EPISODE · Jul 28, 2026 · 10 MIN
Wer hat sich dieses Wort ausgedacht
from Saftig · host Susanne Miel
Lustverlust Wechseljahre — Shownotes Episode 010 Es gibt ein Wort dafür, wenn die Blutung aufhört. Es gibt auch eins für die Phase davor. Aber für den Lustverlust in den Wechseljahren hat sich niemand ein Wort ausgedacht. Genau darüber rede ich in dieser Folge. Ich kann „Perimenopause" hier ins Mikrofon sagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sobald das Mikrofon aus ist und ich unter Menschen bin, gebe ich alles, um dieses Wort nicht auszusprechen. Nicht aus Scham. Ich fühle es einfach nicht. Es beschreibt nichts von dem, was gerade tatsächlich mit mir passiert. Also habe ich mir die ganzen Begriffe mal in Ruhe angesehen. Danach war ich noch genervter als vorher. Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick Menopause ist genau ein Tag, nämlich der Tag der letzten Periode. Und du weißt erst ein Jahr später, dass er stattgefunden hat, weil bis dahin rückwärts gerechnet wird. „Peri" bedeutet drumherum. Perimenopause ist also die Zeit rund um einen Tag, der noch gar nicht war. Bei „Wechseljahre" steckt die Mehrzahl schon im Wort, was ehrlich ist und trotzdem frech. Und „Periode" heißt eigentlich Kreislauf, obwohl da längst nichts mehr im Kreis läuft. Dann erzähle ich von einer Freundin Anfang sechzig. Sie hat mit vierzig die Gebärmutter entfernt bekommen und danach trotzdem fünfzehn Jahre lang die volle Klatsche kassiert. Seit zwei Jahren wird es besser. Zusammen sind das zwanzig Jahre. Hat das eigentlich mal jemand mitgerechnet? Zwanzig Jahre sind kein Übergang mehr, das ist ein Lebensabschnitt. Von ihr kommt außerdem der Gedanke, der mich seitdem nicht loslässt: In „Menopause" steckt das Wort Pause. Eine Pause geht irgendwann zu Ende. Stell dir vor, du sitzt da und wartest, ob das Ganze mit siebzig noch mal von vorn losgeht. Die Wörter beschreiben Termine, keine Frauen — sie halten fest, wann eine Blutung aufhört. Über alles andere sagen sie nichts. Verlust ist das falsche Wort — es fühlt sich nämlich nicht an, als wäre etwas weg. Es kommt ständig etwas dazu, und zwar nichts Gutes. Lustverlust in den Wechseljahren ist kein Zustand, sondern ein Hin und Her — weg, wieder da, wieder weg. Dafür fehlt die Sprache komplett. Früher konnte man sich am Zyklus orientieren — es gab Tage, an denen ziemlich verlässlich Lust da war. Inzwischen ist auch das weg. Zehn Tage können vergehen, bis es dir auffällt — erst dann merkst du, dass du deinen Partner die ganze Zeit nicht mehr angefasst hast. Ohne Bezeichnung gibt es nichts, worum man sich kümmern könnte — was keinen Namen hat, taucht in keinem Gespräch auf. Deshalb bleibt es liegen. Am Ende dieser Folge bin ich nicht schlauer als vorher. Aber deutlich lauter. Denn solange wir für den Lustverlust in den Wechseljahren keine eigene Bezeichnung haben, bleibt uns nur der Satz, den ich seit Jahren höre: Wir haben die Pause und wir haben das davor, und damit müsst ihr leben. Nee. Reicht nicht. Denn eine Sache, die einen Namen hat, kann man ansprechen. Man kann sie einordnen, man kann etwas daran ändern, und man kann sie jemandem erklären, ohne vorher drei Sätze Anlauf zu nehmen. Genau das fehlt hier. Und deshalb rede ich. Shownotes und Episodendetails Du liegst nachts wach und tippst irgendwas ins Handy. Und was dir entgegenkommt, sind Wörter, die sich anfühlen wie ein Stempel. Alt. Fertig. Vorbei. Dabei willst du nur eine einzige Sache wissen: Warum war meine Lust letzte Woche da und heute nicht? Warum ich das Wort nicht in den Mund nehme Wenn ich draußen über das Thema rede, sage ich „die Hormone". Oder „der Verlust der Hormone". Perimenopause kommt mir nicht über die Lippen, und das hat nichts mit Peinlichkeit zu tun. Das Wort passt einfach nicht zu dem, was ich erlebe. Und ehrlich gesagt stört mich auch „Verlust". Denn es geht ja nichts verloren. Es kommt ständig etwas dazu: kalte Füße, Hitzewallungen, Ungeduld, Aggression, Wörter, die mir mitten im Satz wegrutschen. Die Liste wird länger statt kürzer. Nur die Hormone gehen tatsächlich zur Tür raus. Zwanzig Jahre, und keiner hat mitgerechnet Meine Freundin ist Anfang sechzig und damit fast durch. Fast. Bei ihr wurde mit vierzig die Gebärmutter entfernt, und ich dachte beim Erzählen tatsächlich: Na, dann war ja Ruhe. War nicht. Fünfzehn Jahre volle Klatsche, mit oder ohne Organ, das hat ihren Körper überhaupt nicht interessiert. Von ihr stammt auch der Satz, an dem ich mich seitdem festbeiße. In „Menopause" steckt das Wort Pause. Eine Pause ist definitionsgemäß etwas, das endet. Also sitzen wir alle da und warten insgeheim, ob das Ganze irgendwann wieder losgeht. Lustverlust in den Wechseljahren: wofür es kein Wort gibt Früher konnte ich mich am Zyklus orientieren. Es gab Tage, an denen ziemlich zuverlässig Lust da war, und Tage, an denen keine da war. Das lief im Kreis, und darauf war Verlass. Inzwischen ist das weg. Es gibt Phasen, da fasse ich meinen Partner tagelang nicht an und vergesse abends sogar den Gute-Nacht-Kuss. Dann kommt irgendwann die Frage: Hast du mich vergessen? Und erst danach fällt mir auf, dass zehn oder elf Tage vergangen sind. Dann wiederum gibt es Tage, an denen alles da ist, manchmal drei Tage am Stück, manchmal nur einen halben. Für dieses Hin und Her hat sich niemand ein Wort ausgedacht. Und komm mir jetzt bitte nicht mit Libidoverlust. Libido heißt Lust, das ist also kein eigenes Wort, sondern dasselbe Wort auf Latein. Der Lustverlust in den Wechseljahren taucht in keinem Begriff auf, den ich kenne, weder in dieser Phase noch in irgendeiner anderen. Für jeden Mist hat sich irgendwer eine Bezeichnung überlegt. Ausgerechnet dafür nicht. Dabei wäre so eine Bezeichnung praktisch. Sie wäre etwas Konkretes, um das man sich kümmern könnte. Man könnte sagen: Hier fehlt uns was, da ändere ich jetzt etwas. So bleibt nur ein Achselzucken und der Hinweis, dass das eben dazugehört. Damit sollen wir uns dann zufriedengeben. In der letzten Folge ging es darum, dass ich meine eigenen Wörter suche. Diesmal geht es um die Wörter, die es überhaupt nicht gibt. Und darum, dass mich das wütender macht, als ich erwartet hätte. Wenn du das kennst: Abonniere Saftig bei Apple Podcasts oder Spotify. Dann ist die nächste Folge einfach da, ohne dass du dran denken musst. Link in Bio und im ersten Kommentar.
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