PODCAST · society
Ein Stück Deutschland - Der Podcast
by Corinna Below (Initiatorin & Journalistin) & Carsten Janz (Journalist)
"Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache."In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes. Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit. Wir haben 49 von ihnen besucht, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Einige haben wir in ihren Zimmern aufgesucht, andere im Park getroffen oder in der Stadt. Hier erzählen 49 Männer und Frauen von ihrer Emigrationsgeschichte, ihrem Verhältnis zu Argentinien und ob sie je darüber nachgedacht haben, wieder in Deutschland zu leben. Die Initiatorin des Projektes, Corinna Below (Journalistin) spricht in diesem Podcast mit ihrem Freund und Kollegen Carsten Janz über die Schicksale der
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"Die hatten ja auch schon tödliche Waffen bei sich" #65 - Ilse Grünewald IV
In dieser Folge schauen wir uns mithilfe von Zeitzeugenberichten von SPD-Genossen Seelze in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre an. In zahlreichen Interviews aus den 1980er Jahren, die sie im Rahmen eines Projekts der Volkshochschule Seelze gegeben haben, beschreiben sie, wie die Nationalsozialisten vorgingen, um die Gesellschaft gefügig zu machen: mit Gewalt, Gesetzlosigkeit und Dreistigkeit. Einige der Zeitzeugen erinnerten sich auch an die Familie Willner und erzählen, wie einfache Bürger, die zuvor noch bei Emil Willner eingekauft und sich bei Geldknappheit hatten anschreiben lassen, in der sogenannten Pogromnacht dessen Laden kurz und klein schlugen. Die Berichte liegen uns als Transkripte von Tonbändern vor, die leider verschollen sind. Umso glücklicher können wir uns schätzen, dass auch für diese Podcastfolge wieder einige Kollegen vom NDR bereit waren, die wichtigen Zeitdokumente einzusprechen. Außerdem konnte die Autorin Corinna Below den Schauspieler Florian Lukas als Sprecher gewinnen, bekannt aus dem ZDF-Film „Rosenthal“, der Serie „Weißensee“, dem Kinoklassiker „Good Bye, Lenin!“ und dem Kultfilm „Absolute Giganten“. Zu seinem Engagement für EIN STÜCK DEUTSCHLAND sagt er: „Grundsätzlich interessiere ich mich für Geschichten, die schwer zu erschließen sind. Das Digitale macht es möglich, Erinnerungen, Dokumente und Erzählungen leichter zugänglich zu machen als früher. Das sind aber oft Projekte, bei denen sich ehrenamtliche Leute wirklich engagieren müssen – ohne sie läuft das nicht. Ich selbst habe dafür weder die Energie noch die Zeit. Deshalb bin ich total dankbar, wenn mich jemand anspricht und fragt, ob ich mich in meinem kleinen Metier daran beteiligen möchte. Deshalb war ich hier auch gerne dabei.“
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"Sie haben ihn reingeschossen, in die Grube." - #64 - Ilse Grünewald III
In Folge 64 erzählen wir nicht nur von Ilses Verhältnis zu ihrem Heimatland. Wir folgen auch weiter den Spuren ihres Bruders Berthold. Dafür tauche ich gemeinsam mit der Seelzer Stadtarchivarin Martina Krickel im Niedersächsischen Landesarchiv tief in die Akten ein. Was wir entdecken, ist erschreckend … Nach allem, was Ilse als junge Frau durch die nationalsozialistischen Deutschen erdulden musste, hat sie sich ihre Identität als Deutsche dennoch nicht nehmen lassen. 2004 sagt sie im Interview: „Ich habe mich sehr deutsch gefühlt.“ Und sie bleibt es bis zuletzt – etwa, wenn sie zu ihrem 102. Geburtstag das Gedicht eines deutschen Romantikers rezitiert. Wie sie das macht, kannst du dir auf ihrer Seite ansehen (ganz am Ende der Seite).
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"Meine Brüder sind beide umgekommen" - #63 - Ilse Grünewald II
In der zweiten ausführlichen Folge erzählt Ilse Grünewald von ihrer Ankunft im Exil, davon, wie sie und ihr Mann sich mit einem Freund eine kleine Wohnung teilen und improvisieren müssen, denn es gibt keine Küche und sie besitzen kaum etwas. Ilse ist hochschwanger, spricht kein Spanisch, und das junge Paar hat kein Geld. Am städtischen Krankenheus Rivadavia findet sie einen wohlwollenden Arzt, der sie unterstützt. Hier bringt Ilse bringt ihr erstes Kind zur Welt. Die ersten Jahre sind hart für die junge Familie. Helmut verdient zunächst nur wenig. Mit ihrer Tochter im Kinderwagen läuft sie von Haus zu Haus, um ihre Dienste als Wäscherin anzubieten. Mühsam und Schritt für Schritt bauen sie sich ein Leben im Exil auf. Nach dem Krieg erfährt Ilse, dass ihre Brüder von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Gemeinsam mit Martina Krickel, der Stadtarchivarin von Seelze, besucht die Autorin die Gedenkstätte Ahlem. Auf der „Wand der Namen“ finden sie den Namen von Ilses jüngerem Bruder Berthold.
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„Ich kann vergeben, aber ich kann nicht vergessen.“ - #62 - Ilse Grünewald I
Sie ist 90 Jahre alt, als ich, Corinna Below, die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, Ilse Grünewald interviewe. Und das Erste, was sie sagt, das Erste, was ihr in den Kopf kommt, ist: „Ich kann vergeben, aber ich kann nicht vergessen.“ Dieser Satz ist gewichtig. Mit diesem Satz startet auch diese Folge. Geboren 1914 in Seelze, wächst sie dort zunächst unbeschwert auf – als jüdisches Kind von Eltern mit einem gut laufenden Weißwarengeschäft in einem Dorf bei Hannover. Die Familie Willner ist die einzige jüdische Familie in dem 3000-Seelen-Ort. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ändert sich alles für die junge Frau. Sie beschreibt, wie sie gedemütigt und drangsaliert wurden. Um ein genaueres Bild über diese Zeit zu erlangen, habe ich mich mit Menschen verabredet, die sich ebenfalls mit Ilse Grünewalds Leben und mit der Familie Willner befasst haben. Sie zeigen mir in Seelze die Orte, die für die Familie wichtig waren. Mit Originaltönen und neu erschlossenen Akten erzählen wir gemeinsam und im Gespräch mit dem EI STÜCK DEUTSCHLAND Co-Host Carsten Janz von Verlust, Demütigung und der Flucht 1938 – und davon, was Erinnerung bedeutet.
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"Wir waren schmutziger als Schweine!" - #61 - Lesung Ilse Grünewald
Geboren in Seelze bei Hannover, ihre Heimat, verliert Ilse Grünewald als junge Frau durch den Nationalsozialismus alles – ihre Arbeit, ihre Brüder, ihr Vertrauen in die Menschen. Hochschwanger gelingt ihr die Flucht nach Argentinien, wo sie ein neues Zuhause findet. Im Interview von 2004 sagt sie: „Ich kann vergeben, aber ich kann nicht vergessen.“ Ihre Geschichte – ein eindrückliches Zeugnis, vorgelesen von der Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, Corinna Below.
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"Ich war nie wieder in Deutschland. Nie!" - #60 - Anneliese Meyer III
Anneliese Meyer ist melancholisch und hat traurige Augen. Sie ist aber auch mutig und witzig. Alles in einer Person. In dieser Folge erzählt sie von Neugier und den überraschenden Wendungen in ihrem Leben, aber auch in dem ihres Bruders Timm, der durch einen Zufall als Landwirtschaftsgehilfe von dem "Verrückten der Dünen" angeheuert wird – auf einem Landstrich aus purem Flugsand Schilf und Bäume zu pflanzen. Der Plan: hier soll ein argentinischer Badeort entstehen. Anneliese geht ein Jahr später auch nach Argentinien, ebenfalls durch einen Zufall und durch Kontakte. In Buenos Aires arbeitet sie zunächst als Kinderpflegerin bei einer wohlhabenden Familie, bevor sie selbst Familie gründet und das Leben seinen Lauf nimmt. Sie spricht über Freiheit, Identität und Heimat und die Frage, wie sie zu Deutschland steht. Gemeinsam mit unserer Interviewpartnerin Irene Uffrecht-Peters entdecken die Podcast-Hosts, warum Anneliese Meyer 2004 behauptete, nie wieder nach Deutschland gereist zu sein.
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„Sie hieß im Dorf 'Die Judenschule'" - #59 - Anneliese Meyer II
Anneliese Meyer fährt in den Osterferien 1933 nicht nach Hause – sie mag ihre Stiefmutter nicht und bleibt lieber im Internat. So ist sie die einzige Schülerin, die miterlebt, wie SA-Männer die Schule stürmen und den Schulleiter Bernhard Uffrecht abführen. Ein einschneidendes Erlebnis für die 20-jährige „Ali“, das ihr Leben von Grund auf verändert. 2022 haben Tim Hoppe, Fotograf von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, und ich, die Autorin des Projekts, Irene Uffrecht-Peters in der ehemaligen Schule getroffen. Sie ist die Enkelin des Schulgründers und forscht seit Jahren zu den Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1922 und 1933 die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen besuchten. Viele konnten fliehen. Andere wurden "wurden zwischen Hitler und Stalin zerrieben", kamen entweder durch die Nazis um Leben oder fielen den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Dabei sollte die Schule eigentlich ein Ort des Aufbruchs in ein selbstbestimmtes Leben sein. Denn Berrnhard Uffrecht lehnte bewusste Erziehung ab – hier sollte sich der Mensch aus sich heraus entwickeln. Wie Anneliese Meyer zur Schule stand, hat sie mir 2004 nicht erzählt. Doch Irene Uffrecht-Peters bringt zu unserem Treffen ein besonderes Dokument mit: einen Brief, der genau darüber Aufschluss gibt.
