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PODCAST · arts

es regnet

Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.

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  1. 10

    [So, 26.7.2026 – Selbstbild, Berlin]

    Mit Hund alleine auf der Fähre. Mein Bart und meine Frisur sind ausgewachsen, nein, verwachsen. Meine Unterschenkel sind zerkratzt und meine Haut ist braungebrannt. Man sieht mir an, dass ich aus dem Wald komme. Ich komme mir vor wie vom Männertyp einsamer Wolf. Und das ist nicht positiv besetzt. Nicht mehr. Früher war das doch einmal anders. Die einsamen Wölfe waren zwar damals auch schon scheiße, aber der Typus strahlte so etwas wie Freiheit aus. Einsame Wölfe wählen heute ja AfD oder Trump. Überhaupt alleinreisende Männer. In irgendeinem Interview las ich einmal, dass für weibliche Hotelangestellte die alleine reisenden Männer, die schlimmsten aller Gäste sind. Aber ich wälze mich gerade unnötig in einem unvorteilhaften Selbstbild. Kaum jemand nimmt Notiz von mir, ich aber sehe mich hier auf der Fähre nur durch fremde Augen. Zu allem Überfluss räkelt sich auf dem Cover meiner Ausgabe der Traumnovelle eine nackte Frau und dahinter die Andeutung eines Männerkörpers. Deswegen verstecke ich etwas verschämt den Buchumschlag mit meinem Telefon, das allerdings zu klein ist. Gescheites Lesezeichen habe ich auch nicht. Letzte Nacht hatte ich meine Blutdrucktabletten zwischen die Seiten gelegt. Sah vorhin natürlich scheiße aus, als beim Aufklappen des Buches die Tabletten herausfielen. Einsamer Wolf. Wuff. Dick bin ich auch noch. Der Hündin sind meine Brainfucks aber egal. Sie liegt auf dem Boden und schaut sich die Welt an. So spät am Tag zu reisen, hat etwas Magisches. Auf der Fähre verabschiedet sich das Sonnenlicht, drinnen geht das künstliche Licht an, Kinder schlafen im Schoß ihrer Eltern. Der Tag geht in die Nacht über. In Rostock komme ich bei Dunkelheit an, die Fähre hatte Verspätung, es ist fast elf Uhr, ich fahre von der Fähre runter und in die Nacht hinein. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Zuerst fahre ich nur 100. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich nicht sicher genug, um schneller zu fahren, sogar 100 fühlt sich zu schnell an. Erst nach zwanzig Minuten fällt mir auf, dass ich mit Standlicht fahre. Ich muss fälschlicherweise etwas umgestellt haben. Nachdem ich das richtige Licht anschalte, fahre ich auch wieder 130. Es überrascht mich und auf gewisse Art freut es mich, dass ich unbewusst langsamer fuhr, weil mir die Sicht nicht gut erschien. Wenn ich gegen mich aussagen müsste, hätte ich geschworen, dass ich in dem Moment aus Prinzip 130 gefahren wäre, schlichtweg, weil es sich so gehört. Gegen 1:00 Uhr komme ich in Berlin an. Es gibt genau einen Parkplatz in meiner Straße. Er ist nur halb legal. Deswegen ist er wahrscheinlich frei. Ich habe einen sehr schweren Koffer und tausende Taschen, ich nehme den Parkplatz also. Ich brauche noch ewig, um runterzukommen. Im Bett lese ich auf Bluesky vom Anschlag auf dem CSD. Fast alle meine Freunde waren da. Den ganzen Tag lang begleiteten mich Bilder vom CSD auf Social Media. Farben, Liebe. Beim Einschlafen dann: Bäm. Alles düster. Kurz nach drei Uhr muss ich dann weggenickt sein.

  2. 9

    [Fr, 24.7.2026 – Trüffel, Fähre, Hummeln]

    Am Hang unterm Haus gräbt unsere Hündin ständig in der Erde, steckt ihre Schnauze in den Boden und gräbt wieder von vorn an einer anderen Stelle weiter. Gelegentlich holt sie dabei kleine, runde Steine heraus. Das macht sie auch manchmal in Berlin. Dort unterbinde ich es aber, weil sie sonst den ganzen Park umpflügen würde. Sie will nämlich, dass ich den Stein aufhebe und werfe. Weil sie nichts lieber tut als das: etwas Rundem hinterherlaufen, das durch die Luft fliegt. Deswegen nahmen wir ihr heute auch wieder die Steine ab. Meine Frau wunderte sich aber, dass die Steine weich waren. Tatsächlich hatte sie mehrere solcher Steine ausgegraben und sie waren alle weich. Wir gingen hinauf zum Haus und schnitten sie auf. Sie waren innen schwarz. Wir machten ein Foto und schickten es der KI, die uns erhellte: Es handelte sich um einen Trüffel. Allerdings um einen sogenannten Hirschtrüffel, also keine essbare Variante. Das begeisterte uns dennoch. Kann es sein, dass wir hier seit fast 5 Jahren eine Trüffelhündin haben? Deswegen wollte ich auch gleich wissen, ob hier in der Gegend Trüffel wüchsen. Das ist hier allerdings nicht der Fall. 300 Kilometer weiter südlich, in Schonen, hingegen schon, das sei sogar eine an Trüffelpilzen sehr reiche Gegend. Offenbar wachsen sogar in Südtirol Trüffel, auch in der Gegend um Meran, wo meine Mutter und meine Schwestern wohnen. Ich werde beim nächsten Besuch sehr darauf achten, wo meine Hündin ihre Schnauze in die Erde steckt. Am Samstag wollte ich eigentlich früh fahren, um die Fähre in Gedser um 13 Uhr zu schaffen. Im Laufe des Tages entschied ich mich dafür, die Fähre um 15 Uhr zu nehmen, ich müsste hier also erst gegen acht oder neun Uhr los. Dann bin ich gegen acht Uhr in Berlin. Als ich dann endlich am Abend die Fähre buchen wollte, stellte sich heraus, dass diese Fähre bereits ausgebucht ist und auch die Fähre um 18 Uhr. Lediglich die Fähre um zwanzig Uhr stand noch zur Auswahl. Das ist eine ungewohnte Zeit zu reisen, aber trotzdem gefällt mir der Gedanke. Ich muss morgen früh ohnehin noch das Boot aus dem Fluss ziehen. Mein Schwager kann das nicht alleine, man braucht vier Arme dafür, und mein kleiner Citroën ist etwas rustikaler als sein sportlicher Volvo. Aber Mensch. Ich habe keine Lust, zurückzufahren. Am Montagmorgen habe ich gleich einen Termin mit dem Datenschutzbeauftragten. Wir haben ein schwieriges Thema auf der Agenda. Ich beginne die Woche sofort hart. Ich bestand darauf, diesen Termin sofort an dem Montag nach meinem Urlaub wahrzunehmen. So gehe ich immer vor. Seit vorgestern kriechen dutzende Hummeln im Gras herum. Ich befragte das Internet danach. Jetzt stellt sich heraus, dass Hummeln im Juli an einem Lindenproblem leiden. Vor unserem Haus steht eine imposante, 80 Jahre alte Linde. Laut Internet sorgen Linden dafür, dass sie mit ihrem Geruch noch Hummeln anziehen, obwohl sie bereits keinen Nektar mehr in ihren Blüten tragen. Hummeln können sich daher nicht mehr ernähren, und weil sie zum Fliegen einen enormen Aufwand betreiben und somit mehr Energie verbrauchen, als sie aufnehmen können, fallen im Juli sehr viele Hummeln um Lindenbäume herum zu Boden, weil sie nicht mehr fliegen können, wo sie dann verenden. Man kann ihnen helfen, indem man ihnen Zuckerwasser zu trinken gibt. Wenn die Hummeln sofort ihre Rüssel nach dem Wasser ausstrecken, waren sie nur erschöpft und werden nach der Stärkung wieder fliegen können. Bis zur nächsten Linde zumindest. Ein paar von denen konnte ich helfen. Aber die Hummelwelt konnte ich jetzt damit nicht retten. Ich packte dann den ganzen Tag. Ich schloss meine Maschinen weg, und duschte mich draußen mit lauwarmem Wasser bei kühlem und starkem Wind. Leider werde ich meinen Rasenmäher nicht richtig sicher verstauen können. Ich verlasse mich auf meinen Schwager, der im August das Haus winterfest macht, dass er die Maschine einigermaßen verstecken und mit der Kette des Bootes verbinden kann. Im Mai funktionierte das einigermaßen gut, aber da waren wir nur 5 Wochen weg. Leider bekomme ich die Scheune nicht richtig verschlossen. Dafür hätte ich noch einmal in die Stadt fahren müssen, um drei weitere Schiebeschlösser zu kaufen. Aber auch das wird nicht wirklich helfen, wenn jemand wirklich einbrechen will, dann wird er einbrechen können. Nun denn, ich werde mich an diese Unsicherheit gewöhnen müssen. Vielleicht sind meine Gefühle für den Rasenmäher einfach zu stark. Wegen der Kreissäge mache ich mir keine Gedanken. Auch nicht um den Bohrer, den Rasentrimmer, die vielen Schrauben, den Bohrer, die Schleifmaschine. Sogar um den Pizzaofen mache ich mir keine Gedanken. Aber schon um diesen Rasenmäher. Er hat mir hier wirklich geholfen.

  3. 8

    [Do, 23.7.2026 – Wildkamera, Reisen generell, Familien-Instrumentarium]

    In die Stadt gefahren, um nach den Wildkameras zu suchen, die ich hier installieren wollte. Meine Unternehmung blieb allerdings erfolglos. Es gibt ein Geschäft, etwa anderthalb Stunden von hier entfernt, in südlicher Richtung, da will ich aber nicht hin, das sind nämlich anderthalb Stunden in Richtung Berlin, das würde sich wie ein vorgeglühters Urlaubsende anfühlen. Ich werde den Ort am Samstag durchfahren, wenn ich mich tatsächlich auf dem Weg nach Berlin befinde, ich werde winken, vielleicht kehre ich dann nächstes Jahr im Mai ein, auf der nächsten Schwedenreise, da hatte ich dann neun Monate Zeit, mir Gedanken über das richtige Kameramodell und die richtige Batterie und das richtige Solarpanel zu machen. Ach, neun Monate. Das ist schon eine lange Zeit. Eventuell überlegen wir, im Oktober oder November noch einmal zu kommen. Ohne die Hündin aber, dann können wir fliegen. Der Flughafen ist ja wirklich nicht weit entfernt, nur etwa 40 Minuten mit dem Auto, man könnte sich ein Auto mieten, für ein langes Wochenende. Andererseits verreise ich so gerne mit der Hündin, und ohne Hündin macht es hier auch nur so mittelmäßig Spaß, bzw. natürlich macht es auch ohne sie Spaß, aber ohne Hündin würde ich ständig denken, was sie gerade macht und dass sie es hier doch immer so gerne mag, sie hat hier ja wirklich die Zeit ihres Lebens. Natürlich ist es ihr prinzipiell egal, wo sie ist, solange sie von ihrem Rudel umgeben, aber hier hat sie schon noch einmal eine ganz andere Bindung zu ihrer Umgebung, als wenn sie in Berlin ist, wo sie vornehmlich unter meinem Schreibtisch liegt. Hier liegt sie nämlich an einer strategischen Ecke vor dem Haus in der Sonne und behält den ganzen Laden im Blick. Eine nicht zu unterschätzende Lebensaufgabe. Und sonst so. Ich baue meine Sache ab. Meine Frau wird noch eine Woche länger bleiben, die Scheune will ich aber vorher zugeschlossen bekommen. Auch das Boot muss ich noch aus dem Wasser ziehen und die Dusche muss vielleicht abgebaut werden, sie wird die Winterstürme nämlich nicht überleben. Am Abend kochen wir Wokgemüse. Meine kleine Schwester befindet sich aber kurz vor einer akuten manischen Phase und meine ganze Familie ist in Aufregung und sehr besorgt. Am Abend führe ich viele Gespräche. Mehrmals mit meinem Vater. Auch mit meiner Mutter, die sich in einer Krisensituation befindet. Sie haben kein Instrumentarium, wie sie mit solchen Situationen umzugehen haben. Ich telefoniere mit meiner Schwester, aber mit Menschen in einer manischen Phase zu reden, ist nie zielführend, es wird in den nächsten Tagen wahrscheinlich wieder böse enden. Während der Gespräche, die sich den ganzen Abend zogen, kippte ich eine Flasche Cidre und sicherlich 5 Biere in mich hinein. Ich saß die ganze Zeit draußen mit dem Telefon am Ohr. Nach Sonnenuntergang kommen kleine Mücken, sie werden hier Knotsen genannt. Sie stechen mich nicht, ich weiß aber, dass sie meinen Schwager stechen, dennoch nerven sie. Vor allem, wenn ich telefoniere. sie schwärmen ständig vor meinem Gesicht, vor meiner Nase, man will sich deswegen durchgehend kratzen und alles von sich wischen.

  4. 7

    [Mi, 22.7.2026 – Werkzeuge, Ikea, tausend Pläne noch]

    Das Nationalschießen ist glücklicherweise wieder vorbei und ich kann langsam Vorfreude für das erste Heimspiel am 15. August aufkommen lassen, gegen den soeben abgestiegenen FC Heidenheim, zur besten Uhrzeit an einem Samstagnachmittag. Hertha ist der einzige Club, der noch keine Neuzugänge zu verzeichnen hat. Ich versuche, es mit Gelassenheit zu nehmen, weil es beim Fußball immer so ist: Ich habe keinen Einfluss. Am Samstag feiern wir den 134. Geburtstag unseres Fußballvereins auf dem Arkonaplatz. Ich werde am Samstagabend in Berlin ankommen, aber da wird es mir an Energie fehlen, um noch an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Es ist ein von Fans organisiertes Picknick, von meinem Fanclub vor einigen Jahren initiiert, weil Hertha am 25.7.1982 auf einer Parkbank am Arkonaplatz gegründet wurde. Dann war ich gestern beim Cousin meiner Frau. Ich schreibe seit Jahren, dass er zwei Kilometer flussaufwärts wohnt, aber weil ich mittlerweile an dieser Aussage zweifelte, korrigierte ich mich letzte Woche und legte den Abstand auf einen Kilometer fest. Gestern ließ ich eine GPS-gestützte Aufzeichnung mitlaufen und jetzt weiß ich es genauer: Es sind 510 Meter. Fünfhundertzehn Meter klingen wirklich etwas mickrig. Das ist weniger weit, als von meiner Wohnungstür zur U-Bahn. Wenn ich mich hier im Wald befinde, denke ich gerne in nahezu endlosen Parametern. Er zeigte mir die Maschinen, die ich mir nächstes Jahr von ihm ausleihen kann. Am wichtigsten ist dabei wohl die Maschine, mit der man Jungbäume und dichten Bewuchs entfernen kann. Ein Gerät, das auf den ersten Blick wie ein tragbarer Rasentrimmer aussieht, der an der Unterseite jedoch kein Drahtseil führt, sondern ein Sägeblatt wie eine Kreissäge. Ich ahne, dass das eine beeindruckende Maschine ist. Bereits der Förster hatte mir angeboten, mit solch einer Maschine unseren etwas verwilderten Wald auszuputzen. Er sagte mir, das seien gefährliche Maschinen, für die man eine Zertifizierung bräuchte. Das stimmt so aber nicht. Er hätte vermutlich gerne den Auftrag. So etwas mache ich aber wirklich selbst gerne. Ich wusste bisher nicht, wie gerne ich um das Haus herum arbeite. Lange verstand ich nicht, was ich eigentlich an den Dingen hier mag, ganz sicher weiß ich, dass ich nicht gerne die alten Fensterrahmen schleife, um sie nachher zu lackieren. Auch mag ich es nicht, wenn wir das Haus rot überstreichen müssen (alle fünf Jahre), aber etwas bauen, Schlösser an der Scheune anbringen, Holz aufbauen, um die Tore besser schließen zu können, das Gras mähen, Holz hacken, junge Espen entfernen, die toten Äste von den Birken abnehmen, Bäume zersägen, den persischen Flieder von den Wucherungen befreien, das Unkraut aus den Rosen entnehmen. Sowas könnte ich die ganze Zeit machen. Es kann gut sein, dass in mir ein kleiner Kobold schlummert, der Hausmeister sein möchte. Waldhausmeister. Waldmeister. Heute fuhren meine Frau und ich nach Göteborg zu Ikea. Schwedische Ikeas zu besuchen, ist theoretisch lustig, aber nur, wenn man das Nicht-Schweden sagt. Das erste Mal war ich letztes oder vorletztes Jahr da. Beeindruckt hatten mich vor allem die ikonischen Schriftzüge INGÅNG und UTGÅNG, weil das auf deutschen Ikeas ja auch immer so prominent als EINGANG und AUSGANG vom Dach prangt. Die Namen der Möbel sind aber auf (öhm) schwedisch. Mit dem Kauf der Wildkamera komme ich nicht richtig voran. Das ist mir aber zu kompliziert (und zu langweilig), es aufzuschreiben, dafür habe ich noch eine Liste an Dingen, die ich abarbeiten wollte, dazu gehört es auch, die Scheune einigermaßen einbruchssicher, oder zumindest einbruchshemmend herzurichten. Es stehen dort das Boot, zwei Gasflaschen und der Rasenmäher, neben vielen Kleingeräten und zahllosen Schrauben. Einige wertvolle Maschinen wie die Kreissäge, Akkubohrer, Rasentrimmer etc, können im Haus überwintern, aber der Rasenmäher passt da irgendwie nicht hin. Benzin und so. Es kommt mir wesensfremd vor. Für die Sicherheit habe ich verschiedene große Schiebeschlösser gekauft, die ich von innen montiere. Auch das ist alles schwierig und langweilig zu erklären. Da die Scheune aber nicht mehr in allzu gutem Zustand ist, muss ich die Tore und Türen an einigen Stellen mit Holz aufbauen, und während ich so sägte, schraubte und nagelte, fiel mir auf, wie viel Potenzial diese Scheune eigentlich hat. Das Gerüst wirkt noch sehr stabil, nur die Böden sind etwas morsch bzw. nicht mehr sonderlich stabil. An einigen Stellen sind die Böden sogar eingestürzt, aber wenn man diese neu verlegen würde und die Räume von innen isolieren und verkleiden würde, dann könnte man tolle Räume entstehen lassen, unter anderem ein schönes Arbeitszimmer für mich, auf dem Dachgeschoss über der Holzhütte, ich sehe dort schon eine Treppe hinauf, und man müsste oben nur noch ein Fenster bauen, von da aus könnte ich von meinem Schreibtisch aus auf den Fluss und in die Abendsonne schauen. So hatte ich heute tausend Ideen, 20 davon fing ich an und keine davon brachte ich zu Ende.

  5. 6

    [Mo, 20.7.2026 – Holzhacken, Kette, Whisky]

    Während die anderen heute in die Stadt fuhren, blieb ich mit dem Schwiegervater beim Häuschen und hackte Holz. Ich habe vergessen, wie anstrengend es ist, Holz zu hacken. Im Winter denkt man gerne daran, dass man im Sommer schwitzend und mit nacktem (gestählten) Oberkörper Holzstämme verkleinert, in Wirklichkeit hievt man allerdings ständig schwere Gegenstände herum und die Holzklötze bleiben nie da stehen, wo man sie haben will. Bücken, aufstellen, neu positionieren, mit Hilfsmitteln hantieren, um die Axt wieder aus dem Holz zu bekommen, oder sie noch tiefer ins Holz zu manövrieren. Ziemlich bald verlangsamten sich meine Bewegungen. Ich zog das über mehrere Stunden durch, während ich mich kontinuierlich verlangsamte, bis ich feststellte, dass mein Körper schlichtweg keine Kraft mehr hatte. Ich kam nie wirklich ins Schwitzen, es ist kein Cardio-Training, keine repetitive, Muskelaufbau-fördernde Bewegung, es ist eher ein super anstrengendes allumfassendes wasweissich. Mir fehlt das Vokabular dafür. Teile der Stämme wollte ich zudem mit der neuen Motorsäge zerkleinern. Die Motorsäge bekam ich ja erst vorgestern mithilfe des Cousins meiner Frau zusammengebaut. Als ich heute versuchte, einen Baumstamm zu zersägen, misslang mir das erstaunlicherweise. Das Schwert der Säge kam kaum im Holz voran. Danach stellte ich fest, dass ich die Kette falschrum montiert hatte. Heute sah ich auf der großen Wiese hinterm Haus ein paar größere Stellen von niedergetrampeltem Gras. Ich musste sofort an das Tier denken, das sich vorletzte Nacht um das Haus geschlichen hat. Meine Frau sagt, das sei die Hündin gewesen, ich bin aber überzeugt davon, dass es ein wildes Tier war. Wir werden es nicht herausfinden. Gestern Abend recherchierte ich noch lange über Wölfe und ich fand heraus, dass wir unweit eines Korridors wohnen, in dem Wölfe von Norden nach Süden ziehen. Der bekannte Korridor befindet sich etwa 20 Kilometer von uns entfernt. Andererseits: Who cares. Solange es keine Eisbären sind, ist alles halb so schlimm. Am Abend grillten wir. Ich saß draußen mit dem Schwager, der sich für das Grillgut verantwortlich sah. Ich saß nur ein bisschen in der Sonne mit einem Bier und gab schlaue Kommentare von mir. Er hatte einen schwedischen Whisky mitgebracht, von einer jungen Brennerei namens Agitator, die Whisky unter Vakuum herstellt und in Retroflaschen, die an alte Apothekerbehälter erinnern, abfüllt. Von dem Whisky schenkte er uns ein ordentliches Glas ein und dann noch ein ordentlicheres kurz danach. Das Getränk nahm ziemlich schnell ziemlich viel Platz in meinem Kopf ein.

