehmenden Krisen zu einer Normierung der Gesellschaft. Zuvor wurden Christen weitgehend geduldet, doch durch ihre Weigerung, den offiziellen Göttern zu opfern, wurde ihnen die Schuld an den Missständen zugeschoben und es begannen Wellen von Christenverfolgungen.
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Hexenverfolgung
Hexerei haben Menschen schon immer betrieben, sagt Renate Voltmer, sowohl Glückszauber, als auch schwarze Magie. Aber erst mit den Krisen und Kriegen der Frühen Neuzeit kam es in vielen, sowohl katholischen, als auch protestantischen Territorien des Reichs zu Massen- oder Kettenprozessen gegen vermeintliche Hexen. Ihnen wurde unterstellt, sich mit anderen Hexen und dem Teufel verbündet zu haben. Es waren mehrheitlich, aber längst nicht nur Frauen, und zwar aus fast allen Schichten, die angeklagt und meist grausam gefoltert und getötet wurden. Die oft genannte Zahl 9 Millionen ist allerdings ein Mythos. Realistische Schätzungen gehen von europaweit 50.000 bis 60.000 Hingerichteten aus.
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Über Verrat
Der Begriff des Verrats variiert in verschiedenen Kulturen und Epochen stark. In Europa speist sich der Begriff vor allem aus zwei Quellen, der römischen Antike und dem Christentum. Er wurde in Europa als besonders verwerfliches Verbrechen angesehen, das sogar mit qualvolleren Hinrichtungs-Strafen belegt wurde als Mord, denn: Verrat bedrohte das gesamte Gefüge eines Staatswesens und galt damit als potentieller Massenmord. Erst die totalitären Systeme des Nationalsozialismus und Kommunismus führten zu massenweisen Hinrichtungen unter dem Vorwurf des Hochverrats. Auch heute beanspruchen Populisten für sich, einen Volkswillen zu repräsentieren, und leiten daraus ab, vermeintliche Verräter zu verfolgen.
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Freimaurertum: Viel Legende, wenig Geheimnis
Nicht die Freimaurerei ist irrational, sagt Marian Füssel, sondern die Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien, die sich darum ranken. Freimaurerlogen wurden im 18. Jahrhundert gegründet. Sie boten, ganz Kind ihrer aufgeklärten Zeit, Räume der freien und standesübergreifenden Kommunikation, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ziel war die (moralische) Verbesserung des Einzelnen und dadurch auch der Gesellschaft. Heute gibt es Freimaurerlogen überall auf der Welt.
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Was kommt? Geschichte der Wahrsagerei in Europa und Asien
Wahrsagerei gibt es in allen Kulturen. Die Fragen ähneln sich, nur die Methoden unterscheiden sich deutlich. Ulrike Ludwig spricht darüber, dass es in Europa drei Einschnitte in Bezug auf die Wahrsagerei gab: Die Einführung des Christentums, der Buchdruck und die Aufklärung. Während in Europa Divination scheinbar ihren Stellenwert mehr und mehr verlor, erfährt sie im chinesischen Kulturraum dagegen bis heute eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.
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Unschulds- und Opfermythen. Die Abwehr des Erinnerns an den Holocaust
Dass die Bundesrepublik Nationalsozialismus und Holocaust vorbildlich aufgearbeitet habe, hält Samuel Salzborn entgegen des landläufigen Narrativs für eine „geschichtspolitische Illusion“. Er beklagt einen immer noch virulenten Antisemitismus in der Gesellschaft, der offiziellen politischen Stigmatisierung zum Trotz. In den meisten Familien, sagt Salzborn, sei eine schuldhafte Verstrickung der Eltern- und Großelterngeneration nie thematisiert worden. Stattdessen stilisiere sich die Mehrheit der Deutschen bis heute als die eigentlichen Opfer: von Krieg, Bombenterror, Flucht und Vertreibung.
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Lügenpresse und Fake News. Der Verdacht gegen Medien beim Kennedy-Attentat, der Mondlandung und 9/11
Die Vereinigten Staaten gelten vielen als Conspiracy Nation, als ein Land mit besonderem Hang zu Verschwörungserzählungen. Was ist eine Verschwörungstheorie, wie entsteht und verbreitet sie sich? Und vor allem: Welche Rolle spielen die Medien dabei? Das untersucht Carolin Lano heute an drei Beispielen: dem Attentat auf John F. Kennedy, der Mondlandung und Nine Eleven.