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„Wir haben nicht gewusst, dass Levi ein jüdischer Name ist.“ - #58 - Anneliese Meyer I
Anneliese Meyer hat eine kräftige Stimme. Als ich sie 2004 interviewe, ist sie bereits 92 Jahre alt. Ihr Geist ist wach, doch sie neigt dazu, in ihren Erinnerungen hin und her zu springen. Sie erzählt anekdotisch, und bis sie die Fakten herausrückt, dauert es. Es bleiben Lücken, doch nach und nach entsteht ein Bild: Sie stammt aus bedeutenden Familien. Auf der einen Seite die Henckels Zwillingswerke in Solingen, auf der anderen Seite ein Geheimrat. Das Problem nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten: Der eine Großvater hatte eine Jüdin geheiratet, der andere war zum Christentum konvertiert. Das führte dazu, dass Annelieses Eltern nach den sogenannten Rassegesetzen als Halbjüdin und Halbjude galten. Annelieses Vater, der Schauspieler Paul Henckels, erkennt sofort, in welcher Gefahr seine Kinder schweben. Eines Tages kommt er zu seinen drei Kindern und sagt: „Ihr müsst etwas Praktisches lernen, damit ihr auswandern könnt.“
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„Mensch war Mensch!“ - #57 - Lesung Anneliese Meyer
Eines Tages kommt Annelieses Vater zu seinen drei Kindern und sagt: „Ihr müsst etwas Praktisches lernen, damit ihr auswandern könnt.“ Anneliese wird am 29. Mai 1912 in Düsseldorf als Tochter des Schauspielerpaares Paul Henckels und Cecilia Brie geboren. Beide Eltern sind nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten als Halbjuden eingestuft, ohne dass dies für das Leben der Familie bis 1933 eine Rolle gespielt hätte. „Wir haben nichts davon gewusst,“ erinnert sich die Tochter heute. „Wir sind sogar katholisch getauft.“ Sie erinnert sich an Herrn Levi, der ihnen Zeichenunterricht gab. „Wir wussten noch nicht einmal, dass Levi ein jüdischer Name ist. Ein Mensch war ein Mensch!“ Mit dieser Folge beginnt eine neue Staffel, in der wir den Lebensspuren Anneliese Meyers folgen. Die Staffel startet mit der Folge, in der die Schauspielerin Lena Klenke uns ihre Geschichte vorliest.
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"... dringend zu befürchten, dass die Ausreise unmöglich werden wird" - #56 - Ruth Vogel IV
Es steht auf Messers Schneide. Wir schreiben Mai 1940. Der Jurist Dr. Ernst Kaufmann verfasst für Carl Leopold Anker einen Bittbrief an den Oberfinanzdirektor. Darin fleht er darum, das Ehepaar Anker ausreisen zu lassen. Offensichtlich hat die Devisenstelle erneut Geld gefordert. Die Ankers haben berechtigte Angst, ihre Ausreiseerlaubnis endgültig zu verlieren. Anhand dieses Schreibens und weiterer Dokumente zeichnen wir das Schicksal der Ankers nach und zeigen, wie perfide und boshaft die Nazibehörden vorgingen – und wie menschenverachtend selbst ihre Sprache war. In dieser Folge wird auch die sogenannte Wiedergutmachung thematisiert, denn die Oberfinanzdirektion hatte der Familie Anker den gesamten Besitz genommen, einschließlich des Familienhauses in der Blumenstraße 46, nahe der Außenalster in Hamburg, in dem auch Ruth Vogel mit ihrem Mann Hermann bis zur Flucht nach Argentinien gelebt hatte. Als Experte ist auch in dieser Folge wieder mit dabei: der Historiker Lennart Onken, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen sowie Kurator der Ausstellung „Ausgeraubt vor der Deportation“.
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„Ich bitte, das Strafverfahren gegen Anker durchzuführen.“ - #55 - Ruth Vogel III
Es ist unglaublich, was ein Blick in die Akten der Eltern von Ruth über deren Schicksal offenbart. Die Erkenntnisse sind erschütternd. Wir zeigen anhand ausgewählter Dokumente, wie sehr die nationalsozialistischen Deutschen, allen voran die Beamten der Devisenstelle der Oberfinanzdirektion in Hamburg, Ruths Vater, Carl Leopold Anker, zusetzten. In dieser Folge geht es um Strafermittlungen, die in einem Schuldspruch enden. Am Ende steht die Frage: Werden Ruths Eltern es schaffen, dieser Hölle zu entkommen? Mehr dazu in Folge 56. Als Experte mit dabei ist der Historiker Lennart Onken, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen sowie Kurator der Ausstellung „Ausgeraubt vor der Deportation“.
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"Man ist nicht Jude oder Christ. Man ist Mensch." - #54 - Ruth Vogel II
Die Recherche geht weiter! In dieser Folge ergründe ich, die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, gemeinsam mit Christina Igla die Akten zu Ruth Vogel. Seit den 1950er Jahren lagen die sogenannten Wiedergutmachungsakten der vertriebenen Hamburger Jüdinnen und Juden zunächst bei der Finanzbehörde der Hansestadt. Heute können sie im Staatsarchiv bestellt und im Lesesaal eingesehen werden. Unsere neuen Erkenntnisse ergänzen das, was Ruth Vogel 2004 im Interview erzählt hat. Es geht um Entschädigungen für Ausbildungsschäden, die Rückgabe von gestohlenem Silber und Gold, Rentenansprüche und Entschädigungen für die „Arisierung“ von Familieneigentum. In dieser Folge unterstützt uns auch ihr Sohn Miguel, um die Geschichte von Ruth Vogels Leben zu vervollständigen. Von all dem, was wir herausgefunden haben, hat Ruth Vogel 2004 nichts erzählt. Vielleicht hatte sie sich entschieden, vor allem die positiven Erinnerungen zu bewahren. Wichtig war ihr zu betonen: „Man ist nicht Jude oder Christ. Man ist Mensch.“
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"Alles habe ich an Vati erkannt, nur sein Gesicht nicht." - #53 - Ruth Vogel I
Was weiß man nach einer Stunde Interview über einen Menschen? Nicht viel. Und was weiß man, wenn dieser Mensch schon sehr alt ist und die Erinnerungen bereits stark verblasst sind? Noch weniger. So ging es mir, der Autorin von *Ein Stück Deutschland*, nach dem Interview mit der Hamburgerin Ruth Vogel. Sie ist Jahrgang 1914 und hatte beim Interview, 90 Jahre später, bereits vieles vergessen. Glücklicherweise habe ich in Hamburg eine Unterstützerin, die mir bei der Recherche zu meinen Hamburger Protagonistinnen hilft – so auch in diesem Fall. Schon der Blick in das Innere des Aktendeckels der Wiedergutmachungsakte von Ruth Vogel wirft neue Fragen auf, denn scheinbar konnte sie wegen der nationalsozialistischen Diktatur ihre Ausbildung nicht beenden. Was ist genau passiert? Ein Blick in ihre Akte hat Erstaunliches zutage gebracht.
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„Ich bin gar nichts. Auch keine Deutsche“ - #52 - Lesung Ruth Vogel
„Ruth Anker, die schöne Jüdin!“, sagte ein Lehrer, der sie wiedererkannte, als sie vor etlichen Jahren Hamburg besuchte. Das habe sie sehr gefreut, erzählt sie 2004 im Interview. Gefreut habe sie auch, dass sie nicht in Vergessenheit geraten ist in der Stadt, von der sie sagt, dass sie sie liebt. Das ist das Erste, was sie sagt. „Ich liebe Hamburg.“ Das ist das erste, was ihr einfällt, wenn sie über ihre Lebensgeschichte nachdenkt. Und doch muss sie ihre Heimat verlassen. Zunächst geht sie als junges Mädchen nach London, um Fotografie zu lernen. Nach der Heirat, kehrt sie mit ihrem Mann ihrer geliebten Heimatstadt endgültig den Rücken, um in Argentinien ein neues Leben zu beginnen. 67 Jahre später sagt sie auf die Frage, ob sie sich inzwischen als Argentinierin fühlt: „Ich bin gar nichts. Auch keine Deutsche.“
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"Man darf der Jugend nicht die Schuld dafür geben, was damals passiert ist" - #51 - Rückkehr nach Landau
Wir haben das Jahr 1987. In diesem Jahr tut sich viel in der Stadt Landau in Sachen Erinnerungsarbeit. Die Stadt kauft das ehemalige Haus des Ur-Großvaters von Anne Frank und macht daraus ein Veranstaltungshaus und ein Haus der Erinnerung. Gleichzeitig lädt die Stadt ehemalige jüdische Bürger:innen ein, nach Landau zu kommen. So auch Rut und Hans Marx und Edith und Wolfgang Braun. Die Begegnung mit den Landauerinnen und Landauern ist für alle ein Wendepunkt. Hans, der bei der ersten Reise 1986 noch völlig blockiert war, kann sich öffnen, für Rut platzt ein Knoten, es ergeben sich Freundschaften, die über Jahre anhalten. Für Daniel Marx, Sohn von Rut und Hans hat das Folgen, die sein Leben grundlegend verändern werden.