  6. 5

    [So, 19.7.2026 – Tapeten, Temperaturen, Tiere]

    Wir tapezierten die letzten Meter, die vom Mai übrig geblieben waren, zu Ende. Tapezieren ist eine Tätigkeit, die ich wirklich nicht mehr machen will. Nun hat meine Frau den Wunsch geäußert, auch das obere Zimmer im Gästehaus zu tapezieren. Jetzt ,wo wir es so gut können, sagte sie. Ich weiß noch nicht, wie ich diesem liebevoll formulierten Wunsch begegnen soll. Die Temperatur kühlte am Samstag auf angenehme 22 Grad herunter. Ein paar Mal regnete es. Dieser Sommerregen. Ich spielte mit der Hündin draußen im Regen. Es kam aber auch wieder die Sonne. Am Samstagabend saßen wir wieder in der Sonne, anstatt im Schatten. Die Westseite des Hauses ist ein wirklich schöner Ort, bei dem man auf einem kleinen Wiesenstreifen zwischen Wald und Häuschen sitzen kann und der sinkenden Sonne hinterherschaut. Das ist die Seite, auf der weiter unten am Waldhang auch meine neue Bank steht. Dort saßen wir auch fast jeden Abend, um ein wenig zu quatschen. Die Hündin mag die Stelle allerdings nicht. Ich vermute, dass es an den Ameisen liegt. Nachdem ich mich wunderte, wie schnell sie wieder zurück zum Haus lief, sah ich, dass im Boden tausende von Ameisen wimmelten. Das war jeden Abend so. Wir saßen auf der frisch lasierten Bank, da ließen uns die Insekten natürlich in Ruhe, aber als Hund kriechen sie dir in die Schnauze und die Ohren. In der Nacht schlich sich für längere Zeit ein größeres Tier ums Haus herum. Die Hündin regte sich ständig darüber auf. Ich hörte es ein paar Mal leicht poltern und einmal stolperte es über die liegende Regenrinne. Natürlich stand ich auf. Ich hätte es cool gefunden, wenn es ein Elch gewesen wäre. Der hätte fast bei den Fenstern oben in den Schlafzimmern reinschauen können. Nah, vielleicht ist das übertrieben. Jedenfalls sah ich keinen Elch. Vielleicht nur ein Marder oder ein Wildschwein. Luchse sind nicht so tollpatschig. Für Bären ist die Gegend glücklicherweise zu südlich. Auch für den Vielfraß. Der Vielfraß ist ein Scheißtier, wie ich seit Kurzem weiß. Die greifen auch Hunde an. Heute kam der Förster vorbei. Normalerweise kommt er vorbei, um nach den Bienenstöcken zu schauen, die er bei uns aufgestellt hat. Und er hält immer gerne ein Pläuschchen. Heute kam er aber nur für die Fische. Er hatte gerade einen Hecht aus dem Wasser gezogen. Hechte mag er aber nicht, er mag nur die anderen. Dabei nannte er einen schwedischen Namen, den ich mir zu merken vergaß. Den Hecht warf er wieder zurück ins Wasser. Er erzählte uns von einigen Wölfen, die etwa 50 Kilometer südlich von uns Schafe reißen. Schon seit mehreren Monaten. Und man dürfe sie nicht jagen. Er beneidete die Samen in Lappland. Die hätten unlängst per Gesetz die Erlaubnis bekommen, prinzipiell alles jagen zu dürfen, was sich bewegt. Menschen ausgenommen natürlich. Ich bin kein Freund von Wölfen. Aber wenn nicht in Schweden, wo dann? In Finnland vielleicht. Und Russland. Bei näherer Betrachtung braucht Schweden keine Wölfe. Die können auch nach Russland. Am späten Nachmittag kamen dann meine Schwiegereltern und mein Schwager. Wir hatten das Haus aufgeräumt und Essen vorbereitet. Mittlerweile ist die Temperatur noch einmal eingebrochen. Heute hatten wir 13 Grad. Von 31 auf 13 innerhalb von zwei Tagen. Aber: Ich werde jetzt wesentlich erholsamer schlafen. Dafür machten wir ein Feuerchen im Kamin und saßen davor. Die Hündin legte sich vor uns auf den Boden. Man hätte ein Foto machen und es einem Tourismusbüro schicken sollen. Aber die machen solche Fotos heute sicherlich mit KI.

  7. 4

    [Fr, 17.7.2026 – Sysbolla, Wasser wieder, Maschinen]

    Mit dem jungen Verkäufer des lokalen Alkoholladens bin ich jetzt per Du. Ich bin fast jeden zweiten Tag da. Weil wir immer ein bisschen planlos einkaufen und immer etwas dazwischenkommt. In Schweden kann man Alkohol ja nur in diesen staatlich kontrollierten Spezialläden namens Systembolaget kaufen, oder wie meine Frau sie nennt: Sysbolla. Die Sysbollas geben sich als Fachgeschäfte aus. Betritt man einen der Läden, wird man nicht selten von Verkäuferinnen angesprochen, die ihre Hilfe bei der Wahl der Getränke anbieten, und überall stehen Schilder, die einen auffordern, das Personal anzusprechen. Es wundert mich, dass es noch keine Umkleidekabinen gibt, in denen man hinter zugezogenen Gardinen kleine Probefläschchen zu sich nehmen kann. Neulich sprach mich auch dieser junge Mann an, ein großer Schwede mit zusammengebundenen Haaren. Er kam gerade mit einem Karton aus dem Magazin und fragte mich, ob ich Beratung bräuchte. Dabei sagte ich, wie immer "Nej tack!", weil ich beim Kauf von Alkohol wirklich keine Beratung brauchte. Kurz darauf sah ich allerdings, dass der französische Bio-Cidre immer noch ausverkauft ist, das ist er seit nunmehr fast zwei Wochen, und daher bat ich ihn kurz um Auskunft. Er wunderte sich ein wenig. Er meinte, er hätte erst heute noch die entsprechenden Flaschen gesehen, und so verschwand er für einige Augenblicke in seinem Magazin. Zurück kam er schließlich mit einem ganzen Karton dieses französischen Bio-Cidres. Er sagte, sie seien falsch gelabelt gewesen und deswegen seit Wochen nicht ins Fach nachgefüllt worden. Er bedankte sich für meine Aufmerksamkeit. Weil wir ohnehin gerade einen Gesprächskanal zueinander geöffnet hatten, wollte ich von ihm wissen, warum sie von der Göteborger Stigberget Brauerei lediglich die immer gleichen 4 Sorten im Angebot haben. Schon seit Jahren. Auf der Stigberget Webseite findet man nämlich 30 oder mehr weitere Bierstile. Er entschuldigte sich dafür, und sagte, dass das schlicht am Publikum hier in der Provinz läge. Die Filialen in Göteborg oder Stockholm seien da natürlich wesentlich besser ausgestattet. Er könnte für mich aber alles von Stigberget bestellen, dann würde es kostenlos hierher in die Filiale geliefert werden. Er öffnete die Sysbolla-Webseite auf seinem Diensttelefon und wir scrollten durch das immense Getränkeangebot. Ich interessierte mich vor allem für die Pilsner-Varianten und die Session-Pale-Ales. Außerdem wollte ich deren alkoholfreies probieren. Wir waren dabei nur mittelmäßig erfolgreich. Zwar fanden wir zwei Pilsner von Stigberget und ein Helles, das Session-Bier gab es aber nicht und das alkoholfreie auch nicht. Das war ihm merklich unangenehm. Er versuchte mir umständlich zu erklären, dass das Session-Bier eventuell aufgrund einer lokalen Bevorzugung nicht verfügbar sei. Stigberget käme ja aus Göteborg und die lokalen Sysbollas versuchen manchmal, lokale Brauereien zu promoten. In diesem Fall eine Brauerei, deren Namen mir wieder entfallen ist. Ich sagte: Ja, die kenne ich, aber die sind mir zu unelegant gehopft. Viel zu hart. Er drehte sich zu mir um, öffnete seine Augen und sagte: Yessss! The hops is not elegant! Die Bezeichnung schien ihm sehr gefallen zu haben. Er mochte die Biere dieser lokalen Brauerei auch nicht. Stattdessen schlug er mir vor, das Session Pale Ale von Oppigards zu nehmen, das käme an Stigberget heran, das kannte ich aber schon, und auch wenn ich Oppigards in der Regel wirklich mag, sind mir viele von denen doch nicht gut ausbalanciert. Das New Sweden IPA sei allerdings fantastisch und das Golden Ale auch. Das Session Pale Ale fand ich aber zu malzig. Er nickte. Er könne das nachvollziehen, er fände die Malzigkeit aber durchaus gelungen. Ich sagte, das sei auch nur meine ganz persönliche Präferenz, es sage wenig über die Qualität des Bieres aus, die bei Oppigards ja durchaus gegeben sei. Undsoweiter. Mit diesem Gespräch war die Grundlage für unsere ewige Freundschaft gelegt. Wir sind jetzt per Du. Zwar sind alle Schweden miteinander per Du, aber wenn ich den Laden betrete, winkt er mir schon von Weitem zu. Gelegentlich fachsimpeln wir. Meistens blinzeln wir uns aber nur in Geheimsprache zu. So von Kenner zu Kenner. # Die letzten beiden Tage war es sehr warm bei 31 Grad. In der Sonne ließ es sich bereits nicht mehr aushalten. Dafür war das Flusswasser angenehm temperiert. Wir gingen jeden Tag darin schwimmen. Eigentlich hasse ich es, ins Wasser zu gehen. Wenn ich aber im Wasser bin, will ich es nicht mehr verlassen. Das geht jeden Tag so. Jeden Tag, wenn ich an der Holztreppe zum Fluss stehe und nicht hinein will (während Frau und Hündin bereits im Wasser planschen), denke ich, dass ich heute wirklich nicht ins Wasser muss, dass ich mich wirklich gerade wohlfühle, keine Abkühlung brauche und überhaupt brrrr ist ja ohnehin zu kalt. Mittlerweile habe ich natürlich gelernt, dass ich nachher nicht mehr aus dem Wasser heraus will, weil es so schön ist, ich kenne dieses Gefühl, und ich weiß auch, dass ich mich nach dem Reinspringen ärgere, dass ich mich immer so lange dagegen wehre, weil es danach im Wasser immer so schön ist, aber nicht heute, heute brauche ich es nicht, wie jeden Tag, ich brauche es nie, wirklich nie, ich kann auch draussen sitzen bleiben und den beiden zusehen. Dann stecke ich eine Zehenspitze ins Wasser, fünf Minuten später bin ich schon mit dem Knie drin. Die schwierige Phase beginnt dann mit dem Penis (sehr viel Peniskontent in letzter Zeit), und irgendwann bin ich dann mit Bauch und Brust im Wasser, bei denen mir immer das Gehirn einzufrieren scheint. Nachdem eine halbe Stunde vergangen ist, schwimme ich plötzlich und denke mir, warum ich mich immer so anstelle und so viel Zeit verliere, im Wasser schwimmen ist schließlich die beste Sache der Welt und ich möchte das jeden Tag machen und überhaupt, ich will gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. So ist das. Morgen stürzt die Temperatur auf angenehme 20 Grad und übermorgen auf 13. Ich weiß nicht, wie man bei 13 Grad ins Wasser geht. Am Abend kamen der Cousin meiner Frau und seine Frau zu Besuch. Wir hatten sie zum Abendessen eingeladen. Sie wohnen etwa einen Kilometer flussaufwärts und wir treffen sie mittlerweile regelmäßig, dabei sind wir sehr froh, dass sich ein so guter Kontakt zueinander entwickelt hat. Der Cousin war in jungen Jahren Punkmusiker und gleichzeitig kennt er sich mit Waldarbeit aus und mit all den Dingen, die mich hier beschäftigen. Er schlug vor, dass ich nächste Woche bei ihm vorbeikomme, und er zeigt mir ein paar seiner Maschinen, allen voran ein Werkzeug, mit dem man großflächig Jungbäume niedersensen kann. Er weiß, dass das eine meiner Hauptbeschäftigungen ist, vor allem im Frühjahr, wenn überall kleine Espenstämme spießen, aber auch, um Teile des Waldes begehbar zu machen, zB dort, wo ich meine Bank hingestellt habe. Er half mir auch mit meinem Kettensägenproblem. Ich schaffte es ja nicht, das Schwert samt Kette auf den Motor aufzusatteln. Jetzt wissen wir: Man braucht nur mehr Kraft. Am besten vier Hände. Jetzt kann ich sägen. Eigentlich wollten wir draußen sitzen, noch bevor wir das Essen aufstischten, begann es aber zu donnern und schließlich zu nieseln. Wir setzten uns rein und ich weiß jetzt schon, dass der Samstag ein ziemlich verkaterter Tag sein wird.

  8. 3

    [Mi, 15.7.2026 – Waschen]

    Als ich bereits im Bett lag, überkam mich das Bedürfnis nach einer Dusche. Mir war warm. Die Dusche steht zehn Meter von dem Haus entfernt, das Wasser im Schlauch würde aber nicht mehr warm sein, da der Schlauch sicherlich schon einige Stunden im Schatten gelegen hatte. Ich fühlte mich aber überaus unwohl, das bisschen kaltes Wasser würde mich schon nicht erschrecken. Allerdings vergesse ich hier im schwedischen Wald immer wieder, was für ein Warmduscher ich in Wirklichkeit bin. Als ich das Wasser anmachte, hörte mich meine Frau, die im Haus oben im Schlafzimmer lag, schreien. Deswegen schaltete ich das Wasser auch sofort wieder aus. Dann ging ich in die Küche und füllte einen Eimer mit heißem Wasser. Ich möchte wirklich wissen, wie sich die Menschen in diesem Haus vor hundert Jahren wuschen. Es gibt hier nämlich kein fließendes Wasser. Erst seit einigen Jahrzehnten ist der Brunnen unten am Fluss mit dem Waschbecken in der Küche verbunden. Das war einmal ein kleiner Bauernhof für arme Leute. Ein sogenanntes Soldat Torp. Es wurde von Soldaten bewohnt, die in Friedenszeiten Kleinbauern waren, während in Kriegszeiten die Frau den Hof alleine bewirtschaftete. Kam der Bauer aus dem Krieg nicht zurück, musste die Witwe Platz für den nächsten Soldaten machen. Manchmal heiratete die Witwe den neuen Soldaten. Meist verarmten die Witwen aber. Vermutlich wuschen sie sich in Badewannen. Einmal die Woche. Wie meine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte. Dass zuerst der Vater in die Wanne stieg, dann die Mutter und sich dann einmal die ganze Hierarchie herunterwusch, bis sie als jüngste Tochter zum Schluss in einer Dreckbrühe am Zug war. Wir haben letztes Jahr aber eine Außendusche gebaut. Eine kleine Holzplattform auf Betonfüßen, an der wir im Sommer vier Schotten aus Leichtholz dran festmachen. Das warme Wasser kommt von einem 40 Meter langen Schlauch, der den ganzen Tag in der Sonne liegt. Der Schlauch ist nämlich nur an das kalte Brunnenwasser angebunden. In Zukunft werde ich den Schlauch an die Regentonne anbinden, um Brunnenwasser zu sparen, aber die Regentonne habe ich noch nicht so funktional eingesetzt bekommen, wie ich mir das wünsche. Alternativ kann ich Wasser aus dem Fluss hochpumpen. Dafür kaufte ich letztes Jahr eine Pumpe, die 14 Höhenmeter überwinden kann. Aber um das alles einigermaßen praktikabel betreiben zu können, muss ich mehr ausprobieren und mir noch einige Gedanken dazu machen. Bisher wuschen wir uns im Fluss. Oder an einem kleinen Waschbecken. Ey, aber wir haben hier 1Gb Glasfaser mitten im Wald.

  9. 2

    [Di, 14.7.2026 – Sack, komplexitätslose Probleme, wenig Lektüre]

    Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich das Geschehene einigermaßen in einer künstlerischen Form auf Papier bringen kann, deswegen am besten einfach direkt: In meinem Hodensack hat sich eine Zecke festgebissen. Ich fand es ja immer schon seltsam, dass sich Zecken vorzugsweise auf dem Bauch oder dem Rücken festsetzen, während es sich doch wesentlich geräuschloser dem Zeckenbusiness nachgehen lässt, wenn man sich an versteckteren Orten einnistet. z. B. in Achselhöhlen oder im Schamhaar oder eben auf dem Hodensack. Wir checken uns jeden Abend vor dem Schlafengehen wegen Zecken ab. Wie präzise ich dabei den Hodensack untersucht hätte, lässt sich schwer sagen. Ich entdeckte das Spinnentier heute auch nur zufällig, weil ich von der Außendusche kam und mich vor dem Haus beim Trocknen in der Morgensonne die Eier kraulte. Die Kettensäge habe ich übrigens immer noch nicht in Betrieb genommen. Sie wurde in zwei Teilen geliefert und muss noch zusammengebaut werden. Ich verstehe nicht, wie ich das Schwer samt Kette auf den Motor anbringen muss. Die Anleitung ist sehr präzise, sie lässt jedoch genau diesen einen Schritt aus. Auch die KI ist dabei keine Hilfe. Deswegen legte ich die Maschine vor einigen Tagen beiseite, um das Problem auf später zu verlagern. Die Probleme, die ich hier habe, sind sonst alle schön zweidimensional, die sich mit Tatkraft aber sonst unkompliziert lösen lassen: ein umgefallener Baum, ein schwerer Gegenstand, dichtes Gras, ein verirrter Schmetterling, fehlendes Brot, fehlendes Bier. Mein Leben würde ich gerne auf dieser Komplexitätsebene belassen. Heute ging es mir nicht besonders gut. Letzte Nacht schlief ich schlecht. Ich war den ganzen Tag müde und kraftlos. Irgendwas hat mich heimgesucht. Wir haben hier 30 Grad, während es in Berlin angenehme 24 sind. Der Norden ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Zugegebenermaßen sind die 30 hier wesentlich erträglicher als in Berlin. Außerdem kühlt es nachts immer gut ab. Noch. Dafür saß ich den ganzen Tag im Schatten vorm Haus und las. Ich habe nur drei Bücher mitgenommen. Wenn ich mit Knausgård durch bin, dann bleiben nur noch zwei dünne Bücher übrig. Die Traumnovelle von Schnitzler und von Schirachs Regen. Die lese ich vermutlich in einem Rutsch durch.

