EPISODE · Sep 2, 2026
Green Advocates: Taiwans erste Energiegenossenschaft
from Taiwan in Bewegung
Ein Flachdachhaus in Miaoli im Nordwesten Taiwans. Auf einem Metallgestell sind Solarpanele installiert, mit einer Leistung von 10,03 kWp. Seit Ende 2017 produziert die Anlage etwa 13000 kWh Strom pro Jahr. Das Besondere an der Anlage – es handelt sich um die erste PV-Dachanlage in Taiwan, die von einer Energiegenossenschaft betrieben wird. Die Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”, auf Chinesisch 綠主張綠電合作社 wurde 2016 gegründet, als erste Energiegenossenschaft in Taiwan. Doch sie hat es nicht nicht einfach. Dass die taiwanische Energiewende nur stockend voran kommt, darüber habe ich in dieser Sendung schon häufig berichtet. 2025 wurden 13.3% der Elektrizität in Taiwan aus erneuerbaren Energien generiert. Nach den Ausbauzielen der taiwanische Regierung hätten es eigentlich 20% sei sollen – Taiwan liegt also fast 7 Prozentpunkte unter dem Zielwert. Ein Grund für den langsamen Ausbau ist auch eine gesellschaftliche Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien, befeuert durch Korruptionsfälle und Desinformationen. Eine Möglichkeit, die zu mehr Akzeptanz von erneuerbaren Energien führen könnte, sind Bürgerenergiegenossenschaften. Hier schließen sich Menschen zusammen, um selber in erneuerbare Energien zu investieren. Statt Großkonzernen sollen Bürger selber finanziell profitieren. Ich habe mit Hwang Shu-te (黃淑德) gesprochen. Sie ist die Direktorin der Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”. Diese Bürgerenergiegenossenschaft wurde im Jahr 2016 von Mitgliedern der Hausfrauen-Allianz-Stiftung gegründet, jener feministischen Umweltbewegung, über die ich kürzlich ein einem anderen Beitrag berichtet hatte. PV-Dachanlagen zur Vermeidung von Landnutzungskonflikten Der Gründung der Energiegenossenschaft im Jahr 2016 gingen drei Jahre der intensiven Vorbereitung voraus, in denen sich die Gruppe mit Initiativen in Japan und Südkorea beschäftigte. Dabei merkte man, dass es zwar viele Gemeinsamkeiten gibt – aber auch Unterschiede. “Zum Beispiel ist Südkorea flächenmäßig 10 mal so groß wie Taiwan, und die Bevölkerung ist sechsmal so groß. Weil die Überalterung der Gesellschaft in Südkorea früher eingesetzt hat, gibt es dort mehr landwirtschaftliche Flächen, die brachliegen. Wenn sie also Agri-PV machen, ist ihre Überlegung, neben landwirtschaftlichem Ertrag zusätzliche Einnahmen durch Stromerzeugung zu haben.” In Taiwan sei das anders – Freiflächen-PV gehe hier mit anderen Problemen einher. “Die Herangehensweise in Taiwan war, wild Flächen aufzukaufen, das nennt sich land grabbing. Es ist ein ernstes Problem, egal ob in landwirtschaftlichen Gebieten oder in der Fischzucht. “ Vor vier Jahren habe dann das Landwirtschaftsministerium (damals noch der Landwirtschaftsrat) diesem Prozess Einhalt geboten. Dennoch zeigt sich Hwang Shu-te kritisch gegenüber Freiflächen-PV in Taiwan. “Was ich damit meine ist, dass landwirtschaftliche Flächen von Solarkraft übermannt werden, ohne dass es eine Koexistenz gibt. Weil die Fläche von Taiwan sehr begrenzt ist, wird das Land relativ leicht zum Spekulationsobjekt.” Um das Problem einmal zu veranschaulichen: Taiwan hat in etwa die Fläche von Baden-Württemberg, mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern. Die Green Advocates Genossenschaft entschloss sich aufgrund dieser potentiellen Landnutzungskonflikte, auf Photovoltaik-Dachanlagen zu setzen, anstatt auf Freiflächen-PV. “Anfangs haben wir uns dafür entschieden, aus ethischen Gründen nur Dachanlagen zu machen. Wir machen keine Freiflächen-PV, weil wir bemerkten, dass es dabei Landnutzungskonflikte mit dem