EPISODE · Aug 6, 2026 · 8 MIN
Der Bauch macht, was er will
from Saftig · host Susanne Miel
Bauch in den Wechseljahren — Shownotes Episode 019 Ich stand gestern Abend nackt vor dem Spiegel, frisch geduscht, das türkise Kleid in der Hand. Blumen, ein bisschen Glitzer. Ich habe es angezogen, der Reißverschluss ging zu — und trotzdem war ich nicht mehr die Frau, die in dieses Kleid gepasst hat. Am Ende habe ich das schwarze genommen. Das, das ich immer nehme. In dieser Folge geht es um den Abstand zwischen dem, was der Spiegel zeigt, und dem, was ich darin sehe. Mein Bauch in den Wechseljahren macht, was er will. Er wird nicht dicker im Sinne von Fett, er wird runder — er passt sich der gedehnten Form an, die er von den Schwangerschaften kennt. Kurz vor meiner Periode fällt er in genau die Halbrundung zurück, die ich aus dem vierten Monat kenne. Und dann werde ich gefragt, ob ich wieder schwanger bin. Nein. Ich habe meine Tage. Das Merkwürdige daran: Vom Kopf her ist mir völlig klar, dass das zu meinem Körper gehört. Ich weiß, was dieser Bauch geleistet hat, ich weiß, dass die Gebärmutter größer wird und der Bauch mit ihr, ich weiß, dass mein Körper sich gerade umbaut und offenbar beschlossen hat, dass er sich in der Körpermitte am wohlsten fühlt. Ich könnte das alles ordentlich erklären. Und dann gucke ich in den Spiegel und sehe jemanden, den ich nicht mag. Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick Ich erzähle von einem türkisen Kleid, das noch passt und trotzdem hängen bleibt. Von einer Bekannten, die mir vor über zehn Jahren gesagt hat, ich solle vor vierzig dringend ein niedriges Gewicht haben, weil ich es danach nicht mehr halten könne. Von meinem Freund, der mich anguckt und nicht versteht, wovon ich rede. Und von drei Kleidern in meinem Schrank, die immer funktionieren, egal wo ich im Zyklus stehe. Es ist keine Folge über Abnehmen. Es ist eine Folge über den Blick, mit dem ich vor dem Spiegel stehe — und darüber, dass mein Kopf längst kapiert hat, was mein Bauch geleistet hat, während mein Auge das anders sieht. Dazwischen steht eine Frage, die mir Fremde gestellt haben und die ich mir selbst stelle: Wo ist die Frau hin, die dieses Kleid mal getragen hat? Der Bauch verändert sich, ohne dass die Waage etwas dazu sagt — er wird runder statt dicker, und er reagiert auf den Zyklus. Das hat mit meinem Gewicht wenig zu tun und mit dem Umbau in meinem Körper viel. Ich erkenne mich, ich mag mich nur nicht — mir ist mein Körper nicht fremd geworden. Ich sehe ihn jeden Tag. Der Unterschied liegt nicht im Wiedererkennen, sondern im Gefallen. Ein Kompliment repariert das nicht — mein Freund findet mich attraktiv und sagt das auch. Ich glaube ihm sogar. Das Kleid ziehe ich trotzdem nicht an. Drei sichere Kleider statt einem schönen — meine Lösung ist nicht, das türkise Kleid anzuziehen. Meine Lösung sind drei, bei denen ich meinen Bauch nicht den ganzen Abend sehen muss. Manches ist weg und kommt nicht wieder — es gibt Dinge an meinem Körper, auf die ich stolz war und die ich selbst abgeschafft habe, weil jemand darum gebeten hat. Das macht mich manchmal traurig. Ich löse das hier nicht auf. Ich ziehe eines der drei an und gehe. Shownotes und Episodendetails Es gibt diesen Moment, in dem ich vor dem Kleiderschrank stehe und genau weiß, was ich anziehen möchte — und es trotzdem nicht tue. Nicht, weil es nicht passt. Weil ich mich darin nicht sehen will. Was mein Freund sieht und was ich sehe Wenn er im Zimmer ist, mache ich es demonstrativ. Ich halte den Bauch fest, quetsche die Falte zusammen und sage: Guck mal, wie dick ich bin. Dann fängt er an zu kichern, guckt an sich runter, guckt mich an und sagt: Ja, dann guck doch mal mich an. Und ehrlich gesagt ist er in dem Moment sowieso längst woanders. Wenn ich nackt vor ihm stehe, sieht er nicht den Bauch. Ich finde das total lieb von ihm. Es ist nur leider keine qualifizierte Meinung. Er sitzt nicht in meinem Kopf, wenn ich morgens in den Spiegel gucke. Und ich glaube, das ist der Punkt, an dem so ein Kompliment verpufft. Es kommt von außen an eine Stelle, die von innen entschieden wird. Er kann mir hundertmal sagen, dass er mich attraktiv findet — ich glaube ihm sogar. Es ändert nur nichts an dem, was ich sehe, wenn ich alleine vor dem Spiegel stehe und der Bauch sich unter meiner Hand bewegt. Die drei sicheren Kleider Meine Lösung ist nicht, mich vor den Spiegel zu stellen und das türkise Kleid trotzdem anzuziehen. Meine Lösung sind drei Kleider. Das schwarze, etwas kürzere, vorne leicht gerafft — damit auf gar keinen Fall irgendwas an Bauch auffällt, egal ob ich kurz vor der Periode stehe oder danach. Und zwei lange für Gartenparty und Sommerfest, oben an der Brust eng geschnitten, der Rest fällt weit. Ist das die perfekte Lösung? Ich weiß es nicht. Aber ich ärgere mich wenigstens nicht den ganzen Abend über ein Kleid, das mehr spannt als sitzt. Das macht am Ende ja auch keinen Spaß. Und dann ist da noch die Sache mit dem Dreieck Ich rasiere mich, seit ich erwachsen bin. Angefangen habe ich damit, weil einer meiner Partner irgendwann sagte, ich solle das doch mal machen. Dazu muss man wissen: Bis dahin war ich sehr stolz auf meine Frisur da unten. Ein perfektes Dreieck, kleine Löckchen, kein Haar, das in irgendeine Richtung abstand, eine hübsche Kante drumherum, als wäre es rasiert. Es war perfekt. Wenn ich es heute wachsen lassen würde, sähe es aus wie gewollt und nicht gekonnt. Kraut und Rüben. Das macht mich manchmal traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass das mal anders war. Es geht dabei nicht um Härchen. Es geht darum, dass ich etwas abgeschafft habe, auf das ich stolz war, weil jemand anders es netter fand — und dass ich es nicht zurückholen kann, selbst wenn ich wollte. Ich erkenne mich. Ich mag mich nur nicht mehr. Am Ende ist das der Satz, der übrig bleibt. Ich bin mir nicht fremd geworden, ich sehe mich schließlich jeden Tag. Ich gefalle mir nur nicht mehr, und das ist etwas anderes. Ich habe keinen Trick dafür. Ich habe drei Kleider und einen Bauch, der macht, was er will, und einen Mann, der das alles nicht versteht und mich trotzdem angucken will. Das türkise Kleid hängt weiter im Schrank. Ich ziehe eines der drei an und gehe. Wenn du das kennst und keine Folge verpassen willst: Abonniere Saftig bei Apple Podcasts, Spotify oder wo du sonst hörst. Dann liegt die nächste Folge automatisch bei dir.
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