  10. 1

    [Mo, 13.7.2026 – Insignien, Werkzeug]

    Wir gehen hier ja mit den letzten Sonnenstrahlen ins Bett. Gestern schien sogar noch lange die Sonne ins Zimmer herein, während meine Augen mir zufielen. Unsere Freunde fuhren heute wieder zurück in den Süden. Die Hündin schien sich den ganzen Tag zu fragen, wo die ganze Action plötzlich hin ist. Keine wilden Jungs mehr, die ständig Bälle werfen und sich jagen lassen. Die Hündin hat uns beim Schwimmen übrigens zerkratzt. Gestern liefen wir alle mit ihren Insignien (drei rote Striche, der mittlere Strich länger) durch die Gegend. Sie wollte uns ja nur immer retten. Die gute Absicht stimmt uns milde. Am Nachmittag fuhren wir in die Stadt, um ein paar Erledigungen zu machen. Kissenbezüge und Schrauben. Als wir wieder zurück waren, wollte ich den leckenden Schlauch reparieren und musste feststellen, dass mir ein Anschlussstück fehlte. So geht es hier eigentlich die ganze Zeit. Es fehlt eine Kleinigkeit, dann müssen wir in die Stadt. Das ist bei Werkzeug so, aber auch beim Essen. Die Stadt ist nicht gerade um die Ecke, sondern etwa 30 Autominuten entfernt. Ich weiß nicht, wie andere das machen. Vermutlich planen sie die Stadtbesuche sorgfältiger. Berlinbewohner wie wir sind es schlichtweg nicht gewohnt, etwas nicht sofort zur Verfügung zu haben. Zurück im Wald spielten wir Memory. Ja genau. Ich verlor.

  11. 0

    [So, 12.7.2026 – Wasser, Essen]

    Wir waren alle ausgiebig im Fluss baden. Dabei hatten wir ungemeinen Spaß und die Kinder fragten, warum wir das nicht schon früher getan hatten. Nun. Hatten wir eigentlich ja, aber der Spaß war vorher weniger gewesen. Warum der Spaß damals weniger war, blieb jedoch ungelöst. Auch die Hündin kam heute mit. Sie kann mittlerweile schwimmen, sie ist dabei aber sehr aufgeregt, und bei der Tiefe des Flusses habe ich Angst, dass sie sich verausgabt und etwas passiert. Ja, auch ich habe das Recht, mal besorgt zu sein. Für unsere Kajakfahrten kaufte ich ihr im Winter eine Schwimmweste. Auch wenn Hunde schwimmen können, empfiehlt es sich, sie mit einer Schwimmweste auszustatten. Wenn es auf dem Wasser nämlich zu Unfällen kommt, dann geht das nämlich immer mit Stresssituationen einher und eine Weste verhindert Übermüdung bei Stresssituationen. Weil ich das Kajak in Berlin lassen musste, aber die Schwimmweste dabei hatte, zog ich sie ihr an, und so sprang sie mit in den Fluss. Anfangs war sie aufgeregt, nachdem sie aber zu merken schien, wie sie mit der Weste trieb, beruhigte sie sich und watete vor sich hin. Sie tat das Gleiche, wie auch zu Land. Sie watete von Mensch zu Mensch, um zu sehen, ob auch alle beisammenblieben. Was nicht ganz einfach war, weil die beiden Kinder ständig das Wasser verließen und vom Ufer her als Arschbomben in das Wasser sprangen. Den Rest des Nachmittages saßen meine Frau und ich oben im Schatten des Hauses auf den Bänken und lasen. Die Freunde fuhren ins Dorf und die Kinder lagen im Gästehaus. Das Wasser hatte uns cremig gemacht. Übrigens schrieb ich auffallend wenig über das Essen. Heute aßen wir Risotto mit einer selbstgemachten Brühe aus Garnelenabfall. Neulich aßen wir nämlich Garnelen als Snack. Die Freundin aus Südtirol wollte die Schalen nicht einfach so wegwerfen, sondern kochte den ganzen Abfall einfach zu Brühe ein. Eine wirklich hervorragende Idee. Heute verwendete sie diese Brühe für Risotto mit Muscheln und Meerestieren. Was aßen wir sonst noch? Pizza aus unserem Pizzaofen natürlich. Leider hatten wir den Teig diesmal nicht im Griff. Fotos poste ich deswegen keine. Einmal gab es Pasta al limone, gestern machte meine Frau kaltgekochten Lachs, am ersten Tag bereitete ich Pesto zu und einmal grillten wir. Meinen in Wien sozialisierten Freunden wollte ich eine Freude bereiten, indem ich schwedische Käsekrainer, also sogenannte Eitrige, auf die Liste setzte. In meiner Sozialisation gehören Eitrige nämlich zum Wiener Kulturgut, wo man schon morgens eine Eitrige mit einem Gschissenen zu Bier bestellen kann. Diese Gastgeberfreude wurde aber nur mittelmäßig geteilt.

  12. -1

    [Sa, 11.7.2026 – Vänern, Vättern, Habo]

    Ich lese gerade den dritten Teil von Knausgårds autobiografischen Texten. Mein Freund fragte mich, wie ich Knausgård eigentlich fände. Ich gab in diesem Zuge zu, dass ich Knausgaard nur aus dem Grund angefangen hatte zu lesen, um ihn nicht zu mögen. Ich wollte einfach ein paar gute Argumente haben, warum ich ihn nicht mochte. Er sah zu gut aus, er arbeitete offenbar mit einer radikalen Subjektivität und Schonungslosigkeit sein eigenes Leben auf. Natürlich musste ich da nur neidisch sein, ich würde schon etwas finden, das ich nicht mögen würde. Nun, es kam dann wirklich anders. Jetzt sitze ich beim dritten Band. Das sagte ich meinem Freund so ähnlich. Jetzt habe ich die Holzbank fertiggestellt. Ich brachte sie in das Wäldchen unter dem Haus. Dort wird sie jetzt stehen. Heute fuhren wir zum Vätternsee. Eigentlich wollte mein Freund zum Vänernsee. Weil das der größte See der EU ist und er wissen wollte, wie es ist, wenn man das andere Ufer nicht sieht. Stattdessen fuhren wir zum Vättern. Man kann auch dort das andere Ufer nicht mehr sehen und der Vättern liegt etwas näher bei uns. Auch bot es sich an, die Holzkirche von Habo zu besichtigen. Diese Kirche hatte ich vor einigen Jahren einmal besucht, wie ich aber soeben feststellte, schrieb ich nichts darüber. Eventuell fiel der Besuch der Kirche in die Zeit zwischen 2019 und 2021, in der ich solche Banalitäten nicht zu Papier brachte. Weil ich mich nicht wiederholen wollte, schoss ich heute auch kaum Fotos vom Inneren der Kirche. Sie ist wirklich sehr beeindruckend. Dabei ist es schwer zu beschreiben, warum. Sie ist von innen lückenlos auf jedem Zentimeter bemalt. Das klingt in der Beschreibung eher unspektakulär, entfaltet aber eine ungemeine Wirkung, wenn man das Gebäude betritt. Das Wasser des Vättern war dann eher frisch. Meine Frau und unsere Freunde gingen zum Strand, während ich mit der Hündin durch den Wald spazierte. Am offiziellen Sandstrand des Ortes, den wir angefahren hatten, waren nämlich keine Hunde erlaubt. In Schweden gilt aber das Allemansrätt, was vereinfacht gesagt bedeutet, dass man machen kann, was man will, wenn man nur weit genug von anderen Menschen entfernt ist. Dann erreichte ich einen kleinen Sandstrand, auf dem ich mehrere Hunde erspähte. Ich sprach direkt einen Mann an, zu dem ganz offensichtlich zwei Huskys gehörten, und fragte ihn, wie das hier mit den Hunden gehandhabt würde. Der Mann war sehr freundlich und hatte einen fröhlich vor sich her baumelnden Penis. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Nacktbadestrand war, ich sah auch Menschen mit Badehose, aber auch viele Brüste und mindestens noch einen weiteren Penis. Der Mann sagte mir jedenfalls, dass das mit den Hunden hier nördlich des Ortes vollkommen okay sei. Ich bedankte mich, rief sofort meine Frau an und erzählte ihr, dass wir uns auch alle gemeinsam auf diesem Strand treffen könnten. Sie fand das eine super Idee und wollte die Lage besprechen. Als sie mich danach anrief, war die Lust auf Wasser wieder etwas verflogen. Die Temperatur des Wassers war noch etwas kalt und die Kinder wollten lieber etwas essen. Mir war das auch recht. Zwischendrin machten wir eine kleine Pause in einem Dorf namens Gustav Adolf. Nicht nur wegen des Namens. Aber ein bisschen schon.

  13. -2

    [Do, 9.7.2026 – Fluss, Bärensee, Sonne]

    Morgens, wenn ich über die kleine Wiese runter zum Klo laufe, scheint die Sonne hinter der Linde hervor. Ich drehe mich um und lasse mir den Rücken wärmen. Das ist so ein schönes Gefühl. Ich verstehe schon, warum Menschen esoterisch werden. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass der Rasenmäher eine der besten Maschinen ist, die ich bisher besessen habe. Er läuft sogar der Akkukreissäge den Rang ab, für die ich bisher die stärksten Gefühle empfand. Die Rasenmaschine hat genug Wumms, um meterhohes Gras umzusensen. Sogar hinten auf der großen Wiese komme ich ohne große Mühe durch den dichten, wilden Wuchs hindurch. Hinter mir verfolgt mich die Hündin, die sich im frischgemähten Gras wälzt. Morgen oder übermorgen werde ich die Akkukettensäge auspacken und aktivieren. Die Kettensäge hat natürlich das Potenzial, in meiner Gefühlswelt auch den Rasenmäher zu übertrumpfen. Mittlerweile sind auch unsere Meran Freunde angekommen. Die Kids finden es super. Sie schmeißen sich in den Fluss und spielen mit der Hündin. Unser Tier verausgabt sich. Es gab noch nie jemanden, der beim Bällewerfen so viel Ausdauer hatte, wie der zwölfjährige Junge. Gestern legten wir die Treppe in den Fluss und brachten auch das Ruderboot ins Wasser. Wir ruderten dann zu viert bis zum Wasserfall hinauf. Der kleine Sohn wollte ständig vom Boot aus ins Wasser springen, aber er traute sich letztendlich nie. Das Wasser ist dunkel und wir haben ihm erzählt, dass der Fluss sehr tief ist. Das haben wir gesagt, damit er vorsichtig ist. Der Grat zwischen Vorsicht und Angst ist aber immer schmal. Vielleicht haben wir übertrieben. Wir fuhren auch zum Bärensee, der 4km entfernt liegt. Mein Freund wollte sich ihn nur ansehen. Vielleicht würden wir einmal alle gemeinsam dort baden gehen. Der See ist immer etwas wärmer als der Fluss, da der Fluss ja ständig frisches Wasser aus dem Norden nach Südwesten führt. Dann meine Holzbank. Wie neulich berichtet, baute ich zusammen mit dem Sohn meiner Nachbarin in Berlin eine Holzbank, die ich hier am Hang im Wald aufstellen will. Sie muss aber noch lasiert werden. Zwei Lagen. Das macht meine Frau. Sie ist Lasier-Queen. Ich brauche auch noch lange Schrauben, um die einzelnen Bretter zu befestigen. Inzwischen räumte ich das Stückchen Wald aus, in dem ich die Bank stellen will. Das hatte ich zwar vor 5 Wochen bereits getan, aber in dieser kurzen Zeit ist alles wieder nachgewachsen. Sogar Jungbäume. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ich jeden Jungbaum im Umkreis von hundert Quadratkilometern ausgerissen hatte. Nun. Was ist sonst noch passiert? Die ersten beiden Tage waren angenehm kühl. Aber mittlerweile brennt die Sonne nieder. Wir stellen hier mehrmals am Tag die Gartenmöbel um. Die ersten Tage folgten wir immer der Sonne. Mittlerweile folgen wir dem Schatten. Es hat eigentlich nur 24 Grad. Aber in der direkten Sonne ist mir das schlichtweg zu warm. Im Schatten ist es aber sehr angenehm. Heute baute ich auch die Außendusche auf. Wir haben uns ein neues Wasserkonzept ausgedacht. Wir lassen 40 Meter Schlauch in der Sonne liegen, am Ende des Schlauches haben wir eine Art Brause befestigt. Die Brause kommt aus dem Gartenbereich bei Toom. Damit wässert man Pflanzen. Sie hat aber einen sehr praktischen Knopf, mit dem man das Wasser dosieren kann. Danach ließ es sich prima damit duschen. Das Wasser war sogar zu heiß. Ich werde in diesen drei Wochen keine Audioaufnahmen der Beiträge anfertigen. Es fehlt mir hier am Equipment.

  14. -3

    [Mo, 6.7.2026 – Reise, hohes Gras, Acryl]

    Um 8 Uhr fuhren wir los, waren rechtzeitig um 11 bei der Fähre in Rostock und fuhren danach durch ein verregnetes Dänemark. Unsere Freunde fuhren in ihrem eigenen Auto, wir blieben immer mehr oder weniger in Sichtkontakt. Das ist eine eigenartig schöne Art, Auto zu fahren. Kurz vor Kopenhagen trennten sich unsere Wege. Wir fuhren in Richtung Norden nach Helsingör zur zweiten Fähre, während sie dort rechts abbogen zur Öresundbrücke. Sie wollten noch einen Tag in Südschweden verbringen, bevor sie zu uns kommen. Wikingermuseum besichtigen und einmal in die Ostsee springen. Dass es regnet und das Ostseewasser niedrige Temperaturen führen würde, war nun nicht unbedingt Teil ihrer Planung einer Sommerreise gewesen. Später erfuhren wir, dass der zwölfjährige Sohen trotzdem ins Wasser gesprungen ist. Er hatte sich das schon lange vorgenommen, deswegen zog er das auch durch. Ich bin gespannt, dem jungen Mann irgendwann als Erwachsenem zu begegnen. Als wir bei unserem Waldhäuschen ankamen, sprang die Hündin aus dem Auto und rannte minutenlang wie ein wildgewordenes Huhn um uns und um das Haus herum. Die Freude war ihr anzumerken. Vor 5 Wochen verließen wir das Häuschen bei 5cm hohem Gras. Als wir heute ankamen, war es hüfthoch. Ich bin wirklich kein Freund von hohem Gras. Die Angst, auf irgendwas zu treten oder mir im Vorbeigehen eine Zecke mitzustreifen, lässt mich nahezu erlahmen. Deswegen grub ich auch den kleinen, elektrischen Handmäher unter der Treppe hervor und rasierte verschiedene Schneisen über die Wiese. Schneisen um das Auto herum, eine Schneise vom Auto zur Haustür, eine Schneise zur Scheune, zum Klo und eine Schneise einfach der Schneise wegen. Damit hatte ich ein vorläufiges Wegenetz, auf dem ich mich bewegen konnte. Meine Frau hält mich für hysterisch. Aber bei hohem Gras muss ich oft an den Mittleren Westen der USA denken. Was viele Menschen nämlich nicht wissen, ist, dass die weite, endlose Prärie vor Ankunft der Europäer eine ziemlich unpassierbare Gegend gewesen ist. Erst als die Spanier mit ihren Pferden kamen, konnten die Eingeborenen ins hohe Gras vordringen und wesentlich effizienter Büffel jagen. Just saying. Durch meine Abneigung gegen hohes Gras stehe ich in einer Reihe mit alten Naturkulturen. Morgen werde ich mit meinem neuen Benzinmäher die Flächen kürzen. Danach geht es mir gut. Einer der dringlichsten Punkte auf meiner Liste war es, den Rand der Toilette mit schwarzer Acrylfarbe zu umranden. Die Öffnung der Toilette ist nämlich aus hellem Holz und wir stellten bereits letztes Jahr fest, dass sich die Öffnung ziemlich schnell verfärbt. Und zwar in Braun. Das ist für die Öffnung einer Komposttoilette keine schöne Färbung. Daher die Idee, den Rand zu schwärzen. Zum einen aus ästhetischen Gründen, aber auch, um die Reinigung zu erleichtern, da wir das helle Holz mehr oder weniger unbehandelt gelassen haben. Die Farbe hatten wir bereits letzten Sommer gekauft, aber dann vergessen, sie anzubringen. Heute wollte ich sie dann auftragen, aber der Inhalt der Dose sah eher aus wie eine aufgeweichte Müslipampe. Ziemlich fest und mit harten, an aufgequollene Haferflocken erinnernden Teilchen. Die Aufschrift an der Dosenseite verriet uns dann auch, dass man die frische Farbe keinen Minusgraden aussetzen darf. Es blieb uns nichts anderes übrig, als es zu den vielen Lehren abzulegen, die man im Leben so ansammelt.

  15. -4

    [So, 5.7.2027 – Spionagemuseum, letzte Dusche]

    Mit unseren Freunden gingen wir schließlich ins Spionagemuseum am Leipziger Platz. Ich war dort einmal mit meiner Schwester und ihren Kids. Die fanden es super. Die Kinder meiner Freunde sind jetzt im Alter meiner Neffen von damals. Auch die beiden fanden es super. Mir fiel diesmal etwas negativ auf, dass der allergrößte Teil sich mit den historischen und technikgeschichtlichen Teilen der Spionage befasste, wovon Berlin natürlich aus einem reichen Schatz bedienen kann, aber erst ganz zum Schluss eine einzige Tafel einen zeitgenössischen Schlenker machte. Da ging es um Snowden. Mehr bekam ich nicht mit, weil sich um die Tafel eine Schulklasse drängelte. Es ist nicht unbedingt eine Schwäche des Museums, gegenwärtige Spionage ist schlichtweg nicht ganz einfach darzustellen. Irgendwelche hackenden junge Menschen mit einer tief ins Gesicht gezogenen Hoodiekapuze kann man heute auch nicht mehr bringen. Und Facebook, Google, Palantir und Anzeigen-Tracking-Netzwerke sehen halt optisch nicht gut aus. War aber dennoch gut. Sie haben die ganzen Spiele noch einmal schöner gestaltet. Der Verhörraum mit den Lügendetektoren und der Laserparkour sehen schon beinahe so aus wie Filmsets. Am Abend nahm ich dann die letzte richtige Dusche für die nächsten drei Wochen. Morgen früh fahren wir los.

  16. -5

    [Sa, 4.7.2026 – Packen, Plug, Maude]

    Es geht auf den Urlaub zu. Der letzte Arbeitstag war sehr anstrengend, weil ich ich gerade so viele Fäden in der Hand halte, die ich alle abgeben oder ablegen musste. Die letzten Mails schrieb ich am Freitag kurz vor Mitternacht. Für den Rest der Zeit packte ich. Am Samstag kamen unsere Freunde aus Meran mit ihren beiden Kindern. Sie werden zwei Nächte in Berlin verbringen, danach fahren wir gemeinsam nach Schweden. Das wird sicherlich nett. Ich freue mich schon länger auf diese Reise mit alten Freunden. Die Kids sind total süß, im frühen Teenageralter. Der eine findet alles in Berlin ghettostylemäßig cool und der andere fragt, ob er jetzt süchtig wird, wenn er Marihuana auf der Straße einatmet. Wir gingen vietnamesisch essen, und liefen über die Oberbaumbrücke. Wenn man mal Besuch hat, dann regnet es in Berlin natürlich. Die beiden Regentage im Jahr finden immer dann statt, wenn man Berlin von der schönen Seite zeigen will. # Jetzt habe ich auch so ein Herzchen-Plugin zum Herzen von Beiträgen installiert. Herz und Plug. Weiß nicht. Wie ich die Wörter da so stehen sehe, hat es wiederum etwas Anrüchiges. # Für meine Frau ist Claude ein Mann, ich hingegen spreche immer von "ihr", wenn ich über Claude spreche. Ich bin da eher bei Claudia oder bei Maude, als bei Claude Monet. Aber es gibt ja auch Claude Jade oder die Première Dame Claude Pompidou, ich liege daher ja nicht falsch. Ich weiß nicht, ob ich langfristig mit einer KI arbeiten möchte, die Jacques oder Horst heißt, ich bevorzuge weibliche Vertrauenspersonen. Meine Zahnärztin ist eine Frau, meine Hausärztin, meine Friseurinnen, meine Tätowiererinnen.

