PODCAST · arts
es regnet
by Markus Pfeifer
Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.
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[Di, 16.6.2026 – Mit dem Hahn, Fable, im Späti]
Ich gehe so unfassbar gerne mit den letzten Sonnenstrahlen ins Bett. Wenn noch das letzte Tageslicht durch das Fenster hereinkommt. Wenn der Tag von mir geht. Bald schließe ich mich den Hühnern an. Warte auf den Hahn, der uns einsammelt und uns durch den Eingang zu unserem Stall auf die Stöcke bittet. Dort höre ich ihm zu, wie er ein letztes Mal kräht, dann schließe ich mild lächelnd meine Äuglein und falle in einen tiefen Schlaf. # Es erstaunt mich, wie wenig Resonanz die Sperrung von Anthropics neuem KI-Modell für nichtamerikanische Staatsbürger erhält. In den Fachmedien ist das ein Riesenthema. In den großen Medien und im breiten Diskurs hingegen nicht. Dabei hat diese Sperrung eine ungeheure politische Schlagkraft aufgezeigt, die keinesfalls technisch ist, sondern potenziell die europäische Wirtschaft abwürgen kann. Künstliche Intelligenz wird dummerweise immer noch als technisches Thema und nicht als wirtschaftliches bzw. geostrategisches betrachtet. Anders als die Sache mit den Zöllen. Alle redeten von den Zöllen. Zölle, Zölle, Zölle. Aber wenn es um KI geht, dann ist es ein Tech-Thema. # Heute fuhr ich zum ersten Mal mit dem Fahrrad in die neue Firma. Die Fahrt dauerte nur 29 Minuten. Es ging schneller, als gedacht. Auf dem Rückweg traf ich meine Frau wieder unten an der Straße. Sie saß mit der Hündin in einem dieser hölzernen Parklets. Es war 21 Grad und keine direkte Sonne. So etwas wie ein perfekter Abend. Wir wollten nicht in die Wohnung hinauf. Ich sagte, ich ginge zum Späti, um uns zwei Biere zu holen. Im Späti griff ich zu einem Atlantik Ale und einem dieser neuen Wild Coast Ales von Störtebeker. Als ich an der Kasse stand, bemerkte ich, dass ich die alkoholfreien Varianten ausgewählt hatte, also kehrte ich zurück zum Kühlschrank und holte mir zwei neue Flaschen aus dem Regal darunter. Zurück bei meiner Frau öffnete ich das erste Bier, nahm einen Schluck und fand es etwas brotig schmecken. Ein Blick auf das Etikett verriet, dass ich wieder ein alkoholfreies gekauft hatte. Sofort checkte ich die andere Flasche und auch diese war alkoholfrei. Ich weiß nicht, was das Schicksal mir damit sagen will. Vielleicht, dass ich mich mehr bewegen soll. Also kehrte ich wieder zum Späti zurück und tauschte die beiden Flaschen, wovon ich eine natürlich bezahlen musste. An der Kasse merkte ich, dass ich schon wieder zur alkoholfreien Variante gegriffen hatte. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass der Spätibesitzer die Flaschen völlig unsystematisch in den Kühlschrank geräumt hatte. Das sagte ich ihm auch, als er mich so genüsslich anlächelte. Es schien ihn aber nicht zu kratzen. #
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[Mo, 15.6.2026 – Regen, Sonnenbrand, Indonesisch]
Das Drachenbootrennen spürte ich heute dann doch in den Knochen. Das ging auch den anderen Kolleginnen so. Manche kamen vorbei und fragten vorsichtig: Spürst du das auch? Ich bejahte. Oberarme, Schulterpartien, Brust. Überall leichten Muskelkater. Aber nicht schlimm. Lustig fand ich, dass wir alle einen Sonnenbrand abbekommen hatten. Meine Erinnerung an den Sonntag ist nämlich eher von Regen und Kälte geprägt. Ich bekam den ganzen Tag lang meine Hände nicht richtig auf Temperatur. Und die Kleidung war immer leicht feucht. Es gab den ganzen Tag lang vielleicht drei Sonnenstrahlen. Diese drei hatten es offensichtlich in sich. Aber ich weiß, wie heiß es am kommenden Wochenende werden soll. Fünfunddreißig Grad. Es beklemmt mich jetzt schon. Eigentlich möchte ich mich an jenen Tagen nicht bewegen, und erst recht keinen Alkohol trinken. Aber es ist Sonnenwende, eine Freundin hat zum Feiern eingeladen. Dann werde ich halt schlecht schlafen. Heute aßen wir Gado-Gado. Das ist lauwarmer, indonesischer Salat mit Saté-Sauce. Unsere Berliner Nachbarin hatte das in Schweden für uns zubereitet und wir mochten das ausgesprochen gerne. Dafür schneidet man verschiedene Gemüse in feine Streifen und blanchiert sie. Dazu legt man ein gekochtes Ei oder Tofu oder was auch immer und man gibt Erdnusssauce darüber. Zugegeben: Mit Erdnusssauce schmeckt alles immer nach Erdnusssauce. Aber das macht einen Teil der indonesischen Küche aus. Neulich wurde mir ein indonesisches Restaurant in der Lychener Straße empfohlen. Ich werde es irgendwann probieren. Meine Frau und ich lieben die indonesische Küche. Leider war ich schon seit zwei Jahren nicht mehr in den Niederlanden und kam deswegen auch nicht mehr dazu, indonesisch zu essen. Das ist eine reflexartige Zuordnung. An indonesische Restaurants denke ich eigentlich nur, wenn ich in den Niederlanden bin. Ich gehe dann meistens ins "Blauw". Wenn man das Wort Blauw in diesem Blog eingibt, erscheinen viele Einträge. Meine Frau und ich waren mehrmals da. Dazu gibt es auch diesen Text aus 2015. Nun hat vor einigen Jahren auch eine Blauw-Filiale in Utrecht geöffnet, und man mag es kaum glauben, aber das Utrechter Blauw steht im Springweg, schräg gegenüber dem Haus aus dem Springweg-Buch. Im Buch erwähnte ich auf den ersten 20 Seiten beiläufig ein spanisches Restaurant, in dem wir spätabends noch Rotweinflaschen für 5 Gulden kaufen konnten. Statt des Spaniers ist heute das "Blauw". Wegen solcher schicksalshaften Verbindungen werden Leute manchmal religiös. # Und sonst so. Liest sich wie ein Filmplot:
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[So, 14.6.2026 – neben dem Drachenboot]
Heute am Drachenbootrennen auf dem Wannsee teilgenommen. Die Temperatur war in Ordnung, aber ein paar Mal zogen finstere Regenzellen über Berlin. Meist befand sich mein Drachenbootteam jedoch an Land. Aber einmal fing der Regen gerade an, als wir ins Ziel einfuhren. Es dauerte aber lange, bis wir ins Trockene gelangten. Andere erwischte der Platzregen schon beim Start. Die kamen später durchnässt und zitternd das Gelände hochgelaufen. Nächste Woche wird es vermutlich ein paar kranke Menschen geben. Unser Team war zu klein, wir mussten also aus dem Publikum rekrutieren. Es meldete sich ein Mann, dessen auffällige Tätowierungen mir gefielen. Teile seines Körpers waren durch wenige, kunstvoll angelegte Linien überzogen. Eine Linie kam von hinterm Ohr und verschwand dann seitlich am Nacken im T‑shirt. Eine der Linien begann mitten am Kinn und zog sich gerade nach unten über den Kehlkopf und verschwand auch wieder hinterm Stoff. Am Arm gab es eine weitere Linie, die irgendwo verschwand. Er stand bei unserer Teambesprechung im Kreis. Danach warteten wir auf das Boot. Ich sagte: Coole Tattoos hast du. Er sagte Danke. Dann zog er ungefragt sein T-Shirt hoch und entblößte seinen Bauch. Da prangte ein etwas vulgäres Abbild einer Raubkatze, ein Leopard oder ein Tiger oder ein Panther, ich kann die Raubkatzen nicht so auseinanderhalten. Er sagte: Hier habe ich auch ein Tatoo. Ich log: Cool. Ein Umstehender sagte: Cool. Ich sagte dann aber auch, dass ich diese Linien an Hals und Arm super finde. Er sagte, er habe noch viel mehr, aber die könne er mir nicht zeigen. Ich nickte. Eigentlich dachte ich, macht man solche Witze nicht mehr. Aber dann sagte er: Ich habe "This Truth is real" auf meinen Penis tätowiert. Ich sagte: oh. Der andere Umstehende sagte: oh. Er erzählte, dass es während des Tätowiervorgangs sehr schwer war, die Erektion zu halten. Immer wenn der Tätowierer sich zu ihm umdrehte, machte es Wupp und der Penis wurde wieder schlaff. Ich nahm an, dass der Tätowierer ihm nicht gefiel. Ich fragte: Und wenn er schlaff ist, dann kann man es nicht lesen? Er sagte: Ja! Und nickte. Dann fügte er hinzu: Und alle Frauen wollen immer lesen, was da steht. Fahren sie voll drauf ab. Der Umstehende und ich staunten nicht schlecht. Ich sagte: Ich hätte mir aber etwas anderes draufschreiben lassen. Ich hätte gewollt: Hi-I-Am-Markus-Welcome-To-Berlin-Have-A-NICE-and-BEAUTIFUL-day-and-hope-to-see-you-again. Höhö, sagte der Umstehende, Höhö, sagte der Tätowierte. Ich gestand aber, dass es nicht draufpassen würde. Der Umstehende meinte, dass ich es ja abkürzen könne. HIAMW… usw. Es sähe dann aus wie ACAB, aber eben anders. Auch eine Idee. Wir belegten im Drachenbootrennen dann Platz 19 von 22.
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[Sa, 13.6.2026 – Mixed Feelings]
Ich habe immer nur gekifft, weil es illegal war. Als ich in die Niederlande zog, merkte ich, dass mir die Wirkung gar nicht wirklich gefiel. Und ich hörte einfach auf. Ich weiß nicht, was die Drogensoziologie dazu sagt. Vermutlich sagte es aber eine Menge über mich aus. Nichts Gutes. # Wir haben ein neues Bauprojekt. Einen etwas anarchischen Umbau des Callax-Regales im Flur. Meine Frau traut mir mittlerweile alles zu. Es ist ihr neues Hobby. Sich für mich Bauprojekte in der Wohnung auszudenken. # Diese 18 Grad und bewölkt. Die perfekten Wetterbedingungen. Man trägt ein dünnes Jäckchen und leichte Schuhe. Ich bin ein Dünne-Jäckchen-Typ. Ich könnte immer dünne Jäckchen tragen. Es gefällt mir, angezogen zu sein. Wenn es warm wird, will ich mir immer alles vom Leib schälen, wie eine lästige Lage Teig. Bei 18 Grad und bewölktem Himmel habe ich eine kosmische Verbindung zu den verschiedenen Existenzebenen. # Die Hertha-Frauen gewannen im ersten Aufstiegsspiel gegen Saarbrücken 4:1. Es folgt noch das Rückspiel nächste Woche und dann steigen sie möglicherweise in die zweite Liga auf. Vielleicht gehe ich nur noch zu den Frauen. Viele in meinem Fanclub gehen zu den Frauen. Ich war bisher nur einmal da. Beim ersten Spiel überhaupt. Gegen Köpenick. Ich sah das erste Tor. Danach verloren sie aber. Köpenick hatte aber auch einen Profikader. Bei uns waren das ja nur Amateurinnen. Dafür habe ich den Herthafrauen-Podcast technisch aus der Taufe gehoben und lange mitgeholfen. Mittlerweile können die drei Frauen aber alles selbst. Gute Leute. #
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[Fr, 12.6.2026 – Fernwandern]
Wir waren bei unseren Nachbarn, um Pizza zu essen und Bier zu trinken die Schwedenreise zu rekapitulieren. Wahrscheinlich habe ich noch nie erwähnt, dass die Nachbarin und ihr Sohn regelmäßig Fernwanderungen unternehmen. So wanderten sie beispielsweise letzten Herbst zwei Wochen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf dem sogenannten Kungsleden durch Lappland. Für diesen Herbst planen sie eine ebenso lange Wanderung auf Island. Wenn sie von diesen Unternehmungen erzählen, dann löst das etwas in mir aus, das ich noch nicht ganz ergründet habe. Trotz meines Gewichtes, bin ich körperlich durchaus aktiv und sehe mich auch als physisch agil und belastbar. Meine Grenzerfahrungen waren in meinem bisherigen Leben aber eher psychologischer Natur, teils zwar durchaus auch physisch, jedoch eher von der destruktiven Sorte. Nun verbringen meine Frau und ich unsere Urlaubszeit vorwiegend in wilden Gefilden. Grönland, Spitzbergen, Skandinavien, Lappland, Island. Undsoweiter. Mein Interesse gilt dabei aber hauptsächlich den dort lebenden Zivilisationen. Diese Menschen am Ende der Welt. Natürlich interessieren mich an jenen Orten auch die Natur und die Landschaften. Ich bin aber ein Menschenfreund, mich interessiert es, wie die Menschen dort damit leben. Warum leben sie da, wie essen sie, wie gehen sie mit den Bedingungen um, woher beziehen sie ihr Geld, wie gehen sie mit Besucherinnen um, mit Alkohol, mit dem Tageslicht, mit der Dunkelheit, wie schauen sie auf die Welt? Dort am Ende der Welt. Auch wieder eine Grenze. Die Grenze der Zivilisation. Und vor allem diese Leere. Ich liebe schon die Leere, wenn man Berlin in nordöstlicher Richtung verlässt und man das Gefühl hat, es sei die endlose osteuropäische Steppe, die sich öffnet. Das stimmt natürlich so nicht. Zuerst kommt schließlich noch Schwedt. Jedenfalls: Als Dolomitenkind verbrachte ich natürlich viel Zeit im Wald und auf Felsen. Und natürlich ging ich mit meinen Eltern oft "in die Berge" und das liebte ich auch. In den Südtirolbesuchen der letzten Jahrzehnte reichte die Zeit nur für kurze, vielleicht zweistündige Wanderungen. Die einzige anstrengende Tour war vielleicht die nach Puez vor 18 Jahren. Wanderungen und Naturabenteuer kenne ich vor allem von der Leinwand von meinen Streamingkanälen. Jedenfalls sagte ich gestern: Wenn ihr wieder mal plant, in Lappland zu wandern, dann lasst es mich wissen. Danach schmiedeten wir nur noch Pläne.
