PODCAST · education
Ganz Mensch sein
by Uwe Alschner
Uwe Alschner im Gespräch ganzmenschsein.substack.com
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“Liebe, die sich weigert, zu spalten”
Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle eine exklusive Vorabveröffentlichung aus Katie Skurjas neuem Buch (Arbeitstitel: Paradox Found) veröffentlicht. Das Kapitel befasste sich mit der Frage der Menschwerdung Gottes und den sich daraus ergebenden Implikationen für unser Selbstverständnis und für das Verhältnis zu Gott.Heute folgt in dieser Hinsicht der anschliessende Blick auf die Kreuzigung Jesu unter dem selben Blickwinkel: Was verändert sich, wenn man die Menschlichkeit betrachtet, die sich in Jesus am Kreuz offenbart? Was verändert sich, wenn man das Kreuz neu betrachtet? Nicht als Symbol der Spaltung, sondern als Symbol der Einheit. Wie kann man das Kreuz überhaupt als Symbol der Einheit verstehen?Ich danke Katie Skurja für die Ehre, diesen Text vorab übersetzen und veröffentlichen zu dürfen. Katie ist, wie ich auch, sehr gespannt auf Kommentare!Das Kreuz neu betrachtet: In die Spaltung eintreten, ohne selbst Teil davon zu werdenVon Katie SkurjaGott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst. ~ 2 Kor 5,19Das Kreuz bedeutet nicht, dass sich der Vater gegen den Sohn wendet, sondern dass Gott in Christus in die volle Wucht menschlicher Schmach, Gewalt und Sündenbockmentalität eintritt, um diese aufzudecken, in sich aufzunehmen und zu überwinden, ohne selbst Teil davon zu werden.(...)Aus: Katie Skurja, “Paradox Found”, unveröffentlichtes Manuskript. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin, alle Rechte vorbehalten, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Uwe Alschner.Ganz Mensch sein ist eine von Lesern unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden. Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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“Der Ort, den sich die Liebe zur Wohnung nahm”
Catherine “Katie” Skurja ist Therapeutin; sie hat einen Master-Abschluss in Ehe- und Familientherapie sowie einen Master in spiritueller Bildung. Ihr Bachelor-Studium absolvierte sie in Grundschul- und Sonderpädagogik. Sie unterrichtete neun Jahre lang an einer Grundschule am Rande von Portland, der Metropole des US-Bundesstaates Oregon. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und zwei Enkelkinder.Vor 14 Jahren hat sie ihr erstes Buch mit dem Titel „Paradox Lost“ [“Das verlorene Paradox”] veröffentlicht. Geschichten über Transformation boten darin “einen umfassenden Rahmen zum Verständnis der Muster, in denen die menschliche Seele ‘auf Grund läuft’ und lieferte konkrete Werkzeuge, um ‘die Sandbank’ wieder zu verlassen und sich zurück in den Fluss [des Lebens] zu begeben.”Sie arbeitet derzeit an einem neuen Buchprojekt, welches den Arbeitstitel “Paradox Found” [Das gefundene Paradox] trägt. Ich hatte über einen Podcast von Wm. Paul Young von diesem Buch erfahren und ein Kapitel gehört, welches mich zutiefst bewegt hat. Es beschäftigt sich mit der Frage nach der Gestalt und dem Wesen des Menschen als Geschöpfe nach dem Ebenbild Gottes, weshalb mich hohes Interesse erfasste, diesen Text hier auf “Ganz Mensch Sein” zu präsentieren.Katie Skurja war so freundlich, mir zu gestatten, aus ihrem entstehenden Buch dieses Kapitel (vorläufige Fassung) vorzustellen. Über die folgenden ca. 14 Tage werden zwei weitere Kapitel folgen.Dieses Kapitel heißt:Die InkarnationGott in menschlicher GestaltVon KATIE SKURJA„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ — Evangelium des Johannes, Kap. 1, Vers 14Ein Tiefer Graben. An dieser Stelle der Geschichte ist der Riss tief: Was als Schande begann, wurde Spaltung; was als Spaltung begann, wurde Identität; was zur Identität wurde, prägte die Kultur; und was die Kultur prägte, erstarrte zu Hierarchie.(...)Aus: Katie Skurja, “Paradox Found”, unveröffentlichtes Manuskript. Zitiert nach Wm. Paul Young. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin, alle Rechte vorbehalten, Übersetzung von Uwe Alschner.Ganz Mensch sein ist eine von Lesern unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden. Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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“Es liegt an uns, den Charakter der Zeit von seiner tiefen Entwürdigung wieder aufzurichten”
Friedrich Schiller über das SchöneVon Rosa KunzSchillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen”, mit denen wir uns im folgenden beschäftigen wollen, waren die Antwort des Dichters auf die drängendsten politischen Probleme seiner Zeit, die in dem Jakobinerterror der Französischen Revolution ihren furchtbarsten Ausdruck fanden. Getragen von der Begeisterung über die amerikanische Unabhängigkeit, dem „Lieblingsgegenstand unsres Jahrzehnts”, wollten die Republikaner das amerikanische Beispiel heimholen und auch auf dem europäischen Kontinent freiheitliche Republiken errichten. Doch in welchem Entsetzen endete der hoffnungsvolle Aufbruch:„Anarchasis dem Ersten nahmt ihr den Kopf weg, der Zweite Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch,”heißt es in den Xenien. Der Mensch, unfähig diese große Gelegenheit zu verwirklichen, mußte erst zu einem freien Individuum erzogen werden, bevor er einen freiheitlichen Staat errichten konnte. Selbst unfrei, konnte die angestrebte Veränderung des Staates nur in Unfreiheit enden, denn der Staat ist nur soviel wie seine Bürger. Geknechtete Bürger können keinen freien Staat aufbauen. Jeder Verbesserung im Politischen muß zunächst eine Verbesserung des Charakters vorangehen. Wie sehr gilt dieses Bild für unsere heutige Epoche. Der größte Teil der Welt ist nicht nur unfrei von physischen Zwängen, sondern kann nicht einmal seine nackte Existenz retten, er verhungert. Und all jenen, die mit hochmütiger Belehrung kommen, möchten wir mit Schiller antworten:„Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.”Der entwickelte Teil der Welt, der weitgehend frei von physischer Not sich mit den „großen Gegenständen” des Jahrhunderts befassen könnte, wird mehr und mehr zurückgetrieben in kindliche Infantilität. Selbstverwirklichung ist die Losung unserer Zeit, und der Begriff selbst charakterisiert trefflich das Dilemma, das er nur notdürftig verbirgt. Sich selbst verwirklichen, Nabelschau zu treiben und dabei gegen die Mitwelt alle nur denkbaren Ansprüche zu stellen; Schiller hat gerade diesen Charakter den verächtlichsten genannt, weil er Weichheit gegen sich selbst mit Härte gegen andere verbindet. In gähnender Passivität ziehen die Ereignisse vorbei, und so manche große Gelegenheit wartet vergeblich auf ihre Verwirklichung. Man hat „Bock auf die Zukunft” oder auch keinen, je nachdem, welchem politischen Lager man angehört, die Ziege, um glücklich zu werden, fehlt beiden. Schwüles Händchenhalten wird zur geschichtsträchtigen Tat, sensitivity training und das gemeinsame Bad unter kalifornischer Sonne ersetzen die Ausbildung des Denkens, man wird direkt und unmittelbar in den „Kosmos” aufgenommen. Ein außerirdisches Wesen bewirbt sich um das höchste Amt einer Supermacht und - findet Wählerstimmen, selbst Problemen, die das gesamte Fortbestehen der menschlichen Gattung und Zivilisation betreffen, begegnet man mit „f**k for peace” und Entblößen des Oberkörpers — welche Entwürdigung! Und diese Irrationalität ist bei weitem nicht nur ein Kennzeichen jugendlicher Aussteiger, sie ist längst zu einem Gütezeichen des sogenannten Establishments geworden.Erziehung der Gefühle heißt also die drängendste Aufgabe der Zeit, soll die beschriebene Infantilität nicht in völlige Versklavung münden. Schillers Ästhetische Briefe sind ein Programm zur Massenerziehung der Bevölkerung, nicht mit dem Zeigefinger und durch Verbot und Gesetze, sondern anmutig spielend durch die Kunst. Wie wirksam sein Konzept ist, demonstrieren eindrucksvoll die preußischen Reformen und die darauffolgenden Befreiungskriege, die nicht nur eine Massenerhebung gegen die Diktatur Napoleons waren, sondern eine begeisterte Verfassungsbewegung zur Einigung Deutschlands.Die Ästhetischen Briefe Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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In Memoriam Günter Ortland
Ja, das staunt man, liebe Hörerinnen und Hörer, heute Abend auf OS-Radio 104,8. Was ist denn das für Musik? Wo kommt denn die her? Wer ist denn das? Sicher erwarten Sie jetzt an dieser Stelle die Pepperbox und auch die bekannte Stimme von Günter Ortland, der Sie genau mit diesen Worten am 20. November 2018 zum ersten Mal in diesem Format Querbeet begrüßte.Und glauben Sie mir, wir, das sind Heide Jenzen, Sigi Ober-Grefenkämper und ich, Uwe Alschner, wir würden alles dafür geben, wenn wir Güni heute Abend hier im Studio 2 bei OS-Radio 104,8 wie gewohnt begrüßen könnten. Doch das wird nicht möglich sein. Heute nicht und nie mehr.Denn Günther Ortland ist völlig unerwartet am Sonntag verstorben. Er wurde mitten aus dem Leben gerissen, auf das wir heute in Auszügen zurückblicken werden. Wir widmen Günter Ortland in Memoriam diese Sendung und wollen gemeinsam mit Ihnen auf diesem Wege Abschied nehmen von einem herzensguten Menschen und lieben Kollegen, der an vielen Stellen in der Welt geholfen hat, in dieser Welt, die er so liebte.Güni hat hier im Sender auch öfters die Gitarre ausgepackt und in die Saiten gegriffen. Die Klänge im Hintergrund sind nicht von ihm, aber sie könnten es sein. Deshalb haben wir diese leisen Töne ausgewählt. Die Sendung zu diesem traurigen Anlass wollten wir nicht mit Popmusik beginnen. Im weiteren Verlauf möchten wir, soweit es unsere Stimme zulässt, die Erinnerung und das Andenken an Günter Ortland mit Gedanken und Geschichten in ihren und unseren Herzen wachhalten. Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Sisyphos
SisyphosEr rollt den schweren Felsenstein | den Abhang ständig hinauf, | es hilft ihm niemand, er ist allein, | doch gibt er niemals auf, | obwohl ihm jedes Mal vor dem Ziel | der Stein wieder talwärts fällt. | Er treibt das scheinbar sinnlose Spiel, |als wär's das Normalste der Welt. | Als wieder der Felsen herniederschoss, | entglitten den wunden Händen, | da riet ich aus Mitleid Sisyphos, | die unsägliche Qual zu beenden. | "Ich kann nicht vollenden, das ist der Sinn, | den mir das Schicksal bereitet. | Ich leide würdig, denn dadurch bin | ich Sinnbild für jeden, der leidet. | Nicht, was ich vom Leben erwarte, zählt, | es zählt, was das Leben von mir | erwartet, das ist es, auch wenn es quält, | wofür ich existier." | Dann nahm er, ganz selbstverständlich, erneut | den Stein in seine Hand. | Da hab ich, in Tränen und dennoch erfreut, | was Würde ist, erkannt.© Ralf Schauerhammer“Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, viel mehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet” — Viktor Frankl, in: „Mensch sein heißt Sinn finden“„Nun, wovon der Mensch zutiefst und zuletzt durchdrungen ist, ist weder der Wille zur Macht noch ein Wille zur Lust, sondern ein Wille zum Sinn.“ — Viktor E. Frankl, in: „Der leidende Mensch“ Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Die Hauptsache ist das Kind
Die Hauptsache ist das KindWas bedeutet Weihnachten? In einer heiteren Geschichte wird berichtet, was die Tiere für das Wichtigste an Weihnachten halten. Das Reh meint: “Der Tannenbaum”, der Fuchs: “Die Gans” und der Dachs: “Pennen, pennen, pennen”. Der dumme Esel fragt dann: “Und das Kind?” Allen wird plötzlich klar: “Das Kind, das war doch die Hauptsache.” Nun möchte ich alter Esel fragen: “Aber warum ist es gerade das Kind?” Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Die Schönheit - ist sie etwas subjektives?
