PODCAST · news
OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen
by Robin Julian Taylor
Für wen funktionieren Organisationen? Wie könnten sie morgen aussehen?Ich bin Robin, Autor eines Sachbuchs über unsere Organisationen und Organisationsentwickler mit 15 Jahren Erfahrung. In diesem Podcast untersuche ich Organisationen als komplexe soziale Gebilde, in denen Macht ausgeübt wird, Konflikte ausgetragen werden und Veränderung möglich ist. Kein Management-Blabla, sondern kritische Analyse.Meine These: Organisationen sind veränderbar – wie wir sie gestalten, entscheidet über unsere Zukunft.Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 17 - Identitäten und Realitäten: Die Industrie wechselt von Traktormotoren auf Drohnenantriebe
20. April 2026: Telepolis veröffentlicht einen Artikel. Überschrift: "Patriot statt Porsche". Die deutsche verarbeitende Industrie steckt in der längsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Jeden Monat gehen 15.000 Arbeitsplätze verloren. Mercedes-Benz meldete für 2025 einen Gewinnrückgang von 49 Prozent, Volkswagen von 44 Prozent, Porsche sogar von 98 Prozent. VW hat den Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 angekündigt.Die Antwort der Bundesregierung? Rüstung.Quer durch den deutschen Industriegürtel wandeln sich Fertigungslinien zu Produktionsstätten für Rüstungsgüter. Das Bundesverteidigungsministerium finanziert eine Matchmaking-Plattform, die Rüstungslieferketten mit Unternehmen aus anderen Sektoren vernetzt.Beispiel Deutz. Gegründet 1864, 162 Jahre alt. Bislang Motoren für Landwirtschaft, Baumaschinen, Industrieanlagen. Seit 2026: eigene Defense-Sparte. Bauteile für Patriot-Luftabwehrsysteme, Antriebe für unbemannte Systeme, gepanzerte Fahrzeuge. Die Defense-Sparte soll bis 2030 einen Umsatz von 300 Millionen Euro erreichen, eine Verzehnfachung. Deutz verzeichnete im vergangenen Jahr 13 Prozent Umsatzwachstum, keine Massenentlassungen, weil die Beschäftigten auf Rüstungsproduktion umgestellt wurden.Organisationssoziologisch faszinierend. Ein Unternehmen, das 162 Jahre lang Motoren für Traktoren und Bagger gebaut hat, baut jetzt Antriebe für Kampfdrohnen. Die Maschinen sind ähnlich, die Kompetenzen übertragbar. Aber die Identität verändert sich fundamental.Hier bündeln sich alle Themen der letzten sechs Episoden. Ethik: Beschäftigte, die jahrzehntelang Motoren für die Landwirtschaft gebaut haben, produzieren jetzt Komponenten für Waffensysteme. Sie sind nicht dort eingetreten, um Waffen zu bauen. Die moralische Landkarte hat sich unter ihren Füßen verschoben. Kollaboration und Protest: Der Übergang lief geräuschlos. Aber Geräuschlosigkeit bedeutet nicht Einverständnis. 46 Prozent der Beschäftigten scheuen sich, Probleme anzusprechen. Pfadabhängigkeiten: Der alte Automobil-Pfad bricht weg. Was hier passiert, ist ein Pfadwechsel ganzer Sektoren. Resilienz: Ist es Anpassungsfähigkeit oder opportunistische Flucht in den nächsten Boom? Schauseiten: Deutz-Vorstandschef Klaus Rosenfeld sagt, man trage bei, "die Fähigkeit zur Selbstverteidigung zurückzugewinnen". Die Rüstungsproduktion wird als patriotischer Beitrag gerahmt, nicht als ökonomische Notwendigkeit. Profilizität: Deutz hat seit Anfang 2026 fünf eigenständige Divisionen, darunter "Deutz Defense" mit eigenem CEO. Die Börse honoriert den Wandel.Eine Fertigungslinie lässt sich umstellen. Die Identität der Menschen, die daran arbeiten, nicht per Vorstandsbeschluss. Ein Motorenexperte, der seit dreißig Jahren Antriebe für Traktoren entwickelt, hat verkörpertes Wissen, gewachsen über Jahre, gebunden an den konkreten Kontext. Die technischen Kompetenzen mögen übertragbar sein. Die tiefere Verbundenheit mit dem Zweck der Arbeit ist es nicht unbedingt.Organisationen haben nicht eine Identität und nicht eine Realität. Sie haben mehrere, und die stehen oft in Spannung zueinander. Was eine Organisation offiziell ist, was sie tatsächlich tut, was sie nach außen zeigt und was sie digital kuratiert – das sind unterschiedliche Schichten, die sich manchmal decken und häufig nicht.Erwähnte Personen: Klaus RosenfeldSchreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 16 - Profilizität: Digitale Profile unserer Organisationen und Gedanken zu Corporate-InfluencerInnen
Anfang April 2026: In Berlin findet der Corporate Influencer Day statt. Eine ganztägige Konferenz mit Vorträgen, Workshops und Networking. Ein einziges Thema: wie Unternehmen ihre eigenen Beschäftigten zu Markenbotschaftern auf Social Media machen. Wenige Wochen zuvor wurde in Köln der Corporate Influencer Award verliehen. Es gibt mittlerweile Ausbildungsprogramme, eigene KPIs und Abteilungen.Eine ganze Industrie spezialisiert sich darauf, die private Online-Präsenz von Beschäftigten in ein strategisches Instrument der Unternehmenskommunikation zu verwandeln. Posts von Mitarbeitenden generieren laut Branchenangaben bis zu achtmal mehr Engagement als offizielle Unternehmensbeiträge. Die Logik ist klar: Menschen vertrauen Menschen mehr als Marken. Also sollen die Beschäftigten die Marke verkörpern.Das Konzept dahinter heißt Profilizität. Die Philosophen Hans-Georg Möller und Paul D'Ambrosio beschreiben damit eine Verschiebung: In einer Welt, in der unsere Profile auf LinkedIn oder Instagram oft sichtbarer sind als wir selbst, wird die bewusste Gestaltung dieser Profile zu einer eigenen Form der Identitätsarbeit.Was als freiwilliges Engagement der Beschäftigten dargestellt wird, ist in Wahrheit ein durchstrukturiertes Programm. Leitfäden, Schulungen, Hashtag-Vorgaben, definierte KPIs. Die Organisation nutzt die persönliche Glaubwürdigkeit ihrer Beschäftigten als Kommunikationsressource. Die Posts wirken authentisch, weil sie von echten Menschen