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Das Wort zum Schabbat

PODCAST · religion

Das Wort zum Schabbat

Mit Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest im Herbst, beginnt das jüdische Jahr. Die Festtage des Volkes Israel sind gemäß der Gebote der Tora festgelegt. Die Zeit aber wird vom Schabbat, dem siebenten Tag der Woche, strukturiert. Ihn hat Gott selbst mit der Schöpfung der Welt eingeführt. Am Schabbat wird in den Synagogen ein Stück der Tora vorgelesen. Die Wochenabschnitte führen das Jahr über durch die fünf Bücher Mose. Das Ende und zugleich der neue Anfang der Lesungen ist an Simchat Tora, dem Fest der Tora-Freude zum Abschluss des Laubhüttenfestes.Bei ahavta - Begegnungen erklärt immer Freitags ein Rabbiner, Kantor oder Lehrer den jeweiligen Tora-Abschnitt. Die Video-Aufnahmen findest du bei https://plus.ahavta.com und auch bei YouTube unter https://youtube.com/@ahavta. plus.ahavta.com

  1. 125

    Schabbat Emor || Was darf man von einem Priester – oder Rabbiner – erwarten?

    Da ich endlich wieder einmal Ferien mache, sende ich heute die Aufzeichnung des Worts zum Schabbat vom 13. Mai 2022. Diese Erklärung zur Parascha Emor erschien noch nicht auf dieser Website.Rabbiner Dr. Walter Rothschild verbindet in seiner Auslegung zum Wochenabschnitt Emor (3. Mose 21–24) den antiken Priesterkodex mit aktuellen Fragen über Würde, Beruf und moralische Standards.Ausgangspunkt ist der Skandal um ein deutsches Rabbinerseminar, der kurz vor der Aufzeichnung die jüdische Öffentlichkeit beschäftigte: Vorwürfe sexueller und psychologischer Belästigung warfen die grundsätzliche Frage auf, was man von Rabbinerinnen und Rabbinern überhaupt verlangen darf – und kann.Rothschilds theologischer Schlüssel ist der Unterschied zwischen Priester und Rabbiner. Der Priester steht zwischen Gott und den Menschen, der Rabbiner zwischen den Menschen und Gott. Diese umgekehrte Richtung ist fundamental: Priester segnen im Namen Gottes, Rabbiner lehren und entscheiden, segnen aber nicht selbst – auch der aaronitische Segen (Numeri 6) wird stets in der dritten Person gesprochen, als Zitat.Das Priesteramt war erblich und nur über Nachkommen Aarons zugänglich – ganz anders als das Amt des Rabbiners, das offen ist. Daraus ergibt sich die Pflicht des Kohen, für priesterlichen Nachwuchs zu sorgen, was weitreichende Regelungen über Heirat, Reinheit und Familienstand erklärt. Der Hohepriester unterlag noch strengeren Bedingungen: Er durfte sich nicht einmal zur Beerdigung seiner eigenen Eltern verunreinigen – er ist zu jeder Zeit im Dienst, ähnlich einem Papst oder einem Staatschef.Körperliche Unversehrtheit als Voraussetzung fürs Amt führt Rothschild behutsam in die Gegenwart: Tattoos und Lehramt in Berlin, die MeToo-Debatte, die Frage homosexueller Rabbiner. Überall dieselbe Spannung – zwischen individueller Freiheit und dem, was eine Gemeinschaft von ihren Führungspersonen erwartet.Sein Fazit ist nüchtern: Man erwartet von Menschen in herausgehobenen Positionen immer höhere oder andere Standards. Das ist nicht immer gerecht, aber es ist so. Die Tora-Texte aus dem Stiftzelt sind 3000 Jahre alt – die Fragen, die sie aufwerfen, sind es nicht.Danke, dass du bei ahavta - Begegnungen dabei bist! Dieser Beitrag ist öffentlich– du kannst ihn teilen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  2. 124

    Schabbat Acharej & Kedoschim || Ani HaSchem: Warum Nächstenliebe mehr ist als Moral

    Kantor Amnon Seelig verbindet den doppelten Wochenabschnitt Acharej Mot und Kedoschim (3. Mose 16–20) mit der Gegenwart jüdischer Erinnerung. Er erzählt zunächst persönlich vom Jom haSikaron, dem israelischen Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer des Terrors. Er ist nach seinem Onkel Amnon benannt, der im Jom-Kippur-Krieg gefallen ist. Darum ist dieser Tag für ihn seit der Kindheit emotional belastend. Zugleich berichtet er von seiner Mutter in Tel Aviv, die in diesem Jahr nach Mannheim geflogen ist, um ihre Enkelinnen zu sehen. Für sie ist das keine Flucht vor dem Gedenken, denn, so sagt sie: Familien wie ihre brauchen keinen besonderen Gedenktag, für sie ist jeder Tag ein Gedenktag.Von dort führt Seelig in den Kern von Kedoschim: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Er betont, dass die gängige deutsche Übersetzung zu kurz greift. Im Hebräischen steht „re’acha“, also eher Freund, Genosse, Mitmensch. Noch wichtiger ist für ihn, dass meist nur die berühmten Worte zitiert werden, nicht aber der ganze Vers: keine Rache üben, keinen Groll hegen, den Nächsten lieben, und dann: „Ani HaSchem“, „Ich bin der Ewige“.Gerade diese letzten beiden Worte sind für Seelig entscheidend. Ohne sie wäre das Gebot eine schöne menschliche Ethik, eine soziale Regel, die auch in anderen Religionen und Kulturen vorkommt. Mit „Ich bin der Ewige“ wird sie jedoch zur göttlichen Weisung. Menschen ändern ihre Maßstäbe, Gesellschaften wandeln sich, Moden von Moral kommen und gehen. Das Wort Gottes aber bleibt.Seelig erläutert mit Maimonides den Unterschied zwischen Rache und Groll. Rache verweigert dem anderen, was er einem selbst verweigert hat. Groll kann sogar dort bestehen, wo man hilft, aber innerlich oder ausdrücklich sagt: „Siehst du, ich bin besser als du.“ Das führt zur Überheblichkeit, während Mose gerade für seine Bescheidenheit gerühmt wird. Wer grollt oder Rache sucht, zeigt nach Seelig auch einen Mangel an Glauben: Der andere wird dann nicht mehr als Teil einer größeren göttlichen Führung verstanden.Schließlich weitet Seelig den Vers über die „Kinder deines Volkes“ hinaus. Der folgende Vers über den Fremden zeigt für ihn: Würde, Recht und menschliches Verhalten gelten allen, auch Minderheiten und Fremden. Nächstenliebe, Verzicht auf Rache und Schutz des Fremden beruhen nicht bloß auf Humanität, sondern auf Gottes bleibendem Gebot.Danke, dass du ahavta - Begegnungen abonniert! Dieser Beitrag ist öffentlich – du kannst ihn teilen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  3. 123

    Schabbat Tasria & Mezora || Durch die Spalten kommt das Licht

    Rabbiner Andrew Steiman öffnet den doppelten Wochenabschnitt Tasria–Mezora (3. Mose 12–15) mit einem überraschenden Schlüssel: der Schlüssel-Challah, die am Schabbat nach Pessach gebacken wird. Sie erinnert daran, dass Pessach ohne Schawuot unvollständig bleibt – die körperliche Befreiung aus Ägypten ruft nach der geistigen Befreiung durch die Annahme der Tora. In einer Anekdote mit Konfirmanden zeigt Andy, wie nah Pfingsten und Schawuot beieinanderliegen: Ostern bleibt folgenlos ohne Pfingsten, so wie der Auszug aus Ägypten ohne Sinai leer bliebe.Von dort spannt er den Bogen zum jüdischen Kalender der Gegenwart: Jom haSchoa we-haGwura und Jom haAzma’ut liegen acht Tage auseinander und gehören zusammen. Der Gedenktag der Ermordeten, denen kein Grab und kein Todestag blieb, ist durch den jüdischen Kalender geschützt – kein Antisemit kann ihn vereinnahmen. Und er trägt bereits die Hoffnung in sich: Gwura, das Heldentum des Widerstands, und der Staat Israel als Antwort auf die Schoa.Genau hier schlägt Andy die Brücke zu Tasria und Mezora. Die schwer verständlichen Reinheitsgesetze handeln davon, dass wir verkörperte Seelen sind – verletzlich, sterblich, und gerade deshalb heilig. Das Judentum steht zwischen Hedonismus und Askese: der Körper wird zum Medium des Geistes, in Essen, Ruhe und Sexualität. Die längere Tame-Zeit nach der Geburt eines Mädchens ist nicht frauenfeindlich, sondern würdigt Chawa, die Mutter allen Lebens – ein Punkt, den Andy von seiner Großmutter, der „besten Feministin, die er je kannte”, gelernt hat.Mit Maimonides formuliert er das Grundprinzip: Neuschöpfung geschieht durch Zerstörung. Was Josef Schumpeter „schöpferische Zerstörung” nennt, kennt die Tora längst. Der Ölzweig im Schnabel der Taube schmeckt bitter – Frieden kostet Mühe. Mit Leonard Cohen endet das Gespräch hoffnungsvoll: Es sind die Spalten, durch die das Licht hereinkommt. Hoffnung, so Rabbi Jonathan Sacks s’’l, ist nicht Optimismus, sondern aktives Tun – auf gute Gelegenheiten: Ois Simches („Mögen wir uns bei freudigen Anlässen wiedersehen“).Danke, dass du bei ahavta - Begegnungen dabei bist! Dieser Beitrag ist öffentlich– du kannst ihn teilen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  4. 122

    Schabbat Schemini || Opfer, Tod und koscheres Essen

    Im „Wort zum Schabbat“ von ahavta – Begegnungen erläutert Rabbiner Dr. Daniel Katz den Wochenabschnitt Schemini (3. Mose 9–11). Aus technischen Gründen ist er heute zwar gut zu hören, aber nicht zu sehen.Daniel erläutert, dass die Parascha Schemini lediglich drei Kapitel umfasst – Levitikus 9, 10 und 11 –, in denen dennoch eine bemerkenswerte Dramaturgie steckt. Das neunte Kapitel ist technisch geprägt: Es beschreibt ausführlich die Tieropfer, die ausschließlich in den Aufgabenbereich der Kohanim, der Priester, fallen. Katz betont dabei, dass jüdische Priester keineswegs mit ihren christlichen Amtskollegen verwechselt werden dürfen – ihre Funktion ist biblisch-historischer Natur und ihnen wird im heutigen Gottesdienst allenfalls eine Ehrerbietung entgegengebracht. Beim korrekten Vollzug der Opferrituale spielen zwei Grundsätze eine zentrale Rolle: die exakte Einhaltung der Riten und die Vermeidung unnötigen Leidens der Tiere.Das zehnte Kapitel bringt dann den dramatischen Bruch: Zwei der vier Söhne Aarons, Nadab und Abihu, sterben mitten im Gottesdienst. Sie haben ein „fremdes Feuer“ dargebracht – was genau damit gemeint ist, lässt der Text bewusst offen. Katz beschreibt dies als „wunderschönes Geschenk“ für die Rabbinen, da der Interpretationsspielraum groß bleibt. Mögliche Deutungen reichen von Respektlosigkeit gegenüber Aaron und Mose, über das Erscheinen im falschen Gewand, bis hin zum Auftreten in betrunkenem Zustand. Auch eine übertriebene, zu enthusiastische Gottesannäherung wird erwogen. Aaron selbst schweigt angesichts des Verlustes zweier Söhne – ein Zeugnis dafür, dass das Urteil Gottes letztlich nur anzunehmen ist.Das elfte Kapitel widmet sich der Kaschrut, den Speisegesetzen. Landtiere müssen gespaltene Klauen haben und Wiederkäuer sein. Als Beispiele nennt die Tora Kamel, Hase und Schwein: Die ersten beiden sind zwar Wiederkäuer, haben aber keine gespaltenen Klauen; das Schwein hingegen hat gespaltene Klauen, ist aber kein Wiederkäuer. Katz unterstreicht, dass Schweine also nicht „an sich“ verboten sind, sondern weil ihnen eines der zwei nötigen Merkmale fehlt – genauso wie Kamel und Hase. Bei Vögeln existiert kein erkennbares äußerliches Merkmal; man muss einfach wissen, welche Arten erlaubt sind. Fische müssen Flossen und Schuppen haben. Bemerkenswert findet Katz auch den Hinweis auf einige essbare Heuschreckenarten – für Europäer heute fremd, in der Wüstenzeit aber möglicherweise ganz gewöhnlich.Abschließend ordnet Katz die Parascha in den liturgischen Kalender ein: Die Schemini-Lesung fällt unmittelbar nach Pessach in die Omerzählzeit, die sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot umfasst – die einzige Zeit im Jahr, die täglich und mit Nennung ihrer Zahl gezählt wird, um jeden einzelnen Tag bewusst wahrzunehmen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  5. 121

    Schabbat Chol HaMoed || Zeig mir dein Angesicht!

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild erläutert im Gespräch mit Ricklef Münnich, dass Schabbat Chol HaMoed – der Schabbat, der in die Zwischenzeit der Pesach-Feiertage fällt – eine besondere Toralesung vorsieht, die nicht dem regulären Wochenabschnitt folgt. Gelesen wird aus dem zweiten Buch Mose, Kapitel 33,12 bis 34,26.Die Vorgeschichte dieser Lesung ist die Katastrophe des Goldenen Kalbes: Das Volk Israel hatte in Abwesenheit von Mosche ein Kalb als Gottheit verehrt – in Anlehnung an ägyptische Götterbilder, die es kannte. Nach einem blutigen Konflikt innerhalb des Volkes und tiefer Trauer sucht Mosche eine zweite Chance: Er steigt erneut zum Gott hinauf, um Fürbitte für sein Volk zu halten und Vergebung zu erwirken. Dabei geht er so weit, sich selbst aus Gottes Buch streichen zu lassen, falls Gott nicht vergibt.In Kapitel 33 beginnt die eigentliche Lesung: Mosche fordert von Gott nicht nur einen Engel als Begleitung, sondern Gottes persönliche Gegenwart. „Nur mit dir gehen wir weiter“ – das ist Mosches Haltung. Er handelt mit Gott wie ein Freund mit einem Freund, und Gott gibt nach: Er stimmt zu, selbst mitzugehen, gewährt Mosche aber nur einen Blick von hinten auf seine Herrlichkeit, denn „kein Mensch kann mein Angesicht sehen und am Leben bleiben.“ Rothschild betont, wie faszinierend dieser Dialog ist – ein Mensch, der von Gott nicht nur Trost, sondern einen Beweis seiner Anwesenheit verlangt.In Kapitel 34 erneuert Gott den Bund: Mosche haut zwei neue Steintafeln aus, steigt den Berg hinauf, und Gott verkündet seine Wesensmerkmale – barmherzig, gnädig, langmütig, reich an Treue –, die bis heute in der Liturgie des Rosch Haschana und Jom Kippur zentral sind.Die Haftara aus Ezechiel 37 – das „Tal der trockenen Gebeine” – versteht Rothschild als eine prophetische Botschaft der Hoffnung. Ezechiel schaut in einer Vision ein Tal voller verdorrter Knochen; auf Gottes Geheiß prophezeit er ihnen, woraufhin sie sich zusammenfügen, mit Fleisch und Haut bedecken und schließlich durch den Geist (ruach) zum Leben erwachen. Historisch bezieht sich Ezechiel auf das babylonische Exil und die Wiedervereinigung der getrennten Königreiche Juda und Israel. Für heute liest Rothschild darin ein Echo der gespaltenen israelischen Gesellschaft: Die zerstrittenen politischen und religiösen Lager kämpfen dennoch gemeinsam. Die Botschaft für Pesach und Ostern gleichermaßen lautet: Hoffnung ist möglich – auch aus den trockensten Knochen wächst neues Leben. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  6. 120

    Schabbat Zaw || Ägypten aus den Menschen ziehen

    Im „Wort zum Schabbat“ von ahavta – Begegnungen erläutert Kantor Amnon Seelig aus Mannheim den Wochenabschnitt Zaw (3. Mose 6–8) anlässlich des Schabbat HaGadol, des Schabbats unmittelbar vor Pessach. Seelig erklärt zunächst, dass dieser besondere Schabbat seinen Namen möglicherweise der Haftara verdankt, in der der Begriff „der große Tag“ vorkommt; wahrscheinlicher aber ist, dass der Name auf die alte Tradition zurückgeht, an diesem Schabbat ausnahmsweise eine rabbinische Predigt zu halten – ein Brauch, der erst seit dem 19. Jahrhundert wirklich verbreitet ist.​Als musikalische Besonderheit weist Seelig auf den seltenen Toraakzent Schalschelet hin, der in der gesamten Tora nur viermal vorkommt und in dieser Parascha auf dem Wort „We-ischat“ – „und er schächtete“ – liegt. Mit dieser Schächtung übergibt Mose symbolisch das Priestertum an Aaron und seine Söhne (Kapitel 8).​Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören: https://plus.ahavta.com/p/zaw-ab8Den inhaltlichen Schwerpunkt legt Seelig auf das in Kapitel 7, Vers 27 ausgesprochene Verbot des Blutverzehrs. Er entfaltet dazu ausführlich die Deutung des Maimonides aus dem „More Newuchim“ (Führer der Unschlüssigen): Die heidnischen Sabäer aßen Blut, weil sie glaubten, dadurch eine „Bruderschaft“ mit Geistern zu schließen, die ihnen dann in Träumen die Zukunft offenbaren würden. Maimonides erkennt darin die eigentliche Stoßrichtung des Verbots: nicht nur eine symbolische Aussage über Blut als Träger der Seele, sondern eine gezielte Umerziehung des Volkes Israel, das nach Jahrhunderten in Ägypten tief vom dortigen Götzendienst geprägt war.​Aufschlussreich ist dabei, dass die Tora die Formulierung „vertilgt werde aus seinen Sippen“ sprachlich ausschließlich für Blutverzehr und Götzendienst verwendet – eine bewusste Gleichsetzung beider Vergehen. Zugleich kehrt die Tora die Wertung der Götzendiener um: Blut gilt nicht als unrein, sondern als reinigend – es wird über Altar und Priestergewänder gegossen. Eben deshalb darf es nicht getrunken oder gesammelt werden.​Seeligs abschließende Botschaft lautet: Tiefe Veränderung beim Menschen gelingt nicht durch einen einzigen großen Moment – selbst der Exodus aus Ägypten reichte nicht aus, um das Volk sofort zu wandeln (es errichtete unmittelbar danach das Goldene Kalb). Wirkliche Umerziehung geschieht nur methodisch, Schritt für Schritt, mit Geduld – wie es die Tora durch ihre vielen Einzelgebote vorlebt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  7. 119

    Schabbat Wajikra || Korban – Näher zu Gott

    Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens eröffnet das Wort zum Schabbat zum Wochenabschnitt Wajikra (3. Mose 1–5) mit einem erklärenden Blick auf die besondere Stellung des dritten Buches Mose. Er erläutert, dass das Sefer Wajikra in charedischen Schulen traditionell als erstes Buch unterrichtet wird, weil es den ethisch-moralischen Kern des Judentums enthält – von der Nächstenliebe über die Unterstützung der Armen bis hin zu einer gerechten Gesellschaftsordnung. Es ist, so Ahrens, nicht nur eine „Torat Kohanim“, eine Anweisung für die Priester, sondern zugleich eine Art „Grundgesetz“ des jüdischen Volkes.Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören: https://open.substack.com/pub/ahavta/p/wajikra-0c9Der Gesprächsschwerpunkt liegt auf den fünf Opferkategorien der Parascha: dem Brandopfer (Emporopfer), verschiedenen Speiseopfern als Huldigungsgaben, dem Friedensopfer, dem Sündopfer und dem Schuldopfer. Ahrens betont, dass der antike Opferritus für die Menschen seiner Zeit eine tiefe spirituelle Erfahrung darstellte – vergleichbar mit einem großen Volksfest, wie er es am Beispiel der Wallfahrtsfeste in Jerusalem anschaulich beschreibt.Ein Schlüsselbegriff des Gesprächs ist die hebräische Wurzel des Wortes „Korban“ (Opfer). Ahrens erklärt im Anschluss an Rabbiner Samson Raphael Hirsch, dass „Korban“ von „karow“ – „sich nähern“ – abgeleitet ist. Es geht also nicht darum, Gott zu „bestechen“, sondern darum, ihm näherzukommen und eine innige Beziehung zu ihm aufzubauen.Ahrens skizziert auch die rabbinische Debatte über den Ursprung des Opferdienstes: Der Radak erklärt, Gott habe ursprünglich nur verlangt, auf seine Stimme zu hören – erst nach dem Sündenfall mit dem Goldenen Kalb seien die Opfergesetze eingeführt worden. Der Rambam ergänzt, dass die gewählten Opfertiere bewusst solche waren, die anderen Völkern heilig galten, um durch deren Schlachtung den Götzendienst zu überwinden.Den Abschluss bildet eine gemeinsame Reflexion über den modernen Menschen: Nach der Tempelzerstörung vor ca. 2000 Jahren ersetzten Gebet und Synagoge den Opferdienst – das Gebet als „Dienst des Herzens“, wie der Talmud formuliert. Jehoschua Ahrens und ich stellen fest, dass der Mensch heute spirituelle Sehnsucht verspürt, aber verlernt hat, wie er sie stillen kann – und sich stattdessen in Konsumismus, Popkultur oder fernöstlichen Ersatzreligionen verliert. Der Appell lautet: Wieder in die eigene religiöse Tradition einzutauchen, sei sie jüdisch, christlich oder muslimisch. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  8. 118

    Schabbat Wajakhel & Pekude || Heilig: Zeit oder Raum?

