EPISODE · Aug 10, 2026 · 6 MIN
"Die Gardine" (Sören Kierkegaard)
from Erzählkünstler · host Gelesen von Volker Drüke.
Ach, diese Fenster-Erzählungen. Wir kennen sie aus der Filmgeschichte, etwa von Hitchcock, Chabrol und Woody Allen, und natürlich aus der Literaturgeschichte, beispielsweise von George Simenon und E.T.A. Hoffmann. Nicht immer, aber meist schaut dabei jemand aus dem Fenster heraus. Bei Sören Kierkegaard schaut jemand herein in ein Fenster, na eigentlich auf ein Fenster. Er entdeckt dahinter eine attraktive Frau, und es entwickelt sich innerhalb der Erzählung eine zwischenmenschliche Dreieckssituation, die wir in psychoanalytisch geprägten Zeiten „ödipal“ nannten und die der Erzähler, an dem hier alles hängt und bei dem alles zusammenläuft, auf gar keinen Fall erweitert sehen möchte, etwa durch einen Assistenten. Nein, eine solche Vierer-Beziehung möchte er unbedingt vermeiden, denn: „Man kann nie wissen, was aus dieser Geschichte noch für mich herumspringen kann“. Drei Figuren also, doch keine spricht mit einer der anderen, keine weiß, dass sie jeweils Teil einer von einem wieder ganz anderen gestalteten Beziehung ist. Der Gestalter ist der Erzähler. Er tut nichts als zu beobachten, nachzudenken, Beziehungen zu konstruieren, zu phantasieren und im Zuge dessen dann auch mal imaginativ mit dem anderen Mann, dem Offizier (im Text auch Leutnant genannt), zu sprechen und ihn, in Anbetracht der Tatsache, dass ja überhaupt nichts geschieht, zu mehr Entschlusskraft in Bezug auf die junge Frau aufzufordern. Er könne als Offizier ja doch wohl „das Haus im Sturm und das Mädchen mit Gewalt nehmen“. (Ohohoh ... Ob Ironie oder nicht: Die Literatur ist nun mal kein Ort der ethisch stets wertvollen Aussagen.) Auch ein Straßenseitenwechsel bewirkt nichts Bedeutendes, es bleibt eine Art Possen- und Positionsspiel. Und ziemlich komisch ... Kierkegaards Text verfolgt kein Ziel, er möchte nichts Pädagogisches oder Politisches bewirken, wir folgen einfach einer individuellen Beobachtung, die zu einer Erzählung wurde – zu einer, in der ein unbeteiligter Beobachter sich ein Geschehen zusammenspinnt, in einem sich täglich wiederholenden Blick-Rendezvous. Kierkegaard veröffentlichte den Text im Rahmen des Buchs „Tagebuch eines Verführers“, das zuerst im Jahr 1843 erschien. Den titellosen Ausschnitt, den wir hier „Die Gardine“ nennen, liest Volker Drüke.
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