kommen. Aber genau diese Authentizität wird strategisch geplant. Eine professionell hergestellte Echtheit.Das Dilemma: Mitarbeitende werden zu unbezahlten Content-Produzenten. Die Grenzen zwischen beruflicher und privater Sphäre verschwimmen. Wem gehört der LinkedIn-Post einer Beschäftigten, die über ihren Arbeitsalltag schreibt? Dem Unternehmen, das das Thema vorgegeben hat? Oder der Beschäftigten, die ihre persönliche Reichweite einbringt?Und dann der merkwürdige Effekt: Je strategischer Organisationen ihre Authentizität planen, desto weniger authentisch wirken sie. Die Spontaneität ist inszeniert. Die Nahbarkeit ist kalkuliert. Bei der Profilizität zählt nicht mehr die Wahrheit hinter der Darstellung, sondern die Qualität der Oberfläche.Erwähnte Personen: Hans-Georg Möller, Paul D'Ambrosio Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 15 - Schauseiten sind nicht nur bei Architekten ein Thema
Als Jugendlicher habe ich in der Gastronomie gearbeitet. Aushilfsjobs, um mir die Ausbildung zu finanzieren. Die Gäste betreten einen gepflegten Gastraum. Dekoration, angenehme Beleuchtung, adrett gekleidete Kellner. Das ist die Schauseite.Was hinter der Schwingtür passiert? In der Küche wird geschrien, geflucht, manchmal handgreiflich gestritten. Ich erinnere mich an eine rohe Kartoffel, die durch die Küche flog. Lebensmittel, die auf den Boden fallen und trotzdem auf dem Teller landen. Zigaretten und Kokain in der Speisekammer. Ich habe Dinge gesehen, über die ich heute kopfschüttelnd nachdenke.Und dann die Kontrollen. Die Kontrolleure kamen an ruhigen Nachmittagen, trafen saubere Küchen an, nette Leute bei den Vorbereitungen. Was am Vorabend los war, konnten sie nicht sehen. Die Schauseite lässt sich für solche Momente herrichten. Die Hinterbühne zeigt sich nur denen, die dauerhaft dort sind.Das Muster ist universell. Im Krankenhaus, in der Behörde, überall gibt's eine Vorderseite für die Kundschaft und eine Rückseite für die Beschäftigten. Schauseiten sind kein Betriebsunfall. Sie sind funktional. Ohne sie könnten Organisationen gar nicht existieren. Das Problem entsteht woanders.Januar 2026: Der Bundesrat beschließt das neue Greenwashing-Verbot. Ab September sind Werbeaussagen wie "klimaneutral" oder "nachhaltig" nur noch erlaubt, wenn sie mit überprüfbaren Nachweisen unterlegt sind. Selbsterfundene Siegel verboten. Klimaneutralität durch bloßen Zukauf von CO2-Zertifikaten darf nicht mehr beworben werden. Bußgelder bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes.Was hier passiert, ist bemerkenswert. Der Gesetzgeber reguliert die Distanz zwischen Schauseite und Realität. Er sagt: Ihr müsst belegen, was ihr behauptet. Ein Automobilkonzern, der mit niedrigen Abgaswerten wirbt, sagt zunächst nur etwas über seine Werbestrategie aus. Nicht über seine Fahrzeuge.Schauseiten werden problematisch, wenn sie sich von der Realität entkoppeln. Wenn mehr Energie in die Fassade fließt als in die Substanz. Wenn das Marketingbudget das Budget für Produktentwicklung übersteigt. Dann wird die Schauseite zum Kollaps-Beschleuniger.Das Endstadium: die zynische Organisation. Alle wissen, dass die offiziellen Aussagen nicht stimmen. Und genau dieses Wissen wird zur Kultur. Veränderung wird unmöglich.Erwähnte Personen: Judith Muster, Kai Matthiesen, Peter Laudenbach Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 14 - Resilienz? Das Wort kommt einem schon aus den Ohren!
September 2020: Der erste bundesweite Warntag seit der Wiedervereinigung. Ein Fiasko. Der zentrale Probealarm verzögerte sich wegen Systemüberlastung um eine halbe Stunde. Sirenen blieben stumm. Die Warn-App NINA funktionierte nicht flächendeckend. Ich kann bis heute nicht fassen, dass die Übung selbst schon nicht funktioniert hat.Was danach geschah? Die Behörden haben nachgebessert. Cell Broadcast wurde eingeführt. Technische Systeme schrittweise ertüchtigt. September 2025: 97 Prozent der Befragten über mindestens einen Kanal erreicht. Das ist eine Resilienzgeschichte. Ein System hat versagt, wurde kritisiert, hat gelernt. Nur hat dieser Lernprozess fünf Jahre gedauert. Fünf Jahre für eine zuverlässige Warn-SMS. Wenn Krisen selten fünf Jahre warten, ist das ernüchternd.Hier liegt das Missverständnis. Resilienz wird mit Durchhaltevermögen verwechselt. "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten." "Da müssen wir durch." Gut gemeint, aber falsch. Resilienz bedeutet nicht, eine Belastung länger auszuhalten, sondern sich schneller anzupassen. Eine starre Eiche bricht im Sturm. Ein Bambushalm biegt sich und richtet sich wieder auf.Die Corona-Pandemie hat das gezeigt. Manche Organisationen stellten binnen Tagen auf Homeoffice um. Andere kämpften monatelang mit Faxgeräten. Behörden, die keine digitalen Signaturen akzeptierten, obwohl die gesetzliche Grundlage existierte. Schulen, die Arbeitsblätter per Post verschickten. Das Muster: Wer vor der Krise flexible Strukturen hatte, kam besser durch. Wer auf Stabilität und Kontrolle gesetzt hatte, erstarrte.Aber Resilienz wird fast immer als individuelle Eigenschaft behandelt. Achtsamkeitsprogramme, Mental-Health-Apps, Coachings – alles zielt aufs Individuum. Wenn die Fähigkeit als persönliche Sache gilt, müssen Organisationen nichts ändern. Die Verantwortung wird privatisiert, die Strukturen bleiben.Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 120 Millionen Fehltage. Psychische Erkrankungen als Haupttreiber. 147 Milliarden Euro Folgekosten jährlich. Das lässt sich nicht durch individuelles Achtsamkeitstraining erklären. Wenn die Hälfte der Erwerbstätigen über höheren Zeitdruck klagt und 18 Prozent der 31- bis 40-Jährigen sich als Burnout-gefährdet einschätzen, liegt das nicht daran, dass all diese Menschen zu wenig Yoga machen. Es liegt an Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel und Organisationen, die ihre Beschäftigten als austauschbare Ressourcen behandeln.Resilienz ist in erster Linie eine strukturelle Eigenschaft. Und sie entsteht in guten Zeiten, nicht in der Krise. Wer Redundanzen, Puffer und Experimentierräume als Verschwendung streicht, bezahlt dafür, wenn es darauf ankommt.Erwähnte Personen: Martin Voss, Hartmut Rosa Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 13 - Über Pfadabhängigkeiten und Zielkonflikte
