Dissens und Kritik im Globalen Süden und bei uns | Von Jochen Mitschka episode artwork

EPISODE · Sep 21, 2023 · 22 MIN

Dissens und Kritik im Globalen Süden und bei uns | Von Jochen Mitschka

from apolut: Standpunkte

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.Ich möchte heute zwei Themen ansprechen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Da ist einmal das Problem von kritischen Wissenschaftlern und Journalisten, besonders wenn sie in weniger entwickelten Gesellschaften leben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und dann, wie einflussreiche westliche Organisationen dabei helfen, eine „teile und herrsche“ Situation zu erzeugen, mit der die regionale Selbstermächtigung behindert wird. Beides hängt insofern zusammen, da staatliche und nichtstaatliche Akteure im Westen durch ihre Finanzierung von „Dissidenten“, welche die westliche Agenda verfolgen, die Lücke der kritischen Begleitung von Politik füllen. Eine Lücke, welche mangels Finanzierbarkeit von originären lokalen Dissidenten offen gelassen werden muss.Überleben oder SchreibenDie Anregung aufgreifend, nicht zu oft die gleichen Vertreter des globalen Südens zu Wort kommen zu lassen, habe ich Kontakt mit einem jungen Wissenschaftler, Dr. Jay Tharappel aufgenommen. Er promovierte in Australien und mit seinen Artikeln hatte der Verein „Der Politikchronist e.V.“ ein Buch über den Jemenkrieg verfasst(1). Als ich ihn nun fragte, warum er keinen Hintergrundartikel über die neuesten Entwicklungen in der Jemen-Krise, nach der Wiederannäherung von Saudi-Arabien und dem Iran geschrieben habe, erklärte er mir das Grundproblem der alternativen Medienschaffenden: Durch das Schreiben von Texten mit einer alternativen Sichtweise auf Politik und Gesellschaft ist man nicht in der Lage, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Es gibt einige wenige Ausnahmen, sicher auch einzelne Stars der Szene, wie Daniele Ganser zum Beispiel. Aber ansonsten hält man sich als alternativer Medienschaffender mit anderen Arbeiten über Wasser, welche keine Zeit für alternative Texte lassen, oder erfreut sich an Altersbezügen, die man durch „ehrenwerte“ Arbeit erwarb. Was eine „Vergreisung“ der Dissens verursacht.Natürlich gibt es finanziell selbst tragende Projekte mit auskömmlichen Einnahmen für die beteiligten Journalisten, meist jedoch in den USA. Genannt sei hier das Grayzone-Projekt(2). Auch hier werden Sichtweisen des Globalen Südens verbreitet, aber durch Journalisten oder Wissenschaftler, die selbst nicht dort sozialisiert wurden. Aber alle solche Projekte stehen mit einem Bein im Aus, wenn Spenden wegbrechen. Aber noch einmal einen Schritt zurück:BeispieleJay Tharappel ist ein junger kommunistischer Schriftsteller und Wissenschaftler. Er wurde wegen eines Israel gegenüber kritischem Aufnäher aus der australischen „Labour Party“ ausgestoßen. Und wird wegen seiner Kritik an westlicher Kriegsführung gegen Syrien als „Diktator-Freund“ ausgegrenzt. Sein Forschungsinteresse gilt Themen wie der Natur der Währungshegemonie, postkolonialen Kritiken der marxistischen Theorie und der Lehren, die man aus der Politik Chinas ziehen kann. Aber wie Tim Anderson ist er kein Historiker, der in der Vergangenheit schwelgt, sondern ein Analytiker der Gegenwart. Und so erklärt sich, dass seine Analysen zwar begehrt sind, aber nur von Medien, welche keine lebenserhaltenden Honorare zahlen können. Auf seiner eigenen Internetseite(3) finden sich daher auch nur noch wenige Artikel, ebenso nur noch ganz selten Artikel in alternativen Medien...... hier weiterlesen: https://apolut.net/dissens-und-kritik-im-globalen-sueden-und-bei-uns-von-jochen-mitschka+++Bildquelle: Stock City / shutterstock Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.Ich möchte heute zwei Themen ansprechen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Da ist einmal das Problem von kritischen Wissenschaftlern und Journalisten, besonders wenn sie in weniger entwickelten Gesellschaften leben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und dann, wie einflussreiche westliche Organisationen dabei helfen, eine „teile und herrsche“ Situation zu erzeugen, mit der die regionale Selbstermächtigung behindert wird. Beides hängt insofern zusammen, da staatliche und nichtstaatliche Akteure im Westen durch ihre Finanzierung von „Dissidenten“, welche die westliche Agenda verfolgen, die Lücke der kritischen Begleitung von Politik füllen. Eine Lücke, welche mangels Finanzierbarkeit von originären lokalen Dissidenten offen gelassen werden muss.Überleben oder SchreibenDie Anregung aufgreifend, nicht zu oft die gleichen Vertreter des globalen Südens zu Wort kommen zu lassen, habe ich Kontakt mit einem jungen Wissenschaftler, Dr. Jay Tharappel aufgenommen. Er promovierte in Australien und mit seinen Artikeln hatte der Verein „Der Politikchronist e.V.“ ein Buch über den Jemenkrieg verfasst(1). Als ich ihn nun fragte, warum er keinen Hintergrundartikel über die neuesten Entwicklungen in der Jemen-Krise, nach der Wiederannäherung von Saudi-Arabien und dem Iran geschrieben habe, erklärte er mir das Grundproblem der alternativen Medienschaffenden: Durch das Schreiben von Texten mit einer alternativen Sichtweise auf Politik und Gesellschaft ist man nicht in der Lage, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Es gibt einige wenige Ausnahmen, sicher auch einzelne Stars der Szene, wie Daniele Ganser zum Beispiel. Aber ansonsten hält man sich als alternativer Medienschaffender mit anderen Arbeiten über Wasser, welche keine Zeit für alternative Texte lassen, oder erfreut sich an Altersbezügen, die man durch „ehrenwerte“ Arbeit erwarb. Was eine „Vergreisung“ der Dissens verursacht.Natürlich gibt es finanziell selbst tragende Projekte mit auskömmlichen Einnahmen für die beteiligten Journalisten, meist jedoch in den USA. Genannt sei hier das Grayzone-Projekt(2). Auch hier werden Sichtweisen des Globalen Südens verbreitet, aber durch Journalisten oder Wissenschaftler, die selbst nicht dort sozialisiert wurden. Aber alle solche Projekte stehen mit einem Bein im Aus, wenn Spenden wegbrechen. Aber noch einmal einen Schritt zurück:BeispieleJay Tharappel ist ein junger kommunistischer Schriftsteller und Wissenschaftler. Er wurde wegen eines Israel gegenüber kritischem Aufnäher aus der australischen „Labour Party“ ausgestoßen. Und wird wegen seiner Kritik an westlicher Kriegsführung gegen Syrien als „Diktator-Freund“ ausgegrenzt. Sein Forschungsinteresse gilt Themen wie der Natur der Währungshegemonie, postkolonialen Kritiken der marxistischen Theorie und der Lehren, die man aus der Politik Chinas ziehen kann. Aber wie Tim Anderson ist er kein Historiker, der in der Vergangenheit schwelgt, sondern ein Analytiker der Gegenwart. Und so erklärt sich, dass seine Analysen zwar begehrt sind, aber nur von Medien, welche keine lebenserhaltenden Honorare zahlen können. Auf seiner eigenen Internetseite(3) finden sich daher auch nur noch wenige Artikel, ebenso nur noch ganz selten Artikel in alternativen Medien...... hier weiterlesen: https://apolut.net/dissens-und-kritik-im-globalen-sueden-und-bei-uns-von-jochen-mitschka+++Bildquelle: Stock City / shutterstock Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