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[Mi, 10.6.2026 – instagrämen]
Die Hundesitterin sagt, unsere Hündin sei so fit und die Schlankste von allen. Das ist alles mein Verdienst. Es fällt mir leicht, andere auf Diät zu setzen. # Instagrämer. Gute Worterfindung. Den Begriff habe ich vorhin erfunden. Gibt es auch kaum Googletreffer für. Ich trüge das Wort gerne in meinem Profil. Leider passt Grämen so gar nicht zu mir. Außerdem mache ich ja nicht viel auf Insta, kann mich daher gar nicht grämen, ich schaue eigentlich nur Storys, von jenen Leuten, denen ich followe. Endloses Scrollen durch das Reel-Fegefeuer war nie so meins. Außer ich kann mal nicht schlafen. Aber Instagrämen ist gut. # Es ist ja nicht so, dass ich gerade keinen Content hätte. #
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[Springweg brennt. deleted scenes]
Ich sortiere gerade alte Romanfragmente und Texte. Dabei stieß ich auf dieses Fragment, das ursprünglich einer ganz frühen Fassung aus "Springweg brennt" entstammt. Da die Passage inhaltlich und stylistisch nicht ganz passte, nahm ich sie raus und verarbeitete sie in ein späteres Romanprojekt. Aus dem Projekt wurden aber nur 40 Seiten und ich werde nicht mehr daran arbeiten. Aber für diejenigen, die die Novelle mochten, hier ein Bonustrack, oder ein Deleted Scenes. Die Episode spielt zwischen der ersten und zweiten Besetzung des Springweg-Hauses, als wir kurz nach der freiwilligen Räumung wenige Wochen später die Lange Nieuwstraat besetzten und wohnen blieben. ~ Saskia lernte ich im März kennen, als eine späte Winterperiode über das kleine Königreich hereinbrach. Ich saß mit Maarten und einem anderen Bekannten in der Kneipe „Dorstig Hart“ am Fenster, als ich draußen eine junge, etwas dicke Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen sah. Es war wirklich eisig geworden. Zuvor hatte es einige Tage geregnet und danach war so etwas wie ein dritter Winter über das Land hereingebrochen. Fahrradfahren war nicht mehr möglich und auch die Bürgersteige waren von einer Eisschicht überzogen, und vor allem auf den holprigen und schiefen Bürgersteigen der südlichen Altstadt, in der wir uns befanden, war es fast schon lebensgefährlich, wenn man nicht sonderlich sicher auf den Beinen stand. Das Dorstig Hart lag etwa fünfzig Meter von meinem Haus entfernt, daher saß ich dort vor allem, um warme Abende zu verbringen. Unser Haus war bei zweistelligen Minusgraden kaum warmzukriegen, da ging ich lieber in die Kneipe. Saskia kroch bis zur Tür heran, wo einige junge Männer ihr laut lachend die Hand reichten und ihr in die Kneipe hinein halfen. Ich saß am Fenster und beobachtete die Szenerie. Sie fluchte. Die Männer lachten. Sie fluchte weiter, machte aber Witze über sich selbst. Saskia war laut. Sie setzte sich an unseren langen Tisch, an dem ein gutes Dutzend Männer saßen. Männer, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Man kannte sich halt im Dorstig Hart, das „Hart“ war eine kleine Kneipe mit einem stets wiederkehrenden Publikum. Neunzig Prozent der Besucher bestanden aus Männern. Die Frauen, die da einkehrten, waren tätowierte Frauen. Waren sie hübsch, dann kamen sie nur in Begleitung von großen, bärtigen Männern. Waren sie nicht hübsch, wirkten sie meist verbraucht, oder sie waren offensiv unangenehm. Letztere wurden von den Männern meist in Ruhe gelassen. Saskia konnte ich keiner der beiden Frauengruppen zuordnen. Sie war hübsch, wobei hübsch nicht ein Adjektiv ist, mit dem man sie sofort versehen würde, sie war aber attraktiv, begehrenswert, jedoch nicht der Typus Frau, der Schutz bedarf, im Gegenteil, sie war so unmittelbar, so direkt und mit einem kräftigen Stimmorgan gesegnet, dass die Männer wie von selbst eine gesunde Distanz zu wahren schienen. Mir imponierte das. Mir imponierte auch, wie viel Bier sie trinken konnte und immer noch die Fäden der Gespräche am Tisch in den Händen hielt. Sie trug einen dicken, schwarzen Mantel aus Kunstpelz. Als sie ihn auszog, hatte sie nur ein kurzes, giftgrünes Kleid an. Sie war eher dick und hatte einen riesigen, rundgeformten Po und auch riesige Brüste. Das kurze Kleid spannte sich an ihrem Körper. Ich dachte an Sex. Sie wurde umschwärmt, jeder buhlte um Aufmerksamkeit, wollte bei ihr punkten, ein Witz folgte dem nächsten, weitere Männer setzten sich an den Tisch. Es drehte sich alles um sie: wie sie die nackten Beine zur Schau stellte, wie sie ihre Brüste hochdrückte, wie sie die Männer kontrollierte, selektierte. Sie war auf Männerfang ausgerichtet, ein Typ wie Saskia hatte es leicht. Ich nahm nicht so sehr an den Gesprächen teil. Mir war das Gewitzel zuwider. Außerdem wollte ich an diesem Anbiedern nicht teilnehmen. Zudem kannte ich kaum jemanden wirklich gut. Der gemeinsame Nenner war wohl eine Vorliebe für schrammelige Gitarrenmusik, Metalbands aus den Achtzigern. Ich nehme mich da natürlich nicht aus, ich fand die Musik gut, das Schummerige, das Verrauchte. Der dominierende Farbton an der Kleidung war schwarz. Die Gesichter unrasiert. Ich weiß nicht, ob das etwas aussagt. Saskia saß am Kopf des Tisches, und mit ihren erdbeerroten Haaren und ihrem grünen Kleid stach sie hervor wie ein Ufo. Es lief Black Sabbath, die Leute lachten, es ging ein bisschen an mir vorbei, ich hatte schon einige Biere zu viel in mich hineingeschüttet, mein Blick war möglicherweise glasig, als plötzlich Saskias Finger auf mich zeigte. Alle verstummten. Sie sagte erst mal eine halbe Ewigkeit lang nichts. Als die halbe Ewigkeit vorbei war, sagte sie: Und wer bist du? Du schwarzhaariger Knabe? Man muss wissen, dass sie tatsächlich ein gutes Stück älter als ich war. Sechs Jahre. Das sah man ihr an. Und ich war gerade zwanzig geworden. Mir sah man das auch an. So saß ich dann da, hatte glasige Augen, war widerwillig in einen Knaben verwandelt worden und war auf einmal der Mittelpunkt des Geschehens. Ich habe mal in einem schlauen Buch gelesen, dass man unangenehme Situationen, die man nicht zu beherrschen vermag, am besten einfach aussitzt, weil dies das Risiko eines Fehlers durch eigene Inkompetenz verringert. Das tat ich dann auch. Ich saß es einfach aus. Als der Finger auf mich zeigte und alle zwanzig Männer sich nach mir umdrehten, wusste ich sofort, diese Situation nicht meistern zu können. So schwieg ich. Ich saß da, schaute Saskias Finger an und schwieg. Es ist nicht auszuschließen, dass ich entsetzt gewirkt haben musste. Da Saskia ihren Finger aber nicht senkte, ihre feurigen Augen nicht von mir ließen und die versammelten Männer nicht wieder anfingen zu reden, schritt ich doch zur Tat und wiederholte einfach den letzten Gedanken, den ich hatte, bevor jeglicher weitere Gedanke in mir durch den Schreck zu Eis erfroren war. Ich sagte: Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, dann soll man die Situation am besten einfach aussitzen. Damit senkte sich ihr Finger und sie schien zufrieden. Die Männer begannen wieder zu reden, vereinzelt wurde über meine komische Antwort gelacht, aber nur zögerlich, man wusste es offenbar nicht einzuordnen, ob es ein Witz war, oder eine Aussage oder eine Entschuldigung oder was auch immer. Maarten gab mir ein schräges Lächeln. Aber seine Augen waren noch viel glasiger als meine. Die Spannung am Tisch löste sich schnell, man wandte sich wieder anderen Dingen zu. Saskia hingegen hatte es wohl keine Ruhe gelassen. Eine halbe Stunde später (die Musik war lauter geworden, die Stimmung diverser) kam sie vom Tresen mit zwei Bieren zurück und setzte mir eines davon vor meine Nase. Soso, aussitzen also, sagte sie. Woher kommst du denn mit deinem komischen Akzentchen? Ich sagte: Bozen. Norditalien. Bozen kannte sie nicht, jedoch kannte sie Italien. Es folgte der obligatorische rhetorische Austausch über Sonne, Essen und das gute Leben. Sie sagte, sie ginge nachher tanzen, in einen dieser besetzten Schuppen am Merwedekanal. Sie sagte, ich solle mitkommen. Dann holte sie ihre Brieftasche hervor, öffnete eines der Fächer und hielt es mir vor mein Gesicht. Da lagen ein paar Pillen drin. Es war die Zeit von Ecstasy. Sie sagte: zwei für mich, zwei für dich. Ich sagte: ok. Sie schien zufrieden. Es gab viele Männer an jenem Abend, die ihr den Hof gemacht hatten. Auch gut aussehende und auch coole Typen. Aber an jenem Abend hatte sie offenbar am ehesten Interesse an jemandem, der so komische Sachen sagte wie „aussitzen“. So ging der Zufall. Sie sagte, ich solle austrinken. Jochem gab ich Bescheid, dass ich ohne ihn ginge. So laut und auffällig sie gekommen war, so leise war ihr Abgang. Sie ließ sich ein Taxi rufen, dann nahm sie ihren schwarzen Kunstpelzmantel und ging, ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Ihre Effizienz fand ich bemerkenswert. Als wir im Taxi saßen, thematisierte ich das: Deine Schlagkraft ist gut, du hast zielstrebig geangelt. Sie sagte, ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist. Wir lachten. Ich sagte, gib mir mal die Pillen her, damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat. Sie sagte, ich solle nicht frech werden, ich versprach, nur frech zu sein, wenn es sich lohnen würde. Wir teilten uns die vier Pillen und sie sagte: lauf mir ja nicht weg. Ich sagte: Sicher nicht, wenn wir nachher noch zu dir gehen. Ich fand mich sehr mutig für diesen Satz. Die Party fand in einem ziemlich beengenden Kellerraum in einem dieser besetzten Schuppen am Veilinghaven statt. Eine Gruppe von Ravern hielt da ein gutes Dutzend backsteinerne, garagenartige Gebäude besetzt, die vermutlich zum Jaarbeurs gehörten und perspektivisch abgerissen werden sollten. Die Decken im Keller hingen sehr niedrig. Selbst ich mit meiner durchschnittlichen Körpergröße fühlte mich ein wenig eingeengt. Es gab Leute, die mussten ihren Kopf einziehen, um stehen zu können. Tanzen war auf diese Weise natürlich eine ungute Angelegenheit. Zudem waren die Decken morsch oder wirkten zumindest so, man wollte da nicht mit dem Kopf dagegenstoßen, wer weiß, was da mit herunterkommen würde. Saskia war eher klein, einssechzig um genau zu sein. Die Pillen hatten zu wirken begonnen. Sie schwenkte ihre Brüste und hob ihre Arme, sie erreichte die Decke nicht, es beschäftigte sie nicht, sie schmieg sich an mich, wir küssten uns. Wenn das Ecstasy in mir hochkommt, dann werde ich immer zu einem Glühwürmchen. Ich laufe mit einem Lichtkörper in meiner Brust durch die Gegend. Das meine ich so gut wie wörtlich. Alles konzentriert sich um dieses Licht-Ding in meiner Brust herum. Ich laufe durch die Gegend und spüre nur: Liebe. Scheiß Drogen, immer. Ich war auf einmal so verliebt. Eigentlich verliebte ich mich an jenem Abend in jedes Gesicht, in das ich schaute, aber ganz besonders verliebte ich mich in Saskia. In ihre roten Haare, in die Art, wie sie ihre Hüfte wiegte, in ihr grünes Kleid, in die Art, wie sie lächelte, und in ihren dicken Po. Ich will es jetzt nicht auf die Drogen schieben, ich will also nicht sagen, dass ich nur vernebelt war, ich hätte mich auch ohne die Pillen in sie verliebt, meine Gefühle waren auch nachher noch echt, sie hatte mir imponiert, ich fand ihre Art attraktiv, sexy, sie wirkte von Anfang an offen auf mich, und offene Leute bekommen immer einen Freundschaftsvorschuss von mir, und natürlich fand ich sie auch schön, wenngleich sie nicht im klassischen Sinne schön war, sie wirkte etwas streng und ihre Nase war vielleicht zu klein, zudem hatte sie für ihr Alter bereits ordentliche Augenringe. Wobei ich gestehen muss, dass mir ihre Augenringe gefielen, das hatte etwas Verlebtes, das ich als sehr authentisch betrachtete, oder zumindest mochte ich diese am Abgefucktsein angelehnte Ästhetik. Danach gingen wir zu ihr nach Hause, wir zogen uns sofort aus und ich versenkte meinen Penis in ihrem Po. Ich blieb über das Wochenende. Wir fickten, schauten im Bett fern und krümelten das ganze Bett voll. Am Montag zog ich mir die Kleider an und ging nach Hause. Am Freitag kam ich wieder. Wir schluckten Ecstasy, gingen tanzen und danach fickten wir das ganze Wochenende lang, während wir fernsahen und Käsetoasts aßen. Am Montag ging ich wieder. So machten wir das ein paar Wochen lang. Irgendwann kam ich schon am Donnerstag und nach einige Zeit ging ich erst am Dienstag wieder. Die Partys ließen wir bald aus und fickten nur noch. Als das Ficken weniger wurde, stellte sie mich ihren Eltern vor. Das war im späten Herbst. Den Eltern war ich suspekt. Hausbesetzer und dunkelhaarig. Die Eltern wohnten im katholischen Süden. Genauer verortet: im Land der Flüsse, also der lange Streifen zwischen den Rhein- und Maasarmen. Ihre Eltern betrieben eine kleine Werft. Aber die Hunde (eine dänische Dogge, ein buschiger Bouvier und 3 kleine, kläffende Irgendwas-Terrier) mochten mich offenbar, was die Eltern dazu veranlasste, mir direkt mitzuteilen, dass ich wohl kein schlechter Mensch sein könne. Das war nicht als Kompliment gedacht, auch nicht als Eisbrecher, es war lediglich eine Feststellung. Die Hunde mochten mich, also konnte ich kein schlechter Mensch sein. Ein okayer Mensch war ich deswegen noch lange nicht. Saskia und ich hatten nie über unseren Beziehungsstatus gesprochen. Die Verliebtheit ließ erstaunlich schnell nach, aber wir hatten eine wirklich gute Zeit miteinander. Wir hatten nicht sehr viel Leidenschaft füreinander, aber wir waren ständig an etwas in Leidenschaft verbunden und begeisterten darin einander. Ich hatte vorher noch nie eine Beziehung gehabt, deshalb wusste ich nicht so genau, was ich zu erwarten hatte. Die Beziehung meiner Eltern oder der Familien aus meinen katholischen Gefilden wollte ich mir nicht als Vorbild nehmen, und so viele Beziehungen gab es in meinem persönlichen Umfeld damals noch nicht, zumindest keine Art von Beziehung, die ich für mich als erstrebenswert empfand. Ich wollte vielleicht nur ficken und verliebt sein. Verliebt war ich vielleicht schon ein bisschen. Aber wir unternahmen viel zusammen. Ich war sehr neugierig auf dieses Land, ich wollte alle komischen Winkel kennenlernen, die Gebiete unter dem Meeresspiegel, die speziellen Deiche, Ortschaften, die Namen wie Monster oder Duurwijk trugen, mittelalterliche Schlösser, Orte, an denen Schlachten ausgetragen wurden. Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto mehr Fragen warfen sich mir auf. Das Fruchtbare an diesem Interesse war, dass Saskia eine passionierte Autofahrerin war und sich von meiner Unternehmungslust anstecken ließ. An den Wochenenden fuhr sie mich an wirklich jeden noch so entlegenen Winkel dieses Landes.