    Vielen Dank an alle, die das Live-Video verfolgt haben – auch mit der kleinen Unterbrechung, die es Live immer geben kann! Sei auch beim nächsten Mal wieder dabei.Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens erklärt, warum die Doppel-Parascha „Wajakhel-Pekude“ (2. Mose 35–40) das zweite Buch Mose erst vollständig abschließt. Unter Berufung auf Nachmanides (Ramban) betont er: Weder der Auszug aus Ägypten noch die Gabe der Tora am Sinai stellen bereits die wahre Freiheit dar. Erst mit dem Bau des Mischkan – des mobilen Stiftszeltes – ist der Exodus wirklich vollendet. Denn wahre Freiheit bedeutet, selbst einen heiligen Ort zu schaffen, an dem das Volk mit Gott in Verbindung treten und selbst entscheiden kann, wann es arbeitet und wann es ruht.​Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören: https://plus.ahavta.com/p/wajakhel-b47Schabbat und Mischkan – untrennbar verbundenDer scheinbar überraschende Schabbat-Vers zu Beginn von Wajakhel (2. Mose 35,2) – „Sechs Tage sollt ihr Arbeit tun, am siebten ist euch Schabbat“ – wird von Ahrens als theologisch zwingend erklärt. Laut talmudischer Tradition sind die 39 Kategorien der am Schabbat verbotenen Arbeiten genau jene Tätigkeiten, die beim Bau des Stiftszeltes verrichtet wurden. Rabbiner Samson Raphael Hirsch deutet dies so: Der Mensch unterwirft sich die Welt, um sich und seine Welt Gott zu unterwerfen. Am Schabbat hält er inne und huldigt damit dem einzigen wahren Schöpfer – dem Bekenntnis, dass nicht er selbst, sondern Gott der eigentliche Urheber aller Schöpfung ist. Selbst die Heiligkeit des Mischkan vermag den Schabbat nicht zu „übertrumpfen”.​Heiligkeit in Zeit und RaumIm Zentrum steht für Ahrens die Frage, was im Judentum als „heilig” gilt. Mit Abraham Joshua Heschel weist er darauf hin, dass das erste Vorkommen des Wortes „kadosch” (heilig) in der Tora nicht einem Ort, sondern der Zeit gilt: Gott segnete den siebten Tag und machte ihn heilig (1. Mose 2). Heschel schreibt: „Sechs Tage leben wir unter der Tyrannei der Dinge des Raumes. Am Schabbat versuchen wir uns einzustimmen auf die Heiligung der Zeit.“ Ahrens ergänzt Heschel: Die Heiligkeit liegt im Judentum in beidem – in Zeit und Raum. Schabbat und Mischkan (heute: Synagoge) gehören zusammen und bedingen einander.​Freiheit, Gegenwart Gottes und IsraelAbschließend entfaltet der Rabbiner den Gedanken der Gottesbezeichnung „Maqom“ (Ort): Gott selbst ist der Ort der Welt, er ist omnipräsent. Deshalb konnte das Judentum auch nach der Zerstörung des Tempels fortbestehen. Und doch bleibt die räumliche Dimension bedeutsam – das Land Israel und Jerusalem als heiliger Ort. Für Ahrens ist die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes trotz aller Verfolgung ein Zeichen der Gegenwart Gottes in der Geschichte. Schabbat und Synagoge nennt er „zwei echte Geschenke Gottes“, die dem Menschen Raum und Zeit geben, um den Alltag loszulassen und die Heiligkeit Gottes zu spüren. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  9. 117

    Schabbat Ki Tissa || Gottes Gebet – was Gott sich selbst wünscht

    Im „Wort zum Schabbat” von ahavta – Begegnungen erläutert Rabbiner Dr. Daniel Katz die Parascha Ki Tissa (2. Mose 30,11–34,35) anhand zweier zentraler Bibelstellen, die beide eine herausragende liturgische Bedeutung besitzen.Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören: https://plus.ahavta.com/p/ki-tissa-33dDer Schabbat als ewiges ZeichenAls erste Schlüsselstelle hebt Daniel Katz 2. Mose 31,16–17 hervor: „Die Israeliten sollen den Schabbat halten als ewiges Zeichen zwischen mir und ihnen.“ Diese Verse finden sich wöchentlich in der Freitagabendliturgie und beschließen den ersten Hauptteil des Abendgebets – die Einheit rund um das „Schma Jisrael“. Der Abschnitt erinnert daran, dass der Schabbat im Schöpfungswerk Gottes verankert ist: Sechs Tage schuf Gott Himmel und Erde, am siebten ruhte er. Für Katz macht dies den Schabbat nicht nur zu einem Gebot, sondern zu einem Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk.Bei der diesjährigen Rabbinerbegegnung vom 20. bis 23. Juli 2026 geht es um die Liturgie. Mit Rabbiner Dr. Walter Rothschild lesen und lernen wir im jüdischen Gebetbuch, dem Siddur. Für die allerletzten Teilnehmerplätze melde dich umgehend an: https://plus.ahavta.com/p/rabbinerbegegnung-2026-mit-dem-siddurGottes Selbstoffenbarung und die 13 EigenschaftenAls zweite Schlüsselstelle behandelt Katz 2. Mose 34,6–7, die sogenannten 13 Eigenschaften Gottes: „Der HErr, der HErr, Gott, barmherzig und gnädig, langmütig, reich an Güte und Treue …” Diese Worte fallen im Kontext der Erneuerung des Bundes nach dem Abfall des Volkes mit dem Goldenen Kalb. Mose hatte die ersten Steintafeln zerbrochen; nun empfängt er von Gott neue Tafeln und erlebt, wie Gott selbst seinen Charakter ausruft. In der Liturgie zu Jom Kippur werden diese Verse zur Kernaussage – allerdings bricht man sie bewusst in der Mitte von Vers 7 ab, sodass die Bereitschaft Gottes zur Vergebung im Vordergrund steht, nicht die Androhung von Strafe für nachfolgende Generationen.Gottes eigenes GebetIm Talmud, so Katz, findet sich die bemerkenswerte Aussage, dass Gott selbst betet. Er betet, dass sein Merkmal der Gnade sein Merkmal der Gerechtigkeit überwiegen möge. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Güte und Gerechtigkeit prägt das gesamte jüdische Gottesverständnis und verleiht der Parascha Ki Tissa ihre besondere theologische Tiefe.Einbettung in die FestzeitDer Rabbiner bettet die Parascha außerdem in den liturgischen Jahreskalender ein: Der zugehörige Schabbat ist der „Schabbat Para“ – einer der vier besonderen Schabbatot in der Vorbereitungszeit vor Pessach. Die Lesung über die rote Kuh (4. Mose 19) thematisiert Reinheit und bereitet das Volk auf das Pessachfest vor. Das scheinbar trockene Material der Parascha erweist sich so als außerordentlich reich – theologisch, liturgisch und im Blick auf den Rhythmus des jüdischen Jahres. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  10. 116

    Schabbat Tezawe || Kleider machen Priester – und Unterhosen retten Leben

    Der Wochenabschnitt „Tezawe” (2. Mose 27,20–30,10) beginnt mit den Vorschriften über das heilige Öl für die Menora und behandelt dann ausführlich die priesterlichen Gewänder.Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören: https://plus.ahavta.com/p/tezawe-db2Rabbiner Dr. Walter Rothschild nimmt die Kleidungsvorschriften zum Anlass für eine grundsätzliche Reflexion über das Verhältnis von äußerem Schein und innerer Qualität: Die Tora interessiert sich weniger dafür, wie kompetent, gebildet oder fromm Aaron und seine Söhne sind, sondern vor allem dafür, wie sie aussehen – ein Befund, den Rothschild als „Gräuel” bezeichnet. Er zieht eine kritische Linie zu religiösen Führungspersönlichkeiten aller Konfessionen, für die das Äußerliche – Turban, Kippa, Kardinalstracht – zur wichtigsten Legitimation wird, und schildert eigene Erfahrungen aus seiner Zeit als Gemeinderabbiner in Berlin, wo man ihm die korrekte Kleidung wichtiger nahm als seine inhaltliche Kompetenz.​Die detaillierten Beschreibungen von Brustschild, Efod, Oberkleid und Kopfbund interpretiert Rothschild nicht als Symbol tiefer Spiritualität, sondern mit nüchternem Realismus: Die Priester verrichten schwere körperliche Arbeit – Schlachten, Blut, Feuer, Weihrauch –, und dafür bräuchte man eigentlich zweckmäßige Arbeitskleidung, keine Prunkgewänder.Besonderes Gewicht legt er auf die oft übersehenen Verse über die Leinenhosen (Unterhosen) am Ende von Kapitel 28: Sie sollen verhindern, dass beim Besteigen der Altartreppen unter dem Gewand etwas sichtbar wird. Rothschild verknüpft dies mit der Schamszene im Garten Eden und verweist auf die talmudische Diskussion im Traktat Sewachim (88a/b), wonach die ausgenutzten Priesterhosen als Dochte für die Tempellampen dienten – heilig geworden durch den körperlichen Kontakt mit den Priestern, was er als geradezu paradoxe Pointe findet: „Am Anfang des Wochenabschnitts haben wir die heiligen Lampen und am Ende werden die Dochte aus ausgenutzten Unterhosen gemacht.”​Den zweiten Schwerpunkt bildet der Schabbat Sachor, der Schabbat vor Purim. Die Sonderlesung aus 5. Mose 25,17–19 gebietet die Erinnerung an den Überfall Amaleks auf die erschöpften Israeliten in der Wüste – ein feiger Hinterhaltsangriff ohne Kriegserklärung, gegen Schwache und Alte. Rothschild betont das theologische Paradox: „Sachor” (Erinnere dich!) und „Lo Tischkach” (Vergiss nicht!) werden aufgerufen, damit das Andenken Amaleks am Ende ausgelöscht werden kann.Walter Rothschild sieht in Amalek ein zeitloses Symbol für den Erzfeind, der Juden ohne rationalen Grund hasst und angreift – und zieht eine direkte Linie vom biblischen Amalek über Haman im Buch Esther bis zur Hamas. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  11. 115

    Schabbat Teruma || 450 Verse für ein Zelt: Was die Tora wirklich wichtig findet

    Kantor Amnon Seelig erörtert im „Wort zum Schabbat“ von ahavta - Begegnungen den Tora-Wochenabschnitt „Teruma“ (2. Mose 25,1–27,19), der von den freiwilligen Gaben der Israeliten für den Bau des Heiligtums in der Wüste handelt. Im Zentrum seiner Auslegung steht ein bemerkenswertes Phänomen: Während die gesamte Schöpfung des Universums im 1. Buch Mose nur mit etwa 34 Versen beschrieben wird, umfasst der Bau des Stiftzeltes (Mischkan) rund 450 Verse – also das 15-fache.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://open.substack.com/pub/ahavta/p/teruma-fd7Amnon verweist auf den israelischen Gelehrten Jeschajahu Leibowitz (1903–1995), Professor für Biochemie, Biologie, jüdische Geschichte und Philosophie, der diesen Vergleich ausführlich analysiert hat. Das Stiftzelt war dabei keineswegs ein beeindruckendes Bauwerk, sondern eine provisorische Hütte aus 20 mal 8 Brettern, ohne Dach, umspannt von Tierhaut und beweglich für die Wüstenwanderung. Nach dem Bau des Jerusalemer Tempels hatte es keine Bedeutung mehr.​Die theologische Pointe liegt in der Gewichtung: Die Schöpfung – alles Physische, alle Galaxien und Planeten – dient dem Menschen, der als „Krone der Kreatur” gilt. Das Stiftzelt hingegen repräsentiert, wie der Mensch Gott dient. Diese Funktion ist der Tora unvergleichlich wichtiger, was sich in der ausführlichen Detaillierung zeigt. Entscheidend ist dabei die grammatische Formulierung: Gott sagt nicht, er werde im Heiligtum (hebr. betocho) wohnen, sondern „betocham” – in ihrer Mitte, im Volk. Die materiellen Dinge wie Gold, Silber, Holz sind letztlich „wertlos”; Gott wohnt dort, wo Menschen ihm dienen.​Amnon betont, dass diese Perspektive auch aktuelle Relevanz besitzt: Während verantwortungsvoller Umgang mit der Natur geboten ist, darf der Mensch sich nicht der Natur unterordnen. Die Tora kennt viele Umweltregeln, aber der Dienst gilt Gott, nicht der Schöpfung. Seit der Zerstörung des Tempels vor 2000 Jahren ist jede Synagoge ein „Mikdasch Katan” – ein kleiner Tempel –, in dem diese Tradition fortlebt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  12. 114

    Schabbat Mischpatim || Gott steckt im Detail

    Rabbiner Andrew Steiman erläuterte in der Live-Sendung „Wort zum Schabbat” den Tora-Wochenabschnitt „Mischpatim” (2. Mose 21–24), der 53 Gebote und Verbote enthält. Der Name bedeutet „Rechtsordnungen” und bezeichnet zivilrechtliche Vorschriften, die für alle gelten – nicht nur für Juristen. Diese Gebote sind laut Maimonides alle gleichwertig, man darf sich nicht beliebig aussuchen, welche man befolgen möchte.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/mischpatim-d6dVerbindung zu den Zehn GebotenEntscheidend ist der erste Satz: „Und dies sind die Rechtsvorschriften” (Ve-ele ha-Mischpatim). Das kleine Wörtchen „und” (Vav), ein Haken im Hebräischen, verknüpft Mischpatim untrennbar mit den Zehn Geboten aus dem vorherigen Wochenabschnitt. Steiman betont, dass damit das Zivilrecht nicht säkulares Menschenwerk ist, sondern am Sinai gegeben wurde – mit derselben göttlichen Autorität wie die Zehn Gebote. Die Zehn Gebote (hebr. Aseret ha-Dibrot – „die zehn Worte”) sind ein Kompendium aller 613 Gebote: Alle Kategorien – positiv und negativ, zeitgebunden und zeitlos, zwischen Mensch und Gott sowie zwischen Mensch und Mensch – sind in ihnen repräsentiertGanzheitliches KonzeptSteiman vergleicht die Mischpatim mit der Bauhaus-Architektur, wo jedes Detail aufeinander abgestimmt ist. Die Gebote bilden ein ganzheitliches System wie den Schulchan Aruch, den „Gedeckten Tisch”, auf dem alles bereitsteht, um ein jüdisches Leben zu führen. Gott steckt im Detail, so zitiert Steiman Rabbiner Sacks: Die Größe des Judentums liegt nicht nur in der edlen Vision, sondern in der detaillierten Gesetzgebung, durch die diese Vision in die gelebte Wirklichkeit übertragen wird.Sklavenrecht als BeispielDas erste behandelte Gebot betrifft den hebräischen Sklaven, der nach sechs Jahren freigelassen werden muss. Dies erscheint paradox direkt nach der Befreiung aus Ägypten, zeigt aber den graduellen Fortschritt: Selbst Sklaven haben Rechte, dürfen nicht geschlagen werden und haben einen Vertragscharakter. Es handelt sich eher um Arbeitsverträge für Verschuldete – ein soziales Sicherungsnetz, das verhindert, dass Menschen in der Gosse landen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  13. 113

    Schabbat Jitro || Erwählung als Verpflichtung

    In der Sendung „Wort zum Schabbat“ erläutert Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens den Tora-Wochenabschnitt „Jitro“ (2. Mose 18–20).Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://open.substack.com/pub/ahavta/p/jitroDer Rabbiner hebt zunächst die Bedeutung des Namensgebers hervor: Dass die Parascha, die die Offenbarung der Zehn Gebote enthält, nach Jitro, dem nichtjüdischen Schwiegervater von Mose, benannt ist, sei kein Zufall. Es symbolisiere die jüdische Offenheit für Weisheit, unabhängig von ihrer Herkunft: „Egal von woher die Wahrheit kommt, die nimmt man an.“ Jitro erkennt, dass Mose mit der alleinigen Rechtsprechung überfordert ist, und rät ihm, Aufgaben zu delegieren. Mose nimmt diesen Rat an, was Ahrens als Zeichen wahrer Führungsgröße deutet. Anstatt egozentrisch an Macht zu klammern, stellt Mose das Wohl der Gemeinschaft in den Vordergrund und schafft Strukturen, die ihn entlasten.Ein Schwerpunkt der Erläuterungen liegt auf dem 19. Kapitel und dem Konzept der Erwählung. Ahrens betont, dass die Auserwählung Israels („Am Segula“) keineswegs eine Überlegenheit gegenüber anderen Völkern impliziert. Vielmehr handele es sich um eine besondere Verpflichtung: Israel sei auserwählt, Gott exklusiv zu dienen und als „Königreich von Priestern“ eine Vorbildfunktion einzunehmen. Diese partikulare Rolle Israels ist untrennbar mit einem universalen Auftrag verknüpft – dem Segen für alle Völker. Ahrens verweist auf einen Midrasch, wonach Gott die Tora zuvor allen anderen Nationen anbot, diese jedoch ablehnten, da sie die strengen moralischen Forderungen nicht akzeptieren wollten. Nur Israel erklärte sich bereit, die Tora mit ihren 613 Geboten ohne Vorbehalte anzunehmen.Abschließend diskutieren Jehoschua und ich die Relevanz der Zehn Gebote für Christen. Ahrens differenziert hier deutlich: Die Zehn Gebote in ihrer spezifischen Form – insbesondere die strikte Sabbatruhe und der absolute Monotheismus – gelten primär für das jüdische Volk. Für Nichtjuden, und damit theologisch auch für Christen, sei der „Noachidische Bund“ mit seinen sieben ethischen Grundgeboten maßgeblich. Ahrens sieht darin jedoch keine Trennung, sondern eine Verbindung: Juden und Christen teilen durch die noachidischen Prinzipien und die „christlich-jüdische Tradition“ ein gemeinsames Wertefundament. In einer Welt, in der diese Werte zunehmend erodieren, sei es die gemeinsame Aufgabe beider Religionen, für Ethik und Moral einzustehen, auch wenn theologische Unterschiede bestehen bleiben dürfen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  14. 112

    Schabbat Beschallach || Die zwei Laden: Von Josefs Gebeinen und göttlichen Umwegen

