EPISODE · Apr 15, 2026 · 33 MIN
“Es liegt an uns, den Charakter der Zeit von seiner tiefen Entwürdigung wieder aufzurichten”
from Ganz Mensch sein · host Uwe Alschner
Friedrich Schiller über das SchöneVon Rosa KunzSchillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen”, mit denen wir uns im folgenden beschäftigen wollen, waren die Antwort des Dichters auf die drängendsten politischen Probleme seiner Zeit, die in dem Jakobinerterror der Französischen Revolution ihren furchtbarsten Ausdruck fanden. Getragen von der Begeisterung über die amerikanische Unabhängigkeit, dem „Lieblingsgegenstand unsres Jahrzehnts”, wollten die Republikaner das amerikanische Beispiel heimholen und auch auf dem europäischen Kontinent freiheitliche Republiken errichten. Doch in welchem Entsetzen endete der hoffnungsvolle Aufbruch:„Anarchasis dem Ersten nahmt ihr den Kopf weg, der Zweite Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch,”heißt es in den Xenien. Der Mensch, unfähig diese große Gelegenheit zu verwirklichen, mußte erst zu einem freien Individuum erzogen werden, bevor er einen freiheitlichen Staat errichten konnte. Selbst unfrei, konnte die angestrebte Veränderung des Staates nur in Unfreiheit enden, denn der Staat ist nur soviel wie seine Bürger. Geknechtete Bürger können keinen freien Staat aufbauen. Jeder Verbesserung im Politischen muß zunächst eine Verbesserung des Charakters vorangehen. Wie sehr gilt dieses Bild für unsere heutige Epoche. Der größte Teil der Welt ist nicht nur unfrei von physischen Zwängen, sondern kann nicht einmal seine nackte Existenz retten, er verhungert. Und all jenen, die mit hochmütiger Belehrung kommen, möchten wir mit Schiller antworten:„Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.”Der entwickelte Teil der Welt, der weitgehend frei von physischer Not sich mit den „großen Gegenständen” des Jahrhunderts befassen könnte, wird mehr und mehr zurückgetrieben in kindliche Infantilität. Selbstverwirklichung ist die Losung unserer Zeit, und der Begriff selbst charakterisiert trefflich das Dilemma, das er nur notdürftig verbirgt. Sich selbst verwirklichen, Nabelschau zu treiben und dabei gegen die Mitwelt alle nur denkbaren Ansprüche zu stellen; Schiller hat gerade diesen Charakter den verächtlichsten genannt, weil er Weichheit gegen sich selbst mit Härte gegen andere verbindet. In gähnender Passivität ziehen die Ereignisse vorbei, und so manche große Gelegenheit wartet vergeblich auf ihre Verwirklichung. Man hat „Bock auf die Zukunft” oder auch keinen, je nachdem, welchem politischen Lager man angehört, die Ziege, um glücklich zu werden, fehlt beiden. Schwüles Händchenhalten wird zur geschichtsträchtigen Tat, sensitivity training und das gemeinsame Bad unter kalifornischer Sonne ersetzen die Ausbildung des Denkens, man wird direkt und unmittelbar in den „Kosmos” aufgenommen. Ein außerirdisches Wesen bewirbt sich um das höchste Amt einer Supermacht und - findet Wählerstimmen, selbst Problemen, die das gesamte Fortbestehen der menschlichen Gattung und Zivilisation betreffen, begegnet man mit „f**k for peace” und Entblößen des Oberkörpers — welche Entwürdigung! Und diese Irrationalität ist bei weitem nicht nur ein Kennzeichen jugendlicher Aussteiger, sie ist längst zu einem Gütezeichen des sogenannten Establishments geworden.Erziehung der Gefühle heißt also die drängendste Aufgabe der Zeit, soll die beschriebene Infantilität nicht in völlige Versklavung münden. Schillers Ästhetische Briefe sind ein Programm zur Massenerziehung der Bevölkerung, nicht mit dem Zeigefinger und durch Verbot und Gesetze, sondern anmutig spielend durch die Kunst. Wie wirksam sein Konzept ist, demonstrieren eindrucksvoll die preußischen Reformen und die darauffolgenden Befreiungskriege, die nicht nur eine Massenerhebung gegen die Diktatur Napoleons waren, sondern eine begeisterte Verfassungsbewegung zur Einigung Deutschlands.Die Ästhetischen Briefe Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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