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[Sa, 6.7.2026 – Beim Drink und mit Sonnenblumen]
Gestern Abend traf ich einen ehemaligen Mitarbeiter auf ein paar Drinks. Wir arbeiteten '18-'19 zusammen in einem ursprünglich mit DHL-Geld gegründeten E-Commerce-Unternehmen, mit dem die DHL vornehmlich Prototypen für Kühl-Lieferungen testen wollte. Ein Jahr, nachdem ich an Bord gekommen war, wurde die Firma an einen autoritären Logistiker aus Niedersachsen verkauft, der zuerst die ganze Geschäftsführung rausschmiss und danach den Marketingchef und mich in die erste Führungsebene nachrücken ließ. Der neue Geldgeber wollte sein eigenes Logistiksystem testen, das für unsere Zwecke völlig unausgereift war, und forderte entgegen unserer Ratschläge Änderungen am Geschäft, wonach wir ein halbes Jahr später 120 Leute entlassen und die Firma schließen mussten. Mit den meisten aus meinem Team blieb ich noch lange in Kontakt. Wir trafen uns weiterhin gelegentlich auf ein Bierchen, die Treffen wurden dann aber seltener und die Runden kleiner. Irgendwann waren alle in neuen Firmen untergekommen und hatten wieder neue Teams, mit denen sie Bier trinken gingen. Ich treffe bisweilen noch einzelne. So auch ihn. Er kommt aus dem Iran und natürlich beschäftigt ihn der Krieg. Anfangs gab es viele Trumpfans unter den Exiliranern, das hat sich aber rasch wieder gelegt. Seine Familie lebt glücklicherweise im fernen Osten des Landes, dort findet der Krieg nicht statt. Wir redeten über eine App, die er entwickelt hat. Er erzählte mir von seiner Geschäftsidee. Technisch ist das Projekt abgeschlossen, die Schwierigkeit ist jetzt, Kunden zu finden. Ich empfahl ihm, sich einen Partner zu suchen, der Sales oder Marketing kann. Am besten beides. Jemand, der von Restaurant zu Restaurant geht und die Menschen von der App überzeugt. Er fragte mich, ob nicht ich sein Partner werden möchte. Ich entgegnete aber, dass ich kein guter Vertriebler bin. Es liegt nicht in meiner Persönlichkeit, etwas zu verkaufen. Am Ende verblieben wir aber so, dass ich mir Gedanken dazu machen würde. Heute feierte Sabine ihren 60. Geburtstag. Bei sich zu Hause im Märkischen Viertel, mit Freunden und einem kleinen Buffet. Sehr nett. Benny und seine Frau waren da und Tanja mit ihrem Freund. Und viele andere Menschen, die ich aber alle nicht kannte. Sabine wollte keine Geschenke, falls aber jemand nicht ohne Geschenke kommen wolle, dann könne man ihr Pflanzen für den etwas leeren Balkon mitbringen. Natürlich standen auf dem Balkon dann ungefähr so viele Pflanzen wie Menschenpaare. Ich entschied mich für Sonnenblumen. Der Winter war schließlich lang und dunkel gewesen. Gegen 16:00 Uhr machten wir einen Rundgang durchs Viertel. Das Märkische Viertel kennen die meisten Menschen ja nur aus der Zeitung oder von Sido. Ich hatte sie letztes Jahr schon einmal besucht und natürlich entspricht das Viertel den vielen Klischees. Was man mit dem MV allerdings nicht so direkt in Verbindung bringt, sind die vielen, direkt daran angrenzenden Grünflächen. Eigentlich liegt das MV in einer Art grünem Biotop. Wir spazierten durch Feuchtgebiete und verwachsene Landschaften mit Schilf oder Eichen. Am frühen Abend kam ich dann wieder zurück. In meiner Straße erkannte ich am Straßenrand meine Frau. Sie saß in einem dieser hölzernen Parklets, die man in Berlin überall gebaut hat. Sie saß dort mit der Hündin in der frühen Abendsonne. Dort hatte sie auf mich gewartet, weil sie ja wusste, dass ich kommen würde. Sie sagte, ich solle das Auto parken, und dann würden wir einen Aperitif trinken gehen.
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[Do, 4.6.2026 – Wikingerkunde]
Eigentlich wollte ich heute saufen gehen. Ich hatte einfach Lust zweidreivier Bierchen zu trinken. Es fand sich aber niemand. Also schaute ich eine Doku über Wikinger und trank Sprudelwasser dazu. Es wunderte mich immer, dass Wikinger nie deutsches Gebiet eroberten, dafür aber ständig England und Frankreich überfielen. Sogar die Niederlande wurden großflächig attackiert. Und auf der anderen Seite hinter dem heutigen Polen begründeten sie das, was heute Russland und die Ukraine sind, und sie kamen bis nach Konstantinopel. Aber deutsche Lande: nicht. Ja, es gab Überfälle auf Trier und auch Hamburg. Aber sie siedelten nie an. Anders als überall anders. Jetzt weiß ich, warum. Das ostfränkische Reich (also das, was man heute grob zu Deutschland zählen kann) hatte um 800 herum einfach ein gutes Militär. Es zahlte sich nicht aus, die zu überfallen. Aha. Man hätte denken können, das Desinteresse lag am schlechten Essen, das man hier vorfand, schließlich war die Nahrung in Skandinavien noch viel schlechter. Aber in England und Schottland gab es damals auch noch kein Curry. Jaja, ich finde den Witz auch nur mittelmäßig. Später zogen sie nach Island und Grönland. Unterhielten dort ziemlich prosperierende Siedlungen. Sie zogen weiter nach Nordamerika, wo sie allerdings durch äußerst feindlich gesinnte Bewohner bekämpft und vertrieben wurden. Später gaben sie auch Grönland wieder auf. Niemand weiß, warum. Obwohl dort niemand wohnte, denn wie ich letzten Herbst in Nuuk gelernt habe: Die heutigen Inuit sind nämlich auch eher neu auf der Insel, sie kamen erst nach den Wikingern. So. Kleiner Geschichtsunterricht.
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[Mi, 3.6.2026 – Hundeghosting]
Die Hündin schlief letzte Nacht wieder alleine. Das dritte Mal in vier Jahren, wenn ich richtig gezählt habe. Also. Prinzipiell finde ich das ja gut. Ich finde ohnehin, dass sie zu sehr an mir hängt. Sie ist dauernd bei mir, macht immer das, was ich auch mache. Sitze ich irgendwo, sitzt sie auch, lege ich mich ins Bett, legt sie sich auch schlafen. Arbeite ich in der Küche, liegt sie da und schaut mich an. Gehe ich durch die Wohnung, geht sie mit, gehe ich aufs Klo, kommt sie auch. Ich unterbinde es schon seit Langem, dass sie mitkommen darf, ich sage dann, dass sie liegen bleiben soll, bin ich aber zu lange weg, kommt sie irgendwann trotzdem. Beim Schlafen liegt sie immer am Boden vor meinem Bett. Mitten in der Nacht wechselt sie dann in ihr Bettchen, das zwei Meter weiter liegt. Sie ist jetzt viereinhalb. In Menschenjahren ist sie Anfang dreißig, eigentlich ist ein Auszug aus der Wohnung längst überfällig, aber so sind wir Daddys nun mal, wir wollen das ja nicht forcieren. Jetzt schlief sie die ganze Nacht alleine. Die letzten beiden Male war ich betrunken gewesen. Schon damals empfand ich es als Liebesentzug. Allerdings war ich nachsichtig, ich würde auch nicht neben so einem stinkenden Kerl liegen wollen. Aber gestern hatte ich Salat und Wasser. Wie gesagt. Eigentlich finde ich es gut, wenn sie ein wenig selbstständig ist. Aber dieses anlasslose Geghoste ist schon kindisch.
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[Mo, 1.6.2026 – Flagge, DI.DAY]
Letzten Herbst in Grönland kaufte ich eine Grönlandunterhose. Also eine Unterhose in den Farben der grönländischen Nationalflagge. Die ist total instagrammable. Heute trug ich diese Hose und jedes Mal auf der Toilette dachte ich: Mensch, total instagrammable. Jedoch bin ich von der Persönlichkeit her nicht jemand, der sich in Unterhose auf Instagram darstellt. Glücklicherweise kaufte ich damals auch eine Tasche, die dasselbe darstellt, aber eben nicht als Unterhose. Ich war heute wieder im Büro. Es ging mir wieder besser. Am Sonntag ist wieder DI.DAY (Digital Independence Day - Wikipedia Link). Ich habe jetzt alle Big-Tech-Software ersetzt, auf die ich 1. eher leicht und auf die ich 2. mittelschwer verzichten kann. Der nächste große Schritt wäre, Facebook, Insta und WhatsApp von meinem Telefon zu entfernen, damit sie wenigstens auf meinem Telefon nicht mehr mitschneiden. Auf dem Desktop kann ich sie etwas kontrollierter weiterverwenden. Oder ich schmeiße komplett WhatsApp raus und verwende nur noch Signal. Eigentlich muss ich nur noch meine Familie überzeugen. Andererseits bekomme ich Ende Juni das Jolla-Phone aus Finnland, damit entledige ich mich auf einen Schlag des gesamten Google-Ökosystems. Zudem stelle ich gerade die Firma auf digital souveräne Beine um. Damit befülle ich mein DI.DAY-Karmakonto für die nächsten Jahrzehnte. Ich müsste mal eine Tabelle erstellen, um das alles zu tracken. Am Ende des Lebens stehe ich dann vor den Toren des Souveränitätshimmels und kann stolz eine ODF-Tabelle vorzeigen und muss nicht lang herumdiskutieren.
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[So, 31.5.2026 – Pasta al bianco]
Am Freitag war es nur Darm. Gestern war es Magen. Heute wurde es Magen-Darm. Seit dem Abend geht es mir aber geringfügig besser. Immerhin verlor ich ganze vier Kilo als Gewicht. Es kommt aber sicherlich wieder hoch. Das Gewicht. Das Essen vielleicht nicht mehr. Am frühen Abend saßen wir draußen auf dem Balkon im Schatten. Ich war fast unbekleidet, meine Frau hatte mir die Bettdecke mitgebracht. Dieser Mix aus warm und kalt. Sie trank ein Glas Weißwein. Ich trank Wasser. Am Morgen sagte sie, sie würde mir am Abend eine Pasta al bianco machen. Also weiße Nudeln mit Parmesan und etwas Olivenöl. Darauf freute ich mich den ganzen Tag lang. Obwohl ich sonst nichts hinunterbekam. Als ich am Abend die Nudeln aß, waren die richtig lecker. Ich fragte mich allerdings, wie ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesankäse freuen konnte. Ich sagte zu meiner Frau: Wie hast du es eigentlich hinbekommen, dass ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesan freuen konnte? Sie sagte: Schmeckt gut, oder? Ich nickte.
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[Sa, 30.5.2026 – Simona]
Magen-Darm. Vor allem Darm. Schon seit Freitag. Aber Freitag ging ich noch ins Büro. Vielleicht nur eine Verstimmung. Heute kamen dann Müdigkeit und kleines Fieber dazu. Immerhin ein triftiger Grund, viel Zeit im Bett oder auf dem Sofa zu verbringen. Wobei ich so müde war, dass ich immer nach wenigen Seiten einschlief. Mir war warm und kalt zur selben Zeit. Ich war leidlich. Meine Frau musste auf ihrem Telefon irgendein Verifikationsverfahren durchführen. Dabei saß ich ihr schräg gegenüber. Ich saß dort schwitzend, nur in Unterhose bekleidet, auf einem Sessel. Beim Verifikationsverfahren musste sie einen Videocall starten. Es meldete sich eine osteuropäisch klingende Frau namens Simona. Beim Videocall öffnete sich allerdings nicht die Selfie-Kamera, sondern die normale Kamera, und damit erschien ich in voller Pracht mit haarigem Bauch auf Simonas Bildschirm. Simona sagte "There's somebody else in the room with you." Meine Frau stammelte "Yes it is my husband." während sie versuchte, die Kamera umzuschalten. Ich musste den Raum verlassen. Die Kamera ließ sich nicht steuern, vermutlich hatte Simona die Kontrolle darüber, also stand ich auf und verließ den Raum. Danach ging die Kamera auch in den Selfie-Modus. Seitdem muss ich oft an Simona denken.