In dieser Episode geht es um Pfadabhängigkeit. Konkreter: Warum Organisationen so schwer aus eingefahrenen Mustern herauskommen. Und warum der Ausstieg teurer wird, je länger man wartet.1. März 2026: Die Deutsche Bahn legt ihre Bilanz vor. Verlust: 2,3 Milliarden Euro. Pünktlichkeit im Fernverkehr: unter 60 Prozent. Sanierungsrückstau im Schienennetz: 130 Milliarden Euro. Das ist keine Zahl, die durch ein schlechtes Jahr entsteht. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten.Seit der Bahnreform 1994 wurde das Netz unter laufendem Betrieb geflickt. Jede Sperrung kostet Fahrgäste, Einnahmen, politisches Kapital. Also lieber tausende kleine Baustellen als große Einschnitte. Das war nicht irrational. Aber es hat das Netz immer störanfälliger gemacht – und die Kosten der unvermeidlichen Sanierung immer weiter aufgestaut.Das ist Pfadabhängigkeit. Vergangene Entscheidungen schränken die Handlungsmöglichkeiten der Gegenwart ein. Je länger ein Pfad beschritten wird, desto teurer wird der Ausstieg. 130 Milliarden Euro Sanierungsrückstau – das ist Lock-in.Jetzt versucht die Bahn den Kurswechsel. Generalsanierungen statt Flickwerk. Vollsperrungen statt Baustellen unter laufendem Betrieb. Die Strecke Hamburg - Berlin ist seit August 2025 komplett gesperrt. 45 Minuten längere Fahrzeit auf Umleitungsstrecken. Bahnchefin Palla spricht von mindestens zehn Jahren, bis das Netz wieder in einem guten Zustand ist. Der Pfadwechsel kostet, bevor er sich auszahlt.Und gleichzeitig muss die Bahn sanieren, den Betrieb aufrechterhalten und wirtschaftlich werden. Das ist der Zielkonflikt. Nicht als Fehler im System, sondern als eingebaute Spannung seit 1994.Renate Mayntz hat das bereits in den 1960ern beschrieben. Und sie hatte auch eine optimistische Beobachtung: Zielkonflikte können produktiv sein. Reibung ist nicht das Problem. Sie ist der Motor.Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 12 - Kollaboration, Kompromiss und Protest
Die Tarifrunde 2026 liefert gerade in Echtzeit das gesamte Spektrum. Kollaboration, Kompromiss und Protest. Gleichzeitig. In derselben Woche. Teils in derselben Branche.1. März 2026: Die GDL schließt mit der Deutschen Bahn einen neuen Tarifvertrag. Ohne Streik. Bewusst. "Friedenszeit" nennen sie das. Das Ergebnis: 24 Monate Laufzeit, die ersten sieben Monate keine Lohnerhöhung. Die GDL hatte vorher selbst erklärt: 13 Prozent Reallohnverlust durch Inflation. Die Forderung lag bei 8 Prozent. Die Bahn spricht von "intelligentem Kompromiss". Man kann das als pragmatische Einigung lesen. Oder als Kapitulation. Oder als strategische Neuausrichtung unter neuer Führung.Derselbe Tag: ver.di ruft erneut zu Warnstreiks auf. Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hamburg, Sachsen-Anhalt – keine Busse, keine Bahnen. In Sachsen-Anhalt vier Tage lang. Der dritte großflächig koordinierte Arbeitskampf in dieser Runde. Aber: In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gab es bereits Einigungen. In Hessen wurde ein Ergebnis erzielt, über das die Mitglieder abstimmen sollten. Brandenburg verzichtete auf Streik, setzte auf Weiterverhandlung.Das heißt: Kollaboration, Kompromiss und Protest fanden in derselben Tarifrunde, in derselben Woche, in derselben Branche statt. Nur eben in verschiedenen Regionen. Von außen wirkt das chaotisch. Aber es zeigt: Verschiedene Akteure reagieren auf verschiedene lokale Bedingungen mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.1. März: ver.di ruft die rund 800 Beschäftigten der Deutschen Presse-Agentur zum ganztägigen Streik auf. Der erste vollständige Streik in der Geschichte der dpa. Die Ausgangslage: 2,3 Prozent Erhöhung oder 110 Euro. Die Forderung: 250 Euro. In vier Runden hatte sich die Gegenseite nicht bewegt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem nicht mehr verhandelt wird, sondern gemauert.Jeder Kompromiss spiegelt die Machtverhältnisse wider, unter denen er zustande kam. Die GDL hatte sich vorab auf Friedenszeit festgelegt – und damit ihr stärkstes Druckmittel aus der Hand gegeben. Ver.di eskaliert regional unterschiedlich, je nach Fortschritt der Verhandlungen. Die dpa-Beschäftigten greifen zum härtesten Mittel, weil vier Runden zu nichts geführt haben.Protest ist nicht das Gegenteil von Zusammenarbeit. Er ist eine Eskalationsstufe innerhalb eines Aushandlungsprozesses. Und Reibung ist nicht das Problem. Sie ist der Motor.Erwähnte Personen: - Schreib mir: [email protected] Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 11 - Prinzipien: Über Ethik und Moral in Organisationen
