EPISODE · Mar 27, 2026 · 16 MIN
OE3000 - Episode 12 - Kollaboration, Kompromiss und Protest
from OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen · host Robin Julian Taylor
Die Tarifrunde 2026 liefert gerade in Echtzeit das gesamte Spektrum. Kollaboration, Kompromiss und Protest. Gleichzeitig. In derselben Woche. Teils in derselben Branche.1. März 2026: Die GDL schließt mit der Deutschen Bahn einen neuen Tarifvertrag. Ohne Streik. Bewusst. "Friedenszeit" nennen sie das. Das Ergebnis: 24 Monate Laufzeit, die ersten sieben Monate keine Lohnerhöhung. Die GDL hatte vorher selbst erklärt: 13 Prozent Reallohnverlust durch Inflation. Die Forderung lag bei 8 Prozent. Die Bahn spricht von "intelligentem Kompromiss". Man kann das als pragmatische Einigung lesen. Oder als Kapitulation. Oder als strategische Neuausrichtung unter neuer Führung.Derselbe Tag: ver.di ruft erneut zu Warnstreiks auf. Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hamburg, Sachsen-Anhalt – keine Busse, keine Bahnen. In Sachsen-Anhalt vier Tage lang. Der dritte großflächig koordinierte Arbeitskampf in dieser Runde. Aber: In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gab es bereits Einigungen. In Hessen wurde ein Ergebnis erzielt, über das die Mitglieder abstimmen sollten. Brandenburg verzichtete auf Streik, setzte auf Weiterverhandlung.Das heißt: Kollaboration, Kompromiss und Protest fanden in derselben Tarifrunde, in derselben Woche, in derselben Branche statt. Nur eben in verschiedenen Regionen. Von außen wirkt das chaotisch. Aber es zeigt: Verschiedene Akteure reagieren auf verschiedene lokale Bedingungen mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.1. März: ver.di ruft die rund 800 Beschäftigten der Deutschen Presse-Agentur zum ganztägigen Streik auf. Der erste vollständige Streik in der Geschichte der dpa. Die Ausgangslage: 2,3 Prozent Erhöhung oder 110 Euro. Die Forderung: 250 Euro. In vier Runden hatte sich die Gegenseite nicht bewegt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem nicht mehr verhandelt wird, sondern gemauert.Jeder Kompromiss spiegelt die Machtverhältnisse wider, unter denen er zustande kam. Die GDL hatte sich vorab auf Friedenszeit festgelegt – und damit ihr stärkstes Druckmittel aus der Hand gegeben. Ver.di eskaliert regional unterschiedlich, je nach Fortschritt der Verhandlungen. Die dpa-Beschäftigten greifen zum härtesten Mittel, weil vier Runden zu nichts geführt haben.Protest ist nicht das Gegenteil von Zusammenarbeit. Er ist eine Eskalationsstufe innerhalb eines Aushandlungsprozesses. Und Reibung ist nicht das Problem. Sie ist der Motor.Erwähnte Personen: - Schreib mir: [email protected] Mehr Infos: www.robin-taylor.de
What this episode covers
Die Tarifrunde 2026 liefert gerade in Echtzeit das gesamte Spektrum. Kollaboration, Kompromiss und Protest. Gleichzeitig. In derselben Woche. Teils in derselben Branche.1. März 2026: Die GDL schließt mit der Deutschen Bahn einen neuen Tarifvertrag. Ohne Streik. Bewusst. "Friedenszeit" nennen sie das. Das Ergebnis: 24 Monate Laufzeit, die ersten sieben Monate keine Lohnerhöhung. Die GDL hatte vorher selbst erklärt: 13 Prozent Reallohnverlust durch Inflation. Die Forderung lag bei 8 Prozent. Die Bahn spricht von "intelligentem Kompromiss". Man kann das als pragmatische Einigung lesen. Oder als Kapitulation. Oder als strategische Neuausrichtung unter neuer Führung.Derselbe Tag: ver.di ruft erneut zu Warnstreiks auf. Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hamburg, Sachsen-Anhalt – keine Busse, keine Bahnen. In Sachsen-Anhalt vier Tage lang. Der dritte großflächig koordinierte Arbeitskampf in dieser Runde. Aber: In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gab es bereits Einigungen. In Hessen wurde ein Ergebnis erzielt, über das die Mitglieder abstimmen sollten. Brandenburg verzichtete auf Streik, setzte auf Weiterverhandlung.Das heißt: Kollaboration, Kompromiss und Protest fanden in derselben Tarifrunde, in derselben Woche, in derselben Branche statt. Nur eben in verschiedenen Regionen. Von außen wirkt das chaotisch. Aber es zeigt: Verschiedene Akteure reagieren auf verschiedene lokale Bedingungen mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.1. März: ver.di ruft die rund 800 Beschäftigten der Deutschen Presse-Agentur zum ganztägigen Streik auf. Der erste vollständige Streik in der Geschichte der dpa. Die Ausgangslage: 2,3 Prozent Erhöhung oder 110 Euro. Die Forderung: 250 Euro. In vier Runden hatte sich die Gegenseite nicht bewegt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem nicht mehr verhandelt wird, sondern gemauert.Jeder Kompromiss spiegelt die Machtverhältnisse wider, unter denen er zustande kam. Die GDL hatte sich vorab auf Friedenszeit festgelegt – und damit ihr stärkstes Druckmittel aus der Hand gegeben. Ver.di eskaliert regional unterschiedlich, je nach Fortschritt der Verhandlungen. Die dpa-Beschäftigten greifen zum härtesten Mittel, weil vier Runden zu nichts geführt haben.Protest ist nicht das Gegenteil von Zusammenarbeit. Er ist eine Eskalationsstufe innerhalb eines Aushandlungsprozesses. Und Reibung ist nicht das Problem. Sie ist der Motor.Erwähnte Personen: - Schreib mir: [email protected] Mehr Infos: www.robin-taylor.de
NOW PLAYING
OE3000 - Episode 12 - Kollaboration, Kompromiss und Protest
No transcript for this episode yet
Similar Episodes
Mar 26, 2026 ·1m
Jan 2, 2026 ·47m
Dec 21, 2025 ·46m