Dieser Beitrag ist ein Mitschnitt aus der Radio-Sendung ‚Querbeet‘ auf OS-Radio 104,8 vom 21. Oktober 2025.Darin wurde ein Auszug eingesprochen aus einem längeren Beitrag aus der Reihe ‚Mikos Morgenstunden‘ . Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Die Tragödie des Leonard Bernstein
Was bringt Menschen mit großer künstlerischer Begabung dazu, sich dem Wahren und Guten zu verschließen? Letztendlich ist es ein Mangel an Bildung. Bildung, die sokratisch strukturiert ist und die die Frage nach dem Welt- und Menschenbild ins Zentrum jener Überlegungen rückt, welche am Ausgangspunkt der Bemühungen stehen, anderen Menschen die Freude am Nachdenken über ihre Rolle in der Welt zu vermitteln. Sokrates war der Lehrer des Platon. Er wirkte im Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, und wurde im Jahr 399 v. Chr. zum Tode verurteilt, weil er die Jugend durch Bildung zu eigenständigem Denken ermunterte und damit befähigte, die Dürftigkeit politischer Entscheidungen der Zeit sowie Sinn und Unsinn wirtschaftlicher Strategien selbst zu erkennen. Schriftliche Zeugnisse von Sokrates selbst sind nicht überliefert. Alles, was wir heute wissen, wurde von seinem Schüler Platon übermittelt. Allerdings wurden sowohl Sokrates als auch Platon in Athen auf der Basis des weisen Solon erzogen, der die Idee der Attischen Republik durch die von ihm eingeführten Gesetze und Gerichte gefestigt hatte. Ihren Ursprung hatte diese Idee in der griechischen Tragödie, einer kulturellen Entwicklung, die sich von Homer über Aischylos bis zu Sophokles spannte und den zivilisatorischen Übergang von einer archaischen Klans- und Blutherrschaft zu einem auf moralische Prinzipien und Grundsätze gegründeten gesellschaftlichen Selbstverständnis darstellte.Wiewohl Athen als Ort schon früher existierte, ist “das Athen der Griechischen Klassik” erst mithilfe der Dichtung als kulturelle Idee vor allem durch die Tragödien entwickelt und geschaffen worden. Um dies zu erkennen, ist es notwendig, die Kernaspekte in der Dichtung Homers, Aischylos’ und Sophokles zu betrachten: In der epischen Dichtung Illias wird das Unglück beschrieben, welches über Griechenland kam, nachdem es den Sieg im Trojanischen Krieg errungen hatte. Hierfür waren Agamemnon, Menelaos und Achilleus verantwortlich. Der Trojanische Krieg, entstanden durch den Raub der Helena, Frau des Menelaus, durch Paris, hatte nur Verlierer, denn nahezu alle Beteiligten kamen im Zusammenhang mit diesem Krieg ums Leben. Selbst der scheinbar unverwundbare Achilleus wird schließlich vom oligarchischen Gott Apollon am skäischen Tor getötet (womit er auch in Friedrich Schillers klassischem Gedich “Nänie” eine Rolle spielt, welches von Johannes Brahms meisterhaft vertont wurde).Aischylos bringt dann in seiner Trilogie der Orestie die trojanische Tragödie in klassischer Dichtung auf die Bühne. Im ersten Stück wird Agamemnon von seiner Frau Klytaimnestra nach seiner Rückkehr aus Troja ermordet — weil er, um in den Krieg gegen Troja ziehen zu können, die gemeinsame Tochter Iphygenie geopfert hatte. Im zweiten Stück rächt Agamemnons Sohn Orestes den Tod des Vaters, weil ihn der oligarchische Gott Apollon an die Pflicht der Hellenen zur Sühne des Vatermords erinnerte. Orestes erschlägt seine Mutter. Im dritten Stück schließlich wird Orestes dafür von den Rachegöttinnen (Erinnyen) verfolgt. In Athen muss schließlich ein Gericht über den Fall von Rache und Gegenrache entscheiden. Die Stadt wird selbst Teil des Streits, weil ihr die Furien Vergeltung androhen, falls Orestes nicht ausgeliefert werde. Das Gericht ist unentschieden, und anstatt des feigen Apollon, der ebenfalls die Rachegöttinnen fürchtet, gibt Pallas Athene, Göttin der Weisheit, die entscheidende Stimme ab: Orestes darf leben, wenn die Athener den Erinnyen eine Säule errichten, die sie täglich daran erinnert, wie schrecklich die Rache der Erinnyen wäre, wenn jemals erneut auf der Basis archaischer, unvernünftiger Traditionen oder Riten gehandelt wird und die Weisheit außen vor bleibt. Schließlich folgt Sophokles mit der Ödipus-Trilogie in den Stücken König Ödipus, Ödipus auf Kolonos und Antigone, um die zivilisatorische Idee der Nation Athen zu komplettieren. Erneut wird das sinnlose Sterben thematisiert, hier am Beispiel der Stadt Theben. Während sich die Hauptpersonen Ödipus, seine Eltern Laios und Iokaste, deren Bruder Kreon sowie die Kinder des Ödipus im scheinbaren Einklang mit archaischen Sitten und Orakelsprüchen selbst, bzw. gegenseitig umbringen, ist es der König Theseus von Athen, der dem nach begangenem Vatermord und Blutschande wahnsinnig und erblindet umherirrenden Ödipus vor der Verfolgung durch seinen Schwager Kreon Zuflucht und Schutz bietet. Ausgerechnet im Hain der Eumeniden, also der nach dem weisen Ratschlag der Pallas Athene zu ‘Wohlmeinenden’ verwandelten ehemaligen Rachegöttinnen, wird Ödipus in Athen seinen Frieden finden, obwohl Kreon ihn zum Sterben nach Theben zurückführen will, ohne ihn jedoch dort in Ehren bestatten zu wollen. Homer, Aischylos und Sophokles haben somit durch ihre Tragödien jeweils den “springenden Punkt” für die künstlerische Veredelung der Idee gefunden: nicht die beschriebenen kulturell-rituellen Praktiken sind das Wesentliche (auch nicht die para-psychologiche Umdeutung in vermeintliche erotische Gelüste, wie Freud sie bei Ödipus diagnostiziert haben will), sondern die (durch die wiederkehrende Behandlung über die Zeiten hinweg somit sehr klar herausgestellte) moralisch-zivilisatorische Dimension der Befreiung einer Gesellschaft von irrationalen und unvernünftigen Fixierungen auf emotionalen Impulsen oder Konventionen wie Rache und Orakeln. Athen, und damit das sokratisch-platonisch klassische Griechenland, war durch seine Dichtung zur Wiege der Zivilisation geworden. Das kreative Denken der Poeten (ποίησις, poiesis bedeutet etwas Neues schaffen, Fortschritt erzielen) hat aus niedrigen Stufen einer Zivilisation eine höhere Qualität derselben entwickelt, und zwar durch die Kunst. In eben diesem Sinne spricht Percy Bysshe Shelley von den Poeten als den “nicht anerkannten [verkannten] Gesetzgebern der Welt.” Sie formen die Zivilisation.LeibnizGottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter der Zeit nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg. Das heisst, er verfügte über eine außerordentlich breite und ebenso fundierte Bildung. Mehr noch: Leibniz war ein Befürworter der sokratischen Methode Platons, um mittels Bildung den Wiederaufbau durch technischen Fortschritt zum Wohle aller und zum Ruhme Gottes zu verwirklichen. In seinen ‘Metaphysischen Abhandlungen’ zitiert Leibniz Platon sogar ausführlich hinsichtlich der Notwendigkeit, die Gesetze des Kosmos zu erforschen. Leibniz ist sich mit Platon in der Ablehnung einer materialistischen Philosophie einig:Leonard Bernstein und seine Attacke auf LeibnizLeonard Bernstein gilt als gebildeter und feingeistiger Mensch. Der 1990 verstorbene Komponist und Dirigent hat allerdings nicht davor zurückgeschreckt, Gottfried Wilhelm Leibniz (und mit ihm die sokratische Methode der Wahrheitsfindung jenseits des Materiellen) in unflätigster Weise zu diskreditieren.Anlässlich einer Aufführung des von ihm komponierten Musicals “Candide” 1989 im Londoner Barbican drehte sich Bernstein, der bereits zum Dirigat der Ouvertüre angesetzt hatte, scheinbar unvermittelt nochmals um und hielt die im obigen Videoclip im Original zu hörende sowie hier in Übersetzung eingefügte “spontane” Rede:Überraschung. Meine lieben Freunde,Ich höre euch denken: “Da kommt wieder der alte Professor, um uns eine Vorlesung zu halten.” Aber ich verspreche, mich kurz zu fassen und nur eine Einführung zu geben. Der Grund, warum ich ein paar Worte sagen möchte – bitte entschuldigen Sie meine heisere Stimme, auch ich habe mich, wie so viele von Ihnen, mit der englischen Grippe, der königlichen, angesteckt –Der Grund, warum ich etwas sagen möchte, ist, dass ich seit mehr als 30 Jahren, genauer gesagt seit 35 Jahren, immer wieder gefragt werde: “Warum ‘Candide’? Woher kommt diese Idee mit ‘Candide’, und wohin soll sie führen?” Ich dachte, ich könnte etwas klarer antworten, wenn ich nicht nur als Komponist dieses Werks spreche, sondern als alltäglicher Beobachter der Geschichte, wie Sie es auch sind, aber ich beobachte insbesondere jene Epoche, die als Zeitalter der Aufklärung bekannt ist. Sie umfasst, grob, das 18. Jahrhundert. Es war das Jahrhundert, in dem Voltaire lebte, schrieb und außerordentlichen Einfluss hatte.Sein Meisterwerk war eine derbe, schmale, kleine Novelle namens “Candide”, die die Dramatikerin Lillian Hellman und mich dazu inspirierte, uns musikalisch daran zu versuchen.Voltaires Buch trug eigentlich den Titel „Candide oder der Optimismus“ und war eine bösartige satirische Attacke auf ein vorherrschendes philosophisches System namens Optimismus, das auf den eher schwer verdaulichen Schriften eines gewissen Gottfried Wilhelm VON L-E-I-B-N-I-Z [brüllt den Namen wie auf dem Hof einer preußischen Kaserne] basiert und von unserem geliebten Alexander Pope populär gemacht wurde. Ein Beispiel dafür ist dieser großartige Satz aus seinem Essay über den Menschen: „Eine Wahrheit ist klar: Was ist, ist richtig.