Februar 2026. Das US-KI-Unternehmen Anthropic hatte einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag mit dem Pentagon. Zwei rote Linien waren gesetzt: Keine Massenüberwachung von US-Bürgern, keine vollautonomen Waffensysteme. Das Pentagon verlangte, diese Einschränkungen aufzugeben. Anthropic weigerte sich. Die Reaktion? Verteidigungsminister Hegseth kündigte den Vertrag. Trump ordnete an, alle Bundesbehörden sollen Anthropic-Produkte sofort nicht mehr verwenden. Das Pentagon stufte das Unternehmen als "Lieferkettenrisiko" ein.Was dann passierte, ist aufschlussreich: Anthropic-Mitarbeitende äußerten öffentlich ihre Unterstützung. Aber es ging weiter. Auch Beschäftigte von Google, OpenAI, Amazon und Microsoft verfassten einen offenen Brief – sie forderten ihre eigenen Unternehmen auf, sich anzuschließen. OpenAI? Sprang sofort ein, schloss einen eigenen Vertrag, Stunden nachdem Anthropics aufgelöst wurde.Erinnern wir uns: Google 2018, Project Maven. KI zur Analyse von Drohnenaufnahmen. Mitarbeitende protestierten massiv, Google zog sich zurück, versprach öffentlich, KI nicht für Waffen einzusetzen. Acht Jahre später hat Google dieses Versprechen stillschweigend zurückgenommen. Die Schauseite hielt, solange der wirtschaftliche Druck überschaubar war.Das Muster: Organisationale Ethik ist kein stabiler Zustand, sondern ein permanentes Kräftemessen. Zwischen Überzeugungen der Mitglieder und wirtschaftlichen Zwängen. Zwischen Leitbild und Marktdruck. Zwischen dem Wunsch, das Richtige zu tun, und der Angst vor Konsequenzen.Aber viel interessanter ist der Alltag. Stefan Kühl nennt es brauchbare Illegalität: Das Pflegeteam, das Dokumentationszeiten kürzt für mehr Betreuung. Die Verwaltung, die bürokratische Schlupflöcher findet, um Härten abzumildern. Ohne diese alltäglichen Regelbrüche würden viele Organisationen nicht funktionieren. Die Moral versteckt sich in der Lücke zwischen Vorschrift und Wirklichkeit.Das Problem: Sich Ethik leisten zu können ist selbst schon ein Privileg. Anthropic hatte andere Einnahmequellen, massive öffentliche Unterstützung. Der Pfleger, die Sachbearbeiterin, der Verein? Haben diesen Luxus nicht.Ethik in Organisationen ist keine Frage individuellen Muts. Es ist eine Frage der Strukturen.Erwähnte Personen: Stefan Kühl Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 10 - Der organisationale Alltag zwischen Leitbild und Wirklichkeit
Diese Woche war ich in Augsburg bei einer Veranstaltung zum nachhaltigen Wirtschaften. Organisiert von der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH – in einem Autohaus. Eine Nachhaltigkeitsveranstaltung zwischen glänzenden Neuwagen. Ich liebe solche Widersprüche, denn sie erzählen mehr über den Zustand unserer Organisationen als jede Keynote.Von BMW über Behörden bis zu regionalen Mittelständlern – die Bandbreite war enorm. Und das Beste: Viele haben nicht die üblichen Erfolgsgeschichten erzählt. Sie haben von Widerständen berichtet, von gescheiterten Versuchen, von der Kluft zwischen dem, was die Organisation nach außen kommuniziert, und dem, was intern tatsächlich passiert.Zwischen dem, was auf so einer Veranstaltung besprochen wird, und dem, was am Montagmorgen passiert, liegt ein Graben. Da sitzt man bei einem Vortrag über CO₂-Reduktion, nickt zustimmend, nimmt sich drei Maßnahmen vor – und am Montagmorgen liegen dreißig Mails im Postfach, der Abteilungsleiter will die Quartalszahlen, und das Nachhaltigkeitskonzept wandert in die Schublade. Nicht aus Boshaftigkeit. Weil der Alltag seine eigene Schwerkraft hat.Ein IT-Leiter berichtete: Sein Projektportfolio wächst stetig. Mehr Budget, mehr Gerätschaft, mehr Systeme. Abgekündigt wird selten. Ein Zusammenlegen der IT-Infrastruktur mit anderen Organisationen würde Sinn ergeben – aber die Logik des Wachstums und der Abgrenzung ist stärker als die Logik der Nachhaltigkeit. Rebound-Effekte überall: Ressourcen werden an einer Stelle eingespart, an anderer wieder angeschafft. Die Einsparung ist dahin.Und dann die Mikropolitik. Mehrere Entscheider fragten sich offen: Macht ein veganes Kantinenangebot die Organisation attraktiver – oder vergrault es bestehende Mitglieder? Ist ein Mobilitätskonzept, das Parkplätze reduziert, ein Fortschritt oder eine Zumutung? Die Fragen klingen banal, aber sie sind es nicht. Selbst das Mittagessen ist politisch. Jede Veränderung sendet ein Signal – über Werte, über Richtung, über das, wofür man steht.Greenwashing ist keine böse Absicht. Es ist eine strukturelle Versuchung. Die Organisationen, die am lautesten über Nachhaltigkeit reden, sind nicht unbedingt die, die am meisten tun. Wer eine große Nachhaltigkeitsabteilung hat, hat vor allem eine große Nachhaltigkeitsabteilung – nicht unbedingt nachhaltige Prozesse.Der Ausweg? Informelle Netzwerke. Die ehrlichen Pausengespräche, der Austausch unter vier Augen. Das Gegenteil von Schauseite.Erwähnte Personen: Anton Jäger Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 9 - Kollektive Fiktionen – Was die Kommunalwahl über organisationale Ziele verrät
Am achten März wird hier in Utting am Ammersee gewählt. Ein 4.000-Einwohner-Ort südwestlich von München. Was dort passiert, zeigt etwas Faszinierendes über organisationale Identität: Selbst Nicht-Organisationen müssen so tun, als wären sie Organisationen, um erfolgreich zu sein.Da ist die "Liste für Utting" – 16 Menschen, unterschiedlicher geht's nicht. Ein 72-jähriger Kunstkurator neben einem 20-jährigen Handwerker. Eine Zahnarzthelferin neben einem Bankkaufmann. Das Paradox: Die LFU ist wahrscheinlich gar keine echte Organisation. Ein lockerer Zusammenschluss. Aber sie sehen aus wie eine Partei. Professionelle Website, einheitliches Branding, geschliffene Kampagne. Sie müssen wie eine Organisation auftreten, um gegen CSU und Grüne anzukommen.Und ihre Ziele? Völlig widersprüchlich. Naturschutz UND Entwicklung. Bezahlbarer Wohnraum OHNE das Dorfgesicht zu zerstören. Mehr Mittel für Kultur UND für Wirtschaft. Aber genau diese Widersprüchlichkeit könnte ihr Erfolgsgeheimnis sein. Alle 16 können ihre eigene Interpretation hineinlesen.Dann die CSU mit Bürgermeister Florian Hoffmann. Ihr Argument: "Es läuft doch." Das ist die konservative Fiktion – der bewährte Verwalter. Sie suggeriert: Politik ist Verwaltung, Regieren ist Problemlösung, Macht ist Kompetenz. Eine zutiefst entpolitisierende