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild spricht über den Tora-Wochenabschnitt Beschallach (2. Mose 13,17–17,16). Der Schabbat trägt den Namen Schabbat Schira (Schabbat des Liedes) und ist zugleich der erste Schabbat seit zweieinhalb Jahren, an dem kein Gebet für Geiseln mehr gesprochen werden muss – eine besondere Form der Befreiung.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/beschallach-c88Josefs Gebeine als Symbol der KontinuitätWalter Rothschild hebt die Bedeutung von Josefs Gebeinen hervor, die Mose beim Auszug aus Ägypten mitnimmt. Josef ist die Verbindung des Volkes zu den Patriarchen und zum verheißenen Land. Die Israeliten tragen seinen Sarg durch die Wüste, bis er in Sichem begraben wird – auf jenem Grundstück, das Jakob einst gekauft hat. Diese Kontinuität vom Buch Genesis bis zum Buch Josua zeigt, dass Versprechen über Generationen hinweg bewahrt werden.​Die Ambivalenz des ExodusDer Name des Wochenabschnitts Beschallach bedeutet „als Pharao sie wegschickte“ und verdeutlicht: Die Israeliten wollten nicht wirklich gehen. Sie waren über Generationen in Ägypten verwurzelt, kannten den Alltag und hatten sozusagen Vollbeschäftigung. Gott führt sie nicht den direkten Weg entlang der Mittelmeerküste (Derech Plistim, die Straße der Philister), sondern durch einen Umweg zum Schilfmeer. Die Israeliten stehen zwischen Angst vor der Vergangenheit und Furcht vor einer ungewissen Zukunft. Ihre sarkastische Frage „Gab es nicht genug Gräber in Ägypten?” zeigt typisch jüdischen Humor in existenzieller Bedrängnis.​Gottes Plan und menschliche FreiheitRothschild stellt die theologische Frage, ob Gott von Anfang an einen Plan hatte. Er vergleicht die biblische Erzählung mit aktuellen geopolitischen Ereignissen – etwa den Verhandlungen um Geiseln oder den Entwicklungen im Iran. Die Verhärtung des Herzens des Pharao und die zehn Plagen werfen die Frage auf, warum der Prozess so lange dauern musste. Vielleicht ist Gottes Plan nur rückblickend erkennbar und entsteht im Dialog mit dem Volk.​Das Lied am SchilfmeerDer Durchzug durchs Schilfmeer markiert den eigentlichen Moment der Befreiung. Der Rabbiner singt Verse aus Schirat Hajam (Kapitel 15) und erklärt, dass das Lied in der Tora-Rolle speziell formatiert ist: Die Textkolumnen bilden Wände, dazwischen der freie Raum für den Durchzug der Israeliten. Die vernichtete ägyptische Armee liegt unbestattet am Strand – für die Ägypter ein doppelter Tod, da ihnen die Grabstätte für ein Weiterleben im Jenseits fehlt.​Aktualität und GedenkenWalter verbindet den Wochenabschnitt mit dem Holocaust-Gedenktag (27. Januar) und Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume. Er kritisiert Gedenkfeiern, bei denen die jüdischen Opfer nicht explizit benannt wurden. Der Segensspruch Schehechejanu – „der uns bis zu diesem Moment gebracht hat” – drückt Dankbarkeit für erreichte Etappen aus, auch wenn die Zukunft ungewiss bleibt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  15. 111

    Schabbat Bo || Wer gehört dazu? Über Identität, Abgrenzung und den 7. Oktober

    Kantor Amnon Seelig spricht über den Wochenabschnitt Bo, „Komm“, 2. Mose 10,1–13,16. Wie beginnen mit einer sprachlichen Beobachtung: Der Name der Parascha bedeutet „Komm!“ und nicht „Geh!“. Gott fordert Mose also auf, zum Pharao zu „kommen“.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://open.substack.com/pub/ahavta/p/bo-d13Amnon konzentriert sich auf eine jüdische Auslegung (Midrasch), die eine bemerkenswerte Lücke im biblischen Text füllt. Die Tora beschreibt eine dreitägige Finsternis, die so dicht ist, dass die Ägypter sich nicht bewegen können, während die Israeliten Licht haben. Raschi, der bedeutendenste Kommentator der Tora, erklärt hierzu, dass Gott diese Dunkelheit nutzte, um jene Israeliten sterben zu lassen, die Ägypten nicht verlassen wollten. Dies geschah im Verborgenen, damit die Ägypter nicht spotteten, dass auch die Israeliten bestraft würden.Daraus ergibt sich eine theologische Frage, die Amnon aufwirft: Wenn Gott die Sünder unter dem Volk tötete, warum überlebten dann nicht ausschließlich „gute“ Menschen? Die Antwort findet er beim Rosch (Rabbi Ascher ben Jechiel). Dieser erklärt, dass selbst sündige Israeliten gerettet wurden, solange sie die „Hoffnung auf Erlösung“ nicht aufgaben. Diese Hoffnung markiert für Seelig die entscheidende Grenze der Zugehörigkeit: Wer an die Zukunft und Erlösung des Volkes glaubt, gehört dazu, auch als Sünder.Seelig verknüpft dies mit der Pessach-Haggada und dem „bösen Kind“. Dieses fragt: „Was soll euch dieser Dienst?“, und schließt sich durch das „Euch“ selbst aus der Gemeinschaft aus. Wer sich innerlich abwendet, so Seelig, kappt die Verbindung zur Erlösung.Diese Gedanken überträgt der Kantor auch auf den interreligiösen Dialog. Er warnt vor einer oberflächlichen „Wir sind alle gleich“-Mentalität. Wahre Begegnung erfordere das Aushalten von Unterschieden und das Bewahren der eigenen Besonderheit – des spezifischen Weges, Gott zu dienen. Der Auszug aus Ägypten war genau dieser Kampf um die Freiheit zur eigenen Glaubenspraxis.Abschließend frage ich Amnon nach den Grenzen der Zugehörigkeit im heutigen Israel, angesichts säkularer oder antizionistischer Strömungen. Seelig zieht hier eine persönliche, aber scharfe rote Linie: Wer, wie nach den Massakern des 7. Oktober, die Ermordung des eigenen Volkes als „Befreiung“ bejubelt, hat für ihn die Grenze der Zugehörigkeit überschritten. Kritik sei legitim, aber die Delegitimierung der Existenz und die Freude am Leid des eigenen Volkes beenden die Gemeinschaft. Ich wende zum Schluss seinen Gedanken auf die Deligitimierung Israels in den christlichen Kirchen an. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  16. 110

    Schabbat Wa'era || Der Name der Ewigkeit

    Rabbiner Dr. Daniel Katz widmet sich im Wochenabschnitt Wa’era (2. Mose 6,2–9,35) intensiv der Bedeutung und Offenbarung der Gottesnamen, insbesondere dem Namen HaSchem (der Name) im Vergleich zu den Bezeichnungen, die den Erzvätern bekannt waren.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/waera-e01Katz erläutert, dass Gott sich den Vätern Abraham, Isaak und Jakob zwar offenbart habe, jedoch nicht mit seinem essenziellen Namen, den er nun Mose mitteilt. Der Rabbiner führt aus, dass HaSchem als ehrfürchtiger Ersatz für den unaussprechlichen Gottesnamen dient, da Gottes Namen heilig sind und nicht leichtfertig verwendet werden sollen. Er stellt klar, dass der Begriff HaSchem im biblischen Text selbst nicht als handelndes Subjekt auftritt – es heißt nie „der Name sprach“, sondern stets „Gott“ oder „der Herr“ sprach.​Ein zentraler Schwerpunkt der heutigen Auslegung liegt auf der Verbindung zwischen den biblischen Namen und der jüdischen Liturgie. Katz betont, dass das jüdische Gebet primär aus Segenssprüchen (Berachot) besteht, die stets der Formel Baruch ata Adonai Elohenu Melech HaOlam folgen. Hierbei hebt er eine wichtige theologische Nuance hervor: Der Mensch segnet nicht die Materie selbst – wie etwa das Brot beim Tischgebet –, sondern er segnet Gott als den Schöpfer, der das Brot aus der Erde hervorbringt. Die Heiligkeit wohnt Gott inne, nicht dem Objekt. Durch den Segen erkennen wir Gottes Heiligkeit und sein Wirken in der Welt an.​In seiner Analyse des Titels Melech HaOlam (König der Welt) zeichnet Katz das Bild eines Gottes, der menschliche Maßstäbe sprengt. Während antike Herrscher sich oft als „König der Könige“ bezeichneten, ist Gott der „König der Könige der Könige“ – die ultimative Instanz über jeder irdischen Macht. Der Begriff „Olam“ verweist dabei nicht nur auf die geografische Welt, sondern auf eine räumliche und zeitliche Unendlichkeit. Gott ist der Herrscher über alle Dimensionen, von der Vergangenheit bis in die ewige Zukunft. Abschließend verknüpft Katz diese Gedanken mit der Berufung des Mose am Dornbusch: Um das Vertrauen der Israeliten zu gewinnen, muss Mose sich auf den „Gott der Väter“ berufen, eine Identität, die Kontinuität und Erlösung verspricht. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  17. 109

    Schabbat Schemot || Wenn Namen Geschichte schreiben

    Rabbiner Andrew Steiman öffnet ein neues Buch der Tora: Schemot (Namen), das Christinnen und Christen als Exodus kennen. Der Name leitet sich von den ersten Versen ab, während die lateinische Bezeichnung den Inhalt widerspiegelt. Diese Benennungspraxis geht vermutlich auf die Zeit zurück, als alle von einer Tora-Rolle lasen, in der keine Seitenzahlen existierten.​Der gleichnamige Wochenabschnitt in 2. Mose 1,1–6,1 führt Mose ein, der als Muster für einen Anführer vorgestellt wird – interessanterweise war er sprachbehindert, was zeigt, dass Anführer nach ihren Handlungen und nicht nach ihrer Rhetorik beurteilt werden sollten. Wie alle Propheten lehnt auch Mose seinen Auftrag zunächst ab.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/schemot-ab6Namen spielen eine zentrale Rolle: Sie sind für die Nachhaltigkeit der Identität entscheidend. Die Rabbinen erklären, dass die Juden in Ägypten ihre Identität bewahrten, weil sie ihre hebräischen Namen weitergaben. Der Übergang vom Buch Bereschit zu Schemot markiert einen bedeutenden Wechsel: Aus Familiengeschichten wird nun die Geschichte eines Volkes. Bevor aus einer Sippe ein Volk werden kann, müssen die einzelnen Menschen aus der Anonymität heraustreten – daher beginnt das Buch mit der Nennung von Namen.​Steiman betont die Bedeutung der positiven Identifikation: Wer sich nicht positiv identifiziert, identifiziert sich ex negativo durch Ausschluss anderer. Die Bibel nimmt den Leser ernst und zieht ihn durch die Nennung von Namen in das Geschehen hinein. Mose durchläuft einen Prozess des Zweifels, bis er schließlich an sich selbst glaubt und seinen Auftrag annimmt. Obwohl Mose sein Ziel, das gelobte Land zu erreichen, nicht erreicht, bleibt er ein Vorbild – nicht Perfektion ist gefragt, sondern authentisches Bemühen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  18. 108

    Schabbat Wajechi || Ende gut, alles gut – Jakobs spätes Glück

    Kantor Amnon Seelig beleuchtet in der Parascha Wajechi – dem letzten Abschnitt des 1. Buches Mose ab Kapitel 47,28, – das dramatische Leben Jakobs unter dem Leitwort „Ende gut, alles gut".Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/wajechi.Jakob musste vor seinem Bruder fliehen, wurde von seinem Schwiegervater ausgenutzt und glaubte 22 Jahre lang, sein Lieblingssohn Josef sei tot. Mit 130 Jahren bezeichnet er sein Leben gegenüber dem Pharao als „wenig und trübe" und denkt selbst in den schönsten Momenten – etwa beim Wiedersehen mit Josef – an den Tod.Doch Jakob stirbt nicht sofort, sondern lebt noch 17 weitere Jahre in Ägypten an der Seite seines Sohnes. Diese 17 Jahre entsprechen genau jenen 17 Jahren, die Josef bei seinem Vater verbrachte, bevor er entführt wurde. Der Midrasch Lekach Tow aus dem 11. Jahrhundert lehrt: Obwohl 130 Jahre seines Lebens schwer waren, waren die letzten 17 Jahre gut – und daher gilt: Sofratow, Kulchatow – „Ende gut, alles gut".Amnon erklärt die Gematrie des Wortes „tow" (gut): Die Buchstaben Tet (9), Waw (6) und Bet (2) ergeben 17 – die Zahl der guten Jahre. Zweimal 17 ergibt 34, was dem Zahlenwert von Wajechí (er lebte) entspricht. So zeigt die Tora: Die guten Jahre am Ende verleihen Jakobs ganzem Leben nachträglich Sinn und Güte. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  19. 107

    Schabbat Wajigasch || Von Tränen, Diplomatie und göttlicher Fügung

    Wajigasch (1. Mose 44,18–47,27) ist der vorletzte Wochenabschnitt des ersten Buchs Mose. Er wird im „Wort zum Schabbat“ von Rabbiner Dr. Walter Rothschild erläutert.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://open.substack.com/pub/ahavta/p/wajigaschDer Fokus der Betrachtung liegt auf der dramatischen Wiedervereinigung der Familie Jakobs. Rothschild betont, dass diese Begegnung zwei völlig unterschiedliche Perspektiven beinhaltet: die Sicht Josefs auf seine Brüder und die Sicht der Brüder auf den ihnen fremd gewordenen ägyptischen Herrscher. Für sie ist Josef zu einem „Alien“ geworden, da er sich optisch und kulturell nicht mehr als einer der ihren erkennen lässt.Besonders hebt der Rabbiner die psychologische Dynamik hervor. Nachdem sich Juda bereit erklärt hat, anstelle Benjamins in Gefangenschaft zu gehen, um dem Vater Jakob weiteres Leid zu ersparen, kann Josef seine Maske nicht mehr wahren. Bevor er sich jedoch zu erkennen gibt, lässt er alle Ägypter den Raum verlassen. Rothschild interpretiert dies nicht nur emotional, sondern auch als Sicherheitsmaßnahme: Josef prüft, ob „Sicherheit“ besteht, und offenbart sich erst, als sie unter sich sind. Seine erste, sehr persönliche Frage „Lebt mein Vater noch?” zeigt, dass es ihm nicht mehr um den gemeinsamen Stammvater, sondern um seine individuelle Beziehung zum Vater geht.Rothschild interpretiert Josefs Handeln als göttliche Fügung. Er erklärt seinen geschockten Brüdern, dass nicht sie ihn gesandt haben, sondern Gott, um Leben zu erhalten. Hier zieht der Rabbiner Parallelen zur modernen Migrationspolitik: Josef nutzt seine hohe Stellung und seine „Protekzia” (Beziehungen), um seiner Familie faktisch Einreisevisa und Arbeitserlaubnisse zu beschaffen. Er lädt sie ein, die verbleibenden fünf Jahre der Hungersnot im Land Goschen zu verbringen, wo sie als „privilegierte Ausländer“ unter seinem Schutz stehen werden.Ein weiterer zentraler Punkt ist die Ankunft Jakobs und dessen Begegnung mit dem Pharao. Rothschild beschreibt dies als ein Treffen auf Augenhöhe: Ein „Beduinen-Scheich“ (Jakob) trifft den „Scheich von Ägypten“ (Pharao). Jakob beschreibt sein Leben dem Pharao gegenüber als „wenig und böse“ und bezeichnet sich als jemanden, der nie wirklich sesshaft war, sondern dessen Leben eine ständige Pilgerschaft darstellte, geprägt von Konflikten mit Eltern, Brüdern, Frauen und dem Verlust geliebter Menschen.Abschließend weist Rothschild auf die Ironie hin, dass die Familie als Hirten verachtet wird, da Hirten den Ägyptern zuwider sind. Doch genau dieser Status und Josefs Einfluss ermöglichen es ihnen, im besten Teil des Landes zu siedeln. Der Abschnitt endet mit der erfolgreichen Ansiedlung der Familie in Ägypten, womit der Grundstein für den späteren Auszug gelegt wird – auch wenn dieser noch Jahrhunderte entfernt liegt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  20. 106

    Schabbat Mikez || Von Träumen und Taten

    Im „Wort zum Schabbat“ von ahavta – Begegnungen erläutert Rabbiner Dr. Daniel Katz den Tora-Wochenabschnitt Mikez („Nach dem Ende“, 1. Mose 41,1–44,17). Dieser Abschnitt bildet den Mittelteil der Josefsgeschichte und fällt thematisch oft mit dem Chanukka-Fest zusammen. Daniel führt durch die dramatischen Ereignisse, die Josefs Aufstieg zum Herrscher Ägyptens und die erneute Begegnung mit seinen Brüdern schildern, und legt dabei einen besonderen Fokus auf die innerfamiliäre Dynamik sowie das Konzept der Umkehr (Teschuwa).Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/mikezDie Erzählung beginnt mit den Träumen des Pharao von sieben fetten und sieben mageren Kühen sowie von vollen und verkümmerten Ähren. Josef, der zuvor zwei Jahre unschuldig im Gefängnis saß, wird gerufen, um diese Träume zu deuten. Er sagt sieben Jahre des Überflusses voraus, gefolgt von sieben Jahren der Hungersnot, und rät dem Pharao, Vorräte anzulegen. Beeindruckt von dieser Weisheit ernennt der Pharao Josef zum Vizekönig über Ägypten. Katz betont hierbei, dass Josef seine Position als Teil eines göttlichen Plans versteht, um später seine Familie retten zu können.Als die Hungersnot auch Kanaan erreicht, schickt Jakob seine Söhne nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Dabei kommt es zur entscheidenden Begegnung: Josef erkennt seine Brüder, doch sie erkennen ihn nicht. Anstatt sich sofort zu offenbaren, unterzieht Josef sie einer harten Prüfung. Er verlangt, dass sie ihren jüngsten Bruder Benjamin nach Ägypten bringen. Rabbiner Katz analysiert dies nicht als Rache, sondern als notwendigen Test. Josef will herausfinden, ob die Brüder eine echte innere Wandlung vollzogen haben. Er inszeniert eine Situation, die der damaligen gleicht: Wieder droht einem Sohn Rahels – diesmal Benjamin – Gefahr. Josef lässt seinen silbernen Becher in Benjamins Sack verstecken, um ihn als Dieb zu beschuldigen und als Sklaven zu behalten.Hier bringt Rabbiner Katz den religiösen Begriff der Teschuwa (Rückkehr/Buße) ein. Wahre Buße zeige sich nicht nur in Worten, sondern darin, wie man handelt, wenn man erneut in dieselbe Situation gerät. Werden die Brüder Benjamin im Stich lassen, um sich selbst zu retten, so wie sie es einst mit Josef taten? Oder werden sie für ihn einstehen?Parallel dazu beleuchtet Katz den Aufstieg Jehudas (Juda) zum faktischen Anführer der Brüder. Er erklärt, warum die älteren Brüder diese Rolle verloren haben: Ruwen disqualifizierte sich durch das Schlafen mit der Nebenfrau seines Vaters und seinen gescheiterten Rettungsversuch bei Josef. Schimon und Levi schieden durch ihre gewalttätige Rache in Sichem aus. Jehuda hingegen übernimmt Verantwortung. Er bürgt beim Vater für Benjamin und tritt am Ende des Abschnitts vor Josef, um für den jüngsten Bruder zu plädieren. Katz hebt hervor, dass Jehuda durch dieses verantwortungsvolle Handeln zum Stammvater des wichtigsten Stammes Israels wird, von dem sich auch die Bezeichnung „Juden“ ableitet. Dies folge einem biblischen Muster, bei dem oft jüngere Söhne aufgrund ihrer Taten den Vorrang vor den Erstgeborenen erhalten.Der Wochenabschnitt endet mit einem Cliffhanger: Die Brüder stehen vor Josef, Benjamin droht die Gefangenschaft, und die Spannung ist auf dem Höhepunkt. Die Auflösung und Versöhnung, so Katz, erfolge erst in der Lesung der nächsten Woche, wenn Jehuda die Prüfung besteht und die Familie wieder vereint wird. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  21. 105

    Schabbat Wajeschew || Das verhängnisvolle Lieblingskind: Warum Jakobs Erziehung scheiterte