“Nun, laut Leibniz, dessen Ideen Pope in seinen Texten lyrisch verarbeitete, muss ein Schöpfer — wenn wir an ihn glauben — ein guter Schöpfer sein. Und der größte aller möglichen Schöpfer, der daher nichts als die beste aller möglichen Welten erschaffen haben kann. Mit anderen Worten: Alles, was ist, ist richtig.Zugegeben, in dieser Welt werden Unschuldige sinnlos abgeschlachtet, Verbrechen bleiben meist ungestraft, es gibt Krankheit, Tod und Armut. Aber wenn wir nur das Gesamtbild sehen könnten, den göttlichen Weltplan, dann würden wir verstehen, dass alles, was geschieht, zum Besten ist, so sprach Leibniz.Natürlich fand Voltaire diese Idee jeden Tag seines Lebens absurd, aber besonders an jenem Tag im Jahr 1755, als ganz Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört wurde und unzählige Menschen ertranken, zerquetscht, lebendig begraben oder einfach ausgelöscht wurden.Wenn Leibniz Recht hätte, sagte Voltaire, dann würde Gott nur spielerisch mit seiner Sprühpistole herumschießen — und eine Million Mücken würden willkürlich und zufällig zu Boden fallen.Nun, die Katastrophe von Lissabon war für Voltaire der letzte Strohhalm und veranlasste ihn, Candide zu schreiben, in dem er gegen alle etablierten Autoritäten wetterte. Gegen die königliche, die militärische und die merkantile, aber vor allem gegen die Macht der Kirche, die zu dieser Zeit tatsächlich Ketzer verbrannt hatte, um Erdbeben zu verhindern.Mit anderen Worten, sagt Voltaire, ist sektiererische Religion immer eine Aufforderung zum Konflikt. Und Optimismus als strenger Glaube führt daher zu Selbstzufriedenheit, macht träge, hemmt die menschliche Kraft, sich zu verändern, Fortschritte zu machen, sich gegen Ungerechtigkeit zu erheben oder etwas zu schaffen, das zu einer wirklich besseren Welt beitragen könnte.Während meiner unglaublich umfangreichen Recherchen für diesen Vortrag, den Sie jetzt erdulden müssen, stieß ich auf die folgende recht prägnante Zusammenfassung des gesamten Voltaire-ismus. Zitat: „Voltaire agierte als Eklektiker, der die Ideen der Stoiker, Epikureer, Skeptiker ... synthetisiert hatte…“ Ach, zum Teufel damit. Spielen wir die Ouvertüre!Bernstein ist, wie sich im kompletten Video unschwer erkennen lässt, völlig von sich eingenommen und produziert sich, indem er eine eigene Komposition zelebriert (“Überraschung…”). Diese beschäftigt sich mit einem Werk des philosophischen Materialismus — Voltaires Candide. Dabei benutzt Bernstein Voltaire. Es geht eben um Bernstein, nicht um Voltaire, es geht um die Komposition und die Aufführung (“Ach, zum Teufel [mit dem Zitat über Voltaire]. Spielen wir die Ouvertüre!”). Es geht um Bernstein, den — nach eigener Auffassung — genialen Komponisten, der den Sinn des Lebens auf das physische Dasein reduziert (ebenso wie Voltaire), und der dazu einen Universalgelehrten, Wissenschaftler und Philosophen, dem es um die Vervollkommung der Schöpfung in ebenso gleicher Weise geht wie um die Verherrlichung des Schöpfers (anders als Bernstein, der offenkundig nicht an einen Schöpfer glaubt sich und daher in zynischer Weise über Leibniz lustig macht).Doch vielleicht Bernstein fürchtet Leibniz insgeheim? Vielleicht befürchtet er, Leibniz könnte mit seiner Metaphysisik und Philosophie richtig liegen. Daher muss er die Leibniz’sche Lehre in ihr Gegenteil verkehren und ihn quasi als zynischen Nazi darstellen (Bernstein ist Sohn jüdischer Einwanderer nach Amerika), der Freude am Leid anderer Menschen empfindet (weswegen er den Namen militaristisch-sadistisch herausschreit).Bernstein behauptet, Leibniz habe ein System des Optimismus geschaffen. Das stimmt nicht, denn der Begriff wurde erst 1737 von einem Gegner, dem Jesuiten Louis Betrand Castel, geprägt. Leibniz hat ihn so nicht verwendet. Leibniz und die MetaphysikStatt dessen hat Leibniz 1686 in seinen Metaphysischen Abhandlungen vor allem und wiederholt von der Aufgabe gesprochen, Glückseligkeit (Felicité im französischen Originaltext Discours de Metaphysique von Leibniz) zu erlangen. Gott habe, so Leibniz, die beste aller möglichen Welten geschaffen, um mit einem auf die geistige Verbindung mit Gott ausgerichteten Leben die Glückseligkeit aller Menschen zu ermöglichen (“la félicité de cette cité de Dieu est son principal dessein”). Diese Glückseligkeit setze die Freiheit des Willens voraus, was auch die Möglichkeit für moralisch falsche Entscheidungen der Menschen im Diesseits beinhalte. Alles Handeln jedes Menschen wirke darüber hinaus unmittelbar auf das ganze Universum. Jenseits aller physischen Wirklichkeit existiere eine über die Physik hinausgehende Wirklichkeit (Metaphysik = jenseits der Physik), die geistiger Natur ist und in der die menschlichen Seelen als seiende Geister ewig bestehen. Gott ist nach Leibniz der vollkommenste Geist (le plus accompli de tous les Esprits) und das herausragendste Seiende (le plus grand de tous les estres).Leibniz, der 1710 noch die Theodizee veröffentlichen wird, die allerdings auf seinen metaphysischen Überzeugungen aufbaut, hat — was Bernstein bewusst verschweigt —vor allem logisch gedacht — und zwar in einem weit über den engen mathematischen Gebrauch des Wortes Logik hinaus. Die Verbindung zwischen Schöpfergott und Schöpfung zu zeigen, lag Leibniz am Herz. Diese Verbindung, die sodann logisch zum Schluss führt, dass Gott die beste aller möglichen Welten schuf, weil sie die physische Realität einer geistigen Schöpfung darstellt, in der es durch den geistig mit Gott verbundenen Menschen (Kern von Leibniz Monadologie ist diese Verbindung der Seelen mit Gott und untereinander) um die zunehmende (also noch nicht absolut erreichte!) Vervollkommung einer materiellen Welt geht. Dazu muss sich der Mensch seiner Verbindung zu Gott bewusst werden — und es ist dieses Bewusstsein, was Bernstein (wie auch vor ihm die Mitglieder der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften mit ihrem ‘Wettbewerb’ über die angebliche Ähnlichkeit der Ansichten des von Bernstein zitierten Dichters Alexander Pope mit der Metaphysik und Philosophie von Leibniz) zu hintertreiben versuchen.Bernhard Mandeville als Gegenspieler von LeibnizLeibniz vertrat eine Auffassung, die nicht jedem gefiel. Wer sich als “würdiger als andere” betrachtet, oder zumindest in einer Position der Machtfülle über andere befindet und diese Position erhalten will, dem kann der Gedanke nicht gefallen, dass in jedem Menschen eine kreative Seele wirkt, die in der Lage ist, neue Entdeckungen zu machen, welche die bisherige Situation grundsätzlich auf den Kopf stellen könnten. Da in archaischen und antiken Gesellschaften wenige (griechisch: ὀλίγοι oligoi „wenige“) über viele Menschen herrschten (ἀρχή archē „Herrschaft, Führung“), liegt hier begründet, warum Oligarchen kein Interesse an einer auf der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruhenden Weltanschauung haben. Es zeichnet solche Kreise vor allem aus, dass sie sich bemühen, den Menschen als nur ein anderes Tierwesen zu betrachten, welches prinzipiell wie eine Herde oder ein Bienenvolk geführt und bewirtschaftet werden müssen — von jenen wenigen, die besondere Gaben in ihrem Blut (oder ihren Genen) beanspruchen, welche sie aus der Masse zu quasi-göttlichem Status erheben.Die griechischen Götter des Olymp waren im wesentlichen Oligarchen, die zwar unter den ‘Normal-Sterblichen’ lebten, aber die auf strikte Trennung bedacht waren. Zeus war in diesem Sinne ein quasi-unsterblicher Ober-Oligarch, der es seinem Mit-Gott Prometheus nie verziehen hat, dass dieser den (sterblichen) Menschen das Feuer (die Lernfähigkeit) und eine Seele gab. Im oligarchischen England hat sich ab dem 16. Jahrhundert mit Heinrich VIII (der selbst noch von Humanisten wie Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam im Geiste einer zeitgenössischen Frömmigkeit (devotio moderna) erzogen worden war) als Antwort auf die Renaissance ein dezidiert oligarchisch-exklusives Gesellschaftsverständnis durchgesetzt, welches die Masse der Menschen als tierhaft betrachtete, die wie die Welt insgesamt zur Untertänigkeit bestimmt sei und die beherrscht und ausgenutzt werden müsse. Es ist insofern auch kein Zufall, dass die heute herrschende Auffassung der Ökonomie aus dem oligarchischen England stammt und auf Bernhard Mandeville zurückgeht (,auch der philosophische Liberalismus, mit dem Leibniz Zeit seines Lebens zu kämpfen hatte, stammt aus England).Bernard Mandeville gilt als Begründer der freien Marktwirtschaft und als geistiger Vater von Adam Smith wie auch der späteren „Österreichischen Schule“ der Nationalökonomie von Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises und Milton Friedman. Mandeville war ein Zeitgenosse von Leibniz, der 1670 in Holland geboren wurde und nach seiner Ausbildung in England wirkte. Mandeville trat dezidiert gegen die Lehre der zeitgenössischen Frömmigkeit und der gleichen Würde eines jeden Menschenlebens ein, wie sie von der devotio moderna, aber auch