Erzählung, die Ideologie als Sachzwang tarnt. Aber wer profitiert vom Status quo? Für wen hat sich was bewährt?Die Grünen funktionieren nach dem Prinzip der Antizipation. Sie identifizieren zukünftige Probleme, bevor die Krise akut wird. Aber ihre Plakate verschwinden regelmäßig. Nicht durch Wind oder Wetter – sie werden abgerissen, zerstört. Die der Linken auch. CSU-Plakate bleiben unbeschädigt. Warum? Haben Menschen Angst vor bestimmten Botschaften? Stört die Konfrontation mit Klimawandel-Thematik?Was lehrt uns das? Politische Ziele sind kollektive Fiktionen und Machtinstrumente. Nie neutral, immer interessengeleitet. Sie spiegeln tieferliegende Ängste wider. Die CSU fürchtet Chaos. Die Grünen fürchten Umweltzerstörung. Die LFU fürchtet Parteipolitik – und muss deshalb selbst wie eine Partei werden.Der reifste Umgang damit? Ironische Distanz. Sie ernst nehmen, ohne ihnen zu verfallen. Als nützliche Werkzeuge verstehen, nicht als heilige Wahrheiten.Und zum Schluss noch ein Link zu meinem Buch Hinter der Schauseite. Viel Spaß beim Lesen! Erwähnte Personen: Florian Hoffmann Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 8 - Identitäten & Realitäten: Wer formt wen?
Wer formt eigentlich wen? Formen Menschen ihre Organisationen – oder formen Organisationen ihre Menschen? Die Antwort ist: beides gleichzeitig. Ein ständiges Wechselspiel, ein Tanz zwischen individuellen Entscheidungen und organisationalen Strukturen.Ich kenne eine Frau – nennen wir sie Sori. Vor zehn Jahren in ein IT-Unternehmen eingestiegen, eigentlich nur für ein Jahr. Heute leitet sie eine Abteilung und das Unternehmen ist völlig anders. Sori hat es verändert. Nicht durch große Reden, sondern durch hunderte kleine Entscheidungen. Andere Kommunikation – direkter, ehrlicher. Andere Leute eingestellt. Andere Prioritäten gesetzt. Personen formen Organisationen. Jeden Tag, mit jeder Entscheidung.Aber die Geschichte geht weiter. Sori hat ihr Unternehmen verändert – und das Unternehmen hat sie verändert. Heute redet sie anders. Andere Kleidung, andere Freunde, andere Gedanken über Erfolg und Verantwortung. Organisationen formen ihre Mitglieder. Systematisch, tiefgreifend, oft ohne dass wir es merken. Der Tagesablauf. Die Sprache. Die Werte. Wer jeden Tag einen Anzug trägt, bewegt sich anders als jemand in Jeans und T-Shirt. Ein Unternehmen, das ständig von Effizienz redet, macht seine Mitarbeiter effizienzfokussiert.Und beide – Sori und ihr Unternehmen – wirken auf die Gesellschaft. Organisationen sind nicht neutral. Sie transportieren Weltanschauungen, normalisieren Verhaltensweisen. Wenn die meisten Unternehmen einer Stadt hierarchisch organisiert sind, wird Hierarchie normal. Wenn Organisationen diverser werden, normalisiert das Vielfalt.Dann wirkt die Gesellschaft zurück. Junge Bewerberinnen stellen andere Fragen. Kunden boykottieren Unternehmen, die ihren Werten widersprechen. Die Politik setzt neue Regeln. Diese Rückwirkung wird stärker, schneller, unausweichlicher.Organisationale Identität ist kein fester Zustand – sie ist ein ständiger Prozess. Ein Zusammenspiel von formalen Strukturen, informalen Netzwerken und Schauseiten. Nicht planbar, nicht kontrollierbar. Emergent.Und zum Schluss noch ein Link zu meinem Buch Hinter der Schauseite. Viel Spaß beim Lesen! Erwähnte Personen: - Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 7 - Hierarchie: Eine Kritik an der Standardlösung für Koordinationsprobleme
Warum gibt es überhaupt Hierarchie? Die Antwort ist einfach und frustrierend zugleich: weil Koordination ohne sie nahezu unmöglich wird. Hundert Menschen, alle mit unterschiedlichen Ideen, Prioritäten und Ressourcenwünschen. Ohne Entscheidungsstruktur würde jede Kleinigkeit ausgehandelt. Nichts würde je beschlossen. Die Organisation lähmt sich selbst.Aber Hierarchie verspricht mehr als nur Entscheidungen. Sie verspricht Überblick. Hier oben sitzt jemand, der das Ganze im Blick hat – während alle anderen im Kleinen stecken. Das ist ein verlockendes Versprechen. Und es ist fast immer gelogen.In meiner Beratungsarbeit führe ich viele Interviews. Ich frage nach Lösungen. Und ich höre fast nie: Das wäre besser für uns alle. Ich höre: Dadurch würde sich für mich... – Das wäre gut für meinen Bereich. Menschen, die aufrichtig glauben, holistisch zu denken – und dabei nur ihre eigene Position offenbaren. Nicht weil sie bösartig wären. Sondern weil jede Position in einer Hierarchie ein begrenztes Sichtfeld erzeugt. Hierarchie verkauft Machtpositionen als Erkenntnispositionen. Das ist ihre fundamentale Lüge.Dazu kommt: Hierarchie existiert immer auf zwei Ebenen. Die formale steht im Organigramm. Die informale entsteht aus Expertise, Netzwerken und persönlichem Einfluss. Die Assistentin, die seit zwanzig Jahren jeden kennt, hat oft mehr Macht als ihr Titel zeigt. Organisationen ohne formale Hierarchie haben meist einfach nur eine unsichtbare.Und dann die Folgeprobleme: Machtmissbrauch, weil konzentrierte Macht dazu einlädt. Verzerrter Informationsfluss, weil schlechte Nachrichten nach oben gefiltert werden – und nach unten oft gar nichts ankommt. Demotivation, weil die meisten Menschen merken, dass ihre Stimme weniger zählt.Aber hier liegt ein entscheidender Denkfehler: Hierarchie und Entscheidungsstruktur sind nicht dasselbe. Mehrheitsentscheid, Konsent, Delegation an Fachleute, Betroffenenprinzip – diese Mechanismen existieren bereits, meist ohne explizit so benannt zu werden. Die Frage ist nicht: Hierarchie oder keine Hierarchie. Die Frage ist: Welcher Mechanismus für welche Entscheidung?Erwähnte Personen: David Graeber Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 6 - Was motiviert Menschen Organisationen beizutreten und in ihnen zu bleiben?