  17. -6

    [Do, 2.7.2026 – Beißer, Kneipensterben]

    Am Morgen saß eine riesige Heuschrecke auf der Innenseite meiner Nachttischlampe. Ich google-lenste sie und heraus kam die Antwort, dass es sich um einen südlichen Irgendwas-beißer handelte. Eine Heuschreckenart, die in Afrika beheimatet ist. Von so viel apokalyptischer Symbolik überwältigt, griff ich sofort zu einem T-Shirt und warf es aus dem Fenster. Jetzt, wo ich das aufschreiben will und gerade recherchierte, wie das Tier nochmal heißt, sagte mir das Internet, es handle sich um eine in Berlin heimische Langfühlerschrecke aus der Familie der Laubheuschrecken (Tettigoniidae). Keine Rede mehr von Afrika. Keine Apokalypse mehr. # Der vorletzte Tag vor dem Urlaub. Jetzt komme ich nicht mehr mit der Arbeit hinterher. Es sind noch so viele wichtige Dinge zu erledigen, zu übergeben und zu verschieben. Eigentlich passt der Urlaub gerade überhaupt nicht, ich habe gerade so viele spannende Themen in Arbeit, aber andererseits freue ich mich so sehr auf den Urlaub, dass ich gar nicht weiß, wofür ich mich entscheiden möchte, wenn ich entscheiden könnte. # Dann in Neukölln gewesen und mich sehr über das Kneipensterben dort gewundert. Bis noch vor wenigen Jahren ging ich sehr oft in der Gegend nördlich der Weserstraße aus. Meine Lokale haben alle ersatzlos die Türen geschlossen. Das LagerLager, der Damensalon, die Black Lodge. Nur verschlossene Türen und das Logo hängt noch an der Fassade. Dafür waren wir in einer anderen Bar, sie hieß irgendwas mit Queers. Der Barmann ignorierte mich offensiv, kümmerte sich aber aufopferungsvoll um die anderen. Bis er mitbekam, dass ich mit einer Frau verheiratet bin. Dann regte er sich zuerst auf, und dann sagte er, wie schade das sei, ich sei ja total sein Typ und auf einmal wurde er superfreundlich. Ich habe keine Conclusio. Aber am Ende des Abends verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung. # Und nein, meine Novelle liegt wirklich nicht standardmäßig auf meinem Nachttisch. Muss wohl mit den Umräumarbeiten zu tun gehabt haben.

  18. -7

    [Mi, 1.7.2026 – labberige Saison, umsortieren]

    Im Sommer muss ich einfach früher ins Bett, weil ich immer um fünf Uhr herum aufwache und nicht mehr schlafen kann. Gehe ich früher ins Bett, schlafe ich früher ein, aber ich wache um fünf Uhr auf. Gehe ich um 1 Uhr ins Bett, bin ich auch wieder um 5 Uhr wach. Das liegt wohl am Licht. Es hilft auch nichts, das Verdunkelungsrollo herunterzuziehen, das Sommerlicht muss sich irgendwie mit Schwingungen aus der Metaphysik behelfen, um mir um fünf Uhr den Schlaf wegzunehmen. Nur gestern war der Nachbar mit seinem Sex schuld. An allen anderen Tagen aber nicht. Heute setzten wir uns mit meinem Schwager ins ByeByeCavaliere. Zuvor hatten wir einen zwei drei Aperol Sprizz bei Backaro getrunken. Nach der Abkühlung ist es nun perfektes Sommerwetter. Es ist warm genug, dass man schlecht gekleidet mit Birkenstocks und labberigen, kurzen Hosen draußen sitzen kann, aber nicht mehr so heiß, dass man klebt. Am letzten Wochenende räumte ich übrigens Dinge um. Von Schreibstischschrank zu Schreibtischschrank. Da kommen viele alte Erinnerungen zum Vorschein. Alle meine Notizbücher zwischen 2007 und 2013. Damals schrieb ich unfassbar viel per Hand in diese Notizbücher hinein. Heute habe ich immer noch meistens ein Notizbuch dabei, aber ich schreibe nur noch Notizen. Entsprechend langsam füllt es sich auch. Und ich fand meinen alten Mitarbeiterausweis aus 1999 bei SUN in Amersfoort. Da habe ich wirklich gerne gearbeitet. Ich kann meine Personalnummer immer noch auswendig. Aber nur auf Englisch. One one five one two nine. Ich kann auch noch meine Durchwahl. One five four five seven. Damals trug ich oft große Ohrringe. Zu schwarzen Hemden und schwarzen Sakkos. So würde ich immer noch gerne aussehen. Aber im Alter geht das nicht mehr. Außer man spielt bei den Bad Seeds.

  19. -8

    [Mo, 29.6.2026 – TDDL, Stöhnender Nachbar]

    Der Bachmannpreis zog diesmal völlig unbemerkt an mir vorbei. Keine einzige Lesung angehört, keine Besprechung, kein [irgendwas Drittes]. In meinem Internet fand das #TDDL nicht statt. Ich weiß nicht, was los war. Möglicherweise war ich zu sehr mit der Hitzabwehr beschäftigt. Andererseits baute ich aber auch den Schrank im Flur zu Ende. Das war sicherlich nicht die richtige Aktivität bei 40 Grad, aber wenn man im Luftstrom des Ventilators stand, dann war das durchaus erträglich. Der Ventilator lief dann auch von Freitag bis Montagmorgen durch. Einmal schaltete er sich von selbst aus. So entdeckte ich seine Notaus-Selbstfunktion. Der Schrank im Flur ist nicht meine beste Creatión. Er sieht jetzt aus, wie ein schlichter, weißer Wandschrank. Dabei hatten wir etwas anderes im Kopf. Heute wurde ich um zehn vor fünf von meinem stöhnenden Nachbarn geweckt. Ich kenne seine Wohnung, sein Schlafzimmer befindet sich an der Vorderseite des Hauses. Heute stöhnte er aber auf der Hinterseite, das konnte nur bedeuten, dass er sich in der Küche vögeln ließ. Ich wurde dieses Bild nicht mehr los. Wie er schräg unter meinem Fenster auf dem Bauch über dem Küchentisch lag und ein fitter, junger Kerl, sich von hinten an ihm vergnügte. Seine Männer sind nämlich immer fitte, junge Kerle. Das Stöhnen ging eine ganze Weile so. Nach 30 Minuten stand ich auf und kochte mir einen Kaffee. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch (befindet sich in meinem Schlafzimmer) und fing an, ein wenig zu schreiben. Nach einer Weile merkte ich, dass er immer noch Sex hatte. Es war sicherlich eine halbe Stunde vorbeigegangen. Ein bisschen neidisch wurde ich schon. Wer montagsmorgens um 5 Uhr eine dermaßen lange Session hinlegt, hat wahrscheinlich ein gutes Leben. Ich wunderte mich nur über die Eintönigkeit. Ich glaube ja immer, dass andere Menschen ständig Dirty Talken. Das geht mir ja völlig ab, ich weiß nicht, wie Dirty Talk geht. Manchmal versuchte ich es, dann sagte ich immer schmutzige Dinge, aber es gibt nur wenige gute Adjektive beim Sex. Mein verbales Arsenal war immer schnell aufgebraucht und Wiederholungen sind nicht so meins. Der Nachbar hätte mit Dirty Talk die Situation sicherlich aufgepeppt und ich hätte etwas lernen können.

  20. -9

    [Sa, 27.6.2025 – Sommerfest, Gewitterwolke, es regnet nie]

    Auf der Firmenfeier trank ich dann sehr viel Wasser. Ich bestellte immer ein stilles Wasser und ein Bier. Ein Helles und ein Stilles, bitte. Die Frau hinter der Bar fand den Spruch lustig. Am Anfang zumindest. Aber ich kam dann ziemlich oft vorbei. Wir feierten unten an der Spree, am Badeschiff. Die Location ist schon spektakulär. Das blaue, angeleuchtete Wasser, daneben die schwarze Spree, hinter der Spree die Häuser mit den Lichtern. Auch die hohen Häuser an der Warschauer. Wenn man im Pool liegt, sieht man offenbar den Fernsehturm. Natürlich sprang ich nicht in den Pool. Ich hatte nämlich vergessen, mir die Rückenhaare zu rasieren. Das sagte ich dann auch, wenn ich gefragt wurde, ob ich mit ins Wasser ginge: Ich habe vergessen, mir die Rückenhaare zu rasieren. Das ist eine prima Ausrede. Es konnten alle darüber lachen. Es ist eine Sache, ob man es sieht, oder ob man nur einen Witz darüber macht. Auf der Feier war ich Tombolabeauftragter. Es ist mir ein Bedürfnis, das zu protokollieren. Unten an der Spree war die Temperatur erträglich. Später, als ich gegen ein Uhr nach Hause fuhr, hinauf auf den Berg, stieg auch die Temperatur mit mir mit. Die Wohnung war unerträglich schwül und warm. Die Hündin freute sich über meine Heimkehr. Sie tut mir leid bei dieser Hitze, aber sie nimmt die Dinge, wie sie kommen. Ich sprang gleich unter die Dusche. Sie hingegen hasst die Dusche. Tagsüber zwinge ich sie mehrmals in die Kabine, um zumindest ihre Pfoten ins Wasser zu halten. Hunde regeln ihre Temperatur hauptsächlich über die Zunge und über ihre Pfoten. Danach ist sie immer gut gelaunt und will spielen. Bis sie irgendwann wieder auf Temperatur kommt und döst. Meine Frau hat getrocknete Sprotten in eine Eiswürfelform gegeben, sie mit Wasser übergossen und ins Tiefkühlfach gelegt. Die Hündin bekommt jetzt diese gefrorenen Sprottenwürfel zum Abkühlen. Sie liebt es. Am Samstag stand ich schon um 5 Uhr auf und ging nach dem Kaffee mit der Hündin in den Park. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem man mit dem Tier hinaus kann. Am Abend sollte es regnen. Bei Regenradar sah man die prognostizierte Gewitterwolke über Berlin ziehen. Ich war schon ganz aufgeregt. Dann blitzte es und es donnerte. Aber der Regen blieb natürlich aus. In Berlin regnet es bekanntlich nie. Weiß gar nicht, warum ich mich immer auf die Vorfreude einlasse.

  21. -10

    [Do, 25.6.2026 – wie wir wurden, Hitze und Hitze und Angst vor Hitze und weiße Kleidung]

    Vorgestern mit Benny und Nico aus meinem Fanclub im Zosch an der Tucholskystraße gewesen. Eigentlich wollten wir uns nur auf einen Drink treffen, um eine Entscheidung zu fällen, wie wir mit unserem Chattool weiter verfahren. Die Entscheidung trafen wir aber schon, bevor mein Bier auf dem Tisch stand. Wir redeten erstaunlich wenig über Hertha, dafür legten wir viele persönliche Themen auf den Tisch. Neben politischen Themen auch Männerthemen. Über unsere Prägung, wie wir daraus herauskamen, wie wir zu den Männern wurden, die wir geworden sind, was uns verändert hat. Vor allem mit Nico teile ich eine Kindheit und Jugend auf dem Dorf. Es gab in unserem Leben soziale Realitäten, deren wir uns schlichtweg nicht gewahr waren. Vor allem im Hinblick auf unsere männliche Entwicklung. Dieses Gefühl, nicht auf Feuerwehrfeste zu passen etc. Ich will das jetzt hier nicht vertiefen, weil die Geschichten der anderen zu persönlich sind, um sie hier auszubreiten, aber vielleicht gehe ich hier über meine Biografie einmal genauer ein. Ab jetzt geht es mit den Temperaturen aufwärts. Ich weiß nicht, warum mich das so beschäftigt. Als Teenager verbrachte ich mehrere Sommer auf Reisen in Mittelitalien. Trampte in der prallen Sonne auf der Autobahn, schlief tagsüber in der Sonne an baumlosen Stränden. Immer in dunkler Kleidung, Jeans, auch eine Jacke hatte ich immer dabei, zumindest über die Schulter geworfen. Auch damals mochte ich die Hitze nicht, aber seit ich mir dessen auch bewusst bin, halte ich es kaum noch aus. Und natürlich wird es schlimmer, je mehr ich mich damit beschäftige. Wenn ich in der Wetter-App am Ende der Woche 41 Grad sehe, dann bekomme ich schon Beklemmungen. Deswegen versuche ich diesmal einfach drauf zu scheissen. So nämlich. In irgendeinem Psychotest erhielt ich einmal als Ergebnis, dass ich mich selbst beruhigen kann, und offenbar führt das bei der Einordnung in den sogenannten "Big Five" dazu, dass ich wenig neurotisch bin. Das habe ich immer als eine gute Eigenschaft verbucht. Hitze ist aber offensichtlich mein Boss-Level. Heute wurde es 34 Grad. Ich entschied mich für eine weiße, kurze Hose, ein weißes Hemd und weiße Turnschuhe. Jegliche Wärme sollte von mir abprallen und zurück ins Universum geschickt werden. Im Büro fragte man mich, ob ich zum Tennis gehen würde. Aber: So ein White-privileged-Boy-Look ist zur Abwechslung mal wirklich kein schlechter Look.

  22. -11

    [Di, 23.6.2026 – Rowdytum, mobile Splitgeräte]

    Ich fuhr nur kurz mit dem Fahrrad über den Bürgersteig. Nur kurz. Das mache ich dort jeden Tag, wenn ich von der Johannisstraße komme, um zur Reinhardtstraße zu gelangen. Sonst müsste ich mich mit dem Rad gefährlich auf der anderen Seite in der Friedrichstraße in den Autoverkehr einreihen. Dort, wo es keinen Fahrradweg gibt. Ich bin nicht der einzige, der das so handhabt. Offenbar weiß das auch die Polizei. Heute wartete ein Dutzend Polizistinnen auf der anderen Straßenseite und zogen Straßenrowdys wie mich aus dem Verkehr. Durch meine langjährige Geschichte mit der Polizei weiß ich mittlerweile, dass man mit denen nicht diskutieren kann. Das meine ich gar nicht despektierlich. Menschen in Polizeiuniform haben schlichtweg einen anderen Blick auf die Dinge. Sie sind dafür da, die Einhaltung von Regeln durchzusetzen. Das ist deren Aufgabe. Sie denken sich die Regeln nicht aus, sie führen nur aus. Wenn du dich für den Beruf der Polizistin entscheidest, dann tust du das nicht, weil du gerne diskutierst, sondern du tust das, weil du gerne die Einhaltung von Regeln durchsetzt. Es hat mich Jahrzehnte gekostet, bis ich das verstanden habe. Seitdem sage ich: Sie sind im Recht, ich habe eine Widrigkeit begangen, wie lautet meine Strafe? Wenn man das sagt, werden Polizisten butterweich. Danach kann man auch über die Sinnhaftigkeit von schlechten Regeln plaudern. Und wenn man Glück hat, bleibt es bei einer Verwarnung. Heute hatte ich kein Glück. Ich konnte immerhin mit Karte zahlen, das ging alles schnell: 25 Euro, zack, und ich konnte weiterfahren. Als hätte ich einen Kaffee gekauft. Transaktional, kein Drama. Ich hoffe, sie setzen das Geld gut ein. Eine Suche im Netz ergibt, dass das Geld in die Landeskasse fließt und nicht zweckgebunden ist. Es wird dann für allgemeine öffentliche Ausgaben eingesetzt, wie Straßenbau, Schulen, soziale Projekte oder für die Verwaltung. Vielleicht bauen sie ja Fahrradwege in der Friedrichstraße. Ich hatte meinen Frieden. Am Wochenende steigt die Temperatur nicht nur auf 39 Grad, sondern möglicherweise auf 41. Samstag und Sonntag. Ich bekomme jetzt schon Beklemmungen. Gegen Mittag surfte ich verschiedene Vergleichsportale wegen Klimageräten an. Mobile Splitgeräte, weil Splitgeräte besser kühlen und mobile, weil ich noch kein festes Konzept dafür habe, wo ich so ein Ding hinstellen will. Es gibt da diese "Portasplit"-Geräte, die mir ein Nachbar empfohlen hat. Daraufhin grub ich mich in ein Rabbit Hole ein, aus dem ich nur mit einiger Mühe wieder herauskam. Jetzt weiß ich aber alles über Klimaanlagen. Am Nachmittag bezog ich meine Frau mit ein. Dass wir uns so ein mobiles Splitgerät kaufen müssen. Sie war unentschlossen. Gegen vier Uhr entschied ich mich, auf den Kaufen-Knopf zu drücken. Doch dann musste ich feststellen, dass das Gerät inzwischen ausverkauft war. Also suchte ich nach anderen Portalen, auf denen ich die Geräte in den letzten Stunden gesehen hatte, allerdings waren sie auch dort ausverkauft. Auch auf Amazon und irgendwelchen shady chinesischen Shops. Kurz darauf las ich auf Heise.de, dass alle Portasplit‑Geräte deutschlandweit weitestgehend ausverkauft seien. Es gab sogar eine Seite namens Braucheklima.de, die ein tüfteliger Entwickler zusammengebaut hat, auf der alle Baumärkte gelistet sind, die solche Portasplits verkaufen. Ein Grüner Punkt würde Verfügbarkeit signalisieren. Aber die Karte zeigte ganz Deutschland in Rot. Nun. Das löste ein wirklich komisches Gefühl in mir aus. Ich dachte die ganze Zeit, mich in einem Rabbit Hole befunden zu haben, nur um dann festzustellen, dass ich eigentlich in einem vollen Stadion stand.

  23. -12

    [Mo, 22.6.2026 – Web4.0, männliche Katze und Hölle]

    Seit der Installation des ATmosphere-Plugins geschehen im Blog interessante Dinge. Likes aus Bluesky (und auch Eurosky) werden hier im Blog angezeigt und sogar Kommentare, die dort abgesetzt werden. So hatte ich mir vor zehn Jahren die Vernetzung des Internets vorgestellt. Plattformen, Blogs, Portale usw., verschmelzen sich zu einer weltweiten Wolke aus Inhalten von unterschiedlichen Quellen, die du beliebig abonnieren, lesen und mit denen du interagieren kannst. Was stattdessen passiert ist: Die Inhalte wurden auf datenhungrigen Social-Media-Plattformen eingesperrt, die von protofaschistischen Milliardären betrieben werden. Naiverweise probierte ich damals verschiedene Social-Media-Plugins, von denen ich mir genau dieses Verhalten versprach. Aber die geschlossenen Social-Media-Plattformen haben natürlich kein Interesse daran, dass ihre User sich außerhalb der Plattformen bewegen. Mit jenen Plugins ließen sich nur Inhalte auf deren Plattformen auslösen. Nicht umgekehrt. Bis eben dachte ich, dass das mit dem Fediverse um Mastodon in dieser Form nicht geht. Aber mit der Kombination aus ActivityPub und FediBoost, erreicht man genau dieses Verhalten auch. Ich kann das alles nur empfehlen. # Mit meiner Exfreundin aus den Niederlanden gechattet. Dort hat die Hitzewelle, die demnächst über Berlin hereinbricht, bereits zugeschlagen. Sie versteht nicht, warum die Leute sich beschweren. Sie lebte viele Jahre in Burkina Faso, da war es ständig über 40 Grad. Man müsse nur die Aktivität ein bisschen runterfahren, alles etwas ruhiger angehen, sitzen. Ich weiß schon, was sie meint. Meine Exfreundin saß gerne herum. Und sobald das Thermometer die 15 unterschritt, fror sie. Wir waren wirklich nicht sehr kompatibel. Am Samstag werden es 39 Grad sein. Ja, ich weiß, ich schrieb bereits darüber. Ich denke an nichts anderes mehr. Zudem feiern wir am Freitag das Firmensommerfest. Ein Kater bei 39 Grad. So stelle ich mir die Hölle vor. Ich könnte jetzt sagen: Trink doch keinen Alkohol am Freitag. Ja, könnte ich. #

  24. -13

    [So, 21.6.2026 – Bauen, Melancholin]

    Naja, schreibt man mal über mangelnden Regen, dann beginnt es zu regnen. Wobei: Es dauerte ja nur 20 Minuten. Als der Regen kam, war ich gerade beim Sohn meiner Nachbarin in seinem Atelier. Er hatte sich angeboten, mir zu helfen, eine Holzbank für Schweden zu bauen. Dort hinterm Haus im Wald gibt es einen schönen Hang mit Blick auf die Abendsonne. Da möchte ich abends sitzen und lesen. Dafür brauche ich eine Bank. Er hatte viele Ideen gesammelt. Sein Vorschlag war, eine einfache, aber stabile Bank aus Lärchenholz zu bauen. Lärche hält jedes Wetter aus und sie widersteht sicherlich auch skandinavischen Wintern. Sie sollte zusammensteckbar sein und in meinen Kleinwagen passen. Vielleicht kann ich sie im Herbst auch wieder auseinanderbauen und für den Winter in die Scheune stellen. Es wurde dann eine richtig schöne Bank. Leider vergaß ich, sie zu fotografieren, jetzt liegt sie auseinandergebaut auf dem Rücksitz des Autos. Die Sonne war morgens schon unerträglich. Bei nur 23 Grad. Am kommenden Wochenende werden es 39 Grad sein. Ich sag ja nur. Das Projekt Klimaanlage bin ich immer noch nicht angegangen. Ich hätte fast ein ganzes Jahr lang Zeit gehabt. Vielleicht war der Leidensdruck letzten Sommer nicht groß genug. Würde ich das Blog nach Sommernächten filtern, käme sicherlich das eine oder andere schlechte Gefühl hoch. Aber ich kann jetzt immerhin besser schlafen. Seit einigen Wochen bediene ich mich eines Tricks. Ich nehme Melatonin. Es bettet mich ein, ich schließe die Augen und drifte in ein nächtliches Meer ab. Melatonin ist das sogenannte nachtaktive Hormon. Diese Bezeichnung fand ich so schön, seitdem nenne ich es Melancholin. Es ist die Eigenschaft dieses Hormons, dass es die Temperatur des Körpers runterregelt. Das löst offenbar mein Problem mit den unerträglichen Hitzenächten. Zugegebenermaßen wird die Bewährungsprobe erst noch kommen, wenn der Juli und der August ihren Ofen anschalten. Tja. Vernünftiges habe ich bei dem Wetter auch nicht zu erzählen. Aber ich sollte mein neues Bauprojekt erwähnen. Die Wohnung ist nämlich wieder eine Baustelle. Ich baue ja gerade ein Kallax-Regal zu einer etwas exzentrischen Wandschrank-Konstruktion um. Gestern Nachmittag brach mir eine der Türen aus dem Rahmen und ich hatte vier Bretter sehr umständlich montiert, bis meine Frau feststellte, dass ich sie falsch befestigt hatte. Das waren vier oder fünf weggeworfene Stunden Arbeit. Die beiden Missgeschicke zogen mich dann schon sehr runter, zumal ich keine Lösung für die aufgebrochenen Stellen in der Tür hatte. Ich schwor mir, dass ich nie wieder ein solches Projekt beginnen werde. Das war ein ungewöhnlicher Ausbruch von Verzweiflung. Faktisch war ich den ganzen Samstag über kaum vorangekommen. Heute konnte ich allerdings einen großen Teil fertigstellen und meine Laune ist wieder wesentlich besser.