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[Fr, 29.5.2026 – Mähmaschine, Haar, attackierende Nebelkrähen]
Nur eine Woche weg gewesen und das Gras im Park ist plötzlich kniehoch geworden. Vorletzte Woche ähnelte die Wiese noch einem Tundraboden. Heute kam dann schon die große Mähmaschine. Das ist eine beeindruckende Maschine mit einem tiefen Sound. Ein ganz anderes Kaliber als mein 300-€-Mäher. Die Maschine vom Grünflächenamt ist eher ein kleiner Lastwagen mit eingebautem Schneidewerk und auf der Ladefläche befindet sich der Sammelbehälter für geschnittenes Gras. Ich schaute der Maschine eine ganze Weile bei der Arbeit zu, vor allem das Entleerungsmanöver fesselte mich. Wie die Maschine ihren Sammelbehälter in einen großen Baucontainer umlud. Neben mir standen zwei Schuljungs, die auch ziemlich beeindruckt waren. Sogar meine Hündin machte große Augen. Abends war ich dann bei der Friseurin. Weil ich in meine Haare so viel Pomade eingearbeitet hatte, wollte ich vorher nach Hause, um sie zu waschen, aber ich kam so spät aus dem Büro raus, dass ich mich verspätete, also fuhr ich direkt zu ihr. Ich weiß nie so gut, ob es moralisch verwerflich ist, mit schmutzigen Haaren zur Friseurin zu gehen, zumal mich diese Friseurin nie zu ihrem Waschbecken bittet. Sie schneidet die Haare einfach im trockenen Zustand. Vor vielen Jahren war ich einmal bei einer Friseurin, die zog sich Plastikhandschuhe an, als sie mir die Haare schnitt. Ich glaube, es lag nicht an mir, weil sie die Handschuhbox prominent auf ihrem Wägelchen platziert hatte und ich an jenem Tag mit frisch gewaschenen Haaren erschienen war. Wie eigentlich immer. Ich fühlte mich dennoch komisch. Aber nachvollziehbar. Ich hätte echt keine Lust, den ganzen Tag mit meinen feuchten Händen in der Kopfbehaarung von anderen Menschen herumzufummeln. Aber ich habe auch einen anderen Beruf gewählt. Meine Frau wurde heute von zwei Krähen angegriffen. Sie hatte bereits von ihrem Büro aus einen länger währenden Vogellärm wahrgenommen, es gab aber keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Beim Verlassen des Büros wurde sie dann von zwei großen Nebelkrähen attackiert, die es gezielt auf ihren Kopf abgesehen hatten und zwei Mal richtig fest darauf einhackten. Danach legte sie sich schützend ihre Tasche über ihren Kopf. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, in Berlin von Nebelkrähen attackiert zu werden. Aber die Vögel konnten nicht wissen, dass meine Frau ungefähr die größte Krähenliebhaberin südlich von Westeros (Västerås) ist. Lustigerweise passt meine Frau optisch in die Riege der Hitchcock-Schauspielerinnen und hätte die Rolle von Tippi Hedren in Hitchcocks Film "Das Federvieh" locker übernehmen können. Ich stellte mir die Szene heute ungemein ästhetisch vor. Seltsam offene Enden heute.
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[Mi, 27.5.2026 – Zivilisation, Dragon NaturallySpeaking]
Ich sehe wieder zivilisiert aus. Es brauchte eigentlich nur eine Stutzung des Bartes. Und eine ordentliche Dusche. Das Hemd und eine gescheite Hose waren auch hilfreich. Nur meine Frisur ist noch ziemlich verwuchert. Das war sie aber auch schon vorher. Morgen habe ich einen Termin bei der Friseurin, bis dahin muss ich sie mit viel Pomade bändigen. Seit dem ersten Tag im Büro habe ich mich wieder völlig in Arbeit aufgelöst. Ein bisschen wie in Flusssäure. Zugegebenermaßen empfinde ich das gerade als sehr positiv. Nicht die Flusssäure, sondern die Arbeit. Während des Urlaubs war ich mental sehr weit von der Firma entfernt, seit der Rückkehr bin ich wieder mit voller Lust dabei. Als hätte ich einen Schalter. Ist nicht immer so. Heute kam jemand in die Abteilung und fragte nach der Software "Dragon". Eine Weile lang rätselten wir herum, bis sich herausstellte, dass "Dragon" eine Spracherkennungssoftware ist, die früher "Dragon NaturallySpeaking" hieß und in niederländischen (vermutlich auch deutschen) Computerzeitschriften als CD beigelegt wurde. Ich wurde augenblicklich in eine in Retrofarben getünchte Vergangenheit zurückgeworfen und fing an, von einer märchenähnlichen Zeit zu erzählen, wie ich 1999 diese Software mit meiner Stimme trainierte. Man musste nämlich stundenlang Texte einsprechen, damit sich die Software an die Stimme gewöhnte und so für die Diktierfunktion immer präziser wurde. Als Dragon das schließlich einigermaßen gut zu beherrschen begann, lief aber die kostenlose Trial-Lizenz wieder aus. Weil die CDs monatelang überall beilagen, hätte ich das Training monatelang wiederholen können. Was natürlich quatsch ist. Ich dachte, wir würden uns alle gemeinsam ein bisschen in Erinnerungen schwelgen. Aber dann sagte einer meiner Mitarbeiter: "Neunzehn Neunundneunzig! Das war drei Jahre vor meiner Geburt."
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[Mo, 25.5.2026 – Bäume, Arbeitshund, Rückfahrt]
Dieser Vogellärm. Um 6 Uhr schloss ich das Fenster, weil ich von dem Lärm nicht mehr schlafen konnte. Gebt mir doch eine Autobahn. Am letzten Tag besuchten wir Max, der uns zeigte, wie er seine Downhill-Radbahn weitergebaut hat. Es schreitet nicht mehr mit dem Tempo voran, mit dem sein Projekt das erste Jahr vorankam. Weiter unten im Wald ist das Gelände sehr unwegsam, da kommt er mit dem Bagger nicht mehr gut hin. Dafür hat er ein paar alternative Routen gebaut. Mittlerweile konnte er das kleinere Haus kaufen, das Haus, in dem er wohnt, und wird zur Miete in das untere, große Haus ziehen, in dem viele Jahrzehnte lang eine Frau wohnte, die alle Zimmer mit Jesusbildern ausgeschmückt hatte. Das kleine Haus wird er dann Touristen vermieten, die die Radbahn benutzen wollen, oder auch einfach so, zur Miete in einem Holzhaus leben wollen. Später räume ich noch den Wald auf. Die Flächen, auf denen der umgestürzte Baum lag und wo ich die Bank bauen will, waren nun voll von altem Geäst und abgeschnittenen Jungbäumen. Weil die Fläche eher weitläufig ist, sammelte ich sie an mehreren Stellen, wodurch sich jetzt verschiedene Anhäufungen Altholz durch den Wald unter das Haus verteilen. Das sieht nicht gut aus. Also brachte ich alles Holz zusammen auf einen Haufen. Sieht auch nicht gut aus, aber ein wenig besser. Viel von dem Holz schmiss ich auch einfach weiter den Hang hinunter ins Gestrüpp, dort, wo man es nicht sieht und es die nächsten Jahre friedlich rotten darf. Meine Hündin liebt es, wenn wir im Wald beschäftigt sind. Sie ist ein Arbeitstier und half fleißig mit. Irgendwann, als sie meine Betätigung verstand, zog sie sogar eigenständig einen Jungbaum samt Wurzel aus der Erde. Ansonsten war sie aber keine Hilfe. Die Äste und Bäume, die ich den Hang hinunterwarf, missverstand sie als Aufforderung zum Apportieren und brachte sie wieder zurück. Ich musste daher schnell werfen, damit sie mit dem Apportieren nicht hinterherkam und dadurch bei jedem neuen Wurf abgelenkt wurde. Unten am Fluss sabotierte sie sogar unabsichtlich meine Arbeit. Es gab diesen umgefallenen Baum, der den Fluss überspannte. Wenn ich den nicht wegbekomme, werde ich auf dem Abschnitt im Sommer nicht mit Kajak fahren können. Ich zog Teile des Baumes daher flussabwärts. Ich hoffte, dass ich den oberen Teil dadurch abknicken könnte, oder ihn zumindest dermaßen unter Spannung setzen, dass er in den nächsten Wochen knickt oder gar abbricht. Der Stamm liegt auf der anderen Seite des Flusses, aber der Fluss ist etwa 15 Meter breit und sehr tief und das Wasser in dieser Jahreszeit noch kalt. Auf meinem Ufer habe ich jedoch dicke Äste, mit denen ich hantieren kann. Tatsächlich schaffte ich es, den Baum um etwa zehn Meter zu bewegen. Die Hündin half dabei mit dermaßen fanatischem Einsatz mit, dass der Ast, an dem sie zog, abbrach und wieder zurückschnellte. Danach blieben die Äste unerreichbar für mich. An dieser Stelle gab es nämlich matschigen Uferschlamm, darin wollte ich mich nicht festtreten. Nun. Die ganze Woche lang kam ich nicht zum Lesen. Ich las ziemlich genau eine Seite. Eigentlich las ich drei, aber weil ich immer einschlief und neu anfangen musste, erinnere ich mich nur an eine Seite. Einmal ging ich sogar früher ins Bett. Ich schlief dann aber einfach früher ein. Aber jetzt in der letzten Nacht wollte ich früh einschlafen, weil ich am nächsten Tag eine lange Autofahrt vor mir hatte. Da las ich natürlich 30 Seiten. Ich schlief trotzdem genug. Ich träumte davon, dass ich ein fester Podcast-Gast von Micky Beisenherz war. Er gab mir Anweisungen, dass ich das Mikro weiter von meinem Bart weghalten solle. Er sähe auf seiner Tonspur nämlich die Kratzer, die mein Bart verursache. Ich habe nämlich wirklich einen wildgewachsenen Bart und auch wildgewachsene Haare. Mittlerweile sehe ich echt nicht mehr aus. Heute standen wir früh auf und fuhren um 7 Uhr los, damit wir die Dänemark-Fähre um 13:00 Uhr schaffen. In Berlin würden uns 27 Grad erwarten, morgen soll die Temperatur sogar auf 31 Grad anwachsen. In Schweden hatten wir immer zwischen 18 und 20 Grad. Zu Hause hatten wir einen unangebrochenen Abend, daher schauten wir "The Boroughs", diese neue Netflixserie mit Rentnern, die in einer Art Seniorenresidenz zusammenleben. Stephen King lobte die Serie und es spielt Geena Davis mit, sowie Alfre Woodard, die mit ihren 73 Jahren seit 20 Jahren keinen Tag gealtert zu sein scheint. Allein wegen dieser beiden Schauspielerinnen lohnt es sich, den Fernseher anzuschalten. Bill Pullman spielt auch mit. Er stirbt aber schon in der ersten Folge.
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[Mi, 13.5.2026 – Psychogramm]
Dann kippte ich das gesamte Blog (1,2 Millionen Wörter) in die KI und ließ sie ein Psychogramm von mir erstellen. Das ist der Vorteil, wenn man solche großen Textmengen aus der Ich-Perspektive produziert hat. Heraus kamen durchaus interessante Details, deren ich mir nicht bewusst war. Die KI wunderte sich über meinen niedrigen Neurotizismus, bei gleichzeitig hoher Selbstreflexion. Das ist offenbar eine ungewöhnliche Konstellation. Menschen mit hoher Selbstreflexion sind in der Regel auch neurotisch. Außerdem attestierte sie mir Humor und komplexe Denkmuster. Das gefiel mir alles. Ich befragte sie auch nach Narzissmus. Manchmal glaube ich nämlich, dass ich narzisstisch bin, auch wenn andere Menschen behaupten, das träfe nicht auf mich zu. Die KI schloss Narzissmus bei mir kategorisch aus, sie wusste aber auch, warum ich auf diesen Gedanken gekommen sein könnte, und erklärte mir die Gründe. Zudem befragte ich sie, ob sie depressive Muster erkennen könne. Da war die Tendenz dann nicht mehr so deutlich. Dennoch ist die emotionale Bilanz positiv. Knapp, aber positiv. Sei erkannte auch, dass 2022 das einzige Jahr war, in dem die emotionale Bilanz ins Negative kippte. Ich kann das nachvollziehen, die private Situation war da nicht immer gut, zudem begann der Krieg in der Ukraine, der viel Düsterkeit über mich legte. Andererseits bekamen wir in jenem Jahr die Hündin. Sie zeigte mir auch meine Schwächen auf bzw. die negativen Merkmale. Die las ich aber nicht. Zumindest nicht offiziell. Mein inneres Tribunal braucht diese Info nicht. Immerhin fand sie keine Spuren von Sarkasmus oder Zynismus. Das hätte ich nicht gemocht. # Dann schaute ich endlich Tapeziervideos. Zumindest eines. Ich fand ein Video von Hellweg, das dauerte 4 Minuten, und ich fragte mich, warum ich das so lange vor mir hergeschoben hatte. Die Essenz aus dem Video: Man muss beim Tapezieren genau sein. Genau sein. Davor habe ich Angst. #
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[Di, 12.5.2026 – Sockenpaare, Statistik, Hessen, Tapezierfehler]
Bei Lidl 20 Paar einheitliche, schwarze Sockenpaare gekauft. Und jetzt fühle ich mich ungemein erwachsen. Dafür sortierte ich alle anderen Socken in einem Durchgang aus. Die wilde Mischung aus schwarzen Socken, die sich im Laufe der Jahre ansammelt, ist erstaunlich. Man denkt: schwarze Socken. Aber in Wirklichkeit ist es eine schwarzgraue Textilhölle aus unterschiedlichen Stoffen, Maßen und Formen. Kaum eine Socke passte noch zur anderen. Glücklicherweise kann man das in den Schuhen aber nicht erkennen. Weiß auch nicht, was ich mit dieser Erkenntnis jetzt mache. Sie hat wenig intellektuellen Wert. Aber das Gefühl, 20 baugleiche Socken im Schrank zu haben, ist ein schönes Gefühl. # Ich habe jetzt ein lokales Statistiktool hier eingebaut. Ich kann sehen, dass der Großteil der Besucherinnen aus Frankfurt kommt. Mit Abstand. Aus Berlin gibt es verhältnismäßig wenige Besuche. Auch Hamburg oder München sind eher selten. Allerdings kommen viele kleine Ortschaften darin vor. Und sonst: Überall Frankfurt. Seit Wochen. Lustigerweise kommt mein Vater aus einem kleinen Dolomitendorf, dessen Bewohner von den anderen Dörfern als "Hessen" bezeichnet werden. Den Grund kennt man nicht so genau. Eine Gasthaustheorie besagt, dass das Bergwerk, in dem man im Spätmittelalter silberhaltige Blei-Erze abbaute, viele Arbeitskräfte jenseits der Alpen anzog. Jetzt ist es so, dass im Dorf meines Vaters jede zweite Person "Pfeifer" mit Nachnamen heißt. Und zwar nur mit einem "f". Wir sind nicht alle miteinander verwandt, und natürlich übertreibe ich mit der 50%, aber Pfeifer ist der häufigste Name in diesem Dorf, während er in anderen Gegenden Südtirols kaum vorkommt. Nun gibt es diese Seiten, auf denen man die Verteilung von Familiennamen auf Landkarten überprüfen kann. Gibt man dort "Pfeifer" ein, erkennt man eine Konzentration dieses Namens in Hessen und Rheinland-Pfalz. Ich sag ja nur. Ich bin da etwas auf der Spur. Wie ich das mit dem Statistiktool in Verbindung kriegen soll, weiß ich allerdings auch nicht. # Wie viele Sockenpaare muss man eigentlich haben, um sinnvoll rotieren zu können? Laut Internet empfehlen die meisten Experten für Organisation 14 bis 20 Sockenpaare. Check. # Ich muss Tapeziervideos auf YouTube anschauen. Bis Sonntag muss ich es gelernt haben. Ich schiebe das vor mir her. Eigentlich wollten meine Frau und ich gemeinsam diese Videos schauen, aber sie hat das jetzt an mich delegiert, weil sie bis zu unserer Abreise noch so viel arbeiten muss, aber in Wirklichkeit hat sie nur noch weniger Lust darauf als ich. Und ich bin eher der Typ planloser Autodidakt: Ich fange einfach an und mache alles falsch. Dafür bin ich später Spezialist. #
