EPISODE · Mar 6, 2026 · 15 MIN
OE3000 - Episode 9 - Kollektive Fiktionen – Was die Kommunalwahl über organisationale Ziele verrät
from OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen · host Robin Julian Taylor
Am achten März wird hier in Utting am Ammersee gewählt. Ein 4.000-Einwohner-Ort südwestlich von München. Was dort passiert, zeigt etwas Faszinierendes über organisationale Identität: Selbst Nicht-Organisationen müssen so tun, als wären sie Organisationen, um erfolgreich zu sein.Da ist die "Liste für Utting" – 16 Menschen, unterschiedlicher geht's nicht. Ein 72-jähriger Kunstkurator neben einem 20-jährigen Handwerker. Eine Zahnarzthelferin neben einem Bankkaufmann. Das Paradox: Die LFU ist wahrscheinlich gar keine echte Organisation. Ein lockerer Zusammenschluss. Aber sie sehen aus wie eine Partei. Professionelle Website, einheitliches Branding, geschliffene Kampagne. Sie müssen wie eine Organisation auftreten, um gegen CSU und Grüne anzukommen.Und ihre Ziele? Völlig widersprüchlich. Naturschutz UND Entwicklung. Bezahlbarer Wohnraum OHNE das Dorfgesicht zu zerstören. Mehr Mittel für Kultur UND für Wirtschaft. Aber genau diese Widersprüchlichkeit könnte ihr Erfolgsgeheimnis sein. Alle 16 können ihre eigene Interpretation hineinlesen.Dann die CSU mit Bürgermeister Florian Hoffmann. Ihr Argument: "Es läuft doch." Das ist die konservative Fiktion – der bewährte Verwalter. Sie suggeriert: Politik ist Verwaltung, Regieren ist Problemlösung, Macht ist Kompetenz. Eine zutiefst entpolitisierende Erzählung, die Ideologie als Sachzwang tarnt. Aber wer profitiert vom Status quo? Für wen hat sich was bewährt?Die Grünen funktionieren nach dem Prinzip der Antizipation. Sie identifizieren zukünftige Probleme, bevor die Krise akut wird. Aber ihre Plakate verschwinden regelmäßig. Nicht durch Wind oder Wetter – sie werden abgerissen, zerstört. Die der Linken auch. CSU-Plakate bleiben unbeschädigt. Warum? Haben Menschen Angst vor bestimmten Botschaften? Stört die Konfrontation mit Klimawandel-Thematik?Was lehrt uns das? Politische Ziele sind kollektive Fiktionen und Machtinstrumente. Nie neutral, immer interessengeleitet. Sie spiegeln tieferliegende Ängste wider. Die CSU fürchtet Chaos. Die Grünen fürchten Umweltzerstörung. Die LFU fürchtet Parteipolitik – und muss deshalb selbst wie eine Partei werden.Der reifste Umgang damit? Ironische Distanz. Sie ernst nehmen, ohne ihnen zu verfallen. Als nützliche Werkzeuge verstehen, nicht als heilige Wahrheiten.Und zum Schluss noch ein Link zu meinem Buch Hinter der Schauseite. Viel Spaß beim Lesen! Erwähnte Personen: Florian Hoffmann Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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