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"In Landau gab es nach dem Krieg gegenüber den Juden eine Befangenheit" - #50 - Reise in die alte Heimat
Rut Marx wollte Zeit ihres Lebens nie wieder etwas mit Deutschland zu tun haben. Sie hat alles abgelehnt. Sie hat sogar Hass gegenüber Deutschland empfunden. Doch dann heiratet Rut einen deutschen Juden. Viel später will der auf einer Weltreise auch seine Heimatstadt Landau besuchen. Rut wehrt sich, argumentiert dagegen. Doch dann fahren sie doch ... Hans ist blockiert, kann sich an nichts erinnern. Seine alte Heimat sagt ihm nichts mehr. Was war da los? Eine Psychologin erklärt es uns. Spannend ist, dass nur ein halbes Jahr nach der Reise nach Landau, die Stadt eine offizielle Einladung schickt und die Frage ist: Fahren, oder nicht? Rut bleibt skeptisch. Interessant: Auch die Landauerinnen und Landauer sind skeptisch: Würden Ihnen die Juden Vorwürfe machen?
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50
"Sie wurden deportiert, nach Gurs" - #49 - Edith Braun II
Zu Beginn dieser Folge ist die sieben Jahre alte Edith bereits auf dem Schiff La Madrid, das sie und ihre engsten Familienangehörigen in die Freiheit und in Sicherheit bringen wird. Eine "Aventura", wie sie sagt. Aber der Neuanfang in Argentinien wird für ihre Eltern nicht leicht. Und was die kleine Edith zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann: sie wird ihre Großeltern mütterlicherseits nie wiedersehen ... Auch in dieser Folge unterstützt uns der Neffe von Edith, Daniel Marx, aber auch ihr Sohn Mario und die zwei Enkelinnen Sabrina und Leila kommen zu Wort.Auch in dieser Folge unterstützt uns der Neffe von Edith, Daniel Marx, aber auch ihr Sohn Maria. Auch die Enkelinnen Sabrina und Leila kommen zu Wort.
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"Meine beste Freundin, wir durften nicht mehr zusammen spielen" - #48 - Edith Braun I
In Folge 48 erzählen wir zusammen mit unserer Protagonistin Edith Braun die Geschichte ihrer Flucht aus Nazideutschland. Im Mittelpunkt steht das Kind Edith, das sehr früh den Hass auf Jüdinnen und Juden erleben musste. Sie sei belästigt worden, sagt sie. Ihr Bruder Hans vor allem. Was genau passierte, damals, erinnert sie nicht. Nur, dass sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr mit ihrer besten Freundin spielen durfte, weil sie Jüdin war. Aber warum fehlen die konkreten Erinnerungen? Sie glaube, so erzählt sie im Interview 2004, sie habe verdrängt. Der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Fotograf Tim Hoppe und ich, die Autorin Corinna Below, sind 2022 in ihre Geburtsstadt Landau gefahren und haben dort Ediths Neffen Daniel getroffen. Auch er hilft uns dabei, Ediths Geschichte zu erzählen.
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48
"Es war sehr hart, aber wir waren in Freiheit." - #47 - Lesung Edith Braun
Die kleine Edith war noch keine sieben Jahre alt, als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde. Für sie und ihre Familie begann unmittelbar eine Zeit der judenfeindlichen Schikane und des Terrors. Im Interview von 2004 kann sie sich daran nur schwach erinnern. Leider, sagt sie, weil sie die ganze Geschichte wahrscheinlich besser verstehen könnte und Gott sei Dank, weil sie sich eigentlich gar nicht erinnern möchte. Ihre Eltern entscheiden am Ende auch der Kinder wegen, das Land zu verlassen. Familie Marx flieht bereits 1935 nach Argentinien. Edith resümiert, fast 70 Jahre nach der Flucht: "Es war sehr hart, aber wir waren in Freiheit." Die Schauspielerin Lena Klenke liest ihre Geschichte.
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"Sie ist Jüdin, sie darf die Fahne nicht tragen!" - #46 - Rut Marx II
Diese Folge startet mit der Ankunft in Buenos Aires, Argentinien im September 1936. Das Problem: Familie Marx hat keine Visa für Argentinien. Viel mehr soll hier noch nicht verraten werden. So viel dennoch vorab: der Start ist hart. Schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen machen der Familie das Leben schwer und mit Antisemitismus bekommt es Rut auch in der neuen Heimat zu tun. Aber Rut hat auch viel Schönes zu berichten.
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"1933 wurde mein Vater festgenommen und ins KZ gesteckt" - #45 - Rut Marx I
Um die Fluchtgeschichte von Rut Marx zu verstehen, muss man weit zurückgehen. Eine zentrale Rolle spielt ihr Vater und vor allem seine Herkunft. Als Jugendlicher flieht er ins Deutsche Reich, wird zu Beginn des 1. Weltkrieges festgenommen, musst Zwangsarbeit leisten, kommt frei, macht im Breslau in der Zeit der Weimarer Republik Karriere und heiratet. Alfred Kagan und die deutsche Jüdin Edith Kramer bekommen 1932 ihr erstes und einziges Kind: Rut. Doch das Glück währt nicht lang. Nur ein halbes Jahr später kommen die Nazis an die Macht und Ruts Vater wird festgenommen und in einem Konzentrationslager festgehalten. Er kommt frei und die Familie flieht zunächst in die Tschechoslowakei. Für Alfred Kagan ist es die zweite Flucht. Drei Jahre später werden sie denunziert und sie haben wieder nur wenige Stunden Zeit, um zu fliehen. Dieses Mal soll Paraguay das Ziel sein, doch es kommt anders. In dieser Folge erzählen wir die Geschichte der Familie Kagan bis zu ihrer Ankunft im "Hotel des los Inmigrantes" am 26.09.1936, im Hafen von Buenos Aires.
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"Wie konntet ihr so blöd sein?" - #44 - Lesung Rut Marx
„Wie konntet ihr so blöd sein?“, hat sie ihre Eltern immer wieder gefragt. „Hab ihr denn das nicht gemerkt, gesehen und gelesen?“ Rut Marx konnte nie verstehen, dass es zu der massenhaften Vertreibung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden kommen konnte. Und sie hatte Wut im Bauch. Eine Wut gegen alles Deutsche, auch gegen das Deutschsein der Eltern. So beginnt der Text, den ich 2004 über Rut Marx für EIN STÜCK DEUTSCHLAND geschrieben habe. Es ist ein Text über eine, die alles Deutsche ablehnt, zunächst. Rut lernt dann aber ausgerechnet den deutschen Juden Hans kennen und weil die Schwiegereltern darauf bestehen, dass sie Deutsch spricht und sie in den 1980er Jahren mehrfach mit ihm in seine alte Heimat Landau reist, fängt sie doch an, sich auch mit ihrer eigenen deutschen Herkunft auseinanderzusetzen.
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"Die Geschichte ist noch nicht zuende erzählt" - #43 - Exilmuseum Berlin
Vor Jahren schon haben Tim Hoppe, der Fotograf von EIN STÜCK DEUTSCHLAND und ich, die Autorin, nach einer Möglichkeit gesucht, die Fotos und die Geschichten auszustellen. Das war ursprünglich unser Plan. Bei der Recherche im Internet bin ich auf das Exilmuseum Berlin gestoßen und dachte: perfekt!, musste dann aber feststellen, dass das Museum bislang nur als Idee existiert. Seitdem stehe ich in Kontakt mit den Macher:innen. Im Oktober 2022 war ich zur Eröffnung der sogenannten Werkstatt Exilmuseum eingeladen und bin mit meinem Mann hingefahren. Etwa 100 geladene Gäste. Darunter Schirmherrin und Schirmherr Herta Müller und Joachim Gauck, Lea Rosh, Can Dündar, zwei ehemalige Berliner Bürgermeister. Erst vor Ort habe ich überlegt, eine Podcast-Folge draus zu machen. Meiner Dreistigkeit habe ich zu verdanken, dass ich ein Interview mit Joachim Gauck machen konnte. Ich hatte es nämlich vorab nicht beim Bundespräsidialamt angefragt. Außerdem habe ich viele weitere Interviews mit denjenigen geführt, die sich seit Jahren Gedanken darüber machen, wie dieses Exil-Museum aussehen wird, was dort zu sehen sein wird. Nun ist es unmittelbar nach dem Auftakt der Werkstatt Exilmuseum nicht zu einer Podcastfolge gekommen, weil mein Podcast-Partner Carsten und ich andere Lebens-Geschichten erst einmal zu Ende erzählen wollten. Fast ein Jahr später war ich wieder in Berlin, um mir in der Werkstatt Exilmuseum eine sogenannte Immersive Audio-Installation anzugucken, besser gesagt, anzuhören. Sie zeigt, was im zukünftigen Museum möglich ist, um Exil begreifbar zu machen. Was eine Immersive Audio-Installation ist und was sie als neues Format der Vermittlung so extrem geeignet macht, lassen wir uns vom Regisseur Walter Meierjohann und dem Schauspieler Bjarne Mädel erklären. Außerdem kommen weitere Macherinnen der Werkstatt Exilmuseum zu Wort.