Wer gehört eigentlich zu einer Organisation – und warum? Die Antwort scheint klar: Man hat einen Vertrag und steht auf der Mitgliederliste, oder eben nicht. Aber sobald wir genauer hinschauen, wird aus dieser scheinbaren Eindeutigkeit ein komplexes Geflecht aus Erwartungen, Motiven und Macht.Organisationen stehen vor einem Paradox. Sie müssen Menschen gewinnen, sie davon abhalten zu gehen – und sie gleichzeitig dazu bringen, ihre Rolle tatsächlich zu erfüllen. Rekrutieren, binden, motivieren. Drei Aufgaben, die nie endgültig gelöst sind. Denn anders als Organisationen brauchen Menschen Organisationen nicht zwingend. Es gibt immer Alternativen. Die eigentliche Frage lautet also: Warum investieren Menschen trotzdem Zeit, Energie und Loyalität?Mitgliedschaft hat viele Gesichter. Da ist der Vereinsenthusiast, der mehr Zeit im Club verbringt als zuhause. Die engagierten Eltern, die faktisch unverzichtbar sind, ohne formale Mitglieder zu sein. Die langjährige Angestellte, deren Identität mit der Organisation verwoben ist – obwohl die Beziehung auf einem kündbaren Vertrag basiert. Der Berater, technisch extern, funktional intern. Die Freiwillige, die projektbasiert unterstützt, aber keine Stimmrechte hat. Das Parteimitglied, formal gleichberechtigt – praktisch oft passiv. Und schließlich das Geistermitglied: offiziell dabei, real abwesend.All diese Formen erzeugen unterschiedliche Beziehungen zur Organisation. Unterschiedliche Rechte, unterschiedliche Pflichten, unterschiedliche Grade der Bindung. Mitgliedschaft ist kein Ja-oder-Nein-Zustand. Sie ist ein Spektrum.Und genau darin liegt die Herausforderung. Wie koordiniert man Menschen, die sich fundamental unterschiedlich zur Organisation verhalten? Unterschiedliche Zeitbudgets, unterschiedliche Motivationen, unterschiedliche Macht. Organisationen antworten klassisch: mit Hierarchie. Jemand muss entscheiden, wenn Interessen kollidieren. Jemand muss koordinieren, wenn Vielfalt in Chaos kippt.Hinzu kommt eine Spannung, die selten offen benannt wird: Formale Gleichheit trifft auf praktische Ungleichheit. Auf dem Papier haben alle die gleichen Rechte. In der Realität ist Einfluss ungleich verteilt. Manche tragen mehr bei. Manche werden stärker gehört. Manche konkurrieren um Projekte, Budgets, Anerkennung. Wettbewerb ist kein Betriebsunfall – er ist Teil des organisationalen Alltags.Und trotzdem bleiben Menschen. Nicht nur wegen Geld. Sondern wegen Sinn, Zugehörigkeit, Entwicklung. Wegen investierter Zeit, die man nicht einfach aufgeben will. Weil Identität und Organisation sich ineinander verschränken. Organisationen funktionieren nicht wegen perfekter Strukturen – sondern weil für genug Menschen die Gleichung aus Anreiz, Erwartung und persönlicher Motivation aufgeht.Mitgliedschaft ist damit kein administrativer Akt. Sie ist eine Beziehung. Fragil, widersprüchlich, produktiv.In der nächsten Episode geht es um Hierarchie. Wir haben sie hier bereits gestreift – als Koordinationsmechanismus für heterogene Mitgliedschaft. Aber wie funktioniert Hierarchie tatsächlich? Was leistet sie, wo scheitert sie – und gibt es realistische Alternativen?Erwähnte Personen: Stefan KühlSchreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 5 - Die Unterschiede zwischen Organisationen und anderen sozialen Systemen
Was unterscheidet einen Verein von einem Freundeskreis? Ein Unternehmen von einer Familie? Die Frage klingt simpel, aber die Antwort ist kompliziert. Grenzen zwischen verschiedenen sozialen Gebilden sind keine Mauern – es sind durchlässige Membranen, an denen verschiedene Logiken kollidieren.Es beginnt harmlos. Eine Gruppe trifft sich zum Spielen. Pen & Paper, Brettspiele. Anfangs zuhause, dann wird's eng. Jemand schlägt vor, einen Raum zu mieten. Plötzlich braucht es einen Mietvertrag, ein Bankkonto, jemanden der Beiträge einsammelt. Und wenn man schon dabei ist – warum nicht als Verein? Eine Satzung wird entworfen, ein Vorstand gewählt. Was gerade passiert ist? Eine unsichtbare Linie wurde überschritten. Was als spontanes Treffen unter Freunden begann, ist eine Organisation geworden. Der Formalisierungsprozess – niemand plant ihn so, er passiert einfach. Jeder kleine Schritt erscheint vernünftig. Aber kumulativ transformieren diese Schritte die fundamentale Natur dessen, was gemeinsam getan wird.Dann das Familienunternehmen. Formal gibt es Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Aber wo werden Entscheidungen getroffen? Am Esstisch beim Sonntagskaffee. Die Geschäftslogik sagt: Stell die beste Person ein. Die Familienlogik sagt: Der Neffe braucht einen Job. Du kannst deine Schwester nicht feuern – sie ist deine Schwester. Aber das Geschäft braucht kompetente Führung. Zwei Logiken, die sich widersprechen. Keine kann gewinnen. Beide müssen täglich navigiert werden.Der Unterschied liegt in der Mitgliedschaft. In einem Unternehmen: Du hast einen Arbeitsvertrag oder nicht. Binär, eindeutig. In einer Familie? Viel Glück beim Ziehen der Grenzen. Organisationen schaffen künstliche Klarheit. Andere soziale Strukturen leben mit produktiver Ambiguität.Und dann die Exit-Option. Wenn der Job nicht gefällt, kannst du kündigen. Aus einer Familie kannst du nicht austreten. Das verändert alles. "Wir sind wie eine Familie" – eine gefährliche Phrase in Organisationen. Sie übernimmt das Gefühl von Familie ohne die tatsächlichen Verpflichtungen. Die Verwundbarkeit einer Familienbeziehung mit ihrer Loyalität, aber nicht den Schutz. Die Organisation kann dich jederzeit feuern. Eine Familie nicht.Erwähnte Personen: - Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 4 - Was alle Organisationen verbindet
