EPISODE · Aug 24, 2026 · 1H 11M
"Des Vetters Eckfenster" (E.T.A. Hoffmann)
from Erzählkünstler · host Gelsen von Carola von Seckendorff
Wieder eine Fenster-Geschichte ... – Wer mal in Berlin war oder dort lebt, kennt den Gendarmenmarkt. Im Jahr 1822 wohnte E.T.A. Hoffmann in einem Haus mit Blick auf diesen Platz, und von hier aus erzählt er – zwei Monate vor seinem Tod – die Geschichte „Des Vetters Eckfenster“. Aus Krankheitsgründen nicht mehr fähig zu schreiben, diktiert er. Auch das Haus kann er nicht verlassen. Hoffmann imaginiert also einen Besucher – nicht irgendeinen: einen ganz speziellen, jemanden, der sein künstlerischer Nachfolger werden, gewissermaßen sein Erbe antreten könnte. Vom Dichten ist die Rede, davon, dass der Schriftsteller, vom Beobachten des Realen ausgehend, eine Geschichte phantasiert, eine Anekdote, eine Szene, die zum Verhalten der echten Person auf dem Marktplatz passt, und derer gibt es viele, vor allem vorbeilaufende Kundinnen und Kunden, Verkäuferinnen und Verkäufer. Sogar von einem Gespräch mit einer Marktfrau erzählt der Gastgeber – einer Frau, die gerade in einem seiner Romane las, als er sie bemerkte. Er stellte sich ihr vor, doch die Reaktion ist ernüchternd: Sie zeigt nur Interesse an der Romanhandlung und den Figuren im Buch – der Schöpfer all dessen ist ihr völlig schnuppe. Typisch Berlin? Jedenfalls typisch für E.T.A. Hoffmann. Er war stets ein Autor, der Erzählebenen vermischte und auch mal zwei völlig verschiedene Texte ineinander verschachtelte. Der schreibende Kater Murr hat in seinen „Lebens-Ansichten“ damit in fast postmoderner Weise einen ganzen Hoffmann-Roman lang zu kämpfen – also in einer Manier, die es unter diesem Label freilich erst etwa 150 Jahre später gab. Doch das ist eine andere Geschichte. Zurück zu der rund um die Cousins/Vettern: Hoffmann war zu der Zeit, als er den Text diktierte, schwerkrank. Gelähmt, dem Tode nahe. Aus heutiger Sicht wirkt es nachvollziehbar, dass er fiktiv jemand anderes, d.h. eigentlich zwei andere, noch einmal mit künstlerischem, kreativem Blick aus seinem real existierenden Berliner Fenster blicken und kleine Ereignisse kommentieren lässt – und das alles in ein Kunstwerk transformiert, ein ausgesprochen autobiographisches. Zugleich ist es bewundernswert, welche Kraft, welche künstlerische Energie Hoffmann auch in seiner schwierigen Lage aufbrachte. Dieser Autor blieb bis zu seinem Ende, selbst unter größten Schmerzen, durch und durch ein Schriftsteller – und weit darüber hinaus einer der bedeutendsten in deutscher Sprache. Über Hoffmanns Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Prosaliteratur gibt es keinen Zweifel. Er ist ein Vorläufer in vielfacher Hinsicht und der deutschsprachige Autor, der die weltweit berühmtesten Figuren erschuf – mehr als Goethe, der international dann doch seltener gelesen wurde. „Des Vetters Eckfenster“ präsentiert für uns die Münsteraner Schauspielerin Carola von Seckendorff.
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