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43
"Ich war nie wieder in Deutschland" - #42 - Edith Sichel III
Der Kampf um "Wiedergutmachung" geht in dieser Folge zu Ende: Edith Sichel erhält insgesamt 10.000 DM von der Hamburger Sozialbehörde. Diese sieht es zuletzt als bewiesen an, dass Edith durch die erzwungene Emigration nach Argentinien einen "Ausbildungsschaden" erlitten hat. Den finanziellen Schaden, der ihr durch die Flucht entstanden ist, kann damit aber bei Weitem nicht kompensiert werden. Edith hatte bis an ihr Lebensende immer wenig Geld. Es sei ihr unmöglich gewesen, damit auszukommen, sagte sie 2004. Sorgenfrei konnte sie dann aber im Hogar Hirsch leben, dem Altenheim für Deutsche sprechende Jüdinnen und Juden. Auch wenn Ediths Leben durch die Flucht aus Nazideutschland steinig war, so blickt sie im Interview 2004 doch sehr positiv auf ihr Leben zurück und sieht vor allem, dass sie Glück gehabt hat. Doch ein Schmerz bleibt: Ediths Opa, ihr Onkel, dessen Frau und Tochter und viele ihrer Klassenkameradinnen aus ihrer Hamburger Schule, sind im KZ umgekommen. „Sehr, sehr traurig“ schließt sie das Interview. Doch dann fügt sie doch noch hinzu: „Aber viele haben sich sicher auch retten können.“ Bis zu ihrem Tod im November 2021 ist Edith Sichel ein sehr positiv denkender Mensch geblieben. In dieser Folge erzählt neben Edith auch ihre jüngere Schwester Sigrid, die ich im August 2023 über WhatsApp interviewen konnte, nachdem ich erfahren hatte, dass sie noch lebt. Was für ein großes Glück! Sie konnte einige meiner Fragen beantworten, die ich zu Ediths Geschichte hatte. Außerdem hat ihre Tochter Ruth Fotos geschickt, die nun auf Ediths Seite von EIN STÜCK DEUTSCHLAND zu sehen sind. Fotos aus der Zeit der Kindheit in Hamburg, von der Überfahrt nach Buenos Aires, der Hochzeit von Sigrid, auf dem Sigrid eine junge Frau ist.
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"Gehen Sie aus Deutschland raus. Es wird sehr schwer für die Juden werden!" - #41 - Edith Sichel II
In dieser Folge geht es um das große Glück, das Ediths Familie widerfährt, als ein Mann sie vor dem warnt, was auf Jüdinnen und Juden zukommen wird. Daraufhin entschließen sich Ediths Eltern zur Flucht aus Nazideutschland. Erst geht der Vater aufs Schiff, später die Mutter, Edith und ihre drei Geschwister. Dieses mal geht es nicht nach Brasilien, sondern nach Argentinien und ein ungewohntes, völlig neues Leben beginnt ... In dieser Folge kommt neben Edith selbst auch Christina Igla von der Hamburger Stolperstein-Initiative zu Wort. Mit ihr war die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, Corinna Below, im Hamburger Staatsarchiv, um die sogenannten Wiedergutmachungsakten von Edith und ihrem Vater Kurt Brauer durchzuarbeiten. Die wichtigsten Dokumente aus beiden Akten haben befreundete Kolleg:innen vom NDR für EIN STÜCK DEUTSCHLAND eingesprochen, sodass auch sie zu hören sind. Sie geben zum Einen spannende Eiblicke in den Behörden-Jargon der Nachkriegszeit, zum anderen aber auch in das Leben im Exil im Norden Argentiniens, von dem die Briefe an das Hamburger Sozialamt Ende der 1950er Jahre berichten. So erfahren wir einiges über das Leben in der jüdischen Siedlung Moisesville. Hier versuchen die Eltern von Edith, Martha und Kurt, mithilfe der Kinder, Landwirtschaft zu betreiben. Das Leben auf dem Land ist ungewohnt und mühsam. Auch Edith muss helfen. Sie kann nur drei weitere Jahre zur Schule gehen. Die weiterführende Schule ist zu weit weg. Für die Fahrt fehlt den Eltern das Geld. Edith kann keinen Schulabschluss machen. Eine Ausbildung zur Modistin oder Schneiderin bleibt ihr verwehrt. Wird sie dafür eine finanzielle Wiedergutmachung bekommen? Das erfahren die Hörer:innen in der nächsten Folge. Wir diskutieren außerdem, wie der Begriff der Widergutmachung zu verstehen ist, wie er gemeint war und wie wir ihn heute empfinden.
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"Wir konnten nicht mehr auf die Straße gehen, spielen" - #40 - Edith Sichel I
Als ich Edith Sichel 2004 in San Miguel, Argentinien, interviewt habe, war das Erste, was sie mich fragte: „Kennen Sie die Karolinenstraße? Schule Karolinenstraße? Da sind wir in die Schule gegangen.“ Daran hat sie sich damals noch sehr lebhaft erinnert und davon konnte sie erzählen. Sie hat diese Schule geliebt. Eine jüdische Schule. Ich wohne ganz in der Nähe. Im Zuge der Recherchen für den Podcast habe ich Kontakt zur Schule aufgenommen. Allerdings ist sie heute eine Gedenkstätte: Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße in Hamburg. Die Leiterin der Gedenkstätte Dr. Anna von Villiez hatte nach meiner ersten Anfrage von 2019 über Edith Sichel, geborene Brauer, nichts finden können. Jetzt hat sie noch mal intensiver geschaut und hatte dann, als ich für ein Interview bei ihr vorbeikam eine Überraschung für mich parat. Für diese und auch die nächste Folge war ich auch wieder mit Christina Igla von der Hamburg-Eppendorfer Stolperstein-Initiative unterwegs. Dieses Mal habe ich sie ins Hamburger Staatsarchiv begleitet, um die sogenannten Wiedergutmachungsakten von Edith und ihrem Vater einzusehen. Wahnsinn, was alles aus ihnen herauszulesen war! Dazu mehr in dieser und der nächsten Folge.
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40
"Viele Compañeras von mir sind umgekommen. Schrecklich!" - #39 - Lesung Edith Sichel
Als ich, die Autorin dieses Podcasts, Corinna Below, das Interview mit Edith Sichel von 2004 für den Podcast vorbereite, da denke ich: Was für eine positive Frau! Was für eine weiche, herzliche Stimme. Sie spricht so warmherzig von ihrer Hamburger Grundschule, der Schule Karolinenstraße. „Das war eine schöne Schule, muy linda!“ Eine jüdische Schule. Gerade erst hatte sie ein Buch über die Schule gelesen und erfahren, welche von ihren ehemaligen Freundinnen und Mitschülerinnen im Holocaust ermordet worden waren. Edith Sichel war 10 Jahre alt, als sie it ihren Eltern und den drei Geschwistern auswandern konnte. Der Vater war bereits 1933 gekündigt worden und ein Mann in Uniform, so erinnert sich Edith Sichel, habe die Familie schon früh gewarnt, sie sollten so schnell wie möglich das Land verlassen.
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"Das was passiert ist, darf nie wieder passieren" - #38 - Edith Weinberg - ein Nachtrag II
Dies ist eine der zwei ergänzenden Folge zu den Folgen 18 und 19 über Edith Weinberg. Und zwar Teil II. Hier fließt eine Reise mit ein, die der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Fotograf Tim Hoppe und die Autorin Corinna Below im vergangenen Sommer nach Silixen und Lemgo gemacht haben. Dort haben sie spannende Menschen getroffen. Unter anderem einen Punk-Musiker und einen Wohnungsverwalter, die sich gemeinsam gegen Rechtsextremismus in ihrer Region einsetzen. Sie wollen am Geburtshaus von Edith und ihrer Schwester Anni eine Tafel anbringen, die daran erinnern soll, dass die Eltern Isaak und Johanna Kath 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Im Anschluss waren sie in Lemgo, wo Ediths Familie seit 1915 gelebt hat. Zusammen mit einer Historikerin sind Tim Hoppe und Corinna Below auf den Spuren der Familie Katz unterwegs. Diese und Folge #37 erzählen, wie heute an die Familie gedacht wird.
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"Man kann das einfach nur vorlesen und es wird einem schon schlecht." - #37 - Edith Weinberg - ein Nachtrag I
Dies ist eine ergänzende Folge zu den Folgen 18 und 19 über Edith Weinberg. Hier fließt eine Reise mit ein, die der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Fotograf Tim Hoppe und die Autorin Corinna Below im vergangenen Sommer nach Silixen und Lemgo gemacht haben. Dort haben sie spannende Menschen getroffen. Unter anderem einen Punk-Musiker und einen Wohnungsverwalter, die sich gemeinsam gegen Rechtsextremismus in ihrer Region einsetzen. Sie wollen am Geburtshaus von Edith und ihrer Schwester Anni eine Tafel anbringen, die daran erinnern soll, dass die Eltern Isaak und Johanna Kath 1944 im Theresienstadt ums Leben gekommen sind. Im Anschluss waren sie in Lemgo, wo Ediths Familie seit 1915 gelebt hat. Zusammen mit einer Historikerin sind Tim Hoppe und Corinna Below auf den Spuren der Familie Katz unterwegs. Die Folge erzählt, wie heute an die Familie gedacht wird.