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Verschwörungstheorien: Einst legitimes Wissen, heute stigmatisiertes Denken
Verschwörungstheorien, sagt Michael Butter, lassen sich im Zeitalter des Internets zwar leichter verbreiten, sind sichtbarer geworden und können sich in den Echokammern einer fragmentierten Öffentlichkeit durchaus menschenfeindlich und demokratiegefährdend entfalten. Signifikant zugenommen haben sie nicht, glaubt Butter, im Gegenteil. Heute offiziell diskreditiert, war Verschwörungsdenken bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine völlig legitime Wissensform. Sogar Staatsmänner wie Abraham Lincoln oder Winston Churchill glaubten an Verschwörungstheorien.
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Mythen im Ukraine-Krieg
Für Agnieszka Pufelska sind Mythen Glaubenssätze, die nicht infrage gestellt werden und keinen Bezug zur Realität haben. Präsident Putin nutze zur Kriegsrechtfertigung gegen die Ukraine tief im russischen Selbstbewusstsein verwurzelte Mythen. Den heilsgeschichtlichen Mythos als Retter vor "dem Faschismus" und "westlicher Dekadenz". Russland sei danach auch die "letzte Bastion des Christentums". Auf der anderen Seite, der ukrainischen, sieht Pufelska einen Mythos von der Kiewer Rus. Einen Bezug auf das mittelalterliche Reich mit der Hauptstadt Kiew. Dessen Nachfolger sei in diesem Mythos nicht Russland, sondern die Ukraine. Kiew sei danach das "ukrainische Jerusalem". Für Agnieszka Pufelska sind Mythen eine "kraftspendende Erzählung, die man braucht, um Kollektive zu gründen, um Gemeinschaften zu etablieren, um auch diese Gruppen zu mobilisieren."
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Wiesbaden 1985: Ein Minister in Turnschuhen. Zu Krise und Wandel der Demokratie
Die Demokratie sei am Ende, lamentieren viele. Nicht so Paul Nolte. Der renommierte Demokratieforscher sagt: Die Demokratie ist sehr lebendig. Sie hat sich nur gewandelt, ist rauer geworden, ausdifferenzierter, muss ständig neu verhandelt werden, in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.
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Rom 8 n. Chr. #ego quoque, auch ich, metoo. Ein anderer Blick auf sexuelle Gewalt und Frauenbild im Altertum
Katharina Wesselmann liebt die antiken griechischen und römischen Texte. Und verbieten will sie sie erst recht nicht. Nur anders lesen. So wie es jede Epoche auch getan hat. Frauen sprechen in den Quellen nicht selber, sie „werden“ erzählt, so Wesselmann. Von Männern. Und in den Übersetzungen wird aus Gewalt gegen Frauen auch noch eine freiwillige Hingabe. Wesselmann möchte die Widersprüchlichkeit und Vielseitigkeit der antiken Quellen aufzeigen und aushalten.
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Kiel 1918: Der Matrosenaufstand
Der Matrosenaufstand Anfang November 1918 in Kiel gilt als Anfang vom Ende – des Ersten Weltkriegs, des Kaiserreichs, der alten europäischen Ordnung. Oliver Auge fragt nach der Rolle, die so etwas wie „Revolutionsangst“ spielte, auf Seiten von Gegnern wie auch Befürwortern einer Umwälzung ständischer Verhältnisse.
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Frankfurt 1848: Die Paulskirche. Dom der deutschen Demokratie
Was ist die Paulskirche? Vor allem Hort des ersten deutschen Parlaments-Versuches 1848? Oder vor allem Mahnmal von 1948 dafür, dass die deutsche Demokratie erst durch das Feuer der Zerstörung im Nationalsozialismus gehen musste, um zur heutigen Blüte zu gelangen? Ein Streit, der sich auch in der Architektur dieses Doms der deutschen Demokratie widerspiegelt. Der Frage, wie er restauriert werden soll.
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Barcelona 2017: Eine Revolution des Lächelns endet in Tränen
Um zu erklären, wie die katalonische Separatismusbewegung 2017 so sehr eskalieren konnte, dass sogar ein Krieg möglich schien, bedient sich Birgit Aschmann eines neueren geschichtswissenschaftlichen Ansatzes, der sogenannten Emotionsgeschichte. Dadurch gelingt es ihr, die massive Emotionalisierung der Politik sichtbar zu machen, die der „Revolution des Lächelns“ vorausgegangen war.
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Moskau 1956: Stalins Mörder werden zahm
Die Entstalinisierung gilt bis heute im Westen als halbherziger Versuch der Selbstläuterung. Gewaltforscher Jörg Baberowski widerspricht hier vehement. Er hält die damaligen Prozesse für sehr weitreichend und nachhaltig. Denn der massive Terror Stalins und der politische Massenmord seien aus der Sowjetunion und dem heutigen Russland verschwunden.
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Genf 1920: Das Mandatssystem des Völkerbunds: Demokratie oder Kolonialismus?
