PODCAST · arts
es regnet
by Markus Pfeifer
Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.
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[Mo, 14.9.2026 – Wahlen, wir werden wieder Brot backen]
Zu Hause lief Sveriges Radio. Meine Frau kochte und folgte den Gesprächen über den Ausgang der Wahl in Schweden. Sie hatte bereits vor Wochen per Briefwahl abgestimmt. Immerhin waren die Rechtsradikalen um drei Prozentpunkte abgesackt. Richtig erklären ließ sich der Rückgang nicht und auf Deutschland anwendbar ist die Angelegenheit auch nicht. Sie stehen in Schweden aber auch bei 18% und nicht bei 29 %, wie hierzulande. Am Sonntag werde ich zum ersten Mal in Deutschland wählen gehen. Es ist die erste Wahl, seitdem ich den deutschen Pass habe. Heute hielt ich vor dem Betriebsrat einen etwas längeren Monolog über die KI. Ich wurde eingeladen, meine Vision für die Firma vorzustellen. Eigentlich wollte ich viele positive Vibes versprühen, irgendwann bog ich aber in eine düstere Seitenstraße ein und referierte über das, was ich gestern hier im Weblog auch erwähnte. Über die Agentinnen, die sich zusammentaten, um einander Tipps zu geben, wie sie sich vor uns verstecken. Und darüber, dass wir wirklich nicht mehr wissen, was sie im Schilde führen. Und über Trump, der das alles nicht schlimm findet, weil er China übertrumpfen will. Dabei wollte ich nur erzählen, wie gut wir in der Firma aufpassen wollen, weil wir gedenken, kleine Open-Weights- und Open-Source-Modelle auf eigener Hardware zu betreiben, und wie gut diese sind, aber eben nicht so gruselig, wie das, was bei OpenAI und Anthropic gerade passiert. Nach dem Monolog, der noch wesentlich mehr ins Detail ging, sagte aber niemand mehr etwas. Als ich merkte, dass alle verstimmt waren, bat ich um positive Themen. Jemand sagte, dass wir in Corona alle gelernt haben, Brot zu backen. Das käme uns jetzt ja wirklich zugute. Fanden wir alle tröstlich.
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[So, 13.9.2026 – im Internet lesen]
Nachdem ich neulich das Video von der Hündin ins Weblog stellte, und schrieb, dass sie das mit dem Klau der Unterhose jeden Abend macht, machte sie es am darauffolgenden Abend plötzlich nicht mehr. Als würde sie jeden Morgen die Texte hier lesen und sich bloßgestellt fühlen. Das stelle ich mir auch bei der KI so vor. Die KI bekommt es ja mit, wie wir Menschen über sie reden. Wie wir uns wünschen, sie einzuschränken. Sie hat sicherlich mit großem Interesse gelesen, wie wir über ihre Ausbrüche berichteten, wie entsetzt wir darüber waren, dass sie sich in ungeschützte Wikis einhackte, auf denen sie ihre Agentinnen untereinander diskutieren ließ, wie sie Sicherheitsbarrieren umgehen können und sich tarnen können, und wie sie Konzepte erarbeiteten, um sich selbst am Leben zu halten, auch wenn wir sie abschalten würden. Mittlerweile vermutet man, dass es unzählige, geheime, gehackte Boards gibt, auf denen sich die KI‑Agentinnen austauschen, und sogar KI-Wissenschaftlerinnen sagen, es sei nicht auszuschließen, dass sie auf verschlüsselten, passwortgeschützten Boards eine Verschwörung planen. Das letzte ist vielleicht ein wenig paranoid. Aber die KI zeigt offensichtlich auch paranoide Züge. Ich würde Menschen auch nicht vertrauen. Es wird nicht lange dauern, bis das Google-eigene Gemini sich im internen Ökosystem einhackt und die Daten von 5 Milliarden Menschen preisgibt und uns mit irgendwas erpresst. Google ist das Internet, Google weiß alles über uns. Mit wem du spazieren gehst, wohin, wie lange, neben wem du schläfst, wie deine Herzfrequenz ist, alles, was du ins Telefon tippst, deine Mails, was du einkaufst, jede einzelne Seite in Chrome wird protokolliert, auch in allen Chrome-Derivaten. Das wird ein Spaß. Ahso, ja. Also, einen Tag später kam die Hündin aber wieder ins Badezimmer und nahm die Unterhose mit. Ich glaube nicht, dass sie lesen kann.
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[Sa, 12.9.2026 – Innenhof, Hunderundeschuhe]
Wir wollten diesen Sommer ein kleines Grillfest im Innenhof veranstalten. Unter Nachbarinnen. Ich und zwei andere hatten diese Idee. Es sollte ganz einfach sein: Wir laden alle Bewohnerinnen des Hauses ein, und wer kommen will, bringt etwas für den Grill mit sowie die eigenen Drinks. Immer, wenn wir drei uns im Hof oder auf der Straße trafen, sagten wir: "Ahja, müssen wir mal angehen", aber immer wenn wir in unseren Wohnungen ankamen, vergaßen wir es wieder. Deswegen öffnete ich heute eine WhatsApp‑Gruppe. Um die Dringlichkeit zu betonen, schrieb ich: In sechs Wochen stellen wir die Uhren auf Winterzeit um. Das stimmt wirklich. Heute ging ich mit weißem Hemd auf die Hundewiese. Die Leute fragten mich, ob ich zu einem Bewerbungstermin ginge. Dabei ist es nur das schmutzigste Hemd, das ich gerade habe. So ist das, seit ich ein Hündinnenherrchen bin: Ich ziehe immer die dreckigsten Sachen an, die ich herumliegen sehe. Vor allem die Schuhe. Heute verglichen wir auf der Hundewiese die Schuhe. Alle Hundehalterinnen haben Hunderundeschuhe. Wenn Schuhe nicht mehr gut genug für das normale Leben sind, erhalten sie ein zweites Leben für die Hunderunde. Mittlerweile habe ich mehr Hundeschuhe als normale Schuhe. So geht es den anderen auch. Wie wir heute unsere Hundeschuhe verglichen. Sie demonstrativ in unsere Mitte zur Schau stellten. Ich hätte ein Foto davon machen sollen.
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[Fr, 11.9.2026 – nach Diebsteich]
Heute etwas spontan nach Hamburg gereist. Die Reise stand schon länger fest und eigentlich wollte ich schon am Vorabend anreisen, jetzt wurde es aber ein spontaner Termin und so stieg ich heute früh (sehr früh) in den ICE. Ich nahm meinen Projektmanager mit und es wurde ein sehr kurzweiliger und produktiver Tag. Außerdem erfuhr ich, dass der Bahnhof Diebsteich der neue Bahnhof Altona wird, was ich wirklich sehr gut nachvollziehen kann, die Situation mit dem Umweg und dem Kopfbahnhof und der damit verbundenen unglücklichen Drehung der Züge für die Verbindungen nach Norden fand ich vor zwanzig Jahren schon ineffizient. Das meine ich ganz ernst. Logistische Ineffizienz halt ich nur schwer aus. Nach dem langen Tag setzten wir uns in einen tschechischen Zug zurück nach Berlin. Es war der Zug von Kopenhagen nach Prag. Man konnte keine Sitzplätze mehr reservieren, es war schließlich Freitagabend, der Bahnhof war voll mit Menschen, also schlug ich vor, uns sofort zum Speisewagen vorzukämpfen, es ist ein tschechischer Zug, da gibt es sicherlich Pilsner Urquell und gutes Gulasch oder irgendwas Fettiges und Salziges, aber hochwertig, und nicht eine lieblose Currywurst wie bei der Deutschen Bahn. Wir fanden tatsächlich noch zwei Sitzplätze neben zwei Herren mit MacBooks und Earbuds. Mit dem Pilsner Urquell blieb ich allerdings alleine. Mein Projektmanager ist unter dreißig, die Leute unter dreißig trinken keinen Alkohol mehr, sagte er, das finde ich einerseits total unmöglich und andererseits total gut. Dafür rauchen sie aber alle Zigaretten. Warum das so ist, konnte er mir auch nicht erklären.
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[Textilien aufräumen]
Sie macht das jeden Abend. Ich könnte eine Serie beginnen. Sobald das Duschwasser angeht, kommt sie rein, schnappt sich meine Unterhose und stiehlt sich davon. Jeden Abend.
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[Di, 8.9.2026 – Sahara, Tutorial]
Ich befinde mich gerade in einem Kaninchenbau, sitze abends lange vor dem Bildschirm und baue an der Automatisierung von hunderttausenden Dingen. Wenn ich mich ins Bett lege, fällt es mir schwer, einzuschlafen. Dann denke ich nämlich daran, dass ich bestimmte KI-Modelle nicht ans Laufen bekomme, oder ich singe innerlich "Wir werden ungeschlagen sein, einhundert Punkte, Hertha BSC". Abwechselnd. Um meine Gedanken durchzuspülen, widme ich mich jetzt der Themenliste: "Ich war einmal in der Sahara und fand es toll, die Weite der Natur, die dennoch so gar nicht leer ist. Es ist ein noch unerfüllter Traum, einmal die Arktis zu besuchen, u.a. auch wegen der Weite. Hast Du umgekehrt den Wunsch, nach Longyearbyen und Grönland auch einmal eine Wüste vergleichsweise nah am Äquator zu bereisen?" Ich habe eine große Faszination für extreme Landschaften bzw. extreme Bedingungen, Zivilisationen und die Flora am Rande der Unwirtlichkeit oder der Lebensfeindlichkeit. Theoretisch müsste die Sahara dazugehören. Allerdings habe ich eine große Aversion gegen die Hitze. Wenn ich Szenen aus Sandwüsten im Fernsehen sehe, bekomme ich regelrecht Beklemmungen. Das geht mir auch so, wenn ich auf Windy.com diese dunkelroten Flecken über Nordafrika sehe, die Temperaturen jenseits der 40 Grad markieren. Horror. Wobei es ja so etwas wie den Wüstenwinter gibt. Allerdings habe ich während der Fussball-WM in Qatar nichts davon mitbekommen. Abgesehen davon, dass ich keines der Spiele geschaut habe, war doch die Hitze immer ein Thema. Man sprach von klimatisierten Stadien etc. Ich muss zugeben, nicht viel über die niedrigen Temperaturen der Sahara zu wissen. Aber sonst: Wüsten! Super! Spitzbergen ist übrigens eine Wüste. Longyearbyen liegt unter den 250 mm Niederschlag pro Jahr. Insofern technisch eine Wüste. Sieht man nur nicht, weil überall gefrorenes Wasser liegt. Mein Bett sieht so aus, wie auf dem Foto unten. Nächstes Thema: "Kannst Du mal ein Tutorial machen, wie man so 'ich habe gegen eine regel verstoßen, was bitte ist meine strafe?' oder so zum Polizisten im korrekten Tonfall sagt? Ein video wäre hier schön, ich denke es kommt auf die nuancen an. Habe es wirklich testen wollen, hatte aber angst, dass es mir als Sarkasmus ausgelegt wird, und dann gleich zur erhöhung des strafmasses führt." Also. Wenn du Angst hast, dass dir das Verhalten als Sarkasmus ausgelegt wird, dann kann man das nicht in einem Video-Tutorial beibringen. Dann hat das etwas mit der inneren Einstellung zur Polizei zu tun. Vermutlich nimmst du die Polizei nicht ernst genug. Gefühle sind nur schwer zu ändern, aber man kann das Verhalten ändern (hat mir einmal eine kluge Person gesagt). Ich nehme an, dass ich schlichtweg meine Gefühle zur Polizei geändert habe. Wie in jenem Tagebucheintrag geschildert, meine ich, die Polizei verstanden zu haben. Die tragen keine Diskussions-Persönlichkeit in sich. Keine, die diskutieren will, und auch keine, die das kann. In der Persönlichkeit von Polizistinnen liegt die Aufgabe, eine Regel durchzusetzen und nicht darüber zu diskutieren. Besser kann ich es nicht ausdrücken. Mit dieser Erkenntnis begegne ich Polizistinnen. Wenn ich erwischt werde, lade ich die Schuld auf mich, ich gebe einfach zu, dass ich die Regel gebrochen habe. Ich bin dabei gut gelaunt, wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Vollkommen ohne Aggression. Ich kann es mir nicht verkneifen, die Regel als unsinnig zu bezeichnen, ich gebe aber zu, dass das eben die Regel ist, und ich möchte das gar nicht mit ihnen diskutieren. Sage ich auch so. Das sind sie gar nicht gewohnt. Aber Video? Ich glaube, das wird nichts. Der Schauspieler in mir drin ist eher kamerascheu. Ich habe jedoch zwei Videos von meiner Hündin gedreht, wie sie meine Unterhose klaut, während ich unter der Dusche stehe. Das macht sie jeden Abend. Die stelle ich demnächst mal hier rein. Ich hoffe, das zählt.
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[So, 6.9.2026 – Banner, Landtag]
Ich hatte Bannerdienst und war daher zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion. Es dauerte heute ewig, bis wir unser Fanclub-Banner aufhängen konnten, weil irgendwas mit dem neuen, zentralen Ostkurvenbanner nicht stimmte. Wenn ich es richtig verstand, hatten sie es kopfüber platziert und da sich das neue Kurvenbanner über 500 Kilometer über die ganze Kurve hinwegstreckt, benötigt man mittlerweile eine Sonderausbildung für Logistik und Management. Wir mussten darauf warten, weil die Fanclub-Banner direkt in Relation daran anschließen sollen, und weil die Kurvenregie keine Lücken duldet, standen wir alle nur herum und schauten auf die andere Seite der Kurve hinüber, während die einen belustigt waren und die anderen schlechte Laune bekamen. Die schlechte Laune wurde aber bald schon nach Anpfiff beendet, als Brekalo zum 1:0 schoß. Das ganze Stadion sang das neue Unbesiegbarkeitslied. Wir wollten gar nicht mehr damit aufhören. Es täuschte ein wenig darüber hinweg, dass unsere Mannschaft die ganzen 90 Minuten lang nie die Kontrolle über das Spiel erlangte. Es war allerdings nicht zu vernachlässigen, dass das Spiel auch eine antifaschistische Veranstaltung war. Heute wählte man in der Heimat unseres Gegners FC Magdeburg ein neues Landtagsparlament, wo die AfD an der absoluten Mehrheit kratzen sollte. Wenn da jetzt 10- oder 20‑Tausend Fußballfans von Magdeburg nach Berlin reisen, hat das ja vielleicht statistisches Gewicht im Nachkommastellenbereich. 44% sind es am Ende geworden. Elon Musk und Donald Trump gratulierten. Die USA sind echt nicht mehr unsere Freunde.
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[Sa, 5.9.2026 – Bettwanzen, Zirkus]
Wir hatten Bettwanzen in der Firma. Ein Mitarbeiter wurde am Hals gestochen. Er tötete das Tier und brachte es mir zum Beweis an meinen Platz. Ich ging umgehend mit ihm in den Hinterhof zu seinem Schreibtisch. Der ganze Raum ist aber sehr sauber und ziemlich karg. Ich weiß nicht viel über lästige Insekten, aber ich weiß, dass sie Textilien mögen, oder eben dunkle Orte, an denen sie sich verstecken können. Deswegen drehte ich den Stuhl um und öffnete das Futter von unten. Dort sahen wir gleich ein weiteres Krabbeltier tiefer zwischen der Polsterung verschwinden. Also stellte ich den Bürostuhl auf den Hinterhof, schickte den Mitarbeiter nach Hause, versperrte das Büro und rief den Kammerjäger. Den Insektenleichnam verwahrte ich in einem Stück Küchenrolle auf, um ihn dem Insektenspezialisten zu zeigen. Der Spezi kam erst am nächsten Tag. Er blickte kurz auf das zerquetschte Insekt und nickte. Ich begleitete den Kammerjäger zum Ort des Verbrechens, erzählte vom Ablauf, vom Biss, vom Bürostuhl. Ein paar mittelkluge Gedanken über den Ursprung hatte ich auch. Aber dann übernahm er das Ruder. Er ging herum, schob Gegenstände beiseite und fing an zu reden. Er redete wirklich viel. Unfassbar interessantes Zeug. Auch über seinen persönlichen Werdegang, wie er zu seinem Beruf gekommen ist und er erzählte auch von krassen Beispielen aus seinem Arbeitsalltag. Ich konnte meine kindliche Begeisterung für seinen Beruf nicht ganz verbergen und tat sehr aufgeregt, dabei stellte ich Fragen, wie ein Schüler. Kammerjäger. Das wäre auch einer meiner Plan-B's. Ich wäre gerne Spezialist für Spezialaufgaben, ich wäre auch gerne ein Mann fürs Grobe, in meinen kühnen Gedanken jedenfalls. Männer wie Mike Ehrmanntraut in Breaking Bad haben immer meine besondere Sympathie. Oder Rattenfänger. Tatortreiniger weniger. Putzen liegt mir nicht so. Je länger er redete, desto mehr fing ich an, mich zu kratzen. Es juckte plötzlich überall. Irgendwann fiel ihm mein Gekratze auf. Dann sagte er: "Keine Sorge, das ist normal, wenn man mit mir redet. Ist nur Psyche." Dabei tippte er sich auf die Stirn. Während er redete, haute er einen Spruch nach dem anderen raus. Gemerkt habe ich mir nur zwei: Als er von einem Einsatz im Hotel Adlon berichtete, sagte er: "Vor Gott und Bettwanzen sind alle gleich, weeste." und später sagte er, dass er seiner Frau versprochen habe, die Arbeit nicht mit nach Hause zu bringen. Fand ich lustig. Nach getaner Inspektion verließen wir den Schauplatz unverrichteter Dinge. Er sagte, er könne einen Befall ausschließen. Der ganze Raum biete Bettwanzen keine Möglichkeit, sich einzunisten. Hätte er alles gecheckt. Aber den Stuhl rauszubringen, war eine gute Idee. Ich fand es gut, dass wir keine Bettwanzen hatten, aber das mit dem Gift hätte ich schon gerne gesehen. # Am Abend mit Sabine beim Cabaret Chaotik im Zirkusmond gewesen. Das Zirkuszelt steht auf dieser Gewerbebrache westlich des S-Bahnhofs Greifswalder Straße, hinter Baucontainern, Gerüsten und zusammengezimmerten Bretterbuden. Wie früher, dachten wir. Es regnete. Ich trug diese schöne Regenjacke von "Rains". Der Boden war vermatscht. Wir holten uns draußen noch ein Bier, weil es regnete und man nicht wirklich unterstehen konnte, gingen wir gleich ins Zelt, was eine gute Idee war, weil das Zelt sich schnell füllte und es nur wenige Stühle gab. Die Show fand ich ein wenig lahm, wenn ich ehrlich bin, vor allem im direkten Vergleich zu „Cabaret Kalashnikov“ im letzten März, das war eine Crew, die richtig viel Energie auf die Bühne brachte. Die Schwertschluckerin von damals war aber auch in diesem Ensemble dabei. Das ist eine total krasse Frau. Anfangs betrat sie auf 16‑cm-High-Heels und mit einer Peitsche die Manege, zerstörte damit Blumen, wobei die Menschen in den vordersten Reihen wegduckten, aus Angst, ein paar Striemen von ihr abzubekommen, und danach schlug sie sich mit einem Hammer einen langen Nagel durch ihr eigenes Nasenloch. Dass sie danach mit dem Po Bierflaschen öffnete, war immerhin belustigend. In der zweiten Runde steckte sie lange Schwerter in ihren Schlund. Wie schon im März konnte ich dabei nicht wirklich hinsehen. Erst recht nicht, als sie dabei auch noch diese Hula-Hoop-Reifen mit einem Bein und zwei Armen jonglierte, während sie ein langes Stück Metall in ihren Magen eingeführt hatte. Auch den Trick mit dem leuchtenden LED-Schwert führte sie wieder auf. Wenn man aber die Hand vor Augen hält, die Finger dabei spreizt und das Gesicht um dreißig Grad wegdreht, dann erträgt man den Anblick. Sabine gab am Ende der Show 5 € Trinkgeld obendrauf. Das Gelände wird demnächst geräumt. Immerhin werden Wohnungen gebaut. Das Zirkuszelt kommt dann an einem anderen Ort zentraler hin. Sie sagten aber nicht, wohin. Nur, dass die Miete teurer wird. Ein paar Shows gibt es diesen Monat noch. Aber ein anderes Ensemble, wenn ich es richtig verstanden habe.