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"Glück spielt eine große Rolle" - #36 - EIN STÜCK DEUTSCHLAND - Der Film
Im September 2019 ist die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND mit der Kamerafrau Berit Ladewig nach Buenos Aires, Argentinien geflogen, um mit den verbliebenen Protagonistinnen aus dem Projekt zu drehen. Die Idee war, über die geschriebenen Geschichten hinaus ihre Erinnerungen an die Nazizeit und an ihre Flucht vor der Verfolgung im Film festzuhalten. Ein Dokumentarfilm sollte entstehen. Doch es fehlte noch wenige Monate vor dem Abflug an allem Möglichen. Es fehlte die Ausrüstung, es fehlte eine Person vor Ort, die den Dreh vorbereitet und es fehlte vor allem an Geld. Der Film ist ein Gemeinschaftswerk. Darum geht es in dieser Folge. Zusammen mit Carsten Janz erzählt Autorin Corinna Below sozusagen hinter den Kulissen. Sie erzählen, wie es zu der Idee kam und wer alles mitgemacht hat. Im Interview: die Kamerafrau Berit Ladewig und Saskia Gottstein, die damals in Buenos Aires lebte, durch eine glückliche Fügung zum Projekt gestoßen ist und dann eine sehr wichtige Rolle spielen sollte. Corinna Below: "Am Beispiel des Films wird extrem klar, dass man sowas nicht alleine schaffen kann." Glück spielt beim Filmprojekt eine große Rolle. Das gab es in großen Portionen. Und so ist diese Folge auch eine Folge über die Kraft der Gemeinschaft und über große Dankbarkeit. Diese Folge ist allen Unterstützer:innen gewidmet.
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„Die hatten noch nicht mal Geld zum Essen gehabt.“ - #35ESD - Edith Nassau III
Zwei Monate war Edith mit ihren Eltern unterwegs gewesen, bevor sie nach viel Angst und Ungewissheit endlich im Hafen von Buenos Aires Anfang Oktober 1939 ankamen. Begrüßt von der ICA, der Jewish Colonisation Association kamen sie zunächst in einer Pension unter, bevor sie mit dem Zug nach Entre Ríos fuhren, aufs Camp, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch das Leben auf dem Land nördlich der Provinz Buenos Aires, ist viel härter, als siech die Kaufmannsfamilie hätte vorstellen können. Edith und die anderen Mädchen gehen nach Buenos Aires, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Sie alle schicken Geld aufs Camp. Denn die Eltern hatten noch nicht mal Geld, um Essen zu kaufen. Sie geht aus Sehnsucht bald zurück aufs Camp und heiratet dort Dieter Nassau, ebenfalls Flüchtling, ebenfalls aus dem Ruhrpott, ein Dortmunder. Sie gehen zusammen nach Buenos Aires und bekommen zwei Kinder. In dieser Folge geht es um den Neuanfang von Edith in der Fremde. Das neue Leben hält ein paar Rückschläge und Schicksalsschläge bereit. Dennoch verliert sie nie den Mut und die Zuversicht. Wir kehren in dieser Folge auch zurück nach Lünen Mitte Juni 2022. Wir sind ei der Stolpersteinverlegung für Edith und ihre Eltern dabei. Wir hören den Bürgermeister, den Initiator der Stolpersteininitiative Gunter Demnig, Udo Kath und Gisela Sons von der Lüner Stolpersteininitiative, drei Stolperstein-Pat:innen. Wir hören aber auch die Tochter von Edith, Marianna und Ediths Schwiegersohn Jorge. Marianna erzählt, wie sehr es sie berührt, dass ihre Familie jetzt Stolpersteine in Lünen hat und Jorge stellt sich vor, wie Edith nach ihrem Tod 2015 zusammen mit Dieter im Himmel sitzt und Hering isst. Den hat sich nämlich sehr geliebt.
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„Die deutschen Juden von Brasilien haben uns gerettet.“ - #34ESD - Edith Nassau II
Am 11. August 1939 ist es endlich so weit. Familie Gumbert hat alle Papiere für die Auswanderung zusammen. Lünen haben sie längst verlassen. Mit der „Antonio Delfino“ verlassen sie den Hamburger Hafen „sozusagen mit dem vorletzten Schiff“, erinnert sie sich. Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich, denn man rechnet jederzeit mit dem Ausbruch des Krieges. Als die „Antonio Delfino“ die europäischen Gewässer verlässt, wähnen sich alle 150 Juden an Bord in Sicherheit, doch als sie schon in Pernambuco, Brasilien sind, geht der Krieg los. Die Schifffahrtsgesellschaft will die Juden zurück nach Deutschland schicken, doch die deutschen Juden Brasiliens kommen ihnen zu Hilfe. Edith Nassau ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und sie habe das damals genau begriffen, sagt sie, „ich war ja kein kleines Kind mehr. Sie weiß, „die deutschen Juden von Brasilien haben uns gerettet.“ Was hat es damit auf sich? In dieser Folge ist der Historiker Dr. Björn Siegel zu Gast. Er ist für EIN STÜCK DEUTSCHLAND in die Hamburger Staatsbibliothek gegangen, um das herauszufinden und er einige erhellende Dokumente gefunden. ...
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"„Ich werde das nie vergessen, wie sie geschellt haben, geschellt und geschellt." - #33ESD - Edith Nassau I
Am 9. Dezember 1921 kommt sie in Dortmund als Edith Gumbert zur Welt, und wächst in Brambauer und Lünen auf. „Das ist alles Westfalen, Kohlenpott“ erklärt sie. Obwohl sie noch sehr jung war, könne sie sich an die Machtübernahme der Nazis noch gut erinnern. „Ich habe viel zu viele Erinnerungen,“ sagt sie, „keine guten“. In dieser Folge erzählt sie davon. Sie berichtet, was sie und ihre Eltern dazu bewegt hat aus Nazideutschland zu fliehen. A 13. Juni haben Edith und ihre Eltern Stolpersteine bekommen in Lünen bekommen. Wir sind dabei. In Lünen haben wir Menschen getroffen, die uns erzählen konnten, wie die Stimmung sich gegen die Jüdinnen und Juden immer mehr aufheizte, wie sie vor und in der Pogromnacht verfolgt wurden und erste auch schon ermordet wurden. Hier kommen Udo Kath und Gisela Sons von der Lüner Stolperstein-Initiative zu wort. Die Erinnerungen von Edith Nassau von 2004 und die Ergänzungen von Kath und Sons ergeben ein umfassendes Bild der damaligen gewaltsamen Zeit. Außerdem treffen wir Gunter Demnig, den Initiator der Stolperstein-Initiative, der seit 1996 mehr als 90.000 Stolpersteine verlegt hat und immer noch von jedem einzelnen Schiksal berürt ist.