NOW PLAYING

Dissens und Kritik im Globalen Süden und bei uns | Von Jochen Mitschka

0:00 22:05

No transcript for this episode yet

We transcribe on demand. Request one and we'll notify you when it's ready — usually under 10 minutes.

Standpunkte NDR Info Der NDR Info Podcast Standpunkte gibt einen Überblick, wie über das Topthema des Tages in Medien diskutiert wird. Sie hören täglich, wie Journalistinnen und Journalisten der "Zeit", "Welt" oder anderen Zeitungen die Dinge bewerten. Außerdem gibt es Kommentare aus Podcasts, Newslettern, Radio- und TV-Sendungen wie beispielsweise den Tagesthemen. Von konservativ bis liberal - NDR Info fasst die unterschiedlichen Positionen zusammen. Zum Mitreden, Mitdiskutieren und gerne auch zum Widersprechen! Wir fragen übrigens auch immer wieder Gast-Autorinnen und -Autoren nach ihrer Meinung. Die Standpunkte können Sie übrigens auch jeden Morgen auf NDR Info hören, einmal die Stunde zwischen 6 und 9 Uhr. Streitkultur Deutschlandfunk Eine zugespitzte Frage, zwei Gäste, zwei konträre Positionen – dazu eine Moderatorin oder ein Moderator und ein weites Themenspektrum, jeden Samstag um 17.05 Uhr. Das ist das Konzept der neuen Sendung. Sind wir zu politisch korrekt? Passen Religion und Aufklärung zusammen? BER und Stuttgart 21 – hat Deutschland das Bauen verlernt? Den Streit wert sind Kunst und Musik, Glaube und Wissenschaft, Lebensstil und politische Kultur. Eine gleich bleibende Debattendramaturgie sorgt für klare Standpunkte, dann folgen echter Austausch, Abwägen und gemeinsames Nachdenken. Im besten Fall wird der Titel so eingelöst, dass wir genau das vorführen: Streit-Kultur. 99 ZU EINS 99 ZU EINS Wir sind eine Plattform für linke Standpunkte, Analysen und Debatten. apolut: Tagesdosis apolut Hier finden Sie ausgewählte, tagesaktuelle Artikel, Berichte und Kommentare die von unseren Autoren erstellt oder in einigen Fällen aus anderen Quellen übernommen werden. "Tagesdosis" erscheint an sechs Tagen die Woche. Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Frequently Asked Questions

How long is this episode of apolut: Standpunkte?

This episode is 22 minutes long.

When was this apolut: Standpunkte episode published?

This episode was published on September 21, 2023.

What is this episode about?

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.Ich möchte heute zwei Themen ansprechen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Da ist einmal das Problem von kritischen Wissenschaftlern und Journalisten, besonders wenn sie in weniger entwickelten...

Can I download this apolut: Standpunkte episode?

Yes, you can download this episode by clicking the download button on the episode player, or subscribe to the podcast in your preferred podcast app for automatic downloads.
URL copied to clipboard!