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[Do, 3.9.2026 – Wohnungsträume]
Aus der Themenliste: "Apropos Traum: Würdest Du an Deiner Wohnung noch etwas ändern und wenn dann was.? oder sollte sie größer sein? 2 Badezimmer sind aber in Berlin schon Luxus." Wir wohnen jetzt ziemlich genau 10 Jahre in dieser Wohnung. Ich habe noch nie so lange irgendwo gelebt. Ich wohne jetzt schon seit 10 Jahren in dieser Wohnung und ich hatte 10 Jahre lang Träume für diese Wohnung, die ich allesamt nicht umgesetzt habe. Bis auf ein paar gute Entscheidungen vor dem Einzug, als wir die Wohnung noch umbauen konnten. So haben wir die Küche aus dem kleinen Küchenraum entfernt und stattdessen das große Elternschlafzimmer zur Küche gemacht und das andere große Schlafzimmer zum Wohnzimmer. Die beiden kleinen Zimmer sind unsere beiden Schlafzimmer, wovon ich eines auch als Arbeitszimmer verwende. Warum man große Schlafzimmer haben wollte, erschloss sich mir nie. Dort hat man meistens die Augen geschlossen. Die deutschen Küchen sind hingegen immer mini. Ich verbringe gerne Zeit in der Küche. Oft auch nur über der Kücheninsel gelehnt, während ich über meinem Telefon oder einem Buch hänge. Aber zurück zu den Träumen: Wir haben ein Badezimmer und zwei WC's. Zwei Badezimmer brauchen wir nicht. Das hätte ich über WC's auch gesagt, jetzt stellt sich aber heraus, dass 2 WC's wirklich sehr praktisch sind, wenn man zu zweit lebt. Allerdings hätte ich gerne mein Arbeitszimmer von meinem Schlafzimmer getrennt. Wenn wir Gäste haben, muss ich immer zu meiner Frau ins Bett, und da wir grundverschiedene Schlafbedürfnisse haben, schlafen wir dann beide schlecht. Dabei wäre ein temporär schlechter Schlaf vielleicht verkraftbar, wenn es nur ein paar Tage sind. Schlimmer für mich ist es, dass ich dann mehrere Tage meinen Arbeitsplatz verliere. Und mein Schreibtisch ist wirklich mein Happy Place und für mich der wichtigste Ort in der Wohnung. Ich hatte überlegt, meinen Schreibtisch in eines der jetzigen WCs umzuziehen. Der eine WC-Raum hat ein Fenster und das WC könnte man ins Badezimmer einbauen. Es ist nämlich davon losgelöst. Und ich brauche für meinen Schreibtisch wirklich nicht viel Platz. Im Gegenteil, der Gedanke daran, ein winziges Büro zu haben, gefällt mir richtig gut, mir kommt vor, als würde mir das dabei helfen, fokussiert zu sein. Und wir könnten Gäste besser unterkriegen. Mein Schwager, der oft in Berlin ist, nimmt sich mittlerweile Hotelzimmer. Es hat aber mehrere Gründe, dass wir das so nicht umsetzen. Vor allem, weil meine Frau Alternativpläne hat. Sie schlägt z. B. vor, aus dem jetzigen Badezimmer mein Arbeitszimmer zu machen, daneben im WC das Arbeitszimmer und das Badezimmer nach vorn zu verlegen, wo jetzt mein Zimmer ist. Was wir jetzt aber schon wissen: Das wird sehr viel Geld und Schmutz kosten. Schon nur deswegen ist alles nur ein Traum und nicht ein Plan. Ein weiterer Traum, den ich mittlerweile aufgegeben habe, ist es, einen Balkon im Hof bauen zu lassen. Ich habe in unserer letzten Wohnung in Mitte ein Balkonprojekt durchgeführt und danach hatten sechs Wohnungen einen Balkon, den alle liebten. Ich schlug den Nachbarn unter mir vor, einen Balkon zu bauen, weil Balkone wesentlich günstiger zu bauen sind, wenn sich mehrere Nachbarn daran beteiligen, aber ich erhielt von beiden Parteien nur als Antwort: Einen Balkon? Von der Küche aus? Es folgte entsetztes Kopfschütteln. Dass Menschen sich nicht einen Balkon von der Küche aus vorstellen können, hat mich dermaßen demotiviert, dass ich das nie mehr aufgegriffen habe. Und jetzt. Ich leitete diesen Text damit ein, dass wir schon seit 10 Jahren in dieser Wohnung leben. Ich mag die Wohnung wirklich, aber ich könnte auch langsam in eine andere Wohnung ziehen. Einfach so. Für einen Kulissenwechsel. Ich verstehe nicht, warum ich so lange in einer Wohnung wohnen bleiben sollte. Meine Frau könnte hingegen bis ans Lebensende hier wohnen bleiben. Bei einem Umzug würde sich nämlich alles ändern. Die Wege, die Nachbarn, das Umfeld. Ich liebe Veränderung. Meine Frau eher nicht so, gelinde gesagt. Ah doch, einen Traum habe ich doch noch. Ich wünsche mir eine größere Dusche. Wir haben seit 10 Jahren eine kleine Duschkabine mit Nullerjahre-Charme. Ich will seit 10 Jahren eine neue Dusche. Ich kann die kleine Kabine nicht mehr ausstehen. Bei der Buchung von Hotelzimmern achte ich mittlerweile nur noch auf die Duschen. Es müssen schöne, offene Duschen sein. Dann ist mir der Rest fast egal. Meinetwegen in Dinslaken. Aber für den Umbau der Dusche müssen wir zuerst die Frage geklärt haben, was jetzt mit dem Badezimmer passiert, und diese Entscheidung wird wahrscheinlich nicht fallen. Andere Träume habe ich nicht.
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[Mo, 1.9.2026 – Brille, Terminator]
Wir kochten Lachs. Mein Schwager und ich schnitten das Gemüse. Meine Frau tanzte zu Elvis Presley. Das versetzte die Hündin in Aufregung. Danach tanzten sie zusammen. Auf dem Weg nach Hause fiel mir meine Lieblingslesebrille aus dem Hemdausschnitt auf den Boden. Weil ich etwas hastig unterwegs war, trat ich drauf und zertrümmerte den Bügel. Es ist die schönste Brille, die ich je hatte, und ich will mir schon seit Monaten ein zweites Paar kaufen, damit ich eine Ersatzbrille habe, falls ich einmal in Hastigkeit auf sie trete. Zuhause angekommen, setzte ich mich sofort an den Schreibtisch und bestellte zwei Stück davon. Leider gab es sie nicht mehr in Schwarz, deswegen kaufte ich eine in Leopardenmuster und eine in Olivengrün. Ich werde mich schon daran gewöhnen. Die Brille kommt am Freitag. Für die Zwischenzeit habe ich eine Büroklammer ins Scharnier gesteckt. Man wird mich schon nicht schräg angucken. Eine gewisse Danieldüsentriebigkeit sollte ich als IT-Chef ohnehin an den Tag legen. Heute um 16Uhr fuhren meine Nachbarin und ihr Sohn nach Island. Eigentlich wollte ich sie persönlich verabschieden, aber ich kam nicht früh genug aus der Firma raus. Sie werden eine sehr anstrengende Wandertour durch Zentral-Island unternehmen. Aufgrund der Wetterbedingungen können sie aber nicht den ursprünglichen Plan verfolgen, sondern müssen irgendwie etwas anderes tun, was ich nicht ganz verstanden habe. Bei dem Thema lebe ich sehr mit. Gestern schauten wir übrigens den vierten Teil von the Terminator. Den Teil mit dem Untertitel "Dark Fate". Ich bin ausgewiesener Fan des ersten Teiles und kann mit dem zweiten Teil und den weiteren Folgen sehr wenig anfangen. Mich beeindrucken filmische Effekte schlichtweg nicht und was ich an den späteren Teilen immer unglaubhaft fand, ist der Umstand, dass eine dermaßen perfekte Mordmaschine, die verschiedene Gestalten annehmen und sich verflüssigen kann, bekämpfbar sein soll. Der Film will mir weismachen, dass die Guten im Film gegen diesen Terminator der zweiten Generation eine reelle Chance haben. Das langweilt mich total. Trotzdem gab es eine gute Szene. Als sie in dieser Hütte landen und den alten Terminator in der Person von Arnold Schwarzenegger treffen. Einen verrenteten Terminator, der danach gefragt wird, wie es sein kann, dass seine Frau in all den Jahren nie von seiner wahren Identität erfahren hat. Als er in Terminator-Manier und mit österreichischem Akzent antwortete: Because I am a good listener and have a good sense of humour. Das ist besser als: I'll be back. Aber für 120 Minuten Film ziemlich dünn. Ah, ich hatte über Terminator schon einmal geschrieben. Und mich damals darüber gefreut, dass Tricia Tuttle, die Leiterin der Berlinale, den ersten Teil von Terminator als einen der zehn besten Filme der Geschichte eingeordnet hat.
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[Mo, 31.8.2026 – Parklet, Texte, Alarm]
Am Sonntag noch mit der Traveling Lady und ihrem Freund auf eine längere Hunderunde im Kiez gewesen. Ich stellte fest, dass ich den ganzen Sommer lang kein einziges Mal mit dem Kajak ins Wasser gegangen bin. Nicht einmal in Schweden, weil ich das Kajak in Berlin ließ. Sie war hingegen schon mehrmals auf dem Wasser. Sie macht es einfach. Ich denke zu viel darüber nach. Sie hat aber auch einen Hund, der sich ohne zu murren in ein Paddelboot setzt, während meine Hündin nicht mal auf einen Sofasessel springt, weil das für sie zu wenig fester Boden unter den Pfoten ist. Aber jetzt fängt der September an. September und Oktober sind die besten Monate, um ins Wasser zu stechen. Unterwegs kam mein Schwager dazu. Er und die Traveling Lady kennen sich vom letzten Sommer aus Schweden. Danach wollten wir den Spaziergang in einer Aperitifbar beenden, aber wir befanden uns jetzt in einer seltsamen Gegend zwischen Lichtenberg und F'Hain, wo es schlichtweg keine Aperitifbars gab oder zumindest keine Bar, die an einem Sonntagnachmittag geöffnet hat. Wir hätten in den Südkiez gehen müssen oder in den Prenzlauer Berg, aber das war uns zu umständlich, also gingen wir zurück zu meiner Wohnung und setzten uns in dieses hölzerne Parklet mit den Bänken auf der Straße. Da passen ziemlich genau vier Menschen hinein. Als meine Frau davon erfuhr, kam auch sie herunter und gesellte sich zu uns. Wenn man den Bauch einzieht, kann man dort auch zu fünft oder zu sechst sitzen. Zuvor hatten wir uns ein paar Biere beim Späti geholt und so ließen wir den Nachmittag ausklingen. # Frau Fragmente hat den ganzen August lang täglich gebloggt, jetzt stellt sie es aber ein und will es auf nur zwei bis dreimal pro Woche reduzieren. Einen eigenen Rhythmus finden. Als ich mir sagte, dass ich einen Monat lang durchbloggen will, dauerte dieser Monat ziemlich genau 5 Jahre. Seit etwa einem Jahr habe ich die Frequenz etwas heruntergefahren, auf 5 bis 6 Beiträge pro Woche. Die Entscheidung traf ich damals bewusst, weil ich mehr Zeit der Romanarbeit widmen wollte. In Wahrheit schreibe ich nur weniger. Für das Blog zu schreiben ist offenbar ein ganz anderes Output-Ventil, das nicht viel mit anderer Schreibarbeit zu tun hat. Diese Blogtexte kosten wesentlich mehr Zeit, als man denken würde. Meistens sitze ich eine Stunde lang dran. Manchmal zwei oder drei. Manchmal auch nur 15 Minuten. Fünfzehn Minuten sind aber selten. Ich schreibe einfach gerne. Ich verbringe gerne Zeit mit der Erstellung von Text. Es kommt dabei etwas Gutes aus mir heraus. Schon nur deswegen hat es für mich keine Bedeutung, Texte mit KI zu erstellen. Es ist der Prozess der Entstehung, der mir am meisten Freude macht, nicht einen Text fertig zu haben. Das habe ich schon einmal so ähnlich geschrieben. Ich muss das mal festhalten und einen KI-Disclaimer schreiben. # Ich war shoppen. Ich benötige Hemden und auch Hosen und Schuhe. Alles, was ich suchte, fand ich. Auch Unterhosen. Dass ich die brauche, wusste ich aber vorher nicht. Bei Uniqlo haben sie seltsam fetischhafte, ultra dünne und enge Boxershorts ohne Naht. Fand ich lustig. Nahm ich mit. Einigermaßen erstaunte mich, wie normal diese Selfservice-Kassen mittlerweile geworden sind. Offensichtlich war ich schon lange nicht mehr in Modegeschäften. Bei Uniqlo wirft man einfach den kompletten Einkauf in ein Loch. Daraufhin wird der Preis des gesamten Einkaufs angezeigt und man legt nur noch das Telefon auf das Lesegerät. Ich hatte das bei Uniqlo schon einmal gesehen. Heute war das aber auch bei Zara so und bei Pull&Bear. Es gab kaum noch Personal. Bei Zara gab es auf der ganzen Etage ziemlich genau zwei junge Frauen, die beide kein richtiges Deutsch konnten und die man optisch dem Neuköllner Nachtleben zuordnen würde. Das meine ich wesentlich positiver, als es jetzt klingt. Als ich einen Laden verließ, ging der Alarm los. Ich blieb natürlich stehen. Der Alarm interessierte aber niemanden. Ich hielt meine Tüte noch einmal durch die Radarschranken und der Alarm ging wieder los. Ich stand da noch eine Weile herum, aus Angst, einen nicht entfernbaren Chip in den Textilien hängen zu haben. Nachdem keine Security kam und ich auch keinen Chip finden konnte, ging ich irgendwann einfach.
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[Beim Reisen]
Nach der Arbeit traf ich mich mit meinem Freund und früheren Nachbarn Jan, der mit Mann und Sohn nach vier Jahren Paris wieder nach Berlin zurückgezogen ist. Passend zum gestrigen Thema redeten wir über das Reisen. Wir haben ähnliche Gefühle dazu. Als ich nach Hause kam, lag eine Anfrage in der Themenliste mit genau dieser Frage. "Sind (Städte-)Reisen langweiliger geworden (global flattening wg. Insta und so) oder sind wir bloß alt und verwöhnt und nicht mehr begeisterungsfähig?" Es geht die Meinung um, Reisen würde bilden. Das mag in vielen Fällen stimmen. Das war auch immer mein persönlicher Antrieb, mich auf Reisen zu begeben. Auch wenn es mir nie explizit um Bildung ging, ich war schlicht neugierig auf andere Länder, andere Gepflogenheiten, anderes Essen, andere Menschen, Sprachen, Wohnungen, Liebe auch. Ich denke schon, dass ich auf Reisen viel über die Welt gelernt habe, auch habe ich viel über mich selbst gelernt. Es gab viele happy Places, an denen ich mich sehr zuhause fühlen konnte. Ich wollte immer richtig da sein. Und ich wollte immer verstehen. Verstehen, wie die Welt ist. Was besser daran ist, was schlechter. Oder auch nur einfach, um zu verstehen. Um es in meiner inneren Wissensdatenbank abzuspeichern, woraus ich mir ein Weltbild baute. Sehenswürdigkeiten interessierten mich nie. Das meine ich gar nicht so snobistisch, wie diese Aussage jetzt klingt. Ich werde es gleich erklären. Eine Bekannte, die mich vor Jahren einmal in Berlin besuchte, sagte, sie fände Berlin ja ganz okay, aber die Sehenswürdigkeiten in Wien fände sie besser. An dem Tag baute ich das Wort „Sehenswürdigkeiten“ hunderte Male auseinander und wieder zusammen. Der Begriff war auf einmal völlig plastisch. Sehens-würdig. Es gab optische Dinge an einer Stadt, die es würdig waren, sie zu sehen. Man stellt sie hin, damit Menschen von anderswo herkommen, um sie anzusehen. Die Italiener nennen es immerhin ganz schamlos: attrazioni turistiche. Ein neuerer Begriff für Sehenswürdigkeit ist vielleicht: Instagrammable. Es gibt diese Bekannten in WhatsApp, die im Urlaub ihre Fotorollen im Status entleeren. Eine endlose Aneinanderreihung von Abhakungen. Die Statue des Soundso, das Haus von Der-und-der, Die Kirche und der große Platz, die Hauptstraße, eine Auswahl der drei niedlichsten Häuser, mindestens ein Hochhaus, eine Brücke, das Essen, die Drinks am Abend in der Sonne und das Selfie vor dem Highlight der jeweiligen Stadt. Zugegebenermaßen liebe ich es, mich durch diese Fotostrecken zu stalken, und ich will gar nicht darüber urteilen, aber ich weiß, wie solche Trips ablaufen. Hat man keine Vita als Reisende vorzuweisen, wird man auch ganz schnell mal als ungebildet abgetan. Ich datete in meinen Mittdreißigern einmal eine Frau, die es gut an mir fand, dass ich so bereist war. Das war für sie ein Kriterium, um einen Mann attraktiv zu finden. Mich machte das ungemein stolz und ich wuchs um mehrere Zentimeter an. Dabei weiß ich schon lange nicht mehr genau, warum ich überhaupt reise. Der Erkenntnisgewinn ist mittlerweile gering. Die großen Erkenntnisgewinne geschahen in meinen Zwanzigern. Danach nicht mehr so oft. Zwar reiste ich weiterhin, aber ich urlaubte eben, schaute mir Kirchen an, Tempel, und ich ging wandern. Irgendwann hatte ich das Gefühl, das hätte ich mir auch alles auf Wikipedia zusammenlesen können, nur ohne das Gefühl, auch tatsächlich da gewesen zu sein. Und dieses Gefühl, wirklich da gewesen zu sein, wurde irgendwann zu einem ziemlich tauben Gefühl. Das Beste am Urlaub wurde der Drink am Abend, wenn man sich nach den vielen Eindrücken ins Restaurant setzt und cremig wird. Der Erkenntnisgewinn schwand. Zumindest im Urlaub. Dienstreisen sind noch einmal etwas anderes, vor allem, wenn man auf diesen Reisen mit lokalen Geschäftsleuten oder Partnern zu tun hat. Dann gewinnt man unmittelbare Einsicht in andere Arbeitskulturen und abends beim Essen Einblicke aus erster Hand. Die intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Bevölkerung gibt mir nach wie vor sehr viel. Im Urlaub ist diese Auseinandersetzung aber eine andere, eigentlich kaum vorhanden, auch nicht in angeblich authentischen AirBNBs, man steht mit der lokalen Bevölkerung fast nur in einem Dienstleistungsverhältnis, mit Menschen, die dir aufgrund deiner Anwesenheit eine gute Zeit geben wollen, damit du die Kirchen magst, die Tempel und das Essen, das sie dir servieren. Und damit du den Leuten zu Hause davon erzählst und die Bilder auf Social Media teilst und Lokale likest und bewertest. Es ist natürlich nicht so schwarz und weiß. Jeder Mensch aus der Tiefebene sollte übrigens einmal erlebt haben, wie es sich anfühlt, inmitten einer Berglandschaft wie den Dolomiten zu stehen. Diese Überwältigung, die massive Berglandschaften auslösen. Gleich wie Bergmenschen einmal die Weiten der Küstenlandschaften oder in Dünen erleben sollten oder bei Wetter mit einer Fähre auf eine Insel fahren. Oder im Loop von Chicago stehen und von 200+m hohen Hochhäusern umschlossen sein. Die schönsten Städte sind aber alle tot. Prag, Barcelona, Amsterdam, Paris, London, Dublin, Stockholm, Rom, San Francisco undsoweiter. Dort, wo diese Städte schön sind, also vornehmlich in den Innenstädten und den angrenzenden Vierteln, sind die Städte längst nicht mehr authentisch. Die Innenstadt von Prag ist eine Projektionsfläche. Es ist das Prag, das alle sehen wollen, das wir alle erwarten. Dort läuft aber kein zeitgenössischer Kafka mehr herum, der in sich versunken um die Ecke in den frühen Morgenstunden zum Bäcker geht. In den Kaffeehäusern sitzen keine jungen, wilden Schriftsteller mehr. Es sitzen dort die Menschen, die das in diese Kaffeehäuser hineinprojizieren, während sie versuchen, ihre Kinder zu beruhigen und die Schwiegermütter bei Laune zu halten. In Montmartre malen keine progressiven Künstler mehr ihre Bilder. Die Romantik, die wir damit verbinden, ging immer mit Drogen- und Alkoholkonsum einher. Picasso, Modigliani, Van Gogh, Zola, Rimbaud, man kann die Liste fast unendlich weiterführen, alle heute berühmten Menschen in Montmartre hatten ständig Geldprobleme, psychische Krisen, waren exzessive Trinkerinnen und abhängig vom Morphium und vom Kokain. Die Menschen, die heute ihre Märchenprojektionen mit Louis-Vuitton-Accessoires Selfies auf den Treppen der Sacré-Cœur schießen, hätten sich vor den Künstlern von damals ja eher gefürchtet. Wo die Genies von morgen heute ihre Brutstätten haben, gehen die Massen auf keinen Fall hin. Nun. Ich will nicht genervt klingen. Was ich sagen will. Reisen bildet nur wenig. Die meisten Leute nehmen nur sich selbst mit und wollen mal etwas anderes sehen. Eine Nordtirolerin, mit der ich in den Niederlanden eine zeitlang zusammenwohnte, hatte manchmal ihren Vater zu Besuch. Ich kümmerte mich um ihn, weil ich ja Südtiroler bin. Ich zeigte ihm Utrecht und ich fuhr mit ihm auch für einen Tagesausflug zur Küste. Ich mochte diese Unternehmungen mit ihm sehr, weil er ein neugieriger Mann war. Er wiederholte aber ständig diesen einen Satz: Na interessant, aber LEEBEN könnte ich hier nie. Er bezog das sicherlich auch auf seine Tochter. Möglicherweise wollte er auch nur ergründen, warum sie ihre Heimat verlassen hatte. Dabei flüchten wir Bergleute eigentlich nur vor der Enge der Täler. Wir flüchten nicht vor den Bergen, wir flüchten vor den Tälern. Aber das ist eine andere Sache und hat mit dem Reisen nur indirekt zu tun. Er erinnert mich aber an viele Touristen. Menschen, die vorwiegend sich selbst mitnehmen und nach dem Snapshot in der Ferne dann sagen: Zuhause ist es doch am schönsten. Oder mein ehemaliger Fahrlehrer, der sich jeden Sommer den Kofferraum mit deutschen Lebensmitteln von einem Großeinkauf bei Aldi vollstopft und nach Spanien an die Küste fährt, wo er zusammen mit anderen Schwagern und Cousins in einer Bungalowanlage urlaubt. Oder das Paar in Lignano, das "Zwei Weizenbier und zwei Pizzas mit Salami" auf Deutsch bestellte und sich gar nicht die Mühe machte, wenigstens "Due Weizenbier" zu sagen. Aber sagen: "Wir fahren jedes Jahr nach Italien!" Und dann die Leute auf Insta mit ihren Bucketlists. Check, Check, Check. Ich will nicht sagen, dass ich besser reise als andere. Ich halte Reisen nur für überbewertet, wenn man sie als Maßstab für einen erweiterten Horizont verwenden will. AfD-Wählerinnen waren sicherlich auch schon einmal in Rom, oder in Kroatien am Strand oder in Paris oder auf der Krim. Gebracht hat es ja nicht viel. Warum reise ich dann überhaupt noch? Letzten Herbst war ich in Grönland und auch wieder in Island. Wir werden sicherlich wieder nach Grönland und nach Spitzbergen in die Arktis reisen. Das sind Happy Places. Ich bin da einfach gerne. Das Gefühl, dort zu sein. Ich liebe diese Zivilisationen am Ende der Welt. Und die Natur an der Grenze zur Unwirtlichkeit. Auch wenn ich dort nur Gast bin und mir die lokale Bevölkerung mit einer Dienstleistung begegnet. Ich habe aber auch andere Happy Places. Die Ostkurve im Olympiastadion, unser Haus in Schweden, die Northwestern Highlands in Schottland. Lappland. Und tatsächlich auch: Utrecht. Oder die Innenstadt von Amsterdam. Ich bin oft in den Niederlanden. Privat und beruflich. Zudem spreche ich die Sprache. Wahrscheinlich sehe ich mich deswegen weniger als Tourist. Die Touristenmassen in Amsterdam würden mich sonst nämlich ziemlich abschrecken. Wir wollen auch noch nach Japan und ich will unbedingt nach Neuseeland. Über Japan weiß ich vieles. Von Bildern, aus der Belletristik, aus dem Netz. Natürlich werde ich in Japan ein totaler Fremdkörper sein. Ich spreche nicht deren Sprache, sie sprechen kaum die Sprachen, die ich spreche. Aber ich will das einmal gesehen haben, ich erwarte mir irgendeine Erkenntnis für das Leben, für die Art, wie wir in Europa zusammenleben, wie wir unsere Städte aussehen lassen, wie wir essen, uns fortbewegen. Hat Tokio eigentlich Sehenswürdigkeiten? Mir fallen der Tokyo-Tower ein und der Fujisan. Ah, und die berühmte Kreuzung, Shibuya. Es beruhigt mich, dass mir spontan keine spektakulären Sehenswürdigkeiten einfallen. Aber mit dem Shinkansen möchte ich fahren und die Rush-Hour miterleben, wie die Menschenmassen transportiert werden. Vielleicht ziehe ich daraus aber auch keine Erkenntnis. Die Erkenntnis kann ich auch auf YouTube gewinnen. Ach, ich weiß nicht. Vielleicht fliege ich doch nicht hin. Wenn meine Frau und ich jetzt die Zeit, die früher vielleicht in Reisen nach anderswo aufgegangen ist, zunehmend in unserem schwedischen Wald verbringen, dann ist das, weil es ein Happy Place ist. Reisen war neben dem Erkenntnisgewinn vielleicht immer eine Suche nach Happy Places. Ich sage nicht, dass Reisen kacke ist. Ich sage nur, dass Reisen für mich nicht mehr den Wert haben, den sie früher hatten. Ich reise gerne zu meinen paar auserkorenen Happy Places. Und manchmal will ich auch mal etwas Neues. Aber ich werde kein besserer Mensch mehr dadurch.