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"Ich habe viel zu viele Erinnerungen" - #32ESD - Lesung Edith Nassau
Als wir, der Fotograf Tim Hoppe und ich, Edith Nassau 2004 als Voluntaria im Altenheim für die Deutsch sprechenden Jüdinnen und Juden Argentiniens kennenlernen, da ist immer noch deutlich zu hören, wo sie herkommt. Aus Westfalen, Kohlenpott. Ihren Dialekt hat sie sich bewahrt. Am 9. Dezember 1921 als Edith Gumbert geboren, wächst sie in Brambauer und Lünen auf und sagt: "Ich habe viel zu viele Erinnerungen." Mit neun Jahren erlebt sie die ersten judenfeindlichen Pogrome. Sie und die anderen jüdischen Kinder werden aus der Schule rausgeschmissen und die jüdischen Geschäfte werden geschlossen. Auch das Geschäft des Vaters. Als Edith von der Schule nach Hause kommt, stehen die Nazis vor der Tür und wollen das kleine Mädchen nicht hereinlassen. Familie Gumbert lebt von da an in ständiger Angst. Sie erzählt von dem Hin und Her mit der Ausreise. Zunächst will die Familie nach Palästina, dann nach Argentinien. Erst 1939 können sie sich schlussendlichen entschließen und haben die nötigen Papiere beisammen. In Hamburg gehen sie aufs Schiff. Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich, denn man rechnet jederzeit mit dem Ausbruch des Krieges. 150 Jüdinnen und Juden sind an Bord. Als sie in Pernambuco, Brasilien sind, geht der Krieg los. Die Schifffahrtsgesellschaft will die Juden zurück nach Deutschland schicken, doch die deutschen Juden Brasiliens kommen ihnen zu Hilfe …
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"Die sind alle umgekommen." - #31ESD - Ruth Goldschmidt II
1938 beschließt Familie Fleischmann, nun auch aus Holland auszuwandern. Sechs Jahre hatten sie hier gelebt. Schmerzlich war, dass sich Oma Bella weigerte, die lange Reise auf sich zu nehmen. Sie beschloss, in Holland zu bleiben und zog in ein jüdisches Altenheim. Ruth ist mittlerweile 10 Jahre alt und erinnert sich gut, wie sie sich von ihrer Oma verabschieden musste. Als sie das 2004 im Interview erzählt hat, stehen ihr die Tränen in den Augen. Ihre Tante, Pianistin und Musiklehrerin, ist zu diesem Zeit immer noch in Hamburg. Sie hat längst ihre Arbeit am Konservatorium verloren. Sie arbeitet fortan in einem jüdischen Kinderheim, begleitet Kindertransporte nach England bis sie 1939 selbst nach England flieht. Die Familie von Ruths Mutter in Hamburg ist groß. Sie kommen alle ums Leben. Vieles habe ich, Corinna Below, Ruth Goldschmidt 2004 nicht gefragt. Wie hießen ihre Eltern? Wann genau ist ihr Geburtsdatum? Wann genau sind sie ausgewandert? Auch in dieser Folge kommt Christina Igla vom „Arbeitskreis Stolpersteine und jüdisches Leben“ der Hauptkirche St Nikolai am Klosterstern in Hamburg-Eppendorf zu Wort. Sie recherchiert sei 11 Jahren die Geschichten hinter den Namen der deportierten jüdischen Haburger:innen. Sie hat eine dicke Akte zu Ruth Goldschmidts Familie gefunden und konnte mithilfe der Dokumente einige meiner Fragen beantworten. Die in der Shoah getöteten Verwandten von Ruth haben in den vergangenen Jahren bereits Stolpersteine bekommen. Auch davon erzählt diese Folge. Es geht aber auch um Ruths Neubeginn in Argentinien und ihrer späteren Rückkehr als ehemalige Hamburgerin, eingeladen vom Besucherprogramm der Hamburger Senatskanzlei. Erst wollte sie nicht fahren, doch dann erlebt sie eine wunderbare Zeit. Doch als sie dann dort ist, erlebt sie eine wunderbare Zeit. „Ich habe nur wenige Menschen in meinem Leben kennen gelernt, die so gut und so interessant waren.“ Diese Reise bringt ihr auch ihre frühen Kindheitserinnerungen zurück, den Teil ihres Lebens, den sie verloren glaubte. „Und wirklich,“ sagt sie und lacht, „als wir weggefahren sind, habe ich geweint, weil ich gerne noch dort geblieben wäre.“
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„Seine Freunde haben ihm gesagt, er soll seine Familie aus Deutschland heraus holen.“ - #30ESD - Ruth Goldschmidt I
Ruth war erst vier Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter ihre Heimatstadt Hamburg fluchtartig verlassen muss, getarnt als Ferienreise. Die Kinder sollen den wahren Grund hinter der Flucht nicht erfahren. Die Eltern wollen sie nicht belasten. Der Vater ist Weinhändler. Er verkauft Moselweine in Nord- und Südamerika. Als die Nazis an die Macht kommen, warnen ihn seine Freunde im Ausland, er solle seine Familie so schnell wie möglich außer Landes bringen. Die kleine Ruth wird all das erst Jahrzehnte später wirklich verstehen. Sechs Jahre lebt sie mit Mutter und Schwester im holländischen Scheveningen. Der Vater ist immer wieder zu Besuch. 1936 folgt die Oma aus Hamburg. Tante Elsa, eine Pianistin und viele Verwandte bleiben in der Hansestadt. 1938 beschließen Ruths Eltern, Holland zu verlassen und nach Buenos Aires auszuwandern. Eine Auswanderung war für die Familie kein Problem, denn dadurch, dass der Vater einige Jahr in Argentinien gelebt hatte, hatte er und auch seine Frau einen argentinischen Pass. Wird die Oma mitgehen? Und was passiert mit Tante Elsa und den anderen Verwandten der Familie. Dazu mehr in der nächsten Folge. In dieser Folge erzählt Ruth Goldschmidt ausführlich von den Hintergründen ihrer Fluchtgeschichte. Die Lücken ergänzt Christina Igla von der Hamburger Stiolpersteininitiative. Sie hat im Hamburger Staatsarchiv zur Familie von Ruth Akten angefordert und einige spannende Dokumente gefunden: Gemeindemitgliedskarten, Schreiben für die Wiedergutmachungsbehörde und die Geburtsurkunde für Ruths Mutter. Sie konnte ir nahezu all meine Fragen beantworten.
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„Sie ist voller Sehnsucht nach ihrer Oma“ - #29ESD - Lesung Ruth Goldschmidt
Ruth Goldschmidt ist Hamburgerin. Sie lebt im Grindelviertel, dort, wo vor der Shoah die meisten Hamburger Jüd:innen leben. Sie ist noch jung, als die Eltern entscheiden, dass die Familie keine Zukunft in Nazideutschland hat. Ruths Vater hat glücklicherweise einen Argentinischen Personalausweis, sodass der die Auswanderung problemlos veranlassen kann. Doch zunächst geht Ruth mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Holland, wo sie sechs Jahre leben. Die Oma kommt wenig später nach, doch bald steht eine schmerzliche Trennung an. Die Familie emigriert im Oktober 1938 nach Argentinien und lassen die Oma zurück. Diese will nicht mit. Diese Trennung belastet Ruth ein Leben lang. Ihre Oma stirbt glücklicherweise, bevor die Nazis sie deportieren können in einem jüdischen Altenheim. Andere Verwandte haben weniger Glück. „Die sind alle, alle umgekommen", sagt Ruth Goldschmidt im Interview 2004. Sie erzählt auch von Ihrer Tante, einer Pianistin, die in Hamburg in einem jüdischen Kinderheim arbeitet und immer wieder Kindertransporte nach England begleitet hat. Sie kann später selbst nach England fliehen und überlebt so den Nationalsozialismus. Ruth tut sich in ihrer neuen Heimat Argentinien anfangs schwer ,ist aber überglücklich, dort endlich ihren Vater wieder zu sehen. Nach und nach wird sie heimisch. Als Erwachsene reist sie mit ihrem Mann auf Einladung des Hamburger Senats in ihre Heimatstadt. Erst hatte sie wenig Lust zu dieser Reise, Doch als sie dann dort ist, erlebt sie eine wunderbare Zeit. „Ich habe nur wenige Menschen in meinem Leben kennen gelernt, die so gut und so interessant waren.“ Diese Reise bringt ihr auch ihre frühen Kindheitserinnerungen zurück, den Teil ihres Lebens, den sie verloren glaubte. Sie erkennt die Tennisplätze am Rothenbaum und kann ihrem Mann ganz genau zeigen, hinter welchem Fenster der Flügel ihrer Tante gestanden hat. I Für die Moderation zu dieser Folge habe ich , Corinna Below, meine Freundin und Kollegin Hannah Böhme interviewt. Sie ist eine der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Sprecher:innen. Vier der Texte hat sie für das Projekt eingesprochen. Die Geschichte von Ruth Goldschmidt hat sie zwar nicht selbst gesprochen. Dennoch hat sie mit dieser Protagonistin eine besondere Verbindung. Als sie vor Jahren nach Hamburg gezogen war, wohnte sie in der Schlüterstraße 86, genau gegenüber von der Wohnung, in der knapp 80 Jahre zuvor Ruth als Kind gelebt hatte.
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"Meine älteste Schwester ist ermordet worden. Frieda Kahn." - #28ESD - Lore Mayer III
Lore Mayer erzählt zusammen mit Sven Sprowls über die Ermordung ihrer Schwester Frieda. In der dritten ausführlichen Podcastfolge zu Lore Mayer erzählen wir die Geschichte der Ermordung ihrer ältesten Schwester Frieda. Dieser sinnlose Tod hat sie bis an ihr Lebensende sehr beschäftigt. Im Interview 2004 ist sie immer wieder darauf zurückgekommen. Leider konnte sie 2004 aber keine Details mehr erzählen. Dafür war ihre Erinnerung schon zu stark verblasst. Was sie allerdings damals auch noch nicht wusste ist, WIE Frieda, deren Mann Leopold und der jüngste Sohn Hans umgebracht wurden, denn damals waren die Details noch nicht erforscht. 2009 ist Lore Mayer im Alter von 98 Jahren gestorben. Erst danach haben Schüler:innen im Rahmen einer Reise nach Auschwitz die Namen von Frieda, Leopold und Hans in einer Liste gefunden und herausgefunden, dass sie 1942, gleich nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager, vergast worden sind. Wir sind mit Sven Sprowls, der Lore Mayer sehr gut gekannt hat, nach Ludwigshafen gefahren, um die Stolpersteine der drei Ermordeten zu besuchen. Sven erzählt im Podcast von der sogenannten Wagner-Bürkel-Aktion, bei der insgesamt 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz an zwei Tagen im Oktober 1940 zusammengetrieben wurden und ins Lager Gurs ins besetzte Frankreich deportiert worden sind. Hier haben Lores Schwester, ihr Schwager und ihr geliebter Neffe zwei Jahre unter schlimmsten Bedingungen gelebt, bevor sie 1942 nach Auschwitz deportiert und vergast worden sind.