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[So, 10.5.2026 – Holy Oly]
Während der ersten Halbzeit quatschten wir fast nur. Benny wird im Juli mit einem E-Auto nach Italien fahren. Auch Hendrik. Auch mit dem E-Auto und auch nach Italien. Als hätten sie sich abgesprochen. Tanja hatte Muskelkater und war müde von letzter Nacht. Sie war bei Kalkbrenner in Potsdam gewesen. Beim Spiel ging um nichts mehr. Dafür war es ein schöner, warmer Nachmittag im Olympiastadion. Wir werden nicht mehr aufsteigen, wir können nur noch Platz 6 verteidigen. Und so spielte auch unsere Mannschaft: ein wenig lustlos, und sie ließ sich vom Gegner aus Franken in die eigene Hälfte hereindrücken. Aber es war das letzte Heimspiel der Saison. Wir würden die Mannschaft in den Sommer verabschieden, ich werde viele Freunde erst nach dem Sommer wiedersehen, es ist wie [man füge hier einen poetischen Vergleich ein]. Die Ultras mühten sich nach Kräften, die Kurve anzuheizen, das Engagement wollte aber nicht so recht zu uns herüberschwappen. Zur Pause ging ich raus auf die Wiese und traf mich mit Sabine. Wir setzten uns ins Gras. Ich hatte mir einen Döner bei Hakiki geholt. Das wollte ich die ganze Saison schon tun. Auch schon die vorige Saison. Ich war bereits ein paar Mal an deren Stand, aber immer erst nach dem Spiel, da bauen sie ihren Stand meist schon ab. Heute also Premiere. Der Kult-Döner war in Ordnung, aber ich bekleckerte mich mit der Sauce, also einen Stern Abzug. Sabine wird nächsten Monat sechzig und wird das wohl feiern. Außerdem überlegt sie, nächste Saison zu uns in die Kurve runterzukommen. Oben in Block 2.1 ist fast niemand mehr. Sie sucht also jemanden, die eine Dauerkarte für eine Saison teilen oder angeben will. Letzte Saison hätte sie meine haben können, ich war ja in Hamburg und habe sicherlich weniger als zehn Spiele besucht. Während wir noch draußen saßen, ging drinnen das lähmende Spiel weiter, aber dann fiel plötzlich ein Tor und das Stadion schien zu explodieren. Danach änderte sich drinnen etwas an der Stimmung, also gingen wir wieder rein und verabredeten uns lose für nach dem Spiel. Nach dem Spiel der Männer würde es nämlich gleich weitergehen. Die Frauenmannschaft von Hertha absolvierte ihr letztes Saisonspiel, und zwar zum ersten Mal im Olympiastadion. Da Sabine eine der aktiven Supporterinnen der Frauenmannschaft ist, hat sie bei dem Spiel Verpflichtungen. Ich wollte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht festlegen, ob ich bleibe. Auf dem Weg zurück ins Stadion schrieb Tanja, wo ich denn bliebe. Sie war nämlich nicht nur müde, sondern auch hungrig. Ich hatte versprochen, Pommes mitzubringen. Also kaufte ich noch schnell eine Portion, die ich in Ketchup ertränkte und dabei vergaß, ein Holzgäbelchen einzustecken. Deswegen hatten wir nachher klebrige Finger. Drinnen war die Stimmung mittlerweile merklich besser geworden. Dann fiel noch ein zweites Tor und ein drittes. Das dritte Tor war allerdings vom Gegner. Es endete mit einem 2:1. Danach kam die Mannschaft ein letztes Mal in die Kurve. Die Mannschaft wurde verabschiedet. Der Vorsänger fand versöhnliche Worte. Auch Toni Leistner wurde verabschiedet. Er ist mittlerweile fast hundert und wird vielleicht seine Fußballerkarriere beenden. Er hielt eine emotionale Rede. Toni spielte früher nämlich einmal für Union und sagte in einem Interview vor fast hundert Jahren, dass Berlin rot-weiß sei. Als er dann vor drei Jahren bei uns anheuerte, schlug ihm deswegen viel Unmut entgegen. Nach wenigen Spielen merkten wir aber alle, wie unerschrocken er sich in jeden Zweikampf warf. Dann wurde er Mannschaftskapitän und schließlich auch Fanliebling. Der letzte Satz, den er gestern schließlich sagte, war: „Berlin ist blau-weiß.“ Tanja zeigte mir daraufhin die Gänsehaut auf ihrem Unterarm.
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[Sa, 9.5.2026 – Verwilderung, mehr als tausend Schritte]
Im Laufe des Jahres haben sich viele Gegenstände angesammelt, die wir dauerhaft in Schweden verwenden wollen. Das sind Gegenstände, die uns in Berlin lange gefallen haben, die wir jetzt aber durch etwas Neues ersetzen. Unter anderen Bedingungen würden wir diese Gegenstände verschenken oder irgendwie einer Zweitverwertung zuführen. Aber in unserem schwedischen Waldhäuschen gibt es dafür noch Platz. Es handelt sich um Sachen wie Lampen, Vasen, Kleidung, kleine Möbelstücke. Wir entscheiden üblicherweise gemeinsam darüber. Bei allem, was wir für das Haus wegsortieren, begleitet uns die Vorsicht, dass unser schwedisches Domizilchen keine Halde wird, für jene Gegenstände, die wir in Wirklichkeit nicht mehr wollen, von denen wir uns aber nicht trennen können. Heute trugen wir alles zusammen und stellten es in die Mitte des Wohnzimmers. Die Kleidung, die sich ansammelt, sind hauptsächlich Jacken, Jäckchen und Pullover. Oft sind es Fehlkäufe. Fehlkäufe eignen sich vortrefflich für ein zweites Leben im Wald. Fehlkäufe sind in der Regel ja nur fehlerhaft, weil sich die Kleidung ästhetisch nicht so verhält, wie man es dachte, und man in Berlin ja nicht mit ästhetischem Fehlverhalten herumlaufen kann. In Berlin kann man allerdings ästhetisch abgewirtschaftet aussehen. Das ist aber eine andere Kategorie. Im schwedischen Wald sieht einen aber niemand. Da kann man einer ganz eigenen ästhetischen Illusion hinterherlaufen. Das birgt allerdings auch die Gefahr, dass wir uns in Schweden nachlässig kleiden. Das ist ja ohnehin mein Problem. Ich bin nämlich gerne angezogen. Ich bin nicht immer gut angezogen, aber ich weiß immer sehr genau, was ich trage. Im skandinavischen Wald verwildere ich jedoch zusehends ziemlich schnell. Innerlich und äußerlich. Einmal fiel uns auf, dass nur wir verwildern. Die schwedischen Waldbewohner nicht. Die Frau des Cousins, die 2km flussaufwärts im Wald wohnt, ist eine schöne, sehr dünne Frau um die 60. Sie hat lange, weiße Haare und sieht aus, wie ich mir eine Waldhexe vorstelle. Dazu muss ich sagen, dass ich eine sehr positive Vorstellung von Hexen habe. Letzten Sommer fiel uns auf, wie gut sie immer angezogen ist. Wir nicht. Wir verwildern. Mir wächst das Haar aus dem Gesicht und ich fange an, zu riechen wie ein Wildschwein. Jetzt müssen die Berliner Fehlkäufe die Situation retten. # Am Nachmittag ging ich mit Freundinnen und den Hunden spazieren. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die wir "10.000 Schritte Gang" genannt haben. Wir liefen bis hinüber zum Stadtpark Lichtenberg. An der Brücke am Ende der Eldenaer hörte für mich lange Zeit die Welt auf. Dahinter auf der linken Seite gab es eine Nazikneipe. Dort begann das dunkle Lichtenberg. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Neuberlinerinnen ziehen heute ja hauptsächlich nach Lichtenberg. Weiter drinnen gibt es schließlich keinen Platz mehr. Das tat Lichtenberg eher gut. Rechts hinter der Brücke gibt es den Stadtpark. Es ist ein erstaunlich schöner, kleiner Park. Ganz versteckt. Sehr alte Bäume. Verwinkelt. Und man merkt ihm den Gestaltungswillen an, den man an ihn ausgeübt hat. Danach Aperitif. Wir kehrten bei Backaro in der Proskauer ein. Wir erhielten die Drinks um 15:58. Zwei Minuten vor Drink-o’-Clock. Um 15:59 stießen wir trotzdem an. Wir stellten fest, dass wir 9000 Schritte gelaufen waren. An 10.000 hatten wir auch nicht ernsthaft geglaubt. #
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[Fr, 8.5.2026 – Campari, Rasenmäher]
Dieses Jahr kommen unsere Nachbarn wieder mit nach Schweden. Sie wollen sich dort ein Holzhaus kaufen und haben mehrere Hausbesichtigungen auf dem Programm. Aus diesem Grund trafen wir uns zur offiziellen Planung. Da es aber nicht viel zu planen gab, tranken wir vor allem Drinks und aßen Pizza. Das werden wir sicherlich auch in Schweden so händeln. Dort haben wir ja auch den Pizzaofen, den wir wieder in Betrieb nehmen werden. Außerdem habe ich jetzt einen Rasenmäher, auf dessen Einsatz ich mich sehr freue. Der Rasenmäher hat jetzt nichts mit Essen zu tun, aber ich freue mich wirklich sehr darauf. Alle machten sich deswegen ein bisschen lustig über mich. Das begleitet mich seit Jahren. Niemand versteht, warum ich ständig Gras mähen will. Alle am Tisch lieben gerade das Wilde an so einem schwedischen Waldhäuschen. Ich mag aber kein hohes Gras. Ich hasse hohes Gras regelrecht. Es gibt einen Grund, warum sogar die amerikanischen Ureinwohner die riesigen Grassteppen in Nordamerika mieden und diese erst erkundeten, als die Europäer mit ihren Pferden kamen. Die Ureinwohner und ich. Nur wir haben wirklich Ahnung. Meine Frau und ich sollten Campari mitbringen, aber es gab keinen Campari mehr, also fotografierte ich das Aperitifregal und schickte es der KI. Was von den Dingen hier eignet sich als Campari-Ersatz. Ich schicke der KI keine Fragezeichen mehr mit. Die Antwort war ausführlich. Geschmacklich sollte offenbar die Eigenmarke Itarol dem Campari am nächsten liegen. Allerdings hatten wir ein schlechtes Gefühl dabei, mit einer 2‑Euro-Flasche aufzutauchen. Deswegen entschieden wir uns, eine zusätzliche Flasche eines roten Aperitivs zu kaufen. Der schmeckt zwar ziemlich anders, aber er war wesentlich stylischer und entsprechend teurer. Nun hatten wir eine Flasche, die dem Campari geschmacklich ähnelte, und eine Flasche, die ihm preislich ähnelte. Wenn man das mischt, kommen wir Campari sehr nahe.
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[Mi, 6.5.2026 – simplicity in prose, Ringbahn, Tiergartenquelle]
Dummerweise komme ich dadurch schon seit Tagen nicht mehr zum Lesen. Dabei habe ich mir vor zwei Wochen Train Dreams von Denis Johnson gekauft, das neulich in einem Podcast (weiß nicht mehr welchen) besprochen wurde. Es behandelt die Lebensgeschichte eines Holzfällers und Tagelöhners auf etwa 80 Seiten. Die Geschichte soll sehr eindrücklich sein und wird als "clean and pure american simplicity" in Prosa beschrieben. Sie wurde letztes Jahr verfilmt und erhält auf Rotten Tomatoes 95% Zustimmung. Eine Lebensgeschichte auf 80 Seiten. Das will ich unbedingt lesen. Als ich das bestellte Buch abholte, dachte ich, ich setze mich in den Erkner und lese es bis zum abendlichen Zähneputzen durch. Aber dann kam mir KI dazwischen. # Habe ich schon einmal gesagt, wie sehr ich es hasse, wenn man auf dem Ring in die Bahn steigt, sich in der Ringbahn wähnt, aber am Bahnhof Bornholmer merkt, dass man eben nicht in der Ringbahn sitzt? Nein, habe ich nicht. # Vorgestern saß ich im Biergarten der Tiergartenquelle. Zwischen Tiergartenquelle und dem Biergarten verläuft eine durchaus befahrene Straße mit einer Ampel direkt vor dem Eingang. Der Kellner bringt die Speisen aus der Küche über die Straße hinüber zum Biergarten und die leeren Teller wieder zurück. Das geht den ganzen Abend so. Er wartet an der Ampel immer bei Rot. Weiß nicht. Diese logistische Ineffizienz. Mir würde sie den Spaß am Job verderben. Ich wäre aber auch ziemlich schnell Roadkill.
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[Di, 5.5.2026 – Psychonukleare Physik]
Bin gerade sehr damit beschäftigt, in meinem Unternehmen einen Rahmen für Künstliche Intelligenz einzuführen. Das nimmt in diesen Tagen einen großen Teil meines Aufmerksamkeitshorizonts ein. Weil meine Firma einen erhöhten Bedarf an Datenschutz hat, gibt es große Bedenken bezüglich der Datenhandhabung von US-Unternehmen, was seit einigen Monaten ja ohnehin voll mein Thema ist. In diesem Zuge kam ich darauf, dass man verschiedene große Sprachmodelle auch einfach herunterladen und selbst betreiben kann. Nicht ChatGPT und nicht Claude oder Gemini. Aber verschiedene andere, sogenannte Open-Source- bzw. Open-Weight-Modelle, die in Aktualität vielleicht ein halbes Jahr hinterherhängen, aber für 99% aller Anwendungsfälle vollkommen ausreichen. Ich hatte schon über solche Modelle gelesen bzw. sie überlesen, dass das aber wirklich eine valide Alternative ist, mit richtig starken Sprachmodellen, die man völlig autonom lokal auf einem abgeschotteten Server betreiben kann, das wollte offenbar nicht zu mir durchdringen. Ein Server, auf dem man das betreiben kann, kostet zwar viel Geld, aber es ist immer noch wesentlich billiger, als tausend Mitarbeiterinnen mit Pro-Accounts von ChatGPT auszustatten. Es gibt dieses Emoji mit dem explodierenden Kopf. Ich glaube, der Kopf symbolisiert eine Explosion psychonuklearen Ausmaßes. Für mich ist psychonukleare Physik etwas Positives. Ich laufe seit Tagen mit einem Kopf herum, der diesem Emoji ähnelt. Das wollte ich sagen. Nein, ich schreibe gerade nicht am großen Textprojekt weiter. Ich wollte ursprünglich etwas weniger bloggen und mir dafür Zeit für das Romanprojekt nehmen. Stattdessen liegen bei mir zu Hause wieder viele Kabel herum, an deren Ende Laptops, Raspis und Mini-PCs große und kleine KI‑Modelle betreiben.