  25. -14

    [Sa, 20.6.2026 – Mittsommer]

    Ich will mich auch heute nicht über das Wetter beschweren, aber es gibt Menschen, die bei diesen Temperaturen mit einer Jacke herumlaufen. Und das sind gar nicht wenige. Zum Nachmittag wurde uns ein Gewitter versprochen, aber wie das in Berlin eben immer ist: Es regnet nie. Vielleicht nenne ich das Blog so um. Es regnet nie. Schließlich ist es ein Berlinblog. Während Brandenburg manchmal in Sintfluten untergeht, scheint in Berlin die Sonne. Hat mir auch keiner erzählt, bevor ich hierherzog. # Endlich eine Kettensäge gekauft. Wie in den Einträgen aus Schweden von vor 3 Wochen gelernt, folgte ich den Ratschlägen der Männer aus dem Wald und kaufte mir keine Benzinsäge, sondern eine elektrisch mit Akku betriebene Säge von Ryobi. Es ist ein schönes Gefühl, ein solches Werkzeug zu besitzen. # Am Abend hatte die Traveling Lady zum Mittsommerfest eingeladen. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, bei Hitzewellen keinen Alkohol zu trinken. Wenn die Temperatur 30 Grad übersteigt, trinke ich nur Wasser. Der Grundsatz gilt, bis er nicht mehr gilt. Einmal hat er bisher funktioniert. Heute halt nicht. Ich kam in einem weißen Unterhemd und einer sehr kurzen, ausgebeulten Hose. Aus irgendeinem Grund dachte ich, man müsse sich bei solch einer Hitze nicht anständig anziehen. Ganz offensichtlich war ich der einzige, der das dachte. Die Frauen trugen fast durchgehend elegante Sommerkleider und die Männer wirkten immerhin angezogen. Ich hingegen saß dort etwas derangiert dazwischen, trank Bier und versuchte, mit inneren Werten zu punkten. Aber natürlich war es trotzdem ein schöner Abend. Gegen halb 12 stieg ich mit der Nachbarin auf das Fahrrad und wir fuhren nach Hause. Das ist übrigens eines der wenigen schönen Dinge am Sommer: nachts Fahrrad fahren.

  26. -15

    [Fr, 19.6.2026 – ATmosphere, MIGA, Tundra]

    Bei Felix über ATmosphere gelesen und gleich bei mir eingerichtet. (Hier noch ein paar weitere Links dazu). Das AT-Protokoll bzw. das Fediverse sind wirklich sehr interessant und schaffen vielleicht eine bessere Vernetzung des geschriebenen Internets. Ich habe es noch nicht ganz verstanden, wie die Aggregierung bzw. die Föderierung funktioniert. Eventuell passieren nach der Veröffentlichung dieses Eintrages unvorhergesehene Dinge. Aber: MIGA. Make Internet Geschrieben Again. Wobei das natürlich auch für Bilder und Videos funktionieren kann. Allerdings wird es das Fediverse nicht mit den Monetarisierungsmöglichkeiten der geschlossenen Social-Media-Plattformen aufnehmen können. Und irgendwie wollen alle immer mit Content Geld verdienen. Und überhaupt kommt mir vor, dass alle nur noch Milliardäre werden wollen. Das ganze Startup-Ökosystem scheint sich dahin entwickelt zu haben, dass sie es nur noch tun, um von amerikanischen Riesen aufgekauft zu werden. Nun. Habe ich mich schon über die Hitze beschwert? Nein, noch nicht. Ich schiebe es vor mir her, um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Links unten im Menü auf meinem Desktop habe ich immer die Anzeige der Temperatur in Longyearbyen. Heute misst es dort 1 Grad. Natürlich brauche ich jetzt nicht unbedingt 1 Grad Plus, aber wenn ich nach links unten auf die Temperaturanzeige schaue und mir vorstelle, wie ich auf dem gefrorenen Tundraboden Brötchen holen gehe, dann kühlt sich meine wahrgenommene Umgebungstemperatur immer um vierfünf Grad ab. Zur Not schaue ich auf die Webcam. Da gehen noch ein paar Grad mehr.

  27. -16

    [Do, 18.6.2026 – B’Garten]

    Ich jammere nie über das Wetter. Den ganzen Herbst nicht, den ganzen Winter nicht und das ganze Frühjahr nicht. Jetzt aber. Jetzt kommt die Jahreszeit, in der ich jammern darf. # Dann kann ich auch Biergärten nur mittelmäßig viel abgewinnen. Bier ist okay, Garten auch, aber wenn die Hitze so frückt, werde ich unleidlich. "Frückt" war ein Typo. Weil das Wort aber so klingt, wie meine Gefühle sich anfühlen, lasse ich es stehen. Heute gingen wir für ein Afterwork-Bierchen ins ehemalige Brauhaus am Südstern. Seit Kurzem heißt es Brauhaus Suuud. Es hat eine neue Führung, die etwas mehr zu versprechen scheint, als das alte Brauhaus halten konnte. Irgendwas stimmte unter der alten Führung nie. Jahrzehntelang. Für junge Menschen war es zu altbacken, für alte Leute zu hipp, für Mainstream zu rustikal und für hippe Leute zu unhipp. Dann kam es mit einem Stern im Logo irgendwie kreuzbergisch autonom daher, aber auch diese Erwartung erfüllte es nicht. Dabei hatte das Lokal immer ungemeines Potenzial, wegen der weitläufigen Räume, des Gartens in der Hasenheide und überhaupt. Früher braute da Schoppe seine Biere, aber das Gasthaus wollte keine Experimente. Dann zog Schoppe aus und braute fortan am Pfefferberg. Seit Kurzem haben neue Leute das Lokal übernommen. Die betrieben bisher offenbar eine subversive Bar in 36 (sagt man noch 36?). An der Inneneinrichtung hat sich bisher nichts getan, aber hinten haben sie den Biergarten zur Hasenheide hin geöffnet, das ist richtig nett. Und sie servieren Blumenkohlschnitzel, das zwar nicht besonders schmeckte, aber man merkt, dass sie sich bemühen.

  28. -17

    [Di, 16.6.2026 – Mit dem Hahn, Fable, im Späti]

    Ich gehe so unfassbar gerne mit den letzten Sonnenstrahlen ins Bett. Wenn noch das letzte Tageslicht durch das Fenster hereinkommt. Wenn der Tag von mir geht. Bald schließe ich mich den Hühnern an. Warte auf den Hahn, der uns einsammelt und uns durch den Eingang zu unserem Stall auf die Stöcke bittet. Dort höre ich ihm zu, wie er ein letztes Mal kräht, dann schließe ich mild lächelnd meine Äuglein und falle in einen tiefen Schlaf. # Es erstaunt mich, wie wenig Resonanz die Sperrung von Anthropics neuem KI-Modell für nichtamerikanische Staatsbürger erhält. In den Fachmedien ist das ein Riesenthema. In den großen Medien und im breiten Diskurs hingegen nicht. Dabei hat diese Sperrung eine ungeheure politische Schlagkraft aufgezeigt, die keinesfalls technisch ist, sondern potenziell die europäische Wirtschaft abwürgen kann. Künstliche Intelligenz wird dummerweise immer noch als technisches Thema und nicht als wirtschaftliches bzw. geostrategisches betrachtet. Anders als die Sache mit den Zöllen. Alle redeten von den Zöllen. Zölle, Zölle, Zölle. Aber wenn es um KI geht, dann ist es ein Tech-Thema. # Heute fuhr ich zum ersten Mal mit dem Fahrrad in die neue Firma. Die Fahrt dauerte nur 29 Minuten. Es ging schneller, als gedacht. Auf dem Rückweg traf ich meine Frau wieder unten an der Straße. Sie saß mit der Hündin in einem dieser hölzernen Parklets. Es war 21 Grad und keine direkte Sonne. So etwas wie ein perfekter Abend. Wir wollten nicht in die Wohnung hinauf. Ich sagte, ich ginge zum Späti, um uns zwei Biere zu holen. Im Späti griff ich zu einem Atlantik Ale und einem dieser neuen Wild Coast Ales von Störtebeker. Als ich an der Kasse stand, bemerkte ich, dass ich die alkoholfreien Varianten ausgewählt hatte, also kehrte ich zurück zum Kühlschrank und holte mir zwei neue Flaschen aus dem Regal darunter. Zurück bei meiner Frau öffnete ich das erste Bier, nahm einen Schluck und fand es etwas brotig schmecken. Ein Blick auf das Etikett verriet, dass ich wieder ein alkoholfreies gekauft hatte. Sofort checkte ich die andere Flasche und auch diese war alkoholfrei. Ich weiß nicht, was das Schicksal mir damit sagen will. Vielleicht, dass ich mich mehr bewegen soll. Also kehrte ich wieder zum Späti zurück und tauschte die beiden Flaschen, wovon ich eine natürlich bezahlen musste. An der Kasse merkte ich, dass ich schon wieder zur alkoholfreien Variante gegriffen hatte. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass der Spätibesitzer die Flaschen völlig unsystematisch in den Kühlschrank geräumt hatte. Das sagte ich ihm auch, als er mich so genüsslich anlächelte. Es schien ihn aber nicht zu kratzen. #

  29. -18

    [Mo, 15.6.2026 – Regen, Sonnenbrand, Indonesisch]

    Das Drachenbootrennen spürte ich heute dann doch in den Knochen. Das ging auch den anderen Kolleginnen so. Manche kamen vorbei und fragten vorsichtig: Spürst du das auch? Ich bejahte. Oberarme, Schulterpartien, Brust. Überall leichten Muskelkater. Aber nicht schlimm. Lustig fand ich, dass wir alle einen Sonnenbrand abbekommen hatten. Meine Erinnerung an den Sonntag ist nämlich eher von Regen und Kälte geprägt. Ich bekam den ganzen Tag lang meine Hände nicht richtig auf Temperatur. Und die Kleidung war immer leicht feucht. Es gab den ganzen Tag lang vielleicht drei Sonnenstrahlen. Diese drei hatten es offensichtlich in sich. Aber ich weiß, wie heiß es am kommenden Wochenende werden soll. Fünfunddreißig Grad. Es beklemmt mich jetzt schon. Eigentlich möchte ich mich an jenen Tagen nicht bewegen, und erst recht keinen Alkohol trinken. Aber es ist Sonnenwende, eine Freundin hat zum Feiern eingeladen. Dann werde ich halt schlecht schlafen. Heute aßen wir Gado-Gado. Das ist lauwarmer, indonesischer Salat mit Saté-Sauce. Unsere Berliner Nachbarin hatte das in Schweden für uns zubereitet und wir mochten das ausgesprochen gerne. Dafür schneidet man verschiedene Gemüse in feine Streifen und blanchiert sie. Dazu legt man ein gekochtes Ei oder Tofu oder was auch immer und man gibt Erdnusssauce darüber. Zugegeben: Mit Erdnusssauce schmeckt alles immer nach Erdnusssauce. Aber das macht einen Teil der indonesischen Küche aus. Neulich wurde mir ein indonesisches Restaurant in der Lychener Straße empfohlen. Ich werde es irgendwann probieren. Meine Frau und ich lieben die indonesische Küche. Leider war ich schon seit zwei Jahren nicht mehr in den Niederlanden und kam deswegen auch nicht mehr dazu, indonesisch zu essen. Das ist eine reflexartige Zuordnung. An indonesische Restaurants denke ich eigentlich nur, wenn ich in den Niederlanden bin. Ich gehe dann meistens ins "Blauw". Wenn man das Wort Blauw in diesem Blog eingibt, erscheinen viele Einträge. Meine Frau und ich waren mehrmals da. Dazu gibt es auch diesen Text aus 2015. Nun hat vor einigen Jahren auch eine Blauw-Filiale in Utrecht geöffnet, und man mag es kaum glauben, aber das Utrechter Blauw steht im Springweg, schräg gegenüber dem Haus aus dem Springweg-Buch. Im Buch erwähnte ich auf den ersten 20 Seiten beiläufig ein spanisches Restaurant, in dem wir spätabends noch Rotweinflaschen für 5 Gulden kaufen konnten. Statt des Spaniers ist heute das "Blauw". Wegen solcher schicksalshaften Verbindungen werden Leute manchmal religiös. # Und sonst so. Liest sich wie ein Filmplot:

  30. -19

    [So, 14.6.2026 – neben dem Drachenboot]

    Heute am Drachenbootrennen auf dem Wannsee teilgenommen. Die Temperatur war in Ordnung, aber ein paar Mal zogen finstere Regenzellen über Berlin. Meist befand sich mein Drachenbootteam jedoch an Land. Aber einmal fing der Regen gerade an, als wir ins Ziel einfuhren. Es dauerte aber lange, bis wir ins Trockene gelangten. Andere erwischte der Platzregen schon beim Start. Die kamen später durchnässt und zitternd das Gelände hochgelaufen. Nächste Woche wird es vermutlich ein paar kranke Menschen geben. Unser Team war zu klein, wir mussten also aus dem Publikum rekrutieren. Es meldete sich ein Mann, dessen auffällige Tätowierungen mir gefielen. Teile seines Körpers waren durch wenige, kunstvoll angelegte Linien überzogen. Eine Linie kam von hinterm Ohr und verschwand dann seitlich am Nacken im T‑shirt. Eine der Linien begann mitten am Kinn und zog sich gerade nach unten über den Kehlkopf und verschwand auch wieder hinterm Stoff. Am Arm gab es eine weitere Linie, die irgendwo verschwand. Er stand bei unserer Teambesprechung im Kreis. Danach warteten wir auf das Boot. Ich sagte: Coole Tattoos hast du. Er sagte Danke. Dann zog er ungefragt sein T-Shirt hoch und entblößte seinen Bauch. Da prangte ein etwas vulgäres Abbild einer Raubkatze, ein Leopard oder ein Tiger oder ein Panther, ich kann die Raubkatzen nicht so auseinanderhalten. Er sagte: Hier habe ich auch ein Tatoo. Ich log: Cool. Ein Umstehender sagte: Cool. Ich sagte dann aber auch, dass ich diese Linien an Hals und Arm super finde. Er sagte, er habe noch viel mehr, aber die könne er mir nicht zeigen. Ich nickte. Eigentlich dachte ich, macht man solche Witze nicht mehr. Aber dann sagte er: Ich habe "This Truth is real" auf meinen Penis tätowiert. Ich sagte: oh. Der andere Umstehende sagte: oh. Er erzählte, dass es während des Tätowiervorgangs sehr schwer war, die Erektion zu halten. Immer wenn der Tätowierer sich zu ihm umdrehte, machte es Wupp und der Penis wurde wieder schlaff. Ich nahm an, dass der Tätowierer ihm nicht gefiel. Ich fragte: Und wenn er schlaff ist, dann kann man es nicht lesen? Er sagte: Ja! Und nickte. Dann fügte er hinzu: Und alle Frauen wollen immer lesen, was da steht. Fahren sie voll drauf ab. Der Umstehende und ich staunten nicht schlecht. Ich sagte: Ich hätte mir aber etwas anderes draufschreiben lassen. Ich hätte gewollt: Hi-I-Am-Markus-Welcome-To-Berlin-Have-A-NICE-and-BEAUTIFUL-day-and-hope-to-see-you-again. Höhö, sagte der Umstehende, Höhö, sagte der Tätowierte. Ich gestand aber, dass es nicht draufpassen würde. Der Umstehende meinte, dass ich es ja abkürzen könne. HIAMW… usw. Es sähe dann aus wie ACAB, aber eben anders. Auch eine Idee. Wir belegten im Drachenbootrennen dann Platz 19 von 22.

  31. -20

    [Sa, 13.6.2026 – Mixed Feelings]

    Ich habe immer nur gekifft, weil es illegal war. Als ich in die Niederlande zog, merkte ich, dass mir die Wirkung gar nicht wirklich gefiel. Und ich hörte einfach auf. Ich weiß nicht, was die Drogensoziologie dazu sagt. Vermutlich sagte es aber eine Menge über mich aus. Nichts Gutes. # Wir haben ein neues Bauprojekt. Einen etwas anarchischen Umbau des Callax-Regales im Flur. Meine Frau traut mir mittlerweile alles zu. Es ist ihr neues Hobby. Sich für mich Bauprojekte in der Wohnung auszudenken. # Diese 18 Grad und bewölkt. Die perfekten Wetterbedingungen. Man trägt ein dünnes Jäckchen und leichte Schuhe. Ich bin ein Dünne-Jäckchen-Typ. Ich könnte immer dünne Jäckchen tragen. Es gefällt mir, angezogen zu sein. Wenn es warm wird, will ich mir immer alles vom Leib schälen, wie eine lästige Lage Teig. Bei 18 Grad und bewölktem Himmel habe ich eine kosmische Verbindung zu den verschiedenen Existenzebenen. # Die Hertha-Frauen gewannen im ersten Aufstiegsspiel gegen Saarbrücken 4:1. Es folgt noch das Rückspiel nächste Woche und dann steigen sie möglicherweise in die zweite Liga auf. Vielleicht gehe ich nur noch zu den Frauen. Viele in meinem Fanclub gehen zu den Frauen. Ich war bisher nur einmal da. Beim ersten Spiel überhaupt. Gegen Köpenick. Ich sah das erste Tor. Danach verloren sie aber. Köpenick hatte aber auch einen Profikader. Bei uns waren das ja nur Amateurinnen. Dafür habe ich den Herthafrauen-Podcast technisch aus der Taufe gehoben und lange mitgeholfen. Mittlerweile können die drei Frauen aber alles selbst. Gute Leute. #

  32. -21

    [Fr, 12.6.2026 – Fernwandern]

    Wir waren bei unseren Nachbarn, um Pizza zu essen und Bier zu trinken die Schwedenreise zu rekapitulieren. Wahrscheinlich habe ich noch nie erwähnt, dass die Nachbarin und ihr Sohn regelmäßig Fernwanderungen unternehmen. So wanderten sie beispielsweise letzten Herbst zwei Wochen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf dem sogenannten Kungsleden durch Lappland. Für diesen Herbst planen sie eine ebenso lange Wanderung auf Island. Wenn sie von diesen Unternehmungen erzählen, dann löst das etwas in mir aus, das ich noch nicht ganz ergründet habe. Trotz meines Gewichtes, bin ich körperlich durchaus aktiv und sehe mich auch als physisch agil und belastbar. Meine Grenzerfahrungen waren in meinem bisherigen Leben aber eher psychologischer Natur, teils zwar durchaus auch physisch, jedoch eher von der destruktiven Sorte. Nun verbringen meine Frau und ich unsere Urlaubszeit vorwiegend in wilden Gefilden. Grönland, Spitzbergen, Skandinavien, Lappland, Island. Undsoweiter. Mein Interesse gilt dabei aber hauptsächlich den dort lebenden Zivilisationen. Diese Menschen am Ende der Welt. Natürlich interessieren mich an jenen Orten auch die Natur und die Landschaften. Ich bin aber ein Menschenfreund, mich interessiert es, wie die Menschen dort damit leben. Warum leben sie da, wie essen sie, wie gehen sie mit den Bedingungen um, woher beziehen sie ihr Geld, wie gehen sie mit Besucherinnen um, mit Alkohol, mit dem Tageslicht, mit der Dunkelheit, wie schauen sie auf die Welt? Dort am Ende der Welt. Auch wieder eine Grenze. Die Grenze der Zivilisation. Und vor allem diese Leere. Ich liebe schon die Leere, wenn man Berlin in nordöstlicher Richtung verlässt und man das Gefühl hat, es sei die endlose osteuropäische Steppe, die sich öffnet. Das stimmt natürlich so nicht. Zuerst kommt schließlich noch Schwedt. Jedenfalls: Als Dolomitenkind verbrachte ich natürlich viel Zeit im Wald und auf Felsen. Und natürlich ging ich mit meinen Eltern oft "in die Berge" und das liebte ich auch. In den Südtirolbesuchen der letzten Jahrzehnte reichte die Zeit nur für kurze, vielleicht zweistündige Wanderungen. Die einzige anstrengende Tour war vielleicht die nach Puez vor 18 Jahren. Wanderungen und Naturabenteuer kenne ich vor allem von der Leinwand von meinen Streamingkanälen. Jedenfalls sagte ich gestern: Wenn ihr wieder mal plant, in Lappland zu wandern, dann lasst es mich wissen. Danach schmiedeten wir nur noch Pläne.