explizit von Gottfried Leibniz oder August Hermann Francke vertreten wurde, und die beispielsweise die Errichtung von Waisenhäusern und die Bildung der breiten Bevölkerung zum Ziel hatte. Diese Zielstellung, die insbesondere auf wissenschaftlich-technologischen Fortschritt im Interesse des Gemeinwohls setzte, kritisierte Mandeville in seinem Werk „Die Fabel von den Bienen“. Der (oligarchische) Mensch müsse frei sein, „im Kleinen“ seine egoistischen Ziele zu verfolgen, betonte Mandeville, und die Kombination individueller, egoistischer, sogar krimineller Handlungen führe unweigerlich zum größtmöglichen Wohl „im Großen“.Wie stark Mandeville nachwirkt wird daran deutlich, dass sich noch 1966 der spätere Nobelpreisträger für Wirtschaft, Friedrich von Hayek, auf Mandeville als “Mastermind” berief. Leonard Bernsteins Attacke auf Leibniz ist im Licht dieser heute vorherrschenden, globalistisch-oligarchischen Weltanschauung des Freihandels zu sehen.Gottfried Leibniz, der mit einiger Wahrscheinlichkeit Premierminister von England geworden wäre, wenn nicht seine Gönnerin, Kurfürstin Sophie von Hannover, die Enkelin des Königs Jakob I, im Jahr 1714 plötzlich und nur zwei Monate vor der letzten Stuart-Königin, Anne, gestorben wäre, hatte auf der Basis seiner philosophisch-vernünftigen Frömmigkeit (Monadologie) insbesondere eine Verpflichtung erkannt, das Potenzial eines jeden Menschen zu achten und zu fördern. Diese Förderung sollte für Leibniz quasi selbstverständlich durch eine klassisch-sokratische Bildung erfolgen.Danke für Ihr Interesse an Ganz Mensch sein! Teilen Sie diesen Beitrag gerne mit anderen.Mendelssohn und Lessing an der Seite von LeibnizLessing hatte beredte Fürsprecher, darunter Gotthold Lessing und Moses Mendelssohn. Beide haben Leibniz nicht mehr persönlich gekannt, doch wurden stark von seiner Gelehrsamkeit beeindruckt. Als das Leibniz’sche System einer von christlicher Nächstenliebe als Gebot der Vernunft ausgehenden Gestaltung der Gesellschaft (und damit einer republikanischen Selbstregierung im Geiste Platons, die gerade nicht auf den Sturz eines Königs drang, sondern auf die Aus-Bildung von Philosophen-Königen, deren Regierung nach Grundsätzen vernünftiger Notwendigkeit das Gemeinwohl verfolgte) auch nach seinem Tod zunehmend Fürsprache auch in der gehobenen Bürgerschicht und im Adel erfuhr, wurde der Kampf gegen Leibniz intensiviert.In diesem Kontext wurde die durchaus anspruchsvoll-differenzierte Philosophie übersimplifiziert und verzerrt als “System des Optimismus” dargestellt, um es wie von Voltaire geschehen, für Folgen verantwortlich zu machen, die nichts mit dem System zu tun hatten. Leibniz wurde also für die Katastrophen und Unvollkommenheiten einer Welt zum Sündenbock gemacht, die er sich zu Lebzeiten niemals hätte anhängen lassen, gegen die er sich jedoch nicht wehren konnte.Dafür sprangen im Rahmen eines Wettbewerbs der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften (einer Institution, die ihre Entstehung einzig Leibniz verdankte), Mendelssohn und Leibniz — allerdings zunächst anonym — in die Bresche. Noch vor dem von Bernstein in seiner Rede in London erwähnten Erdbeben von Lissabon wurde 1753 in Berlin ein Wettbewerb ausgeschrieben, der nur Vordergründig die Frage der Übereinstimmung von Ansichten des britischen Dichters Alexander Pope mit dem Leibniz’schen philosophischen Denksystem behandelte, im Kern jedoch Leibniz mit einem Dichter verglich und insofern das ihm unterstellte System des Optimismus quasi als Fiktion oder haltlose Erfindung zu diskreditieren, anstatt es ernsthaft philosophisch untersuchen zu lassen. Diese maliziöse Tendenz haben in ihrer 1755 in Buchform veröffentlichten satirisch-bissigen Antwort Lessing und Mendelssohn prominent entlarvt. Schonungslos legen sie die Dürftigkeit der Ausschreibung einer königlichen Gelehrten Gesellschaft offen, die es besser hätte wissen müssen:“Gott hat es so haben wollen, und weil er es so hat haben wollen, muß es gut sein: ist wahrhaftig eine sehr leichte Antwort, mit welcher man nie auf dem Trocknen bleibt. Man wird damit abgewiesen, aber nicht erleuchtet. Sie ist das beträchtlichste Stück der Weltweisheit der Faulen; denn was ist fauler, als sich bei einer jeden Naturbegebenheit auf den Willen Gottes zu berufen, ohne zu überlegen, ob der vorhabende Fall auch ein Gegenstand des göttlichen Willens habe sein können?” — Mendelssohn und Lessing, AufgabeInhaltlich legen beide nicht nur die Dürftigkeit der Ausschreibung (und damit den Vorsatz einer Herabsetzung Leibnizens) dar, sonder stellen an wesentlichen Punkten auch richtig, wie das System zu verstehen ist, welches Leibniz selbst nie “Optimismus” genannt hat, sondern welches vom Jesuiten Castel 1737, also mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod in einer offensichtlich bestellten Rezension des längst erschienenen Textes in verzerrender Weise genannt wurde. Mendelssohn und Lessing schreiben:“Leibniz sagt: wo verschiedene Regeln der Vollkommenheit zusammengesetzt werden sollen, ein Ganzes auszumachen; da müssen notwendig einige derselben wider einander stoßen, und durch dieses Zusammenstoßen müssen entweder Widersprüche entstehen, oder von der einen Seite Ausnahmen erfolgen. Die beste Welt ist also nach ihm diejenige, in welcher die wenigsten Ausnahmen, und diese wenigen Ausnahmen noch darzu von den am wenigsten wichtigen Regeln geschehen. Daher nun entstehen zwar die moralischen und natürlichen Unvollkommenheiten, über die wir uns in der Welt beschweren; allein sie entstehen vermöge einer höhern Ordnung, die diese Ausnahmen unvermeidlich gemacht hat. Hätte Gott ein Übel in der Welt weniger entstehen lassen, so würde er einer höhern Ordnung, einer wichtigern Regel der Vollkommenheit zuwider gehandelt haben, von deren Seite doch durchaus keine Ausnahme geschehen sollte.” (…)“Dennoch aber behauptet Leibniz in einem weit strengern Verstande als Pope, daß die mindeste Veränderung in der Welt einen Einfluß in das Ganze habe, und zwar weil ein jedes Wesen ein Spiegel aller übrigen Wesen, und ein jeder Zustand der Inbegriff aller Zustände ist. Wenn also der kleinste Teil der Schöpfung anders, oder in einen andern Zustand versetzt wird, so muß sich diese Veränderung durch alle Wesen zeigen; eben wie in einer Uhr alles, sowohl dem Raume, als der Zeit nach, anders wird, sobald das mindeste von einem Rädchen abgefeilet wird.” (…)“Nach Leibnizens Meinung hingegen müssen notwendig alle Unvollkommenheiten in der Welt zur Vollkommenheit des Ganzen dienen, oder es würde sonst ganz gewiß ihr Außenbleiben aus den allgemeinen Gesetzen erfolgt sein. Er behauptet, Gott habe die allgemeinen Gesetze nicht willkürlich, sondern so angenommen, wie sie aus der weisen Verbindung seiner besondern Absichten, oder der einfachen Regeln der Vollkommenheit, entstehen müssen. Wo eine Unvollkommenheit ist, da muß eine Ausnahme unvermeidlich gewesen sein. Keine Ausnahme aber kann Statt finden, als wo die einfachen Regeln der Vollkommenheit mit einander streiten; und jede Ausnahme muß daher vermöge einer höhern Ordnung geschehen sein, das ist, sie muß zur Vollkommenheit des Ganzen dienen.” (…)Friedrich Schiller hat sich übrigens in einer ähnlichen Konstellation indirekt und künstlerisch mit Voltaire auseinandergesetzt. Dieser hatte neben seinem Leibniz-Verriss auch die historische Figur der Jeanne d’Arc (Die Jungfrau von Orleans, wie der Titel einer romantischen Tragödie Schillers lautet) mit einer noch schlüpfrigeren “Dichtung” unter dem Titel La Pucelle (die Jungfrau) in den Schmutz gezogen. Das in seiner Ursprungsfassung noch obszönere “Poem” enthielt auch in der späteren “offiziellen” Version zahlreiche schlüpfrige Andeutungen. Schiller hat den Skandal in einem Gedicht — ohne Nennung von Voltaire — verarbeitet, in dem es u.a. heisst: (…)Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzenUnd das Erhabne in den Staub zu ziehn,Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen,Die für das Hohe, Herrliche entglühn, (…)— Friedrich Schiller, Das Mädchen von OrleansEine solches, schönes Herz schlug ganz eindeutig in der Brust von Kurt Huber.Kurt Huber, Leibniz und der HumanismusWie perfide (sofern tatsächlich vorsätzlich bezweckt), zumindest aber töricht (falls nur dem Narzissmus des Maestro geschuldet) der Bernstein’sche Versuch einer Diskreditierung des großen humanistischen Universalgelehrten Leibniz war, wird daran deutlich, dass die Leibniz-Forschung im 20. Jahrhundert erst durch das Wirken von Professor Kurt Huber, dem Mentor der Mitglieder der Widerstandsgruppe “Die Weiße Rose” um die Geschwister Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Wilhelm Graf, einigermaßen korrigiert worden ist. Bezeichnender Weise geschah dies jedoch erst nachdem Huber im Sommer 1944 als Mitverschwörer hingerichtet worden war.