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[So, 3.5.2026 – Sonnenfaktor, Kunst]
Zwei Tage, an denen man Sunshine-Guilt haben könnte. Ich habe ja nicht wirklich etwas gegen Sonne. Vor allem, nach diesem Winter freut es mich durchaus, dass die niedrigen Temperaturen mehr oder weniger vorüber sind. Aber ich mag die Sonne eher, wenn es bewölkt ist. Vor einiger Zeit stellte ich mit Entsetzen fest, dass ich jetzt wesentlich schneller altern werde, weil ich wegen der Hündin ständig in der Sonne bin. Eigentlich mied ich die Sonne mein ganzes Leben lang. Nicht für eine noble Blässe, aber ich empfinde sommerliche Sonne auf meiner Haut wirklich als unangenehm. Jetzt habe ich aber eine Hündin und ich kann mich nicht ständig von Schatten zu Schatten schleichen. Ich werde jetzt sehr schnell sehr alt aussehen. Neulich lernte ich, dass die meisten Menschen in Deutschland Sonnencreme verwenden. Deswegen begann ich eine neue private Statistik. Ich befragte Leute auf der Hundewiese danach, ich befragte Kolleginnen danach und auch einfach Freundinnen: "Hast du eigentlich Sonnencreme auf?". Das wird fast immer mit Ja beantwortet. Also immer, wenn die Sonne scheint. Auch im Winter. Jetzt habe ich das Gefühl, irgendetwas grundlegend und über Jahre hinweg falsch gemacht zu haben. Nun ist mein Hauttypus eher von der mediterranen Art, oder zumindest nicht so bleich, wie die meisten Menschen in meinem Kiez, ich bilde mir ein, dass es bei mir nicht ganz so schlimm sein wird, trotzdem nehme ich mir immer wieder vor, mich mit Sonnencreme einzuschmieren, was ich allerdings nicht schaffe, weil ich erstens, nie daran denke und zweitens mir ungerne kalte Sachen ins Gesicht schmiere. Meine Frau sprüht mich manchmal mit Sonnensprühcreme ein. Das ist unangenehm, geht aber sehr schnell, und es kommt jedes Mal überraschend für mich. Also eher schmerzlos. Ich habe jedoch ein Einsehen, dass ich mein Verhalten grundlegend ändern muss. Es sind immer die gleichen Leute, die alt aussehen: diejenigen, die rauchen, und diejenigen, die immer in der Sonne sind. Aber ein schattiges Plätzchen im Biergarten ist trotzdem fein. Und sonst so. Heute hingen wir die Bilder im Wohnzimmer um. Bzw. wir ergänzten die Wand um weitere Bilder. Dafür waren wir gestern bei Obi, um Rahmen zu kaufen. Mein Schwager ist riesengroß, der kann die Bilder fast auf den Zehenspitzen nageln. Die Wand ist nun fast voll. Demnächst kommt noch ein Bild von Modigliani dazu, das Bild, auf dem er den grinsenden Ehemann von Frida Kahlo portraitierte, und auch ein Bild von Tamara de Lempicka, ein Selbstporträt. Ich suche schon seit einiger Zeit ein Tattoomotiv, das meine Hündin darstellt. Für meine Haut und nicht für die Wand. Ich hätte gerne eine Zeichnung von ihr, am besten eine Skizze, wild, unfertig, improvisiert, vielleicht eine Kinderzeichnung. Ich ließ bereits Kinder die Hündin zeichnen. Auch die KI. Aber nie kam etwas heraus, das mir gefiel. Erst heute fiel mir auf, dass Basquiats schwarzer Hund meiner Hündin ziemlich ähnelt. Das Bild hängt schon seit über zehn Jahren in unserer Wohnung. Nie habe ich die Parallele gezogen. Ich glaube, ich verwende das Motiv. #
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[Fr, 1.5.2026 – Beachen, Frühsommer, Hochsommer]
Das Wort „vorgestern“ kommt hier sehr selten vor, aber vorgestern war ich auf einem Offsite-Termin mit meiner Firma im Beach Mitte am Nordbahnhof. Ein Workshop, an dem die gesamte Firma teilnahm. Baustellen identifizieren und nach Lösungen suchen. Der gesamte Tag verlief erstaunlich positiv. Im Anschluss saßen einige von uns noch lange auf den Bierbänken. Manche spielten ein paar Runden Beachvolleyball, manche tranken nur Bier. Ich spiele wirklich gerne Beachvolleyball. In einer früheren Firma hatten wir jeden Donnerstag ein festes Feld reserviert, da ging ich dann regelmäßig hin. Aber es plagt mich seit Monaten ein Stechen in meiner rechten Schulter, das Spiel hätte mir an dem Abend keinen Spaß gemacht, außerdem hatte ich vergessen, die Zehennägel zu schneiden, daher schlug ich das Spielen aus und vergnügte mich bei Spaten-Bier auf den Bierbänken mit den anderen Menschen, die auch Wehwehchen oder ungeschnittene Zehennägel hatten. Am nächsten Morgen wurde ich nach einer unruhigen Nacht spät wach und tagsüber hatte ich einen anstrengenden Tag im Büro. Am Abend kam dann mein Schwager nach Berlin und so setzten wir uns ins Backaro in der Proskauer, wo wir ein paar Aperitive tranken. Es war der erste Frühsommertag, noch kühl genug, ein Blouson als Backup dabei zu haben, aber eigentlich schon T-Shirt-Wetter. Danach aßen wir eine Pizza bei Byebye Cavaliere, und als wir zu Hause einen Film schauen wollten, nickte ich vor Müdigkeit ständig weg. Meine Frau sagte "hey nicht schlafen" und ich stellte meinen Kopf wieder gerade, konnte den Dialogen aber nicht mehr folgen. Ich versuchte, meinen Kopf so zu drehen, dass man meine zugefallenen Augen nicht sieht, und nickte wieder weg. Das ging bestimmt fünfmal oder hundertmal so. Bis ich schließlich sagte, dass ich ins Bett gehe. Es war 20:30 Uhr. Ich schlief sofort ein. Stunden später wachte ich auf. Es war 23:59 Uhr. Ab dem Moment lag ich dann zwei Stunden wach. Ich hasse die Gedanken, die nachts in mir Freigang haben. Heute verbrachten wir den Tag hauptsächlich inhäusig. Ich baute den WC-Schrank zu Ende. Dabei musste ich nochmal mit meiner Akku-Kreissäge (habe ich schon gesagt, dass ich meine neue Akku-Kreissäge liebe?) nacharbeiten und eine Schräge von 3mm absägen. Jetzt passt alles. Ich werde mal ein Vorher-Nachher-Foto posten, sobald ich auch den Beauty-Schrein gebaut habe. Mein Schwager half seiner Schwester beim Aufhängen von Bildern. Zwischendrin saß und lag unsere läufige Hündin. Es ist die schlimmste Läufigkeit bisher. Sie tut mir ziemlich leid. Vor allem abends schnellt ihr Hormonhaushalt über und sie reitet stundenlang ihr Bettchen, und wenn sie das nicht tut, steht sie ziemlich apathisch in der Wohnung herum und hechelt. Keine gute Zeit. Es ist der erste Mai. Mit 24 Grad noch frühsommriger als der Tag davor. Morgen wird es mit 27 Grad schon hochsommrig. Ich trug zum ersten Mal in diesem Jahr eine kurze Hose. Dies fürs Protokoll.
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[Di, 28.4.2026 – Lesen, Bären]
Die Läufigkeit der Hündin erreichte heute einen ungekannten Höhepunkt. Sie schmeißt sich einfach vor allen Hunden hin. Rüden wie Weibchen, kastriert wie unkastriert. Total Berlinstyle, pansexuell und polyamourös. Es überrascht mich, wie sehr andere Weibchen auf eine läufige Hündin reagieren. Ein Mitarbeiter brachte heute seine Hündin mit, als diese an meinem Tier roch, begann sie zu sabbern. Ähnlich ging es gestern einem Rüden. Nun. Wir müssen hier auch nicht ins Detail gehen. Gestern war ich bei der Lesereihe Immer.Bärbel in Weißensee, auf der ich letzten November auch aus meiner Novelle las. Gestern stellte Moritz Klose sein Buch über Bären vor. Eigentlich ein Sachbuch, eine schöne Sammlung aus Infos und vielen Anekdoten von Zeltabenteuern in Alaska und Rumänien. Sein Hund war an dem Abend auch dabei. Jedes Mal, wenn das Publikum klatschte – und es klatschte wirklich oft –, sprang der Hund von der Bühne auf und rannte aufgeregt durch die Reihen im Publikum, um zu checken, was da gerade los war. Das war in Wirklichkeit lustiger, als es sich textlich erklären lässt. Vielleicht funktioniert das Bild besser, wenn man sich einen nervösen Vizsla (siehe Instalink) vorstellt, der wirkt, als wäre er vom Chef aus dem Schlaf gerissen worden und jetzt schnell etwas unkoordiniert und hektisch die Sicherheitslage inspiziert. Nah. Trifft es nicht wirklich besser. Auf der Lesung traf ich eine Frau, die ich bei der Lesung im November auch schon gesprochen hatte. Wir arbeiteten vor etwa 15 Jahren zusammen bei Immobilienscout. Ich weiß nicht mehr, was sie da tat, aber ich kann mich an ihr Gesicht erinnern und daran, dass sie in der Kantine immer die Berliner Zeitung las. Nie den Tagesspiegel oder die Morgenpost, immer nur die Berliner Zeitung. Dabei war es damals schon nicht mehr üblich, eine Zeitung aus Papier zu lesen. Gestern war sie wieder da. Ich konnte mich aber nicht mehr erinnern, ob ich sie im November wirklich gesprochen hatte. Sie stellte sich neben mich und nach einer kurzen Weile grüßten wir uns. Ich fragte sie: Hatten wir im November über Immobilienscout gesprochen? Sie sagte: Ja. Danach fühlte ich mich erleichtert. Nun. Bären. Ich weiß alles über Bären. Als Moritz das Publikum befragte, wie viele Bärenarten es gäbe, hob ich die Hand und sagte: vier. Das stimmte offenbar nicht. Die richtige Zahl wäre acht gewesen. Das wusste ein junger Mann hinter mir. Die meisten Menschen sagten irgendeine hohe Zahl, fünfundsiebzig oder fünfundvierzig, oder so. Das war alles falsch. Ich lag auch falsch, aber eben nicht ganz so falsch. Niemand wusste zum Glück, dass ich dachte, ich wüsste alles über Bären. Zugegebenermaßen liegt meine Kernkompetenz eher bei Eisbären. Aber Eisbären interessierten an dem Abend niemanden. Später stand ich mit einem Mann an der Bar, mit dem ich mich bereits am Anfang des Abends unterhalten hatte. Wir waren beide verwundert darüber, dass sich Braunbären hauptsächlich vegetarisch ernähren. Wie wir gerade gelernt hatten. Nur selten reißen sie mal ein Reh oder ein anderes Tier, um es zu verspeisen. Ich erzählte ihm davon, dass Eisbären Menschen bei lebendigem Leib verzehren. Also während man schreit und so. Wäre ich ein Eisbär, würde mich das nerven. Aber so sind die halt. Fressen dich so lange auf, bis du nicht mehr schreien kannst. Der Mann fand das anfangs noch ganz lustig, aber ich kam irgendwie nicht aus diesem schrägen Thema heraus, und so ließ er mich ziemlich abrupt alleine an der Bar stehen. Aber in der Bademeisterbar, wo die Lesung stattfand, schenken sie Bier von Eschenbräu ein. Es gibt wahrlich schlimmere Orte, um alleine an der Bar stehen gelassen zu werden.
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[So, 26.4.2026 – Paris, Kreuzlinien, Nextcloud]
Ich tauschte ein paar Sprachnachrichten mit einem alten Freund aus. Vor drei Jahren zog er mit seinem Mann und deren Sohn aus beruflichen Gründen nach Paris, und obwohl er gerne länger dort bleiben möchte, wünschen sich Mann und der Sohn eine Rückkehr nach Berlin. Diesen Sommer werden sie zurückkehren und wieder ihre alte, geliebte Wohnung beziehen, die sie für die Zeit untervermietet hatten. Aus diesem Grund tauschten wir uns kurz über die Lage in Berlin aus und ich verfiel ziemlich schnell in eine negative Haltung, dass Berlin gerade irgendwie tot sei, keine Energie mehr habe, von der Progressivität nichts mehr übrig sei, alles irgendwie gelähmt sei, dass die Politik keine Vision für diese Stadt habe, dass die Vermüllung nicht abbricht, dass den Leuten ihre Stadt egal ist. Es folgte ein längerer Monolog, in dem ich mich ständig entschuldigte, dass ich nicht so negativ sein möchte. Wenn ich daran denke, wie Paris in den letzten Jahren radikal für Fußgänger und Radverkehr umgebaut und in Berlin vor drei Jahren alle diese Projekte gestoppt wurden. Und dann steigt nicht einmal Hertha mehr auf. Er antwortete mir, dass er meine Beobachtungen teile, er bekäme zurzeit von vielen Menschen mit, die Berlin nach vielen Jahren wieder verließen. Später wollte ich meine Negativität etwas relativieren. Ich antwortete ihm, dass das ja immer ein Auf und Ab ist. In den Neunzigern war Berlin spannend, kurz vor den Nullerjahren ebbte alles wieder ab, zehn Jahre später war Berlin wieder ungemein progressiv, sodass die Stadt beliebter und sonniger war als der Rest der Welt. Paris verhielt sich dabei genau antizyklisch. In den Jahren, in denen Berlin progressiv war, war Paris ein langweiliges Puppenstübchen und umgekehrt. Wahrscheinlich blüht hier in zwei oder drei Jahren wieder alles auf. Ich weitete meine Negativität schließlich auf ganz Deutschland aus. Denn eigentlich liegt es gar nicht so sehr an Berlin. Berlin ist vielleicht noch der erträglichste Ort in dieser Republik. Vielleicht. Dennoch freute ich mich, dass sie zurückkehren. Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem Bauprojekt Tages-WC. Dabei kam mein neues Kreuzlinien-Lasergerät zum Einsatz, das nicht so praktisch ist, wie ich gedacht hatte, aber sehr fotogen ist (siehe Foto). Der Beauty-Tempel ist nicht fertig geworden. Es fehlt noch viel Feinschliff. Währenddessen verfolgte ich die Hertha-Mitgliederversammlung im Ticker. Heute wurde der Aufsichtsrat neu gewählt. Gestern verloren wir in einem kläglichen Spiel gegen ein unterlegenes Holstein Kiel, das aus sehr wenig sehr viel machte, und zwar genug, um uns ein Tor zu schießen und selbst keines zu kassieren. Damit ist jetzt auch meine letzte Aufstiegshoffnung erloschen. In zwei Wochen werde ich noch zum Heimspiel gehen, danach bin ich in Schweden, damit ist die Saison für mich fast schon vorbei. Seit zwei Tagen beschäftige ich mich intensiv mit Nextcloud und einer lokalen KI. Ich bin völlig überrascht, wie einfach es ist, ein lokales LLM zu betreiben. In meiner Firma bin ich verantwortlich für die sogenannte digitale Transformation. Dabei spielen digitale Souveränität und Datenschutz eine große Rolle. Das ist auch privat gerade mein großes Thema, und in diesem Zuge habe ich mich in Nextcloud eingearbeitet, was sich als kleiner, aber ungemein cooler und flexibler Microsoft-Ersatz einsetzen lässt. Jetzt habe ich sogar festgestellt, dass sich darin ein Chatbot befindet, den ich an beliebige KI-Modelle anbinden kann, sogar an eine lokal gehostete, also komplett ohne Suchanfragen in die USA betriebene KI. Das kostet für 1000 Mitarbeiterinnen alles ein bisschen Geld, aber im Grunde nicht mehr, als würde man Chatgepetto- oder Claude-Lizenzen kaufen. Das installierte ich heute alles lokal auf meinem Laptop und bin immer noch etwas ungläubig, wie schick und reibungslos das alles gelöst ist.