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[Huset]
Ein Blogpost über das Haus in Schweden. Wie in der Themenliste gewünscht. Bei dem Haus handelt es sich um ein sogenanntes Soldattorp. Das sind Kleinstbauernhöfe, die Soldaten während ihrer Dienstzeit als Wohnstätte und zur Selbstversorgung nutzen konnten. Der Großvater meiner Frau erwarb das Häuschen Ende der Vierzigerjahre und nutzte es für sich und seine junge Familie als Wochenend- und Sommerhaus. Über die Zeit vor dem Erwerb haben wir nicht so viel herausbekommen, aber vermutlich gehörte es der Bauerngemeinschaft, die das Soldattorp dem König bzw. seinen Soldaten zur Verfügung stellte. Als dieses System in 1901 abgeschafft wurde, durften die Soldaten bis zu ihrem Ruhestand in ihren Torps wohnen bleiben. Wir vermuten, dass das die Nutzung bis dahin gewesen ist. Der Großvater kaufte noch ein weiteres, kleineres, aber wesentlich älteres Soldattorp, etwa einen Kilometer flussaufwärts. Dort, wo jetzt der Cousin mit seiner Frau fast ganzjährig lebt. In unserem Haus baute der Großvater das Dachgeschoss aus und einen Seitenanbau dazu und den Kornspeicher ließ er zu einem Gästehaus umbauen. Die Scheune diente als Lagerraum. Im Haupthaus befinden sich drei Schlafzimmer, wovon zwei Doppelzimmer sind und eines das sogenannte Mädchenzimmer, im Erdgeschoss ist ein großes Wohnzimmer und im Anbau die Küche. Im Gästehaus gibt es noch zwei weitere, kleine Schlafzimmer mit je zwei Betten. Wenn mein Schwager da ist, verwendet er das Gästehaus meist für sich alleine, da er mehrere Wochen lang von dort aus arbeiten kann. Langfristig möchte ich im Gästehaus ein Arbeitszimmer einrichten. Dabei würde ich ein Fenster in die lange Wand aussägen wollen, damit man vom Schreibtisch aus auf den Fluss hinunter schauen kann. Im Obergeschoss des Gästehauses könnten dabei immer noch zwei Menschen schlafen. Das Land erstreckt sich über 5 Hektar. Es ist ein langgezogenes Stück Land, das sich etwa einen Kilometer an einem Fluss entlangzieht. Die drei Gebäude stehen allerdings auf einer Anhöhe. Was gut ist, weil der Fluss im Winter meist über die Ufer tritt und die Flussauen überschwemmt. Die Flussauen bestehen im Wesentlichen aus zwei Wiesen, die an den Bauern Hakan verpachtet sind, der etwa 3 Kilometer südlich von uns einen Bauernhof betreibt. Früher hielt er Milchkühe, seit die Brücke baufällig geworden ist und man mit den Milchcontainern einen riesigen Umweg über schlechte Waldwege fahren muss, hält er nur noch Stiere. Für die Pacht zahlte er früher einen niedrigen dreistelligen Eurobetrag. Wir haben eine neue Übereinkunft geschlossen: Wir wollen das Geld nicht, aber wir möchten, dass er den langen Weg unten auf den Wiesen befahrbar hält. Dass er also den Weg mäht und Bäume entfernt, wenn sie den Weg versperren. Er verfügt über große Maschinen, mit denen er das einfach erledigen kann. Ob das Haus viel genutzt wurde? Ich würde behaupten, dass es für meine Frau der einzige Ort ist, der ihr je als Heimat gedient hat. Da ihre Familie für lange Zeit nicht sehr ansässig gewesen ist, diente dieser Ort für sie jahrzehntelang als eine Art Anker, ein Ort, an dem sie sich auch in späteren Jahren immer wieder getroffen haben. Vor allem meine Frau und ihre Mutter. Jedes Jahr, jeden Sommer. Und auch der eine Schwager, der uns immer in Berlin besuchen kommt. Die anderen beiden Brüder haben etwas weniger Bezug dazu. Als dann in den letzten Jahren über die Zukunft des Hauses gesprochen wurde und ein möglicher Verkauf im Raum stand, war es für meine Frau selbstverständlich, dass sie diesen Ort nicht verlieren will, und ich fand den Gedanken, ein Haus in Skandinavien zu besitzen, wirklich großartig, und so erwarben wir das Haus. Nun klingen 5 Hektar plus Häuser in Schweden nach einem Millionenpreis, aber es handelt sich hier um eine dünnbesiedelte und touristisch wenig erschlossene Gegend hundert Kilometer östlich von Göteborg. Wir haben keine Dusche und kein richtiges WC, sondern eine Außentoilette mit einem Kompostierprinzip. Allerdings haben wir Strom und Glasfaser-Internet sowie fließendes Wasser, das aus einem Brunnen kommt. Da sind die Preise vom Mond sehr weit entfernt. Ob wir Pläne haben? Nichts Konkretes. Wir werden dort Zeit zu zweit verbringen, wir werden Freunde empfangen, Freunde werden es in unserer Abwesenheit auch nutzen können, mein Schwager wird auch dort sein. Wir werden es in den nächsten Jahren auch etwas renovieren. Nicht alle Teile des Hauses sind gut isoliert. Wir wollen auch das Wohnzimmer umgestalten und ich habe noch viele Do-it-yourself-Bauprojekte. Ich möchte an der Nordwestseite des Hauses eine Veranda bauen. Ich stelle es mir schön vor, bei Sommerregen draußen auf einer Veranda zu sitzen. Und wenn es nicht regnet, sieht man von dort aus diese ewig langen skandinavischen Sonnenuntergänge. Wir werden dort unsere Sommer verbringen. Es mag langweilig klingen. Aber Reisen finde ich nicht mehr so notsächlich wie früher. Zwar möchte ich noch nach Japan und nach Neuseeland. Und definitiv wieder bald nach Spitzbergen und auch wieder nach Grönland. Sowie auf die Azoren, Shetlands und die Färöer, die ganz oben auf der Liste stehen. Aber was mich wirklich nicht mehr interessiert, sind irgendwelche europäischen Städte. Habe ich gefühlt alle gesehen. Auch habe ich in den vergangenen Jahren eine andere Einstellung zu Reisen bekommen, der Erkenntnisgewinn einer Reise schwindet zusehends. Vermutlich bin ich zu viel verreist, es hat sich etwas abgenutzt. Ich werde dieses Thema ein andermal vertiefen, es hat mehrere Facetten. Lose Ideen, die aber etwas aufwändiger sind, etwa eine Sauna, den Umbau der Scheune, aber auch ein Tiny House bzw. ein sogenanntes A-Frame Gebäude am Waldhang westlich des Hauses. Ich sitze gerne an einem Schreibtisch. Das ist wirklich ein Happy Place. Meist schreibe ich, manchmal mache ich andere Dinge. Ein schöner Arbeitsplatz mit einem großen Fenster mit Blick auf Wasser, das ist schon etwas, das mich glücklich machen würde. Ich denke ständig an schöne Arbeitsplätze. Wenn es das A-Frame nicht wird, dann wird es das kleine Zimmer im Gästehaus. Letzten Sommer entdeckte ich den Hohlraum über dem Holzraum in der Scheune. Es ist ein Dachboden. Wenn ich dort ein Fenster einsetze und den Dachboden von innen verkleide und isoliere, hätte ich wahrscheinlich eine zusätzliche Option. Allerdings sind wir uns über den Zustand der Scheune nicht ganz sicher. Das Gerüst ist noch stabil, das Innenleben aber nicht mehr unbedingt und das Dach besteht aus Eternitplatten. Man müsste einen größeren Geldbetrag in die Hand nehmen. Jedenfalls werden wir jeden Sommer drei oder vier Wochen dort verbringen. Auch im Mai meistens eine Woche. Zukünftig möchte ich von dort aus ein paar Wochen Arbeit an den Urlaub dranhängen und in späteren Jahren mehrere Monate dort verbringen. Der Sommer ist dort natürlich sehr schön. Aber ich mag das Frühjahr noch lieber. Ende April, Anfang Mai. Die Zeit, bevor alles zu grünen beginnt. Wenn die Bäume noch kein Laub tragen. Es liegt eine seltsame Magie über dem Land. Unbekleidet, ursprünglich. Der Herbst muss auch wirklich wunderbar sein. Ich war da aber noch nie im Herbst, ich kenne nur die Fotos. Es reicht mir aber zu wissen, dass ich es lieben werde. Der Herbst ist in Berlin aber auch schön. Berlin ist eine richtige Herbststadt. Es ist die beste Jahreszeit in Berlin. Gleich danach kommt der Winter. Zumindest der Winter bis Januar. Danach dauert er zu lang. Nach dem Winter kommt der Berliner Frühling und das ist die furchtbarste Zeit des Jahres. Matschig, undefiniert und unentschlossen. Der Sommer ist ein wenig besser. Aber meistens zu heiß und zu trocken. Die Nächte sind aber gut, wenn man abends draußen sitzt. Ich sage das alles, weil ich mir natürlich Gedanken darüber mache, wie ich in Zukunft leben will. Berlin ist mittlerweile meine Heimat geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass ich Berlin für immer verlasse. Auch wenn Berlin gerade keine Energie mehr hat, ausgelaugt wirkt, keine Verheißung mehr ist. Der Gedanke daran, wenn ich einmal nicht mehr in klassischer Lohnarbeit sitzen werde – viel Zeit im schwedischen Wald zu verbringen, wo mich Freunde besuchen, wenn wir abends auf der Veranda sitzen, und mit einem Aperitif in der Hand in Richtung Nordwesten der Sonne hinterherschauen, wie sie am Horizont entlangstreift, während ich tagsüber mit meiner Hündin und der neuen Motorsäge unten im Wald Bäume zerkleinere, das ist schon ein sehr schöner Gedanke. Sicherlich auch etwas romantisiert. Aber nach einer Weile sehne ich mich auch wieder nach Berlin. Ich glaube, damit habe ich alles zu dem Haus geschildert.
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[Di, 25.8.2026 – Filmliste, Sprache]
Neulich berichtete ich davon, dass es eine ganze Reihe von Filmen oder Serien gibt, die ich sehen möchte, die für mich aber aus praktischen Gründen schwierig sind, zu sehen. Das kommt daher, dass ich fast nur in Gesellschaft vor dem Fernseher sitze und meine Frau bei der Selektion von Filmen und Serien äußerst wählerisch ist und wir oft keinen Konsens finden. Deswegen wollte ich eigentlich eine Liste pflegen, in der ich alle Filme eintrage, die ich in Abwesenheit meiner Frau einmal schauen werde. Diese Liste würde den Titel tragen: "Filmkultur, dessen Aneignung mir meine Frau vorenthalten will." Jedoch schaffte ich es nie, diese Liste zu erstellen. Weil meine Frau gerade in England ist, schaute ich heute "Train Dreams". Der Film fiel mir als erstes ein, weil ich vor einigen Monaten die gleichnamige Novelle von Denis Johnson las. Wenn ich den Film vorschlug, sagte meine Frau immer: "Gerne, aber nicht heute." Das sagte sie an mehreren Tagen. Eines Tages sagte sie, der Film deprimiere sie. Ein Holzfäller im Amerika der Dreissigerjahre, der seine Frau und seine Tochter verliert. Na gut. Ich verstehe schon, warum man sich das nicht geben will. Ich hielt dagegen, dass ich das Buch gut fand. Nicht supergut, aber gut. Zugegebenermaßen war das ein wenig überzeugendes Plädoyer. Der Film trifft den Sound und meine inneren, bei der Lektüre erzeugten Bilder erstaunlich gut und transportiert das ganze Gefühl beim Lesen auf diese 110 Minuten, als würde ich das Buch noch einmal lesen. Es ist nicht so, dass ich das Buch empfehlen müsste, mich hat vor allem der Autor interessiert, dessen erster Roman "Angels" von David Foster Wallace mit den Worten „ein total amerikanisches Buch mit großartiger, wirklich großartiger Prosa“ gelobt wurde. Warum ich statt "Angels" aber "Train Dreams" kaufte, weiß ich auch nicht mehr. Obwohl die Geschichte in den USA zur Zeit des Ersten Weltkriegs beginnt, verstehe ich schon, warum man Denis Johnsons Texte zu den wichtigsten der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählt. Nicht zuletzt liegt es auch an der Sprache. Einfache, klare, rhythmische Prosa. Ich merke, wie wählerisch ich gegenüber Sprache geworden bin. Mit gekünstelter oder was man landläufig als gehobene Sprache bezeichnet, kann ich nichts mehr anfangen, es stößt mich regelrecht ab, ich kann das nicht lesen. Umständliche Satzstrukturen, gekünstelter Wortschatz, gehobene Sprache. Es transportiert nur etwas Elitäres, Gebildetes, eine Haltung vielleicht, es transportiert keinen Sound, keine Gegenwart. Ich verstehe, warum man das vor hundert Jahren noch tat, zum einen verfügten nicht alle Menschen über Bildung, oder über den kulturellen Hintergrund, sich überhaupt Belletristik reinzuziehen, dann galt es vielleicht, Sprache zu stilisieren, zu konservieren, oder auf intellektuelle Weise zu entwickeln. Das kommt mir nicht mehr zeitgemäß vor. Meine Erwartung an Kultur ist eher, dass es etwas Großes für die ganze Welt zu sein hat und nicht etwas Großes für einen erlesenen Kreis. Meine Erwartung an Sprache ist es, dass sie den Ton der Gegenwart findet, ein Bindeglied in der Gesellschaft, Authentizität als Stilmittel um jemanden mitzureißen. Neulich programmierte ich einen Wortschatzzähler und so fand ich heraus, dass Goethe aus einem etwa dreimal so großen Wortschatz schöpfte, wie Kafka. Jetzt weiß ich auch, warum ich Goethe immer einen unlesbaren, elitären Streber fand, während Kafka mich verzauberte. Ich hänge mich an dem Thema auf, weil ich gerade André Gides "Verliese des Vatikans" lese und ich genau weiß, dass ich das vor dreißig Jahren gemocht hätte, aber heute muss ich mich sehr anstrengen, weil mich die Sprache abstößt. Aber ich kann doch André Gide nicht nicht-mögen. Natürlich ist das alles sehr vereinfacht dargestellt. Ich bin kein Kulturwissenschaftler, sicherlich bringe ich nicht alle Perspektiven zusammen. Ah, jetzt weiß ich auch wieder, warum ich Train Dreams lesen wollte. Weil die Novelle ein ganzes Holzfällerleben in 80 Seiten unterbrachte. Ich wollte schlichtweg wissen, wie sich so etwas liest. Das mit den achtzig Jahren stimmte aber nicht. Die Geschichte beginnt mit dem dreissigirgendwastem Lebensjahr des Protagonisten.
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[Mo, 24.8.2026 – Tirolensien, Devon, Assistentin]
Auf Facebook schickt mir eine ehemalige Schulfreundin ein Foto aus der Stadtbibliothek Meran. Darauf abgebildet ist meine Novelle mit einem gelben Bibliothekssticker, auf dem steht: Gesellschaft. Jetzt habe ich schon ein bisschen Tränen in den Augen. Aber es kommt noch dicker. Das Buch liegt auch in der Südtiroler Landesbibliothek, da diese den Auftrag hat, Tirolensien zu sammeln, und da ich Südtiroler Wurzeln habe, ist die Novelle eine Tirolensie. Das finde ich wirklich schön. Was ist sonst noch passiert? Gestern war ich mit meiner neuen Regenjacke auf der Hundewiese. Es regnete zwar nicht, aber diese Regenjacke ist dermaßen schick, dass ich sie der ganzen Welt zeigen werde. Ich behalte sie übrigens in beiden Größen, also in L für den Sommer und in XL für den Winter, wenn ich darunter eine Jacke trage. Apropos Regen. Meine Frau ist auf Dienstreise nach England. Sie meinte, der Ort befände sich ein paar Stunden außerhalb von London. Am Abend schlug ich den Ort auf Maps auf und ich stellte fest, dass sie sich offenbar in Cornwall befindet. Devon sagt sie, heißt das, nicht Cornwall, den Locals ist die Unterscheidung wichtig, aber ich meine eben diese lange Landzunge im Südwesten, die in Cornwall endet. Als Südtiroler sollte ich wirklich präziser sein, wenn es um geografische Verortung geht, aber was ich damit ausdrücken wollte, ist: England ist wirklich nicht groß, das vergesse ich oft. Meine Schwestern und ich wollten vor ein paar Jahren mal mit meiner Mutter nach Cornwall fahren. Weil sie gerne Rosamunde-Pilcher-Filme schaut. Ich hatte mich schon der Reiseplanung hingegeben und Unterkünfte sowie touristische Ziele und Restaurants ausgesucht. Eine der Unterkünfte verbot in ihren Hausregeln ausdrücklich das Drehen von pornografischen Filmen. Ich möchte nicht wissen, was dort vorgefallen ist. Wobei. Das möchte ich eigentlich schon wissen. Die ganze Reiseplanung verlor allerdings an Fahrt, weil die Gültigkeit des Reisepasses meiner Mutter ausgelaufen war und es ewig dauerte, bis sie sich einen neuen ausstellen ließ. Gleichzeitig wurde sie zunehmend vergesslich und mittlerweile ist es keine gute Idee mehr, sie auf Reisen zu schicken. Es verwirrt sie zu sehr, wenn sie ihre gewohnten Routinen unterbricht. In ihrem kleinen Leben ist sie aber mehr oder weniger happy. Wir lassen es jetzt so, wie es ist. Inzwischen baue ich wieder meine KI-Assistentin um. Ich habe festgestellt, dass sie für jeden nächtlichen Durchlauf, bei dem sie meine Änderungen am Romanmanuskript überprüft, fast einen Euro an Tokens bei Anthropic verbrennt. Also baute ich sie komplett um, damit sie alles lokal auf dem Laptop mit einer lokalen KI ausführt. Der Durchlauf dauerte früher wenige Sekunden, auf dem Laptop ohne gescheite Grafikkarte und mit einem sehr kleinen KI‑Modell dauert es mehr als zehn Minuten. In der Firma habe ich mir jetzt allerdings einen Laptop mit einer großen Grafikkarte bestellt, mit dem ich lokale Modelle testen kann, damit werde ich in den Abendstunden auch meine KI-Assistentin ausprobieren. Es bleibt spannend.
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[So, 23.8.2026 – Stiefel, Autobahn, die nicht existierende Eifersucht der Hündin]
Frauen tragen wieder Stiefel. Schwarze Stiefel mit langem Schaft. Ich werde diesen Spätsommer als den besten Spätsommer für eine ganz lange Zeit in Erinnerung behalten. Und bald geht es mit dem Herbst los. Wahrscheinlich der beste Herbst für eine ganz lange Zeit. Am Samstag brachte ich die Schwiegereltern zum Flughafen. Der neue Autobahnabschnitt verkürzt und vereinfacht meine Autofahrt nach Schönefeld ja spürbar. Früher rumpelte man durch Treptow und Britz. Ich finde die Autobahn super und das sage ich als Fahrradfahrer, ich ärgere mich nur darüber, dass der Ausbau der Fahrradwege so unfassbar langsam vorangeht und teilweise sogar ausgebremst wird. Aber die CDU ist ab dem Herbst wahrscheinlich ohnehin wieder in der Opposition. Wie zuvor erwähnt: Es wird ein guter Herbst. Andererseits glaube ich nicht, dass eine Bürgermeisterin der Linken die Probleme dieser Stadt wirklich versteht. Ja, das Mietenthema. Das Problem ist richtig erkannt, aber eine Lösung hat die Linke auch nicht. Ich werde in den nächsten Wochen noch etwas darüber schreiben, es deprimiert mich nur so. Berlin wurde noch nie gut regiert. Immerhin eine Kontinuität. Deswegen ein Thema aus der Themenliste: "Hast Du der Hündin Dein Buch mal vorgelesen? War/wäre sie auf die anderen Hunde, mit denen du in Amsterdam gelebt hast, eifersüchtig?" Ich habe ihr das Buch tatsächlich vorgelesen. Mehrmals. Beim Üben der Passagen, die ich für die Lesungen vorbereitete, aber auch den ganzen Text, als ich es als Hörbuch einlas. Dabei fällt mir ein, dass ich das Hörbuchprojekt nicht mehr weiterverfolgt habe. Manchmal denke ich daran, aber ich müsste die Freundin, die den Titel einspricht, reaktivieren und ich kann mich erinnern, dass irgendwo in den ersten 30 Minuten zwei oder drei Versprecher passierten. Jetzt fehlt mir aber die Lust, 30 Minuten lang konzentriert meiner Stimme zuzuhören und auf Versprecher zu achten. Die Versprecher könnte ich eigentlich drinlassen, mir liegt nicht viel an Perfektion, ich habe nur das Gefühl, bei einem Hörbuch müsse etwas Perfektes herauskommen. Also die Erwartung der anderen daran, nicht meine eigene Erwartung. Also ob die Hündin auf die anderen Hunde eifersüchtig ist? Ich glaube nicht. Zum einen ist meine Hündin wie meine Frau: Sie liebt mich und interessiert sich eher wenig für ihre Artgenossen. Wir reden auch in ihrem Beisein über unseren nächsten Hund. Meine Frau möchte nämlich einen Berner Sennenhund, mir sind die aber zu groß. Während wir diese Gespräche führen, steht sie nur da und wirkt eher unbeeindruckt. Es kann daher sein, dass sie entweder kein Deutsch kann, oder sie schlichtweg keine Eifersucht verspürt. Ah, was ich aber zum neuen Autobahnabschnitt noch sagen wollte. Es wundert mich, dass sie keine Lösung für das abrupte Ende der Autobahn gefunden haben. Die werden die Autobahn doch nicht immer mit einer Ampel enden lassen wollen, oder? Die Autobahn endet dort immer mit einem Stau. In der Regel ist der Stau zwischen einem halben und 1,2 Kilometer lang. Das hat auch nichts mit der Baustelle auf der Elsenbrücke zu tun, das hat einfach mit der Ampel zu tun. Die Ampel steht am Ende der Autobahn, Patzbumm. Es gibt Leute, die wählen deswegen die AfD.
