EPISODE · Jul 21, 2026 · 13 MIN
Mein Körper hat die Regeln geändert
from Saftig · host Susanne Miel
Meinen Körper nicht kennen — Shownotes Episode 003 Es gibt einen Satz, den kaum eine Frau laut sagt: Ich kenne meinen Körper eigentlich gar nicht. Nicht so richtig. Nicht von innen. In dieser Folge erzählt Susanne, wie es passieren kann, dass man Jahrzehnte in einem Körper lebt und ihn trotzdem nicht kennt. Meinen Körper nicht kennen klingt nach einem Mangel an Interesse. Es hat aber meistens ganz andere Gründe. Sie fängt an einem Klettergerüst an. Sechs Jahre alt, ein warmes Gefühl, das einfach kommt. Sie erzählt es einer Freundin, und die guckt sie zwei Sekunden lang irritiert an. Aus diesen zwei Sekunden baut ein Kind eine Regel — und hält sich vierzig Jahre daran. Von da an lernt Susanne ihren Körper von außen kennen. Durch Bilder, durch Ärzte, durch Männer, durch alles, nur nicht durch sich selbst. Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick Susanne erzählt ihre Körpergeschichte der Reihe nach: der Handspiegel mit acht und die Neugier, für die es kein einziges Wort gab. Die Pornos, die zum Körperwissen wurden, weil nichts anderes da war. Der erste Freund mit siebzehn und die Frage danach, ob das jetzt gut war — ohne jemanden, den sie das fragen konnte. Der Partner, bei dem Vorspiel zweimal über die Schulter streicheln hieß. Die Geburt, nach der ihr Körper endgültig etwas war, mit dem andere Leute etwas machen. Und dann die Jahre, in denen alles gut ging, weil ein Körper, der mitläuft, keine Fragen stellt. Bis er anfängt, andere Regeln zu spielen. In der Perimenopause merkt Susanne: Das Schlimme ist nicht die Veränderung. Das Schlimme ist, dass ihr der Vergleichswert fehlt. Kein Vergleichswert — Wer nie hingefühlt hat, kann nicht sagen, was sich verschoben hat. Man merkt nur: irgendwas stimmt nicht. Und sucht sich sofort jemanden, der es erklärt. Wissen aus zweiter Hand — Alles, was Susanne über ihren Körper weiß, hat sie von jemand anderem. Sie hat die Übersetzung gelernt und nie die Sprache. Der Körper als Auto — Man guckt nicht rein, solange es fährt. Und wenn es Geräusche macht, fragt man jemanden, der sich auskennt. Nur ist der Körper der Einzige, der die Antwort wirklich hat. Der Satz ihrer Mutter — „Ich muss mich selber streicheln. Mich streichelt ja keiner mehr." Warum dieser Satz Susanne bis heute nicht loslässt — und warum er nicht wehtat, weil ihre Mutter krank war. Regeln von außen halten nur so lange — Solange der Körper mitspielt, braucht es keine eigene Verbindung zu ihm. Genau in dem Moment, wo er eigene Regeln macht, fällt einem das auf die Füße. Susanne fängt gerade erst an, die Sprache zu lernen, von der sie vorher nur die Übersetzung hatte. Sie ist auf Vokabelstand. Sie kann noch keine Sätze bilden. Aber sie merkt inzwischen den Unterschied zwischen einer Berührung, die ankommt, und einer, die nur passiert. Und genau da hängt für sie die Lust mit dran. Nicht als Ergebnis, sondern als Bedingung, die sie jahrzehntelang übersehen hat: Man kann nicht wollen, was man nicht fühlt. Man kann keine Lust auf einen Körper haben, den man nur vom Hörensagen kennt. An Stellen, die man nicht benennen kann. In einer Haut, die man nie selber angefasst hat. Wenn du in der Perimenopause das Gefühl hast, dein Körper sei dir fremd