“Es war Kurt Huber nicht vergönnt, diese Biographie abzuschließen und gemäß dem Untertitel des Buches in Leibniz das „Bildnis eines deutschen Menschen“ einem darniederliegenden Deutschland vor Augen zu stellen. Aber durch seinen Tod hat er das vor Deutschland und der Welt auf andere Weise erfüllt. Die Absicht seines Werkes, zu Leibniz hinzuführen, ist gelungen, soweit das im Buche selber möglich ist; verwirklichen wird sie sich erst, wenn diese Biographie allen zugänglich ist und ihren Teil dazu beiträgt, unsere Zeit zu dem Philosophen hinzuführen, dessen Jahr wir heuer feiern.” — Inge Köck, Kurt Huber als Leibnizforscher, in: Kurt Huber zum Gedächtnis. Bildnis eines Menschen, Denkers und Forschers, Regensburg 1947, S. 157“Huber spannt eine Brücke zwischen Gottesliebe und Logik. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Leibniz die Logik viel grundlegender und umfassender verstanden hat, als es heute üblich ist. Die aus Leibnizens Weltbild notwendig folgende universelle Aufgabe der Logik wird heute nicht mehr gesehen. Logik wird deshalb zur “mathematischen Logik” verkürzt, d.h. die Logik wird als Teil der Mathematik betrachtet, anstatt als Grundlage der Mathematik und aller anderen Wissenschaften. Diese Verkürzung der Logik würde Leibniz nicht akzeptieren.” — Ralf Schauerhammer, Kurt Huber über LeibnizBernstein, Wagner, Nietzsche und der PessimismusTrotz seiner bissigen Attacke gegen Leibniz gilt Leonard Bernstein als kultiviert und gebildet. Wie auch Richard Wagner, dessen Werke Bernstein natürlich auch oft dirigierte. Friedrich Nietzsche war ein großer Bewunderer Richard Wagners. Er, Nietzsche, ist es, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem Begriff der Tragödie eine ganz und gar neue und kulturell rückwärtsgewandte Bedeutung gab. Im Gegensatz zu Leibniz und dem ihm vorgeworfenen Optimismus hat Nietzsche darüber hinaus den Begriff des “Pessimismus” maßgeblich kulturell-philosophisch geprägt.Ausgehend von der nihilistischen Behauptung der Nicht-Existenz objektiver Realität verformt Nietzsche die Tragödie in ihr Gegenteil. Er leugnet die Bedeutung der Tragödie für die Entwicklung der Idee des zivilisierten Athen und des klassisch-gebildeten (im Schillerschen Sinn veredelten) Griechenland und behauptet, “dass die griechische Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysos zum Gegenstand hatte, und dass der, längere Zeit hindurch einzig vorhandene, Bühnenheld eben Dionysos war … Alle die berühmten Figuren der griechischen Bühne – Prometheus, Ödipus usw. – (sind) nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysos”. Alles, so Nietzsche, sei nichts als ein “dionysischer Zauber”“der, zum Schein die apollinischen Regungen auf's Höchste reizend, doch noch diesen Ueberschwang der apollinischen Kraft in seinen Dienst zu zwingen vermag. Der tragische Mythus ist nur zu verstehen als eine Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische Kunstmittel; er führt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich selbst verneint und wieder in den Schooss der wahren und einzigen Realität zurückzuflüchten sucht; wo sie dann, mit [Richard Wagners] Isolden ihren metaphysischen Schwanengesang also anzustimmen scheint: ‘In dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, | In des Weltathem's wehendem All, — | Ertrinken, versinken, — unbewusst, — höchste, Lust!’”— Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der MusikWie bei Bernhard Mandeville und dem sich auf dessen philosophische Absolution des Nutzens von lasterhaftem Verhalten berufenden Hellfire Club (“Fay-ce que tu voudras” = Tue, was du willst) ist es auch bei Nietzsche der Wille, der “in seiner ewigen Fülle seiner Lust” ein Spiel mit sich selbst spielt. Ein dionysischer, ekstatischer und irrationaler Wille.“[N]ur als ein ästhetisches Phänomen [erscheint] das Dasein und die Welt gerechtfertigt: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer zu fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem Wege einzig verständlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren Bedeutung der musikalischen Dissonanz: wie überhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines ästhetischen Phänomens zu verstehen ist. Die Lust, die der tragische Mythus erzeugt, hat eine gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der Dissonanz in der Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz percipirten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschooss der Musik und des tragischen Mythus.”— Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der MusikNietzsches Worte an sich erscheinen schon seltsam genug, aber ihre Monstrosität wird erst deutlich, wenn man bedenkt, dass das „Tragische“ der „dionysischen Kunst“ echter Horror war: Der Begriff Tragödie leitet sich von den Schmerzensschreien der geopferten Kreaturen ab. Meist handelte es sich dabei um Ziegen oder Böcke. Daher Tragödie: τραγῳδία „Ziegengesang“ (von τράγος trágos „Ziegenbock“ und ᾠδή ōidḗ „Gesang“). In den dionysischen Rauschzuständen rissen einige Anhänger die Opfertiere bei lebendigem Leib auseinander und aßen ihr Fleisch roh (Omophagie). Allerdings wurden nicht nur Tiere auf diese Weise geopfert: Der Dichter Orpheus wurde von den Mänaden, meist weiblichen Anhängerinnen des Dionysos, zerfleischt. Der moderne Begriff „manisch” stammt vom griechischen μαίνομαι (maínomai, „rauschen, rasen, toben”). Nietzsche war vom Pessimismus und seiner Vorliebe für brutale und archaische Riten, die er als Kunst zu bezeichnen wagte, manisch besessen. er hat die Fähigkeit des Menschen zur Entwicklung durch Kunst geleugnet und durch sein Werk aktiv hintertrieben, indem er den Hass und die Hässlichkeit zur Kunst stilisierte.Es ist dieses Irrationale, Willkürliche — und totalitär-menschenfeindlich Manipulative (wie sich aus dem von Nietzsche bewunderten Wagner und seinem Kult um das mystisch-Nordische ja auch der Nazi-Kult entwickelte) — was Gottfried Leibniz mit seiner Philosophie der vernünftigen Schöpfung ablehnte. Freilich wusste Leibniz, dass der Mensch ein Teil dieser Schöpfung und sein Handeln im moralischen Sinne von Bedeutung ist, da alles mit allem zusammenhängt. Dies ist der Kern seiner (Leibnizens) Monadologie. Friedrich Schiller, dessen Begriff der Ästhetik als einer vernünftig zu verstehenden und auszufüllenden Kunst im Einklang mit den schöpferischen Gesetzen dem irrational-ekstatischen Begriff Nietzsches vorausging und diametral widerspricht, hat in der Französischen Revolution erlebt, wohin das dionysisch-umstürzlerische Wirken von manipulierten Massen führt. Seine Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen sind die vorweggenommene Antwort auf Nietzsche. Und auf Leonard Bernstein. Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Schiller und das unendliche Spiel des Lebens
Ich freue mich sehr, dass wir hier heute Abend zusammensitzen. Es ist ein Projekt, was zustande gekommen ist durch gute Freunde, die mit Mitarbeitern hier aus der Buchhandlung Sedlmair bekannt sind, und die sich darüber unterhalten haben, dass ich … also wir machen Radio, mein Kollege Sigi Ober-Grefenkämper und ich, wir haben in einer dieser Radiosendungen einmal über die Big Five for Life von John Strelecky gesprochen, mit dem ich für einige Jahre zusammengearbeitet habe, den ich hier in Deutschland vertreten habe, den ich auch nach Deutschland geholt habe. Und das war dann der Anlass für das Gespräch hier über auch die Möglichkeit, in der Buchhandlung etwas zu machen.Da ja die Bücher von John heute inzwischen wirklich die Bestsellerlisten anführen — das war damals noch nicht in dem Maße der Fall. Der dtv-Verlag hat sich damals auch nicht so reingehauen, wie er das jetzt macht. Das freut mich für John sehr! Wir haben ihn tatsächlich damals immer noch auf eigene Kosten rübergeholt, und der dtv-Verlag hat das gerne dann auch gesehen, aber er hat sich selber nicht daran beteiligt. Sei es, wie es sei.Aus dieser Zeit gibt es, also gibt es leider nicht mehr im Handel, die Safari des Lebens, die ich damals neu übersetzt habe, in Absprache mit John und auch auf Bitten von John und dann auch selber vertont habe, was eine ganz eigene Geschichte war. Jedenfalls liegt innerhalb der Safari des Lebens auch der Bezug zu dem heutigen Thema, das unendliche Spiel. Oder unendliches Spiel des Lebens.Was verbindet klassische Kunst (und nicht ‘klassizistische Kunst’, das ist eine kleine Korrektur, die ich anbringen möchte. Die Klassizistik ist eine Epoche. Die Klassik ist ein Merkmal und es gibt mehrere Klassiken. Es gibt die griechische Klassik, es gibt die Weimarer Klassik, es gibt chinesische Klassik und das hat damit zu tun, dass insbesondere die Zeitlosigkeit der Inhalte in der Klassik das Hauptmerkmal oder eines der Hauptmerkmale ist.). Was hat also klassische Kunst und insbesondere Friedrich Schiller mit Konzepten von Führung, Leadership zu tun. Leadership ist das, worum es bei den Big Five for Life geht, aber eben auch hier, wie bei Simon Sinek, der ja das... Buch “Frag immer erst ‘warum?’”, geschrieben hat. Also was verbindet diese beiden unterschiedlichen Welten? Die eine sehr leise, auch durchaus manchmal etwas schwer zugängliche Welt, die andere eine, die ‘Modernität’ ausstrahlt und auch große Kreise zieht, viele Menschen erreicht. Was verbindet sie? Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Glück oder Glückseligkeit?