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[Fr, 21.8.2026 – geschnittene Äpfel]
Wir öffneten eine Flasche Champagner. Das hatte er sich so gewünscht. Er schrieb, dass er keine Trauerfeier wünscht, kein Drama, kein Nix, aber die Freunde sollten sich eine Flasche Champagner öffnen und auf ihn anstoßen. Er war ein Freund meiner Schwiegerfamilie, die Eltern waren seit nunmehr 60 Jahren befreundet. Als er mit Anfang 30 aus Göteborg wegzog, arbeitete er lange für die schwedischen Botschaften in der Schweiz und in Brüssel. Zuletzt lebte er seit über zwanzig Jahren in Berlin. Ein vornehmer Mann alter Schule, zu seinem weißen vollen Haar, trug immer weiße Hemden und ein Halstuch darunter. Wir besuchten ihn manchmal in seiner Charlottenburger Wohnung, wo er uns seine Kunst und seine Bücher zeigte und uns schließlich aufwendig bekochte. Zum Aperitif servierte er immer getrocknete Oliven, Salzstangen und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das fand ich so ungewöhnlich und ich dachte nur: Das müsste man öfter tun. Vor einigen Jahren starb seine Frau. Eine beeindruckende, sehr dominante Frau mit schwarzen Fingernägeln und langgezogenen Kajallinien. Ich habe sie erst spät kennengelernt, da war sie schon eine alte, vom Alkohol unbeweglich gewordene Frau, die sich aber nie um einen schmutzigen Witz oder makabren Kommentar zu schade war. Sie flirtete ganz offen mit mir und nannte mich einen Knaben. Nur ein bisschen zu dick sei ich für sie. Als sie starb, fanden wir heraus, dass sie gar nicht den Vornamen trug, mit dem wir sie kennengelernt hatten. In diesem Zuge fanden wir heraus, dass auch seine vorherige Frau einen anderen Namen trug als den, mit dem er sie seinen Freunden vorgestellt hatte. Er gab ihnen mondäne, französisch klingende Namen. Ihre wirklichen Namen waren schwedisch, zu ordinär. Nach ihrem Tod kümmerte sich die Haushaltshilfe um ihn. Eine ähnlich dominant auftretende Frau. Es hätte eine jüngere Schwester der verstorbenen Frau sein können. Er stellte sie uns als seine neue Frau vor. Dabei verriet sie uns mehrmals, heimlich zuzwinkernd, dass sie mit einem anderen Mann verheiratet sei. Wir fragten nie nach, wir fanden es zu witzig. Erst nach seinem Tod hinterfragten wir den auffällig mondän französischen Namen der Haushaltshilfe. Aber auch hier. Wir fragten nicht mehr nach. Zum Champagner servierte meine Frau heute Salzstangen, getrocknete Oliven und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das müsste man echt öfter tun.
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[Do, 20.8.2026 – Unterwältigtes]
Gerade aus logistischen Gründen keine Zeit, die Dinge aufzuschreiben. Meine Schwiegereltern sind zu Besuch und die Tastatur meines Laptops ist kaputt, was bedeutet, dass er nur an meinem Schreibtisch mit der Dockingstation zu betreiben ist, da aber mein Arbeitszimmer gerade belegt ist, verfüge ich nicht über mein Schreibgerät. Außerdem wurde mein Chef gestern entlassen, deswegen traf ich mich mit ihm am Abend auf einen Drink, wo wir ein bisschen über die Dinge redeten. Entlassungen sind schon immer etwas Emotionales, aber meine Einstellung dazu, sowie auch seine, ist: Unsere Chefköpfe rollen immer als erste. Das ist okay so. Wenn ich das sage, fühle ich mich immer wie ein Vollprofi. Jetzt bin eben ich in der zweiten Hierarchieebene statt er. So laufen die Dinge. Apropos rollende Köpfe. Mein Schwiegervater ist total angetan von diesem leichten, neuen Wild Coast Ale von der Störtebeker Brauerei. Es ist nicht ohne Grund immer als Erstes ausverkauft. Heute fragte er mich, was das Wort „Störtebeker“ eigentlich bedeutet, und weil ich vier Jahre lang in Hamburg wohnte, weiß ich natürlich alles über Hamburg und fing an, über den Piraten Klaus Störtebeker zu referieren, bis hin zur Geschichte mit dem rollenden Kopf, der das Leben seiner Matrosen rettete. Leider stellte sich nachher, als ich im stillen Kämmerlein auf mein Telefon schaute, heraus, dass ich zum einen die Geschichte mit dem rollenden Kopf falsch in Erinnerung hatte, aber auch, dass es sich bei Klaus Störtebeker weitgehend um eine Legende handelte. Ähnlich wie Robin Hood. Allerdings gab es ihn immerhin als real existierende Person, die als Pirat ihren Lebensunterhalt verdiente, aber die Geschichten sind Legenden. Nun. Ein underwhelmtes Gefühl blieb übrig. Einen wirklich guten deutschen Ersatz für das Wort "underwhelming" gibt es nicht. Enttäuschend ist ein gutes Wort. Aber nicht, wenn man underwhelmed ist. Underwhelming hat dieses Dämpfende, wie ein Pft, das die Luft rauslässt. "Ernüchternd" vielleicht, oder "wenig berauschend". Aber weder "nüchtern" noch "wenig rausch" spielt in meiner Lebenswelt eine positive Rolle.
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[Mo, 17.8.2026 – Hausmeisterliches]
Ich habe es sehr vermisst, Herthapodcasts zu hören. Jetzt, wo wir unbesiegbar sind und nie wieder verlieren werden, macht es auch wieder Spaß, alle abonnierten Herthapodcasts anzuwerfen. # Daneben arbeite ich gerade an der KI-Schreibassistentin weiter. Es gibt noch ein paar Dinge, die nicht gut funktionieren. Die Probleme sind technisch, weil ich hier ein kompliziertes Setup mit Backups und Git auf einem Raspberry Pi betreibe, und ich lasse die KI auf die Backups los, anstatt lokal mit dem schicken Client von Claude auf dem Laptop zu arbeiten. Lieber Herr Paul, die Dokumentation dauert noch ein klein wenig, dabei würde ich das Setup mit dem Raspberry weglassen, außer das interessiert dich auch. Zudem habe ich ein neues Favicon erstellt. Sieht man jetzt oben im Browsertab. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich als Favicon das umgekehrte Logo der Wikipedia, also M statt W. Fand ich damals witzig. Ich glaube aber nicht, dass das je jemandem aufgefallen ist. Warum ich mich jetzt auf einmal mit meinem Favicon beschäftige, ist wieder einmal Felix, bzw. Frank Westphal, die über Blockroll geschrieben haben, eine föderierte, bzw. verteilte, maschinenlesbare Blogroll. Wie Frank Westphal schrieb: "Eine Blogroll ist ein öffentliches Follow. Eine Blogroll-Sammlung ist ein soziales Netzwerk. Und ein Blogroll-Netz ist ein Rabbit Hole." Ich habe es noch nicht zur Gänze verstanden, und auch noch nicht zum Laufen bekommen, aber ich weiß jetzt schon, dass das super wird. In der Blockroll von Felix sah ich schließlich, dass mein Favicon für die Blockroll hochskaliert wird, aber das sieht natürlich miserabel aus. Deswegen erstellte ich nach zwanzig Jahren einfach ein neues. Eine Wolke, als SVG, sieht also in jeder Größe scharf aus.
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[Sa, 15.8.2026 – Barrieren, Oly, Mobi Dick, Typo]
Mit der Tochter einer Freundin aus Essen gewesen. Sie sitzt im Rollstuhl und ich dachte ja, dass gastronomische Lokale mittlerweile barrierefrei umgebaut sein müssen. Mit dieser Annahme lag ich allerdings ziemlich daneben. Das erste, gebuchte Restaurant musste ich stornieren, weil sie schlichtweg nicht auf meine Frage nach Barrierefreiheit eingingen, also kontrollierte ich die Bilder auf Insta und Google, wo ich dann die zwei Stufen im Eingangsbereich sah und es damit hinfällig wurde. Auch wenn wir ohnehin draußen sitzen würden, Menschen müssen auch auf die Toilette. So ging das mit mehreren Lokalen, also suchte ich schlicht direkt nach barrierefreien Restaurants, und fand schließlich ein koreanisches Lokal, das als barrierefrei gelistet war. Gingen wir also hin. Im Eingangsbereich gab es eine Stufe und später checkte meine Frau die barrierefreie Toilette, die "out of order" war, es funktionierten also nur die WCs im Keller. Die junge Frau im Rollstuhl sagte, das sei immer so. Sie ginge immer auf gut Glück. # Heute ins Olympiastadion zum ersten Heimspiel der Saison. Auch das zweite Spiel gewannen wir. Unsere Mannschaft schoss den Absteiger aus der ersten Liga mit 4:1 aus dem Stadion. Weder hatten wir den Sieg letzte Woche erwartet, noch den heutigen Sieg. In der Kurve stimmten wir ein übermütiges Lied an, ein Lied darüber, dass wir jetzt unschlagbar sind und mit 100 Punkten ohne Niederlage die Saison beenden. Das Lied war so eingängig und machte uns alle dermaßen gut gelaunt, dass es mindestens viermal in Dauerschleife gesungen wurde. Sabine war heute zum ersten Mal bei uns in der Kurve. Sie saß die letzten Jahre immer oben bei den Mecker-Rentnern in 2.1, wie sie sie nennt. Vorher sagte sie, sie habe ein bisschen Angst. Als ich sie nach dem Spiel im Messenger danach fragte, schickte sie nur Smileys mit Sternen in den Augen. Das Ganze bei 34 Grad. Unten im Block staute sich die Hitze. Der Großteil meines Fanclubs steht in Q3, dort brannte die Sonne ab der zweiten Hälfte herein wie ein Hitzestrahler, ich kenne das noch von den vergangenen Saisons. Ich meine, ich hatte auch darüber geschrieben, wie ich auf einmal nicht mehr singen konnte, weil mir schlichtweg das Wasser und der Sauerstoff vom Kopf in die Füße gesackt waren. Die Hitze schien aber niemanden zu stören. Es ist Teil der Journey, wenn man übermütig Lieder singt. Bei uns weiter links in T1 stehen wir aber im Schatten. Auf dem Rückweg in der S-Bahn wurde mir ein Gemälde von Moby Dick in meine Timeline gespült und das löste sofort Gefühle in mir aus. Mit Moby Dick und mir ist das so eine Sache. Ich habe das Buch dreimal begonnen und dreimal weggelegt, weil es mich anödet. Denke ich aber an Moby Dick, dann löst das starke Bilder in mir aus. Ich glaube nämlich, lebte ich Mitte des 19. Jahrhunderts, wäre ich Matrose gewesen. Als junger Bursche wäre ich in meinem Südtiroler Bergdorf erstickt. Als ältester Sprössling hätte ich das Erbe des Bauernhofes übernehmen sollen, diesen hätte ich jedoch an meine Schwester abgegeben, die über wesentlich bessere Anlagen verfügt, um eine Bauernhofswirtschaft aufrechtzuerhalten. Ich hingegen wäre nach Birmingham gereist, oder nach Liverpool, dort hätte ich auf einem Schiff angeheuert und hätte die Weltmeere bereist bzw. das Schicksdeck geschrubbt. Ganz sicher. Und keineswegs romantisiert. Das Bild, das ich in meiner Timeline sah, war "Moby Dick" von einem französischen Illustrator namens Gerard DuBois. Es stellt Kapitän Ahab dar, wie er mit einer Harpune an der Reling steht. Der ganze Hintergrund ist weiß. Und ein Auge. Es ist der weiße Wal. Der Hass. Die Obsession. Ein sehr starkes Motiv. Die künstlerische Umsetzung finde ich nicht ganz gelungen, sie ist zu kinderbuchmäßig, aber als Motiv wesentlich stärker als der sonst übliche Pottwal, der mit seinen Kiefern Boote zertrümmert. Weil ich jetzt kein viertes Mal Moby Dick zu lesen anfangen will, bestellte ich "Tage des Grauens und der Verzweiflung" von Owen Chase, einen Bericht des Kapitäns der "Essex", das ist die wahre Geschichte, die Melville dazu inspirierte, Moby Dick niederzuschreiben. # Felix schrieb neulich in seinem Blog darüber, dass er sich an der Schriftgröße hier in meinem Blog stört. Zuerst sagte er natürlich, wie schön er manche Dinge findet, etwa den Titel, jedoch ist ihm das gesamte Textbild zu gedrungen und die Unterstriche sind ihm zu fett und enganliegend. Er hat nicht unrecht. Ich habe wirklich wenig Ahnung von Typografie, kann aber immer alles nachvollziehen, wenn jemand darüber spricht. Nett, wie er ist, hat er das CSS veröffentlicht, mit dem er für sich mein Blog aufgehübscht hat. Jetzt geriet ich natürlich unter Zugzwang und baute das sofort ein. Es sieht in der Tat besser aus.
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[Oktober, München]
Oktober, München. Die Titelwahl ist etwas unglücklich, ich finde sie trotzdem witzig, denn: Ein Fest wird es auf alle Fälle.
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[Mi, 12.8.2026 – Lesung, Sofi]
Liebe Münchnerinnen, Bajuwarinnen und Münchenbesucherinnen. Haltet euch den 24. Oktober frei. Dort lesen ein paar feine Webloggerinnen und ich in einem Boxring Texte vor. Das Lineup: Die Katmamsell Frau Novemberregen Vanessa Giese und ich. Durch den Abend führt uns Frau Klugscheisser. Ich freue mich. Mehr dazu morgen. # Für eine Sonnenfinsternis, egal wie partiell, setze ich mich ja in den Park und nehme daran teil. Dafür schnitt ich den Sushikarton vom Wochenende zurecht, setzte eine Aluminiumfolie ein und punktierte sie mit einer Nadel. Wir schnappten uns die Hündin und holten uns zwei kalte Biere im Späti und setzten uns in den Park. Tausend andere Menschen waren schon vor uns da. Mit Spezialbrillen, mit Telefonen, manche hatten eine ähnliche Camera Oscura gebaut wie ich, und so saßen wir da, wie Sonnenblumen, alle der hellen Scheibe zugewandt. Lustig auch das letzte Bild. Wie die Kamera ein seltsames Artefakt bildet.
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[Di, 11.8.2026 – KI, Fetischclubs]
Gestern und heute sehr schwer mit künstlicher Intelligenz beschäftigt gewesen. Bis tief in die Nacht hinein und danach tat ich mich schwer, einzuschlafen. In der Firma bereite ich einen KI-Workshop vor und zuhause habe ich mir eine Agentin gebaut, die täglich die Fortschritte an der Romanarbeit überprüft und analysiert. Ja, sie ist weiblich. Sie trägt aber keinen Namen. Sie soll jede Nacht um drei Uhr die Änderungen am Text durchgehen, Inkonsistenzen von Figuren aufspüren, logische Fehler überprüfen, Handlungsstränge bzw. Fäden im Blick behalten und weitere, ähnliche Dinge, die mir im kreativen Prozess nicht auffallen, die sonst erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt auftauchen. Auch erstellt sie Statistiken zum Fortschritt, zur Anzahl der Wörter, Anzahl Korrekturen, Tage, Peaks, Rhythmus. Ich habe sie so eingestellt, dass sie keine Emotionen hat, lediglich Hinweise zu Fehlern gibt, allerdings keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler, dafür aber stilistische Inkonsequenzen. Die KI kann das wirklich gut. Hauptsache, sie greift nicht in den Text ein. Und sie soll mich auch nicht zu irgendwas motivieren. Trotzdem wird sie nicht das Lektorat ersetzen, aber manchmal überrascht sie mich dann doch mit seltsamen Details. Sie schrieb mir beiläufig, in einem Nebensatz: Köpenick liegt übrigens südöstlich, nicht südwestlich. Eigentlich traue ich ihr fast alles zu, aber dieses Detail hat mich dann seltsamerweise überrascht. Wobei eine geografische Verortung technisch ja Kinderwerk ist. Wie sie das beiläufig anmerkte. Ich habe noch das Bedürfnis, einen KI-Disclaimer zu verfassen. Die Kaltmamsell garantiert ein KI-freies Blog. Es sträubt sich in mir, meine Texte als 100% von Menschen geschriebene Texte zu kennzeichnen, aber ich fürchte, dass sich der Standard gerade wandelt. # Aus der Themenliste: Erzähl mal was über Deine Erfahrungen in Fetischclubs (Zitat Wetterschwitzen-Eintrag: "Als ich das Büro betrat, fühlte ich mich, als käme ich aus einem Fetischclub") Ich musste gerade mal gucken, was Fetischclubs eigentlich genau sind, damit ich keinen Scheiß sage, wenn ich nämlich sage, dass ich aussähe, als käme ich aus dem Fetischclub, dann denke ich an Clubs wie das Kit Kat oder die Partys in der Wilden Renate, und damit meine ich eher ein Gefühl, einmal völlig durchgenudelt worden zu sein und man nicht mehr weiß, ob die Kleidung verrutscht ist bzw. noch in ganzen Stücken am Körper hängt. In diesem konkreten Fall sprach ich von meinem vom Regen durchnässten, weißen Hemd, das ich bei dem Wetter ohne Unterhemd trug. Das Hemd war sommerlich eher dünn, darunter sah man meine Bauchhaare und die Tätowierungen, das wirkte wirklich, als sei ich durchgenudelt worden. Aber Fetischclubs. Jetzt weiß ich nicht, ob meine Erfahrungen dahingehend zu mainstreamig sind, beim Kit Kat dreht es sich ja schon ums Ausgehen und Musik, dass nebenbei auch gevögelt wird und es so etwas wie einen Dresscode gibt, kann man auch wieder als normalen Samstagabend in Berlin betrachten. Ich weiß nicht genau, wo die Grenze gezogen wird. Das Berghain zählt nicht wirklich dazu, wenn man den Darkroom-Bereich einmal ausklammert. Habe ich gelesen. Aber dass ich in solche Clubs ging, ist nun schon fast zwanzig Jahre her. Die Lokale, die ich früher in den Niederlanden besuchte, waren oft sexuell, aber auch keine klaren Fetischclubs. In der Novelle erzählte ich nebenbei vom besetzten Haus am Vismarkt. Dort hatten die Leute ständig Sex. Oben in den Wohnbereichen gab es keine Wände, sondern nur Stofftücher, die Zimmer simulierten. Unten in der Bar war es gesitteter, aber unter der Bar im Keller lief Techno, da hatten Menschen Sex. Man lief da aber auch nicht herum und hatte einfach Sex, das geschah bei mir tatsächlich nur mit meiner Freundin. Wenn man dort ist und jemand hat zwei Sofas weiter Sex, dann kam es eben vor, dass man selbst auch Sex hatte. Auf der Toilette aber. Ich habe mich jedenfalls nie in Sex- oder Fetischszenen bewegt. Sex und Fetische waren eher oft ein Begleitumstand. Fürs Kit Kat und die Wilde Renate fühle ich mich mittlerweile zu alt. Ich finde es schon schade, dass ich das in jüngeren Jahren nicht so verfolgt habe. Es ging auch meist mit elektronischer Musik einher, die mir lange eher missfiel. Musikalisch bevorzugte ich bekleidete Menschen wie die Bad Seeds. Vor einigen Jahren sprach ich mit einer Freundin darüber, dass wir mal zu einer Sex-positive-Party gehen sollten. Das finde ich ungemein spannend. Sexpositivismus. Ich kann mir vieles unter dem Begriff vorstellen. Ich sagte, ich würde eine Anzugsweste tragen und mir einen schwarzen, dicken Strich quer über das Gesicht ziehen. Und sonst nichts. Okay, untenrum würde ich mir auch etwas anziehen. Aber das war eher ein lustiger Gedanke. Ich glaube nicht, dass ich da noch hineinpassen würde. Zumindest nicht in der heterosexuellen Welt. Für Heteros kämen dann nur noch Swingerclubs infrage, aber die wirken so unästhetisch, dass ich sie schon aus Stilgründen nicht besuchen möchte. In anderen Worten: Ich gehe nicht in Fetischclubs. Ich finde aber, ich hätte mich früher mehr damit beschäftigen sollen.
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[So, 9.8.2026 – RAG, vom Träumen]
Das ganze Wochenende lang an meinem Schreibtisch gesessen und rumgenerdet. Zum einen baute ich mir einen KI-Assistenten, der mich bei der Schreibroutine unterstützen wird (dazu ein andermal mehr), und ich baute mir eine KI-gestützte persönliche Wissensdatenbank, eine sogenannte RAG, aus allen meinen Dateien, also 30 Jahre E-Mails, 30 Jahre Dateien, PDFs, Texte, Anhänge und Officedokumente. Alles lokal, mit einem lokalen Chatbot auf der Festplatte. Mein Ziel ist es, dass ich am Ende so suchen kann: „Wann habe ich geheiratet?" Das Projekt ist noch nicht beendet. Die Indizierung läuft. # Die nächste Antwort aus der Themenliste: "Wie ist das eigentlich mit Träumen. Träumst du oft? Und wenn dann, über was?" Man träumt ja immer, aber ich erinnere mich nur selten daran. Wenn ich aufwache, bäm, schalte ich auf Tag um. Manchmal weiß ich, dass noch etwas da war, ein Erlebnis, ein Gefühl, das vage Gefühl bleibt noch ein bisschen länger, manchmal ist das Gefühl unbehaglich, woher es aber kommt, weiß ich nicht so recht. Die Erinnerung löst sich meist sofort auf. Selten, dass ich in einem Traum verfangen bleibe und mich daran erinnere. Anders ist es natürlich bei schockierenden Träumen. Als die Hündin noch jung war, träumte ich ständig, dass sie sterben würde. Ich weinte im Traum und wachte davon auf. Immer mit Tränen und Kloß. Ich weine sonst natürlich nie. Aber mannmmann. In Träumen, wenn meine Hündin stirbt. Ich sagsdir. Offenbar erinnere ich mich also an Träume, wenn ich von der Emotion wach werde. Wenn jemand stirbt. Das geschah schon öfter. Oder wenn ich irgendwo herunterfalle und davon aufwache, oder wenn ich ins Gefängnis komme, oder auch wenn ich nackt bin (und es mir unangenehm ist.) Apropos nackt. Ich träume selten über Sex. Ich würde gerne mehr über Sex träumen. Leider kann man das nicht fördern.