Was hat ein Schützenverein mit einem DAX-Konzern gemeinsam? Diese Frage klingt seltsam – aber die Antwort ist verblüffend. Mehr als ihre Selbstdarstellung suggeriert! Wir zerlegen Organisationen in ihre Grundbausteine und entdecken: Die gleichen Mechanismen durchziehen alles, vom Handwerksbetrieb bis zur Universität.Zielorientierung – klingt simpel, ist aber politisch. Wer bestimmt, was die Organisation will? Ziele sind Filter, die Komplexität reduzieren. Aber sie entstehen in Machtprozessen.Arbeitsteilung – die löst das Komplexitätsproblem. Der Bäcker backt, die Verkäuferin verkauft. Spezialisierung macht besser. Aber sie schafft auch Abhängigkeit. Fällt der Bäcker aus, gibt's keine Brötchen. Die Entwicklungsabteilung baut tolle Produkte, die keiner verkaufen kann. Arbeitsteilung ist Problem und Lösung zugleich.Hierarchie – das notwendige Übel. Sie ermöglicht Entscheidungen, sonst blockiert man sich selbst. Aber sie ist auch ein Machtinstrument. Wer oben sitzt, verdient mehr, hat mehr Einfluss. Die Frage ist nicht, ob Hierarchien gut oder schlecht sind. Die Frage ist: Wie viel braucht es wirklich?Koordination, Stabilität, Grenzen – jeder Baustein löst ein spezifisches Problem. Und jeder schafft neue. Das ist keine Dysfunktion, das ist die Funktionsweise von Organisationen. Sie sind immer beides: Problemlöser und Problemerzeuger.Stefan Kühl nennt das Kontingenzbewältigung. Organisationen konzentrieren ihre Perspektive auf wenige wichtige Aspekte und blenden alles andere aus. Aus unendlich vielen möglichen Handlungen werden jene ausgewählt, die dem Zweck dienen.Die dialektische Pointe: Ziele schränken ein. Arbeitsteilung erzeugt Abhängigkeit. Hierarchie produziert Ungleichheit. Stabilität führt zur Erstarrung. Aber weil Organisationen menschliche Schöpfungen sind, können sie verstanden, analysiert und verändert werden.Erwähnte Personen: Stefan Kühl Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 3 - Von Sportvereinen und Staatsapparaten
Was hat ein Sportverein mit einem Staatsapparat gemeinsam? Mehr als du denkst. Wir beginnen unsere Reise bei etwas Vertrautem – dem Sportverein um die Ecke. Ein paar Leute, die zusammen kicken, danach ein Bier. Klingt simpel, oder? Aber bereits hier jongliert man zwischen Sport, Wirtschaft, Recht und Politik. Satzungen müssen eingehalten werden, Mitgliedsbeiträge müssen fließen, Hallenzeiten verhandelt werden.Dann wird's handwerklich: Eine Schreinerei mit Meisterin, Gesellen und Azubis. Eine Bäckerei in dritter Generation. Klein, überschaubar? Keineswegs. Hier zeigt sich bereits die ganze organisationale Komplexität. Die Meisterin ist morgens Handwerkerin, mittags Managerin, nachmittags Unternehmerin. Tradition trifft auf Innovation. Generationen prallen aufeinander.Schulen verschärfen das Spiel. Lehrkräfte sollen individuell fördern UND standardisierte Tests bestehen. Pädagogischer Anspruch trifft auf Dokumentationspflicht. Zu wenig Personal, zu große Klassen, marode Gebäude. Widersprüchliche Anforderungen bei knappen Ressourcen.Und dann der Staatsapparat – kein monolithischer Block, sondern ein Ökosystem aus lose gekoppelten Organisationen. Kommunen, Länder, Bund, EU. Jede Ebene mit eigenen Ämtern, Ministerien, Behörden. Alle müssen irgendwie zusammenarbeiten, keiner hat das große Ganze im Blick. Das ist der Preis der losen Kopplung.Die Erkenntnis: Vom Sportverein bis zum Staatsapparat – alle teilen fundamentale Herausforderungen. Alle müssen zwischen verschiedenen Logiken jonglieren, Stabilität und Wandel ausbalancieren, mit knappen Ressourcen wirtschaften. Und alle existieren nicht isoliert. Es gibt keine organisationalen Inseln. Was einem System widerfährt, wirkt sich auf andere aus.Erwähnte Personen: -Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 2 - Spagat! Über Organisationen in einer funktional differenzierten Gesellschaft