  33. -22

    [Mi, 10.6.2026 – instagrämen]

    Die Hundesitterin sagt, unsere Hündin sei so fit und die Schlankste von allen. Das ist alles mein Verdienst. Es fällt mir leicht, andere auf Diät zu setzen. # Instagrämer. Gute Worterfindung. Den Begriff habe ich vorhin erfunden. Gibt es auch kaum Googletreffer für. Ich trüge das Wort gerne in meinem Profil. Leider passt Grämen so gar nicht zu mir. Außerdem mache ich ja nicht viel auf Insta, kann mich daher gar nicht grämen, ich schaue eigentlich nur Storys, von jenen Leuten, denen ich followe. Endloses Scrollen durch das Reel-Fegefeuer war nie so meins. Außer ich kann mal nicht schlafen. Aber Instagrämen ist gut. # Es ist ja nicht so, dass ich gerade keinen Content hätte. #

  34. -23

    [Springweg brennt. deleted scenes]

    Ich sortiere gerade alte Romanfragmente und Texte. Dabei stieß ich auf dieses Fragment, das ursprünglich einer ganz frühen Fassung aus "Springweg brennt" entstammt. Da die Passage inhaltlich und stylistisch nicht ganz passte, nahm ich sie raus und verarbeitete sie in ein späteres Romanprojekt. Aus dem Projekt wurden aber nur 40 Seiten und ich werde nicht mehr daran arbeiten. Aber für diejenigen, die die Novelle mochten, hier ein Bonustrack, oder ein Deleted Scenes. Die Episode spielt zwischen der ersten und zweiten Besetzung des Springweg-Hauses, als wir kurz nach der freiwilligen Räumung wenige Wochen später die Lange Nieuwstraat besetzten und wohnen blieben. ~ Saskia lernte ich im März kennen, als eine späte Winterperiode über das kleine Königreich hereinbrach. Ich saß mit Maarten und einem anderen Bekannten in der Kneipe „Dorstig Hart“ am Fenster, als ich draußen eine junge, etwas dicke Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen sah. Es war wirklich eisig geworden. Zuvor hatte es einige Tage geregnet und danach war so etwas wie ein dritter Winter über das Land hereingebrochen. Fahrradfahren war nicht mehr möglich und auch die Bürgersteige waren von einer Eisschicht überzogen, und vor allem auf den holprigen und schiefen Bürgersteigen der südlichen Altstadt, in der wir uns befanden, war es fast schon lebensgefährlich, wenn man nicht sonderlich sicher auf den Beinen stand. Das Dorstig Hart lag etwa fünfzig Meter von meinem Haus entfernt, daher saß ich dort vor allem, um warme Abende zu verbringen. Unser Haus war bei zweistelligen Minusgraden kaum warmzukriegen, da ging ich lieber in die Kneipe. Saskia kroch bis zur Tür heran, wo einige junge Männer ihr laut lachend die Hand reichten und ihr in die Kneipe hinein halfen. Ich saß am Fenster und beobachtete die Szenerie. Sie fluchte. Die Männer lachten. Sie fluchte weiter, machte aber Witze über sich selbst. Saskia war laut. Sie setzte sich an unseren langen Tisch, an dem ein gutes Dutzend Männer saßen. Männer, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Man kannte sich halt im Dorstig Hart, das „Hart“ war eine kleine Kneipe mit einem stets wiederkehrenden Publikum. Neunzig Prozent der Besucher bestanden aus Männern. Die Frauen, die da einkehrten, waren tätowierte Frauen. Waren sie hübsch, dann kamen sie nur in Begleitung von großen, bärtigen Männern. Waren sie nicht hübsch, wirkten sie meist verbraucht, oder sie waren offensiv unangenehm. Letztere wurden von den Männern meist in Ruhe gelassen. Saskia konnte ich keiner der beiden Frauengruppen zuordnen. Sie war hübsch, wobei hübsch nicht ein Adjektiv ist, mit dem man sie sofort versehen würde, sie war aber attraktiv, begehrenswert, jedoch nicht der Typus Frau, der Schutz bedarf, im Gegenteil, sie war so unmittelbar, so direkt und mit einem kräftigen Stimmorgan gesegnet, dass die Männer wie von selbst eine gesunde Distanz zu wahren schienen. Mir imponierte das. Mir imponierte auch, wie viel Bier sie trinken konnte und immer noch die Fäden der Gespräche am Tisch in den Händen hielt. Sie trug einen dicken, schwarzen Mantel aus Kunstpelz. Als sie ihn auszog, hatte sie nur ein kurzes, giftgrünes Kleid an. Sie war eher dick und hatte einen riesigen, rundgeformten Po und auch riesige Brüste. Das kurze Kleid spannte sich an ihrem Körper. Ich dachte an Sex. Sie wurde umschwärmt, jeder buhlte um Aufmerksamkeit, wollte bei ihr punkten, ein Witz folgte dem nächsten, weitere Männer setzten sich an den Tisch. Es drehte sich alles um sie: wie sie die nackten Beine zur Schau stellte, wie sie ihre Brüste hochdrückte, wie sie die Männer kontrollierte, selektierte. Sie war auf Männerfang ausgerichtet, ein Typ wie Saskia hatte es leicht. Ich nahm nicht so sehr an den Gesprächen teil. Mir war das Gewitzel zuwider. Außerdem wollte ich an diesem Anbiedern nicht teilnehmen. Zudem kannte ich kaum jemanden wirklich gut. Der gemeinsame Nenner war wohl eine Vorliebe für schrammelige Gitarrenmusik, Metalbands aus den Achtzigern. Ich nehme mich da natürlich nicht aus, ich fand die Musik gut, das Schummerige, das Verrauchte. Der dominierende Farbton an der Kleidung war schwarz. Die Gesichter unrasiert. Ich weiß nicht, ob das etwas aussagt. Saskia saß am Kopf des Tisches, und mit ihren erdbeerroten Haaren und ihrem grünen Kleid stach sie hervor wie ein Ufo. Es lief Black Sabbath, die Leute lachten, es ging ein bisschen an mir vorbei, ich hatte schon einige Biere zu viel in mich hineingeschüttet, mein Blick war möglicherweise glasig, als plötzlich Saskias Finger auf mich zeigte. Alle verstummten. Sie sagte erst mal eine halbe Ewigkeit lang nichts. Als die halbe Ewigkeit vorbei war, sagte sie: Und wer bist du? Du schwarzhaariger Knabe? Man muss wissen, dass sie tatsächlich ein gutes Stück älter als ich war. Sechs Jahre. Das sah man ihr an. Und ich war gerade zwanzig geworden. Mir sah man das auch an. So saß ich dann da, hatte glasige Augen, war widerwillig in einen Knaben verwandelt worden und war auf einmal der Mittelpunkt des Geschehens. Ich habe mal in einem schlauen Buch gelesen, dass man unangenehme Situationen, die man nicht zu beherrschen vermag, am besten einfach aussitzt, weil dies das Risiko eines Fehlers durch eigene Inkompetenz verringert. Das tat ich dann auch. Ich saß es einfach aus. Als der Finger auf mich zeigte und alle zwanzig Männer sich nach mir umdrehten, wusste ich sofort, diese Situation nicht meistern zu können. So schwieg ich. Ich saß da, schaute Saskias Finger an und schwieg. Es ist nicht auszuschließen, dass ich entsetzt gewirkt haben musste. Da Saskia ihren Finger aber nicht senkte, ihre feurigen Augen nicht von mir ließen und die versammelten Männer nicht wieder anfingen zu reden, schritt ich doch zur Tat und wiederholte einfach den letzten Gedanken, den ich hatte, bevor jeglicher weitere Gedanke in mir durch den Schreck zu Eis erfroren war. Ich sagte: Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, dann soll man die Situation am besten einfach aussitzen. Damit senkte sich ihr Finger und sie schien zufrieden. Die Männer begannen wieder zu reden, vereinzelt wurde über meine komische Antwort gelacht, aber nur zögerlich, man wusste es offenbar nicht einzuordnen, ob es ein Witz war, oder eine Aussage oder eine Entschuldigung oder was auch immer. Maarten gab mir ein schräges Lächeln. Aber seine Augen waren noch viel glasiger als meine. Die Spannung am Tisch löste sich schnell, man wandte sich wieder anderen Dingen zu. Saskia hingegen hatte es wohl keine Ruhe gelassen. Eine halbe Stunde später (die Musik war lauter geworden, die Stimmung diverser) kam sie vom Tresen mit zwei Bieren zurück und setzte mir eines davon vor meine Nase. Soso, aussitzen also, sagte sie. Woher kommst du denn mit deinem komischen Akzentchen? Ich sagte: Bozen. Norditalien. Bozen kannte sie nicht, jedoch kannte sie Italien. Es folgte der obligatorische rhetorische Austausch über Sonne, Essen und das gute Leben. Sie sagte, sie ginge nachher tanzen, in einen dieser besetzten Schuppen am Merwedekanal. Sie sagte, ich solle mitkommen. Dann holte sie ihre Brieftasche hervor, öffnete eines der Fächer und hielt es mir vor mein Gesicht. Da lagen ein paar Pillen drin. Es war die Zeit von Ecstasy. Sie sagte: zwei für mich, zwei für dich. Ich sagte: ok. Sie schien zufrieden. Es gab viele Männer an jenem Abend, die ihr den Hof gemacht hatten. Auch gut aussehende und auch coole Typen. Aber an jenem Abend hatte sie offenbar am ehesten Interesse an jemandem, der so komische Sachen sagte wie „aussitzen“. So ging der Zufall. Sie sagte, ich solle austrinken. Jochem gab ich Bescheid, dass ich ohne ihn ginge. So laut und auffällig sie gekommen war, so leise war ihr Abgang. Sie ließ sich ein Taxi rufen, dann nahm sie ihren schwarzen Kunstpelzmantel und ging, ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Ihre Effizienz fand ich bemerkenswert. Als wir im Taxi saßen, thematisierte ich das: Deine Schlagkraft ist gut, du hast zielstrebig geangelt. Sie sagte, ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist. Wir lachten. Ich sagte, gib mir mal die Pillen her, damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat. Sie sagte, ich solle nicht frech werden, ich versprach, nur frech zu sein, wenn es sich lohnen würde. Wir teilten uns die vier Pillen und sie sagte: lauf mir ja nicht weg. Ich sagte: Sicher nicht, wenn wir nachher noch zu dir gehen. Ich fand mich sehr mutig für diesen Satz. Die Party fand in einem ziemlich beengenden Kellerraum in einem dieser besetzten Schuppen am Veilinghaven statt. Eine Gruppe von Ravern hielt da ein gutes Dutzend backsteinerne, garagenartige Gebäude besetzt, die vermutlich zum Jaarbeurs gehörten und perspektivisch abgerissen werden sollten. Die Decken im Keller hingen sehr niedrig. Selbst ich mit meiner durchschnittlichen Körpergröße fühlte mich ein wenig eingeengt. Es gab Leute, die mussten ihren Kopf einziehen, um stehen zu können. Tanzen war auf diese Weise natürlich eine ungute Angelegenheit. Zudem waren die Decken morsch oder wirkten zumindest so, man wollte da nicht mit dem Kopf dagegenstoßen, wer weiß, was da mit herunterkommen würde. Saskia war eher klein, einssechzig um genau zu sein. Die Pillen hatten zu wirken begonnen. Sie schwenkte ihre Brüste und hob ihre Arme, sie erreichte die Decke nicht, es beschäftigte sie nicht, sie schmieg sich an mich, wir küssten uns. Wenn das Ecstasy in mir hochkommt, dann werde ich immer zu einem Glühwürmchen. Ich laufe mit einem Lichtkörper in meiner Brust durch die Gegend. Das meine ich so gut wie wörtlich. Alles konzentriert sich um dieses Licht-Ding in meiner Brust herum. Ich laufe durch die Gegend und spüre nur: Liebe. Scheiß Drogen, immer. Ich war auf einmal so verliebt. Eigentlich verliebte ich mich an jenem Abend in jedes Gesicht, in das ich schaute, aber ganz besonders verliebte ich mich in Saskia. In ihre roten Haare, in die Art, wie sie ihre Hüfte wiegte, in ihr grünes Kleid, in die Art, wie sie lächelte, und in ihren dicken Po. Ich will es jetzt nicht auf die Drogen schieben, ich will also nicht sagen, dass ich nur vernebelt war, ich hätte mich auch ohne die Pillen in sie verliebt, meine Gefühle waren auch nachher noch echt, sie hatte mir imponiert, ich fand ihre Art attraktiv, sexy, sie wirkte von Anfang an offen auf mich, und offene Leute bekommen immer einen Freundschaftsvorschuss von mir, und natürlich fand ich sie auch schön, wenngleich sie nicht im klassischen Sinne schön war, sie wirkte etwas streng und ihre Nase war vielleicht zu klein, zudem hatte sie für ihr Alter bereits ordentliche Augenringe. Wobei ich gestehen muss, dass mir ihre Augenringe gefielen, das hatte etwas Verlebtes, das ich als sehr authentisch betrachtete, oder zumindest mochte ich diese am Abgefucktsein angelehnte Ästhetik. Danach gingen wir zu ihr nach Hause, wir zogen uns sofort aus und ich versenkte meinen Penis in ihrem Po. Ich blieb über das Wochenende. Wir fickten, schauten im Bett fern und krümelten das ganze Bett voll. Am Montag zog ich mir die Kleider an und ging nach Hause. Am Freitag kam ich wieder. Wir schluckten Ecstasy, gingen tanzen und danach fickten wir das ganze Wochenende lang, während wir fernsahen und Käsetoasts aßen. Am Montag ging ich wieder. So machten wir das ein paar Wochen lang. Irgendwann kam ich schon am Donnerstag und nach einige Zeit ging ich erst am Dienstag wieder. Die Partys ließen wir bald aus und fickten nur noch. Als das Ficken weniger wurde, stellte sie mich ihren Eltern vor. Das war im späten Herbst. Den Eltern war ich suspekt. Hausbesetzer und dunkelhaarig. Die Eltern wohnten im katholischen Süden. Genauer verortet: im Land der Flüsse, also der lange Streifen zwischen den Rhein- und Maasarmen. Ihre Eltern betrieben eine kleine Werft. Aber die Hunde (eine dänische Dogge, ein buschiger Bouvier und 3 kleine, kläffende Irgendwas-Terrier) mochten mich offenbar, was die Eltern dazu veranlasste, mir direkt mitzuteilen, dass ich wohl kein schlechter Mensch sein könne. Das war nicht als Kompliment gedacht, auch nicht als Eisbrecher, es war lediglich eine Feststellung. Die Hunde mochten mich, also konnte ich kein schlechter Mensch sein. Ein okayer Mensch war ich deswegen noch lange nicht. Saskia und ich hatten nie über unseren Beziehungsstatus gesprochen. Die Verliebtheit ließ erstaunlich schnell nach, aber wir hatten eine wirklich gute Zeit miteinander. Wir hatten nicht sehr viel Leidenschaft füreinander, aber wir waren ständig an etwas in Leidenschaft verbunden und begeisterten darin einander. Ich hatte vorher noch nie eine Beziehung gehabt, deshalb wusste ich nicht so genau, was ich zu erwarten hatte. Die Beziehung meiner Eltern oder der Familien aus meinen katholischen Gefilden wollte ich mir nicht als Vorbild nehmen, und so viele Beziehungen gab es in meinem persönlichen Umfeld damals noch nicht, zumindest keine Art von Beziehung, die ich für mich als erstrebenswert empfand. Ich wollte vielleicht nur ficken und verliebt sein. Verliebt war ich vielleicht schon ein bisschen. Aber wir unternahmen viel zusammen. Ich war sehr neugierig auf dieses Land, ich wollte alle komischen Winkel kennenlernen, die Gebiete unter dem Meeresspiegel, die speziellen Deiche, Ortschaften, die Namen wie Monster oder Duurwijk trugen, mittelalterliche Schlösser, Orte, an denen Schlachten ausgetragen wurden. Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto mehr Fragen warfen sich mir auf. Das Fruchtbare an diesem Interesse war, dass Saskia eine passionierte Autofahrerin war und sich von meiner Unternehmungslust anstecken ließ. An den Wochenenden fuhr sie mich an wirklich jeden noch so entlegenen Winkel dieses Landes.

  35. -24

    [Sa, 6.7.2026 – Beim Drink und mit Sonnenblumen]

    Gestern Abend traf ich einen ehemaligen Mitarbeiter auf ein paar Drinks. Wir arbeiteten '18-'19 zusammen in einem ursprünglich mit DHL-Geld gegründeten E-Commerce-Unternehmen, mit dem die DHL vornehmlich Prototypen für Kühl-Lieferungen testen wollte. Ein Jahr, nachdem ich an Bord gekommen war, wurde die Firma an einen autoritären Logistiker aus Niedersachsen verkauft, der zuerst die ganze Geschäftsführung rausschmiss und danach den Marketingchef und mich in die erste Führungsebene nachrücken ließ. Der neue Geldgeber wollte sein eigenes Logistiksystem testen, das für unsere Zwecke völlig unausgereift war, und forderte entgegen unserer Ratschläge Änderungen am Geschäft, wonach wir ein halbes Jahr später 120 Leute entlassen und die Firma schließen mussten. Mit den meisten aus meinem Team blieb ich noch lange in Kontakt. Wir trafen uns weiterhin gelegentlich auf ein Bierchen, die Treffen wurden dann aber seltener und die Runden kleiner. Irgendwann waren alle in neuen Firmen untergekommen und hatten wieder neue Teams, mit denen sie Bier trinken gingen. Ich treffe bisweilen noch einzelne. So auch ihn. Er kommt aus dem Iran und natürlich beschäftigt ihn der Krieg. Anfangs gab es viele Trumpfans unter den Exiliranern, das hat sich aber rasch wieder gelegt. Seine Familie lebt glücklicherweise im fernen Osten des Landes, dort findet der Krieg nicht statt. Wir redeten über eine App, die er entwickelt hat. Er erzählte mir von seiner Geschäftsidee. Technisch ist das Projekt abgeschlossen, die Schwierigkeit ist jetzt, Kunden zu finden. Ich empfahl ihm, sich einen Partner zu suchen, der Sales oder Marketing kann. Am besten beides. Jemand, der von Restaurant zu Restaurant geht und die Menschen von der App überzeugt. Er fragte mich, ob nicht ich sein Partner werden möchte. Ich entgegnete aber, dass ich kein guter Vertriebler bin. Es liegt nicht in meiner Persönlichkeit, etwas zu verkaufen. Am Ende verblieben wir aber so, dass ich mir Gedanken dazu machen würde. Heute feierte Sabine ihren 60. Geburtstag. Bei sich zu Hause im Märkischen Viertel, mit Freunden und einem kleinen Buffet. Sehr nett. Benny und seine Frau waren da und Tanja mit ihrem Freund. Und viele andere Menschen, die ich aber alle nicht kannte. Sabine wollte keine Geschenke, falls aber jemand nicht ohne Geschenke kommen wolle, dann könne man ihr Pflanzen für den etwas leeren Balkon mitbringen. Natürlich standen auf dem Balkon dann ungefähr so viele Pflanzen wie Menschenpaare. Ich entschied mich für Sonnenblumen. Der Winter war schließlich lang und dunkel gewesen. Gegen 16:00 Uhr machten wir einen Rundgang durchs Viertel. Das Märkische Viertel kennen die meisten Menschen ja nur aus der Zeitung oder von Sido. Ich hatte sie letztes Jahr schon einmal besucht und natürlich entspricht das Viertel den vielen Klischees. Was man mit dem MV allerdings nicht so direkt in Verbindung bringt, sind die vielen, direkt daran angrenzenden Grünflächen. Eigentlich liegt das MV in einer Art grünem Biotop. Wir spazierten durch Feuchtgebiete und verwachsene Landschaften mit Schilf oder Eichen. Am frühen Abend kam ich dann wieder zurück. In meiner Straße erkannte ich am Straßenrand meine Frau. Sie saß in einem dieser hölzernen Parklets, die man in Berlin überall gebaut hat. Sie saß dort mit der Hündin in der frühen Abendsonne. Dort hatte sie auf mich gewartet, weil sie ja wusste, dass ich kommen würde. Sie sagte, ich solle das Auto parken, und dann würden wir einen Aperitif trinken gehen.

