EPISODE · Apr 10, 2026 · 17 MIN
OE3000 - Episode 14 - Resilienz? Das Wort kommt einem schon aus den Ohren!
from OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen · host Robin Julian Taylor
September 2020: Der erste bundesweite Warntag seit der Wiedervereinigung. Ein Fiasko. Der zentrale Probealarm verzögerte sich wegen Systemüberlastung um eine halbe Stunde. Sirenen blieben stumm. Die Warn-App NINA funktionierte nicht flächendeckend. Ich kann bis heute nicht fassen, dass die Übung selbst schon nicht funktioniert hat.Was danach geschah? Die Behörden haben nachgebessert. Cell Broadcast wurde eingeführt. Technische Systeme schrittweise ertüchtigt. September 2025: 97 Prozent der Befragten über mindestens einen Kanal erreicht. Das ist eine Resilienzgeschichte. Ein System hat versagt, wurde kritisiert, hat gelernt. Nur hat dieser Lernprozess fünf Jahre gedauert. Fünf Jahre für eine zuverlässige Warn-SMS. Wenn Krisen selten fünf Jahre warten, ist das ernüchternd.Hier liegt das Missverständnis. Resilienz wird mit Durchhaltevermögen verwechselt. "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten." "Da müssen wir durch." Gut gemeint, aber falsch. Resilienz bedeutet nicht, eine Belastung länger auszuhalten, sondern sich schneller anzupassen. Eine starre Eiche bricht im Sturm. Ein Bambushalm biegt sich und richtet sich wieder auf.Die Corona-Pandemie hat das gezeigt. Manche Organisationen stellten binnen Tagen auf Homeoffice um. Andere kämpften monatelang mit Faxgeräten. Behörden, die keine digitalen Signaturen akzeptierten, obwohl die gesetzliche Grundlage existierte. Schulen, die Arbeitsblätter per Post verschickten. Das Muster: Wer vor der Krise flexible Strukturen hatte, kam besser durch. Wer auf Stabilität und Kontrolle gesetzt hatte, erstarrte.Aber Resilienz wird fast immer als individuelle Eigenschaft behandelt. Achtsamkeitsprogramme, Mental-Health-Apps, Coachings – alles zielt aufs Individuum. Wenn die Fähigkeit als persönliche Sache gilt, müssen Organisationen nichts ändern. Die Verantwortung wird privatisiert, die Strukturen bleiben.Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 120 Millionen Fehltage. Psychische Erkrankungen als Haupttreiber. 147 Milliarden Euro Folgekosten jährlich. Das lässt sich nicht durch individuelles Achtsamkeitstraining erklären. Wenn die Hälfte der Erwerbstätigen über höheren Zeitdruck klagt und 18 Prozent der 31- bis 40-Jährigen sich als Burnout-gefährdet einschätzen, liegt das nicht daran, dass all diese Menschen zu wenig Yoga machen. Es liegt an Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel und Organisationen, die ihre Beschäftigten als austauschbare Ressourcen behandeln.Resilienz ist in erster Linie eine strukturelle Eigenschaft. Und sie entsteht in guten Zeiten, nicht in der Krise. Wer Redundanzen, Puffer und Experimentierräume als Verschwendung streicht, bezahlt dafür, wenn es darauf ankommt.Erwähnte Personen: Martin Voss, Hartmut Rosa Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
What this episode covers
September 2020: Der erste bundesweite Warntag seit der Wiedervereinigung. Ein Fiasko. Der zentrale Probealarm verzögerte sich wegen Systemüberlastung um eine halbe Stunde. Sirenen blieben stumm. Die Warn-App NINA funktionierte nicht flächendeckend. Ich kann bis heute nicht fassen, dass die Übung selbst schon nicht funktioniert hat.Was danach geschah? Die Behörden haben nachgebessert. Cell Broadcast wurde eingeführt. Technische Systeme schrittweise ertüchtigt. September 2025: 97 Prozent der Befragten über mindestens einen Kanal erreicht. Das ist eine Resilienzgeschichte. Ein System hat versagt, wurde kritisiert, hat gelernt. Nur hat dieser Lernprozess fünf Jahre gedauert. Fünf Jahre für eine zuverlässige Warn-SMS. Wenn Krisen selten fünf Jahre warten, ist das ernüchternd.Hier liegt das Missverständnis. Resilienz wird mit Durchhaltevermögen verwechselt. "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten." "Da müssen wir durch." Gut gemeint, aber falsch. Resilienz bedeutet nicht, eine Belastung länger auszuhalten, sondern sich schneller anzupassen. Eine starre Eiche bricht im Sturm. Ein Bambushalm biegt sich und richtet sich wieder auf.Die Corona-Pandemie hat das gezeigt. Manche Organisationen stellten binnen Tagen auf Homeoffice um. Andere kämpften monatelang mit Faxgeräten. Behörden, die keine digitalen Signaturen akzeptierten, obwohl die gesetzliche Grundlage existierte. Schulen, die Arbeitsblätter per Post verschickten. Das Muster: Wer vor der Krise flexible Strukturen hatte, kam besser durch. Wer auf Stabilität und Kontrolle gesetzt hatte, erstarrte.Aber Resilienz wird fast immer als individuelle Eigenschaft behandelt. Achtsamkeitsprogramme, Mental-Health-Apps, Coachings – alles zielt aufs Individuum. Wenn die Fähigkeit als persönliche Sache gilt, müssen Organisationen nichts ändern. Die Verantwortung wird privatisiert, die Strukturen bleiben.Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 120 Millionen Fehltage. Psychische Erkrankungen als Haupttreiber. 147 Milliarden Euro Folgekosten jährlich. Das lässt sich nicht durch individuelles Achtsamkeitstraining erklären. Wenn die Hälfte der Erwerbstätigen über höheren Zeitdruck klagt und 18 Prozent der 31- bis 40-Jährigen sich als Burnout-gefährdet einschätzen, liegt das nicht daran, dass all diese Menschen zu wenig Yoga machen. Es liegt an Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel und Organisationen, die ihre Beschäftigten als austauschbare Ressourcen behandeln.Resilienz ist in erster Linie eine strukturelle Eigenschaft. Und sie entsteht in guten Zeiten, nicht in der Krise. Wer Redundanzen, Puffer und Experimentierräume als Verschwendung streicht, bezahlt dafür, wenn es darauf ankommt.Erwähnte Personen: Martin Voss, Hartmut Rosa Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
NOW PLAYING
OE3000 - Episode 14 - Resilienz? Das Wort kommt einem schon aus den Ohren!
No transcript for this episode yet
Similar Episodes
Mar 26, 2026 ·1m
Jan 2, 2026 ·47m
Dec 21, 2025 ·46m