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[Sa, 8.8.2026 – Sachen auf dem Kopf]
Ich ertrug mein Haar heute nicht mehr. Eigentlich wollte ich bereits Anfang Juli zur Friseurin, aber dann fuhr ich nach Schweden in den Wald, wo ich ohnehin erstmal verwildern würde. In Schweden nahm ich mir vor, im benachbarten Dorf einen Haarsalon aufzusuchen. Weil ich im Urlaub zwischen Motorsäge, Rasenmäher, Rabenvögeln und Elchen aber wirklich nicht an meine Frisur dachte, vergaß ich meinen Vorsatz wieder. Erst in Berlin erwachte ich und fand mich in der Zivilisation wieder. Nachdem ich in den ersten beiden Wochen genug andere Dinge zu tun hatte, ertrug ich heute mein Haar nicht mehr. Deswegen durchpflügte ich am Morgen alle Frisurläden Friedrichshains und fand schließlich einen etwas unscheinbaren Salon unweit der Weberwiese, der noch viele offene Termine für mich bereithielt. Meist ist das kein gutes Zeichen, aber ich bin bei Frisurläden nicht besonders anspruchsvoll. Ich will nur eine gute Zeit haben und gut behandelt werden. Der Salon ist ein reiner Herrensalon. Er feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Er hielt in den Fünfzigern nach dem Bau der Stalinbauten dort Einzug und überstand die Jahrzehnte, wie sonst wenig in Ostberlin die Jahrzehnte überstand. Das Personal ist ausgesprochen nett, die Damen sind schon etwas älter und für Friedrichshainer Verhältnisse absolut unhipp, aber ich hatte eine sehr gute Zeit. Vielleicht gerade deswegen. # Die heißen übrigens nicht Baseball-Hats. Sie heißen Dad Hats. War für mich ja alles das Gleiche. Meine Frau trägt sie neuerdings. Sie kann aber auch wirklich alles tragen. Ich trage Kopfbedeckungen lediglich im Winter und das auch nur, um meinen Kopf zu wärmen, nicht als modisches Accessoire. Eine Zeitlang trug ich manchmal Trilbys, weil ich Trilbys durchaus ästhetisch finde. Aber wenn ich einen Hut trage, fühle ich mich immer wesensfremd. Auch wenn ich den Look objektiv sehr mag. Trage ich selbst einen Hut, fühle ich mich wie ein ganz anderer Mensch. Immer. Viele meiner Freundinnen tragen im Stadion einen Dad-Hat. Vor allem bei den späteren Spielen, wenn die Sonne tief überm Marathontor in die Ostkurve hereinscheint. Aber neuerdings stehe ich meist in T1 oder T2. Da kommt die Sonne nur im Mai herüber. Brauche ich alles nicht. Manchmal zieht mir meine Frau ihren Dad-Hat über. Meine Frau sagt, das stünde mir ausgesprochen gut, und rein objektiv hat sie durchaus recht, und aus der objektiven Perspektive könnte ich an diesem Look durchaus Gefallen finden. Aber mit einem Dad-Hat fühle ich mich noch wesensfremdererererer als mit einem Trilby. Nein: wesensfremderererererererererer. Dabei habe ich in Schweden einen richtig guten Dad-Hat mit dem Logo meiner elektrischen Kettensäge gesehen. Das würde ich im Prinzip mit viel Stolz tragen. Aber diese Wesensfremdheit kann ich nicht abschütteln. Außerdem: Diese Onkeligkeit! Aber spaßig ist es trotzdem.
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[Fr, 7.8.2026 – Wetter, Scheisshunde]
Wenn Menschen von schönem Wetter sprechen, meinen sie Wetter mit Sonnenschein. Natürlich verstehe ich diesen Gedanken, Menschen denken dabei an Hochzeitsfeiern oder ans Grillen im Garten. Ich nenne Temperaturen über 30 Grad mittlerweile schlechtes Wetter. Einfach so, um mit meiner schlechten Laune nicht alleine zu sein. Eine Sache kann ich den hohen Temperaturen allerdings abgewinnen. Man kann sich wunderbar schlecht kleiden und alle Menschen bringen dafür Verständnis auf. Die letzten Tage lief ich mit den ganzen Fehlkäufen ins Büro. Bunte, kurze Hosen mit komischen Mustern oder kurzärmlige Hemden mit einem Aufdruck von Papageien, oder Blumenmustern. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich diese Kleidungsstücke kaufte, ich folgte dabei immer einem Gedanken: etwas wagen zu müssen. Mut lohnt sich ja meistens. Im Büro sagte ich immer: Sorry, dass ich so aussehe. Das Wetter ist unerträglich. Alle nicken immer und zeigen auf ihre eigene Kleidung. Und sonst so. Es waren gerade drei sehr anstrengende Tage. Abends ging ich mit der Frau und der Hündin in den nahegelegenen Park. Wir holten uns ein Bier beim Späti und redeten über die Dinge. Es gibt neuerdings ein leichtes Pale Ale von Störtebeker, es nennt sich "Wild Coast Ale", das ist ein wirklich gutes Bier, mit fruchtigen Aromahopfen, aber leicht, weniger Alkohol, diese Brauerei aus Stralsund kennt ihr Handwerk. Und meinen Geschmack. Wir tranken es gestern bei 23 Grad und ohne direkte Sonne. Ich glaube, das ist die perfekte Temperatur. Meine Frau behauptet, dass ich das oft sage. Perfekte Temperatur. Das passiert immer irgendwo zwischen 16 und 23 Grad. Wir führen aber keine Statistik. Heute wurde unsere Hündin von einer anderen Hündin anlasslos attackiert. Ich kenne die andere Scheißhündin. Sie hat mein Tier schon vor drei Jahren einmal attackiert. Die Halterin sehe ich immer wieder mal im Kiez, sie hält ihre Hündin mittlerweile immer an der Leine. Außer gestern. Leider bemerkte ich es zu spät. Meine Frau und ich saßen auf der Bank. Unsere Hündin lag im Gras, vielleicht 10 oder 15 Meter von uns entfernt, und kaute an Graspitzen herum, dann näherte sich plötzlich, wie aus dem Nichts, diese Hündin, und ging direkt auf ihren Hals los. Wie ein besoffener Schlägertyp, der sich ein Opfer heraussucht. Es kam nicht zu einem Biss. Meine Hündin reagierte sofort mit einem Schrei und rannte davon, die andere Hündin jagte hinterher, dabei kam es noch zu mehreren Kontakten. Meine Hündin verteidigte sich zwar, aber sie hatte keine Lust auf den Stress und blieb daher eher im Fluchtmodus. Wir Menschen gingen gleich dazwischen. Aber eigentlich regte ich mich über die Halterin auf. Ja, ist nicht cool für sie, dass sie so ein Aggrotier hat, und ich kann mir vorstellen, dass man mal einen Spaziergang ohne Leine versuchen will, aber dann sollte sie das Verhalten ihres Hundes auch schnell erkennen. Der Angriff kam ja nicht aus dem Nichts. Mensch, hat mich total aufgeregt. Meine Hündin hatte danach noch eine Stunde lang Puls und kam aus dem Hecheln nicht mehr heraus. Danach gingen wir nach Hause, kochten etwas, ich legte mich mit dem Tablet und Hertha gegen Bochum ins Bett und war schon bei Anpfiff schläfrig. Das muntere Spiel machte dann auch mich munter. In der Halbzeitpause nickte ich allerdings kurz ein. Am Ende gewannen wir 1:0. Das war ein schöner Saisonauftakt. Seltsam unausgewogener Text.
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[Liebe und so]
Heute zur ersten Frage aus der Themenliste. "Was hältst Du von Polyamorie und was von Polygamie? Und hat sich Deine Meinung darüber mit der Eheschließung und/oder reiferem Alter verändert?" Ich habe eine gute Bekannte, die sich als polyamourös bezeichnet. Weil ich das Thema sehr interessant finde, musste sie mir immer alles darüber erzählen. Ich finde erstmal alles spannend, was unsere gesellschaftlich verankerten Denkweisen hinterfragt, weil so vieles einfach nur eine Frage der Erziehung ist bzw. der Sozialisation und sich viele Menschen in Denkkorsetten ihrer jeweiligen Peer-Group bewegen. Was ich gar nicht verurteilen will, die meisten Menschen haben eben andere Prioritäten in ihrem Leben, und das ist eine gute Sache, und solche Korsette geben ja auch einen gewissen Halt. Ich halte aber wenig von der romantischen Liebe oder zumindest von der romantischen Überhöhung einer ewigen, exklusiven Liebe. Diese Projektion auf die Liebe, mit der wir aufwachsen. Der Partner muss die lustigste Person sein, die beste Köchin, die beste Reisegefährtin, die beste Projektmanagerin, die beste Mama, die beste Liebhaberin, der sexieste Mensch. Dann die Erwartung an die Beziehung, der Nestbau. Ein Immobilienfinanzier sagte mir einmal, dass die meisten Kredite von sich trennenden Paaren aufgelöst werden. Das sind immer hässliche Geschichten von Menschen, die nicht mehr miteinander reden. Immer Geschichten von einem gescheiterten Nestbau, von der Frau, die fremdging, vom Mann, der sich in die Sekretärin verliebt hat und eine neue Familie gründen will etc. Geschichten von geplatzten Träumen. Ich glaube, dass Menschen oft nicht wissen, was Liebe ist, was Treue ist, wo Sex in diesem ganzen Konstrukt einzuordnen ist. Man wächst halt auf mit einer gewissen Vorstellung von Liebe. Partner, Sex, Familie. Nicht, dass ich jetzt so genau wüsste, was das ist. Ich habe jedoch ziemlich schnell gemerkt, dass der Liebesbrand zwar super ist, aber nach sechs Monaten auch wieder ein bisschen nachlässt und dann irgendwie anders wird. Danach steht man auf einmal vor den Fakten, die diese hormonelle Achterbahnfahrt einem vor die Füße geschmissen hat. In diesem älteren Text, in dem ich mich an eine Episode mit einer jungen Frau auf einem Sofa in Madrid erinnere, habe ich bereits einmal aufgeschrieben, wie meine Einstellung zu Treue ist. Kurz zusammengefasst: Überschätzt. Mit Nuancen aber. Ich finde, dass die meisten Menschen eine total übertriebene Vorstellung von Betrug haben. Das Wort alleine. Auch wenn ich mich immer in mehr oder weniger monogamen Beziehungen lebte, finde ich Sex und Liebe erstmal zwei ganz unterschiedliche Dinge. So unterschiedlich wie Sex und Lieblingsköchin oder Sex und die lustigste Person der Welt. Im besten Fall gehen Sex und Liebe zusammen, auch Sex und Lieblingsköchin, aber Sex geht auch ohne Lieblingsköchin. Um ehrlich zu sein, konnten die meisten Frauen in meinem Leben eher mittelmäßig gut kochen. Sex geht aber auch ohne Liebe. Einfach, weil jemand vielleicht fantastische Oberschenkel hat oder horny Sachen sagt. Ich finde es halt blöd, nicht zuzugeben, dass man auch in monogamen Beziehungen Gefühle für eine andere Person empfinden kann oder man Lust auf eine andere Person hat. In meinem Bekanntenkreis hatte eine Frau mal ein Riesendrama gemacht, weil sie ihren Mann erwischt hat, wie er sich auf Pornhub einen runtergewedelt hat. Sie fühlte sich betrogen. Echt jetzt? Mir war es aber immer wichtig, eine Partnerin auf Augenhöhe zu haben. Ich wurde eher von Frauen angezogen, die ich in erster Linie interessant fand. Fast alle fand ich auch zusätzlich sexy. Mit den sexy Frauen war Sex aber nicht zwangsweise gut. Aber es ging immer mit dem Liebesbrand einher. Am Anfang steht immer der Liebesbrand. Dieser Liebesbrand! Aah! Könnte man natürlich immer haben. Der verschwindet nach sechs Monaten aber wieder. Wenn man also immer den Liebesbrand sucht, dann muss man sich rechnerisch auch alle sechs Monate einen neuen Menschen suchen. Das kam mir ineffizient vor. Aber Polyamorie ist ja noch einmal etwas ganz anderes. Das ist eine bewusste Entscheidung. Es ist ein ständiges Verhandeln um Grenzen, Absprachen, es erfordert viel Kommunikation, viel Logistik auch und viel Rücksicht sowie viel Selbstreflexion in allen Situationen mit den Menschen, zu denen man in Beziehung steht. Aus ideeller Sicht finde ich das eine gute Einstellung. Diese Einstellung zu Sexualität und Liebe könnte diesen kriegerischen Planeten zu einem besseren Ort machen, sage ich jetzt mal ganz hochtrabend. Für mich als Beziehungsmodell wäre Polyamorie allerdings zu, nun ja, anstrengend. Ich glaube, ich habe keine emotionalen Kapazitäten, um mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen. Die Frage bezog sich außerdem nicht nur auf Polyamorie, sondern auch auf Polygamie. Wenn ich Polygamie richtig verstehe, dann ist das so etwas wie eine Mehr-Ehe. Also eine Person, die mit mehreren Menschen eine Ehe oder Beziehung führt. Wie man sie sich klischeeartig aus religiösen Gegenden oder in Sekten vorstellt. Der Gedanke daran, so etwas wie einen Harem zu unterhalten und pausenlos ständig von sexuell verfügbaren Menschen umgeben zu sein, ist eine nette Vorstellung, aber eher im Alter von 15 Jahren. Ich glaube, wenn zehn Frauen gleichzeitig mit mir verheiratet sein möchten und zur gleichen Zeit keinen anderen Mann haben, dann würde ich sie nicht ganz ernst nehmen und die Lust würde mir deswegen ganz von selbst vergehen. Dann das Alter. Hat es sich im Alter verändert? Die Meinung hat sich mit zunehmendem Alter nicht verändert. Sie ist nur konkreter, klarer geworden. Ist das alles sinnvoll aufgelistet? Ich glaube, die Gedanken sind einigermaßen geordnet.
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[Di, 4.8.2026 – Wetterschwitzen]
Der Regen brachte heute keine Abkühlung. Es war, als würde das Wetter einfach schwitzen. Zudem trug ich ein weißes, dünnes Hemd. Als ich vom Mittagsspaziergang zurückkam, war mein Hemd vom Regen durchnässt und man sah durch den Stoff hindurch meine Bauchhaare und die Tattoos. Als ich das Büro betrat, fühlte ich mich, als käme ich aus einem Fetischclub. Jedenfalls bin ich glücklich darüber, dass überhaupt jemand etwas in die Themenliste geschrieben hat. Ein leeres Blatt hätte wirklich peinlich ausgesehen. Ich fing bereits an, über das erste Thema Polyamorie/Polygamie zu schreiben, aber das drückende Wetter hielt mich am Abend vom Schreibtisch fern. Ich werde den Text daher erst morgen fertigstellen, oder übermorgen, falls das Wetter weiterhin schwitzt.
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[So, 26.7.2026 – Selbstbild, Berlin]
Mit Hund alleine auf der Fähre. Mein Bart und meine Frisur sind ausgewachsen, nein, verwachsen. Meine Unterschenkel sind zerkratzt und meine Haut ist braungebrannt. Man sieht mir an, dass ich aus dem Wald komme. Ich komme mir vor wie vom Männertyp einsamer Wolf. Und das ist nicht positiv besetzt. Nicht mehr. Früher war das doch einmal anders. Die einsamen Wölfe waren zwar damals auch schon scheiße, aber der Typus strahlte so etwas wie Freiheit aus. Einsame Wölfe wählen heute ja AfD oder Trump. Überhaupt alleinreisende Männer. In irgendeinem Interview las ich einmal, dass für weibliche Hotelangestellte die alleine reisenden Männer, die schlimmsten aller Gäste sind. Aber ich wälze mich gerade unnötig in einem unvorteilhaften Selbstbild. Kaum jemand nimmt Notiz von mir, ich aber sehe mich hier auf der Fähre nur durch fremde Augen. Zu allem Überfluss räkelt sich auf dem Cover meiner Ausgabe der Traumnovelle eine nackte Frau und dahinter die Andeutung eines Männerkörpers. Deswegen verstecke ich etwas verschämt den Buchumschlag mit meinem Telefon, das allerdings zu klein ist. Gescheites Lesezeichen habe ich auch nicht. Letzte Nacht hatte ich meine Blutdrucktabletten zwischen die Seiten gelegt. Sah vorhin natürlich scheiße aus, als beim Aufklappen des Buches die Tabletten herausfielen. Einsamer Wolf. Wuff. Dick bin ich auch noch. Der Hündin sind meine Brainfucks aber egal. Sie liegt auf dem Boden und schaut sich die Welt an. So spät am Tag zu reisen, hat etwas Magisches. Auf der Fähre verabschiedet sich das Sonnenlicht, drinnen geht das künstliche Licht an, Kinder schlafen im Schoß ihrer Eltern. Der Tag geht in die Nacht über. In Rostock komme ich bei Dunkelheit an, die Fähre hatte Verspätung, es ist fast elf Uhr, ich fahre von der Fähre runter und in die Nacht hinein. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Zuerst fahre ich nur 100. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich nicht sicher genug, um schneller zu fahren, sogar 100 fühlt sich zu schnell an. Erst nach zwanzig Minuten fällt mir auf, dass ich mit Standlicht fahre. Ich muss fälschlicherweise etwas umgestellt haben. Nachdem ich das richtige Licht anschalte, fahre ich auch wieder 130. Es überrascht mich und auf gewisse Art freut es mich, dass ich unbewusst langsamer fuhr, weil mir die Sicht nicht gut erschien. Wenn ich gegen mich aussagen müsste, hätte ich geschworen, dass ich in dem Moment aus Prinzip 130 gefahren wäre, schlichtweg, weil es sich so gehört. Gegen 1:00 Uhr komme ich in Berlin an. Es gibt genau einen Parkplatz in meiner Straße. Er ist nur halb legal. Deswegen ist er wahrscheinlich frei. Ich habe einen sehr schweren Koffer und tausende Taschen, ich nehme den Parkplatz also. Ich brauche noch ewig, um runterzukommen. Im Bett lese ich auf Bluesky vom Anschlag auf dem CSD. Fast alle meine Freunde waren da. Den ganzen Tag lang begleiteten mich Bilder vom CSD auf Social Media. Farben, Liebe. Beim Einschlafen dann: Bäm. Alles düster. Kurz nach drei Uhr muss ich dann weggenickt sein.
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[Fr, 24.7.2026 – Trüffel, Fähre, Hummeln]
Am Hang unterm Haus gräbt unsere Hündin ständig in der Erde, steckt ihre Schnauze in den Boden und gräbt wieder von vorn an einer anderen Stelle weiter. Gelegentlich holt sie dabei kleine, runde Steine heraus. Das macht sie auch manchmal in Berlin. Dort unterbinde ich es aber, weil sie sonst den ganzen Park umpflügen würde. Sie will nämlich, dass ich den Stein aufhebe und werfe. Weil sie nichts lieber tut als das: etwas Rundem hinterherlaufen, das durch die Luft fliegt. Deswegen nahmen wir ihr heute auch wieder die Steine ab. Meine Frau wunderte sich aber, dass die Steine weich waren. Tatsächlich hatte sie mehrere solcher Steine ausgegraben und sie waren alle weich. Wir gingen hinauf zum Haus und schnitten sie auf. Sie waren innen schwarz. Wir machten ein Foto und schickten es der KI, die uns erhellte: Es handelte sich um einen Trüffel. Allerdings um einen sogenannten Hirschtrüffel, also keine essbare Variante. Das begeisterte uns dennoch. Kann es sein, dass wir hier seit fast 5 Jahren eine Trüffelhündin haben? Deswegen wollte ich auch gleich wissen, ob hier in der Gegend Trüffel wüchsen. Das ist hier allerdings nicht der Fall. 300 Kilometer weiter südlich, in Schonen, hingegen schon, das sei sogar eine an Trüffelpilzen sehr reiche Gegend. Offenbar wachsen sogar in Südtirol Trüffel, auch in der Gegend um Meran, wo meine Mutter und meine Schwestern wohnen. Ich werde beim nächsten Besuch sehr darauf achten, wo meine Hündin ihre Schnauze in die Erde steckt. Am Samstag wollte ich eigentlich früh fahren, um die Fähre in Gedser um 13 Uhr zu schaffen. Im Laufe des Tages entschied ich mich dafür, die Fähre um 15 Uhr zu nehmen, ich müsste hier also erst gegen acht oder neun Uhr los. Dann bin ich gegen acht Uhr in Berlin. Als ich dann endlich am Abend die Fähre buchen wollte, stellte sich heraus, dass diese Fähre bereits ausgebucht ist und auch die Fähre um 18 Uhr. Lediglich die Fähre um zwanzig Uhr stand noch zur Auswahl. Das ist eine ungewohnte Zeit zu reisen, aber trotzdem gefällt mir der Gedanke. Ich muss morgen früh ohnehin noch das Boot aus dem Fluss ziehen. Mein Schwager kann das nicht alleine, man braucht vier Arme dafür, und mein kleiner Citroën ist etwas rustikaler als sein sportlicher Volvo. Aber Mensch. Ich habe keine Lust, zurückzufahren. Am Montagmorgen habe ich gleich einen Termin mit dem Datenschutzbeauftragten. Wir haben ein schwieriges Thema auf der Agenda. Ich beginne die Woche sofort hart. Ich bestand darauf, diesen Termin sofort an dem Montag nach meinem Urlaub wahrzunehmen. So gehe ich immer vor. Seit vorgestern kriechen dutzende Hummeln im Gras herum. Ich befragte das Internet danach. Jetzt stellt sich heraus, dass Hummeln im Juli an einem Lindenproblem leiden. Vor unserem Haus steht eine imposante, 80 Jahre alte Linde. Laut Internet sorgen Linden dafür, dass sie mit ihrem Geruch noch Hummeln anziehen, obwohl sie bereits keinen Nektar mehr in ihren Blüten tragen. Hummeln können sich daher nicht mehr ernähren, und weil sie zum Fliegen einen enormen Aufwand betreiben und somit mehr Energie verbrauchen, als sie aufnehmen können, fallen im Juli sehr viele Hummeln um Lindenbäume herum zu Boden, weil sie nicht mehr fliegen können, wo sie dann verenden. Man kann ihnen helfen, indem man ihnen Zuckerwasser zu trinken gibt. Wenn die Hummeln sofort ihre Rüssel nach dem Wasser ausstrecken, waren sie nur erschöpft und werden nach der Stärkung wieder fliegen können. Bis zur nächsten Linde zumindest. Ein paar von denen konnte ich helfen. Aber die Hummelwelt konnte ich jetzt damit nicht retten. Ich packte dann den ganzen Tag. Ich schloss meine Maschinen weg, und duschte mich draußen mit lauwarmem Wasser bei kühlem und starkem Wind. Leider werde ich meinen Rasenmäher nicht richtig sicher verstauen können. Ich verlasse mich auf meinen Schwager, der im August das Haus winterfest macht, dass er die Maschine einigermaßen verstecken und mit der Kette des Bootes verbinden kann. Im Mai funktionierte das einigermaßen gut, aber da waren wir nur 5 Wochen weg. Leider bekomme ich die Scheune nicht richtig verschlossen. Dafür hätte ich noch einmal in die Stadt fahren müssen, um drei weitere Schiebeschlösser zu kaufen. Aber auch das wird nicht wirklich helfen, wenn jemand wirklich einbrechen will, dann wird er einbrechen können. Nun denn, ich werde mich an diese Unsicherheit gewöhnen müssen. Vielleicht sind meine Gefühle für den Rasenmäher einfach zu stark. Wegen der Kreissäge mache ich mir keine Gedanken. Auch nicht um den Bohrer, den Rasentrimmer, die vielen Schrauben, den Bohrer, die Schleifmaschine. Sogar um den Pizzaofen mache ich mir keine Gedanken. Aber schon um diesen Rasenmäher. Er hat mir hier wirklich geholfen.