    Rabbiner Dr. Jehoshua Ahrens eröffnet seine Auslegung des Wochenabschnitts Wajeschew (1. Mose 37–40) mit einem überraschenden kulturellen Vergleich: Die biblische Erzählung um Josef und seine Brüder enthalte alle Zutaten einer modernen „Seifenoper“. Konflikte, Intrigen, Rache, Schuld und sogar sexuelle Verwicklungen prägen die Dramaturgie, wobei am Ende – wie im Genre üblich – der Triumph des Guten steht. Doch hinter dieser spannungsgeladenen Oberfläche legt Ahrens tiefgehende psychologische und pädagogische Schichten frei.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/wajeschew-a61Im Zentrum steht die dysfunktionale Familiendynamik im Hause Jakobs. Der 17-jährige Josef wird von Ahrens zunächst keineswegs als strahlender Held gezeichnet, sondern als unreifer, fast unsympathischer Teenager. Er fungiert als „Petze“, der dem Vater das Fehlverhalten seiner Brüder zuträgt, und tritt als „verwöhnter Balg“ auf. Ahrens greift hierbei auf die Analyse von Rabbiner Samson Raphael Hirsch zurück, um Josefs Verhalten psychologisch zu kontextualisieren. Hirsch beschreibt Josef als faktisches Einzelkind: Seine Mutter Rachel ist früh verstorben, sein Bruder Benjamin ist noch ein Kleinkind. Zu den Söhnen Leas findet er keinen Zugang; sie akzeptieren ihn nicht als vollwertigen Bruder. Aus Einsamkeit – und vielleicht aus Eitelkeit, da er sich ihnen überlegen fühlt – wendet er sich den Söhnen der Mägde zu.Der Katalysator für die Katastrophe ist jedoch Jakobs unverhohlene Bevorzugung Josefs. Ahrens betont, dass Jakob in Josef zwar zu Recht ein besonderes spirituelles Potenzial erkennt – er sieht in ihm seinen geistigen Erben –, doch die Art der Bevorzugung ist „unvernünftig“ und destruktiv. Das berühmte Geschenk des bunten Rockes deutet Ahrens unter Berufung auf den einstigen britischen Oberrabbiner Joseph Hertz nicht bloß als Zeichen väterlicher Zuneigung, sondern als politisches Symbol. Archäologische Erkenntnisse aus Ägypten legen nahe, dass solche Gewänder im antiken Nahen Osten Herrscherwürde signalisierten. Indem Jakob Josef diesen Rock verleiht, bestimmt er ihn offiziell zum Nachfolger und Familienoberhaupt. Für die Brüder geht es also nicht nur um Eifersucht, sondern um die existentielle Frage der Erbfolge und Machtverteilung. Dies macht ihren „tödlichen Hass“ laut Ahrens rational nachvollziehbar.Die Träume Josefs, in denen er über seine Familie herrscht, und seine naive Entscheidung, diese den Brüdern zu erzählen, bringen das Fass zum Überlaufen. Die Brüder planen seinen Tod, was durch das Eingreifen von Ruben und Juda verhindert wird – stattdessen wird er nach Ägypten verkauft. Ahrens interpretiert diesen tiefen Fall als notwendigen Schritt der Reifung. Josef muss vom verhätschelten Sohn zum verantwortungsvollen Mann reifen, eine Entwicklung, die nur durch die Härte des Exils und den Verlust des familiären Schutzes möglich ist. Gleichzeitig beginnt auch für die Brüder, insbesondere für Juda, ein Lernprozess hin zur Übernahme von Verantwortung.Abschließend leitet Rabbiner Ahrens aus der Erzählung eine dringliche pädagogische Warnung ab. Der Abschnitt sei nicht nur spirituell, sondern auch erzieherisch zu lesen: Eltern müssen danach streben, ihre Kinder gleichzubehandeln. Selbst wenn persönliche Präferenzen existieren oder ein Kind besonderes Talent zeigt, demonstriert die Tragödie der Jakobsfamilie die „fatalen Folgen“, die eine offensichtliche Bevorzugung nach sich zieht. Die Geschichte mahnt somit zur Vorsicht in der familiären Erziehung und zeigt, dass Reife oft erst durch Krisen erlangt wird. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  22. 104

    Schabbat Wajischlach || Beten, Schenken, Kämpfen: Jakobs dreifache Strategie

    Kantor Amnon Seelig widmet sich im „Wort zum Schabbat“ dem Tora-Wochenabschnitt Wajischlach in 1. Mose 32,4–36,43 und beleuchtet die zutiefst menschliche Seite des biblischen Erzvaters Jakob. Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/wajischlach-2f3Im Zentrum steht Jakobs bevorstehende Begegnung mit seinem Zwillingsbruder Esau, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat. Die letzte Erinnerung an Esau ist dessen Morddrohung, weshalb Jakob verständlicherweise große Angst verspürt. Seelig betont, dass die Tora hier keinen unerschütterlichen Heiligen zeichnet, sondern einen Menschen voller Widersprüche und Furcht. Obwohl Jakob göttliche Zusagen erhalten hat, fürchtet er sich. Diese Darstellung biblischer Figuren als fehlbare Menschen, die trotz ihres Glaubens Ängste durchleben, macht sie laut Seelig besonders nahbar.Jakob überlässt in dieser existenzbedrohenden Situation nichts dem Zufall. Er verlässt sich nicht allein auf Gott, sondern ergreift aktiv Maßnahmen. Unter Berufung auf den berühmten Tora-Kommentator Raschi erläutert Seelig, dass Jakob sich auf drei verschiedene Weisen („drei Dinge“) auf das Zusammentreffen vorbereitet: durch Gebet, durch Geschenke und durch Kriegsvorbereitung. Diese dreifache Strategie verdeutlicht, dass spirituelles Vertrauen und pragmatisches Handeln im Judentum Hand in Hand gehen.Zunächst wendet sich Jakob im Gebet an Gott. Er erinnert den Ewigen an dessen frühere Versprechen, ihn zu beschützen und ihm wohlzutun. Jakob zeigt sich demütig („Zu gering bin ich für alle Gnade“) und bittet explizit um Rettung aus der Hand seines Bruders. Er weiß, dass ohne göttlichen Beistand alle menschlichen Pläne scheitern können.Parallel dazu bereitet sich Jakob auf den „Krieg“ vor – den schlimmsten Fall („Worst Case Scenario“). Er teilt sein Lager, seine Familie und seinen gesamten Besitz in zwei Gruppen auf. Das Kalkül ist rational und schmerzhaft zugleich: Sollte Esau angreifen und das eine Lager vernichten, so könnte zumindest das andere entkommen. Jakob hofft auf das Beste, plant aber konkret für die Katastrophe.Die dritte Säule seiner Strategie ist das „Geschenk“ (Doron). Um Esaus Herz zu erweichen, schickt Jakob ihm riesige Herden von Tieren entgegen – Ziegen, Schafe, Kamele, Kühe und Esel. Er instruiert seine Knechte, Raum zwischen den Herden zu lassen, um die Menge der Geschenke noch imposanter wirken zu lassen. Seelig merkt an, dass diese Taktik der Bestechung oder Beschwichtigung oft funktioniert: Materielle Gaben können den Zorn eines Gegners lindern. Tatsächlich verläuft das Treffen am Ende friedlich; die Brüder umarmen sich und gehen ihrer Wege.Seelig zieht zudem eine faszinierende Parallele zu einer späteren Episode im Leben Jakobs, die im Abschnitt „Mikez“ (1. Mose 41–44,17) erzählt wird. Jahre später, während einer Hungersnot, muss Jakob seine Söhne nach Ägypten schicken. Auch hier wendet er das gleiche Muster an: Er schickt Geschenke (Honig, Nüsse, Balsam) an den unbekannten ägyptischen Herrscher (der unerkannt sein Sohn Josef ist), lässt das Geld zurückgeben und spricht ein Gebet für Barmherzigkeit. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Jakob muss seinen jüngsten Sohn Benjamin ziehen lassen, ohne eine Garantie für dessen Rückkehr. Mit den Worten „Wenn ich kinderlos sein soll, so sei ich kinderlos“ zeigt Jakob eine neue Stufe der geistigen Reife. Er akzeptiert, dass er trotz aller Vorbereitung („Kontrollfreak“-Tendenzen des Menschen) letztlich keine Kontrolle über das Schicksal hat.Das Fazit der Betrachtung ist eine Lehre für das eigene Leben: Der Mensch soll alles tun, was in seiner Macht steht – planen, arbeiten, strategisch handeln („Geschenke und Krieg“) – und gleichzeitig beten. Doch am Ende muss er, wie Jakob, loslassen und akzeptieren, dass das Ergebnis in Gottes Hand liegt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  23. 103

    Schabbat Wajeze || Gott am unerwarteten Ort: Der Weg zum Vertrauen

    Zum „Wort zum Schabbat“ von ahavta - Begegnungen kann ich Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens willkommen heißen. Im Mittelpunkt steht der Wochenabschnitt Wajeze (1. Buch Mose 28,10 – 32,3), der eine zentrale Jakobsgeschichte erzählt.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/wajeze-235Rabbiner Ahrens konzentriert sich in seiner Auslegung vor allem auf den berühmten Traum Jakobs von der Himmelsleiter. Er ordnet das Geschehen zunächst in den narrativen Kontext ein: Jakob befindet sich auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, der ihm nach dem Leben trachtet, nachdem Jakob sich den Erstgeburtssegen ihres Vaters Isaak erschlichen hat. Auf Anraten seiner Mutter Riwka und mit dem Einverständnis seines Vaters zieht Jakob von Beerscheba Richtung Haran, um dort in der Verwandtschaft seiner Mutter eine Frau zu finden.Auf dieser Reise gelangt Jakob an einen bestimmten „Ort“, an dem er übernachtet. Ahrens betont die Wichtigkeit dieses Begriffs, da das hebräische Wort für Ort, Makom, im Judentum auch als Synonym für Gott verwendet wird – ein Hinweis auf Gottes Omnipräsenz. In seinem Traum sieht Jakob eine Leiter (Sulam), die auf der Erde steht und bis in den Himmel reicht. Engel steigen an ihr auf und nieder, und Gott selbst erscheint ihm. Der Ewige erneuert die Verheißung an Abraham und Isaak, verspricht Jakob das Land, zahlreiche Nachkommen und seinen göttlichen Schutz auf all seinen Wegen.Interessanterweise reagiert Jakob nach dem Erwachen nicht mit Freude oder Erleichterung, sondern wirkt laut Ahrens eher ängstlich und überrascht. Er erkennt zwar: „Wirklich, der Ewige ist an diesem Ort und ich wusste es nicht“, und benennt den Ort Bet-El (Haus Gottes), doch sein darauffolgendes Gelübde (Neder) offenbart für Ahrens eine spirituelle Unreife. Jakob formuliert Bedingungen: „Wenn Gott mit mir sein und mich behüten wird... dann soll der Ewige mein Gott sein.“ Ahrens kontrastiert diese Haltung mit dem bedingungslosen Gehorsam Abrahams. Jakob verhandelt quasi mit Gott und zeigt, dass er noch am Anfang seiner spirituellen Reise steht; ihm fehlt noch das vollkommene Vertrauen.Ahrens zieht zudem eine Parallele zur Geschichte des Turmbaus zu Babel. Auch dort versuchten Menschen, durch ein Bauwerk („eine Spitze bis an den Himmel“) eine Verbindung nach oben herzustellen. Doch während der Turmbau ein Akt menschlicher Hybris war, um sich „einen Namen zu machen“ (wie Rabbiner Samson Raphael Hirsch erläutert), ist Jakobs Leiter ein Symbol für eine wirkliche Verbindung, die jedoch von Gott ausgeht. Die Menschen von Babel scheiterten und wurden zerstreut; Jakob hingegen erhält eine echte Zusage, auch wenn er sie in diesem Moment noch nicht vollständig begreifen kann.Abschließend verweist Rabbiner Ahrens auf ein talmudisches Bild, das zwei Versionen von Jakob beschreibt: ein ideales Bild im Himmel, das sein volles Potenzial zeigt, und ein reales Bild auf der Erde, das seine aktuelle Unvollkommenheit widerspiegelt. Jakobs Aufgabe – und analog dazu die Aufgabe jedes Menschen – ist es, dieses Potenzial in die Realität zu holen und daran zu wachsen. Jakob reift erst durch die harten Arbeitsjahre bei Laban und die Gründung seiner Familie zu dem Mann heran, der später den Namen Israel tragen wird.Abschließend ergänze ich diesen Gedanken um den Wunsch, Gott nicht nur in großen Wundern, sondern im eigenen Leben mit aufmerksamem Herzen wahrzunehmen, und wünsch Rabbiner Ahrens und den Zuschauern einen friedlichen Schabbat. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  24. 102

    Toldot || Optimismus ist passiv, Hoffnung ist Arbeit

    Im „Wort zum Schabbat“ vom 21. November 2025 spricht Rabbiner Andrew Steiman über den Tora-Abschnitt Toldot (Die Geschlechter/Hervorbringungen) in 1. Mose 25,19 bis 28,9. Das Gespräch beginnt mit einer zeitlichen Einordnung: Der neue jüdische Monat Kislew hat begonnen, was den Rabbiner dazu veranlasst, auf das kommende Lichterfest Chanukka hinzuweisen. Er zieht Parallelen zum christlichen Kalender, der sich nach dem Totensonntag bzw. Ewigkeitssonntag der Adventszeit nähert. Steiman betont dabei die Gemeinsamkeiten im Gedenken, etwa die jüdische Bezeichnung des Friedhofs als „Haus des Lebens“.Im Zentrum der Betrachtung steht die biblische Erzählung der Zwillingsbrüder Jakob und Esau. Steiman beleuchtet die tiefen Konflikte, die bereits im Mutterleib beginnen. Er analysiert die berühmte Szene des Verkaufs des Erstgeburtsrechts für ein Linsengericht. Dabei verweist er auf eine moderne hebräische Redewendung: Wenn man in Israel sagt, man habe etwas „für ein rotes Linsengericht“ erworben, schwingt mit, dass jemand „über den Tisch gezogen“ wurde, der Wert für die Zukunft aber dennoch beträchtlich sein kann.Ein wichtiger Fokus liegt auf der Rolle der Mutter Riwka (Rebekka). Sie greift aktiv in die Erbfolge ein, da sie spürt, welcher Sohn die Tradition in die Zukunft tragen kann. Steiman hebt hervor, dass biblische Helden in der Tora nicht idealisiert, sondern mit all ihren menschlichen Schwächen gezeigt werden – so auch der fast blinde Vater Isaak, der sich täuschen lässt.Das Gespräch weitet sich auf philosophische und aktuelle gesellschaftliche Fragen aus. Unter Berufung auf den ehemaligen britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks unterscheidet Steiman scharf zwischen Optimismus und Hoffnung („Hatikwa“). Optimismus sei eine passive Haltung, Hoffnung hingegen etwas Aktives, das man sich „machen“ müsse. In Bezug auf das Gedenken an den 9. November warnt er vor einer Vereinnahmung der Geschichte durch „laute Stimmen“ und betont, dass das Erinnern an die Vergangenheit stets der Gestaltung der Zukunft dienen müsse.Steiman erläutert den Namen „Israel“ als „Gotteskämpfer“. Ein Jude könne an Gott zweifeln oder verzweifeln, ihn aber niemals ignorieren – eine Referenz an Elie Wiesel. Auch der Begriff „Jude“ (von Jehuda) wird etymologisch als „der Dankbare“ hergeleitet.Gegen Ende des Gesprächs schlägt der Rabbiner den Bogen zurück zu Chanukka. Er erklärt, dass ohne den erfolgreichen Aufstand der Makkabäer das Judentum untergegangen wäre und das Christentum gar nicht erst hätte entstehen können. Sprachlich verbindet er Chanukka mit Chinuch (Bildung/Erziehung). „Bildung im Quadrat ist Weihe“, resümiert er. Das Gespräch schließt mit dem Wunsch nach „Schalom“ – nicht nur als Frieden, sondern im Sinne von „Schalem“, einer Ganzheit und Vollständigkeit, die erst durch Versöhnung und gegenseitiges Lernen erreicht wird.Danke an Mechthild Wallbrecher, Micha L. und viele andere, die sich das Live-Video angeschaut haben! Schaut auch beim nächsten Wort zum Schabbat live in der App herein! This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  25. 101

    Chaje Sara || Ein plötzlicher Tod und offene Fragen

    IIm Wort zum Schabbat zum Wochenabschnitt Chaje Sara (1. Buch Mose 23-25,18) beleuchtet Rabbiner Dr. Walter Rothschild zentrale Aspekte und ungelöste Fragen des Textes. Der Wochenabschnitt beginnt mit dem Tod Saras im Alter von 127 Jahren in Kirjat Arba, dem heutigen Hebron. Rabbiner Rothschild stellt fest, dass die Tora nur sehr kurz über Saras Leben berichtet; nach der Geburt Isaaks folgt bald ihr Tod.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen oder sogar als Podcast anhören:Ein zentraler Punkt ist die Verbindung zwischen Saras Tod und der unmittelbar vorangehenden Erzählung von der Bindung Isaaks (Akedat Jizchak). Rothschild weist auf ein textliches Problem hin: Am Ende von Kapitel 22 kehrt Abraham allein von diesem Ereignis nach Beerscheba zurück, während Isaak unerwähnt bleibt. Direkt danach, in Kapitel 23, erfährt der Leser, dass Sara an einem anderen Ort, in Hebron, gestorben ist, und Abraham erst „hinkommt, um sie zu beklagen und zu beweinen“. Rothschild wirft die Frage auf: „Wieso ist Sarah, diese ältere Dame, eineinhalb Tagesreisen nördlich von Beerscheba?“.​In diesem Zusammenhang wird die rabbinische Interpretation erwähnt, dass Sara aus Kummer und Schock über die Beinahe-Opferung ihres Sohnes gestorben sein könnte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Alter Isaaks zum Zeitpunkt der Bindung. Entgegen der landläufigen Darstellung als kleiner Junge ist Isaak bereits 37 Jahre alt gewesen. Zwar bezeichnet ihn die Tora als „Na’ar“ (Jüngling), doch Rothschild argumentiert, dass dieser Begriff auch einen unverheirateten, noch nicht vollends verantwortungsbewussten Mann von 40 Jahren beschreiben könne.​Drei Jahre nach Saras Tod heiratet Isaak im Alter von 40 Jahren. Diese Heirat ist nicht gänzlich freiwillig, da ihm seine Frau Rebekka gebracht wird, ohne dass er sie selbst gewählt hätte. Abraham, der nun seinen Fokus auf die Zukunft der Familie und das Erlangen von Enkelkindern legt, übernimmt hier die Initiative – eine Aufgabe, die man, so Rothschild, „delegieren muss“. Die Erzählung zeigt einen Abraham, der nach dem Verlust seiner Frau die Kontinuität seiner Linie sichern will. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  26. 100

    Wajera || Gott, Gastfreundschaft und gelähmte Gesellschaften

    Im Gespräch zum Wochenabschnitt „Wajera“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 18–22, erläutert Rabbiner Andrew Steiman vielfältige Aspekte des Textes und aktuelle politische Bezüge.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen oder sogar als Podcast anhören:Zunächst gehen wir auf die Wahl des neuen Bürgermeisters von New York, Zohran Mamdani, ein, der als klarer Israel-Gegner gilt. Andy Steiman führt aus, dass ihn erstaunlicherweise rund ein Drittel der jüdischen Wähler, vor allem liberale Juden sowie die kleine, radikal antizionistische Gruppe der Satmarer Chassiden, gewählt haben. Die Satmarer, eine Folge der Schoah, glauben, dass nur der Messias einen jüdischen Staat gründen dürfe, und pflegten in der Vergangenheit sogar Kontakte zu anti-israelischen und antisemitischen Politikern wie Arafat und Ahmadinedschad. Steiman hält Mamdani für einen Populisten, dessen wirtschaftliche Versprechen, wie kostenlose öffentliche Verkehrsmittel, nicht finanzierbar seien und letztlich zu noch höheren Lebenshaltungskosten führen würden. Er befürchtet, dass bei einem Scheitern seiner Politik Juden oder Israel als Sündenböcke herangezogen werden könnten.​Der eigentliche Wochenabschnitt beginnt mit der Erscheinung Gottes bei Abraham, der sich gerade von seiner Beschneidung erholt. Abraham sieht drei Männer, die in der jüdischen Tradition oft als Engel interpretiert werden, und unterbricht seinen Dialog mit Gott, um ihnen Gastfreundschaft zu erweisen. Dies unterstreicht die enorme Bedeutung der Gastfreundschaft im Judentum, die sogar über dem direkten Gespräch mit Gott steht. Die Rabbiner diskutieren die Mehrdeutigkeit des hebräischen Wortes „Adonai“, das sowohl „Gott“ als auch „meine Herren“ bedeuten kann, was zu unterschiedlichen Interpretationen der Szene führt. Diese Ambiguität im Urtext sei ein wichtiger Teil der jüdischen Auslegungstradition, die im Gegensatz zu modernen ideologischen Eindeutigkeiten stehe.​Ein weiterer Punkt ist die Ankündigung der Geburt Isaaks. Sarahs Lachen wird als menschliche Reaktion auf das Unfassbare gedeutet und der Name „Jizchak“ (Er wird lachen) verweist darauf. Steiman zieht eine Parallele zur Verkündigung an Maria im Neuen Testament, die ebenfalls in einem Lobgesang ihre Dankbarkeit ausdrückt und sich ihrer jüdischen Tradition und Geschichte bis zu Abraham bewusst ist. Er betont, dass das Christentum oft den Bezug zum Ersten Testament verliere und ein tieferes Verständnis der jüdischen Wurzeln notwendig sei.​Abschließend wird über das Wesen des Gebets reflektiert. Im Hebräischen ist „Lehitpallel“ (beten) ein reflexives Verb, das mehr als nur Bitten umfasst; es schließt vor allem Dankbarkeit ein. Anhand persönlicher Anekdoten verdeutlicht Steiman, dass Dankbarkeit für das, was man hat, zu einem erfüllteren Leben führt, selbst wenn Bitten nicht erhört werden. Das Gespräch schließt mit dem Gedenken an den vor 40 Jahren ermordeten Jizchak Rabin, dessen Name ebenfalls „Er wird lachen“ bedeutet, und der als Symbol für schwere, aber notwendige Entscheidungen in Erinnerung bleibt.​ This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  27. 99

    Lech Lecha || Geh zu dir selbst!

