EPISODE · Mar 13, 2026 · 14 MIN
OE3000 - Episode 10 - Der organisationale Alltag zwischen Leitbild und Wirklichkeit
from OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen · host Robin Julian Taylor
Diese Woche war ich in Augsburg bei einer Veranstaltung zum nachhaltigen Wirtschaften. Organisiert von der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH – in einem Autohaus. Eine Nachhaltigkeitsveranstaltung zwischen glänzenden Neuwagen. Ich liebe solche Widersprüche, denn sie erzählen mehr über den Zustand unserer Organisationen als jede Keynote.Von BMW über Behörden bis zu regionalen Mittelständlern – die Bandbreite war enorm. Und das Beste: Viele haben nicht die üblichen Erfolgsgeschichten erzählt. Sie haben von Widerständen berichtet, von gescheiterten Versuchen, von der Kluft zwischen dem, was die Organisation nach außen kommuniziert, und dem, was intern tatsächlich passiert.Zwischen dem, was auf so einer Veranstaltung besprochen wird, und dem, was am Montagmorgen passiert, liegt ein Graben. Da sitzt man bei einem Vortrag über CO₂-Reduktion, nickt zustimmend, nimmt sich drei Maßnahmen vor – und am Montagmorgen liegen dreißig Mails im Postfach, der Abteilungsleiter will die Quartalszahlen, und das Nachhaltigkeitskonzept wandert in die Schublade. Nicht aus Boshaftigkeit. Weil der Alltag seine eigene Schwerkraft hat.Ein IT-Leiter berichtete: Sein Projektportfolio wächst stetig. Mehr Budget, mehr Gerätschaft, mehr Systeme. Abgekündigt wird selten. Ein Zusammenlegen der IT-Infrastruktur mit anderen Organisationen würde Sinn ergeben – aber die Logik des Wachstums und der Abgrenzung ist stärker als die Logik der Nachhaltigkeit. Rebound-Effekte überall: Ressourcen werden an einer Stelle eingespart, an anderer wieder angeschafft. Die Einsparung ist dahin.Und dann die Mikropolitik. Mehrere Entscheider fragten sich offen: Macht ein veganes Kantinenangebot die Organisation attraktiver – oder vergrault es bestehende Mitglieder? Ist ein Mobilitätskonzept, das Parkplätze reduziert, ein Fortschritt oder eine Zumutung? Die Fragen klingen banal, aber sie sind es nicht. Selbst das Mittagessen ist politisch. Jede Veränderung sendet ein Signal – über Werte, über Richtung, über das, wofür man steht.Greenwashing ist keine böse Absicht. Es ist eine strukturelle Versuchung. Die Organisationen, die am lautesten über Nachhaltigkeit reden, sind nicht unbedingt die, die am meisten tun. Wer eine große Nachhaltigkeitsabteilung hat, hat vor allem eine große Nachhaltigkeitsabteilung – nicht unbedingt nachhaltige Prozesse.Der Ausweg? Informelle Netzwerke. Die ehrlichen Pausengespräche, der Austausch unter vier Augen. Das Gegenteil von Schauseite.Erwähnte Personen: Anton Jäger Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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Diese Woche war ich in Augsburg bei einer Veranstaltung zum nachhaltigen Wirtschaften. Organisiert von der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH – in einem Autohaus. Eine Nachhaltigkeitsveranstaltung zwischen glänzenden Neuwagen. Ich liebe solche Widersprüche, denn sie erzählen mehr über den Zustand unserer Organisationen als jede Keynote.Von BMW über Behörden bis zu regionalen Mittelständlern – die Bandbreite war enorm. Und das Beste: Viele haben nicht die üblichen Erfolgsgeschichten erzählt. Sie haben von Widerständen berichtet, von gescheiterten Versuchen, von der Kluft zwischen dem, was die Organisation nach außen kommuniziert, und dem, was intern tatsächlich passiert.Zwischen dem, was auf so einer Veranstaltung besprochen wird, und dem, was am Montagmorgen passiert, liegt ein Graben. Da sitzt man bei einem Vortrag über CO₂-Reduktion, nickt zustimmend, nimmt sich drei Maßnahmen vor – und am Montagmorgen liegen dreißig Mails im Postfach, der Abteilungsleiter will die Quartalszahlen, und das Nachhaltigkeitskonzept wandert in die Schublade. Nicht aus Boshaftigkeit. Weil der Alltag seine eigene Schwerkraft hat.Ein IT-Leiter berichtete: Sein Projektportfolio wächst stetig. Mehr Budget, mehr Gerätschaft, mehr Systeme. Abgekündigt wird selten. Ein Zusammenlegen der IT-Infrastruktur mit anderen Organisationen würde Sinn ergeben – aber die Logik des Wachstums und der Abgrenzung ist stärker als die Logik der Nachhaltigkeit. Rebound-Effekte überall: Ressourcen werden an einer Stelle eingespart, an anderer wieder angeschafft. Die Einsparung ist dahin.Und dann die Mikropolitik. Mehrere Entscheider fragten sich offen: Macht ein veganes Kantinenangebot die Organisation attraktiver – oder vergrault es bestehende Mitglieder? Ist ein Mobilitätskonzept, das Parkplätze reduziert, ein Fortschritt oder eine Zumutung? Die Fragen klingen banal, aber sie sind es nicht. Selbst das Mittagessen ist politisch. Jede Veränderung sendet ein Signal – über Werte, über Richtung, über das, wofür man steht.Greenwashing ist keine böse Absicht. Es ist eine strukturelle Versuchung. Die Organisationen, die am lautesten über Nachhaltigkeit reden, sind nicht unbedingt die, die am meisten tun. Wer eine große Nachhaltigkeitsabteilung hat, hat vor allem eine große Nachhaltigkeitsabteilung – nicht unbedingt nachhaltige Prozesse.Der Ausweg? Informelle Netzwerke. Die ehrlichen Pausengespräche, der Austausch unter vier Augen. Das Gegenteil von Schauseite.Erwähnte Personen: Anton Jäger Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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