Nach einem ersten Besuch zum Sonntagsgespräch hat mich die Kongressveranstalterin und passionierte Gärtnerin Iris Zimmer erneut zum Gespräch eingeladen. Anlass war ihre Reihe “Raunächte 2024”. Inhaltlich haben wir dort fortgesetzt, wo das Sonntagsgespräch endete: Bei der Frage, ob das Streben nach Glück dem Leben einen Sinn zu geben vermag. Iris Zimmer (00:00:11): Hallo ihr Lieben, schön, dass ihr wieder da seid zu einem neuen Gespräch! Ich habe mir nochmal Dr. Uwe Alschner eingeladen und ich freue mich sehr, dass wir wieder ins Gespräch gehen. Hallo Uwe!Uwe Alschner (00:00:22): Hallo liebe Iris, ich freue mich genauso!Iris Zimmer (00:00:25): Ja, unser letztes Gespräch ging ja so über die Big Five und jetzt hast du das alles noch etwas weiterentwickelt und zum Thema ‘Glück und Glückseligkeit’ — und darüber würde ich mit dir gerne sprechen.Uwe Alschner (00:00:41): Ja, sehr gerne. Da freue ich mich auch drauf. Das ist ein spannendes Thema!Iris Zimmer (00:00:45): Ja, das ist ein total spannendes Thema. Gerade jetzt so, in den Raunächten, wo man sich wirklich mal überlegt, was ist eigentlich der Sinn meines Lebens? Bin ich glücklich oder nur glückselig? Vielleicht magst du mal direkt auf den Unterschied eingehen, weil viele verwechseln ja wirklich die Glückseligkeit mit glücklich sein.Uwe Alschner (00:01:06): Ja, also es hat auch damit zu tun, dass vom Sprachlichen her das Wort ‘Glückseligkeit’ ja kaum noch im allgemeinen Wortschatz auftaucht, weil es altmodisch klingt, weil es irgendwie auch das Gleiche zu sein scheint.Aber es ist eben nicht das Gleiche.Es ist etwas, was im Zeitalter der Aufklärung oder davor sogar noch, sprich in der Frühen Neuzeit, sehr präsent war und auch ein ganz wichtiges Thema war, weil man sich halt damals auch vor dem Hintergrund 30-jähriger Krieg, Glaubenskriege und so weiter über diese Fragen auch Gedanken gemacht hat.Eigentlich sind das ja Fragen, die wir Menschen uns schon immer gestellt haben, jedenfalls seit wir bewusst denken. Aber es ist eben der Unterschied, dass Glück manchmal sehr flüchtig ist, sehr oberflächlich definiert wird. Also ‘Glück gehabt’ ist schon noch, wo man sagt, ‘okay, das hätte auch schief gehen können’. Da ist schon ein bisschen Tiefe mit drin. Aber ansonsten ‘viel Glück’, wenn man sich das so wünscht. Was bedeutet das? Hat man eigentlich nur Glück?Andersrum, in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, da kommt es unmittelbar drin vor, auf Englisch allerdings ‘Life, Liberty and the Pursuit of Happiness’ als ‘inalienable Rights’ also die unveräußerlichen und unverletzlichen Rechte eines jeden Menschen, die auf ein Leben, auf Freiheit und auf etwas, was wir dann im Deutschen zuletzt fast nur noch mit ‘Glück’ — Das Streben nach Glück, so heißt ja auch so ein Hollywood-Film — übersetzt haben.Aber da ist eigentlich tatsächlich die Glückseligkeit schon gemeint, in dem Sinne, dass es etwas ist, worüber Leibniz im 17. Jahrhundert sehr, sehr intensiv nachgedacht hat und da auch in gewisser Konfrontation zu anderen philosophischen Vordenkern gewesen ist, also John Locke beispielsweise oder Thomas Hobbes, also das heißt diejenigen, die heutzutage auch staatsphilosophisch als die grundlegenden Denker der aufgeklärten Staatlichkeit gesehen werden.Und zu denen stand Leibniz tatsächlich in einem starken Gegensatz und hat eben sehr stark auch diesen planvollen Ansatz des Lebens. Also sprich: es ist kein Zufall.Von davon war Leibniz zutiefst überzeugt. Er ging davon aus, dass es eine Schöpferkraft gibt. Und da er nun aus dem christlichen Kontext kam, hat er das dann auch mit Gott bezeichnet. Aber er war ja auch intensiv in Kontakt mit Denkern aus Asien. Das heißt, der konfuzianische Blick war ihm auch vertraut. Er hat ein I Ching selbst besessen und damit auch gearbeitet.Das heißt, er ist da nicht in einem engeren Sinne dogmatisch-missionarisch als solches, sondern es ging ihm um das Gemeinsame, das Verbindende über das Leben.Und Locke und Hobbes und nach ihm noch weitere haben sehr stark diese sehr materialistische Haltung vertreten, dass es etwas ist, was mehr oder weniger ‘Zufall’ ist, beziehungsweise wo der Mensch sich selbst zum Menschen Wolf wird, und diese ganzen Geschichten der ‘Leviathan’ dadurch dann die Hinwendung zu einem starken Staat als solches.Und Leibniz war da ganz anderer Ansicht, der gesagt hat, das Streben nach Glückseligkeit, also nach Erfüllung, im Sinne eines Beitrages zum ‘gelingenden Großen Ganzen’, um das mal so neudeutsch zu sagen. So wird das nicht formuliert, aber das ist im Kern das, was dahinter steht.Also sich selbst in seiner Individualität zu erkennen, auch auszubilden, und auch ‘sein Ding’ zu machen. Jedoch aber immer mit dem Bewusstsein, dass es doch letztendlich schon auch darum geht, etwas beizutragen, damit es auch sozusagen weitergeht in dieser unendlichen Geschichte dessen, was das Leben ist, im ‘unendlichen Spiel’.Iris Zimmer (00:05:46): Ja, das ist spannend, was du sagst, weil mich macht es immer unglaublich glücklich oder glückselig, wenn ich jemand anderem etwas Gutes tun kann oder ihn unterstützt oder sie unterstützen kann, in die eigene Kraft zu kommen oder irgendwelche Ziele zu erreichen. Das macht mich unglaublich glückselig. Das ist, glaube ich, der große Unterschied zwischen Glück und glückselig.Uwe Alschner (00:06:13): Ja, also genau. In dem Moment, wo man das Glück — ich will jetzt mal nicht sagen egoistisch — aber es gibt ja die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Und die sind ähnlich irgendwie schon gelagert.Das sind beides Glückshormone sogenannte, aber haben einen fundamentalen Unterschied:Dopamin ist sozusagen das ‘Tschakka!’ Das, was man spürt. wenn man einen Erfolg verbucht hat, wenn man einen Sport gewonnen hat oder wenn ein geschäftlicher Abschluss gelungen hat, dann ist es ja: ‘Tschakka!’Serotonin ist das, was man…wenn man gibt, wenn man für andere kocht, wenn man mit seinen Kindern ein schönes Erlebnis hat und merkt, die entwickeln sich in die Richtung, wo man Freude dran hat. Das ist dann Serotonin. Und Dopamin ist etwas, was Suchtcharakter hat. Serotonin hat es nicht.Und auch da liegt dann schon ein Hinweis, glaube ich, darin, dass es viel eher darum gehen sollte, dieses Gebende, dieses Hingebungsvolle. Nicht in dem Sinne, sich selbst aufzugeben als solches per se. Man muss schon auf sich gut achten. Aber das Bewusstsein, eben des Beitragens. Und das ist genau das, was bei der oberflächlichen Diskussion dessen, was Glück ist. Wenn du so in den Mainstream-Medien, Zeitschriften beim Friseur oder beim Arzt oder was auch immer, wenn da von Glück gesprochen wird, dann ist das immer was, dein Forscher zum Glück.Iris Zimmer (00:07:47): Es ist etwas Materielles immer. Das Glück wird gleichzeitig gleichgesetzt mit Materiellem. Und mir kam gerade das Wort ‘Erfüllung’ in den Kopf. Weil Glückseligkeit ist im Prinzip Erfüllung. Und in der Erfüllung steckt die Fülle ja auch schon drin.Uwe Alschner (00:08:07): Genau. (Ich muss ja einmal kurz, pardon, es hat da gerade dazwischen geklingelt.)Die Erfüllung, genau, die ist das.Und vom Wort-Sinn her bedeutet das ja schon implizit, dass wir dem Leben einen Sinn geben wollen, mit etwas füllen wollen, was eben nicht nur ephemerisch, flüchtig ist und dann weg ist, sondern was schon irgendwo auch einen bleibenden Sinn. Schiller spricht dann auch von der ‘Unsterblichkeit des Werkes’, welches bleibt, wenn der Urheber längst vergangen ist.Und das ist die Erfüllung: wenn wir etwas [unsere Lebenszeit] mit Sinn füllen.Und das sind natürlich auch in gewisser Weise Begrifflichkeiten oder Konzepte, die ein bisschen außer Mode gekommen zu sein schienen.Und ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass es ein Interesse dahinter geben könnte und meiner Meinung nach auch dahinter gibt, dass nämlich die Gesellschaft im Blick derer die, … wie soll man jetzt sagen… , oligarchische Strukturen, das heißt Personen oder Kreise, die sich selbst für berufen halten und sich qualitativ abgrenzen wollen und müssen scheinbar gegenüber dem Rest der Menschheit, also die herabblicken und so weiter.Wer ein solches Weltbild, ein Menschenbild in dieser Art und Weise verfolgt, der hat im Zweifelsfall ein Interesse daran, dass den Menschen das eigentliche Bewusstsein für den Sinn des Lebens abhanden kommt.Auch das Bewusstsein dafür, dass wir eben tatsächlich unveräußerliche Rechte empfangen haben von der Schöpferkraft. Und noch einmal: nicht, um das jetzt auch nicht ins enge Konfessionelle rein zu zwängen, sondern um das ein bisschen offen zu lassen.Letztendlich geht es nämlich genau darum, dass es etwas ist, was uns Menschen zu Menschen werden lässt, oder was uns Menschen auszeichnet, im Unterschied auch zu anderen Lebewesen.Und da bin ich durchaus inzwischen immer mehr überzeugt — auch nach der Lektüre von solchen klugen Geistern wie Leibniz oder Schiller oder Platon oder Thomas von Aquin oder anderen, die einfach genau darauf hingewiesen haben, dass der Mensch tatsächlich mit seiner Gabe etwas anfangen soll. Also mit der Gabe, beides zu haben, Emotion und Verstand, damit diese Schöpfung auch weiterentwickelt wird. Ja, das ist, was dann bei Schiller auch ‘das Spiel’ heißt oder bei John Stralecki eben die ‘Big Five for Life’ oder bei Simon Sinek heißt es ‘Das