    Im „Wort zum Schabbat“ von ahavta - Begegnungen spricht Rabbiner Daniel Katz aus New York über den Tora-Wochenabschnitt Lech Lecha (1. Mose 12–17). Zu Beginn des Gesprächs gehen wir kurz auf die Bürgermeisterwahl in New York ein, wobei die Kandidaten und ihre Positionen im Kontext der jüdischen Gemeinde diskutiert werden. Dies leitet zur Thematik von Segen und Fluch über, die im Wochenabschnitt eine zentrale Rolle spielt.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/lech-lechaDer Kern von Daniels Erläuterungen ist die göttliche Aufforderung an Abram: „Lech Lecha“ – wörtlich „Geh für dich“. Katz analysiert diese hebräische Wendung als einen „ethischen Dativ“, eine grammatikalische Besonderheit, die eine tiefere, persönliche Dimension vermittelt. Die Aufforderung ist mehr als ein einfacher Befehl; sie ist ein Ruf zur Selbstwerdung. Indem Abram aufgefordert wird, sein Land, seine Heimat und seine Familie zu verlassen, begibt er sich auf eine Reise, die nicht nur geografisch ist, sondern ihn zu seinem wahren Selbst führen soll. Er verlässt sein altes „Ich“, um ein neues zu finden, was später durch die Namensänderung von Abram zu Abraham symbolisiert wird.​Segen, Gehorsam und VertrauenEin weiteres zentrales Thema ist der Begriff des Segens (Bracha), der in den ersten Versen viermal vorkommt. Katz betont, dass der Segen ein fundamentaler Aspekt des Judentums und der jüdischen Liturgie ist, der die Beziehung zu Gott ausdrückt. Die Verheißung an Abram, dass in ihm alle Völker der Erde gesegnet werden, stellt den universellen Aspekt seiner Berufung dar.​Abrams sofortiger Gehorsam wird als Spiegelbild von Gottes Schöpfungsakt dargestellt: So wie Gott spricht und es geschieht („Es werde Licht“), so spricht Gott zu Abram, und dieser handelt („Geh... und er ging“). Dieser Akt des Vertrauens ist die Grundlage der sich entwickelnden Beziehung zwischen Gott und Abram, die in der Bereitschaft zur Opferung Isaaks ihren Höhepunkt findet.​Universelle und partikulare BedeutungDaniel Katz hebt hervor, dass der Wochenabschnitt eine Wende in der Genesis markiert: von der universellen Geschichte der Schöpfung und der Sintflut hin zur partikularen Geschichte des jüdischen Volkes. Obwohl Abraham eine Schlüsselfigur für Judentum, Christentum und Islam ist, beginnt mit ihm der spezifische Weg des jüdischen Volkes. Die am Ende des Abschnitts eingeführte Beschneidung ist das Bundeszeichen, das Abraham und seine Nachkommen (einschließlich Ismael, was für den Islam von Bedeutung ist) bindet und diesen Bund manifestiert.​Zusammenfassend stellt das Gespräch die Reise Abrams als paradoxen Akt dar: Man muss sich selbst verlassen, um sich zu finden. Diese spirituelle Reise, die auf Gehorsam und Vertrauen basiert, ist nicht nur eine historische Erzählung, sondern ein zeitloses Modell für die menschliche Selbstfindung im Glauben.​ This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  28. 98

    Noach || Zwischen Sintflut und Babel: Die Sünde der Harmonie

    Im „Wort zum Schabbat“ vom 24. Oktober 2025 analysiert Kantor Amnon Seelig den Tora-Wochenabschnitt Noach in 1. Mose 6,9–11,32. Im Zentrum seiner Ausführungen steht der Vergleich zwischen der Generation der Sintflut und der Generation des Turmbaus zu Babel, die beide im Abschnitt behandelt werden.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/noach-785Die zwei Generationen: Sintflut und TurmbauSeelig stellt heraus, dass die beiden Generationen sich fundamental in der Art ihrer Verfehlungen unterscheiden, was auch die unterschiedliche Reaktion Gottes erklärt.* Die Generation der Sintflut: Zur Zeit Noachs ist die Menschheit von innerer Bosheit und moralischer Verdorbenheit geprägt. Die Menschen nutzen einander aus, missbrauchen sich und sind gewalttätig. Gott sieht dieses zwischenmenschliche Fehlverhalten als irreparabel an und beschließt, die Menschheit durch die Flut zu vernichten. Nur Noach und seine Familie überleben, da sie als gerecht gelten.​* Die Generation des Turmbaus: Einige Generationen nach der Flut lebt die Menschheit in Einheit. Alle sprechen dieselbe Sprache, teilen dieselben Ideen und leben friedlich zusammen. Ihre Sünde, so Seelig, richtet sich nicht gegen die Mitmenschen, sondern direkt gegen Gott. Angetrieben von technologischem Hochmut und dem Glauben an die eigene Intelligenz, versuchen sie, mit dem Turmbau den Himmel zu erreichen. Sie wollen beweisen, dass sie ohne Gott auskommen und ihn sogar bekämpfen können. Seelig betont, dass die Tora diese erzwungene Harmonie und das Fehlen von Meinungsvielfalt kritisiert. Gott bestraft diese Generation daher nicht mit dem Tod, sondern mit der Verwirrung der Sprachen und der Zerstreuung über die ganze Erde. Diese Strafe ist eine Lektion, die zur Vielfalt der Perspektiven und Ideen zwingt.​Lehren und GegenwartsbezügeAus diesem Vergleich leitet Seelig Lehren für die Gegenwart ab. Die Geschichte des Turmbaus dient als Analogie für die heutige Zeit, in der sich Menschen oft in “Bubbles” und Echokammern der sozialen Medien bewegen, wo nur bestätigende Meinungen zugelassen werden. Das Streben nach einer homogenen Gesellschaft ohne Auseinandersetzung wird als problematisch dargestellt.​Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird diese Idee auf die globale politische Lage übertragen. Israel wird dabei als moderner „Störfaktor“ identifiziert, der die Illusion eines einfachen Weltfriedens stört. Die Vorstellung, dass ohne Israel Harmonie herrschen würde, wird als eine Form der Sündenbocksuche aufgedeckt. Seelig kritisiert, wie globale Probleme wie der Klimawandel instrumentalisiert und fälschlicherweise mit dem Nahostkonflikt verknüpft werden, um einen Schuldigen zu benennen.​Diese Dynamik hat laut Seelig tiefe historische Wurzeln, die bis in die christliche Theologie zurückreichen, wo die Juden durch ihre Weigerung, Jesus anzuerkennen, als „Störer“ der Welterlösung angesehen werden. Menschen neigen dazu, andere bzw. einen externen Faktor für Probleme verantwortlich zu machen, anstatt nach innen zu blicken und Verantwortung zu übernehmen.​Die abschließende Botschaft des Wochenabschnitts ist demnach, dass ein erfülltes menschliches Leben sowohl ein respektvolles Miteinander als auch eine spirituelle Dimension und den Glauben an Gott erfordert. Technologie und menschliche Intelligenz allein sind nicht ausreichend. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  29. 97

    Bereschit || Die Poesie der Schöpfung

    In seinem Wort zum Schabbat für den Wochenabschnitt Bereschit erläutert Rabbiner Dr. Walter Rothschild die tiefere Bedeutung des Schöpfungsberichts im 1. Buch Mose. Er betont, dass die Bibel nicht mit einem wissenschaftlichen Traktat, sondern mit dem schönsten Gedicht der Geschichte beginnt. Fantasielose Wortgläubige, die den Text als Prosa lesen und mit Fakten aus Wissenschaft oder Biologie abgleichen wollen, stellen laut Rothschild die falschen Fragen und erhalten daher unbefriedigende Antworten. Poesie handle von Gefühlen und Wahrnehmungen, nicht von Fakten.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/bereschit-f75Um die poetische Kraft des Textes zu verdeutlichen, entwirft Rothschild ein Gedankenexperiment: Er erklärt einem intelligenten, aber unwissenden Menschen das Universum. In einfachen, beobachtenden Worten beschreibt er die grundlegenden Elemente der Welt. Er beginnt mit der Entstehung von Licht aus dem Nichts, dem Wechsel von Tag und Nacht und der Trennung von Wasser und Himmel durch eine schützende Atmosphäre. Er erläutert die Zyklen der Natur: die Sonne, die Wärme und Licht spendet, der Mond, der die Gezeiten beeinflusst, und die Sterne, die zur Orientierung dienen. Diese Regelmäßigkeit der Zyklen, so Rothschild, ist ein göttliches Design, das Ordnung schafft und Furcht überflüssig macht. Es gibt eine Zeit zum Arbeiten und eine zum Schlafen.Rothschild unterscheidet diese „Infrastruktur“ der Welt von dem Mysterium des „Lebens“. Das Leben, erklärt er, kann nicht erschaffen, sondern nur beobachtet werden. Es entspringt aus dem Nichts und erfüllt Wasser, Luft und Erde in unzähligen Formen – von Fischen und monströsen Meereskreaturen über Vögel und Insekten bis hin zu den Säugetieren, zu denen auch der Mensch gehört. Selbst die Pflanzenwelt zeugt von dieser unerklärlichen Lebenskraft. Diese ganze geordnete und lebendige Welt deutet auf einen Schöpfer, „Elohim“, hin, der allem einen Sinn und eine Bestimmung gibt.Anschließend zeigt Rothschild auf, dass der biblische Text eine zweite, alternative Erzählung präsentiert. Diese konzentriert sich nicht auf den Kosmos, sondern auf den Menschen. Sie beginnt in einem paradiesischen Zustand, der jedoch durch menschliches Handeln eine Wendung erfährt. Aus Gottes Sicht geht etwas schief, aus menschlicher Sicht findet eine Evolution statt: Der Mensch muss fortan für seinen Lebensunterhalt schwitzen, Ackerbau betreiben, Werkzeuge erfinden und Familien gründen, um Wissen weiterzugeben.Die entscheidende Einsicht ist für Rothschild, dass das zweite Kapitel keine chronologische Fortsetzung des ersten ist, sondern ein völlig neuer Anfang. Die Existenz dieser beiden unterschiedlichen, sich nicht nahtlos aneinander anschließenden Versionen beweist, dass keine von beiden die alleinige Wahrheit für sich beansprucht. Stattdessen bietet die Tora mehrere Perspektiven, um die Welt und die Rolle des Menschen darin zu verstehen, und trägt damit einen poetischen und metaphorischen Charakter. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  30. 96

    Wesot HaBracha || Ewige Tora, wandelbare Herrschaft

    Im Wort zum Schabbat von ahavta - Begegnungen erläutert Kantor Amnon Seelig den Tora-Wochenabschnitt Wesot HaBracha aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 33 und 34. Dieser Abschnitt ist der letzte der Tora und wird ausschließlich am Feiertag Simchat Tora gelesen, niemals an einem regulären Schabbat. Dies – zusammen mit dem anschließendem Lesen von Bereschit an diesem Tag – symbolisiert, dass das Studium der Tora niemals endet; sobald der Zyklus abgeschlossen ist, beginnt er sofort von Neuem.​Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/wesot-habrachaDie ewige Tora und die wandelbare RegierungAmnon Seelig stellt zwei aufeinanderfolgende Verse aus Kapitel 33 in den Mittelpunkt seiner Auslegung. Der erste Vers, Die Tora hat uns Mose befohlen, ein Erbe der Gemeinde Jakobs (33,4), ist die Grundlage für ein bekanntes jüdisches Kinderlied, das uns Amnon singt. Es drückt eine einfache Wahrheit aus: Die Tora ist das ewige und unveränderliche Erbe des jüdischen Volkes.​Im Gegensatz dazu steht der komplexere nächste Vers (33,5), den die „Lesezeichen“ in der Tor in drei Teile gliedern. Amnon interpretiert den Vers mit den Weisen als symbolische Darstellung der Entwicklung menschlicher Regierungsformen:​* Die Monarchie: Der Teil Und es war ein König in Jeschurun (ein poetischer Name für Israel) repräsentiert die älteste Regierungsform, in der ein einzelner Herrscher wie ein König, Kaiser oder Diktator die alleinige Macht innehat.​* Die Versammlung der Oberhäupter: Die Phrase als sich die Häupter des Volkes versammelten steht für eine fortgeschrittenere Form, in der eine Gruppe von Ältesten, Gelehrten oder ein Parlament (wie die Knesset oder der Bundestag) gemeinsam Entscheidungen trifft.​* Die Demokratie: Der letzte Teil, zusammen die Stämme Israels, symbolisiert die modernste Form der Regierung. Hier hat jeder Bürger eine Stimme und nimmt an der Entscheidungsfindung teil, auch wenn dies in der Praxis meist indirekt durch Wahlen geschieht.​Amnon betont, dass diese politischen Systeme von Menschen geschaffen sind und sich im Laufe der Geschichte ständig verändern. Sie unterscheiden sich von Land zu Land und von Epoche zu Epoche. Die Tora hingegen, wie im vorherigen Vers beschrieben, bleibt als göttliches Erbe für alle Generationen stabil und unveränderlich. Sie ist die feste Grundlage des jüdischen Volkes, unabhängig von der jeweils herrschenden Regierungsform.​Ausblick und HoffnungIch ergänze die Auslegung um eine messianische Perspektive: Die Stufe der „direkten Demokratie“ könne auch auf eine zukünftige Zeit verweisen, in der alle Menschen die Tora gleichermaßen verstehen und es keine Hierarchie zwischen Gelehrten und Laien mehr gibt.Abschließend wird der Wunsch ausgedrückt, dass die am Ende des Kapitels verheißene Sicherheit für Israel bald Realität wird. Kantor Seelig endet mit dem Hoffnungswunsch, dass die Geiseln befreit werden.​ This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  31. 95

    Schabbat Haasinu || Zwischen Tod und ewigem Leben

    Im Wochenabschnitt Haasinu in 5. Mose 32erhält Mose den Befehl zu sterben. Rabbiner Daniel Katz erklärt dieses letzte, schwierige Lied und seine Botschaft der ewigen Kontinuität für das Volk Israel.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/haasinuKontext und SchwierigkeitRabbiner Katz stellt zunächst klar, dass der Wochenabschnitt Haasinu weniger im Kontext des gerade vergangenen Jom Kippur steht, sondern vielmehr auf das bevorstehende Fest Simchat Tora verweist. Er wird als letzte reguläre Parascha vor dem Abschluss des jährlichen Tora-Lesezyklus gelesen.Haasinu gilt als einer der schwierigsten Abschnitte der gesamten Tora. Dies liegt weniger am Inhalt als an der Sprache: Das Hebräisch ist äußerst poetisch und komplex, was das Verständnis erschwert. Obwohl die Parascha mit 52 Versen zu den kürzesten zählt, stellt sie eine große Herausforderung dar.Form und Inhalt des LiedesDer Abschnitt besteht aus einem Lied, das Mose dem Volk Israel vor seinem Tod vorträgt. In der Tora-Rolle hat dieses Lied ein einzigartiges Layout: Der Text ist in zwei schmalen Spalten angeordnet, was seine poetische Form visuell unterstreicht. Dies unterscheidet es von der normalen Textanordnung und auch von der ebenfalls poetischen Darstellung des „Liedes am Meer“, das wie Ziegelsteine gesetzt ist.Inhaltlich ist das Lied eine Zurechtweisung. Mose ruft Himmel und Erde als Zeugen an und ermahnt das Volk, weil es sich von Gott abgewandt hat. Er prophezeit Gottes Zorn, aber auch die spätere Rückkehr des Volkes zu Gott und die endgültige Versöhnung. Damit ähnelt das Lied den Abschiedsworten Jakobs im 1. Buch Mose, der seine Söhne vor seinem Tod segnet und ihre Zukunft voraussagt.Verbindungen zu anderen zentralen TextenKatz hebt zwei wichtige Verbindungen hervor:Das Schma Jisrael: Nach dem Lied befiehlt Mose dem Volk, sich seine Worte zu Herzen zu nehmen und sie den Kindern weiterzugeben. Die Formulierung „die Worte, die ich heute gegen euch bezeuge“ erinnert stark an die Sprache des Schma Jisrael. Sie kann als juristische Warnung verstanden werden, die auch im zweiten Absatz des Schma zu finden ist.Der Tod Moses: Unmittelbar nach dem Lied erhält Mose von Gott den Befehl: „Steig auf den Berg [...] und stirb“. Dieser Imperativ ist bemerkenswert. In der folgenden Parascha heißt es, Mose sei „auf den Mund Gottes“ (al pi Adonai) gestorben. Daniel Katz erläutert zwei Deutungen: Entweder stirbt Mose aufgrund dieses direkten Befehls, oder – in einer poetischen Auslegung – Gott nimmt sein Leben durch einen Kuss.Die Kontinuität des LebensObwohl Mose den Befehl zum Sterben erhält, endet die Geschichte nicht. An Simchat Tora wird unmittelbar nach dem Ende der Tora wieder mit dem Anfang begonnen und zudem das Buch Josua aufgeschlagen. Dies symbolisiert, dass das Tora-Studium und das jüdische Leben niemals enden. Während das Leben des Einzelnen (Mose) endet, lebt das Volk Israel weiter. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  32. 94

    Schabbat Wajelech || Gehen als Zeichen wahrer Führung

    Im Wort zum Schabbat von ahavta - Begegnungen erläutert Kantor Amnon Seelig den Wochenabschnitt Wajelech aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 31. Dieser Abschnitt ist mit nur 30 Versen der kürzeste der Tora und wird in den meisten Jahren zusammen mit dem vorherigen Abschnitt Nizawim gelesen.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/wajelechDie Bedeutung des GehensAmnon Seelig konzentriert seine Auslegung auf das erste Wort des Abschnitts, Wajelech – „Und er ging“. Der erste Vers lautet: „Und Mose ging und redete diese Worte zu ganz Israel.“ Dies erscheint widersprüchlich, da Mose an Ort und Stelle steht und eine lange Abschiedsrede hält. Der Vers scheint überflüssig, da er lediglich eine Rede fortsetzt.Die Besonderheit liegt laut Seelig in der seltenen Verwendung der Wortkombination Wajelech Mosche („Und Mose ging“). Diese Formulierung kommt in der gesamten Tora nur viermal vor und markiert stets einen entscheidenden Fortschritt in der Geschichte des jüdischen Volkes :Als Mose nach der Offenbarung am Dornbusch zu seinem Schwiegervater Jetro zurückkehrt, um nach Ägypten zu gehen.Als Mose gemeinsam mit Aaron die Ältesten Israels versammelt, um ihnen Gottes Botschaft zu überbringen.Zu Beginn des aktuellen Wochenabschnitts Wajelech.Innerhalb desselben Abschnitts, als Mose gemeinsam mit Josua zum Zelt der Zusammenkunft geht, um Josua in sein Amt als Nachfolger einzuführen.Symbol für fortschrittliche FührungDie ersten beiden Male stehen am Anfang von Moses’ Wirken, die letzten beiden am Ende seiner Führung. Seelig deutet dies als Symbol für Moses’ Führungsqualität: Er war immer in Bewegung und dachte stets daran, wie er das Volk Israel weiterbringen kann. Obwohl das „Gehen“ im aktuellen Abschnitt nicht physisch ist, symbolisiert es einen geistigen Fortschritt. Mose klammert sich nicht an sein Amt, sondern sorgt für einen geordneten Übergang und die Erfüllung von Gottes Willen. Seine Priorität ist die Aufgabe, nicht die Macht.Verbindung zur HalachaVon dem hebräischen Wort für „gehen“ (halach) leitet sich auch der Begriff Halacha ab, das jüdische Religionsgesetz. Seelig erklärt, dass die Halacha daher kein starres, eingefrorenes Regelwerk ist. Vielmehr ist sie ein Weg, der sich den jeweiligen Herausforderungen der Zeit anpasst und immer in Bewegung bleibt, genau wie das Leben selbst. Mose verkörpert dieses Prinzip, indem er stets voranschreitet und nur das Interesse des Volkes und Gottes Wort vor Augen hat. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  33. 93