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[Sa, 25.4.2026 – Bauprojekt, Rudelkontrolle]
Zwei Tage nachdem ich den Rasenmäher bestellt hatte, konnte ich 22 Tabs in meinem Browser schließen. Produktvergleiche, Produktdokumentationen, Baumarktseiten, Bewertungen, Fachforen, Fanforen. Der Blick auf die noch offenen Tabs fühlte sich an, wie ein Blick in eine fiebrige Vergangenheit. Aber jetzt Projekt Beautytempel. Das neue Projekt begann damit, dass ich ein Vorher-Bild machte, um später ein Nachher-Bild zu schießen. Cool wäre es auch, ein Zeitraffervideo zu drehen, aber die Arbeit findet hauptsächlich außerhalb des kleinen WCs statt, wo ich säge, zuschneide, bohre. Im WC montiere ich das Ganze nur zusammen. In Schweden drehten wir einmal ein Zeitraffervideo davon, wie wir das Wohnzimmer malten. Die Kamera stand in einer Ecke und filmte uns stundenlang. Das Ergebnis gefiel mir aber nicht. Weil zu wenig passierte. Man sah wenig vom neuen Weiß auf dem alten Weiß. Danach verbrachten wir drei Stunden im Baumarkt. Ich brauchte auch ein neues Kreissägeblatt, da wir auf verschiedenen Oberflächen Korkplatten verlegen wollen. Letztendlich schnitt ich den Kork aber händisch mit einem simplen Cutter. Der Tag endete mit einem Feierabendbierchen unten auf der Straße. Wir haben auch eines dieser sogenannten Parklets aus Holz, also diese Bankkästen, die in Berlin überall anstelle von Autoparkplätzen gebaut wurden. Dort lässt es sich vortrefflich sitzen, um einen Feierabenddrink zu sich zu nehmen. Letztes Jahr saß ich im Sommer manchmal da, um etwas zu lesen. Aber Feierabendbierchen kann man darin auch trinken. Die Hündin mag es nicht, wenn wir zwei Biere intus haben. Sie merkt, wie unseriös wir werden. Die Hündin nimmt das Leben ernst und hält den Wachposten inne. Während wir mit lockerer Zunge im Parklet sitzen, und uns über sie lustig machen, steht sie mitten auf dem Bürgersteig und hält die ganze Straße im Blick, wobei sie immer wieder abfällige Blicke zu uns herüberwirft. Sie kann nicht verstehen, wie wir so leichtsinnig die Kontrolle über das Rudel verlieren können.
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[Fr, 24.4.2026 – Beautytempel]
Meine Frau möchte das Tages-WC etwas aufgeräumter gestalten, in ihr gärte daher die Idee, einen kleinen Einbauschrank darin zu verbauen. Mit meinen neuerdings entwickelten handwerklichen Fähigkeiten, würde ich diesen natürlich bauen, also tranken wir heute unser Freitagabendbierchen im 2qm großen Tages-WC, besprachen gemeinsam die Gestaltung und nahmen schließlich auch das Aufmaß ab. Das Tages-WC ist eigentlich mein Beautytempel. Das wusste meine Frau bisher nicht. Ich wusste das auch nicht. Aber jetzt wissen wir es beide. Das Tages-WC befindet sich nämlich genau neben der Wohnungseingangstür. Es ist die letzte Etappe vor der Außenwelt. Deswegen haben sich dort mein Bartöl, meine Parfüms und meine Pomaden angesammelt. Das große Badezimmer befindet sich hingegen ganz hinten am anderen Ende der Wohnung. Ich will da nicht jedes Mal hin, wenn ich das Haus verlasse. Im Tages-WC vorn hängt ein Spiegel, für mich reicht in der Regel ein kurzer Blick hinein. Sitzt das Haar? Habe ich Haferflocken im Bart? Habe ich Flecken auf dem Hemd? Zwar wasche ich mich im hinteren Badezimmer, aber meine Beautyroutine kommt erst vor Verlassen der Wohnung und sie ist üblicherweise sehr kurz: ein erbsengroßes Knäuel Pomade in den Händen, das ich in den Haaren verreibe, und dann zweimal Pfft Pfft mit einem der Parfüme (zurzeit „Leder 6“ von Schwarzlose Berlin). Danach verlasse ich das Haus. Zugegebenermaßen ist die Ablage, auf der sich meine Beautyutensilien befinden, ziemlich zugemüllt. Es befinden sich Einkaufstüten, Reinigungsprodukte und sogar ein Ast darin, den meine Hündin einmal nach Hause geschleppt hat. Dass ein Teil davon ein Beautyaltar ist, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Auch nicht auf den zweiten Blick, wenn ich ehrlich bin. Meine Frau wollte nun alle Tüten, losen Fläschchen und Döschen in einem Schrank verstauen. Aber. Sie wusste es nicht. Ich wusste es auch nicht. Der Gedanke daran, dass meine Utensilien in einem Schrank verschwinden würden, störte meinen Beautyvibe. Ein wesentlicher Bestandteil meines Beautytempels sind nämlich die schönen Fläschchen und Döschen. Auf den metallenen Pomadendosen von Reuzel prangt ein schönes Schwein und auf den Pomaden von Tenax ein Nashorn. Ich mag die schwarze Kugel auf der Molton-Brown-Flasche und das mysteriöse Schwarzlose-Fläschchen. Ich will das alles nicht hinter einer Schranktür verstaut haben. Es gehört zu meiner Beautyroutine, wie kurz sie auch sein mag, dass ich auf schöne Döschen und Fläschchen schaue. Deswegen haben wir das jetzt umgeplant. Unter dem Schrank spare ich 22cm aus. Dort lege ich einen dunklen Korkstreifen aus und beleuchte ihn dahinter mit einem LED-Strip. Das Ganze wird dann wahrscheinlich ziemlich religiös aussehen, aber so ist das eben mit Tempeln. Immerhin weiß ich jetzt auch, dass ich einen Beautytempel und eine Beautyroutine habe.
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[Mi, 22.4.2026 – Maschinen mit Wumms, Sperrfroh]
Weil ich einer Freundin neulich mit ihren technischen Problemen half, schenkte sie mir überraschenderweise einen hundert Euro Gutschein für Toom, weil sie weiß, dass ich mittlerweile mehr Zeit bei Toom verbringe, als beim Barbier. Heute bestellte ich mir deswegen einen benzinbetriebenen Rasenmäher, für den ich sonst immer zu geizig gewesen war. Eigentlich wollte ich mir einen einfachen Akku-Rasenmäher kaufen, wenn man aber zu tief in die wundersame Welt der Rasenmäherei hineinschaut, dann findet man nicht mehr so leicht heraus. Jetzt kaufte ich einen Benziner für 400 Euro. Was vor allem daran liegt, dass ich die Maschine für Schweden anschaffe, wo ich keine Maschine brauche, um den Rasen millimetergenau zu trimmen, sondern für zwei kleine, wilde Wiesen mit Gras und Gestrüpp in einem skandinavischen Wald, die gezähmt werden müssen. In den Fach- und Liebhaberinnenforen reden sie immer von "Wumms". Man braucht Maschinen mit Wumms. Jetzt habe ich eine Maschine mit Wumms und fühle mich wie ein Großgrundbesitzer. Letzte Nacht schlief ich fürchterlich. Ich glaube, ich schlief in der Summe zwei Stunden. Als ich aufstand, war ich müde, als ich mit der Hündin hinausging, war ich müde, als ich ins Büro ging, war ich müde, in jedem Meeting war ich müde. Ich sehnte mich den ganzen Tag lang danach, mich hinzulegen und die Augen zu schließen. Sogar noch auf dem Rückweg in der S-Bahn. Sobald ich zu Hause ankam, verwandelte ich mich aber in ein hyperaktives Kaninchen. Das war vielleicht auch der Grund, warum ich mich vom eigenen Weblog aussperrte. Eigentlich wollte ich nur eine Firewall installieren und mir lästige Crawler aus Hongkong und den USA vom Leib halten. Ich sperrte dermaßen sperrfroh, dass ich plötzlich selbst nicht mehr an das Weblog herankam. Und zwar dermaßen konsequent auf Serverebene, dass es mich über eine Stunde kostete, meine Fehler zu korrigieren. Aber ich fühlte mich immer noch wie ein Großgrundbesitzer.
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[Mo, 20.4.2026 – Neni, wir sind in Hitze]
Mit Alexander im Neni am Zoo gewesen. Wir stellten fest, dass wir uns fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hatten und trotz Internet doch immer irgendwie in Kontakt geblieben sind. Wir kannten uns damals aus Hamburg. Kaffee.Satz.Lesen, Weblogs. Sein Weblog gibt es nicht mehr. Es hieß Barmblog. Als er von Barmbek nach Köln zog, stimmte der Name nicht mehr. Wir erzählten einander aus unseren Lebens und redeten natürlich über Software, Literatur und über Utrecht. Dabei aßen wir israelische Meze und neben uns tauchte die Sonne hinterm Zoo den Himmel in Farben. Es war schön. Ansonsten ist die Hündin wieder läufig. Etwas früher als gewohnt, und es wirft unsere Tagespläne durcheinander. Ich werde sie wohl erst einmal mit ins Büro nehmen, weil meine Frau in diesen Tagen nicht zu Hause ist. Wenn ich davon erzähle, dass sie läufig ist, rede ich davon, dass wir läufig sind. Wie man auch sagt: Wir sind schwanger. Es kommt ungewollt aus mir heraus. Es fühlt sich nicht richtig an. Aber die Leute finden es witzig. Mir auch recht.
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[Sa, 18.4.2026 – amorphe Masse, starren im Park, Brechbohnen im Pesto]
Ich würde ja auch gerne Trenchcoats tragen, aber ich bin körperlich nicht für Mäntel gemacht. Innerlich fühle ich mich wie ein Trenchcoat-Typ. Ein bisschen elegant, ein bisschen geheimnisvoll. Äußerlich bin ich aber eher der Typ bulliger Kraftmensch aus dem Zirkus. Ohne die Kraft, allerdings. In Mänteln sehe ich aus, als wäre ich eingepackt, wie ein Geschenk. # Ich verfalle regelmäßig irgendwelchen Instagram-Kochtrends. Einige davon sind wirklich gut. Die meisten sind jedoch mittelmäßig. Ich probiere trotzdem alles, kein Experiment soll an mir ungetestet vorübergehen. Gestern griff ich allerdings daneben. Es gab diesen bärtigen Typen, der Hartzer Käserollen in eine Ofenform gab, Ajvar dazuschüttete und in den Ofen schob. Das schien mir eine ungemein geniale Idee. Hartzer Käse schmeckt gut, hat wenige Kalorien und zudem liebe ich Speisen aus dem Ofen. Ich nahm statt Ajvar Tomatenpüree und Erbsen. Darüber schnitt ich ein paar Zwiebelringe. Das Ergebnis war eine seltsam amorphe, klebrige Masse, die nach Hartzer Käse roch und meinen Bart verklebte. Sie war zu fest, um als Sauce zu funktionieren, und zu weich, um dem Ganzen eine Form zu geben. Und wie gesagt: Sie klebte überall. Mache ich nie wieder. Später fand ich allerdings heraus, dass der bärtige Typ seine Erfindung in die Mikrowelle schob. Da bleibt die Kreation vielleicht etwas fester, weil ihr die Zeit fehlt, auszulaufen. Ach, was weiß ich. Mache ich trotzdem nie wieder. Heute war super Wetter. Am Nachmittag saß ich im Park auf einer Parkbank und tat: nichts. Eigentlich wollte ich eine Sprachnachricht verschicken, aber es fehlte mir die Kraft und vor allem die innere Sortiertheit, sowie kluge Gedanken. Ich saß nur da, ich dachte an wirklich nichts und starrte. Ziemlich lange sogar. Die Hündin starrte mit mir mit. Am Abend kam meine Frau zurück und ich kochte Bärlauchpesto für uns. Ich gebe gedünstete Prinzessbohnen dazu, sowie kleine, gekochte Kartoffelstücke und kleine, halbierte Kirschtomaten. Die püriere ich natürlich nicht mit. Aber es frischt die Schwere des Pestos etwas auf.