unendliche Spiel’.Und das ist dann immer wieder dieser Aspekt der Leichtigkeit, aber gleichzeitig auch der Zweck- und Sinnhaftigkeit.Iris Zimmer (00:11:06): Ja, und ich glaube noch nicht mal, dass man das tun soll, sondern dass man das tun muss.Uwe Alschner (00:11:12): Ja.Iris Zimmer (00:11:14): Ja, um in den Zustand der Glückseligkeit zu kommen. Irgendwas muss man ja tun dafür.Uwe Alschner (00:11:21): Genau, und Iris, da bist du mir sehr nah. Ich empfinde das auch so, wenngleich ich da auch erfahren habe, dass es … auch mit der Sprache. Die Sprache ist ja auch ein Medium, um nicht nur zu kommunizieren, sondern um Gedanken, um Ideen auszutauschen, um sich darüber von Individuum zu Individuum, von Seele zu Seele auszutauschen in dieser Hülle, in der wir jetzt leben.Und manche haben aber trotzdem dann scheinbar ein Problem damit, wenn die Sprache Vokabeln verwendet wie ‘müssen’. Und das hat etwas, nichts von außerem Zwang zu tun, sondern von inneren Drang, würde ich sagen. Und in diesem Sinne ist das ein Muss, auch für mich da etwas zu suchen, was mir aufgegeben ist. Davon bin ich überzeugt.Das mögen manche altmodisch oder naiv oder sonst was halten, aber das ist aus meiner Sicht wie ein Schuh draus wird.Iris Zimmer (00:12:19): Ja, ich durfte das auch erleben, wenn ich wirklich drauf höre, was mir aufgegeben wird. Ich komme dann durch die Erfüllung dessen der Aufgabe in den Zustand der Glückseligkeit.Uwe Alschner (00:12:35): Und das ist dann etwas, was man auch umschreiben kann mit zum allseitigen Nutzen.Wenn ich den allseitigen Nutzen ins Zentrum stelle, dann bin ich schon automatisch in einem liebevollen, und zwar agapische Liebe, die göttliche Liebe oder die Liebe zur Schöpfung, zum Mitgeschöpf, dann bin ich in diesem Zustand drin und habe da dann auch den Drang, mich da in dieser Weise einzubringen und zu verwirklichen, zur Wirklichkeit beizutragen, so wie sie sich in den Potenzialen, in den Möglichkeiten — das heißt es ja letztendlich — entfalten kann.Und ja, wir haben einen freien Willen bekommen. Das heißt, wir sind auch in der Lage, Entscheidungen zu treffen oder Wege einzuschlagen, die langfristig nicht ganz so günstig zu sein scheinen. Wenn jeder nur an sich selbst denkt, dann wird das etwas, was sehr schwierig werden kann. Diese Freiheit haben wir.Wir haben auch die Vernunft, um zu erkennen, dass es keinen Sinn macht. Dass es aber viel eher Sinn macht, das Gemeinsame zu suchen.In der Unterschiedlichkeit, ja, und sich darauf an zu freuen, anderen Menschen etwas beitragen zu können, was ihnen was bedeutet, ohne dass es mir vorher was bedeutet haben muss. Aber das Erlebnis — du hast es eben auch formuliert — wenn du jemandem beitragen kannst und dann siehst, wie er sich freut, wie ein Fortschritt entsteht und so etwas, das ist ja das, was dann das eigene Herz auch höher schlagen lässt.Iris Zimmer (00:14:05): Ja, vielleicht ist die heutige Welt deswegen auch so, weil es diesen Unterschied zwischen Glück und Glückseligkeit nicht gibt oder nicht mehr so gibt. Ja.Uwe Alschner (00:14:16): Ja, also wie gesagt, das ist genau das Thema mit der Oligarchie.Und wir haben ja jetzt viele ‘gesellschaftliche Krisen’ oder ‘Herausforderungen’ oder was auch immer, die einem ins Auge zu springen scheinen, wenn man den Fernseher doch nochmal irgendwann anstellt oder in die Zeitung doch nochmal reinschaut. Ja, und das ist etwas, was im Letzten sehr wahrscheinlich in viel höherem Maße künstlich erzeugt zu sein scheint, um uns wegzubringen von diesem eigentlichen verbindenden und schöpferischen, kreativen Prozess, damit das Beherrschen von solchen Individuen, die sich nur noch als Verbraucher sehen, ihre Schöpferkraft komplett vergessen haben.Es spielt gar keine Rolle, in welchem Gebiet diese Schöpferkraft sich dann auszeichnet. Unglaublich viele Möglichkeiten sind da gegeben, sich zu verwirklichen.Aber wenn wir uns nur noch als Verbraucher sehen, die etwas konsumieren, was uns vorgesetzt wird, dann verlieren wir auch unsere Lösungskompetenz, unsere Freude am Gestalten, am gegenseitigen Zugewinn. Das ist etwas, was dann verloren geht.Und jemand, der sich selber für besser hält und für berufener hält, der könnte tatsächlich ein Interesse daran haben, dass sich so eine Richtung durchsetzt und genau da könnte dann ja auch ein Weg oder eine Erklärung liegen, weshalb das Fernsehen so ist, wie es so ist, und weshalb im Mainstream so ist, wie er ist: Damit wir immer schön empfangen, dass wir doch nur problembehaftete Individuen sind und ja, den kurzfristig, also five days, ‘thank God, it's Friday’. Ja, also auch da ist ja etwas, jemand, der sich das Wochenende am Montag schon dabei wünscht, der wünscht sich fünf Tage seines Lebens im Prinzip schon weg, anstatt zu erkennen, dass jeder Tag da ist, um gestaltet zu werden und die Zeit ist letztendlich dann in diesem Sinne begrenzt, tatsächlich, und wenn man sich davon schon einen Teil wegwünscht, ist das eigentlich sehr traurig.Iris Zimmer (00:16:25): Das ist total traurig. Und wenn man das so sieht, dass man am Montag schon denkt, hoffentlich ist bald wieder Freitag. Es ist so traurig.Also für mich ist jeder Tag Sonntag, weil ich feiere jeden Tag! Das ist für mich Glückseligkeit, dass man wirklich überdenkt, tue ich das, was ich tue, wirklich so, dass es mein Herz zum Singen bringt? Oder darf ich mal überdenken, ob es richtig ist, was ich tue? Also für mich richtig.Uwe Alschner (00:16:54): Ja. Ich weiß nicht, wie es dir dabei geht, aber ich beherzige das auch zunehmend mehr. Das ist ja auch eine eigene Reise, über die ich ja auch teilweise öffentlich auch schon geschrieben oder erzählt habe.: Ich war nicht immer so bewusst in dieser Hinsicht.Iris Zimmer: Ich kenne dich noch anders.Uwe Alschner: Genau! Und das ist dann was, wo man irgendwann auch erkennt, dass es da keinen Sinn macht, dass es andererseits viel mehr Freude macht und dann auch auf einmal lösen sich Dinge, zeigen sich neue Möglichkeiten, zeigen sich neue Chancen, sodass sich da dann dieser Satz zu bewahrheiten scheint.Was auch Kepler früher schon gesagt hat: es ist das Harmonische, die Welt als harmonisches Gebilde oder Geschöpf, zu dem jeder einzelne beitragen soll! Vorausgesetzt, er ist in der Lage, sich eben auch von der Frequenz her, Harmonie und Frequenz, sich darauf einzustimmen und tatsächlich den gegenseitigen Nutzen in den Blick zu nehmen und nicht die Abgrenzung des meins oder deins.Iris Zimmer (00:18:06): Ja, es ist genau die Abgrenzung meins oder deins. Das ist ja sehr, sehr extrem mittlerweile. Es gibt kaum noch etwas, was zusammen ist, wo man wirklich sagt, ja, wir machen gemeinsam.Uwe Alschner (00:18:24): Ja, es fängt in der Schule schon an, vielleicht sogar schon in der Kita, da bin ich jetzt ein bisschen sehr weit weg, aber in der Schule kann man noch erkennen, wo die Kinder drauf getrimmt werden, sich abzugrenzen, nicht voneinander abschauen zu lassen. Nicht dass es darum geht, dass man alles abschauen soll, aber was ist denn schlimm, wenn ich bei meinem Nachbar über die Schulter schaue und mich inspirieren lasse davon, welchen Weg er einschlägt, um dann selber drauf zu kommen, und mich dann in meiner Kreativität weiter auszuleben.Das heißt, da ist ein System schon, was sehr materialistisch, was sehr auf kurzfristigen Erfolg angelegt ist und das ist etwas, was nicht menschlich ist, würde ich mal so weit gehen, das zu sagen. Es ist eigentlich nicht in uns angelegt. Das ist das, was vielleicht dann eher das animalische. Aber da will ich mich auch gar nicht festlegen.Iris Zimmer (00:19:17): Es ist schon richtig, was du sagst. Ganz früher haben wir nur Erfahrungswissen gehabt. Da gab es ja nicht, dass das Wissen uns irgendwie in der Schule eingetrichtert wurde, sondern du wurdest ‘an die Hand genommen’ und dir wurde gezeigt und du konntest lernen, du konntest deine eigenen Erfahrungen machen. Und das ist bei dem heutigen System der Wissensvermittlung ja gar nicht mehr.Uwe Alschner (00:19:43): die Suche nach Lösungen, die Ansprache und auch die Förderung der eigenen Vernunft. Moses Mendelssohn, jüdischer, autodidaktischer Gelehrter und Philosoph, hat der deutschen Klassik, der deutschen Kultur unglaublich viel beigetragen, aber eben auch für die Weltkultur.Er war ja auch… wurde genannt von seinen Zeitgenossen als ‘Weltweiser’. Das war damals ein bisschen ein Begriff für die Bezeichnung ‘Philosoph’, aber der Weltweise hat einen großen Blick gehabt.Und Mendelssohn hat auch diesen Aspekt des Beitragens erkannt, dass es darum geht, sich darauf zu fokussieren, um dann die Dynamik an sich selbst zu spüren. Und die Vernunft ist ein ganz zentrales Element dessen, was wir Seele nennen.Und Mendelssohn sagte, diese Seele ist es, die uns mit dem Unsterblichen, mit dem Ewigen verbindet. Unsere Seele ist auch nach seiner Überzeugung unsterblich.Wenn unser Körper das auch nicht ist, so ist es doch unsere Seele. Und es geht darum, im Laufe des Lebens diese Seele gut zu behandeln, sich mit dem Schönen, Guten und Wahren zu beschäftigen, anstatt mit dem Negativen und dem Problembeladenen. Auch ein weiteres Thema bei dem Thema ‘Medien’ und ‘Nachrichten’, immer nur Probleme, Probleme, Probleme. Darunter leidet die Seele. Aber diese Seele ist es, was uns mit dem Unsterblichen verbindet.Und diese Seele ist uns auch die, die