    Schabbat Nizawim || Wähle das Leben

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild liest Nizawim in 5. Buch Mose 29,9–30,20 als aktuellen Aufruf zur Bundestreue, zur Verantwortungsübernahme und zur bewussten Wahl des Lebens – persönlich, gemeinschaftlich und politisch, gerade angesichts von Krieg, Geiseln und globalen Spannungen.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/nizawimKontextRothschild verortet Nizawim zwischen vorherigen Abschnitten über Krieg und Landnahme: erst Regeln im Krieg, dann Ankunft im Land und Dankopfer – daraus erwächst Verantwortung in der Gegenwart, nicht Theorie für die Vergangenheit. Er betont, Tora werde wöchentlich gelesen, damit sie aktuell bleibe; Politik sei nicht ausklammerbar, denn Nizawim fordert konkrete Entscheidungen in realen Krisen ein.Alle stehen im Bund„Ihr steht heute alle“ umfasst Führung, Männer, Frauen, Kinder und den Fremden – bis zum Holzhauer und Wasserschöpfer –, also auch Zugewanderte und Arbeiter; der Bund gilt den Anwesenden und den Noch‑Nicht‑Geborenen gleichermaßen. Daraus leitet er eine Ethik der Mitverantwortung ab: Identität bewahren, aber inmitten anderer Völker leben, Einfluss abwägen und Grenzen kultureller Übernahme reflektieren.Die Wahl: Leben oder TodKernthese ist die Freiheit des Willens: Segen und Fluch, Leben und Tod stehen vor jedem Einzelnen, nicht fremde Mächte entscheiden, sondern die Gemeinschaft und jede Person selbst. Diese Wahlpflicht sei „jüdische DNA“ und fordert täglich Richtung: rechts oder links, Gehorsam oder Abkehr – und politisch: wie konkret Leben zu schützen ist.Teschuwa und HeimkehrKapitel 30 ruft zur Rückkehr zu Gott auf – bemerkenswert in der Reihenfolge: zuerst Umkehr, dann Hören auf Gottes Stimme, mit Kindern und ganzem Herzen. Gott sammelt die Zerstreuten, kehrt Gefangene zurück und verlagert Fluch auf Feinde; Rothschild liest dies existenziell angesichts von Geiseln und Migration jüdischer Gemeinden aus Europa nach Israel.Der Bund ist nicht fernDie Gebote seien „nicht im Himmel“ und „nicht über dem Meer“: Das Richtige liegt nahe, im Mund und Herzen, um es zu tun – Verantwortung wird unabtretbar persönlich. „Wähle das Leben“ heißt praktisch: nicht nur eigenes Leben, sondern Schutz des Gemeinwesens, bei tragischer Kollateralität und harten Zielkonflikten in Kriegsentscheidungen.Realismus, Wehrhaftigkeit, KritikJudentum gründet nicht auf „Frieden um jeden Preis“, sondern auf Bund: Frieden oder Krieg sind Mittel des Gehorsams je nach Notwendigkeit der Verteidigung. Pazifistischer Idealismus ohne Schutz führe historisch ins Massaker; daher plädiert er für wehrhafte Nüchternheit und Misstrauen gegenüber Propaganda in aktuellen Konflikten.Generationen und BildungOhne Erziehung an Werte, Pflichten und Gottesidee trägt die nächste Generation den Bund nicht; daher die Sorge um jüdische Jugendliche nicht nur in den USA und der Ruf nach wertebasierter Religionsbildung jenseits von Konfessionsschablonen. Integration in pluralen Gesellschaften verlangt Sprache, Arbeit, gleiche Bildung für Töchter und Söhne – bei klarer Bewahrung eigener Identität.Gegenwartspolitische SpiegelungDer Rabbiner kritisiert unklare Projektionen eines „palästinensischen Staates“ ohne geklärte Verfasstheit, erinnert an innere Pluralität palästinensischer Akteure und warnt vor europäischem Signalisieren ohne tragfähige Lösungen. Zugleich unterstreicht er den israelischen Grundkonsens: Geiseln retten, Frieden anstreben – der Streit betrifft das Wie, nicht das Ob.Das Ziel der UmkehrAm Ende des Jahres vor Rosch HaSchana ruft Nizawim zur Teschuwa, zur Erneuerung des Bundes und zur Entscheidung für das Leben – damit Tage verlängert werden und die Kinder in Frieden wohnen, „auf dem Boden“, nicht darunter. Der Text wird so zum existenziellen Ruf: wählen, umkehren, handeln – jetzt. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  34. 92

    Schabbat Ki Tawo || Schofar, Schma und Schalom

    Rabbiner Andrew Steiman entfaltet die Parascha Ki Tawo in 5. Mose 26,1–29,8 als Einladung zum Hören, Verstehen und Handeln: Das Schma und das Schofar stehen für Beziehung, Verantwortung und Erneuerung, nicht für blinden Gehorsam. Jede Mizwa zielt auf die Bildung einer freien, würdigen und gerechten Gesellschaft, die Geschichte, Gesetz und Gegenwart verbindet.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/ki-tawoKernideeKi Tawo markiert im Buch Dewarim/Deuteronomium den späten Höhepunkt von Moses als Lehrer: Er verknüpft Gebote mit der eigenen Geschichte und Identität, sodass Gesetz persönlicher Auftrag und nicht abstrakte Anordnung ist. Gesetz dient der Menschenwürde, dem Schutz der Natur (Schabbatruhe) und der Formung einer freien, gerechten Ordnung.Hören und SchofarDas Schofar ist bei Maimonides ein „Gebet ohne Worte“; seine Töne rufen zur Rückkehr, Erneuerung und inneren Aufmerksamkeit auf. Die drei Klangmuster spiegeln Kontinuität (lang), Loslassen (kurz) und Zwischentöne, wodurch Hören zur existenziellen Übung wird.Schma und Gehorsam„Schma“ bedeutet nicht nur akustisches Hören, sondern Beherzigen, Verstehen und Befolgen; im Hebräischen verschmelzen „hören“ und „gehorchen“. „Na’aseh ve-nishma“ lehrt: Im Tun wächst das Verstehen; blinder Gehorsam hat in der Tora keinen Platz.Gesetz, Freiheit, GeschichteIsrael lernt Freiheit nach der Sklaverei: Erst Befreiung ermöglicht Denken und Verantwortung. Die 613 Gebote strukturieren Freiheit, damit aus Unterwerfung dialogische Partnerschaft mit Gott wird.Sprache und DialogSteiman kontrastiert „Gehorchen“ in autoritären Kulturen mit dem biblischen Hören als aktiver, verstehender Antwort. Dialog stiftet Identität; Rituale wie das Bedecken der Augen beim Schma schärfen das innere Hören jenseits bloßer Routine.Begründetes RechtMit David Weiss Halivni betont er „gerechtfertigtes Recht“: Die Tora will einsichtig machen statt dekretieren, im Gegensatz zu antiken und modernen Autokratien. Der Befehl Gottes erscheint wie Unterricht eines Lehrers, der Verständnis und Zustimmung sucht.Gegenwart und EthikSteiman kritisiert „Canceln“ und politische Gewalt und ruft zum Zuhören auf; echte Demokratie ersetzt Gewalt durch Abwahl. Hinweise auf Repressionen wie Hinrichtungen im Iran unterstreichen, wie sehr Freiheit, Würde und Rechtfertigung bedroht sind.Feste und HoffnungRosch HaSchana (zwei Tage) und Jom Kippur rahmen die innere Erneuerung: Gott „führt Klassenbuch“, doch richtet mit Zeit und Geduld. Seit dem 7. Oktober gewinnt „We will dance again“ an Gewicht: Simchat Tora und das Schofar nähren aktive Hoffnung statt passiven Optimismus.Zum SchlussGott ist Lehrer, kein Tyrann: Er ruft zur vernünftigen, dankbaren und demütigen Freiheit, die hört, versteht und tut. So bleibt das jüdische Volk trotz Verfolgung lebendig: durch persönliche Aneignung von Gesetz, Geschichte und Hoffnung. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  35. 91

    Schabbat Ki Teze || Mizwot als Schule der Verantwortung

    Rabbiner Jehoschua Ahrens deutet Ki Teze in 5. Mose 21,10–25,19 als dichten Katalog von Sozial- und Charaktergesetzen, der Handeln, Verantwortung und zwischenmenschliche Ethik in den Mittelpunkt stellt, und verankert dies in Talmud, Rambam, Ramban und Hillel als Leitfaden für Elul und den Weg zu Rosch Haschana.Einordnung der Parascha: Ki Teze umfasst die größte Sammlung einzelner Gebote der Tora; je nach Zählung sind es 74 (Sefer HaChinuch) oder 72, und sie reichen von Kriegsregeln über Familien-, Eigentums- und Arbeitsrecht bis zu Tierwohl und faires Wirtschaftsverhalten. Diese Vielfalt dient als „Mini‑Tora“ für eine gerechte Gesellschaft und rahmt den Abschnitt zwischen „Wenn du in den Krieg ziehst“ und dem Erinnerungsgebot an Amalek am Ende.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/ki-tezeWarum Gebote? Ahrens greift die talmudische Maxime auf: „Größer ist, wer zum Gebot verpflichtet ist und es erfüllt, als wer nicht verpflichtet ist und es erfüllt“, und verweist auf Tosafot: Verpflichtung erzeugt inneren Widerstand, Sorge und ständigen Kampf mit den eigenen Neigungen; gerade das steigert den Wert der Tat und formt den Charakter. Freiwilligkeit ist gut, aber die Bindung an eine höhere Autorität zwingt zur Verantwortung.Objektive Norm statt Subjektivität: Die Tora‑Mitzwot seien nicht beliebige Regeln, sondern Anspruch einer höheren Quelle; wie die Schöpfungsordnung die Natur trägt, ordnen die Gebote die moralische Welt und zielen darauf, das Gemeinwohl zu schützen und den Menschen von Willkür zu befreien. Daraus leitet Ahrens ab, dass Mitzwot nicht „legalistisch“ sind, sondern eine sittliche Schulung zum Guten.Körper und Seele: In der Tradition wird die Zahl der positiven Gebote mit den „Gliedern“ des Menschen verglichen, um die Ganzheitlichkeit des Handelns zu betonen; das Einhalten von Geboten und das Meiden von Verboten bringt Heiligkeit in das Leben und verbindet leibliche Praxis mit seelischer Ausrichtung. Ziel ist eine integrierte Persönlichkeit, die sich an Gott ausrichtet.Ethos des Handelns: Rambam betont, dass die Mitzwot negative Eigenschaften brechen und den Charakter bessern sollen; Ki Teze illustriert das in Sozialnormen wie Rückgabe verlorenen Eigentums, pünktlicher Lohnzahlung, Vorsorge durch Dachgeländer und Achtsamkeit gegenüber Schwachen und Tieren. Judentum ist damit wesentlich Praxis – Lernen geht in Tun über.Elul und Teshuwa: Im Monat Elul bereitet man sich durch Selbstprüfung, Bitten um Vergebung und Versöhnung mit Mitmenschen auf Rosch Haschana vor; die hier geforderte Arbeit an sich selbst verbindet Frömmigkeit mit sozialer Verpflichtung. Der Schwerpunkt liegt auf zwischenmenschlichen Geboten, ohne die göttliche Beziehung zu vernachlässigen.Hillels Kernformel: Auf die Frage nach der Tora „auf einem Bein“ lautet die Leitregel: „Was dir verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht; der Rest ist Kommentar – geh und lerne.“ Ahrens liest dies als praktische Kompassnadel: Alle Gebote – vom Schabbat bis zur Wohltätigkeit – dienen der Rückbindung an den Anderen und der Einübung von Demut statt Ego‑Zentrierung.Nutzen für den Menschen: In nachmanidischer Perspektive liegt der „Nutzen“ der Gebote beim Menschen selbst – zur Abwehr schädlicher Tendenzen, zur Erinnerung an Gottes Zeichen und zur Gotteserkenntnis; Gehorsam erschließt innere Ruhe und Frieden, weil er das Ich dezentriert und auf den Schöpfer verweist. So wird der ethisch‑moralische Imperativ der Tora durch konkretes Handeln zur Heiligung des Alltags.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  36. 90

    Schabbat Schoftim || Gerechtigkeit nachjagen zwischen Macht, Maß und Recht

    Rabbiner Dr. Daniel Katz betont, dass der Wochenabschnitt Schoftim in 5. Buch Mose 16,18–21,9 die Einrichtung eines gerechten Rechtswesens fordert: Fähige, unbestechliche Richter und Amtsträger sollen das Recht „in gerechtem Gericht“ durchsetzen, ohne Ansehen der Person, denn Bestechung verblendet die Weisen und verdreht die Worte der Gerechten. Der Leitvers „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du nachjagen“ verbindet Recht mit Leben und Landbesitz: Gerechtigkeit ermöglicht lebendige Gesellschaft und Bestand im Land; die doppelte Wortwahl und der hebräische Rhythmus verleihen diesem Imperativ besondere Dringlichkeit. Katz unterstreicht, dass die ethische Weisung der Tora nicht vom gesellschaftlichen Recht trennbar ist, weil Gottes Ordnung das ganze Leben betrifft; Recht beugen, Parteilichkeit und Korruption widersprechen daher sowohl der sozialen Ordnung als auch der religiösen Ethik.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/schoftimIm zweiten Schwerpunkt wendet sich Katz der Königsgesetzgebung in Kapitel 17 zu: Ein König ist erlaubt, aber nicht vom Volk frei gewählt, sondern von Gott erwählt, aus der Mitte der Brüder – kein Fremder; diese Setzung problematisiert Macht und Assimilation „wie alle Völker“. Die Tora begrenzt königliche Macht durch drei Verbote: keine vielen Pferde (keine Rückbindung an Ägypten und kein militaristischer Machtaufbau), keine vielen Frauen (damit das Herz sich nicht abwendet), kein Anhäufen von Silber und Gold (um Korruption und Machtmissbrauch zu verhindern). Als positives Gegengewicht verpflichtet die Tora den König, sich eine Abschrift der Tora anzufertigen und täglich darin zu lesen, um Gottesfurcht zu lernen, die Gebote zu üben, nicht nach rechts oder links abzuweichen und sein Herz nicht über die Brüder zu erheben; so besteht sein Königtum lange und vorbildlich.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  37. 89

    Schabbat Re'eh || Jeden Tag neu entscheiden

    Amnon Seelig spricht zum Wochenabschnitt Re’eh (5. Mose 11,26–16,17) und setzt bei den Eingangsversen an: „Siehe, ich lege euch heute vor Segen und Fluch.“ Er wählt dafür die Luther-Übersetzung. Drei Leitfragen strukturieren seine Auslegung: Warum „heute“ und in der Gegenwartsform „ich gebe“? Warum der Wechsel von Singular („siehe“) zu Plural („euch“)? Und warum „sehen“ statt „hören“?Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/reehErstens betont „heute“ die stets erneuerte Wahlfreiheit. Obwohl die Gebote bereits gegeben sind, formuliert die Tora im Präsens: Gott „gibt“ jeden Tag neu. Mit dem Vilnaer Gaon erläutert Seelig: Der Mensch ist nie an frühere Entscheidungen festgenagelt; er kann jederzeit den Weg ändern. „Heute“ heißt: tägliche Möglichkeit zur Umkehr und Verbesserung – bis zum Lebensende. Wer fragt, welches „Heilmittel“ es nach langem falschen Weg gibt, erhält die Antwort: die tägliche, konkrete Entscheidung.Zweitens eröffnet der Wechsel von Singular zu Plural einen vielschichtigen Blick. Der Kotzker Rebbe liest „siehe“ (Singular) als Hinweis auf die je einzigartige Perspektive jedes Einzelnen: Alle empfangen denselben Text, doch jede Person hat ihre unverwechselbare Sicht auf die Tora. Der Chatam Sofer verbindet Singular und Plural mit Verantwortung: Segen und Fluch hängen am Verhalten der Gemeinschaft, dennoch darf sich der Einzelne nicht als „Tropfen auf dem heißen Stein“ entschuldigen. Die rabbinische Mahnung lautet: Man stelle sich die Welt halb schuldig und halb gerecht vor – die eigene Tat neigt die Waage. Daraus folgt praktische Verantwortung, etwa beim Wählen oder im ethischen Handeln. Der Vilnaer Gaon akzentuiert zusätzlich die Pflicht, nicht der Menge „wie einer Herde“ zu folgen: Der Einzelne prüft selbst, ob ein Weg wirklich der Tora entspricht. Schließlich führt Seelig eine kabbalistisch gefärbte Deutung an: Israel ist als Volk ein einziger Leib mit einer Wurzel der Seele; „siehe“ kann die Anrede an dieses eine Kollektivsubjekt sein. Als Musiker illustriert er das mit einem Bühnenbild: Man singt nicht vor 300 Menschen, sondern vor „einer Person in 300-facher Ausführung“ – individuelle Wahrnehmung innerhalb der Einheit.Drittens steht „sehen“ und nicht „hören“. Zwar adressiert die Tora oft mit „Höre, Israel“, doch hier will sie die Augen öffnen: Segen und Fluch sind keine blinde Schicksalsmacht, sondern liegen in der menschlichen Wahl und Verantwortung. „Sehen“ meint: die Wirklichkeit erfassen, Einsicht gewinnen, Verknüpfungen erkennen – wie in Nizawim: „Ich lege dir heute vor Leben und Gutes, Tod und Böses.“ Es geht darum, dass Dinge nicht zufällig geschehen; Entscheidung und Verantwortung liegen in der Hand des Menschen.Zum Schluss ergänze ich (Ricklef Münnich) zwei Gegenwartsbezüge: Erstens verlangt die Entscheidung für Gut und Böse, die Lage „heute“ zu sehen – die Situation Israels nach dem 7. Oktober 2023 ist nicht mit „davor“ vergleichbar. Zweitens gehört Streitkultur zum jüdischen Leben: Vielfalt der Auslegungen, harte Debatten auf Straße und im Parlament – und doch bleiben alle Teil von Am Jisrael. Aus Seeligs Deutung folgt: persönliche Verpflichtung, gemeinschaftliche Verantwortung und das tägliche, sehende Entscheiden für den besseren Weg. Schabbat Schalom.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  38. 88