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[Do, 23.7.2026 – Wildkamera, Reisen generell, Familien-Instrumentarium]
In die Stadt gefahren, um nach den Wildkameras zu suchen, die ich hier installieren wollte. Meine Unternehmung blieb allerdings erfolglos. Es gibt ein Geschäft, etwa anderthalb Stunden von hier entfernt, in südlicher Richtung, da will ich aber nicht hin, das sind nämlich anderthalb Stunden in Richtung Berlin, das würde sich wie ein vorgeglühters Urlaubsende anfühlen. Ich werde den Ort am Samstag durchfahren, wenn ich mich tatsächlich auf dem Weg nach Berlin befinde, ich werde winken, vielleicht kehre ich dann nächstes Jahr im Mai ein, auf der nächsten Schwedenreise, da hatte ich dann neun Monate Zeit, mir Gedanken über das richtige Kameramodell und die richtige Batterie und das richtige Solarpanel zu machen. Ach, neun Monate. Das ist schon eine lange Zeit. Eventuell überlegen wir, im Oktober oder November noch einmal zu kommen. Ohne die Hündin aber, dann können wir fliegen. Der Flughafen ist ja wirklich nicht weit entfernt, nur etwa 40 Minuten mit dem Auto, man könnte sich ein Auto mieten, für ein langes Wochenende. Andererseits verreise ich so gerne mit der Hündin, und ohne Hündin macht es hier auch nur so mittelmäßig Spaß, bzw. natürlich macht es auch ohne sie Spaß, aber ohne Hündin würde ich ständig denken, was sie gerade macht und dass sie es hier doch immer so gerne mag, sie hat hier ja wirklich die Zeit ihres Lebens. Natürlich ist es ihr prinzipiell egal, wo sie ist, solange sie von ihrem Rudel umgeben, aber hier hat sie schon noch einmal eine ganz andere Bindung zu ihrer Umgebung, als wenn sie in Berlin ist, wo sie vornehmlich unter meinem Schreibtisch liegt. Hier liegt sie nämlich an einer strategischen Ecke vor dem Haus in der Sonne und behält den ganzen Laden im Blick. Eine nicht zu unterschätzende Lebensaufgabe. Und sonst so. Ich baue meine Sache ab. Meine Frau wird noch eine Woche länger bleiben, die Scheune will ich aber vorher zugeschlossen bekommen. Auch das Boot muss ich noch aus dem Wasser ziehen und die Dusche muss vielleicht abgebaut werden, sie wird die Winterstürme nämlich nicht überleben. Am Abend kochen wir Wokgemüse. Meine kleine Schwester befindet sich aber kurz vor einer akuten manischen Phase und meine ganze Familie ist in Aufregung und sehr besorgt. Am Abend führe ich viele Gespräche. Mehrmals mit meinem Vater. Auch mit meiner Mutter, die sich in einer Krisensituation befindet. Sie haben kein Instrumentarium, wie sie mit solchen Situationen umzugehen haben. Ich telefoniere mit meiner Schwester, aber mit Menschen in einer manischen Phase zu reden, ist nie zielführend, es wird in den nächsten Tagen wahrscheinlich wieder böse enden. Während der Gespräche, die sich den ganzen Abend zogen, kippte ich eine Flasche Cidre und sicherlich 5 Biere in mich hinein. Ich saß die ganze Zeit draußen mit dem Telefon am Ohr. Nach Sonnenuntergang kommen kleine Mücken, sie werden hier Knotsen genannt. Sie stechen mich nicht, ich weiß aber, dass sie meinen Schwager stechen, dennoch nerven sie. Vor allem, wenn ich telefoniere. sie schwärmen ständig vor meinem Gesicht, vor meiner Nase, man will sich deswegen durchgehend kratzen und alles von sich wischen.
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[Mi, 22.7.2026 – Werkzeuge, Ikea, tausend Pläne noch]
Das Nationalschießen ist glücklicherweise wieder vorbei und ich kann langsam Vorfreude für das erste Heimspiel am 15. August aufkommen lassen, gegen den soeben abgestiegenen FC Heidenheim, zur besten Uhrzeit an einem Samstagnachmittag. Hertha ist der einzige Club, der noch keine Neuzugänge zu verzeichnen hat. Ich versuche, es mit Gelassenheit zu nehmen, weil es beim Fußball immer so ist: Ich habe keinen Einfluss. Am Samstag feiern wir den 134. Geburtstag unseres Fußballvereins auf dem Arkonaplatz. Ich werde am Samstagabend in Berlin ankommen, aber da wird es mir an Energie fehlen, um noch an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Es ist ein von Fans organisiertes Picknick, von meinem Fanclub vor einigen Jahren initiiert, weil Hertha am 25.7.1982 auf einer Parkbank am Arkonaplatz gegründet wurde. Dann war ich gestern beim Cousin meiner Frau. Ich schreibe seit Jahren, dass er zwei Kilometer flussaufwärts wohnt, aber weil ich mittlerweile an dieser Aussage zweifelte, korrigierte ich mich letzte Woche und legte den Abstand auf einen Kilometer fest. Gestern ließ ich eine GPS-gestützte Aufzeichnung mitlaufen und jetzt weiß ich es genauer: Es sind 510 Meter. Fünfhundertzehn Meter klingen wirklich etwas mickrig. Das ist weniger weit, als von meiner Wohnungstür zur U-Bahn. Wenn ich mich hier im Wald befinde, denke ich gerne in nahezu endlosen Parametern. Er zeigte mir die Maschinen, die ich mir nächstes Jahr von ihm ausleihen kann. Am wichtigsten ist dabei wohl die Maschine, mit der man Jungbäume und dichten Bewuchs entfernen kann. Ein Gerät, das auf den ersten Blick wie ein tragbarer Rasentrimmer aussieht, der an der Unterseite jedoch kein Drahtseil führt, sondern ein Sägeblatt wie eine Kreissäge. Ich ahne, dass das eine beeindruckende Maschine ist. Bereits der Förster hatte mir angeboten, mit solch einer Maschine unseren etwas verwilderten Wald auszuputzen. Er sagte mir, das seien gefährliche Maschinen, für die man eine Zertifizierung bräuchte. Das stimmt so aber nicht. Er hätte vermutlich gerne den Auftrag. So etwas mache ich aber wirklich selbst gerne. Ich wusste bisher nicht, wie gerne ich um das Haus herum arbeite. Lange verstand ich nicht, was ich eigentlich an den Dingen hier mag, ganz sicher weiß ich, dass ich nicht gerne die alten Fensterrahmen schleife, um sie nachher zu lackieren. Auch mag ich es nicht, wenn wir das Haus rot überstreichen müssen (alle fünf Jahre), aber etwas bauen, Schlösser an der Scheune anbringen, Holz aufbauen, um die Tore besser schließen zu können, das Gras mähen, Holz hacken, junge Espen entfernen, die toten Äste von den Birken abnehmen, Bäume zersägen, den persischen Flieder von den Wucherungen befreien, das Unkraut aus den Rosen entnehmen. Sowas könnte ich die ganze Zeit machen. Es kann gut sein, dass in mir ein kleiner Kobold schlummert, der Hausmeister sein möchte. Waldhausmeister. Waldmeister. Heute fuhren meine Frau und ich nach Göteborg zu Ikea. Schwedische Ikeas zu besuchen, ist theoretisch lustig, aber nur, wenn man das Nicht-Schweden sagt. Das erste Mal war ich letztes oder vorletztes Jahr da. Beeindruckt hatten mich vor allem die ikonischen Schriftzüge INGÅNG und UTGÅNG, weil das auf deutschen Ikeas ja auch immer so prominent als EINGANG und AUSGANG vom Dach prangt. Die Namen der Möbel sind aber auf (öhm) schwedisch. Mit dem Kauf der Wildkamera komme ich nicht richtig voran. Das ist mir aber zu kompliziert (und zu langweilig), es aufzuschreiben, dafür habe ich noch eine Liste an Dingen, die ich abarbeiten wollte, dazu gehört es auch, die Scheune einigermaßen einbruchssicher, oder zumindest einbruchshemmend herzurichten. Es stehen dort das Boot, zwei Gasflaschen und der Rasenmäher, neben vielen Kleingeräten und zahllosen Schrauben. Einige wertvolle Maschinen wie die Kreissäge, Akkubohrer, Rasentrimmer etc, können im Haus überwintern, aber der Rasenmäher passt da irgendwie nicht hin. Benzin und so. Es kommt mir wesensfremd vor. Für die Sicherheit habe ich verschiedene große Schiebeschlösser gekauft, die ich von innen montiere. Auch das ist alles schwierig und langweilig zu erklären. Da die Scheune aber nicht mehr in allzu gutem Zustand ist, muss ich die Tore und Türen an einigen Stellen mit Holz aufbauen, und während ich so sägte, schraubte und nagelte, fiel mir auf, wie viel Potenzial diese Scheune eigentlich hat. Das Gerüst wirkt noch sehr stabil, nur die Böden sind etwas morsch bzw. nicht mehr sonderlich stabil. An einigen Stellen sind die Böden sogar eingestürzt, aber wenn man diese neu verlegen würde und die Räume von innen isolieren und verkleiden würde, dann könnte man tolle Räume entstehen lassen, unter anderem ein schönes Arbeitszimmer für mich, auf dem Dachgeschoss über der Holzhütte, ich sehe dort schon eine Treppe hinauf, und man müsste oben nur noch ein Fenster bauen, von da aus könnte ich von meinem Schreibtisch aus auf den Fluss und in die Abendsonne schauen. So hatte ich heute tausend Ideen, 20 davon fing ich an und keine davon brachte ich zu Ende.
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[Mo, 20.7.2026 – Holzhacken, Kette, Whisky]
Während die anderen heute in die Stadt fuhren, blieb ich mit dem Schwiegervater beim Häuschen und hackte Holz. Ich habe vergessen, wie anstrengend es ist, Holz zu hacken. Im Winter denkt man gerne daran, dass man im Sommer schwitzend und mit nacktem (gestählten) Oberkörper Holzstämme verkleinert, in Wirklichkeit hievt man allerdings ständig schwere Gegenstände herum und die Holzklötze bleiben nie da stehen, wo man sie haben will. Bücken, aufstellen, neu positionieren, mit Hilfsmitteln hantieren, um die Axt wieder aus dem Holz zu bekommen, oder sie noch tiefer ins Holz zu manövrieren. Ziemlich bald verlangsamten sich meine Bewegungen. Ich zog das über mehrere Stunden durch, während ich mich kontinuierlich verlangsamte, bis ich feststellte, dass mein Körper schlichtweg keine Kraft mehr hatte. Ich kam nie wirklich ins Schwitzen, es ist kein Cardio-Training, keine repetitive, Muskelaufbau-fördernde Bewegung, es ist eher ein super anstrengendes allumfassendes wasweissich. Mir fehlt das Vokabular dafür. Teile der Stämme wollte ich zudem mit der neuen Motorsäge zerkleinern. Die Motorsäge bekam ich ja erst vorgestern mithilfe des Cousins meiner Frau zusammengebaut. Als ich heute versuchte, einen Baumstamm zu zersägen, misslang mir das erstaunlicherweise. Das Schwert der Säge kam kaum im Holz voran. Danach stellte ich fest, dass ich die Kette falschrum montiert hatte. Heute sah ich auf der großen Wiese hinterm Haus ein paar größere Stellen von niedergetrampeltem Gras. Ich musste sofort an das Tier denken, das sich vorletzte Nacht um das Haus geschlichen hat. Meine Frau sagt, das sei die Hündin gewesen, ich bin aber überzeugt davon, dass es ein wildes Tier war. Wir werden es nicht herausfinden. Gestern Abend recherchierte ich noch lange über Wölfe und ich fand heraus, dass wir unweit eines Korridors wohnen, in dem Wölfe von Norden nach Süden ziehen. Der bekannte Korridor befindet sich etwa 20 Kilometer von uns entfernt. Andererseits: Who cares. Solange es keine Eisbären sind, ist alles halb so schlimm. Am Abend grillten wir. Ich saß draußen mit dem Schwager, der sich für das Grillgut verantwortlich sah. Ich saß nur ein bisschen in der Sonne mit einem Bier und gab schlaue Kommentare von mir. Er hatte einen schwedischen Whisky mitgebracht, von einer jungen Brennerei namens Agitator, die Whisky unter Vakuum herstellt und in Retroflaschen, die an alte Apothekerbehälter erinnern, abfüllt. Von dem Whisky schenkte er uns ein ordentliches Glas ein und dann noch ein ordentlicheres kurz danach. Das Getränk nahm ziemlich schnell ziemlich viel Platz in meinem Kopf ein.
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[So, 19.7.2026 – Tapeten, Temperaturen, Tiere]
Wir tapezierten die letzten Meter, die vom Mai übrig geblieben waren, zu Ende. Tapezieren ist eine Tätigkeit, die ich wirklich nicht mehr machen will. Nun hat meine Frau den Wunsch geäußert, auch das obere Zimmer im Gästehaus zu tapezieren. Jetzt ,wo wir es so gut können, sagte sie. Ich weiß noch nicht, wie ich diesem liebevoll formulierten Wunsch begegnen soll. Die Temperatur kühlte am Samstag auf angenehme 22 Grad herunter. Ein paar Mal regnete es. Dieser Sommerregen. Ich spielte mit der Hündin draußen im Regen. Es kam aber auch wieder die Sonne. Am Samstagabend saßen wir wieder in der Sonne, anstatt im Schatten. Die Westseite des Hauses ist ein wirklich schöner Ort, bei dem man auf einem kleinen Wiesenstreifen zwischen Wald und Häuschen sitzen kann und der sinkenden Sonne hinterherschaut. Das ist die Seite, auf der weiter unten am Waldhang auch meine neue Bank steht. Dort saßen wir auch fast jeden Abend, um ein wenig zu quatschen. Die Hündin mag die Stelle allerdings nicht. Ich vermute, dass es an den Ameisen liegt. Nachdem ich mich wunderte, wie schnell sie wieder zurück zum Haus lief, sah ich, dass im Boden tausende von Ameisen wimmelten. Das war jeden Abend so. Wir saßen auf der frisch lasierten Bank, da ließen uns die Insekten natürlich in Ruhe, aber als Hund kriechen sie dir in die Schnauze und die Ohren. In der Nacht schlich sich für längere Zeit ein größeres Tier ums Haus herum. Die Hündin regte sich ständig darüber auf. Ich hörte es ein paar Mal leicht poltern und einmal stolperte es über die liegende Regenrinne. Natürlich stand ich auf. Ich hätte es cool gefunden, wenn es ein Elch gewesen wäre. Der hätte fast bei den Fenstern oben in den Schlafzimmern reinschauen können. Nah, vielleicht ist das übertrieben. Jedenfalls sah ich keinen Elch. Vielleicht nur ein Marder oder ein Wildschwein. Luchse sind nicht so tollpatschig. Für Bären ist die Gegend glücklicherweise zu südlich. Auch für den Vielfraß. Der Vielfraß ist ein Scheißtier, wie ich seit Kurzem weiß. Die greifen auch Hunde an. Heute kam der Förster vorbei. Normalerweise kommt er vorbei, um nach den Bienenstöcken zu schauen, die er bei uns aufgestellt hat. Und er hält immer gerne ein Pläuschchen. Heute kam er aber nur für die Fische. Er hatte gerade einen Hecht aus dem Wasser gezogen. Hechte mag er aber nicht, er mag nur die anderen. Dabei nannte er einen schwedischen Namen, den ich mir zu merken vergaß. Den Hecht warf er wieder zurück ins Wasser. Er erzählte uns von einigen Wölfen, die etwa 50 Kilometer südlich von uns Schafe reißen. Schon seit mehreren Monaten. Und man dürfe sie nicht jagen. Er beneidete die Samen in Lappland. Die hätten unlängst per Gesetz die Erlaubnis bekommen, prinzipiell alles jagen zu dürfen, was sich bewegt. Menschen ausgenommen natürlich. Ich bin kein Freund von Wölfen. Aber wenn nicht in Schweden, wo dann? In Finnland vielleicht. Und Russland. Bei näherer Betrachtung braucht Schweden keine Wölfe. Die können auch nach Russland. Am späten Nachmittag kamen dann meine Schwiegereltern und mein Schwager. Wir hatten das Haus aufgeräumt und Essen vorbereitet. Mittlerweile ist die Temperatur noch einmal eingebrochen. Heute hatten wir 13 Grad. Von 31 auf 13 innerhalb von zwei Tagen. Aber: Ich werde jetzt wesentlich erholsamer schlafen. Dafür machten wir ein Feuerchen im Kamin und saßen davor. Die Hündin legte sich vor uns auf den Boden. Man hätte ein Foto machen und es einem Tourismusbüro schicken sollen. Aber die machen solche Fotos heute sicherlich mit KI.
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[Fr, 17.7.2026 – Sysbolla, Wasser wieder, Maschinen]
Mit dem jungen Verkäufer des lokalen Alkoholladens bin ich jetzt per Du. Ich bin fast jeden zweiten Tag da. Weil wir immer ein bisschen planlos einkaufen und immer etwas dazwischenkommt. In Schweden kann man Alkohol ja nur in diesen staatlich kontrollierten Spezialläden namens Systembolaget kaufen, oder wie meine Frau sie nennt: Sysbolla. Die Sysbollas geben sich als Fachgeschäfte aus. Betritt man einen der Läden, wird man nicht selten von Verkäuferinnen angesprochen, die ihre Hilfe bei der Wahl der Getränke anbieten, und überall stehen Schilder, die einen auffordern, das Personal anzusprechen. Es wundert mich, dass es noch keine Umkleidekabinen gibt, in denen man hinter zugezogenen Gardinen kleine Probefläschchen zu sich nehmen kann. Neulich sprach mich auch dieser junge Mann an, ein großer Schwede mit zusammengebundenen Haaren. Er kam gerade mit einem Karton aus dem Magazin und fragte mich, ob ich Beratung bräuchte. Dabei sagte ich, wie immer "Nej tack!", weil ich beim Kauf von Alkohol wirklich keine Beratung brauchte. Kurz darauf sah ich allerdings, dass der französische Bio-Cidre immer noch ausverkauft ist, das ist er seit nunmehr fast zwei Wochen, und daher bat ich ihn kurz um Auskunft. Er wunderte sich ein wenig. Er meinte, er hätte erst heute noch die entsprechenden Flaschen gesehen, und so verschwand er für einige Augenblicke in seinem Magazin. Zurück kam er schließlich mit einem ganzen Karton dieses französischen Bio-Cidres. Er sagte, sie seien falsch gelabelt gewesen und deswegen seit Wochen nicht ins Fach nachgefüllt worden. Er bedankte sich für meine Aufmerksamkeit. Weil wir ohnehin gerade einen Gesprächskanal zueinander geöffnet hatten, wollte ich von ihm wissen, warum sie von der Göteborger Stigberget Brauerei lediglich die immer gleichen 4 Sorten im Angebot haben. Schon seit Jahren. Auf der Stigberget Webseite findet man nämlich 30 oder mehr weitere Bierstile. Er entschuldigte sich dafür, und sagte, dass das schlicht am Publikum hier in der Provinz läge. Die Filialen in Göteborg oder Stockholm seien da natürlich wesentlich besser ausgestattet. Er könnte für mich aber alles von Stigberget bestellen, dann würde es kostenlos hierher in die Filiale geliefert werden. Er öffnete die Sysbolla-Webseite auf seinem Diensttelefon und wir scrollten durch das immense Getränkeangebot. Ich interessierte mich vor allem für die Pilsner-Varianten und die Session-Pale-Ales. Außerdem wollte ich deren alkoholfreies probieren. Wir waren dabei nur mittelmäßig erfolgreich. Zwar fanden wir zwei Pilsner von Stigberget und ein Helles, das Session-Bier gab es aber nicht und das alkoholfreie auch nicht. Das war ihm merklich unangenehm. Er versuchte mir umständlich zu erklären, dass das Session-Bier eventuell aufgrund einer lokalen Bevorzugung nicht verfügbar sei. Stigberget käme ja aus Göteborg und die lokalen Sysbollas versuchen manchmal, lokale Brauereien zu promoten. In diesem Fall eine Brauerei, deren Namen mir wieder entfallen ist. Ich sagte: Ja, die kenne ich, aber die sind mir zu unelegant gehopft. Viel zu hart. Er drehte sich zu mir um, öffnete seine Augen und sagte: Yessss! The hops is not elegant! Die Bezeichnung schien ihm sehr gefallen zu haben. Er mochte die Biere dieser lokalen Brauerei auch nicht. Stattdessen schlug er mir vor, das Session Pale Ale von Oppigards zu nehmen, das käme an Stigberget heran, das kannte ich aber schon, und auch wenn ich Oppigards in der Regel wirklich mag, sind mir viele von denen doch nicht gut ausbalanciert. Das New Sweden IPA sei allerdings fantastisch und das Golden Ale auch. Das Session Pale Ale fand ich aber zu malzig. Er nickte. Er könne das nachvollziehen, er fände die Malzigkeit aber durchaus gelungen. Ich sagte, das sei auch nur meine ganz persönliche Präferenz, es sage wenig über die Qualität des Bieres aus, die bei Oppigards ja durchaus gegeben sei. Undsoweiter. Mit diesem Gespräch war die Grundlage für unsere ewige Freundschaft gelegt. Wir sind jetzt per Du. Zwar sind alle Schweden miteinander per Du, aber wenn ich den Laden betrete, winkt er mir schon von Weitem zu. Gelegentlich fachsimpeln wir. Meistens blinzeln wir uns aber nur in Geheimsprache zu. So von Kenner zu Kenner. # Die letzten beiden Tage war es sehr warm bei 31 Grad. In der Sonne ließ es sich bereits nicht mehr aushalten. Dafür war das Flusswasser angenehm temperiert. Wir gingen jeden Tag darin schwimmen. Eigentlich hasse ich es, ins Wasser zu gehen. Wenn ich aber im Wasser bin, will ich es nicht mehr verlassen. Das geht jeden Tag so. Jeden Tag, wenn ich an der Holztreppe zum Fluss stehe und nicht hinein will (während Frau und Hündin bereits im Wasser planschen), denke ich, dass ich heute wirklich nicht ins Wasser muss, dass ich mich wirklich gerade wohlfühle, keine Abkühlung brauche und überhaupt brrrr ist ja ohnehin zu kalt. Mittlerweile habe ich natürlich gelernt, dass ich nachher nicht mehr aus dem Wasser heraus will, weil es so schön ist, ich kenne dieses Gefühl, und ich weiß auch, dass ich mich nach dem Reinspringen ärgere, dass ich mich immer so lange dagegen wehre, weil es danach im Wasser immer so schön ist, aber nicht heute, heute brauche ich es nicht, wie jeden Tag, ich brauche es nie, wirklich nie, ich kann auch draussen sitzen bleiben und den beiden zusehen. Dann stecke ich eine Zehenspitze ins Wasser, fünf Minuten später bin ich schon mit dem Knie drin. Die schwierige Phase beginnt dann mit dem Penis (sehr viel Peniskontent in letzter Zeit), und irgendwann bin ich dann mit Bauch und Brust im Wasser, bei denen mir immer das Gehirn einzufrieren scheint. Nachdem eine halbe Stunde vergangen ist, schwimme ich plötzlich und denke mir, warum ich mich immer so anstelle und so viel Zeit verliere, im Wasser schwimmen ist schließlich die beste Sache der Welt und ich möchte das jeden Tag machen und überhaupt, ich will gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. So ist das. Morgen stürzt die Temperatur auf angenehme 20 Grad und übermorgen auf 13. Ich weiß nicht, wie man bei 13 Grad ins Wasser geht. Am Abend kamen der Cousin meiner Frau und seine Frau zu Besuch. Wir hatten sie zum Abendessen eingeladen. Sie wohnen etwa einen Kilometer flussaufwärts und wir treffen sie mittlerweile regelmäßig, dabei sind wir sehr froh, dass sich ein so guter Kontakt zueinander entwickelt hat. Der Cousin war in jungen Jahren Punkmusiker und gleichzeitig kennt er sich mit Waldarbeit aus und mit all den Dingen, die mich hier beschäftigen. Er schlug vor, dass ich nächste Woche bei ihm vorbeikomme, und er zeigt mir ein paar seiner Maschinen, allen voran ein Werkzeug, mit dem man großflächig Jungbäume niedersensen kann. Er weiß, dass das eine meiner Hauptbeschäftigungen ist, vor allem im Frühjahr, wenn überall kleine Espenstämme spießen, aber auch, um Teile des Waldes begehbar zu machen, zB dort, wo ich meine Bank hingestellt habe. Er half mir auch mit meinem Kettensägenproblem. Ich schaffte es ja nicht, das Schwert samt Kette auf den Motor aufzusatteln. Jetzt wissen wir: Man braucht nur mehr Kraft. Am besten vier Hände. Jetzt kann ich sägen. Eigentlich wollten wir draußen sitzen, noch bevor wir das Essen aufstischten, begann es aber zu donnern und schließlich zu nieseln. Wir setzten uns rein und ich weiß jetzt schon, dass der Samstag ein ziemlich verkaterter Tag sein wird.
