EPISODE · May 29, 2026 · 15 MIN
OE3000 - Episode 21 - So viele Möglichkeiten: Was die Organisationsentwicklung von der Science-Fiction lernen kann
from OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen · host Robin Julian Taylor
Vom 18. bis 20. Mai 2026 fand in Berlin die re:publica statt. Über tausend Sprecherinnen und Sprecher, mehr als zwanzig Bühnen. Unter den Gästen: der kanadische Science-Fiction-Autor und Aktivist Cory Doctorow, mit einem Vortrag über Enshittification.Den Begriff hat Doctorow 2022 geprägt. Er beschreibt den dreistufigen Verfall zweiseitiger Plattformen: Erst werden die Nutzerinnen und Nutzer angelockt und abhängig gemacht, dann die Geschäftskunden geködert, am Ende holt die Plattform den Wert für sich zurück. Höhere Gebühren, Werbebetrug, gezielter Sichtbarkeitsentzug. Am 13. Mai 2026 ist Doctorows gleichnamiges Buch auf Deutsch erschienen.Diese Episode nimmt die Science-Fiction als Werkzeug, um über Organisationen nachzudenken. Das klingt unseriös, ist es aber nicht. Spekulative Literatur darf die Spielregeln verändern, statt sie nur zu optimieren.Doctorow ist Diagnostiker und Romanautor zugleich. Sein Roman „Walkaway" entwirft Gemeinschaften, die Open-Source-Prinzipien auf alle Lebensbereiche anwenden — nicht in der Idylle, sondern in dauerhafter Reibung mit dem Rest der Welt.Drumherum eine Tour durch die Tonarten des Genres. Den Klamauk vertritt Douglas Adams, dessen Vogonen die Erde für eine Hyperraum-Umgehungsstraße sprengen und die formale Korrektheit gleich mitliefern. Die Dystopie kommt von George Orwell, Dave Eggers und Ida Auken — drei Texte, ein Muster: Überwachung wird zu Anerkennung, Eigentum zur Belastung, ständige Erreichbarkeit zur Wertschätzung. Die Verschiebung passiert im Vokabular. Eine hoffnungsvollere Linie zeichnen Solarpunk und der Afrofuturismus von Nnedi Okorafor und N. K. Jemisin, die kollektive Entscheidungsfindung und traditionelle Wissensformen mit Technologie verbinden — und damit sichtbar machen, dass Effizienz, Hierarchie und Rationalität kulturell geprägt sind, nicht universell.Am stärksten beschäftigt diese Episode Liu Cixins „Drei-Sonnen-Trilogie". Sie denkt menschliche Organisationen über vierhundert Jahre — den Maßstab, den Probleme wie der Klimakollaps tatsächlich verlangen. Liu Cixin erfindet dafür institutionelle Mechanismen: das Wandschauer-Projekt, das einzelnen Personen geheime Vollmacht ohne Rechenschaft gibt; den Tiefschlaf, der Wissen über Lebenszeiten hinweg verfügbar hält; den Schwertträger, der allein über eine letzte Drohung wacht. Lauter Werkzeuge für extreme Langfristigkeit — und zugleich Karikaturen von Mustern, die in heutigen Organisationen längst wirken.Dass solche Langzeit-Organisationen nicht nur in Romanen existieren, zeigt Stewart Brand. Seine 1996 mitgegründete Long Now Foundation baut eine mechanische Uhr, die zehntausend Jahre laufen soll, und archiviert in ihrem Rosetta-Projekt mehr als tausend Sprachen für eine ferne Zukunft.Die Lehre der Science-Fiction für das Nachdenken über Organisationen ist keine Rezeptsammlung. Sie macht sichtbar, dass unsere Organisationsformen eine Wahl sind, kein Naturgesetz. Dass Technologie Machtverhältnisse nicht auflöst, sondern verschiebt. Und dass die entscheidenden Fragen politisch sind, nicht technisch. Doctorows Pointe im Gespräch mit der Ökonomin Francesca Bria auf der re:publica: Echte Veränderung gibt es nicht durch technische Korrekturen, sondern erst durch einen Angriff auf die Konzernmacht selbst.Erwähnte Personen: Cory Doctorow, Douglas Adams, George Orwell, Dave Eggers, Ida Auken, Nnedi Okorafor, N. K. Jemisin, Liu Cixin, Stewart Brand, Francesca BriaSchreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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