    Schabbat Ekew || Liebe, Bund und Zivilcourage

    Rabbiner Andrew Steiman spricht zur Parascha Ekew in 5. Mose 7,12–11,25. stellt Ekew als Abschnitt vor, in dem Mose die Beziehung zwischen Israel und Gott als Bund der Liebe und Gnade vertieft und zugleich ethisch-politisch konkretisiert.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/ekewSteiman betont, dass das Deuteronomium die Sprache der Liebe besonders verdichtet: Der Begriff Ahava tritt hier auffallend häufig auf und steht neben Chesed (Gnade), sodass Liebe nicht Gefühl, sondern tragfähige, bundestreue Praxis ist. Gottes Zusage „er wird dich lieben, segnen und vermehren“ knüpft an den Gehorsam gegenüber den Rechtsvorschriften und an die Treue zum Bund der Väter an.Diese Liebe hat drei Achsen: die Liebe zu Gott (mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft), die Nächstenliebe („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“) und die Liebe zum Fremden, begründet in Israels eigener Fremdlingserfahrung in Ägypten. Steiman unterstreicht die Präzision des hebräischen Kamocha: Der Nächste ist „wie du“ – konkret, nah, bekannt; Nächstenliebe ist deshalb anspruchsvoll und zutiefst altruistisch. Zugleich weist er das verbreitete Missverständnis zurück, Liebe sei primär ein „christlicher“ Wert und das „Alte Testament“ vom Vergeltungsmotiv geprägt: Die Tora formt im Gegenteil eine Ethik der Liebe, die gesellschaftlich transformierend wirkt.Im Dialog wird die sogenannte „Feindesliebe“ entmythologisiert: Jesus’ Rat, die „andere Wange“ hinzuhalten, sei kein universalistisches Pazifismusgebot, sondern ein kluger Kontext-Ratschlag in einer asymmetrischen Machtsituation unter römischer Besatzung; er verbietet nicht Schutz des Lebens oder Rechtswahrung. Liebe bedeute „Gutes tun“ – differenziert, verantwortet, ohne Selbstaufgabe. Daraus folgt: Vergebung ist ein Kernzug der biblischen Liebesethik, aber sie setzt Lern- und Reifungsprozesse voraus, die in der biblischen Geschichte sichtbar werden (vom goldenen Kalb bis zur erneuten Bundessicherung). Gott selbst erscheint als „Gott der Geschichte“, der mit einem „hartnäckigen“ Volk bleibt, es erzieht, vergibt und zugleich Gerechtigkeit fordert.Ekew verbindet so Liebe mit Zedek/Zedaka: Bundestreue und soziale Ethik bedingen einander. Segen, Land und Sicherheit stehen unter der Bedingung moralischer Verantwortung und Abkehr von Götzendienst; die Eroberung des Landes wird als schrittweise, von Gott geführte Entlastung von feindlichen Kulten beschrieben, nicht als Blankoscheck für Gewalt. Aus dieser Theologie ergibt sich eine Gegenwartsansprache: Zivilcourage ist Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Steiman knüpft an jüngste antisemitische Vorfälle an, beklagt das Versagen der Zivilgesellschaft und ruft dazu auf, „zum Nächsten zu werden“ – wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.Schließlich ordnet er Ekew liturgisch und zeitlich ein: In den Wochen der Tröstungen nach Tischa beAw bis Rosch HaSchana steht Erneuerung im Zeichen von Liebe, Trost und Hoffnung. Mose spricht am Lebensabend; seine Rede bündelt Erfahrung zu einem ethischen Vermächtnis: Liebe als bundestreue Praxis, Vergebung als Lernweg, Gerechtigkeit als gesellschaftliches Fundament – damit Leben gelingt.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  39. 87

    Schabbat Wa'etchanan || Judentum GmbH

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild spricht zum Schabbat Nachamu und zur Parascha Wa’etchanan in 5. Mose 3,23–7,11 aus einer Zeit tiefer Erschütterung heraus. Der Schabbat des Trostes beginnt nach Tischa b’Aw, dem Gedenktag der Tempelzerstörung, doch Rothschild findet in der traditionellen Haftara aus Jesaja 40 wenig echten Trost.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/waetchananDie Schwierigkeit des Trostes„Tröstet, tröstet mein Volk“ - diese Worte des Propheten wirken paradox, wenn Gott das Volk „doppelt“ für seine Sünden bestraft hat. Rothschild fragt kritisch: Welcher Trost liegt darin, härter bestraft zu werden als verdient? Die Metapher vom Hirten, der seine Herde hütet, erscheint ihm zwiespältig - letztendlich werden auch gehütete Schafe geschlachtet.Gegenwärtige HerausforderungenFast zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 sieht Rothschild Israel in einer scheinbar ausweglosen Situation. Die Medienberichterstattung empfindet er als überwiegend negativ und verzerrt. Die Geiselnahmen beschreibt er als „Erpressung, absolute Erpressung“ - ein moralisches Dilemma ohne einfache Lösung.Moses’ Vermächtnis in Wa’etchananIn der Parascha steht Moses vor seinem Abschied. Er darf das Gelobte Land sehen, aber nicht betreten - ein Beispiel für die Begrenztheit menschlicher Führung. Moses wiederholt die Zehn Gebote und das Schma Jisrael, gibt aber auch strenge Anweisungen für die Landnahme: Die sieben Völker sollen vertrieben werden.Politische RealitätenRothschild weigert sich, konkrete politische Empfehlungen zu geben, betont aber: „Man kann nicht dahin zurückkehren wie es am 6. Oktober gewesen ist“. Gaza bleibt unter Tunneln und Sprengfallen begraben. Eine Rückkehr zum Status quo ante erscheint unmöglich.Ein schwieriger TrostDen einzigen Trost findet Rothschild darin, dass Israel noch existiert - mit all seinen internen Konflikten, politischen Debatten und militärischen Herausforderungen. Diese Streitkultur deutet er als Zeichen der Stärke: „Jeder Jude hat mindestens eine Meinung“. Wo kein Streit herrscht, da solle man sich sorgen.Theologische ReflexionDie traditionellen Texte bleiben aktuell: Die Zehn Gebote fordern Wahrhaftigkeit und verbieten Mord, doch die Welt scheint diese Werte zu missachten. Rothschild beschreibt das Judentum als „Glaube mit beschränkter Hoffnung“ - diesmal seine einzige humorvolle Bemerkung…Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  40. 86

    Schabbat Dewarim || Richter brauchen mehr als Talent: Weisheit und Gerechtigkeit

    Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens erläutert den Wochenabschnitt Dewarim in 5. Mose 1–3,22 als bedeutsamen Übergang und Abschluss der Tora. Nach fast 40 Jahren Wüstenwanderung beginnt das fünfte Buch Mose, das auch Mischneh Torah (Wiederholung der Torah) genannt wird, da Mose viele Passagen der vorherigen Bücher wiederholt.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/dewarimMose als RednerBesonders bemerkenswert ist der Beginn mit „Eleh Dewarim“ (dies sind die Worte) – zum ersten Mal spricht Mose seine eigenen Worte und nicht Gottes Worte zum Volk. Ahrens betont die paradoxe Entwicklung: Am brennenden Dornbusch bezeichnete sich Mose noch als schlechten Redner („Lo isch dewarim“), weshalb Aaron für ihn sprechen sollte. Nun steht er klar und deutlich vor dem Volk. Rabbi Tanchuma erklärt dies mit einem Gleichnis: Mose war durchaus ein guter Rhetoriker, aber im Vergleich zu Gott erschien er wie stumm.Führung und ÜbergabeDa Mose das Volk nicht ins verheißene Land führen wird, bereitet er den Übergang zu Joschua vor. Von Mose bleiben keine Denkmäler oder Ehrensäulen – nur das Echo seiner Worte. Ahrens unterstreicht, dass jede Führungspersönlichkeit für ihre Zeit bestimmt ist: Mose war perfekt für die Wüstenwanderung, Joschua wird für die neue Situation geeignet sein.Bedeutung von Recht und GerechtigkeitZentral in Moses Abschiedsrede ist die Ermahnung zur richtigen Auswahl von Richtern und Stammeshäuptern. Ahrens zitiert: „Erkennt kein Ansehen im Gericht, denn das Gericht ist Gottes“. Nach talmudischer Lehre müssen Richter wissen, wen sie richten, vor wem sie richten und wer sie zur Rechenschaft ziehen wird.Qualifikationen für FührungEin Richter benötigt mehr als juristische Kenntnisse oder Unbestechlichkeit – er muss die Torah kennen und nach ihr leben. Selbst edle Eigenschaften wie Schönheit, Stärke oder Reichtum qualifizieren nicht automatisch für das Richteramt. Biblische Richter waren nicht nur Juristen, sondern auch moralische Leitbilder und spirituelle Führungspersönlichkeiten. Aus solchen gehen Rabbiner und Gemeindeleiter hervor.GemeinschaftsdienstAhrens betont, dass Gemeindeämter eine selbstlose Verpflichtung darstellen – keine Führung nach eigenen Vorstellungen oder zum persönlichen Nutzen. Führungskräfte müssen sich an Torah-Gesetzen von Recht und Gerechtigkeit orientieren und als „Dienstpflicht im Dienste der Gesamtheit“ agieren. Sie dürfen ihre Befugnisse nicht missbrauchen, müssen fair die Interessen der Menschen vertreten und auch Kritik mit Geduld ertragen.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  41. 85

    Schabbat Mattot & Massej || Liturgie und Erinnerung: Tischa beAw, Kol Nidre und die Aktualität der Paraschot

    Rabbiner Dr. Daniel Katz erläutert zum Wochenabschnitt Mattot-Massej, dass an diesem Schabbat das vierte Buch Mose, Bamidbar (Numeri), im jüdischen Jahreszyklus abgeschlossen wird. Der Abschnitt markiert den Übergang vom Monat Tammus zum schwierigen Monat Aw im jüdischen Kalender und steht zeitlich in der Periode der „drei Wochen“, die zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Aw (Tischa beAw) liegt. In dieser Zeit wird des Falls und der Zerstörung Jerusalems gedacht.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:Die Bedeutung der GelübdeIm Zentrum der Parascha Mattot steht das Thema der Gelübde (Nedarim). Das Buch beginnt mit der Weisung: Wenn jemand dem Ewigen ein Gelübde ablegt oder einen Eid schwört, darf er sein Wort nicht brechen. Alles, was über seine Lippen kommt, soll er einhalten. Rabbiner Katz betont die Ernsthaftigkeit, mit dem Namen Gottes verbundenen Versprechen zu begegnen – eine Regel, die nicht nur im Kontext der Zehn Gebote zentral ist („Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht missbrauchen“), sondern auch den gesamten zwischenmenschlichen und den Menschen-Gott-Bereich betrifft.Er hebt hervor, dass das Judentum traditionell rät, mit „bli neder“ („ohne Gelübde“) eine gewisse Zurückhaltung zu zeigen, da der Mensch nie sicher sein kann, künftige Zusagen immer einhalten zu können. Die jüdische Tradition betont daher Vorsicht vor vorschnellen Schwüren und das Bewusstsein um die Begrenztheit menschlicher Voraussicht.Verknüpfung zu Kol Nidre und Jom KippurKatz zieht eine inhaltliche Linie von den Worten der Parascha zur Kol-Nidre-Liturgie am Beginn des Jom Kippur. Dort werden Gelübde gegenüber Gott, die nicht eingehalten wurden, zeremoniell annulliert. Dies betrifft jedoch nur das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, nicht zwischenmenschliche Verpflichtungen – diese müssen gegenüber dem Mitmenschen selbst bereinigt werden. Katz erklärt, dass die Formulierung und symbolische Kraft von Kol Nidre eine Reform darstellt, die sich im frühen Mittelalter entwickelte und heute als zentraler Moment des Jom Kippur gilt.Zeitlicher Rahmen und historische BezügeDie Wochenabschnitte liegen kalendarisch vor der Zeit der historischen Katastrophen um Jerusalem, sowohl zur Zeit der Babylonier als auch der Römer. Katz spricht von der „Zerstörung Jerusalems“ als prägendes Trauma, das die dreiwöchige Trauerperiode und den Fastentag Tischa beAw bestimmt. Die Lesung von Mattot-Massej bildet dabei einen Übergang zwischen Trauer und der Hoffnung auf eine heilsame Zukunft, die im Monatsrhythmus und im Jahreszyklus des Judentums seinen Ausdruck findet.Liturgische EntwicklungenAbschließend weist Katz darauf hin, wie liturgische Reformen – etwa Kol Nidre oder Kabbalat Schabbat – zu essenziellen Elementen des jüdischen Gottesdienstes wurden. Sie zeigen die Lebendigkeit und Entwicklungsfähigkeit des religiösen Lebens im Dialog zwischen Tradition und Reform.Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  42. 84

    Schabbat Pinchas || Vorkämpferinnen für Frauenrechte

    Kantor Amnon Seelig erklärt den Wochenabschnitt „Pinchas“ aus dem 4. Buch Mose, 25,10–30,1 und konzentriert sich dabei auf zwei zentrale Aspekte dieser langen Parascha.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/pinchasDie Geschichte von PinchasSeelig interpretiert Pinchas’ Gewalttat als Ausnahme, die die Regel bestätigt. Pinchas hatte einen Israeliten und eine Midianiterin durchbohrt und erhält dafür von Gott den „Bund des Friedens“. Der Kantor betont, dass normalerweise niemand das Gesetz in die eigene Hand nehmen darf – das Judentum ist eine Religion des Gesetzes, nicht der Willkür. Gott billigte Pinchas’ Handeln ausnahmsweise und wollte verhindern, dass er dafür bestraft wird. Seelig bezeichnet Pinchas als den letzten Menschen in der Tanach-Geschichte, der gegen das Gesetz handelte und trotzdem göttliche Billigung erhielt.Die Töchter Zelophchads - Vorkämpferinnen für FrauenrechteDer Hauptfokus liegt auf den fünf Töchtern Zelophchads: Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza. Ihr Vater stirbt ohne männliche Erben in der Wüste, und sie fordern vor Mose ihr Erbrecht ein. Sie argumentieren: „Warum soll nun ausgehen der Name unseres Vaters aus seinem Geschlechte, weil er keinen Sohn hat, gib uns ein Eigentum unter den Brüdern unseres Vaters“.Moses wendet sich ratlos an Gott, der den Töchtern Recht gibt – sie dürfen erben, müssen aber innerhalb ihres Stammes heiraten, damit die Landverteilung stabil bleibt. Seelig bezeichnet dieses Gesetz als revolutionär für die Zeit vor 3500 Jahren, da Frauen normalerweise zur Familie ihres Mannes gehörten und dessen Namen annahmen.Rabbinische Würdigung und symbolische BedeutungDie Rabbiner durch die Generationen schwärmen von den Töchtern Zelophchads und preisen sie als weise, klug und tüchtig. Im Gegensatz zu anderen Israeliten, die Ägypten vermissen und das Heilige Land fürchten, fordern diese Frauen aktiv ihr Erbe im Land ein. Seelig sieht sie als „fantastisches Gegenbeispiel zu der Feigheit des Restes des Volkes“.Besonders bemerkenswert findet der Kantor die symbolische Bedeutung ihrer Namen, die alle mit Bewegung und Fortschritt verbunden sind:• Machla: sich kreisen, umdrehen, tanzen• Noa: sich bewegen• Chogla: umdrehen• Milka: laufen, gehen• Tirza: (impliziert ebenfalls Bewegung)Diese Namen symbolisieren, wie die Frauen „das Volk und den Stand der Frau vorangebracht“ haben. Seelig empfiehlt diese Namen als Vorbilder für Töchter. Ich habe daraufhin die fünf Frauen scherzhaft als „die ersten Zionistinnen“ bezeichnet, da sie unbedingt ins Heilige Land wollten. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  43. 83

    Schabbat Balak || Resilienz durch Humor und Wahrheit

    Rabbiner Andrew Steiman erklärt den Wochenabschnitt Balak aus 4. Mose 22,2–25,9 als eine Geschichte über Resilienz und jüdischen Humor als Waffen gegen Feindseligkeit. Die zentrale Erzählung handelt von König Balak, der den Propheten Bileam beauftragt, das Volk Israel zu verfluchen, nachdem militärische Mittel gegen die Israeliten gescheitert sind.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören:https://plus.ahavta.com/p/balakDie sprechende Eselin als ProphetEine Schlüsselszene ist die Begegnung zwischen Bileam und seiner Eselin. Steiman betont, dass hier „der Esel zum Propheten und der Prophet zum Esel wird“. Die Eselin sieht den Engel, der den Weg versperrt, während der Prophet blind dafür ist – möglicherweise weil er für seinen Auftrag bezahlt wird und somit korrupt ist.Segen statt Fluch: Die Bedeutung der ZelteAnstatt Israel zu verfluchen, segnet Bileam das Volk mit den berühmten Worten Ma tovu ohalecha Jakob, mishkenotecha Israel (Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnstätten, Israel). Steiman interpretiert dies als Lob für die Anordnung der Zelte, deren Öffnungen so ausgerichtet waren, dass niemand in das Nachbarzelt hineinschauen konnte.Privatheit als Grundlage der FreiheitDiese Zeltanordnung symbolisiert einen revolutionären Schritt zur Privatisierung der Sexualität. Während in Ägypten und anderen antiken Kulturen auch die Sexualität politisch kontrolliert wurde, etabliert Israel hier erstmals den Grundsatz My home is my castle. Die Privatsphäre wird zum Fundament der Freiheit, da sie Familienrecht und persönliche Autonomie ermöglicht.Lob vom Feind als besondere QualitätSteiman hebt hervor, dass Lob von einem Feind wertvollere Qualität besitzt als Selbstlob. Der Tanach sei „die am wenigsten selbst beweihräuchernde Nationalliteratur der Menschheitsgeschichte“, da die Juden ihre Fehler für die Nachwelt festhalten statt ihre Tugenden zu glorifizieren.Aktuelle Bezüge und TrostDer Rabbiner verbindet die Geschichte mit der Gegenwart: Heute gebe es „viele Balaks auf der Welt“, die Israel verfluchen wollen. Er zitiert den Propheten Micha aus der Haftara, der vom „Überrest Jakobs“ spricht, der „wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes“ sein wird. Diese Worte sieht Steiman als prophetischen Trost für die aktuelle Situation Israels.Antisemitismus als AffektSteiman charakterisiert Antisemitismus nach Adorno als „Gerücht über die Juden“ und als „Affekt“, nicht als rationale Meinung. Gegen emotionale Vorurteile helfe Bildung allein nicht - es brauche auch emotionale Gegenstrategien. Trotzdem lehnt er die Vorstellung ab, dass Antisemitismus ein unabänderlicher Teil der jüdischen Geschichte sei, da kein Prophet Israel jemals verflucht habe. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  44. 82

    Schabbat Chukkat || Wenn Gott unverständlich bleibt – Die rote Kuh

    Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens erklärt den Wochenabschnitt „Chukkat“ (Satzung) aus dem 4. Buch Mose, Kapitel 19–22,1, und konzentriert sich dabei auf die Bedeutung der verschiedenen Kategorien von Geboten im Judentum.Die Unterscheidung zwischen Mischpatim und ChukkimAhrens unterscheidet zwischen zwei Arten von Geboten: Mischpatim sind rationale Gebote, die intuitiv verständlich sind – wie „Du sollst nicht morden“ oder „Du sollst nicht stehlen“. Diese Gebote würde auch ein vernünftiger Mensch ohne religiösen Hintergrund befolgen.Chukkim hingegen sind Satzungen, die sich nicht sofort erschließen und manchmal überhaupt nicht verstanden werden können. Das prominenteste Beispiel ist die rote Kuh (Para Aduma), die Ahrens als zentrales Thema behandelt.Das Ritual der roten KuhDie rote Kuh dient der spirituellen Reinigung von Menschen, die durch Berührung mit Toten rituell unrein geworden sind. Das komplexe Ritual umfasst die Schlachtung einer makellosen roten Kuh, die Verbrennung und die Verwendung ihrer Asche mit lebendigem Wasser zur Reinigung.Selbst König Salomon, der als einer der weisesten Menschen gilt, konnte dieses Ritual nicht erklären. Er sagte: „Ich dachte, ich würde es verstehen, aber ich sehe, dass es weit weg von mir ist“.Die tiefere Bedeutung nach RaschiRaschi erklärt die rote Kuh als Sühne für die Sünde des goldenen Kalbes. Er vergleicht es mit einem Sohn einer Magd, der den Palast des Königs beschmutzt hat – die Mutter muss kommen und aufräumen. So sühnt die Kuh für das Kalb.Die Verbindung liegt im Tod: Die rituelle Unreinheit durch Tod und der geistliche Tod durch die Sünde des goldenen Kalbes, die mit Ereignissen wie der Sintflut oder der Tempelzerstörung verbunden wird.Moderne Relevanz und Tikkun OlamAhrens betont, dass die rote Kuh mit der messianischen Zeit verbunden ist. Wenn der Tempel wieder aufgebaut wird, wird sie zur spirituellen Reinigung benötigt. Dies führt zum Konzept des Tikkun Olam – der Reparatur und Verbesserung der Welt.Pflicht versus RechteDer Rabbiner kritisiert die moderne Fokussierung auf Rechte und persönliche Vorteile. Das Judentum betont stattdessen Pflichten und Verantwortung. Man gibt einem Armen nicht aus Mitleid, sondern weil es die Pflicht ist.Die Geschichte von Rabbiner AmitalAhrens erzählt von einer säkularen Frau, die religiös werden wollte. Rabbiner Amital riet ihr, drei Gebote zu wählen: eines, das sie vernünftig findet, eines, das sie nicht versteht, und eines, mit dem sie große Mühe hat. Dies repräsentiert die verschiedenen Aspekte des Glaubens - Vernunft, Vertrauen und letztendlich die Anerkennung göttlicher Autorität. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  45. 81