Anbau von Lebensmitteln gibt. Außerdem ist der Genehmigungsprozess viel langwieriger.” Die Herausforderung beim Betrieb von Dachanlagen wiederum lägen in den Ausschreibungsverfahren, erzählt Hwang Shu-te. “Bei Schulen oder öffentlichen Gebäuden ist die normale Herangehensweise von Lokalregierungen, dass man eine Ausschreibung macht. Ich suche eine Firma, es gibt eine Auktion, und dann heißt es: “the winner takes it all”. Es ist also ein Spiel des Kapitals.” Die Genossenschaft verwirklichte ihre ersten Projekte daher auf den Dächern von Freunden und Familienmitgliedern. So auch das Projekt “Himmel Nr. 1”, welches auf dem Dach von Hwang Shu-tes Bruder verwirklicht wurde. Seither sind 16 weitere Projekte hinzugekommen. Das jüngste Solarprojekt, “Himmel Nr. 17", ging im Juli 2025 in Taichung auf einem Mehrfamilienhaus in Betrieb. Und während die Green Advocates als erste Bürgerenergiegenossenschaft in Taiwan gegründet wurden, sind seither sechs weitere hinzugekommen. Aller Anfang ist schwer Dennoch hätten es Energiegenossenschaften in Taiwan nicht leicht, erzählt Hwang Shu-te. Banken würden sich mit Genossenschaften nicht auskennen – auch nicht Banken, die das Wort “Genossenschaft” selber im Namen tragen. “Unser aktuelles Kapital beträgt mehr als 30 Millionen Taiwandollar. Aber als wir anfingen, im ersten Jahr nach unserer Gründung waren es nicht einmal 2 Millionen.” Das Geschäftsmodell der Energiegenossenschaft beruht aktuell auf der Auszahlung von Einspeisevergütungen für den produzierten Strom. Für Dachanlagen gibt es zwischen 15 Cent (5,6 NTD) und 10 Cent (3,6 NTD) pro Kilowatt, je nach Größe der Anlage. Der Strom wird an den staatlichen Energieversorger Taipower verkauft, der eine Monopolstellung in der Stromverteilung hat. Hwang Shu-te hofft, dass es in Zukunft auch anders gehen könnte: “Wir hoffen, dass Genossenschaftsmitglieder in Zukunft Strom von der Genossenschaft selber kaufen können.” Doch dafür ist der taiwanische Strommarkt noch nicht hinreichend liberalisiert. Zudem schreitet die Entwicklung der Genossenschaft nur langsam voran. “Wir sind jetzt im zehnten Jahr und sind noch immer nicht in der Lage, Dividenden auszuzahlen. Wir schreiben noch keine schwarzen Zahlen, aber wir konnten die Verluste der Vergangenheit bereits verringern. Es gibt also eine Verbesserung im Cashflow. Dennoch reicht unser Kapital nicht aus. Mehr als 40%, fast 50% müssen wir von der Bank leihen, und einen kleinen Teil leihen wir von unseren Genossenschaftsmitgliedern.” Aktuell hat die Genossenschaft mehr als 400 Mitglieder, darunter auch acht NGOs. Diese müssen mindestens einen Anteil in Höhe von 10.000 Taiwandollar zeichnen, das sind umgerechnet 270 Euro. Der Maximalbeitrag liegt bei 100 Anteilen, also 27.000 Euro. Durch ihr begrenztes Kapital sei die Genossenschaft nicht in der Lage, große Solarprojekte durchzuführen. Stattdessen frage man bei Freunden nach, ob sie eine geeignete Dachfläche haben. Doch diese sind in Taiwan gar nicht so leicht zu finden. Auf vielen Dächern in Taiwan finden sich illegale Anbauten, die oftmals als Wohnraum vermietet werden. Dadurch entstehen Sicherheitsbedenken und für etwaige Solaranlagen auf diesen Dächern gibt es keine Einspeisevergütung. “Besonders auf dem Land gibt es sehr viele alte Gebäude, die zum Teil nicht mal von Architekten entworfen wurden, für die es auch keine Baugenehmigung gab, auf solchen kann man auch keine Solarprojekte machen. In Taiwan gibt es daher viele Tatsachen, die den Ausbau der erneuerbaren Energien einschränken.” Die Green Advocates Genossenschaft lässt sich davon allerdings nicht einkriegen und macht trotzdem weiter.
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