  36. -25

    [Do, 4.6.2026 – Wikingerkunde]

    Eigentlich wollte ich heute saufen gehen. Ich hatte einfach Lust zweidreivier Bierchen zu trinken. Es fand sich aber niemand. Also schaute ich eine Doku über Wikinger und trank Sprudelwasser dazu. Es wunderte mich immer, dass Wikinger nie deutsches Gebiet eroberten, dafür aber ständig England und Frankreich überfielen. Sogar die Niederlande wurden großflächig attackiert. Und auf der anderen Seite hinter dem heutigen Polen begründeten sie das, was heute Russland und die Ukraine sind, und sie kamen bis nach Konstantinopel. Aber deutsche Lande: nicht. Ja, es gab Überfälle auf Trier und auch Hamburg. Aber sie siedelten nie an. Anders als überall anders. Jetzt weiß ich, warum. Das ostfränkische Reich (also das, was man heute grob zu Deutschland zählen kann) hatte um 800 herum einfach ein gutes Militär. Es zahlte sich nicht aus, die zu überfallen. Aha. Man hätte denken können, das Desinteresse lag am schlechten Essen, das man hier vorfand, schließlich war die Nahrung in Skandinavien noch viel schlechter. Aber in England und Schottland gab es damals auch noch kein Curry. Jaja, ich finde den Witz auch nur mittelmäßig. Später zogen sie nach Island und Grönland. Unterhielten dort ziemlich prosperierende Siedlungen. Sie zogen weiter nach Nordamerika, wo sie allerdings durch äußerst feindlich gesinnte Bewohner bekämpft und vertrieben wurden. Später gaben sie auch Grönland wieder auf. Niemand weiß, warum. Obwohl dort niemand wohnte, denn wie ich letzten Herbst in Nuuk gelernt habe: Die heutigen Inuit sind nämlich auch eher neu auf der Insel, sie kamen erst nach den Wikingern. So. Kleiner Geschichtsunterricht.

  37. -26

    [Mi, 3.6.2026 – Hundeghosting]

    Die Hündin schlief letzte Nacht wieder alleine. Das dritte Mal in vier Jahren, wenn ich richtig gezählt habe. Also. Prinzipiell finde ich das ja gut. Ich finde ohnehin, dass sie zu sehr an mir hängt. Sie ist dauernd bei mir, macht immer das, was ich auch mache. Sitze ich irgendwo, sitzt sie auch, lege ich mich ins Bett, legt sie sich auch schlafen. Arbeite ich in der Küche, liegt sie da und schaut mich an. Gehe ich durch die Wohnung, geht sie mit, gehe ich aufs Klo, kommt sie auch. Ich unterbinde es schon seit Langem, dass sie mitkommen darf, ich sage dann, dass sie liegen bleiben soll, bin ich aber zu lange weg, kommt sie irgendwann trotzdem. Beim Schlafen liegt sie immer am Boden vor meinem Bett. Mitten in der Nacht wechselt sie dann in ihr Bettchen, das zwei Meter weiter liegt. Sie ist jetzt viereinhalb. In Menschenjahren ist sie Anfang dreißig, eigentlich ist ein Auszug aus der Wohnung längst überfällig, aber so sind wir Daddys nun mal, wir wollen das ja nicht forcieren. Jetzt schlief sie die ganze Nacht alleine. Die letzten beiden Male war ich betrunken gewesen. Schon damals empfand ich es als Liebesentzug. Allerdings war ich nachsichtig, ich würde auch nicht neben so einem stinkenden Kerl liegen wollen. Aber gestern hatte ich Salat und Wasser. Wie gesagt. Eigentlich finde ich es gut, wenn sie ein wenig selbstständig ist. Aber dieses anlasslose Geghoste ist schon kindisch.

  38. -27

    [Mo, 1.6.2026 – Flagge, DI.DAY]

    Letzten Herbst in Grönland kaufte ich eine Grönlandunterhose. Also eine Unterhose in den Farben der grönländischen Nationalflagge. Die ist total instagrammable. Heute trug ich diese Hose und jedes Mal auf der Toilette dachte ich: Mensch, total instagrammable. Jedoch bin ich von der Persönlichkeit her nicht jemand, der sich in Unterhose auf Instagram darstellt. Glücklicherweise kaufte ich damals auch eine Tasche, die dasselbe darstellt, aber eben nicht als Unterhose. Ich war heute wieder im Büro. Es ging mir wieder besser. Am Sonntag ist wieder DI.DAY (Digital Independence Day - Wikipedia Link). Ich habe jetzt alle Big-Tech-Software ersetzt, auf die ich 1. eher leicht und auf die ich 2. mittelschwer verzichten kann. Der nächste große Schritt wäre, Facebook, Insta und WhatsApp von meinem Telefon zu entfernen, damit sie wenigstens auf meinem Telefon nicht mehr mitschneiden. Auf dem Desktop kann ich sie etwas kontrollierter weiterverwenden. Oder ich schmeiße komplett WhatsApp raus und verwende nur noch Signal. Eigentlich muss ich nur noch meine Familie überzeugen. Andererseits bekomme ich Ende Juni das Jolla-Phone aus Finnland, damit entledige ich mich auf einen Schlag des gesamten Google-Ökosystems. Zudem stelle ich gerade die Firma auf digital souveräne Beine um. Damit befülle ich mein DI.DAY-Karmakonto für die nächsten Jahrzehnte. Ich müsste mal eine Tabelle erstellen, um das alles zu tracken. Am Ende des Lebens stehe ich dann vor den Toren des Souveränitätshimmels und kann stolz eine ODF-Tabelle vorzeigen und muss nicht lang herumdiskutieren.

  39. -28

    [So, 31.5.2026 – Pasta al bianco]

    Am Freitag war es nur Darm. Gestern war es Magen. Heute wurde es Magen-Darm. Seit dem Abend geht es mir aber geringfügig besser. Immerhin verlor ich ganze vier Kilo als Gewicht. Es kommt aber sicherlich wieder hoch. Das Gewicht. Das Essen vielleicht nicht mehr. Am frühen Abend saßen wir draußen auf dem Balkon im Schatten. Ich war fast unbekleidet, meine Frau hatte mir die Bettdecke mitgebracht. Dieser Mix aus warm und kalt. Sie trank ein Glas Weißwein. Ich trank Wasser. Am Morgen sagte sie, sie würde mir am Abend eine Pasta al bianco machen. Also weiße Nudeln mit Parmesan und etwas Olivenöl. Darauf freute ich mich den ganzen Tag lang. Obwohl ich sonst nichts hinunterbekam. Als ich am Abend die Nudeln aß, waren die richtig lecker. Ich fragte mich allerdings, wie ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesankäse freuen konnte. Ich sagte zu meiner Frau: Wie hast du es eigentlich hinbekommen, dass ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesan freuen konnte? Sie sagte: Schmeckt gut, oder? Ich nickte.

  40. -29

    [Sa, 30.5.2026 – Simona]

    Magen-Darm. Vor allem Darm. Schon seit Freitag. Aber Freitag ging ich noch ins Büro. Vielleicht nur eine Verstimmung. Heute kamen dann Müdigkeit und kleines Fieber dazu. Immerhin ein triftiger Grund, viel Zeit im Bett oder auf dem Sofa zu verbringen. Wobei ich so müde war, dass ich immer nach wenigen Seiten einschlief. Mir war warm und kalt zur selben Zeit. Ich war leidlich. Meine Frau musste auf ihrem Telefon irgendein Verifikationsverfahren durchführen. Dabei saß ich ihr schräg gegenüber. Ich saß dort schwitzend, nur in Unterhose bekleidet, auf einem Sessel. Beim Verifikationsverfahren musste sie einen Videocall starten. Es meldete sich eine osteuropäisch klingende Frau namens Simona. Beim Videocall öffnete sich allerdings nicht die Selfie-Kamera, sondern die normale Kamera, und damit erschien ich in voller Pracht mit haarigem Bauch auf Simonas Bildschirm. Simona sagte "There's somebody else in the room with you." Meine Frau stammelte "Yes it is my husband." während sie versuchte, die Kamera umzuschalten. Ich musste den Raum verlassen. Die Kamera ließ sich nicht steuern, vermutlich hatte Simona die Kontrolle darüber, also stand ich auf und verließ den Raum. Danach ging die Kamera auch in den Selfie-Modus. Seitdem muss ich oft an Simona denken.

  41. -30

    [Fr, 29.5.2026 – Mähmaschine, Haar, attackierende Nebelkrähen]

    Nur eine Woche weg gewesen und das Gras im Park ist plötzlich kniehoch geworden. Vorletzte Woche ähnelte die Wiese noch einem Tundraboden. Heute kam dann schon die große Mähmaschine. Das ist eine beeindruckende Maschine mit einem tiefen Sound. Ein ganz anderes Kaliber als mein 300-€-Mäher. Die Maschine vom Grünflächenamt ist eher ein kleiner Lastwagen mit eingebautem Schneidewerk und auf der Ladefläche befindet sich der Sammelbehälter für geschnittenes Gras. Ich schaute der Maschine eine ganze Weile bei der Arbeit zu, vor allem das Entleerungsmanöver fesselte mich. Wie die Maschine ihren Sammelbehälter in einen großen Baucontainer umlud. Neben mir standen zwei Schuljungs, die auch ziemlich beeindruckt waren. Sogar meine Hündin machte große Augen. Abends war ich dann bei der Friseurin. Weil ich in meine Haare so viel Pomade eingearbeitet hatte, wollte ich vorher nach Hause, um sie zu waschen, aber ich kam so spät aus dem Büro raus, dass ich mich verspätete, also fuhr ich direkt zu ihr. Ich weiß nie so gut, ob es moralisch verwerflich ist, mit schmutzigen Haaren zur Friseurin zu gehen, zumal mich diese Friseurin nie zu ihrem Waschbecken bittet. Sie schneidet die Haare einfach im trockenen Zustand. Vor vielen Jahren war ich einmal bei einer Friseurin, die zog sich Plastikhandschuhe an, als sie mir die Haare schnitt. Ich glaube, es lag nicht an mir, weil sie die Handschuhbox prominent auf ihrem Wägelchen platziert hatte und ich an jenem Tag mit frisch gewaschenen Haaren erschienen war. Wie eigentlich immer. Ich fühlte mich dennoch komisch. Aber nachvollziehbar. Ich hätte echt keine Lust, den ganzen Tag mit meinen feuchten Händen in der Kopfbehaarung von anderen Menschen herumzufummeln. Aber ich habe auch einen anderen Beruf gewählt. Meine Frau wurde heute von zwei Krähen angegriffen. Sie hatte bereits von ihrem Büro aus einen länger währenden Vogellärm wahrgenommen, es gab aber keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Beim Verlassen des Büros wurde sie dann von zwei großen Nebelkrähen attackiert, die es gezielt auf ihren Kopf abgesehen hatten und zwei Mal richtig fest darauf einhackten. Danach legte sie sich schützend ihre Tasche über ihren Kopf. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, in Berlin von Nebelkrähen attackiert zu werden. Aber die Vögel konnten nicht wissen, dass meine Frau ungefähr die größte Krähenliebhaberin südlich von Westeros (Västerås) ist. Lustigerweise passt meine Frau optisch in die Riege der Hitchcock-Schauspielerinnen und hätte die Rolle von Tippi Hedren in Hitchcocks Film "Das Federvieh" locker übernehmen können. Ich stellte mir die Szene heute ungemein ästhetisch vor. Seltsam offene Enden heute.

  42. -31

    [Mi, 27.5.2026 – Zivilisation, Dragon NaturallySpeaking]

    Ich sehe wieder zivilisiert aus. Es brauchte eigentlich nur eine Stutzung des Bartes. Und eine ordentliche Dusche. Das Hemd und eine gescheite Hose waren auch hilfreich. Nur meine Frisur ist noch ziemlich verwuchert. Das war sie aber auch schon vorher. Morgen habe ich einen Termin bei der Friseurin, bis dahin muss ich sie mit viel Pomade bändigen. Seit dem ersten Tag im Büro habe ich mich wieder völlig in Arbeit aufgelöst. Ein bisschen wie in Flusssäure. Zugegebenermaßen empfinde ich das gerade als sehr positiv. Nicht die Flusssäure, sondern die Arbeit. Während des Urlaubs war ich mental sehr weit von der Firma entfernt, seit der Rückkehr bin ich wieder mit voller Lust dabei. Als hätte ich einen Schalter. Ist nicht immer so. Heute kam jemand in die Abteilung und fragte nach der Software "Dragon". Eine Weile lang rätselten wir herum, bis sich herausstellte, dass "Dragon" eine Spracherkennungssoftware ist, die früher "Dragon NaturallySpeaking" hieß und in niederländischen (vermutlich auch deutschen) Computerzeitschriften als CD beigelegt wurde. Ich wurde augenblicklich in eine in Retrofarben getünchte Vergangenheit zurückgeworfen und fing an, von einer märchenähnlichen Zeit zu erzählen, wie ich 1999 diese Software mit meiner Stimme trainierte. Man musste nämlich stundenlang Texte einsprechen, damit sich die Software an die Stimme gewöhnte und so für die Diktierfunktion immer präziser wurde. Als Dragon das schließlich einigermaßen gut zu beherrschen begann, lief aber die kostenlose Trial-Lizenz wieder aus. Weil die CDs monatelang überall beilagen, hätte ich das Training monatelang wiederholen können. Was natürlich quatsch ist. Ich dachte, wir würden uns alle gemeinsam ein bisschen in Erinnerungen schwelgen. Aber dann sagte einer meiner Mitarbeiter: "Neunzehn Neunundneunzig! Das war drei Jahre vor meiner Geburt."

  43. -32

    [Mo, 25.5.2026 – Bäume, Arbeitshund, Rückfahrt]

    Dieser Vogellärm. Um 6 Uhr schloss ich das Fenster, weil ich von dem Lärm nicht mehr schlafen konnte. Gebt mir doch eine Autobahn. Am letzten Tag besuchten wir Max, der uns zeigte, wie er seine Downhill-Radbahn weitergebaut hat. Es schreitet nicht mehr mit dem Tempo voran, mit dem sein Projekt das erste Jahr vorankam. Weiter unten im Wald ist das Gelände sehr unwegsam, da kommt er mit dem Bagger nicht mehr gut hin. Dafür hat er ein paar alternative Routen gebaut. Mittlerweile konnte er das kleinere Haus kaufen, das Haus, in dem er wohnt, und wird zur Miete in das untere, große Haus ziehen, in dem viele Jahrzehnte lang eine Frau wohnte, die alle Zimmer mit Jesusbildern ausgeschmückt hatte. Das kleine Haus wird er dann Touristen vermieten, die die Radbahn benutzen wollen, oder auch einfach so, zur Miete in einem Holzhaus leben wollen. Später räume ich noch den Wald auf. Die Flächen, auf denen der umgestürzte Baum lag und wo ich die Bank bauen will, waren nun voll von altem Geäst und abgeschnittenen Jungbäumen. Weil die Fläche eher weitläufig ist, sammelte ich sie an mehreren Stellen, wodurch sich jetzt verschiedene Anhäufungen Altholz durch den Wald unter das Haus verteilen. Das sieht nicht gut aus. Also brachte ich alles Holz zusammen auf einen Haufen. Sieht auch nicht gut aus, aber ein wenig besser. Viel von dem Holz schmiss ich auch einfach weiter den Hang hinunter ins Gestrüpp, dort, wo man es nicht sieht und es die nächsten Jahre friedlich rotten darf. Meine Hündin liebt es, wenn wir im Wald beschäftigt sind. Sie ist ein Arbeitstier und half fleißig mit. Irgendwann, als sie meine Betätigung verstand, zog sie sogar eigenständig einen Jungbaum samt Wurzel aus der Erde. Ansonsten war sie aber keine Hilfe. Die Äste und Bäume, die ich den Hang hinunterwarf, missverstand sie als Aufforderung zum Apportieren und brachte sie wieder zurück. Ich musste daher schnell werfen, damit sie mit dem Apportieren nicht hinterherkam und dadurch bei jedem neuen Wurf abgelenkt wurde. Unten am Fluss sabotierte sie sogar unabsichtlich meine Arbeit. Es gab diesen umgefallenen Baum, der den Fluss überspannte. Wenn ich den nicht wegbekomme, werde ich auf dem Abschnitt im Sommer nicht mit Kajak fahren können. Ich zog Teile des Baumes daher flussabwärts. Ich hoffte, dass ich den oberen Teil dadurch abknicken könnte, oder ihn zumindest dermaßen unter Spannung setzen, dass er in den nächsten Wochen knickt oder gar abbricht. Der Stamm liegt auf der anderen Seite des Flusses, aber der Fluss ist etwa 15 Meter breit und sehr tief und das Wasser in dieser Jahreszeit noch kalt. Auf meinem Ufer habe ich jedoch dicke Äste, mit denen ich hantieren kann. Tatsächlich schaffte ich es, den Baum um etwa zehn Meter zu bewegen. Die Hündin half dabei mit dermaßen fanatischem Einsatz mit, dass der Ast, an dem sie zog, abbrach und wieder zurückschnellte. Danach blieben die Äste unerreichbar für mich. An dieser Stelle gab es nämlich matschigen Uferschlamm, darin wollte ich mich nicht festtreten. Nun. Die ganze Woche lang kam ich nicht zum Lesen. Ich las ziemlich genau eine Seite. Eigentlich las ich drei, aber weil ich immer einschlief und neu anfangen musste, erinnere ich mich nur an eine Seite. Einmal ging ich sogar früher ins Bett. Ich schlief dann aber einfach früher ein. Aber jetzt in der letzten Nacht wollte ich früh einschlafen, weil ich am nächsten Tag eine lange Autofahrt vor mir hatte. Da las ich natürlich 30 Seiten. Ich schlief trotzdem genug. Ich träumte davon, dass ich ein fester Podcast-Gast von Micky Beisenherz war. Er gab mir Anweisungen, dass ich das Mikro weiter von meinem Bart weghalten solle. Er sähe auf seiner Tonspur nämlich die Kratzer, die mein Bart verursache. Ich habe nämlich wirklich einen wildgewachsenen Bart und auch wildgewachsene Haare. Mittlerweile sehe ich echt nicht mehr aus. Heute standen wir früh auf und fuhren um 7 Uhr los, damit wir die Dänemark-Fähre um 13:00 Uhr schaffen. In Berlin würden uns 27 Grad erwarten, morgen soll die Temperatur sogar auf 31 Grad anwachsen. In Schweden hatten wir immer zwischen 18 und 20 Grad. Zu Hause hatten wir einen unangebrochenen Abend, daher schauten wir "The Boroughs", diese neue Netflixserie mit Rentnern, die in einer Art Seniorenresidenz zusammenleben. Stephen King lobte die Serie und es spielt Geena Davis mit, sowie Alfre Woodard, die mit ihren 73 Jahren seit 20 Jahren keinen Tag gealtert zu sein scheint. Allein wegen dieser beiden Schauspielerinnen lohnt es sich, den Fernseher anzuschalten. Bill Pullman spielt auch mit. Er stirbt aber schon in der ersten Folge.