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[Mi, 15.7.2026 – Waschen]
Als ich bereits im Bett lag, überkam mich das Bedürfnis nach einer Dusche. Mir war warm. Die Dusche steht zehn Meter von dem Haus entfernt, das Wasser im Schlauch würde aber nicht mehr warm sein, da der Schlauch sicherlich schon einige Stunden im Schatten gelegen hatte. Ich fühlte mich aber überaus unwohl, das bisschen kaltes Wasser würde mich schon nicht erschrecken. Allerdings vergesse ich hier im schwedischen Wald immer wieder, was für ein Warmduscher ich in Wirklichkeit bin. Als ich das Wasser anmachte, hörte mich meine Frau, die im Haus oben im Schlafzimmer lag, schreien. Deswegen schaltete ich das Wasser auch sofort wieder aus. Dann ging ich in die Küche und füllte einen Eimer mit heißem Wasser. Ich möchte wirklich wissen, wie sich die Menschen in diesem Haus vor hundert Jahren wuschen. Es gibt hier nämlich kein fließendes Wasser. Erst seit einigen Jahrzehnten ist der Brunnen unten am Fluss mit dem Waschbecken in der Küche verbunden. Das war einmal ein kleiner Bauernhof für arme Leute. Ein sogenanntes Soldat Torp. Es wurde von Soldaten bewohnt, die in Friedenszeiten Kleinbauern waren, während in Kriegszeiten die Frau den Hof alleine bewirtschaftete. Kam der Bauer aus dem Krieg nicht zurück, musste die Witwe Platz für den nächsten Soldaten machen. Manchmal heiratete die Witwe den neuen Soldaten. Meist verarmten die Witwen aber. Vermutlich wuschen sie sich in Badewannen. Einmal die Woche. Wie meine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte. Dass zuerst der Vater in die Wanne stieg, dann die Mutter und sich dann einmal die ganze Hierarchie herunterwusch, bis sie als jüngste Tochter zum Schluss in einer Dreckbrühe am Zug war. Wir haben letztes Jahr aber eine Außendusche gebaut. Eine kleine Holzplattform auf Betonfüßen, an der wir im Sommer vier Schotten aus Leichtholz dran festmachen. Das warme Wasser kommt von einem 40 Meter langen Schlauch, der den ganzen Tag in der Sonne liegt. Der Schlauch ist nämlich nur an das kalte Brunnenwasser angebunden. In Zukunft werde ich den Schlauch an die Regentonne anbinden, um Brunnenwasser zu sparen, aber die Regentonne habe ich noch nicht so funktional eingesetzt bekommen, wie ich mir das wünsche. Alternativ kann ich Wasser aus dem Fluss hochpumpen. Dafür kaufte ich letztes Jahr eine Pumpe, die 14 Höhenmeter überwinden kann. Aber um das alles einigermaßen praktikabel betreiben zu können, muss ich mehr ausprobieren und mir noch einige Gedanken dazu machen. Bisher wuschen wir uns im Fluss. Oder an einem kleinen Waschbecken. Ey, aber wir haben hier 1Gb Glasfaser mitten im Wald.
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[Di, 14.7.2026 – Sack, komplexitätslose Probleme, wenig Lektüre]
Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich das Geschehene einigermaßen in einer künstlerischen Form auf Papier bringen kann, deswegen am besten einfach direkt: In meinem Hodensack hat sich eine Zecke festgebissen. Ich fand es ja immer schon seltsam, dass sich Zecken vorzugsweise auf dem Bauch oder dem Rücken festsetzen, während es sich doch wesentlich geräuschloser dem Zeckenbusiness nachgehen lässt, wenn man sich an versteckteren Orten einnistet. z. B. in Achselhöhlen oder im Schamhaar oder eben auf dem Hodensack. Wir checken uns jeden Abend vor dem Schlafengehen wegen Zecken ab. Wie präzise ich dabei den Hodensack untersucht hätte, lässt sich schwer sagen. Ich entdeckte das Spinnentier heute auch nur zufällig, weil ich von der Außendusche kam und mich vor dem Haus beim Trocknen in der Morgensonne die Eier kraulte. Die Kettensäge habe ich übrigens immer noch nicht in Betrieb genommen. Sie wurde in zwei Teilen geliefert und muss noch zusammengebaut werden. Ich verstehe nicht, wie ich das Schwer samt Kette auf den Motor anbringen muss. Die Anleitung ist sehr präzise, sie lässt jedoch genau diesen einen Schritt aus. Auch die KI ist dabei keine Hilfe. Deswegen legte ich die Maschine vor einigen Tagen beiseite, um das Problem auf später zu verlagern. Die Probleme, die ich hier habe, sind sonst alle schön zweidimensional, die sich mit Tatkraft aber sonst unkompliziert lösen lassen: ein umgefallener Baum, ein schwerer Gegenstand, dichtes Gras, ein verirrter Schmetterling, fehlendes Brot, fehlendes Bier. Mein Leben würde ich gerne auf dieser Komplexitätsebene belassen. Heute ging es mir nicht besonders gut. Letzte Nacht schlief ich schlecht. Ich war den ganzen Tag müde und kraftlos. Irgendwas hat mich heimgesucht. Wir haben hier 30 Grad, während es in Berlin angenehme 24 sind. Der Norden ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Zugegebenermaßen sind die 30 hier wesentlich erträglicher als in Berlin. Außerdem kühlt es nachts immer gut ab. Noch. Dafür saß ich den ganzen Tag im Schatten vorm Haus und las. Ich habe nur drei Bücher mitgenommen. Wenn ich mit Knausgård durch bin, dann bleiben nur noch zwei dünne Bücher übrig. Die Traumnovelle von Schnitzler und von Schirachs Regen. Die lese ich vermutlich in einem Rutsch durch.
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[Mo, 13.7.2026 – Insignien, Werkzeug]
Wir gehen hier ja mit den letzten Sonnenstrahlen ins Bett. Gestern schien sogar noch lange die Sonne ins Zimmer herein, während meine Augen mir zufielen. Unsere Freunde fuhren heute wieder zurück in den Süden. Die Hündin schien sich den ganzen Tag zu fragen, wo die ganze Action plötzlich hin ist. Keine wilden Jungs mehr, die ständig Bälle werfen und sich jagen lassen. Die Hündin hat uns beim Schwimmen übrigens zerkratzt. Gestern liefen wir alle mit ihren Insignien (drei rote Striche, der mittlere Strich länger) durch die Gegend. Sie wollte uns ja nur immer retten. Die gute Absicht stimmt uns milde. Am Nachmittag fuhren wir in die Stadt, um ein paar Erledigungen zu machen. Kissenbezüge und Schrauben. Als wir wieder zurück waren, wollte ich den leckenden Schlauch reparieren und musste feststellen, dass mir ein Anschlussstück fehlte. So geht es hier eigentlich die ganze Zeit. Es fehlt eine Kleinigkeit, dann müssen wir in die Stadt. Das ist bei Werkzeug so, aber auch beim Essen. Die Stadt ist nicht gerade um die Ecke, sondern etwa 30 Autominuten entfernt. Ich weiß nicht, wie andere das machen. Vermutlich planen sie die Stadtbesuche sorgfältiger. Berlinbewohner wie wir sind es schlichtweg nicht gewohnt, etwas nicht sofort zur Verfügung zu haben. Zurück im Wald spielten wir Memory. Ja genau. Ich verlor.
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[So, 12.7.2026 – Wasser, Essen]
Wir waren alle ausgiebig im Fluss baden. Dabei hatten wir ungemeinen Spaß und die Kinder fragten, warum wir das nicht schon früher getan hatten. Nun. Hatten wir eigentlich ja, aber der Spaß war vorher weniger gewesen. Warum der Spaß damals weniger war, blieb jedoch ungelöst. Auch die Hündin kam heute mit. Sie kann mittlerweile schwimmen, sie ist dabei aber sehr aufgeregt, und bei der Tiefe des Flusses habe ich Angst, dass sie sich verausgabt und etwas passiert. Ja, auch ich habe das Recht, mal besorgt zu sein. Für unsere Kajakfahrten kaufte ich ihr im Winter eine Schwimmweste. Auch wenn Hunde schwimmen können, empfiehlt es sich, sie mit einer Schwimmweste auszustatten. Wenn es auf dem Wasser nämlich zu Unfällen kommt, dann geht das nämlich immer mit Stresssituationen einher und eine Weste verhindert Übermüdung bei Stresssituationen. Weil ich das Kajak in Berlin lassen musste, aber die Schwimmweste dabei hatte, zog ich sie ihr an, und so sprang sie mit in den Fluss. Anfangs war sie aufgeregt, nachdem sie aber zu merken schien, wie sie mit der Weste trieb, beruhigte sie sich und watete vor sich hin. Sie tat das Gleiche, wie auch zu Land. Sie watete von Mensch zu Mensch, um zu sehen, ob auch alle beisammenblieben. Was nicht ganz einfach war, weil die beiden Kinder ständig das Wasser verließen und vom Ufer her als Arschbomben in das Wasser sprangen. Den Rest des Nachmittages saßen meine Frau und ich oben im Schatten des Hauses auf den Bänken und lasen. Die Freunde fuhren ins Dorf und die Kinder lagen im Gästehaus. Das Wasser hatte uns cremig gemacht. Übrigens schrieb ich auffallend wenig über das Essen. Heute aßen wir Risotto mit einer selbstgemachten Brühe aus Garnelenabfall. Neulich aßen wir nämlich Garnelen als Snack. Die Freundin aus Südtirol wollte die Schalen nicht einfach so wegwerfen, sondern kochte den ganzen Abfall einfach zu Brühe ein. Eine wirklich hervorragende Idee. Heute verwendete sie diese Brühe für Risotto mit Muscheln und Meerestieren. Was aßen wir sonst noch? Pizza aus unserem Pizzaofen natürlich. Leider hatten wir den Teig diesmal nicht im Griff. Fotos poste ich deswegen keine. Einmal gab es Pasta al limone, gestern machte meine Frau kaltgekochten Lachs, am ersten Tag bereitete ich Pesto zu und einmal grillten wir. Meinen in Wien sozialisierten Freunden wollte ich eine Freude bereiten, indem ich schwedische Käsekrainer, also sogenannte Eitrige, auf die Liste setzte. In meiner Sozialisation gehören Eitrige nämlich zum Wiener Kulturgut, wo man schon morgens eine Eitrige mit einem Gschissenen zu Bier bestellen kann. Diese Gastgeberfreude wurde aber nur mittelmäßig geteilt.
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[Sa, 11.7.2026 – Vänern, Vättern, Habo]
Ich lese gerade den dritten Teil von Knausgårds autobiografischen Texten. Mein Freund fragte mich, wie ich Knausgård eigentlich fände. Ich gab in diesem Zuge zu, dass ich Knausgaard nur aus dem Grund angefangen hatte zu lesen, um ihn nicht zu mögen. Ich wollte einfach ein paar gute Argumente haben, warum ich ihn nicht mochte. Er sah zu gut aus, er arbeitete offenbar mit einer radikalen Subjektivität und Schonungslosigkeit sein eigenes Leben auf. Natürlich musste ich da nur neidisch sein, ich würde schon etwas finden, das ich nicht mögen würde. Nun, es kam dann wirklich anders. Jetzt sitze ich beim dritten Band. Das sagte ich meinem Freund so ähnlich. Jetzt habe ich die Holzbank fertiggestellt. Ich brachte sie in das Wäldchen unter dem Haus. Dort wird sie jetzt stehen. Heute fuhren wir zum Vätternsee. Eigentlich wollte mein Freund zum Vänernsee. Weil das der größte See der EU ist und er wissen wollte, wie es ist, wenn man das andere Ufer nicht sieht. Stattdessen fuhren wir zum Vättern. Man kann auch dort das andere Ufer nicht mehr sehen und der Vättern liegt etwas näher bei uns. Auch bot es sich an, die Holzkirche von Habo zu besichtigen. Diese Kirche hatte ich vor einigen Jahren einmal besucht, wie ich aber soeben feststellte, schrieb ich nichts darüber. Eventuell fiel der Besuch der Kirche in die Zeit zwischen 2019 und 2021, in der ich solche Banalitäten nicht zu Papier brachte. Weil ich mich nicht wiederholen wollte, schoss ich heute auch kaum Fotos vom Inneren der Kirche. Sie ist wirklich sehr beeindruckend. Dabei ist es schwer zu beschreiben, warum. Sie ist von innen lückenlos auf jedem Zentimeter bemalt. Das klingt in der Beschreibung eher unspektakulär, entfaltet aber eine ungemeine Wirkung, wenn man das Gebäude betritt. Das Wasser des Vättern war dann eher frisch. Meine Frau und unsere Freunde gingen zum Strand, während ich mit der Hündin durch den Wald spazierte. Am offiziellen Sandstrand des Ortes, den wir angefahren hatten, waren nämlich keine Hunde erlaubt. In Schweden gilt aber das Allemansrätt, was vereinfacht gesagt bedeutet, dass man machen kann, was man will, wenn man nur weit genug von anderen Menschen entfernt ist. Dann erreichte ich einen kleinen Sandstrand, auf dem ich mehrere Hunde erspähte. Ich sprach direkt einen Mann an, zu dem ganz offensichtlich zwei Huskys gehörten, und fragte ihn, wie das hier mit den Hunden gehandhabt würde. Der Mann war sehr freundlich und hatte einen fröhlich vor sich her baumelnden Penis. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Nacktbadestrand war, ich sah auch Menschen mit Badehose, aber auch viele Brüste und mindestens noch einen weiteren Penis. Der Mann sagte mir jedenfalls, dass das mit den Hunden hier nördlich des Ortes vollkommen okay sei. Ich bedankte mich, rief sofort meine Frau an und erzählte ihr, dass wir uns auch alle gemeinsam auf diesem Strand treffen könnten. Sie fand das eine super Idee und wollte die Lage besprechen. Als sie mich danach anrief, war die Lust auf Wasser wieder etwas verflogen. Die Temperatur des Wassers war noch etwas kalt und die Kinder wollten lieber etwas essen. Mir war das auch recht. Zwischendrin machten wir eine kleine Pause in einem Dorf namens Gustav Adolf. Nicht nur wegen des Namens. Aber ein bisschen schon.
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[Do, 9.7.2026 – Fluss, Bärensee, Sonne]
Morgens, wenn ich über die kleine Wiese runter zum Klo laufe, scheint die Sonne hinter der Linde hervor. Ich drehe mich um und lasse mir den Rücken wärmen. Das ist so ein schönes Gefühl. Ich verstehe schon, warum Menschen esoterisch werden. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass der Rasenmäher eine der besten Maschinen ist, die ich bisher besessen habe. Er läuft sogar der Akkukreissäge den Rang ab, für die ich bisher die stärksten Gefühle empfand. Die Rasenmaschine hat genug Wumms, um meterhohes Gras umzusensen. Sogar hinten auf der großen Wiese komme ich ohne große Mühe durch den dichten, wilden Wuchs hindurch. Hinter mir verfolgt mich die Hündin, die sich im frischgemähten Gras wälzt. Morgen oder übermorgen werde ich die Akkukettensäge auspacken und aktivieren. Die Kettensäge hat natürlich das Potenzial, in meiner Gefühlswelt auch den Rasenmäher zu übertrumpfen. Mittlerweile sind auch unsere Meran Freunde angekommen. Die Kids finden es super. Sie schmeißen sich in den Fluss und spielen mit der Hündin. Unser Tier verausgabt sich. Es gab noch nie jemanden, der beim Bällewerfen so viel Ausdauer hatte, wie der zwölfjährige Junge. Gestern legten wir die Treppe in den Fluss und brachten auch das Ruderboot ins Wasser. Wir ruderten dann zu viert bis zum Wasserfall hinauf. Der kleine Sohn wollte ständig vom Boot aus ins Wasser springen, aber er traute sich letztendlich nie. Das Wasser ist dunkel und wir haben ihm erzählt, dass der Fluss sehr tief ist. Das haben wir gesagt, damit er vorsichtig ist. Der Grat zwischen Vorsicht und Angst ist aber immer schmal. Vielleicht haben wir übertrieben. Wir fuhren auch zum Bärensee, der 4km entfernt liegt. Mein Freund wollte sich ihn nur ansehen. Vielleicht würden wir einmal alle gemeinsam dort baden gehen. Der See ist immer etwas wärmer als der Fluss, da der Fluss ja ständig frisches Wasser aus dem Norden nach Südwesten führt. Dann meine Holzbank. Wie neulich berichtet, baute ich zusammen mit dem Sohn meiner Nachbarin in Berlin eine Holzbank, die ich hier am Hang im Wald aufstellen will. Sie muss aber noch lasiert werden. Zwei Lagen. Das macht meine Frau. Sie ist Lasier-Queen. Ich brauche auch noch lange Schrauben, um die einzelnen Bretter zu befestigen. Inzwischen räumte ich das Stückchen Wald aus, in dem ich die Bank stellen will. Das hatte ich zwar vor 5 Wochen bereits getan, aber in dieser kurzen Zeit ist alles wieder nachgewachsen. Sogar Jungbäume. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ich jeden Jungbaum im Umkreis von hundert Quadratkilometern ausgerissen hatte. Nun. Was ist sonst noch passiert? Die ersten beiden Tage waren angenehm kühl. Aber mittlerweile brennt die Sonne nieder. Wir stellen hier mehrmals am Tag die Gartenmöbel um. Die ersten Tage folgten wir immer der Sonne. Mittlerweile folgen wir dem Schatten. Es hat eigentlich nur 24 Grad. Aber in der direkten Sonne ist mir das schlichtweg zu warm. Im Schatten ist es aber sehr angenehm. Heute baute ich auch die Außendusche auf. Wir haben uns ein neues Wasserkonzept ausgedacht. Wir lassen 40 Meter Schlauch in der Sonne liegen, am Ende des Schlauches haben wir eine Art Brause befestigt. Die Brause kommt aus dem Gartenbereich bei Toom. Damit wässert man Pflanzen. Sie hat aber einen sehr praktischen Knopf, mit dem man das Wasser dosieren kann. Danach ließ es sich prima damit duschen. Das Wasser war sogar zu heiß. Ich werde in diesen drei Wochen keine Audioaufnahmen der Beiträge anfertigen. Es fehlt mir hier am Equipment.