uns aufruft der eigenen Erfüllung, nämlich dem eigenen den eigenen Talenten auch Rechnung zu tragen, um jetzt eine biblische Metapher mit reinzubringen. Und noch einmal: nicht, um nicht für das Christentum zu missionieren, sondern um zu zeigen, in allen großen Religionen oder Weltanschauungen hast du diese Elemente des eigentlich Menschlichen drin.Iris Zimmer (00:21:53): Ja, und vielleicht fühlen sich deswegen so viele Menschen auch nicht gut oder auch traurig, weil sie zum einen vielleicht den Kontakt mit der Seele zu ihrer Seele verloren haben oder weil sie den Seelenauftrag nicht erfüllen.Uwe Alschner (00:22:11): Ja, genau. Dadurch, dass wir einen freien Willen haben, kann es auch sein, dass in dem Moment, wo sich da durch ein Trauma oder durch was auch immer, eine gewisse Abkopplung ergibt, dass sich dann auch eine falsche Richtung daraus für jemanden ergibt. Dass man glaubt, man müsse diesen materialistischen, kurzfristigen Chakka-Kurs weitergehen, weil man ja immer wieder mehr, mehr, mehr.Aber auch da ist es schon, das hat auch John Streleky ja in der Safari des Lebens beschrieben mit dem Spiel mit den Ringen. Die kleine Mama Gombe spielt mit dem Großvater dieses Spiel und will immer wieder neu gewinnen und gewinnen und gewinnen. Und aus diesem Drang gewinnen zu wollen, kommt sie gar nicht heraus.Er sagt, schaust doch einfach mal, dass du den Wurf, die Freude am Werfen, dass du das in den Mittelpunkt deines Unterfangen stellst. Dann hast du nicht mehr den Drang, dass du unbedingt gewinnen musst, sondern du freust dich daran, auf verschiedene Art und Weise dasselbe zu verrichten. Das heißt, diese Vielfalt im Leben, die Mannigfaltigkeit, die im Leben eben auch uns gegeben ist, mal auszuprobieren und sich daran zu erfreuen. Dann ist man weg von diesem kurzfristigen Materialistischen und hat mehr Freude an dem Werden.Wir sind eine Kraft, eine Einheit, eine Seele, die werden muss und werden will, weil sie eben nicht ewig ist. Das Ewige, das ist, und das Nicht-Ewige (das Vergängliche) das wird. Es ist ‘im Werden begriffen’.Und auch auf diesem philosophischen Grad, dieser Wahrheit, Soll man sagen, Definition, da geht zum Beispiel auch Mendelssohn sehr ausführlich drauf ein. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, mich damit zu beschäftigen.Iris Zimmer (00:24:04): Ja, um nochmal ganz kurz auf deine Geschichte von Strelecki zu kommen. Es geht ja da bei ihr auch um Wettbewerb, dass sie immer besser sein will wie jemand anders.Mich hat zum Beispiel noch nie Wettbewerb wirklich interessiert, sondern einfach nur die Freude am Tun. Ja. Okay, zu laufen zum Beispiel mit jemandem, der vielleicht sogar schneller ist, freue ich mich, weil das ist ein Ansporn. Aber ich hatte jetzt nie das Problem, ‘ich bin nur Zweiter oder Dritter geworden, das macht mich jetzt traurig.’Uwe Alschner (00:24:40): Ja, das haben wir, glaube ich, am Anfang auch nicht, sondern das ist etwas, was wir dann irgendwann mit aufnehmen, weil andere uns anfeuern oder was auch immer, aus welchen Motiven auch immer.Es gibt ja dieses Phänomen, dass gerade Eltern mit einem hohen Ehrgeiz die Kinder dahin bringen, die Ziele zu erreichen, die sie selber gerne erreicht hätten oder meinen erreicht haben zu müssen.Und das ist etwas, was den Kindern eigentlich ursprünglich gar nicht so ist. Die haben Freude am Tun, an der Beschäftigung und können darüber dann auch erkennen, dass es qualitative Fortschritte gibt.Ich meine, alleine schon das Thema Spracheinereignung ist ja etwas, das ist ja nicht nur ein Nachplappern. Das ist ja vollkommen unsinnig, sage ich jetzt mal direkt, zu glauben, dass Sprache nur durch ‘Nachplappern’ erlernt wird. Nein, da findet auch noch eine kreative gedankliche Durchdringung statt in diesem Wesen. Leibniz spricht auch von ‘Gedankendingen’, die sich da formieren.Das heißt, ein eigener kreativer Beitrag durch die Seele, durch die Vernunft, durch das Denkende in dem Individuum, in dem Wesen, führt dann dazu, dass man das, was man wahrnimmt in der Beobachtung, im Hören oder auch im Sehen, dass man das dann letztendlich weiterentwickelt, also aufnimmt, beherrscht und dann weiterentwickelt und so entsteht dann auch ein Fortschritt.Ob das sich sprachlich oder dann kulturell oder sonst wie auswirkt, ist dann zweitrangig. Aber das ist das Eigentliche, was die Kreativität dann auch ausmacht. Also das Aufnehmen, das Verstehen dessen, wo es herkommt, also auch das ist, glaube ich, ganz wichtig. Sich nicht nur irgendwie in den luftleeren Raum zu begeben, sondern auch zu schauen: wo kommt das her? Also die Geschichte einer Philosophie oder Geschichte einer Entwicklung, einer Entdeckung, einer Innovation zurückzuverfolgen, um dann zu sagen, okay, das habe ich verstanden und jetzt versuche ich mich mal diesen Gedanken weiterzuführen in Dimensionen, die vorher undenkbar schienen, aber auf einmal dann doch plausibel werden.Iris Zimmer (00:26:46): Genau, und dieses Verstehen ist wieder Glückseligkeit.Uwe Alschner (00:26:49): Richtig, absolut.Iris Zimmer (00:26:50): Mir kam gerade noch der Gedanke zu gewinnen und einfach nur das Sein genießen. Das eine ist wieder nämlich das Gewinnen wollen oder wirklich auch Gewinnen ist wieder nur Glück. Und das andere, einfach nur meinetwegen Lust an der Bewegung zu haben, ist Glückseligkeit.Uwe Alschner (00:27:12): Ja, genau. Sich selbst über das zu freuen, was einem gegeben ist, was einem zur Verfügung steht, und sich nicht gezwungen zu sehen oder abgesetzt zu sehen, falls mal jemand anders auch solche Freude empfindet, dass das eben etwas ist, wo man sich mitfreuen kann, anstatt sich zu ärgern, dass man nicht in diesem Moment den Sieg davon getragen hat oder was auch immer.Iris Zimmer (00:27:39): Ja, das ist wunderbar. Haben wir noch etwas über Glück und Glückseligkeit? Jetzt vielleicht in Bezug auf die Raunächte. Da ist ja mittlerweile auch so ein richtiger Sport. Wer macht die richtigen Raunächte? Wie gehe ich am besten da durch? Hast du da etwas, was du uns vorschlagen kannst? Oder wie gehst du die Raunächte an?Uwe Alschner (00:28:04): Ja, also ich muss gestehen, ich gehe sie... etwas lockerer an und vielleicht ist es auch etwas, wo der eine oder die andere sagen wird, das ist ja aber gar nichts, das, was man aber auch nicht versteht.Ich habe es immer so gehalten, dass dieser Prozess, sich etwas aufzuschreiben, sich etwas vorzustellen, zu manifestieren und es dann loszulassen, es zu verbrennen in dem Zettel oder wie auch immer, dass das etwas ist, wo ich dann mit dem Universum, mit der Schöpfung, mit der Frequenz in Verbindung gehe, auch eine gewisse Demut dann mir bewahre oder mich damit zurück wieder verbinde, wenn sie mir zwischendurch abhanden gekommen sein sollte, dann auch das anzunehmen, was dann als Antwort kommt. Also jeder nach seiner Facon ist das eine, das ist ein Spruch aus dem 18. Jahrhundert, aber dass wir bekommen, was wir benötigen, ist eine ganz alte, tiefe Wahrheit. Und die ist ja dann auch in den Raunächten, glaube ich, im Kern enthalten, dass wir daran mitwirken, dass wir uns auch fokussieren dürfen, dass wir vielleicht auch das Loslassen brauchen. von anderen Dingen lernen, aber dass es darum geht, anzunehmen, was ist und damit dann etwas Neues zu gestalten.Iris Zimmer (00:29:38): Wunderbar. Ich bin begeistert von unserem Gespräch. Ich wünsche ganz vielen Menschen, dass sie in die Glückseligkeit kommen und dieses wunderbare Gefühl erleben. Und dir danke ich sehr für dieses Gespräch. Es hat mich glückselig gemacht.Uwe Alschner (00:29:56): Das freut mich sehr, liebe Iris. Ich danke dir auch dafür, dass du mich eingeladen hast. Und ich wünsche auch allen viel Glückseligkeit. Und damit dann auch, das ist dann der Erfolg, der sich dann einstellt.Iris Zimmer (00:30:12): Wundervoll, danke dir.Erstveröffentlichung bei Was-dich-naehrt.de von Iris Zimmer. Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Zu Gast beim "Sonntagsgespräch"
Zu Gast beim "Sonntagsgespräch"Inhalt:03:00 Big Five for Life und Zweck der Existenz06:00 Wie schafft man es, seine Big Five zu entdecken?09:00 Ganz Mensch sein: Entdeckung als Prinzip der Bildung11:30 Wenn Kinder die Träume der Eltern nachholen sollen: Die Erwartung als Problem14:00 Die Furcht vor dem Scheitern durch Selbst-Sicherheit überwinden16:30 Spiel als Bedingung des Menschlichen19:00 Friedrich Schiller: Die Schönheit als Spiel, Spiel als Schönheit22:00 Die Aktualität Schillers: Warum ist er banalisiert und an den Rand gedrängt worden26:00 Kreative Vernunft, Seele, Big Five for Life und der FortschrittMehr zu Iris Zimmer: https://was-dich.naehrt.deDieser Podcast erschien auch im Rahmen der Morgenstunden-Podcasts Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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Frieden als Fundament für eine gesunde Gesellschaft
Dieser Podcast ist eine Gemeinschaftsproduktion mit der Reihe "Gesunde Stunde". In dieser Folge (Gesunde Stunde #69, Ganz Mensch sein #1) unterhalten sich Siggi Ober-Grefenkämper und Uwe Alschner über den Vortrag zum Westfälischen Frieden von Dr. Eugen Drewermann am 1. November in Osnabrück (auf Einladung der Osnabrücker Friedensinitiative OFRI) Get full access to Ganz Mensch sein at ganzmenschsein.substack.com/subscribe
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