EPISODE · Mar 15, 2024 · 1H 14M
Irgendwas mit Hilfsbusiness - Warum Hilfe von NGOs schaden kann
from Irgendwas mit Podcast - der Vortragspodcast der Aktion 3. Welt Saar e. V. · host Aktion 3. Welt Saar e. V.
„Irgendwas mit Hilfsbusiness - Warum Hilfe von NGOs schaden kann“ Vortrag am 17.10.22 mit Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer Wadi e.V., Frankfurt Anderen Menschen zu helfen ist nicht die schlechteste Eigenschaft. Es drückt zunächst einmal Empathie und Mitleid aus. Das sollte normal sein. NGOs helfen weltweit, bauen Straßen, Häuser und verteilen Lebensmittel. So haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche NGOs entwickelt, die Hilfe zu ihrer Kernkompetenz erklären – genauer gesagt zu ihrem Geschäft machen und noch genauer zu ihrem Geschäftsmodell erklären. Das ist nicht weiter verwunderlich – in einer Marktwirtschaft bzw im Kapitalismus wird schlichtweg alles zur Ware. Da können auch Begriffe voller emotionaler Bilder nicht darüber hinwegtäuschen. Die weltweite Hilfe ist längst zu einem Milliarden-Business geworden. Hilfsorganisationen, die im globalen Süden unterwegs sind, konkurrieren im globalen Norden um den gleichen Spendenkuchen. Schon allein aus Gründen des Selbsterhalts. Bekommt die eine Organisation mehr, bekommt die andere notgedrungen weniger. Die „Unterlegene“ wird im nächsten Schritt ordentlich investieren und kommunikativ und beim Story-Telling aufrüsten: mehr Kommunikationsexpert:innen einstellen, aufwendigere Videos produzieren, etc. Die Spirale ist endlos. Es geht immer noch schräger und noch emotionaler. Bei dieser Kritik gehen sicherlich viele noch mit. Entscheidend ist aber die Struktur von Hilfe. Auch die Empfänger:innen von Hilfe haben persönliche wie politische Interessen. Und ein Aufenthalt im globalen Süden macht sich gut im eigenen Lebenslauf. Aber auch ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘-Projekte sind in das Korsett der Top-Down-Entwicklung eingebunden. ‚Wir‘ entwickeln ‚die anderen‘ und transportieren die eigene, unreflektierte Überlegenheit. Die ‚weißen‘ Männer und Frauen, die im Süden Projekte durchführen, verteilen das Geld. Gleichberechtigt ist dies nicht. Solange Menschen aus dem globalen Süden keine Hilfsprojekte „bei uns“ durchführen, degradieren wir andere zum Empfänger und Objekt unserer Entwicklungsphantasien. Letztlich geht es auch um die Frage, ob Elend nur verwaltet oder abgeschafft werden soll. Ganz schön schwierig, den Überblick zu behalten zwischen gut gemeint und gut.
What this episode covers
„Irgendwas mit Hilfsbusiness - Warum Hilfe von NGOs schaden kann“ Vortrag am 17.10.22 mit Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer Wadi e.V., Frankfurt Anderen Menschen zu helfen ist nicht die schlechteste Eigenschaft. Es drückt zunächst einmal Empathie und Mitleid aus. Das sollte normal sein. NGOs helfen weltweit, bauen Straßen, Häuser und verteilen Lebensmittel. So haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche NGOs entwickelt, die Hilfe zu ihrer Kernkompetenz erklären – genauer gesagt zu ihrem Geschäft machen und noch genauer zu ihrem Geschäftsmodell erklären. Das ist nicht weiter verwunderlich – in einer Marktwirtschaft bzw im Kapitalismus wird schlichtweg alles zur Ware. Da können auch Begriffe voller emotionaler Bilder nicht darüber hinwegtäuschen. Die weltweite Hilfe ist längst zu einem Milliarden-Business geworden. Hilfsorganisationen, die im globalen Süden unterwegs sind, konkurrieren im globalen Norden um den gleichen Spendenkuchen. Schon allein aus Gründen des Selbsterhalts. Bekommt die eine Organisation mehr, bekommt die andere notgedrungen weniger. Die „Unterlegene“ wird im nächsten Schritt ordentlich investieren und kommunikativ und beim Story-Telling aufrüsten: mehr Kommunikationsexpert:innen einstellen, aufwendigere Videos produzieren, etc. Die Spirale ist endlos. Es geht immer noch schräger und noch emotionaler. Bei dieser Kritik gehen sicherlich viele noch mit. Entscheidend ist aber die Struktur von Hilfe. Auch die Empfänger:innen von Hilfe haben persönliche wie politische Interessen. Und ein Aufenthalt im globalen Süden macht sich gut im eigenen Lebenslauf. Aber auch ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘-Projekte sind in das Korsett der Top-Down-Entwicklung eingebunden. ‚Wir‘ entwickeln ‚die anderen‘ und transportieren die eigene, unreflektierte Überlegenheit. Die ‚weißen‘ Männer und Frauen, die im Süden Projekte durchführen, verteilen das Geld. Gleichberechtigt ist dies nicht. Solange Menschen aus dem globalen Süden keine Hilfsprojekte „bei uns“ durchführen, degradieren wir andere zum Empfänger und Objekt unserer Entwicklungsphantasien. Letztlich geht es auch um die Frage, ob Elend nur verwaltet oder abgeschafft werden soll. Ganz schön schwierig, den Überblick zu behalten zwischen gut gemeint und gut.
NOW PLAYING
Irgendwas mit Hilfsbusiness - Warum Hilfe von NGOs schaden kann
No transcript for this episode yet
Similar Episodes
Mar 26, 2026 ·1m
Jan 2, 2026 ·47m
Dec 21, 2025 ·46m