Susan Pedersen untersucht die Vergabe von Mandaten für die einstigen Kolonien der Verlierer des Ersten Weltkriegs durch den Völkerbund. Eine Dekolonialisierung habe dieses Mandatssystem nicht geleistet. Trotzdem spricht Pedersen nicht von einem Scheitern, denn mit der Ständigen Mandatskommission wurde ein Diskussionsforum geschaffen, eine Art Bühne, auf der vor den Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit erstmals Fragen der nationalen Souveränität zumindest thematisiert werden konnten.
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Münster 1648: Verfassung für das Reich
Der Westfälische Frieden beendete den Dreißigjährigen Krieg. Es fällt bis heute selbst vielen Geschichtslehrer*innen schwer nachzuvollziehen, wer alles gegen wen kämpfte und wie es nach 30 Jahren dann doch gelang, einen dauerhaften Frieden zu schließen, symbolisiert durch den freudenreichen Postillion, den Friedensreiter, der die gute Nachricht 1648 in alle Welt hinaus verkündete. Herfried Münkler beschäftigt sich akribisch mit dem 30jährigen Krieg, weil er darin auch ein weites Lernfeld für heutige vertrackte internationale Konflikte sieht, zum Beispiel im Nahost-Konflikt. Münkler beschreibt die epochalen Fortschritte des Westfälischen Friedens – Rechtssicherheit, Verfassung, Gewaltmonopol des Staates, freie Religionsausübung.
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Teheran/London 1989: Gotteslästerung oder demokratische Meinungsfreiheit?
Blasphemie gibt es auch in demokratischen Gesellschaften, ein Verbot von Gotteslästerung auch da, wo Meinungsfreiheit hochgehalten wird. Gerd Schwerhof analysiert Gemeinsamkeiten zwischen Blasphemie im Frühchristentum, etwa der Zeichnung eines Eselskopfes am Kreuz, und den Mohammed-Karikaturen der Zeitschrift Charlie Hebdo. Als roten Faden erkennt er: Blasphemie ist immer auch eine Art Identitätsmarker, denn gemeinsame Empörung verbindet.
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Internet 2001: Wikipedia, Grund-Geschichtswissen der Welt
Sollte man man Wikipedia vertrauen, wenn es um die Vermittlung von Geschichte geht? Jan Hodel entwickelt in diesem Podcast verblüffende Ideen, wie Wikipedia als Plattform Schüler*innen zu eigenen Beiträgen animieren kann. Hodel beschreibt einen nutzbringenden und seriösen Umgang mit digitalen Medien im Unterricht und gibt wichtige Hinweise, wie jede*r Wikipedia besser nutzen kann.
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Massachusetts 1620: God’s Own Country. Protestantismus und Demokratie in den USA
Die USA werden seit der Ankunft der Puritaner 1620 in Wellen immer wieder von protestantischen Erweckungsbewegungen überrollt – was Europäer oft befremdlich finden. Michael Hochgeschwender stellt fest, dass der Evangelikalismus enorm vielfältig ist und nicht antiliberal oder antimodern sein muss, sich aber zu Beginn dieses Jahrhunderts radikalisiert und politisiert hat.
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Weimar 1919 - Die wählende Frau
Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau begann mit der Herrschaft über den eigenen Körper. Hedwig Richter analysiert in diesem Gespräch die oft unterschätzte Bedeutung des Themas Frauen-Emanzipation für Politik und Gesellschaft in den vergangenen 200 Jahren. Ein Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist und durch die #MeToo-Bewegung vorangetrieben wird.
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ABOUT THIS SHOW
Was war, was wird? Der historycast des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e. V.In diesem Podcast werden Diskussionen der Geschichtswissenschaft spannend und anspruchsvoll aufbereitet. Die beiden radioerfahrenen Autor*innen des WDR-Geschichtsformats ZeitZeichen, Dr. Almut Finck und Dr. Heiner Wember, interviewen bekannte Wissenschaftler*innen, die ein Buch zu einem historischen Thema geschrieben haben, das aktuell diskutiert wird. Die Themen bilden zudem die Schulcurricula ab und berühren die großen Fragen unserer Zeit, um dem omnipräsenten Mediengewusel und Fakenews eine seriöse Perspektive gegenüberzustellen. Zu allen Podcasts wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt. Diese stehen Ihnen hier kostenfrei zu Verfügung: www.historycast.deDas Projekt wird durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (1. und 2. Staffel), das Ministerium des Inneren (3. Staffel) und die Stiftung Orte der Demokratiegeschichte (4. Staffel) gefördert.
HOSTED BY
Dr. Almut Finck und Dr. Heiner Wember
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