    Schabbat Korach || Aufstand in der Wüste: Wenn Führung herausgefordert wird

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild erklärt den Wochenabschnitt Korach aus dem 4. Buch Mose, Kapitel 16–18, als eine Geschichte über einen Machtkampf und eine kleine Revolution. Korach und 250 Männer erheben sich gegen Mose und Aaron und stellen deren Autorität in Frage.Die Herausforderung der AutoritätRothschild interpretiert Korachs Aufstand als eine berechtigte Frage nach demokratischer Legitimation. Korach, ein Cousin von Mose aus dem Stamm Levi, fragt: „Wer hat euch so groß gemacht? Seit wann seid ihr gewählt worden? Wie lange bleibt ihr im Amt?“ Diese Fragen seien durchaus berechtigt, da Mose „aus dem Nichts gekommen“ sei und plötzlich über Leben und Tod entscheide.Der Rabbiner zieht moderne Parallelen zu jüdischen Gemeinden, wo oft „lebenslang Parteibonzen-Systeme“ existieren und dieselben Personen jahrzehntelang in Ämtern bleiben. Er erwähnt das Beispiel von Heinz Galinski, der 41 Jahre lang Gemeindeleiter war - ein Jahr länger als Mose im Amt war.Hierarchie und PrivilegienKorach ist bereits ein Levit und gehört zur privilegierten Priesterschaft. Mose fragt ihn: „Ist es euch zu wenig, dass der Gott Israels euch abgesondert hat von der Gemeinde Israels?“ Rothschild vergleicht dies mit modernen Gemeindekonflikten zwischen Rabbinern und Kantoren, wo jeder denkt, er sei der wichtigste.Die göttliche AntwortGott reagiert dramatisch: Die Erde öffnet sich und verschlingt Korach, Datan und Aviram mit ihren Familien lebendig. Rothschild beschreibt dies als „Bunkerbuster“ und zieht aktuelle Parallelen zu militärischen Operationen. Er stellt die schwierige Frage nach kollektiver Verantwortung: Wer ist unschuldig, wenn ganze Familien betroffen sind?Moderne RelevanzDer Rabbiner betont, dass diese Geschichte hochaktuell sei. Die Fragen nach Legitimation, Machtmissbrauch und demokratischer Kontrolle seien zeitlos. Er kritisiert, dass in vielen Gemeinden von „meiner Gemeinde“ statt von „Gottes Gemeinde“ gesprochen wird.Die Geschichte endet mit der Bestätigung der bestehenden Ordnung: Mose und Aaron bleiben in ihren Ämtern, aber die Gemeinde hat gelernt, dass Gott ihre Autorität stützt. Rothschild schließt mit der Bemerkung, dass Streit in Gemeinden „unsere Tradition“ sei - ein ironischer Kommentar über die menschliche Natur. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  46. 80

    Schabbat Schlach || Zwischen Furcht und Glaube: Die Wende im Exodus

    Rabbiner Dr. Daniel Katz erläutert den Wochenabschnitt „Schlach“ (4. Mose 13-15) als zentrale Parascha in der Geschichte der Israeliten und des Auszugs aus Ägypten. Der Name „Schlach“ bedeutet „Schicke aus“ und bezieht sich darauf, dass Mose zwölf Kundschafter - einen Vertreter pro Stamm - in das verheißene Land sendet.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/schlachDie Kundschaftermission und ihre FolgenDie Kundschafter erkunden das Land 40 Tage lang und bringen Landesfrüchte mit zurück. Obwohl sie bestätigen, dass das Land gut ist, berichten zehn von ihnen, dort würden starke und große Leute wohnen, die unbesiegbar seien. Nur zwei - Josua und Kaleb - vertrauen auf Gott und ermutigen das Volk.Katz betont, dass es hier um die zentrale Frage des Vertrauens zu Gott geht, nachdem dieser das Volk bereits durch das Meer geführt hatte. Der negative Bericht der zehn Kundschafter führt zu neuer Unzufriedenheit des Volkes gegen Mose.Die 40-jährige WüstenwanderungAls Konsequenz entscheidet Gott, dass diese Generation das Land nicht betreten darf - daher dauert der Exodus 40 Jahre statt der ursprünglich geplanten kurzen Zeit. Katz erklärt die symbolische Bedeutung der Zahl 40, die mehrfach in der Bibel vorkommt: Mose verbrachte 40 Tage auf dem Sinai, es regnete 40 Tage zur Zeit Noahs.Die nächste Generation, die die Sklaverei in Ägypten nie erlebte, wird als freies Volk in das Land kommen können. Gott wartet auf den natürlichen Lauf der Dinge - den Tod der alten und die Geburt der neuen Generation.Liturgische BedeutungKatz hebt hervor, dass die Parascha auch liturgisch bedeutsam ist. Besonders Kapitel 14, Vers 18 mit Moses Bitte um Vergebung findet sich in der Jom Kippur-Liturgie wieder. Am Ende der Parascha wird das Gebot der Zizit (Quasten an der Kleidung) erwähnt, das täglich zweimal im Schma Israel rezitiert wird.Theologische WendepunkteDiese Parascha markiert einen entscheidenden Bruch in der Geschichte - hier beginnt das Volk, Ägypten wirklich hinter sich zu lassen. Es ist einer von mehreren Neuanfängen in der Torah, die mit der Schöpfung beginnt und immer wieder Wendepunkte aufweist. Mose fungiert als Vermittler zwischen Gott und dem Volk und verteidigt die Israeliten vor Gott.Die Tora-Auslegung des Rabbiners kannst du auch als Podcast hören – in der „Substack“-App oder überall, wo es Podcasts gibt – unter dem Titel „Wort zum Schabbat“. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  47. 79

    Schabbat Behaalotcha || Warum auch ein Mose normale Regeln befolgen soll

    Aus Mannheim spricht Kantor Amnon Seelig über den Wochenabschnitt Behaalotcha („Wenn du aufsteckst“) im 4. Buch Mose 8–12. Er konzentriert sich in seiner Auslegung auf die Geschichte von Moses' kuschitischer Frau aus dem Kapitel 12, Verse 1-3.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/behaalotchaIn den genannten Versen heißt es, dass Miriam und Aaron gegen Moses sprechen wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hat - eine Frau aus Kusch, also eine schwarze Frau.Amnon stellt zunächst klar, dass Moses bereits mit Zippora, der Tochter des Oberpriesters von Midian, verheiratet ist. Die meisten Ausleger sind seiner Darstellung nach der Meinung, dass die kuschitische Frau und Zippora identisch sind – es handelt sich also nicht um eine zweite Frau. Da Moses über 80 Jahre alt ist und seit Jahrzehnten verheiratet, stellt sich die Frage, warum diese Geschichte jetzt aufkommt.Die rabbinische Tradition interpretiert diese Erzählung weit entfernt vom Rassismus. Der Midrasch Sifre, eine etwa 2000 Jahre alte Auslegung, erklärt, dass Miriam bemerkt hat, wie Moses seine ehelichen Pflichten vernachlässigt. Zippora schmückt sich nicht mehr, weil Moses "darauf nicht achtet" - er führt keine intimen Beziehungen mehr mit seiner Frau.Die Bedeutung der Bezeichnung „kuschitisch“Amnon erläutert Raschis Auslegung zur Bezeichnung „kuschitisch“: Alle erkennen Zipporas Schönheit, so wie jeder die Schwärze eines Afrikaners anerkennt. In der hebräischen Gematrie entspricht der Zahlenwert von „kuschit“ (kuschitische Frau) dem von „jefat mare“ (schöne Frau). Die Tora erwähnt sie als „schwarz“ nicht wegen ihrer Hautfarbe, sondern wegen ihrer offensichtlichen Schönheit.Die eigentliche Kritik der GeschwisterMiriam und Aaron kritisieren Moses nicht wegen seiner Frau, sondern wegen seiner Selbsterhöhung. Sie fragen: „Redet denn nur zu Moses der Ewige, redet er denn nicht auch zu uns?“ Als Propheten haben auch sie Geschlechtsverkehr mit ihren Ehepartnern, während Moses sich wie ein Mönch verhält.Moses' Bescheidenheit als AnklageDer Vers über Moses' Bescheidenheit ist laut Seelig keine Aussage der Tora, sondern Fortsetzung der Beschwerde seiner Geschwister. Sie argumentieren: Wenn Moses der bescheidenste Mensch der Erde ist, warum macht er dann, was kein anderer Mensch macht? Der Tora-Ausleger Abrawanel aus dem 15. Jahrhundert beschreibt dies als Entfernung vom natürlichen Weg und von der Notwendigkeit, Menschen zu zeugen.Die zentrale BotschaftSeelig betont, dass die Tora lehrt: Kein Mensch ist besser als andere, niemand schafft sich eigene Regeln, und für niemanden gelten andere göttliche Regeln. Selbst der Größte und Bescheidenste muss ein normales Leben führen – dafür sind Menschen da. Diese Geschichte kritisiert Moses' Selbsterhöhung und seine Entfernung von der Gemeinschaft und seiner Frau.---Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  48. 78

    Schabbat Nasso || Mobile Heiligkeit: Flexibilität als jüdisches Überlebensprinzip

    Aus Berlin spricht Rabbiner Dr. Walter Rothschild spricht über den Wochenabschnitt Nasso im 4. Buch Mose 4,21–7,89. Er erklärt ihn als einen technischen Abschnitt ohne große Dramatik, der sich mit Gottes "Mikro-Management-Befehlen" befasst.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/nassoDie Leviten und ihre AufgabenDer Stamm Levi erhält eine besondere Stellung unter den zwölf Stämmen Israels. Die Leviten werden in drei Gruppen unterteilt: Kehatiten, Gerschoniten und Merariten, die jeweils spezifische Aufgaben beim Transport des Heiligtums haben. Die Kehatiten tragen die heiligen Geräte wie Schüsseln, Teller und Kannen für die Ritus. Die Gerschoniten sind für die Textilien, Vorhänge und Teppiche zuständig, während die Merariten das Holzwerk, die Stöcke und Balken transportieren.Rothschild betont, dass jeder seine eigene Aufgabe hat und niemand die Arbeit eines anderen übernehmen darf - bei Fehlverhalten droht der Tod, wie bei Nadaw und Awihu. Diese Spezialisierung vergleicht er mit modernen Gemeinden, wo auch verschiedene Menschen unterschiedliche Aufgaben übernehmen müssen.Das mobile HeiligtumDas Stiftszelt (Mischkan) steht im Zentrum der Ausführungen. Rothschild erklärt, dass Gott bewusst in einem Zelt wohnt, nicht in einem prächtigen Tempel wie andere Religionen. Diese Mobilität hat Vorteile: Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Wenn das Zelt zerstört wird, kann man weitermachen – im Gegensatz zu einem festen Tempel, wo bei Zerstörung alles verloren ist.Er zieht Parallelen zu modernen jüdischen Gemeinden, die oft in gemieteten Räumen Gottesdienste abhalten. „Eine jüdische Gemeinde besteht dort, wo sich Juden treffen“. Eine Synagoge ist kein „Gotteshaus“, sondern ein Gemeindehaus – Gott braucht kein Haus.Das Ritual für eifersüchtige EhemännerKapitel 5 behandelt das Ritual bei Verdacht auf Ehebruch. Rothschild interpretiert dies als eine Art „Ehe-Therapie“. Wenn ein Mann seine Frau des Ehebruchs verdächtigt, ohne Beweise zu haben, wird ein Ritual durchgeführt, bei dem die Frau ein bitteres Getränk aus heiligem Wasser und Staub trinken muss.Das Hauptziel ist nicht Bestrafung, sondern Rettung der Familie. „Das Hauptziel in diesem Text ist, sie irgendwie zu retten“. Beide bleiben am Leben, die Familie bleibt intakt, auch wenn die Beziehung beschädigt ist.Aktuelle BezügeRothschild zieht Verbindungen zur heutigen Zeit und beklagt, dass das Vertrauen zwischen Juden und der restlichen Gesellschaft in den letzten 1,5 Jahren beschädigt wurde. Er hofft auf Heilung dieser Beziehungen, betont aber, dass dies nicht einfach oder schnell geschehen wird.—— Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  49. 77

    Schabbat Bamidbar || Zwischen Wüste und Hoffnung – 600 Tage Geiselnahme

    Rabbiner Andrew Steiman spricht über den Wochenabschnitt Bamidbar, der das Buch Numeri eröffnet und hebräisch den Namen des Buches trägt (4. Mose 1,1–4,20). Er verbindet ihn mit aktuellen Ereignissen, insbesondere den 600 Tagen der Geiselnahme durch die Hamas.Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/bamidbarAndy Steiman beginnt mit der Bedeutung des Zählens, das mit der Freiheit beginnt - der Monat Nisan markiert den ersten Monat, weil das unterdrückte Volk in Ägypten nicht einmal zählen konnte.Bamidbar als ÜbergangszeitSteiman erklärt, dass Bamidbar nicht nur „Wüste“ bedeutet, sondern auch „Wildnis“ - ein Niemandsland ohne hierarchische Ordnung wie in Ägypten. Die Wüste stellt eine Schwellensituation dar, einen Übergang zwischen der Befreiung aus Ägypten und der Freiheit im gelobten Land. Das Buch beginnt und endet mit Volkszählungen, wobei es oberflächlich um Demografie, inhaltlich aber um die Volkwerdung geht.Gemeinschaft und IdentitätDer Rabbiner betont die Bedeutung der Gemeinschaft beim Zählen der Geiseltage. Er zitiert Gilad Schalit, der sagte: „Ich habe die Hoffnung verloren, aber ich wusste, ihr verliert sie nicht“ - andere müssen für die Gefangenen die Hoffnung bewahren. In der Wüste entsteht eine Kommunitas, wo alle gleichen Wert haben, im Gegensatz zur pyramidalen Hierarchie Ägyptens.Literarische Struktur der ToraSteiman erläutert die Perspektivenwechsel in den Büchern: Genesis fokussiert auf Familien, Exodus auf Volkwerdung, Leviticus auf Berufung zu einem besonderen Volk, und Numeri bereitet den Eintritt ins gelobte Land vor. Er verweist auf Marcel Reich-Ranicki, für den die Tora literaturgeschichtlich bedeutsam ist, da ohne sie Shakespeare, Schiller und Goethe undenkbar wären.Schwellen und ÜbergängeDer Begriff der Schwelle durchzieht Steimans Ausführungen. Er vergleicht persönliche Übergangsriten (Geburt, Bar Mizva, Hochzeit) mit der Volkwerdung Israels. Die Mesusa symbolisiert ursprünglich die Schwelle beim Auszug aus Ägypten. Das ganze Buch Bamidbar ist eine große Schwelle vor dem Eintritt ins gelobte Land.Aktuelle Bezüge und SpaltungenSteiman sieht Parallelen zwischen der aktuellen Spaltung in Israel („bring them home“ versus andere Prioritäten) und historischen Spaltungen bei den Zionistenkongressen zwischen territorialen und personenbezogenen Fraktionen. Er vergleicht die ethischen Dilemmata mit der Schleyer-Entführung durch die RAF und Helmut Schmidts schwerer Entscheidung.Hoffnung und ZukunftTrotz der deprimierenden Situation findet Steiman Hoffnung in der Tora-Geschichte von Jakob, der sein Volk teilte, aber wieder zusammenführte. Er betont, dass Familiengründung und Glaube an die Zukunft die einzig richtige Antwort auf den Tod sind - wie bei den Überlebenden der Konzentrationslager in den DP-Lagern 1945, die entgegen der allgemeinen Statistik Familien gründeten und Existenzen aufbauten.Der Rabbiner schließt mit dem Symbol der jüdischen Hochzeit: Das zerbrochene Glas erinnert an Jerusalem und die Zerstörung, aber gleichzeitig beginnt die Freude - ein Zeichen dafür, dass in einer Ehe wie im Leben Freude und Trauer wechseln.——> Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  50. 76

    Schabbat Behar & Bechukotai || Gott wird uns niemals überdrüssig

    Amnon Seelig spricht in seiner Auslegung zu den am Schabbat gelesenen Wochenabschnitten Behar und Bechukotai in 3. Buch Mose, Kapitel 25–27, die das Buch Wajikra abschließen, über den Text seiner Bar Mizwa vor genau 30 Jahren.Bei ahavta - Begegnungen kannst du die Tora-Abschnitte der Woche in der Übersetzung durch Rabbiner Simon Bernfeld lesen oder sogar als Podcast anhören: https://plus.ahavta.com/p/beharhttps://plus.ahavta.com/p/bechukotaiAmnon Seelig weist darauf hin, dass diese beiden Paraschot fast immer zusammen gelesen werden und sehr viele Gebote und Verbote enthalten sowie eine bekannte Reihe von Flüchen für den Fall der Nichtbefolgung, weshalb besonders Bechukotai als unpopulärer Abschnitt gilt.Amnon konzentriert sich auf 3. Mose 26,11: „Auch setze ich meine Wohnung unter euch… und ich will euch nicht verschmähen“. Das hebräische Wort „Tigal“ bedeutet abstoßen, verschmähen oder sogar „Ekel empfinden“ – eine merkwürdig negative Formulierung für ein göttliches Versprechen.Er gibt drei rabbinische Erklärungsansätze:Erste Erklärung (Ben Ish Chai, 19. Jahrhundert): Es gibt eine natürliche Distanz zwischen der göttlichen Seele und dem biologischen Körper. Durch die Erfüllung der Gebote wird diese Distanz verringert, auch wenn sie nie völlig geschlossen werden kann.Zweite Erklärung (Neziv von Wolozhin): Das Versprechen bezieht sich auf das kollektive jüdische Volk – auch wenn einzelne Individuen nicht perfekt sind, wird sich Gott nicht vom Volk als Ganzes distanzieren.Dritte Erklärung (mehrere Rabbiner): Menschen werden normalerweise satt von allem – Hobbys, Berufen, selbst von Dingen, die anfangs begeisterten. Gott verspricht hier eine Ausnahme: Die Beziehung zwischen Gott und Mensch sowie die Beschäftigung mit der Tora werden niemals langweilig oder führen zu Überdruss.Amnon bestätigt diese letzte Erklärung durch seine eigene Erfahrung: Obwohl er als Kantor hauptsächlich singen sollte, beschäftigt er sich beruflich intensiv mit der Tora-Auslegung. Auch nach Jahren hat er nie das Gefühl gehabt, es sei zu viel – die Tora-Beschäftigung erfüllt die Seele dauerhaft.Ich ergänze, dass obwohl der Tempel seit 2000 Jahren nicht mehr existiert, der nächste Vers verspricht: „ich werde in eurer Mitte wandeln“ – Gott ist also auch heute beim Tora-Lernen präsent.---Viele weitere Informationen zum christlich-jüdischen Verhältnis, zu Israel und zum jüdischen Leben mit der Tora findest du auf meiner Website https://plus.ahavta.com This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

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ABOUT THIS SHOW

Mit Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest im Herbst, beginnt das jüdische Jahr. Die Festtage des Volkes Israel sind gemäß der Gebote der Tora festgelegt. Die Zeit aber wird vom Schabbat, dem siebenten Tag der Woche, strukturiert. Ihn hat Gott selbst mit der Schöpfung der Welt eingeführt. Am Schabbat wird in den Synagogen ein Stück der Tora vorgelesen. Die Wochenabschnitte führen das Jahr über durch die fünf Bücher Mose. Das Ende und zugleich der neue Anfang der Lesungen ist an Simchat Tora, dem Fest der Tora-Freude zum Abschluss des Laubhüttenfestes.Bei ahavta - Begegnungen erklärt immer Freitags ein Rabbiner, Kantor oder Lehrer den jeweiligen Tora-Abschnitt. Die Video-Aufnahmen findest du bei https://plus.ahavta.com und auch bei YouTube unter https://youtube.com/@ahavta. plus.ahavta.com

HOSTED BY

Ricklef Münnich || ahavta - Begegnungen

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