Stell dir vor, du sollst gleichzeitig nach Norden UND nach Süden laufen. Unmöglich? Willkommen im Alltag von Organisationen. Sie müssen permanent widersprüchliche Anforderungen erfüllen. Ein Sportverein braucht sportliche Erfolge UND schwarze Zahlen. Eine NGO will politisch wirken UND rechtlich sauber bleiben. Das ist der Spagat.Wir tauchen ein in Niklas Luhmanns Theorie der funktionalen Differenzierung. Seine Beobachtung: Unsere Gesellschaft hat sich in verschiedene Bereiche aufgeteilt – Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft. Jeder entwickelt eigene Logiken. Ein Arzt fragt: "Wird der Patient gesund?" Ein Ökonom: "Ist das profitabel?" Ein Jurist: "Ist das rechtmäßig?" Gleiche Situation, völlig unterschiedliche Welten.Das Problem: Organisationen müssen oft in mehreren dieser Welten gleichzeitig bestehen. Ein Nachtklub jongliert zwischen kultureller Glaubwürdigkeit und wirtschaftlichem Überleben. Jeden Abend dieselbe Frage: Dieser Underground-Act bringt Szene-Cred – aber füllt er den Club? Eine Universität balanciert zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und Drittmittelakquise. Gute Forschung reicht nicht, sie muss sich auch rechnen.Und wer macht den Spagat? Einzelne Menschen. Die Professorin, die morgens wissenschaftlich argumentiert und nachmittags Budgets kalkuliert. Die Lehrerin zwischen individueller Förderung und Dokumentationspflicht. In meiner Beratungspraxis sehe ich das täglich. Dieses Gefühl der Zerrissenheit ist keine persönliche Schwäche – es ist systemische Realität.Die dunkle Seite: Organisationen zerstören manchmal ihre eigenen Grundlagen. Discounter drücken Milchpreise, bis Bauern aufgeben.Die Einsicht: Dieser Spagat lässt sich nicht auflösen. Aber wir können bewusster damit umgehen.Erwähnte Personen: Niklas LuhmannSchreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 1 - Grundbausteine unserer Organisationen
Zuerst ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn alle Organisationen über Nacht verschwinden würden? Wir würden feststellen, dass wir in einer durch und durch organisierten Welt leben. Doch was sind Organisationen überhaupt? Wie funktionieren sie? Und warum verhalten sie sich manchmal so irrational?Hier kommen die Grundbausteine: Stefan Kühl, einer der wichtigsten Organisationssoziologen im deutschsprachigen Raum, macht drei fundamentale Unterscheidungen: Formalität (was offiziell gilt), Informalität (wie es wirklich läuft) und Schauseite (was nach außen gezeigt wird). In fast allen Organisationen klaffen diese drei weit auseinander – und oft ist genau das funktional. Die offiziellen Regeln sind das eine, die gelebte Praxis etwas ganz anderes.Mit Niklas Luhmann möchte ich eine weitere Perspektive einbringen. Laut ihm bestehen Organisationen nicht aus Menschen, sondern aus Entscheidungen. Jede Entscheidung zieht die nächste nach sich. So entwickeln Organisationen eine Eigendynamik, die niemand gewollt hat. Aus gut gemeinten Ideen entstehen bürokratische Weltenvernichter. Und wie sieht es historisch aus? Unsere aktuell vorherrschenden Organisationsformen haben sich erst in den letzten paar Jahrhunderten herausgebildet. Dabei haben sich Menschen über Jahrtausende hinweg völlig anders organisiert. Nichts an unseren heutigen Formen ist naturgegeben.Die Erkenntnis: Wenn wir die Grundbausteine verstehen, können wir Organisationen auch anders gestalten.Erwähnte Personen: Stefan Kühl, Niklas LuhmannSchreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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OE3000 - Episode 0 - Hinter der Schauseite, ein Podcast stellt sich vor
Ich bin Robin, und das ist Episode 0 von OE3000 – die Einführung in einen Podcast über Organisationen aus kritischer Perspektive. Der Titel ist Programm: Ich zeige dir, was hinter der Schauseite von Organisationen steckt. Aber auch, worum es bei meinem Podcast geht.Seit 15 Jahren arbeite ich als Organisationsentwickler – in Konzernen, NGOs, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen. Ich habe gesehen, wie Organisationen Menschen ermächtigen können. Aber auch, wie sie Menschen ausbrennen, frustrieren, kleinhalten. Organisationen sind keine neutralen Werkzeuge. Sie sind Orte, an denen Macht ausgeübt wird, Ressourcen verteilt werden, Konflikte ausgetragen werden.In der deutschsprachigen Medienlandschaft dominiert die betriebswirtschaftliche Perspektive – Organisationen als Maschinen, die optimiert werden müssen. Kritische Analyse? Eher selten.Genau hier setzt OE3000 an. Ich untersuche Organisationen mit den Werkzeugen der Soziologie. Zugänglich, konkret, praxisnah.Das Projekt heißt OE3000, weil ich überzeugt bin: Die Art, wie wir uns organisieren, entscheidet über unsere Zukunft. Klimakrise, soziale Ungleichheit, demokratische Erosion – das sind allesamt auch organisationale Krisen.Die gute Nachricht: Organisationen sind veränderbar, wir können sie entwickeln :)Erwähntes Buch: Robin Taylor: Hinter der Schauseite - Wie unsere Organisationen wirklich funktionieren und welches Potenzial in ihnen steckt, oekom Verlag 2026Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
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ABOUT THIS SHOW
Für wen funktionieren Organisationen? Wie könnten sie morgen aussehen?Ich bin Robin, Autor eines Sachbuchs über unsere Organisationen und Organisationsentwickler mit 15 Jahren Erfahrung. In diesem Podcast untersuche ich Organisationen als komplexe soziale Gebilde, in denen Macht ausgeübt wird, Konflikte ausgetragen werden und Veränderung möglich ist. Kein Management-Blabla, sondern kritische Analyse.Meine These: Organisationen sind veränderbar – wie wir sie gestalten, entscheidet über unsere Zukunft.Schreib mir: [email protected] Infos: www.robin-taylor.de
HOSTED BY
Robin Julian Taylor
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