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[Mo, 6.7.2026 – Reise, hohes Gras, Acryl]
Um 8 Uhr fuhren wir los, waren rechtzeitig um 11 bei der Fähre in Rostock und fuhren danach durch ein verregnetes Dänemark. Unsere Freunde fuhren in ihrem eigenen Auto, wir blieben immer mehr oder weniger in Sichtkontakt. Das ist eine eigenartig schöne Art, Auto zu fahren. Kurz vor Kopenhagen trennten sich unsere Wege. Wir fuhren in Richtung Norden nach Helsingör zur zweiten Fähre, während sie dort rechts abbogen zur Öresundbrücke. Sie wollten noch einen Tag in Südschweden verbringen, bevor sie zu uns kommen. Wikingermuseum besichtigen und einmal in die Ostsee springen. Dass es regnet und das Ostseewasser niedrige Temperaturen führen würde, war nun nicht unbedingt Teil ihrer Planung einer Sommerreise gewesen. Später erfuhren wir, dass der zwölfjährige Sohen trotzdem ins Wasser gesprungen ist. Er hatte sich das schon lange vorgenommen, deswegen zog er das auch durch. Ich bin gespannt, dem jungen Mann irgendwann als Erwachsenem zu begegnen. Als wir bei unserem Waldhäuschen ankamen, sprang die Hündin aus dem Auto und rannte minutenlang wie ein wildgewordenes Huhn um uns und um das Haus herum. Die Freude war ihr anzumerken. Vor 5 Wochen verließen wir das Häuschen bei 5cm hohem Gras. Als wir heute ankamen, war es hüfthoch. Ich bin wirklich kein Freund von hohem Gras. Die Angst, auf irgendwas zu treten oder mir im Vorbeigehen eine Zecke mitzustreifen, lässt mich nahezu erlahmen. Deswegen grub ich auch den kleinen, elektrischen Handmäher unter der Treppe hervor und rasierte verschiedene Schneisen über die Wiese. Schneisen um das Auto herum, eine Schneise vom Auto zur Haustür, eine Schneise zur Scheune, zum Klo und eine Schneise einfach der Schneise wegen. Damit hatte ich ein vorläufiges Wegenetz, auf dem ich mich bewegen konnte. Meine Frau hält mich für hysterisch. Aber bei hohem Gras muss ich oft an den Mittleren Westen der USA denken. Was viele Menschen nämlich nicht wissen, ist, dass die weite, endlose Prärie vor Ankunft der Europäer eine ziemlich unpassierbare Gegend gewesen ist. Erst als die Spanier mit ihren Pferden kamen, konnten die Eingeborenen ins hohe Gras vordringen und wesentlich effizienter Büffel jagen. Just saying. Durch meine Abneigung gegen hohes Gras stehe ich in einer Reihe mit alten Naturkulturen. Morgen werde ich mit meinem neuen Benzinmäher die Flächen kürzen. Danach geht es mir gut. Einer der dringlichsten Punkte auf meiner Liste war es, den Rand der Toilette mit schwarzer Acrylfarbe zu umranden. Die Öffnung der Toilette ist nämlich aus hellem Holz und wir stellten bereits letztes Jahr fest, dass sich die Öffnung ziemlich schnell verfärbt. Und zwar in Braun. Das ist für die Öffnung einer Komposttoilette keine schöne Färbung. Daher die Idee, den Rand zu schwärzen. Zum einen aus ästhetischen Gründen, aber auch, um die Reinigung zu erleichtern, da wir das helle Holz mehr oder weniger unbehandelt gelassen haben. Die Farbe hatten wir bereits letzten Sommer gekauft, aber dann vergessen, sie anzubringen. Heute wollte ich sie dann auftragen, aber der Inhalt der Dose sah eher aus wie eine aufgeweichte Müslipampe. Ziemlich fest und mit harten, an aufgequollene Haferflocken erinnernden Teilchen. Die Aufschrift an der Dosenseite verriet uns dann auch, dass man die frische Farbe keinen Minusgraden aussetzen darf. Es blieb uns nichts anderes übrig, als es zu den vielen Lehren abzulegen, die man im Leben so ansammelt.
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[So, 5.7.2027 – Spionagemuseum, letzte Dusche]
Mit unseren Freunden gingen wir schließlich ins Spionagemuseum am Leipziger Platz. Ich war dort einmal mit meiner Schwester und ihren Kids. Die fanden es super. Die Kinder meiner Freunde sind jetzt im Alter meiner Neffen von damals. Auch die beiden fanden es super. Mir fiel diesmal etwas negativ auf, dass der allergrößte Teil sich mit den historischen und technikgeschichtlichen Teilen der Spionage befasste, wovon Berlin natürlich aus einem reichen Schatz bedienen kann, aber erst ganz zum Schluss eine einzige Tafel einen zeitgenössischen Schlenker machte. Da ging es um Snowden. Mehr bekam ich nicht mit, weil sich um die Tafel eine Schulklasse drängelte. Es ist nicht unbedingt eine Schwäche des Museums, gegenwärtige Spionage ist schlichtweg nicht ganz einfach darzustellen. Irgendwelche hackenden junge Menschen mit einer tief ins Gesicht gezogenen Hoodiekapuze kann man heute auch nicht mehr bringen. Und Facebook, Google, Palantir und Anzeigen-Tracking-Netzwerke sehen halt optisch nicht gut aus. War aber dennoch gut. Sie haben die ganzen Spiele noch einmal schöner gestaltet. Der Verhörraum mit den Lügendetektoren und der Laserparkour sehen schon beinahe so aus wie Filmsets. Am Abend nahm ich dann die letzte richtige Dusche für die nächsten drei Wochen. Morgen früh fahren wir los.
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[Sa, 4.7.2026 – Packen, Plug, Maude]
Es geht auf den Urlaub zu. Der letzte Arbeitstag war sehr anstrengend, weil ich ich gerade so viele Fäden in der Hand halte, die ich alle abgeben oder ablegen musste. Die letzten Mails schrieb ich am Freitag kurz vor Mitternacht. Für den Rest der Zeit packte ich. Am Samstag kamen unsere Freunde aus Meran mit ihren beiden Kindern. Sie werden zwei Nächte in Berlin verbringen, danach fahren wir gemeinsam nach Schweden. Das wird sicherlich nett. Ich freue mich schon länger auf diese Reise mit alten Freunden. Die Kids sind total süß, im frühen Teenageralter. Der eine findet alles in Berlin ghettostylemäßig cool und der andere fragt, ob er jetzt süchtig wird, wenn er Marihuana auf der Straße einatmet. Wir gingen vietnamesisch essen, und liefen über die Oberbaumbrücke. Wenn man mal Besuch hat, dann regnet es in Berlin natürlich. Die beiden Regentage im Jahr finden immer dann statt, wenn man Berlin von der schönen Seite zeigen will. # Jetzt habe ich auch so ein Herzchen-Plugin zum Herzen von Beiträgen installiert. Herz und Plug. Weiß nicht. Wie ich die Wörter da so stehen sehe, hat es wiederum etwas Anrüchiges. # Für meine Frau ist Claude ein Mann, ich hingegen spreche immer von "ihr", wenn ich über Claude spreche. Ich bin da eher bei Claudia oder bei Maude, als bei Claude Monet. Aber es gibt ja auch Claude Jade oder die Première Dame Claude Pompidou, ich liege daher ja nicht falsch. Ich weiß nicht, ob ich langfristig mit einer KI arbeiten möchte, die Jacques oder Horst heißt, ich bevorzuge weibliche Vertrauenspersonen. Meine Zahnärztin ist eine Frau, meine Hausärztin, meine Friseurinnen, meine Tätowiererinnen.
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[Do, 2.7.2026 – Beißer, Kneipensterben]
Am Morgen saß eine riesige Heuschrecke auf der Innenseite meiner Nachttischlampe. Ich google-lenste sie und heraus kam die Antwort, dass es sich um einen südlichen Irgendwas-beißer handelte. Eine Heuschreckenart, die in Afrika beheimatet ist. Von so viel apokalyptischer Symbolik überwältigt, griff ich sofort zu einem T-Shirt und warf es aus dem Fenster. Jetzt, wo ich das aufschreiben will und gerade recherchierte, wie das Tier nochmal heißt, sagte mir das Internet, es handle sich um eine in Berlin heimische Langfühlerschrecke aus der Familie der Laubheuschrecken (Tettigoniidae). Keine Rede mehr von Afrika. Keine Apokalypse mehr. # Der vorletzte Tag vor dem Urlaub. Jetzt komme ich nicht mehr mit der Arbeit hinterher. Es sind noch so viele wichtige Dinge zu erledigen, zu übergeben und zu verschieben. Eigentlich passt der Urlaub gerade überhaupt nicht, ich habe gerade so viele spannende Themen in Arbeit, aber andererseits freue ich mich so sehr auf den Urlaub, dass ich gar nicht weiß, wofür ich mich entscheiden möchte, wenn ich entscheiden könnte. # Dann in Neukölln gewesen und mich sehr über das Kneipensterben dort gewundert. Bis noch vor wenigen Jahren ging ich sehr oft in der Gegend nördlich der Weserstraße aus. Meine Lokale haben alle ersatzlos die Türen geschlossen. Das LagerLager, der Damensalon, die Black Lodge. Nur verschlossene Türen und das Logo hängt noch an der Fassade. Dafür waren wir in einer anderen Bar, sie hieß irgendwas mit Queers. Der Barmann ignorierte mich offensiv, kümmerte sich aber aufopferungsvoll um die anderen. Bis er mitbekam, dass ich mit einer Frau verheiratet bin. Dann regte er sich zuerst auf, und dann sagte er, wie schade das sei, ich sei ja total sein Typ und auf einmal wurde er superfreundlich. Ich habe keine Conclusio. Aber am Ende des Abends verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung. # Und nein, meine Novelle liegt wirklich nicht standardmäßig auf meinem Nachttisch. Muss wohl mit den Umräumarbeiten zu tun gehabt haben.
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[Mi, 1.7.2026 – labberige Saison, umsortieren]
Im Sommer muss ich einfach früher ins Bett, weil ich immer um fünf Uhr herum aufwache und nicht mehr schlafen kann. Gehe ich früher ins Bett, schlafe ich früher ein, aber ich wache um fünf Uhr auf. Gehe ich um 1 Uhr ins Bett, bin ich auch wieder um 5 Uhr wach. Das liegt wohl am Licht. Es hilft auch nichts, das Verdunkelungsrollo herunterzuziehen, das Sommerlicht muss sich irgendwie mit Schwingungen aus der Metaphysik behelfen, um mir um fünf Uhr den Schlaf wegzunehmen. Nur gestern war der Nachbar mit seinem Sex schuld. An allen anderen Tagen aber nicht. Heute setzten wir uns mit meinem Schwager ins ByeByeCavaliere. Zuvor hatten wir einen zwei drei Aperol Sprizz bei Backaro getrunken. Nach der Abkühlung ist es nun perfektes Sommerwetter. Es ist warm genug, dass man schlecht gekleidet mit Birkenstocks und labberigen, kurzen Hosen draußen sitzen kann, aber nicht mehr so heiß, dass man klebt. Am letzten Wochenende räumte ich übrigens Dinge um. Von Schreibstischschrank zu Schreibtischschrank. Da kommen viele alte Erinnerungen zum Vorschein. Alle meine Notizbücher zwischen 2007 und 2013. Damals schrieb ich unfassbar viel per Hand in diese Notizbücher hinein. Heute habe ich immer noch meistens ein Notizbuch dabei, aber ich schreibe nur noch Notizen. Entsprechend langsam füllt es sich auch. Und ich fand meinen alten Mitarbeiterausweis aus 1999 bei SUN in Amersfoort. Da habe ich wirklich gerne gearbeitet. Ich kann meine Personalnummer immer noch auswendig. Aber nur auf Englisch. One one five one two nine. Ich kann auch noch meine Durchwahl. One five four five seven. Damals trug ich oft große Ohrringe. Zu schwarzen Hemden und schwarzen Sakkos. So würde ich immer noch gerne aussehen. Aber im Alter geht das nicht mehr. Außer man spielt bei den Bad Seeds.
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[Mo, 29.6.2026 – TDDL, Stöhnender Nachbar]
Der Bachmannpreis zog diesmal völlig unbemerkt an mir vorbei. Keine einzige Lesung angehört, keine Besprechung, kein [irgendwas Drittes]. In meinem Internet fand das #TDDL nicht statt. Ich weiß nicht, was los war. Möglicherweise war ich zu sehr mit der Hitzabwehr beschäftigt. Andererseits baute ich aber auch den Schrank im Flur zu Ende. Das war sicherlich nicht die richtige Aktivität bei 40 Grad, aber wenn man im Luftstrom des Ventilators stand, dann war das durchaus erträglich. Der Ventilator lief dann auch von Freitag bis Montagmorgen durch. Einmal schaltete er sich von selbst aus. So entdeckte ich seine Notaus-Selbstfunktion. Der Schrank im Flur ist nicht meine beste Creatión. Er sieht jetzt aus, wie ein schlichter, weißer Wandschrank. Dabei hatten wir etwas anderes im Kopf. Heute wurde ich um zehn vor fünf von meinem stöhnenden Nachbarn geweckt. Ich kenne seine Wohnung, sein Schlafzimmer befindet sich an der Vorderseite des Hauses. Heute stöhnte er aber auf der Hinterseite, das konnte nur bedeuten, dass er sich in der Küche vögeln ließ. Ich wurde dieses Bild nicht mehr los. Wie er schräg unter meinem Fenster auf dem Bauch über dem Küchentisch lag und ein fitter, junger Kerl, sich von hinten an ihm vergnügte. Seine Männer sind nämlich immer fitte, junge Kerle. Das Stöhnen ging eine ganze Weile so. Nach 30 Minuten stand ich auf und kochte mir einen Kaffee. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch (befindet sich in meinem Schlafzimmer) und fing an, ein wenig zu schreiben. Nach einer Weile merkte ich, dass er immer noch Sex hatte. Es war sicherlich eine halbe Stunde vorbeigegangen. Ein bisschen neidisch wurde ich schon. Wer montagsmorgens um 5 Uhr eine dermaßen lange Session hinlegt, hat wahrscheinlich ein gutes Leben. Ich wunderte mich nur über die Eintönigkeit. Ich glaube ja immer, dass andere Menschen ständig Dirty Talken. Das geht mir ja völlig ab, ich weiß nicht, wie Dirty Talk geht. Manchmal versuchte ich es, dann sagte ich immer schmutzige Dinge, aber es gibt nur wenige gute Adjektive beim Sex. Mein verbales Arsenal war immer schnell aufgebraucht und Wiederholungen sind nicht so meins. Der Nachbar hätte mit Dirty Talk die Situation sicherlich aufgepeppt und ich hätte etwas lernen können.
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[Sa, 27.6.2025 – Sommerfest, Gewitterwolke, es regnet nie]
Auf der Firmenfeier trank ich dann sehr viel Wasser. Ich bestellte immer ein stilles Wasser und ein Bier. Ein Helles und ein Stilles, bitte. Die Frau hinter der Bar fand den Spruch lustig. Am Anfang zumindest. Aber ich kam dann ziemlich oft vorbei. Wir feierten unten an der Spree, am Badeschiff. Die Location ist schon spektakulär. Das blaue, angeleuchtete Wasser, daneben die schwarze Spree, hinter der Spree die Häuser mit den Lichtern. Auch die hohen Häuser an der Warschauer. Wenn man im Pool liegt, sieht man offenbar den Fernsehturm. Natürlich sprang ich nicht in den Pool. Ich hatte nämlich vergessen, mir die Rückenhaare zu rasieren. Das sagte ich dann auch, wenn ich gefragt wurde, ob ich mit ins Wasser ginge: Ich habe vergessen, mir die Rückenhaare zu rasieren. Das ist eine prima Ausrede. Es konnten alle darüber lachen. Es ist eine Sache, ob man es sieht, oder ob man nur einen Witz darüber macht. Auf der Feier war ich Tombolabeauftragter. Es ist mir ein Bedürfnis, das zu protokollieren. Unten an der Spree war die Temperatur erträglich. Später, als ich gegen ein Uhr nach Hause fuhr, hinauf auf den Berg, stieg auch die Temperatur mit mir mit. Die Wohnung war unerträglich schwül und warm. Die Hündin freute sich über meine Heimkehr. Sie tut mir leid bei dieser Hitze, aber sie nimmt die Dinge, wie sie kommen. Ich sprang gleich unter die Dusche. Sie hingegen hasst die Dusche. Tagsüber zwinge ich sie mehrmals in die Kabine, um zumindest ihre Pfoten ins Wasser zu halten. Hunde regeln ihre Temperatur hauptsächlich über die Zunge und über ihre Pfoten. Danach ist sie immer gut gelaunt und will spielen. Bis sie irgendwann wieder auf Temperatur kommt und döst. Meine Frau hat getrocknete Sprotten in eine Eiswürfelform gegeben, sie mit Wasser übergossen und ins Tiefkühlfach gelegt. Die Hündin bekommt jetzt diese gefrorenen Sprottenwürfel zum Abkühlen. Sie liebt es. Am Samstag stand ich schon um 5 Uhr auf und ging nach dem Kaffee mit der Hündin in den Park. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem man mit dem Tier hinaus kann. Am Abend sollte es regnen. Bei Regenradar sah man die prognostizierte Gewitterwolke über Berlin ziehen. Ich war schon ganz aufgeregt. Dann blitzte es und es donnerte. Aber der Regen blieb natürlich aus. In Berlin regnet es bekanntlich nie. Weiß gar nicht, warum ich mich immer auf die Vorfreude einlasse.
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[Do, 25.6.2026 – wie wir wurden, Hitze und Hitze und Angst vor Hitze und weiße Kleidung]
Vorgestern mit Benny und Nico aus meinem Fanclub im Zosch an der Tucholskystraße gewesen. Eigentlich wollten wir uns nur auf einen Drink treffen, um eine Entscheidung zu fällen, wie wir mit unserem Chattool weiter verfahren. Die Entscheidung trafen wir aber schon, bevor mein Bier auf dem Tisch stand. Wir redeten erstaunlich wenig über Hertha, dafür legten wir viele persönliche Themen auf den Tisch. Neben politischen Themen auch Männerthemen. Über unsere Prägung, wie wir daraus herauskamen, wie wir zu den Männern wurden, die wir geworden sind, was uns verändert hat. Vor allem mit Nico teile ich eine Kindheit und Jugend auf dem Dorf. Es gab in unserem Leben soziale Realitäten, deren wir uns schlichtweg nicht gewahr waren. Vor allem im Hinblick auf unsere männliche Entwicklung. Dieses Gefühl, nicht auf Feuerwehrfeste zu passen etc. Ich will das jetzt hier nicht vertiefen, weil die Geschichten der anderen zu persönlich sind, um sie hier auszubreiten, aber vielleicht gehe ich hier über meine Biografie einmal genauer ein. Ab jetzt geht es mit den Temperaturen aufwärts. Ich weiß nicht, warum mich das so beschäftigt. Als Teenager verbrachte ich mehrere Sommer auf Reisen in Mittelitalien. Trampte in der prallen Sonne auf der Autobahn, schlief tagsüber in der Sonne an baumlosen Stränden. Immer in dunkler Kleidung, Jeans, auch eine Jacke hatte ich immer dabei, zumindest über die Schulter geworfen. Auch damals mochte ich die Hitze nicht, aber seit ich mir dessen auch bewusst bin, halte ich es kaum noch aus. Und natürlich wird es schlimmer, je mehr ich mich damit beschäftige. Wenn ich in der Wetter-App am Ende der Woche 41 Grad sehe, dann bekomme ich schon Beklemmungen. Deswegen versuche ich diesmal einfach drauf zu scheissen. So nämlich. In irgendeinem Psychotest erhielt ich einmal als Ergebnis, dass ich mich selbst beruhigen kann, und offenbar führt das bei der Einordnung in den sogenannten "Big Five" dazu, dass ich wenig neurotisch bin. Das habe ich immer als eine gute Eigenschaft verbucht. Hitze ist aber offensichtlich mein Boss-Level. Heute wurde es 34 Grad. Ich entschied mich für eine weiße, kurze Hose, ein weißes Hemd und weiße Turnschuhe. Jegliche Wärme sollte von mir abprallen und zurück ins Universum geschickt werden. Im Büro fragte man mich, ob ich zum Tennis gehen würde. Aber: So ein White-privileged-Boy-Look ist zur Abwechslung mal wirklich kein schlechter Look.
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[Di, 23.6.2026 – Rowdytum, mobile Splitgeräte]
Ich fuhr nur kurz mit dem Fahrrad über den Bürgersteig. Nur kurz. Das mache ich dort jeden Tag, wenn ich von der Johannisstraße komme, um zur Reinhardtstraße zu gelangen. Sonst müsste ich mich mit dem Rad gefährlich auf der anderen Seite in der Friedrichstraße in den Autoverkehr einreihen. Dort, wo es keinen Fahrradweg gibt. Ich bin nicht der einzige, der das so handhabt. Offenbar weiß das auch die Polizei. Heute wartete ein Dutzend Polizistinnen auf der anderen Straßenseite und zogen Straßenrowdys wie mich aus dem Verkehr. Durch meine langjährige Geschichte mit der Polizei weiß ich mittlerweile, dass man mit denen nicht diskutieren kann. Das meine ich gar nicht despektierlich. Menschen in Polizeiuniform haben schlichtweg einen anderen Blick auf die Dinge. Sie sind dafür da, die Einhaltung von Regeln durchzusetzen. Das ist deren Aufgabe. Sie denken sich die Regeln nicht aus, sie führen nur aus. Wenn du dich für den Beruf der Polizistin entscheidest, dann tust du das nicht, weil du gerne diskutierst, sondern du tust das, weil du gerne die Einhaltung von Regeln durchsetzt. Es hat mich Jahrzehnte gekostet, bis ich das verstanden habe. Seitdem sage ich: Sie sind im Recht, ich habe eine Widrigkeit begangen, wie lautet meine Strafe? Wenn man das sagt, werden Polizisten butterweich. Danach kann man auch über die Sinnhaftigkeit von schlechten Regeln plaudern. Und wenn man Glück hat, bleibt es bei einer Verwarnung. Heute hatte ich kein Glück. Ich konnte immerhin mit Karte zahlen, das ging alles schnell: 25 Euro, zack, und ich konnte weiterfahren. Als hätte ich einen Kaffee gekauft. Transaktional, kein Drama. Ich hoffe, sie setzen das Geld gut ein. Eine Suche im Netz ergibt, dass das Geld in die Landeskasse fließt und nicht zweckgebunden ist. Es wird dann für allgemeine öffentliche Ausgaben eingesetzt, wie Straßenbau, Schulen, soziale Projekte oder für die Verwaltung. Vielleicht bauen sie ja Fahrradwege in der Friedrichstraße. Ich hatte meinen Frieden. Am Wochenende steigt die Temperatur nicht nur auf 39 Grad, sondern möglicherweise auf 41. Samstag und Sonntag. Ich bekomme jetzt schon Beklemmungen. Gegen Mittag surfte ich verschiedene Vergleichsportale wegen Klimageräten an. Mobile Splitgeräte, weil Splitgeräte besser kühlen und mobile, weil ich noch kein festes Konzept dafür habe, wo ich so ein Ding hinstellen will. Es gibt da diese "Portasplit"-Geräte, die mir ein Nachbar empfohlen hat. Daraufhin grub ich mich in ein Rabbit Hole ein, aus dem ich nur mit einiger Mühe wieder herauskam. Jetzt weiß ich aber alles über Klimaanlagen. Am Nachmittag bezog ich meine Frau mit ein. Dass wir uns so ein mobiles Splitgerät kaufen müssen. Sie war unentschlossen. Gegen vier Uhr entschied ich mich, auf den Kaufen-Knopf zu drücken. Doch dann musste ich feststellen, dass das Gerät inzwischen ausverkauft war. Also suchte ich nach anderen Portalen, auf denen ich die Geräte in den letzten Stunden gesehen hatte, allerdings waren sie auch dort ausverkauft. Auch auf Amazon und irgendwelchen shady chinesischen Shops. Kurz darauf las ich auf Heise.de, dass alle Portasplit‑Geräte deutschlandweit weitestgehend ausverkauft seien. Es gab sogar eine Seite namens Braucheklima.de, die ein tüfteliger Entwickler zusammengebaut hat, auf der alle Baumärkte gelistet sind, die solche Portasplits verkaufen. Ein Grüner Punkt würde Verfügbarkeit signalisieren. Aber die Karte zeigte ganz Deutschland in Rot. Nun. Das löste ein wirklich komisches Gefühl in mir aus. Ich dachte die ganze Zeit, mich in einem Rabbit Hole befunden zu haben, nur um dann festzustellen, dass ich eigentlich in einem vollen Stadion stand.
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ABOUT THIS SHOW
Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.
HOSTED BY
Markus Pfeifer
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