  44. -33

    [Mi, 13.5.2026 – Psychogramm]

    Dann kippte ich das gesamte Blog (1,2 Millionen Wörter) in die KI und ließ sie ein Psychogramm von mir erstellen. Das ist der Vorteil, wenn man solche großen Textmengen aus der Ich-Perspektive produziert hat. Heraus kamen durchaus interessante Details, deren ich mir nicht bewusst war. Die KI wunderte sich über meinen niedrigen Neurotizismus, bei gleichzeitig hoher Selbstreflexion. Das ist offenbar eine ungewöhnliche Konstellation. Menschen mit hoher Selbstreflexion sind in der Regel auch neurotisch. Außerdem attestierte sie mir Humor und komplexe Denkmuster. Das gefiel mir alles. Ich befragte sie auch nach Narzissmus. Manchmal glaube ich nämlich, dass ich narzisstisch bin, auch wenn andere Menschen behaupten, das träfe nicht auf mich zu. Die KI schloss Narzissmus bei mir kategorisch aus, sie wusste aber auch, warum ich auf diesen Gedanken gekommen sein könnte, und erklärte mir die Gründe. Zudem befragte ich sie, ob sie depressive Muster erkennen könne. Da war die Tendenz dann nicht mehr so deutlich. Dennoch ist die emotionale Bilanz positiv. Knapp, aber positiv. Sei erkannte auch, dass 2022 das einzige Jahr war, in dem die emotionale Bilanz ins Negative kippte. Ich kann das nachvollziehen, die private Situation war da nicht immer gut, zudem begann der Krieg in der Ukraine, der viel Düsterkeit über mich legte. Andererseits bekamen wir in jenem Jahr die Hündin. Sie zeigte mir auch meine Schwächen auf bzw. die negativen Merkmale. Die las ich aber nicht. Zumindest nicht offiziell. Mein inneres Tribunal braucht diese Info nicht. Immerhin fand sie keine Spuren von Sarkasmus oder Zynismus. Das hätte ich nicht gemocht. # Dann schaute ich endlich Tapeziervideos. Zumindest eines. Ich fand ein Video von Hellweg, das dauerte 4 Minuten, und ich fragte mich, warum ich das so lange vor mir hergeschoben hatte. Die Essenz aus dem Video: Man muss beim Tapezieren genau sein. Genau sein. Davor habe ich Angst. #

  45. -34

    [Di, 12.5.2026 – Sockenpaare, Statistik, Hessen, Tapezierfehler]

    Bei Lidl 20 Paar einheitliche, schwarze Sockenpaare gekauft. Und jetzt fühle ich mich ungemein erwachsen. Dafür sortierte ich alle anderen Socken in einem Durchgang aus. Die wilde Mischung aus schwarzen Socken, die sich im Laufe der Jahre ansammelt, ist erstaunlich. Man denkt: schwarze Socken. Aber in Wirklichkeit ist es eine schwarzgraue Textilhölle aus unterschiedlichen Stoffen, Maßen und Formen. Kaum eine Socke passte noch zur anderen. Glücklicherweise kann man das in den Schuhen aber nicht erkennen. Weiß auch nicht, was ich mit dieser Erkenntnis jetzt mache. Sie hat wenig intellektuellen Wert. Aber das Gefühl, 20 baugleiche Socken im Schrank zu haben, ist ein schönes Gefühl. # Ich habe jetzt ein lokales Statistiktool hier eingebaut. Ich kann sehen, dass der Großteil der Besucherinnen aus Frankfurt kommt. Mit Abstand. Aus Berlin gibt es verhältnismäßig wenige Besuche. Auch Hamburg oder München sind eher selten. Allerdings kommen viele kleine Ortschaften darin vor. Und sonst: Überall Frankfurt. Seit Wochen. Lustigerweise kommt mein Vater aus einem kleinen Dolomitendorf, dessen Bewohner von den anderen Dörfern als "Hessen" bezeichnet werden. Den Grund kennt man nicht so genau. Eine Gasthaustheorie besagt, dass das Bergwerk, in dem man im Spätmittelalter silberhaltige Blei-Erze abbaute, viele Arbeitskräfte jenseits der Alpen anzog. Jetzt ist es so, dass im Dorf meines Vaters jede zweite Person "Pfeifer" mit Nachnamen heißt. Und zwar nur mit einem "f". Wir sind nicht alle miteinander verwandt, und natürlich übertreibe ich mit der 50%, aber Pfeifer ist der häufigste Name in diesem Dorf, während er in anderen Gegenden Südtirols kaum vorkommt. Nun gibt es diese Seiten, auf denen man die Verteilung von Familiennamen auf Landkarten überprüfen kann. Gibt man dort "Pfeifer" ein, erkennt man eine Konzentration dieses Namens in Hessen und Rheinland-Pfalz. Ich sag ja nur. Ich bin da etwas auf der Spur. Wie ich das mit dem Statistiktool in Verbindung kriegen soll, weiß ich allerdings auch nicht. # Wie viele Sockenpaare muss man eigentlich haben, um sinnvoll rotieren zu können? Laut Internet empfehlen die meisten Experten für Organisation 14 bis 20 Sockenpaare. Check. # Ich muss Tapeziervideos auf YouTube anschauen. Bis Sonntag muss ich es gelernt haben. Ich schiebe das vor mir her. Eigentlich wollten meine Frau und ich gemeinsam diese Videos schauen, aber sie hat das jetzt an mich delegiert, weil sie bis zu unserer Abreise noch so viel arbeiten muss, aber in Wirklichkeit hat sie nur noch weniger Lust darauf als ich. Und ich bin eher der Typ planloser Autodidakt: Ich fange einfach an und mache alles falsch. Dafür bin ich später Spezialist. #

  46. -35

    [So, 10.5.2026 – Holy Oly]

    Während der ersten Halbzeit quatschten wir fast nur. Benny wird im Juli mit einem E-Auto nach Italien fahren. Auch Hendrik. Auch mit dem E-Auto und auch nach Italien. Als hätten sie sich abgesprochen. Tanja hatte Muskelkater und war müde von letzter Nacht. Sie war bei Kalkbrenner in Potsdam gewesen. Beim Spiel ging um nichts mehr. Dafür war es ein schöner, warmer Nachmittag im Olympiastadion. Wir werden nicht mehr aufsteigen, wir können nur noch Platz 6 verteidigen. Und so spielte auch unsere Mannschaft: ein wenig lustlos, und sie ließ sich vom Gegner aus Franken in die eigene Hälfte hereindrücken. Aber es war das letzte Heimspiel der Saison. Wir würden die Mannschaft in den Sommer verabschieden, ich werde viele Freunde erst nach dem Sommer wiedersehen, es ist wie [man füge hier einen poetischen Vergleich ein]. Die Ultras mühten sich nach Kräften, die Kurve anzuheizen, das Engagement wollte aber nicht so recht zu uns herüberschwappen. Zur Pause ging ich raus auf die Wiese und traf mich mit Sabine. Wir setzten uns ins Gras. Ich hatte mir einen Döner bei Hakiki geholt. Das wollte ich die ganze Saison schon tun. Auch schon die vorige Saison. Ich war bereits ein paar Mal an deren Stand, aber immer erst nach dem Spiel, da bauen sie ihren Stand meist schon ab. Heute also Premiere. Der Kult-Döner war in Ordnung, aber ich bekleckerte mich mit der Sauce, also einen Stern Abzug. Sabine wird nächsten Monat sechzig und wird das wohl feiern. Außerdem überlegt sie, nächste Saison zu uns in die Kurve runterzukommen. Oben in Block 2.1 ist fast niemand mehr. Sie sucht also jemanden, die eine Dauerkarte für eine Saison teilen oder angeben will. Letzte Saison hätte sie meine haben können, ich war ja in Hamburg und habe sicherlich weniger als zehn Spiele besucht. Während wir noch draußen saßen, ging drinnen das lähmende Spiel weiter, aber dann fiel plötzlich ein Tor und das Stadion schien zu explodieren. Danach änderte sich drinnen etwas an der Stimmung, also gingen wir wieder rein und verabredeten uns lose für nach dem Spiel. Nach dem Spiel der Männer würde es nämlich gleich weitergehen. Die Frauenmannschaft von Hertha absolvierte ihr letztes Saisonspiel, und zwar zum ersten Mal im Olympiastadion. Da Sabine eine der aktiven Supporterinnen der Frauenmannschaft ist, hat sie bei dem Spiel Verpflichtungen. Ich wollte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht festlegen, ob ich bleibe. Auf dem Weg zurück ins Stadion schrieb Tanja, wo ich denn bliebe. Sie war nämlich nicht nur müde, sondern auch hungrig. Ich hatte versprochen, Pommes mitzubringen. Also kaufte ich noch schnell eine Portion, die ich in Ketchup ertränkte und dabei vergaß, ein Holzgäbelchen einzustecken. Deswegen hatten wir nachher klebrige Finger. Drinnen war die Stimmung mittlerweile merklich besser geworden. Dann fiel noch ein zweites Tor und ein drittes. Das dritte Tor war allerdings vom Gegner. Es endete mit einem 2:1. Danach kam die Mannschaft ein letztes Mal in die Kurve. Die Mannschaft wurde verabschiedet. Der Vorsänger fand versöhnliche Worte. Auch Toni Leistner wurde verabschiedet. Er ist mittlerweile fast hundert und wird vielleicht seine Fußballerkarriere beenden. Er hielt eine emotionale Rede. Toni spielte früher nämlich einmal für Union und sagte in einem Interview vor fast hundert Jahren, dass Berlin rot-weiß sei. Als er dann vor drei Jahren bei uns anheuerte, schlug ihm deswegen viel Unmut entgegen. Nach wenigen Spielen merkten wir aber alle, wie unerschrocken er sich in jeden Zweikampf warf. Dann wurde er Mannschaftskapitän und schließlich auch Fanliebling. Der letzte Satz, den er gestern schließlich sagte, war: „Berlin ist blau-weiß.“ Tanja zeigte mir daraufhin die Gänsehaut auf ihrem Unterarm.

  47. -36

    [Sa, 9.5.2026 – Verwilderung, mehr als tausend Schritte]

    Im Laufe des Jahres haben sich viele Gegenstände angesammelt, die wir dauerhaft in Schweden verwenden wollen. Das sind Gegenstände, die uns in Berlin lange gefallen haben, die wir jetzt aber durch etwas Neues ersetzen. Unter anderen Bedingungen würden wir diese Gegenstände verschenken oder irgendwie einer Zweitverwertung zuführen. Aber in unserem schwedischen Waldhäuschen gibt es dafür noch Platz. Es handelt sich um Sachen wie Lampen, Vasen, Kleidung, kleine Möbelstücke. Wir entscheiden üblicherweise gemeinsam darüber. Bei allem, was wir für das Haus wegsortieren, begleitet uns die Vorsicht, dass unser schwedisches Domizilchen keine Halde wird, für jene Gegenstände, die wir in Wirklichkeit nicht mehr wollen, von denen wir uns aber nicht trennen können. Heute trugen wir alles zusammen und stellten es in die Mitte des Wohnzimmers. Die Kleidung, die sich ansammelt, sind hauptsächlich Jacken, Jäckchen und Pullover. Oft sind es Fehlkäufe. Fehlkäufe eignen sich vortrefflich für ein zweites Leben im Wald. Fehlkäufe sind in der Regel ja nur fehlerhaft, weil sich die Kleidung ästhetisch nicht so verhält, wie man es dachte, und man in Berlin ja nicht mit ästhetischem Fehlverhalten herumlaufen kann. In Berlin kann man allerdings ästhetisch abgewirtschaftet aussehen. Das ist aber eine andere Kategorie. Im schwedischen Wald sieht einen aber niemand. Da kann man einer ganz eigenen ästhetischen Illusion hinterherlaufen. Das birgt allerdings auch die Gefahr, dass wir uns in Schweden nachlässig kleiden. Das ist ja ohnehin mein Problem. Ich bin nämlich gerne angezogen. Ich bin nicht immer gut angezogen, aber ich weiß immer sehr genau, was ich trage. Im skandinavischen Wald verwildere ich jedoch zusehends ziemlich schnell. Innerlich und äußerlich. Einmal fiel uns auf, dass nur wir verwildern. Die schwedischen Waldbewohner nicht. Die Frau des Cousins, die 2km flussaufwärts im Wald wohnt, ist eine schöne, sehr dünne Frau um die 60. Sie hat lange, weiße Haare und sieht aus, wie ich mir eine Waldhexe vorstelle. Dazu muss ich sagen, dass ich eine sehr positive Vorstellung von Hexen habe. Letzten Sommer fiel uns auf, wie gut sie immer angezogen ist. Wir nicht. Wir verwildern. Mir wächst das Haar aus dem Gesicht und ich fange an, zu riechen wie ein Wildschwein. Jetzt müssen die Berliner Fehlkäufe die Situation retten. # Am Nachmittag ging ich mit Freundinnen und den Hunden spazieren. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die wir "10.000 Schritte Gang" genannt haben. Wir liefen bis hinüber zum Stadtpark Lichtenberg. An der Brücke am Ende der Eldenaer hörte für mich lange Zeit die Welt auf. Dahinter auf der linken Seite gab es eine Nazikneipe. Dort begann das dunkle Lichtenberg. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Neuberlinerinnen ziehen heute ja hauptsächlich nach Lichtenberg. Weiter drinnen gibt es schließlich keinen Platz mehr. Das tat Lichtenberg eher gut. Rechts hinter der Brücke gibt es den Stadtpark. Es ist ein erstaunlich schöner, kleiner Park. Ganz versteckt. Sehr alte Bäume. Verwinkelt. Und man merkt ihm den Gestaltungswillen an, den man an ihn ausgeübt hat. Danach Aperitif. Wir kehrten bei Backaro in der Proskauer ein. Wir erhielten die Drinks um 15:58. Zwei Minuten vor Drink-o’-Clock. Um 15:59 stießen wir trotzdem an. Wir stellten fest, dass wir 9000 Schritte gelaufen waren. An 10.000 hatten wir auch nicht ernsthaft geglaubt. #

  48. -37

    [Fr, 8.5.2026 – Campari, Rasenmäher]

    Dieses Jahr kommen unsere Nachbarn wieder mit nach Schweden. Sie wollen sich dort ein Holzhaus kaufen und haben mehrere Hausbesichtigungen auf dem Programm. Aus diesem Grund trafen wir uns zur offiziellen Planung. Da es aber nicht viel zu planen gab, tranken wir vor allem Drinks und aßen Pizza. Das werden wir sicherlich auch in Schweden so händeln. Dort haben wir ja auch den Pizzaofen, den wir wieder in Betrieb nehmen werden. Außerdem habe ich jetzt einen Rasenmäher, auf dessen Einsatz ich mich sehr freue. Der Rasenmäher hat jetzt nichts mit Essen zu tun, aber ich freue mich wirklich sehr darauf. Alle machten sich deswegen ein bisschen lustig über mich. Das begleitet mich seit Jahren. Niemand versteht, warum ich ständig Gras mähen will. Alle am Tisch lieben gerade das Wilde an so einem schwedischen Waldhäuschen. Ich mag aber kein hohes Gras. Ich hasse hohes Gras regelrecht. Es gibt einen Grund, warum sogar die amerikanischen Ureinwohner die riesigen Grassteppen in Nordamerika mieden und diese erst erkundeten, als die Europäer mit ihren Pferden kamen. Die Ureinwohner und ich. Nur wir haben wirklich Ahnung. Meine Frau und ich sollten Campari mitbringen, aber es gab keinen Campari mehr, also fotografierte ich das Aperitifregal und schickte es der KI. Was von den Dingen hier eignet sich als Campari-Ersatz. Ich schicke der KI keine Fragezeichen mehr mit. Die Antwort war ausführlich. Geschmacklich sollte offenbar die Eigenmarke Itarol dem Campari am nächsten liegen. Allerdings hatten wir ein schlechtes Gefühl dabei, mit einer 2‑Euro-Flasche aufzutauchen. Deswegen entschieden wir uns, eine zusätzliche Flasche eines roten Aperitivs zu kaufen. Der schmeckt zwar ziemlich anders, aber er war wesentlich stylischer und entsprechend teurer. Nun hatten wir eine Flasche, die dem Campari geschmacklich ähnelte, und eine Flasche, die ihm preislich ähnelte. Wenn man das mischt, kommen wir Campari sehr nahe.

  49. -38

    [Mi, 6.5.2026 – simplicity in prose, Ringbahn, Tiergartenquelle]

    Dummerweise komme ich dadurch schon seit Tagen nicht mehr zum Lesen. Dabei habe ich mir vor zwei Wochen Train Dreams von Denis Johnson gekauft, das neulich in einem Podcast (weiß nicht mehr welchen) besprochen wurde. Es behandelt die Lebensgeschichte eines Holzfällers und Tagelöhners auf etwa 80 Seiten. Die Geschichte soll sehr eindrücklich sein und wird als "clean and pure american simplicity" in Prosa beschrieben. Sie wurde letztes Jahr verfilmt und erhält auf Rotten Tomatoes 95% Zustimmung. Eine Lebensgeschichte auf 80 Seiten. Das will ich unbedingt lesen. Als ich das bestellte Buch abholte, dachte ich, ich setze mich in den Erkner und lese es bis zum abendlichen Zähneputzen durch. Aber dann kam mir KI dazwischen. # Habe ich schon einmal gesagt, wie sehr ich es hasse, wenn man auf dem Ring in die Bahn steigt, sich in der Ringbahn wähnt, aber am Bahnhof Bornholmer merkt, dass man eben nicht in der Ringbahn sitzt? Nein, habe ich nicht. # Vorgestern saß ich im Biergarten der Tiergartenquelle. Zwischen Tiergartenquelle und dem Biergarten verläuft eine durchaus befahrene Straße mit einer Ampel direkt vor dem Eingang. Der Kellner bringt die Speisen aus der Küche über die Straße hinüber zum Biergarten und die leeren Teller wieder zurück. Das geht den ganzen Abend so. Er wartet an der Ampel immer bei Rot. Weiß nicht. Diese logistische Ineffizienz. Mir würde sie den Spaß am Job verderben. Ich wäre aber auch ziemlich schnell Roadkill.

  50. -39

    [Di, 5.5.2026 – Psychonukleare Physik]

    Bin gerade sehr damit beschäftigt, in meinem Unternehmen einen Rahmen für Künstliche Intelligenz einzuführen. Das nimmt in diesen Tagen einen großen Teil meines Aufmerksamkeitshorizonts ein. Weil meine Firma einen erhöhten Bedarf an Datenschutz hat, gibt es große Bedenken bezüglich der Datenhandhabung von US-Unternehmen, was seit einigen Monaten ja ohnehin voll mein Thema ist. In diesem Zuge kam ich darauf, dass man verschiedene große Sprachmodelle auch einfach herunterladen und selbst betreiben kann. Nicht ChatGPT und nicht Claude oder Gemini. Aber verschiedene andere, sogenannte Open-Source- bzw. Open-Weight-Modelle, die in Aktualität vielleicht ein halbes Jahr hinterherhängen, aber für 99% aller Anwendungsfälle vollkommen ausreichen. Ich hatte schon über solche Modelle gelesen bzw. sie überlesen, dass das aber wirklich eine valide Alternative ist, mit richtig starken Sprachmodellen, die man völlig autonom lokal auf einem abgeschotteten Server betreiben kann, das wollte offenbar nicht zu mir durchdringen. Ein Server, auf dem man das betreiben kann, kostet zwar viel Geld, aber es ist immer noch wesentlich billiger, als tausend Mitarbeiterinnen mit Pro-Accounts von ChatGPT auszustatten. Es gibt dieses Emoji mit dem explodierenden Kopf. Ich glaube, der Kopf symbolisiert eine Explosion psychonuklearen Ausmaßes. Für mich ist psychonukleare Physik etwas Positives. Ich laufe seit Tagen mit einem Kopf herum, der diesem Emoji ähnelt. Das wollte ich sagen. Nein, ich schreibe gerade nicht am großen Textprojekt weiter. Ich wollte ursprünglich etwas weniger bloggen und mir dafür Zeit für das Romanprojekt nehmen. Stattdessen liegen bei mir zu Hause wieder viele Kabel herum, an deren Ende Laptops, Raspis und Mini-PCs große und kleine KI‑Modelle betreiben.

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Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.

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