geworden, dann geht es in dieser Folge um genau diese Fremdheit — und darum, wo sie eigentlich anfängt. Shownotes und Episodendetails Es gibt diesen Moment, in dem einem auffällt, dass man über das eigene Auto mehr weiß als über den eigenen Körper. Wann er zuletzt in der Werkstatt war. Was das Klackern bedeutet. Beim Körper: nichts. Da ist nur die Erinnerung an das, was andere darüber gesagt haben. Wie ein Körper zu einem Ding wird, mit dem andere etwas machen Susanne erzählt das nicht als Anklage. Sie erzählt es als Reihenfolge. Erst der Blick der Freundin am Klettergerüst. Dann der Handspiegel mit acht, hinter geschlossener Tür, und die Neugier, für die es kein Wort gab. Weil niemand darüber sprach, ging sie davon aus, dass man da nicht hinguckt. Und irgendwann guckte sie nicht mehr hin. Dann kamen die Bilder. Pornos, relativ früh, als einziges verfügbares Körperwissen. Menschen, die dafür bezahlt wurden, so auszusehen, als würden sie etwas fühlen. Für ein Mädchen ohne Vokabular ist das kein Vergnügen, das ist ein Lehrbuch. Dann die Partner. Der erste mit siebzehn, ohne Vorspiel, und danach die stille Frage: War das jetzt gut? Der nächste, bei dem Vorspiel zweimal über die Schulter streicheln hieß — und Susannes eigenes Vorspiel deshalb vorher stattfand. Allein. Im Bad. Damit überhaupt was ging. Gesagt hat sie das nie, und zwar nicht aus Angst vor seiner Reaktion, sondern weil sie auf die Nachfrage keine Antwort gehabt hätte. Sie hätte nicht sagen können, wo. Warum die Perimenopause die Rechnung aufmacht Und dann die Jahre, in denen alles funktionierte. Genau das ist der Punkt, den Susanne lange nicht verstanden hat: Ein Körper, der mitläuft, stellt keine Fragen. Man kommt damit durch. Jahrzehntelang. In der Perimenopause hört er auf mitzulaufen. Er spielt nach anderen Regeln und sagt vorher nicht Bescheid. Und in dem Moment fällt einem auf, dass man niemanden fragen kann. Eine Ärztin kann sagen, was normal ist. Sie kann nicht sagen, was normal ist für dich. Deshalb ist diese Folge auch die Vorgeschichte zu allem anderen: zur Lust, die nicht mehr kommt, zum Warten, zum Gefühl, kompliziert zu sein. Wer den eigenen Ausgangszustand nie gekannt hat, kann nicht sagen, was gerade fehlt. Der Satz, der bleibt Am schwersten wiegt in dieser Folge ein Satz, den Susannes Mutter in ihren letzten Monaten gesagt hat: Ich muss mich selber streicheln, mich streichelt ja keiner mehr. Er war nicht sexuell gemeint. Er hieß: für mich selber da sein. Susanne stand daneben und dachte, es tut weh, weil ihre Mutter krank ist. Es tat aber aus einem anderen Grund weh. Ihre Mutter hatte etwas verloren. Susanne hatte es nie gehabt. Heute streicht sie sich manchmal selbst über die Arme. Nicht sexuell, einfach so, im Vorbeigehen. Und es ist fast nicht auszuhalten — nicht weil es wehtut, sondern weil es sich so gut anfühlt, dass es ihr unangenehm ist. An den Armen kommt bei ihr am meisten an. Jeden Tag macht sie das nicht. Manchmal wochenlang nicht. Aber etwas hat sich dadurch verschoben, und in dieser Folge erzählt sie, was. Wenn dich in dieser Folge ein Satz erwischt hat und du ihn noch nicht laut aussprechen willst: Schick die Folge einfach einer Freundin. Ohne ein Wort dazu. Manchmal ist das die ehrlichste Art, etwas zu sagen.
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