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"Wir haben alle an Deutschland gehangen. Das war eine große Trennung." - #27ESD - Lore Mayer II
Wir beginnen die zweite Podcastfolge über Lore Mayer im Jahre 1933. Lore ist 23 Jahre alt und hat Liebeskummer. Gleichzeitig verändert sich ihre Welt in Mannheim, denn die Nazis haben die Macht übernommen. Jüdinnen und Juden wie sie werden schikaniert und entrechtet. Ihre Mutter treibt ihre Auswanderung voran. Weil sie aber nicht ohne einen Mann auswandern kann, heiratet sie Paul Mayer, den sie nicht liebt. Sie ziehen nach Darmstadt, wohnen in einer kleinen, bescheidenen Wohnung. Lore arbeitet in einem jüdischen Kaufhaus. Sie erlebt den Fanatismus ihrer Kolleginnen und den Boykott jüdischer Geschäfte. Ein halbes Jahr müssen Lore und Paul auf die Einreisepapiere für Argentinien warten. Sie reisen über Hamburg aus und sind zunächst voller Hoffnungen. Doch der Start in Buenos Aires ist extrem schwer. Ihr Onkel, von dem sie sich Starthilfe erhofft hatten, erweist sich als wenig liebenswert und Paul, der eigentlich Bierbrauer ist, muss im Hafen Säcke schleppen. Sie ziehen von Pension zu Pension und haben kaum Geld, um ihr Leben zu bestreiten. Bald geht es etwas besser und sie mieten ein kleines Haus. Als sie Lores Mutter und Pauls Vater endlich nachholen können, wird es sehr eng. Ein Zimmer muss Lore vermieten, weil das Geld nicht reicht. Sie vermietet an einen Nazi, den sie sogar bekochen muss, um etwas dazuzuverdienen. Eine schwierige Zeit. Aber es geht ihnen langsam finanziell immer besser. Doch bald stellt sich heraus, dass Paul homosexuell ist. Die beiden trennen sich in Freundschaft. Scheiden lassen können sie sich nicht, weil Scheidungen in Argentinien damals noch verboten sind. Lore fängt an, in einer Buchhandlung zu arbeiten. Geführt wird sie von dem Düsseldorfer Roberto Sternau, auch ein Flüchtling. Sie verlieben sich und ziehen später aufs Land in die Sierras de Córdoba. Hier kauft sich Lore vom Erbe einer ihrer Schwestern ein kleines Haus und lebt ihre Liebe zur Natur und zu den Tieren aus. Hier wird sie am Ende ihres Lebens erst richtig glücklich. Lore fängt an, in einer Buchhandlung zu arbeiten. Geführt wird sie von dem Düsseldorfer Roberto Sternau, auch ein Flüchtling. Sie verlieben sind und ziehen später aufs Land in die Sierras de Córdoba. Hier kauft sie sich vom Erbe einer ihrer Schwestern ein kleines Haus und lebt ihre Liebe zur Natur und zu den Tieren aus. Hier wird sie am Ende ihres Lebens erst richtig glücklich. Lore fängt an, in einer Buchhandlung zu arbeiten. Geführt wird sie von dem Düsseldorfer Roberto Sternau, auch ein Flüchtling. Sie verlieben sind und ziehen später aufs Land in die Sierras de Córdoba. Hier kauft sich Lore vom Erbe einer ihrer Schwestern ein kleines Haus und lebt ihre Liebe zur Natur und zu den Tieren aus. Hier wird sie am Ende ihres Lebens erst richtig glücklich.
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"Die Frauen waren alle fanatisch, waren verliebt in den Herrn Hitler" - #26ESD - Lore Mayer I
Ihr Leben beginnt im November 1910. Lore Mayer wächst in wohlhabenden Verhältnissen mit drei sehr viel älteren Schwestern auf, besucht die höhere Töchterschule und wird auf das Leben als Sekretärin und Ehefrau vorbereitet. Doch dann kommt die Inflation, der Vater verliert sein gesamtes Vermögen. Sechs Jahre später stirbt er. Nachdem die Schwestern bereits aus dem Haus und verheiratet sind, müssen Mutter und Tochter in eine kleine Wohnung ziehen und Lore wird von ihrem langjährigen Freund sitzen gelassen. Der Antisemitismus nimmt immer mehr zu und die Mutter drängt Lore dazu, einen Verehrer zu heiraten, den sie allerdings gar nicht liebt. Die Mutter will, dass Lore mit diesem Mann nach Argentinien auswandert. Lore lässt sich bequatschen. Sie sagt im Interview: "Mir war alles egal". Bevor sie Deutschland für immer verlässt, zieht das junge Paar übergangsweise nach Darmstadt und Lore arbeitet im Kaufhaus der Gebrüder Rothschild im Büro und erlebt, wie die SA die Menschen davon abhielt, hier einzukaufen. Dieser Folge liegen drei Interviews zugrunde: 1. Das Interview, das die Autorin 2004 mit Lore Mayer im Altenheim für Deutsch sprechende Jüd*innen in dSan Miguel/ Buenos Aires/ Argentinien geführt hat, 2. ein Interview, das ihr Nenn-Enkel Sven Sprowls mit ihr 1990 in Córdoba/ Argentinien geführt hat, und 3. ein Interview, das die Autorin Corinna Below im Oktober 2021 mit Sven Sprowls in Mannheim und Darmstadt geführt hat. Zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe haben sie sich auf die Spuren von Lore Mayer begeben.
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„Ich habe meine Schwester verloren“ - #25ESD - Lesung Lore Mayer
Die Fluchtgeschichte von Lore Mayer - vorgelesen von Jutta Hagemann Als der Fotograf Tim Hoppe und die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND Corinna Below Lore Mayer im November 2004 kennenlernen, ist sie schon Mitte 90 und hat vieles vergessen. Es fällt ihr schwer, sich zu erinnern. Zum Beispiel an ihre Kindheit und Jugend in Mannheim oder an ihre Heirat, den Umzug nach Darmstadt, den alltäglichen Antisemitismus, ihre Arbeit als Sekretärin in einem jüdischen Kaufhaus und ihre Flucht nach Argentinien. Davon sind ihr nur Bruchstücke geblieben. Woran sie sich erinnert ist, dass ihre Schwester umgekommen ist. Das ist das Erste, was ihr durch den Kopf geht. „Die ist umgebracht worden. Im Jahre … ich kann mich nicht erinnern. Wir haben viel mitgemacht.“
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"In einem fremden Land, ohne Freunde, das war sehr hart." - #24ESD - Doris Kaufmann
Bevor sie nach Südamerika auswanderte, hatte sich Doris Kaufmann nie jüdisch gefühlt. In der Emigration spielt für sie das Jüdische dann doch eine vergleichsweise große Rolle. Als sie 1956 heiratet, tritt sie zum Judentum über. Die Schwiegereltern wollen es so. Ihre Kinder sind folglich Juden, „aber sie machen keinen Gebrauch davon. Ich hätte es mir also sparen können.“ „Was ist eine Jüdin?“ fragt Doris Schwester eines Tages im Jahre 1936, als sie von der Schule nach Hause kommt. Auf der Straße war sie als solche beschimpft worden. Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst. In dieser Folge erzählt Doris Kaufmann, geborene Hammerschmidt, ausführlich von ihrer Fluchtgeschichte. In die USA oder nach Argentinien wollen die Eltern auswandern. Doch für Nordamerika bekommen sie kein affidavit, obwohl der Bruder des Vaters dort lebt. Die Einreisevisa nach Argentinien kann sich die Familie nicht leisten. Dann erinnert sich der Vater an einen Jugendfreund, der nach Paraguay ausgewandert war und schreibt ihm. Und tatsächlich fordert er sie an, obwohl er versichern muss, dass er für die Einwanderer aus Deutschland aufkommen wird. „Das war wirklich eine große Sache“. Ihr Vater verunglückt 1941 mit dem Pferdewagen. Da waren sie nur noch zu dritt. "In einem fremden Land, ohne Freunde, das war sehr hart." Nach 12 harten Jahren in Paraguay stirbt auch die Mutter und Doris geht zu ihrer Schwester nach Buenos Aires. Wieder muss sie sich ein neues Leben aufbauen. Doch am Ende ihres Lebens resümiert sie: In der Gesellschaft der deutschen Juden in Buenos Aires hat sie sich aber nie richtig integriert gefühlt. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss sagen, dass ich gar nicht jüdisch bin.“ Darunter habe sie immer sehr gelitten. Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre“ und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.
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"Was ist eine Jüdin?“ - #23ESD - Lesung Doris Kaufmann
„Was ist eine Jüdin?“ fragt Doris Schwester eines Tages im Jahre 1936, als sie von der Schule nach Hause kommt. Auf der Straße war sie als solche beschimpft worden. Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst. Bevor sie nach Südamerika auswanderte, hatte sich Doris Kaufmann nie jüdisch gefühlt. In der Emigration spielt für sie das Jüdische dann doch eine vergleichsweise große Rolle. Als sie 1956 heiratet, tritt sie zum Judentum über. Die Schwiegereltern wollen es so. Ihre Kinder sind folglich Juden, „aber sie machen keinen Gebrauch davon. Ich hätte es mir also sparen können.“ Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre.“
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"Mein Meister Ferdinand Bustin" - #22ESD - Lesung
Dies ist ein Text von Sepp Pauli über den Vater von Siegried Bustin. Der Elektromeister, ein Tutzinger Original, schrieb ihn vermutlich in den 1970er Jahren. Später, nach Sepp Paulis Tod, wurde er in den Tutzinger Nachrichten in der Rubrik "Wie es früher war" in der Ausgabe Mai/Juni 1991 veröffentlicht. Ich bekam den Text von der Tutzinger Stadtarchivarin, nachdem ich nach Dokumenten zur Familie Bustin gefragt hatte. Ein Volltreffer, denn als ich zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe 2004 Siegfried Bustin im Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchte, holte er sofort ein Heftchen über sein Heimatdorf Tutzing hervor, um es uns zu zeigen. Darin: genau dieser Text von Sepp Pauli: "Mein Meister Ferdinand Bustin". Carsten und iich wollten den Text für den Podcast so nutzen, als hätten wir Sepp Pauli interviewt. Carsten fragte unseren Kollegen Henrik Hanses, ob er ihn einsprechen würde. Das hat er gemacht und wir sind begeistert. Weil der Text aber sehr lang ist, haben wir beschlossen, ihn in Folge 21 nur auschnittsweise zu nutzen und das Audio dann in Folge 22 in der gesamten Länge zu veröffentlichen: ein Text, der die alten Zeiten lebendig macht.