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[Do, 16.4.2026 – am Ende der Linienstraße]
Ich traf Frau Modeste im Trio an der Linienstraße. Es gibt am Ende der Linienstraße nicht mehr viel. Der Trubel des Rosa-Luxemburg-Platzes ist längst abgeebbt, die Straße mündet hier als Sackgasse in die große Karl-Liebknecht-Straße und geht in Wind und Verkehr auf, dahinter beginnt die osteuropäische Steppe. Aber dort in dem letzten Haus, dort gibt es gleich drei Lokale, eng beieinander, Tür an Tür, als würden sie sich Widrigkeiten widersetzen. Ich war um 5 Minuten verspätet. Als ich ankam, war Frau Modeste aber auch noch nicht da, also setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Bier. Es verging ein bisschen Zeit. Da sie sich nicht meldete, zweifelte ich plötzlich, ob ich überhaupt im richtigen Lokal saß. Vor vielen Jahren war ich nämlich einmal mit Frau Casino im Kuchi in der Gipsstraße verabredet. Ich kannte das Lokal nicht, bog jedoch in die Gipsstraße, sah ein Lokal, das irgendwas mit „Kuchi“ hieß, und setzte mich hinein. Was ich zu jenem Zeitpunkt nicht wusste, war die Tatsache, dass ich in einem Lokal namens "Next to Kuchi" saß und das "Kuchi" sich direkt nebenan befand. Frau Casino saß längst im richtigen Lokal, und so verbrachten wir mindestens eine Viertelstunde damit, dass wir, nur durch eine Hausmauer getrennt, auf Stühlen saßen und aufeinander warteten. Irgendwann schrieb sie mir eine Nachricht mit der besorgten Frage, wo ich mich befände. Nunja. Das war die Frage, die ich eigentlich ihr stellen wollte. Um nicht diesem Missverständnis aufzusitzen, fragte ich die Bedienung, ob das hier schon das „Trio“ sei. Die Frage wurde bejaht. Kurz darauf kam Frau Modeste auch zur Tür herein. Sie trug ein Kleid in einem schönen, satten Grün. Darüber einen Trenchcoat. Ich bestellte Szegediner Gulasch. Es schien mir das angemessene Gericht, um die Abwahl von Viktor Orbán zu zelebrieren. Frau Modeste aß hingegen die Königsberger Klopse. Eigentlich hätte ich mich auch dafür entschieden, aber die Freude über den Ausgang der Wahl, wog etwas mehr. Ich weihte sie jedoch in mein Vorhaben ein, meine Deutschwerdung feierlich zelebrieren und eine Königsberger-Klops-Party veranstalten zu wollen. Es ist eine seltsame Wahl, mit einem Gericht aus der ostpreußischen Hauptstadt die deutsche Staatsbürgerschaft zu feiern, aber sie stimmte mir zu, dass Königsberger Klopse etwas ausgesprochen Deutsches sind. Nach dem Essen zogen wir eine Tür weiter in die Bar "3". Ein großer, schmuckloser, abgedunkelter Raum mit einem großen, wirklich großen Tresen in der Mitte. Sie schenken dort Bier nach traditioneller kölscher Art ein, also in 2‑cl-Gläser, die sie direkt aus einem prominent auf der Bar platzierten Holzfass zapften und sofort nachschenkten, wenn das Glas leer war. Wenn man kein Nachfüllen mehr wünscht, muss man den Bierdeckel auf das Glas legen. Ich vergaß das mit dem Bierdeckel ein paar Mal zu oft. In der Bar gab es keine Tische und keine Stühle. Man kann am einladenden Tresen auf Hockern sitzen, oder in den Fenstern auf großzügigen Fensterbänken. Wenn man zu zweit sitzt, ist das wirklich sehr angenehm, ich sitze liebend gerne am Tresen, sobald eine dritte Person hinzukommt, muss diese Person halt stehen. Das ist aber auch nicht schlimm. So verbringt man ja das Leben. Manchmal sitzend und manchmal stehend.
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[bei leerem Telefon]
Im Castle Pub am Nordbahnhof verabredet gewesen. Ich war eine halbe Stunde zu früh und die Batterie meines Telefons war fast leer, deswegen bat ich die Frau hinterm Tresen, ob sie mein Telefon an den Strom hängen könne. Das konnte sie. Nun setzte ich mich also an einen Tisch am Fenster und – nunja, hatte nichts, in das ich hineinschauen konnte. Kein Telefon, kein Buch, keine Zeitung. Lagen früher nicht immer überall Magazine und Zeitungen herum? Auf meinem Tisch lag ein Prospekt über Gin Tonic aus. Immerhin etwas, dachte ich. Aber die drei Absätze mit je drei Zeilen waren rasch ausgelesen. Ich suchte nach Papier. Notizen machen. Allerdings hatte ich mein Notizbuch im Büro gelassen, ich wollte mit leichtem Gepäck unterwegs sein, konnte ja nicht wissen, dass mein Telefon leer sein würde. Ich fand den langen Strafzettel der BVG, die mich neulich beim Schwarzfahren erwischt hatte. Das ist wirklich gutes Papier. Es sieht aus wie ein Kassenbon, es ist aber erstaunlich robust und vor allem lang. Dummerweise hatte ich aber keinen Kugelschreiber dabei. Also setzte ich mich hin und schaute in die Bar hinein. Das taten wir früher doch auch so, oder? Sitzen und in die Gegend hineinschauen. Bin mir aber nicht ganz sicher. Früher rauchten wir auch, da konnte man dem Rauch hinterherschauen, es fiel daher nicht so auf, wenn man schaute. Heute ist das aber cringe. Deswegen bat ich die Frau hinterm Tresen nach einem Kugelschreiber. Den hatte sie. Also konnte ich diese Zeilen aufschreiben.
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[Mo, 13.4.2026 – Bewerbungen]
Neulich, als ich in Hamburg mehrere Stellen offen hatte, kamen 94% der Mails von Bewerberinnen über Gmail. Die restlichen 6% verteilten sich auf Applemail, outlook.com und eigene Domains. Einmal war sogar Hotmail dabei. Musste gleich die Domain im Browser aufrufen. Wäre ich ein Film gewesen, wäre ich zu einer Rückblende verschmolzen, zum Sound von "Bittersweet Symphony". Im Browser kam es aber nur zu einer Weiterleitung auf outlook.com. Im Film wäre der Soundtrack jetzt mit einem Plattennadelscratch unterbrochen worden. Bei offenen Stellen in Deutschland gibt es etwas mehr Variabilität. Es kommen posteo.de, mailbox.org und GMX sowie web.de dazu. Aber der Großteil immer: Gmail. Die Anschreiben lese ich aber nicht mehr. Ist alles KI-Slop. Sie klingen alle gleich. Ich schaue aber auch nie nach Schulabschlüssen oder, schlimmer noch: Arbeitszeugnisse! Arbeitszeugnisse müssen immer wohlwollend sein, ansonsten kann man es sich einklagen. Arbeitszeugnisse dienen höchstens als Beweis dafür, dass jemand dort gearbeitet hat, wo sie behauptet, sie hätte es getan. Würde mich aber nicht wundern, wenn Zeugnisse mit KI erstellt werden. Ich schaue gar nicht mehr hin. Es bleibt nichts anderes übrig, als nach fachlichen Eckdaten zu sieben und sich ein Bild der Person vor Ort zu machen und dort dann die richtigen Fragen zu stellen. Ich hatte schon Bewerber aus anderen Ländern, bei denen ich merkte, dass sie Antworten vom Bildschirm ablasen. Es ist ermüdend. Aber eigentlich wollte ich über ganz etwas anderes schreiben.
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[So, 12.4.2026 – Holy Oly, Tapeten, Feature Creature, schwangere Haie]
Meine Herthajacke ist mir zu groß geworden. Es muss lange her sein, dass ich sie zum letzten Mal trug. Es ist eine leichte Sportjacke, sie ist besonders für den späten September und den Oktober ausgelegt oder für den späten April sowie den Mai. Da ich letzten Herbst kaum im Stadion gewesen bin und den Winter in Hamburg verbrachte, trug ich sie zum letzten Mal wohl im Frühling. Da wog ich fast 15 Kilo mehr als heute. An der Jacke mochte ich immer, dass sie eng anliegt und meinem Bauch eine gute Form gibt. Mit meinem neuen Körperumfang weiß ich noch nicht, was sie genau tut. Sie weiß es auch nicht. Im Vorfeld des Spiels gab es Aufregung wegen der Fanclubbanner. Der Förderkreis der Kurve verlangte von allen Fanclubs, dass Banner und Fahnen auf den Rängen durch Personen bewacht werden sollten. Am letzten Wochenende war es in Dresden nämlich zu Randalen gekommen, weil Dresdner Fans in den Hertha-Block eingedrungen waren und ein symbolisch wichtiges Banner stahlen, um dieses anschließend in der eigenen Kurve vor laufenden Kameras zu verbrennen. In den Fanclubs gab es große Aufregung, weil niemand Lust und Kapazitäten hat, Banner zu bewachen. Dazu gab es unbestätigte Informationen, dass das von den Hooligans kontrolliert werden sollte, was sich niemand bieten lassen wollte, es ist eine Sache, wenn die Ultras sich bei so etwas aufdrängen, oder wenn es die Hooligans tun. Mit den Ultras kann man immer noch reden, aber von den Hools will man sich wirklich nichts sagen lassen, andererseits sind die Hools auch immer die Typen aus der Muckibude. Viele hingen deswegen ihre Banner wieder ab, wodurch es zu Lücken im Umlauf kam, was auch wieder nicht gut aussieht. Ich kam erst verspätet im Stadion an und verfolgte die Diskussion nur im Fanclubchat. Als ich meiner Frau davon erzählte, lachte sie nur. Du merkst es schon selbst, sagte sie. Ich sagte: Ja, ich merke es selbst. Dennoch bleibt es eine ernste Angelegenheit, wenn man wieder einzoomt. Der Klau eines Banners, hat zur Folge, dass sich der Club oder die Vereinigung auflösen muss. Das in Dresden gestohlene Banner war das übergeordnete Symbol, das die Kurve repräsentierte und nicht nur einzelne Fanclubs oder Gruppierungen. Deswegen wurde unter der Woche die Entscheidung gefällt, das große, zentrale Banner mit der Aufschrift "OSTKURVE HERTHA BSC" abzunehmen und durch einen blau-weißen Platzhalter zu ersetzen. Vor Anpfiff hielt der Vorsänger der Kurve eine etwas pathetische Rede, in der er vom schwärzesten Tag der Geschichte der Kurve sprach. Es ist alles nicht so einfach. Diesmal ging ich wieder runter in Block Q3, wo die meisten meiner Freunde stehen. Ich war im Sommer zu Benny in einen anderen Block gezogen, weil neuerdings eine Gruppe junger Typen eine riesige Fahne schwenkte, wodurch ich nichts mehr vom Spiel mitbekam. Mich nervte das ungemein. Die Diskussionen, die wir mit den jungen Männern führten, waren nicht sonderlich ergiebig. Wie es aussieht, haben sie mittlerweile aber aufgegeben und sind plötzlich verschwunden, und die Sicht in Q3 ist wieder frei. Gestern gab es viel zu sehen. Hertha spielte eine äußerst dominante erste Halbzeit. Als das Gegentor fiel, saß ich gerade mit einem Ex-Kollegen draußen vor dem Stadion. Ich war zu Wiederanpfiff noch nicht zurück in den Block gekehrt. Gegentore hört man draußen immer, weil das Stadion auf einmal verstummt. Allerdings hört man ein weit entferntes, unterdrücktes Jubeln von den Gästefans. Es ist eine eigenartige Geräuschkulisse. Es blieb dann beim 0:1. Meiner Mannschaft fiel nicht viel ein. Die meisten der wenigen, verbliebenen Aufstiegshoffnungen gingen gestern in Rauch auf. Heute war ich sehr müde. Zuerst machte ich einen langen Morgenspaziergang mit der Hündin. Dabei trottete ich ziemlich langsam vor mich hin. Als ich zurück nach Hause kam, legte ich mich direkt ins Bett, wo mich meine Frau später beim Schnarchen aufnahm. Es ist die dritte oder vierte oder fünfte Nacht in Folge, in der ich schlecht schlafe, ich weiß nicht, was das ist. Nach dem Schlafen wollten wir auf dem Fernseher etwas schauen. Ich schlug vor, uns auf Youtube mit Videos von Tapezierarbeiten zu bilden. Im Mai fahren wir wieder nach Schweden und wollen das Gästehaus sowie das große Eckzimmer mit neuen Tapeten versehen. Unsere Freundin aus Göteborg sagte, tapezieren sei sehr leicht, sie hätte das auf YouTube gelernt. Irgendwann müssen wir das eben auch lernen. Die Tapeten haben wir schon bestellt, aber wir haben noch keine Ahnung, wie man sie anbringt. Wird schon nicht schwierig sein, deswegen schauten wir einen Horrorfilm, besser gesagt, ein Creature Feature namens "Thrasher", der von einem Mega-Hurrikan handelt, der einen Küstenort überschwemmt, und von vielen kleinen Haien, die Gliedmaßen aus Menschen herausreißen, sowie einem sehr hungrigen schwangeren weißen Hai, der viel Schaden anrichtet. Haie werden tatsächlich schwanger. Haben wir jetzt auch gelernt.
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[Fr, 10.4.2026 – lauwarm, oly]
Gestern mit Benny wieder im Zosch gewesen. Wir tranken Bier und ich aß einen lauwarmen Kartoffelsalat. Es kam mir gestern ungemein seltsam vor, ein Gericht zu bestellen, das explizit als lauwarm angeboten wird. Lauwarmes. Ein erstaunlich negativ besetztes Adjektiv für einen ziemlich angenehmen Zustand. Dafür vergeben Menschen einen von fünf Sternen und schreiben darunter, das Personal sei schlecht gewesen und das Essen nur lauwarm. Aber das Personal im Zosch ist immer gut. Eigentlich besuche ich keine Lokale mehr, die nur Industriebier einschenken, aber das sage ich in Wirklichkeit nur so dahin. Daher würde ich ihnen einen Stern abziehen, weniger wegen des Industriebieres, aber weil es mich auf meine eigene Inkonsequenz hinweist. Lauwarme Liebe. Gut, ich verstehe die negative Assoziation. Wir redeten über jedes Thema. Wirklich über jedes Thema. Vier Stunden lang, eine ganze Themenliste herunter. Wir hatten uns auch lange nicht mehr gesehen, lediglich einmal kurz im Januar, auf der Weihnachtsfeier unseres Fanclubs, dort hatten wir allerdings nicht die Gelegenheit gehabt, uns auszutauschen. Mittlerweile sind wir aber Snapchat-Freunde. Ich habe nur zwei Snapchat-Freunde. Ihn und seine Frau. Weil wir uns täglich Bilder schicken, um den Streak, also die Flammen, aufrechtzuerhalten, wissen wir aber voneinander Bescheid. Ich habe das Gefühl, dass er immer irgendwo am Essen ist, immer auswärts. Er wirkt manchmal wie ein Gourmet auf mich, dabei behauptete er, dass es für ihn keine Bedeutung hat, auswärts gut zu essen oder exklusive Restaurants zu besuchen. Es war ihm sehr wichtig, dass ich nicht diesen Eindruck habe. Jetzt, wo ich wieder zurück in Berlin bin, werde ich auch wieder ins Olympiastadion gehen. Er hatte für meine Zeit in Hamburg meine Dauerkarte verwahrt. Hertha steht zwar auf Platz sechs, aber ich glaube immer noch an den Aufstieg. Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann und auch nicht an Gott, irgendwo muss ich religiöse Gefühle jedoch abladen können.
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ABOUT THIS SHOW
Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.
HOSTED BY
Markus Pfeifer
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