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„Man wundert sich doch, wozu ein Kulturvolk in der Lage ist.“ - #21ESD - Siegfried Bustin
Siegfried Bustin ist 89 Jahre alt, als ich, die Autorin Corinna Below, zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe, ihn 2004 in dem deutsch-jüdischen Altenheim Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchen. Ein kleiner, freundlicher Mann mit traurigen Augen. Zurückhaltend und wie unbeteiligt sitzt er da, auf seinem Stuhl am Tisch in seinem Zimmer Nummer 667. Er zeigt mit einem gewissen Stolz ein Heftchen über Tutzing. Siegfried Bustin bekommt leuchtende Augen, als er die entscheidende Seite aufschlägt, denn auch sein Vater wird erwähnt. Der war vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten einziger Klempner in dem 5000-Seelen-Ort in Bayern und dazu sehr anerkannt und beliebt, so erinnert sich der Sohn. Das ist Jahrzehnte später alles weit, weit weg, aber das Heftchen ruft die Erinnerungen an die schöne Zeit in Deutschland wach, so oft er will. In dieser Folge soll Siegfried Bustin von seiner Zeit in Tutzing und von seinen Erlebnissen nach Januar 1933 selbst erzählen. Er erzählt vom Antisemitismus, dass sein Vater eingesperrt wurde, weil ihn ein Nachbar wegen „Rassenschande“ angezeigt hatte. Er sagt: „Man wundert sich doch, wozu ein Kulturvolk in der Lage ist.“ 2004 hatte ich versäumt, den Artikel über den Vater von Siegfried Bustin zu kopieren. Auf der Suche nach Dokumenten über die Familie bekam ich vom Stadtarchiv Tutzing genau diesen Artikel zugeschickt: "Mein Meister Ferdinand Bustin" von Sepp Pauli. Sepp Pauli, so erzählt er selbst in diesem Text, war ein Freund von Siegfried Bustin. In den 1920er Jahren wurde er Geselle beim Meister Bustin. Später hat er seine Erinnerungen an ihn aufgeschrieben. 1991 ist der Text in den Tutzinger Nachrichten erschienen. Ein wichtiges Dokument mit vielen Details zum Leben der Bustins am Starnberger See, zur Freundschaft der Familien Sepp und Bustin, zum aufkommenden Antisemitismus und zu den Umständen der Ausreise nach Argentinien. Diesen Text hat der NDR Moderator und Sprecher Henrik Hanses für den Podcast eingesprochen. In Auszügen erzählt also auch Sepp Pauli, wie das in den 1930 Jahren war und warum Familie Bustin dann 1937 fliehen musste.
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„Sie haben mich durch den Ort geführt und diese hässlichen Lieder gesungen" - #20ESD - Lesung Siegfried Bustin
Siegfried Bustin kommt als Nachzögling im Jahre 1916 in Tutzing bei München zur Welt. Seine Familie sei die einzige jüdische Familie im Ort gewesen. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurden wir trotzdem noch gut behandelt“, erzählt er. Er habe sogar seinen Schulabschluss machen dürfen. Bescheiden, als ob es ein Geschenk war, dass ihm eigentlich nicht zustand. Er erzählt von einer Radreise, die er mit zwei Kameraden nach Berchtesgaden gemacht hat. In einer Herberge pöbelte eine Gruppe Hitlerjugend aus Nürnberg „und die haben mich gefragt, ob ich Jude bin und ich habe gesagt „Ja“.“ Sie hätten ihm nichts Übles getan, erinnert sich der alte Mann heute. Nein, es ist noch gut gegangen. „Sie haben mich durch den Ort geführt und diese hässlichen Lieder gesungen: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt ...“ Er meint er habe Glück gehabt. Sie hätten ihn ja auch schlagen können. Seinen Freund haben sie sich statt dessen vorgenommen, sozusagen als Judenfreund.
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"Das Schlimmste ist, dass ich meine Eltern in Deutschland lassen musste.“ - #19ESD - Edith Weinberg
Edith Weinberg hat ein Erlebnis besonders geprägt. Immer wieder erzählt sie im Interview 2004, dass sie ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurücklassen musste. Sie erzählt, wie der Vater in der Pogromnacht festgenommen wurde, dann aber doch wieder freigelassen wurde. Später wurden er und Ediths Mutter dann aber doch im KZ Auschwitz ermordet. Ihre jüngere Schwester Anni hat den Krieg überlebt und gelangt zu ihrer Schwester nach Buenos Aires. Ein großes Glück für Edith. Genauere Details, Hintergründe, Namen, Daten und Fakten zur Familie und dem Umständen die ich (Corinna Below) während des Interviews 2004 aufgrund der knappen Zeit nicht erfragt hatte, erfahren wir in dieser Folge aber von Sara Elkmann, Volontärin der Städtischen Museen Lemgo.
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„Ich habe meine Eltern nie wieder gesehen.“ - #18ESD - Lesung Edith Weinberg
Edith Weinberg hat ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurückgelassen. Eine traumatische Erfahrung, die ihr Leben geprägt hat. Im Interview mit der Autorin erinnert sie sich daran, als sie sich am Pier in Bremerhaven von ihren Vater verabschieden muss. Da waren ihre "Nervem am zerspringen". Sie hat ihn und auch die Mutter nie weidergesehen. Sie wurden im Konzentrationslager ermordet.
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„Wir wussten, wir können nicht länger warten.“ - #17ESD - Bärbel Oppenheimer
Dass Bärbel und ihre Schwester aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“ heißt es damals. Juden dürfen nicht ins Schwimmbad gehen, nicht ins Kino und nicht ins Konzert. Für Bärbel, die ein kulturell interessiertes Mädchen ist, ist das schlimm. Nach 1933 geht sie auf eine jüdische Schule, weil sie das Lyzeum nicht mehr besuchen darf. Sie lernt alles, was sie für die Auswanderung braucht, Sprachen und praktische Sachen, wie Schreibmaschine schreiben und Stenographie. Eigentlich will sie Babyschwester werden. Die Mädels, mit denen sie nun zur Schule geht, kommen aus allen Ecken des Landes. Als sie auf einer gemeinsamen Reise in München sind, beschließen sie, gegen das Gesetz zu verstoßen und in ein Konzert zu gehen. Sie machen sich zurecht und hoffen, dass sie nicht auffallen werden. Sie gehen in kleinen Grüppchen und hören Beethovens Neunte Symphonie. „Wir haben alle geweint.“ Sie versuchen, das Leben trotz der Umstände zu genießen und haben auch viel Spaß miteinander. Doch dann kommt die sogenannte Kristallnacht und alles ist vorbei. Plötzlich heißt es „Raus, ihr müsst weg. Packt eure Koffer und haut ab!“ Jetzt war klar, sie müssen fliehen. Sie sagt: "Wir wussten, wir können nicht länger warten."
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„Juden dürfen nicht ins Schwimmbad gehen, nicht ins Kino und nicht ins Konzert." - #16ESD - Lesung Bärbel Oppenheimer
Dass in der Nacht auf den 10. November 1938 die Nazis auch in Nürnberg Synagogen niederbrannten und die Scheiben jüdischer Geschäfte zu Bruch gingen, empfindet Bärbel Oppenheimer heute als persönlichen Glücksfall. Sonst hätte ihre Familie das geliebte Heimatland nie verlassen. Der Vater ist Besitzer einer Weingroßhandlung und einer Likörfabrikation, Träger des Eisernen Kreuzes, Soldat im Kampf fürs Vaterland. Die Mutter, in Nürnberg geboren, half im Lazarett. „Wir waren immer pro-deutsch eingestellt“, erinnert sich die heute 83jährige Tochter. Dass sie und ihre Schwester dennoch aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“ heißt es damals. Juden dürfen nicht ins Schwimmbad gehen, nicht ins Kino und nicht ins Konzert. Für Bärbel, die ein kulturell interessiertes Mädchen ist, ist das schlimm. Nach der Reichpogromnacht wird der Vater verhaftet. Fünf Wochen wird er im KZ Dachau festgehalten. Ein Schock für die Familie. Danach setzen sie alles daran aus Nazideutschland so schnell wie möglich heraus zu kommen.
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ABOUT THIS SHOW
"Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache."In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes. Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit. Wir haben 49 von ihnen besucht, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Einige haben wir in ihren Zimmern aufgesucht, andere im Park getroffen oder in der Stadt. Hier erzählen 49 Männer und Frauen von ihrer Emigrationsgeschichte, ihrem Verhältnis zu Argentinien und ob sie je darüber nachgedacht haben, wieder in Deutschland zu leben. Die Initiatorin des Projektes, Corinna Below (Journalistin) spricht in diesem Podcast mit ihrem Freund und Kollegen Carsten Janz über die Schicksale der
HOSTED BY
Corinna Below (Initiatorin & Journalistin) & Carsten Janz (Journalist)
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